Sezession
30. Oktober 2018

Die bürgerliche Mitte und die Gleichheit II

Johannes Poensgen / 41 Kommentare

Die bürgerliche Mitte ist der Linken theoretisch gegenüber hilflos, weil sie deren egalitäre Prämissen akzeptiert, ohne Konsequenz daraus zu ziehen.

Johannes Konstantin Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.

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Das bringt sie in eine intellektuell nicht zu verteidigende Position. Doch das allein könnte für die praktische Wirklichkeit noch bedeutungslos sein. Die Wirkmächtigkeit einer Idee ist keine Funktion ihrer Wahrheit. Sicherlich, die Entlarvungskünste der linken Intelligenz, die die Verlogenheit der bürgerlichen Welt anhand ihres eigenen Gleichheitsideals aufzeigen, haben gerade auf junge Menschen mit mehr Intellekt als Instinkt eine verführerische Wirkung.

Doch dies könnte auch wenig mehr als jugendlicher Idealismus bleiben, der sehr schnell von der Wirklichkeit des Lebens zermahlen wird. Die Überlegenheit im alltäglichen Leben wird dem bürgerlichen Typus niemand absprechen können. Doch dieses Abschleifen linker Gesinnung findet nur sehr partiell statt und äußert sich vor allem darin, daß der betreffende kein Linksradikaler ist, aber, wenn es darauf ankommt, sein Urteil an einem egalitären Gerechtigkeitsverständnis ausrichtet.

Das liegt vor allem daran, daß jeder Mensch, vor allem aber der bürgerliche, denselben Sachverhalte moralisch ganz unterschiedlich bewertet, je nachdem er theoretisch durchgespielt wird oder praktisch vorliegt. In letzterem Falle müßten Konsequenzen gezogen werden, die man dann doch nicht über sich bringt.

Auch wenn die Weltanschauung des modernen Bürgertums auf den Freiheits- und Gleichheitsidealen von 1789 beruht, lehnt die bürgerlicher Mitte heutiger westlicher Gesellschaften den Kern eines konsequent egalitären Gerechtigkeitsverständnisses als Prinzip ab.

Lothar Fritze arbeitet diesen Kern am Beispiel Karl Marxens heraus, als

„die implizite Annahme nämlich, daß der Einzelne für seine Entscheidungen und sein Handeln nicht verantwortlich sei und es deshalb nicht gerechtfertigt wäre, wenn er die daraus resultierenden Folgen zu tragen hätte.“

Es geht dabei um die Frage, ob man einem Menschen das, was er ist, ethisch zurechnen kann. Kann ein Mensch für sein Handeln, das ja eine Folge dessen ist, was er selber ist, verantwortlich gemacht werden, obwohl er ja seine eigene Beschaffenheit nicht selbst verursacht hat?

Zu dieser Beschaffenheit gehört dabei nicht nur seine Moral, sondern prinzipiell jede Eigenschaft, die sein Lebensschicksal bestimmen kann. Es geht also nicht nur darum, ob ein guter Mensch belohnt und ein böser bestraft werden soll, sondern auch darum, ob es legitim ist, daß es ein kluger Mensch es besser hat als ein dummer, ein gesunder besser als ein kranker, Frauen Kinder kriegen, Männer in den Krieg ziehen müssen undsoweiter.

Jede Form menschlichen Zusammenlebens muß diese Fragen in der Praxis bejahen, obwohl dies denkerisch nicht selbstverständlich ist. Wenn man irgendeinen Menschen auf der Straße fragt, ob Menschen für ihr Verhalten verantwortlich sind, wird die Antwort in der überwältigenden Zahl der Fälle ein klares Ja sein.

Daß Leistung belohnt werden soll, darin sind sich außer Straßenpunks alle einig, wenn auch nicht darüber, was eine Leistung und was eine angemessene Entlohnung ist.

Doch sobald es darum geht, ob es in Ordnung ist, Menschen mit den Folgen ihres Verhaltens allein zu lassen, werden die Antworten unklarer.

Wenn Menschen dann mit dem konkreten Leid anderer konfrontiert werden, sind die ersten Impulse Mitleid und der Wunsch zu helfen.

Daran ist auch gar nichts verkehrt. Keine Gemeinschaft kann ohne Solidarität leben. Die emotionalen Auslöser für altruistisches Verhalten sind notwendig. Dabei entsteht jedoch im Menschen eine Zone verwinkelter ethischer Urteile ohne klare Prinzipien. Diese Zone ist der Nährboden, auf dem die Sympathien der bürgerlichen Mitte für linken Egalitarismus wachsen.

Denn hier wird – weitgehend durch soziale Konditionierung – abgesteckt, in welchen Fällen jemanden die Folgen seines So-Seins selber zu tragen hat und in welchen Abhilfe geboten ist - mithin, wann es billig ist, daß andere diese Folgen tragen.

Ist ein Obdachloser ein sozial Benachteiligter, dem gegenüber die Gesellschaft zur Hilfe verpflichtet ist? Oder handelt es sich um einen asozialen Penner, der entweder radikal sein Leben ändert, oder in der Gosse verrecken kann?

Die Wortwahl allein, sozial Benachteiligter oder asozialer Penner, impliziert dabei bereits, wer an der wenig ersprießlichen Situation des Obdachlosen die Schuld trägt. Sie wertet die Person des Obdachlosen auf oder ab. Dadurch rechtfertigt sie die daraus folgende Handlung. Wenn mich das Los des Obdachlosen nicht weiter schert, dann deshalb, weil ich ihn nicht als sozial Benachteiligten, sondern als asozialen Penner betrachte.

Es gab und gibt überall und zu allen Zeiten Regeln und Tabus, die festlegten, welche Menschen man für welche ihrer Eigenarten selbst verantwortlich machen darf und welche nicht. Das heißt auch, welche Fehler eines Menschen sich negativ für ihn auswirken dürfen und bei welchen die Folgen zu kompensieren sind. Das ist normal.

Doch hier richtet die intellektuelle Hegemonie der Linken Schaden an, indem sie diese Regeln und Tabus manipuliert.

Der herrschende Diskurs unserer Zeit gebietet nicht, unsere eigene Zivilisation mit der zivilisatorischen Unzulänglichkeit einer immer zahlreicher werdenden dritten Welt zu überlasten, damit wir darunter untergehen.

Der herrschende Diskurs gebietet den Antirassismus. Antirassismus heißt, daß den Völkern der Dritten Welt und ihren Abkömmlingen in der Ersten, die eigene Dysfunktionalität nicht angerechnet werden darf. Wir dürfen nicht auf den Slum oder das Getto schauen und sagen: „Selber schuld, warum ist auch euer IQ so niedrig und eure Zeitpräferenz so hoch!“ (Weil schließlich irgendwer für den Zustand des Slums verantwortlich sein muß, stellt man fest, daß Weißen Afrika postkolonial ausbeuten.)

Stattdessen haben wir sie für ihre Benachteiligung zu entschädigen. Dieser Gedankengang liegt in dem Argument, wir hätten ja nur Glück gehabt im reichen Westen geboren zu sein und wären jetzt zur Solidarität mit den weniger Glücklichen verpflichtet. Das Glück, einem Volk anzugehören, das eine moderne Zivilisation aufbauen und am Laufen halten kann, gäbe uns also kein legitimes Vorrecht auf das Leben in einer solchen Zivilisation.

Das würde ja auch eine Abwertung der anderen bedeuten und das größte Tabu des Antirassismus besteht darin, die Menschen der Dritten Welt mit abwertenden Bezeichnungen zu versehen, die es uns psychologisch erlaubten, sie mit ihrem selbstverursachten Elend alleine zu lassen.

Die Gleichstellung von Menschen mit sexuellen Störungen verläuft analog. Sie müssen deshalb mit Menschen von gesunder Sexualität gleichgestellt werden (koste es, was es wolle), weil die Beschaffenheit der Sexualität ebenso wie die Zugehörigkeit zu einer Rasse oder eine Kultur aus dem Katalog der Eigenschaften gestrichen wurde, deren negative Folgen man einem Menschen legitimerweise zumuten darf.

Mit diesem Mittel untergräbt die Linke den viel gepriesenen „gesunden Menschenverstand“, über den bürgerliche Menschen ja tatsächlich verfügen. Der nicht wegzuleugnende Unterschied wird zur Ungerechtigkeit erklärt und der bürgerliche Mensch kapituliert, weil der Unterschied das Ergebnis von Eigenschaften ist, die tabuisiert wurden.

Genauer, das Tabu betrifft die Abwertung eines Menschen aufgrund dieser Eigenschaften. Das zielt direkt ins bürgerliche Anstandsempfinden. Man tut oder sagt bestimmte notwendige Dinge nicht mehr, wenn es das gesellschaftliche Klima nahelegt.

Der bürgerlichen Mitte fehlt jeder Maßstäbe, an Hand dessen sich die Unterscheidungen und Wertungen rechtfertigen lassen, die für unser Überleben notwendig sind. Wie im erste Teil gezeigt, kann die Linke sie immer auf Basis der geteilten Prämissen der Scharlatanerie und Heuchelei überführen. Deshalb mögen Parteien um sie werben, ein ernsthafter Widerstand gegen den Großen Austausch, Gender Mainstreaming und andere zivilisationszersetzende Projekte ist von dort her ausgeschlossen.

Auch wenn sie im Prinzip nicht an die radikale Gleichheit der Linken glaubt, wenn es ernst wird, handelt die bürgerliche Mitte gemäß von der Linken aufgestellten Tabus und schmeißt den „gesunden Menschenverstand“ über Bord.

„Es mag ja sein daß, aber man kann ja auch nicht …“

Das hier ist im Übrigen kein antibürgerliches Pamphlet im Niekisch-Stil, das über die Leiche des Bürgers nach irgendwohin will. Der Bürger ist der Typus des Normalmenschen, es ist vollends absurd ihn abschaffen, oder eine unbürgerliche Gesellschaft aufbauen zu wollen. Was dieser Menschentypus leistet, lernt man vielleicht nur dann wirklich zu schätzen, wenn man selbst nicht dazugehört. Das ändert nicht, daß von ihm nicht die politischen Entscheidungen unserer Zeit ausgehen können.


Johannes Konstantin Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.

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Kommentare (41)

Maiordomus
30. Oktober 2018 18:22

Der zweite Teil ist weniger klar und zum Teil missverständlich formuliert. Selbst wenn man beispielsweise, was ja die wirklich bedeutenden Homosexuellenbefreier des 19. Jahrhunderts, so Heinrich Hössli und Karl Heinrich Ulrichs, noch längst nicht forderten, die Homosexuellenehe aus politisch-gesellschaftlich-funktionalen Gründen nicht befürwortet, bleibt es lächerlich und anthropologisch falsch, Homosexualität als sexuelle Störung oder generell Persönlichkeitsstörung zu bezeichnen. Es ist grundsätzlich keineswegs keine Störung der menschlichen Existenz, was noch lange nicht heisst, dass eine wirklich vernünftige Sexualethik für Homosexuelle schon zu Ende gedacht wäre. Davon sind wir noch weit entfernt. Auch über die Vorstellungen über das Zusammenleben der Heterosexuellen herrscht derzeit zunächst mal tiefe Verwirrung. Dabei ist für mich auch klar, dass die Meinung des Lehramtes der katholischen Kirche, man verfüge auf diesem Gebiet über Sachkompetenz, meistenteils auf langfristigen Irrtümern über den Menschen beruht. Hier muss noch vertieft nachgedacht werden. Am Ende müssen die Gesetze vernünftigerweise so gemacht werden, dass sie für die Weiterexistenz einer selbstverantwortlichen bürgerlichen Gesellschaft sowie für das Allgemeinwohl wie auch das individuelle Wohl nutzbringend oder wenigstens nicht schädlich sind. Eine wirklich alle Leute befriedigende, generell "glücklichmachende" Lösung gibt es nicht. Der Eros wurde von einigen der besten und tiefsinnigsten Philosophen nicht zufällig als "tragischer Gott" bezeichnet, wobei freilich die Vergöttlichung des Eros bereits der Anfang eines unheilbaren, für die Gesellschaft und das Individuum nicht brauchbaren Irrtums ist.

Der_Juergen
30. Oktober 2018 19:35

@Maiordomus

"...bleibt es lächerlich und anthropologisch falsch, Homosexualität als sexuelle Störung oder generell Persönlichkeitsstörung zu bezeichnen. Sie ist grundsätzlich keineswegs eine Störung der Existenz..."

Wie schon im Fall der rassisch bedingten Intelligenzunterschiede - Sie sprachen auf diesem Forum einmal von "IQ-Quatsch" oder so ähnlich - nehmen Sie auch im Fall der Homosexualität wissenschaftlich und statistisch erhärtete Fakten aus dogmatischer Verblendung nicht zur Kenntnis. Lesen Sie Jeffrey Satinover, "Homosexuality and the Politics of Truth". Dort finden Sie eine Unmenge empirischer Daten, die Ihre Behauptung ad absurdum führen. Ideologische Verblendung ist ja vor allem ein Markenzeichen der Linken, doch ist sie auch Rechten keinesfalls fremd, selbst intelligenten und hochgebildeten nicht.

Homosexuelle leben, je nach Quelle, ein bis zweieinhalb Jahrzehnte weniger lang als Menschen mit normaler sexueller Orientierung. Sie begehen im Schnitt mehrmals häufiger Kindsmissbrauch als Heterosexuelle, scheiden im Schnitt um ein Mehrfaches häufiger durch Selbstmord aus dem Leben als Heterosexuelle und haben eine um ein Vielfaches grössere Zahl von Sexualpartnern. Eine "wirklich vernünftige Sexualethik für Homosexuelle", nach der Sie suchen, besteht unter diesen Umständen in der Enthaltsamkeit. Wenn ein Schwuler das nicht fertigbringt, soll er seine Triebe diskret ausleben und nicht zur Schau stellen.

Der widerliche Kult um die Homosexuellen ist, wie Akif Pirincci treffend festhält, ein Zeichen dafür, dass "Deutschland von Sinnen" ist. Und nicht nur Deutschland, sondern die "westliche Wertegemeinschaft" in ihrer Gesamtheit.

Maiordomus
30. Oktober 2018 21:32

@Der Jürgen. Sie wissen vielleicht, dass ich zum Thema, incl. der pädophilen Variante, zwei Bücher geschrieben habe, die von der einschlägigen Szene vollständig abgelehnt wurden, aber hinter denen doch jahrelange Forschungen stecken und Archivrecherchen, überdies mein gewaltiger Respekt vor den kreativen Leistungen von Homosexuellen. Selber wurde ich eine Zeitlang von Homosexuellenkreisen zu Lesungen eingeladen, aber, als eine grosse Zeitung schrieb, ich sei nicht homosexuell, wurde ich von diesen Ideologen voll abgeschrieben.

Meine Forschungen drehen sich immer wieder um die Geheimnisse menschlicher Kreativität und Genialität. Von induktiven Methoden halte ich, wenn es um das Wesentliche geht, schon als Schüler Poppers eher wenig. Was Sie schreiben, gilt auch für Menschen etwa im Niveau von Mozart, Kleist, Oscar Wilde, zu schweigen von einigen der grössten Künstler der katholischen Kirche, zumal diejenigen, die in Rom gewirkt haben. Wir werden diese Debatte aber wohl eher nicht hier weiterführen, es ist im Hinblick auf den Aufsatz von Poensgen ein Seitenstrang.

Das mit der Enthaltsamkeit würde übrigens auch für Heterosexuellen in sehr vielen Lebenssituationen gelten, zumal natürlich für die schon bei Platon als wichtiger Spezialfall genannten polygam veranlagten Männer, die er im Vergleich zu den Homosexuellen, zu denen er selber auch gehörte, eher gering achtete. Platon wiegt rein qualitativ allein schon eine Milliarde durchschnittlicher Heterosexueller auf, wobei man doch klar sehen muss, dass die platonische Liebe natürlich nicht praktizierte, sondern sublimierte Homosexualität, jedenfalls eine Eigenschaft, die man, abgesehen mit dem damit verbundenen auch gesellschaftlich bedingten Leiden, aus meiner Sicht auf gar keinen Fall als "Krankheit" einschätzen sollte, wiewohl es in sehr vielen Fällen alles andere als eine Gnade zu sein scheint, homosexuell veranlagt zu sein.

Ethisch und geistig schätze ich, was ich wiederholt betont habe und begründet, Hössli und Ulrichs als Menschheitsbefreier höher ein als Karl Marx und ich lasse mir diese Meinung auch nicht so schnell nicht nehmen.

Nemesis
30. Oktober 2018 23:15

@Der_Juergen
"Homosexuelle leben, je nach Quelle, ein bis zweieinhalb Jahrzehnte weniger lang als Menschen mit normaler sexueller Orientierung. Sie begehen im Schnitt mehrmals häufiger Kindsmissbrauch als Hetero-sexuelle, scheiden im Schnitt um ein Mehrfaches häufiger durch Selbstmord aus dem Leben als Heterosexuelle und haben eine um ein Vielfaches grössere Zahl von Sexualpartnern."

Auch wenn das Thema ein Nebenstrang darstellt, im Artikel von Herrn Poensgen wird das Thema ja doch u.a. vorgelegt:

Alle, bis auf ein Argument, die Sie anführen, sind völlig irrelevant und zwar aus einem einzigen Grund: Sie gehen Sie überhaupt nichts an.
Bis auf ein Argument sind das alles Auswirkungen, die Homosexuelle ausschließlich selbst betreffen und für sich zu klären haben.
Ich selbst bin Linkshänder. Nach Statistik habe ich (neben anderen als negativ bewerteten Eigenschaften) ein zig-faches höheres Risiko zu verunfallen.
Wollen Sie mich deshalb umschulen?
Ich verrate Ihnen etwas: Man hat es gemacht und die Folgen waren (für mich und meine Umgebung) verheerend.

@Maiordomus
hat mit seiner Aussage "Am Ende müssen die Gesetze vernünftigerweise so gemacht werden, dass sie für die Weiterexistenz einer selbstverantwortlichen bürgerlichen Gesellschaft sowie für das Allgemeinwohl wie auch das individuelle Wohl nutzbringend oder wenigstens nicht schädlich sind. Eine wirklich alle Leute befriedigende, generell "glücklichmachende" Lösung gibt es nicht." mehr als Recht. Es sind Worte der Weisheit, denn es waren stets die generell glücklichmachenden Lösungen, die zu einem unglücklichen Ende führten.

An einem Punkt allerdings muß sich der Diskussion gestellt werden und zwar der mit dem Kindesmißbrauch. Da ich keinerlei Hintergrundwissen zu dem Thema, zu der Statistik, zu der Erhebung etc. habe, kann ich an der Stelle leider auch nichts zur Diskussion beitragen. Es ist aber ein valider Punkt, der geklärt werden muß, da er Auswirkungen auf Unbeteiligte haben könnte. Vielleicht eine Aufgabe für Leute die über mehr Hintergrundwissen fürs Thema verfügen, als ich aufweisen kann.

Franz Bettinger
31. Oktober 2018 00:26

@Poensgen: Erlauben Sie mir an dieser Stelle noch einen Kommentar ad @ Carlos Verastegui zum Ersten Teil Ihres Themas und zu meiner These "Mächte statt Rechte"?

@ C. Verastegui: Nichts für Ungut, aber machen Sie jetzt den MD? Sehen Sie, ich und viele hier sind keine studierten Philosophen. Wir schwimmen nicht in Ihrer Suppe. Könnten Sie es uns nicht leichter machen, indem Sie nicht einen Schlauen erwähnen und uns so quasi das Studium einer Geistes-Wissenschaft oder mühsames, oft insuffizientes Googeln empfehlen, sondern anschaulich darlegen, WAS denn nun dieser Trachmachos gesagt und WIE denn nun Plato ihn widerlegt hat?! Darin liegt doch gerade die Kunst: im Verfranzeln, wie die Meinen es nennen. Will sagen: dem Wiedergeben der Quintessenz, so dass sie jeder versteht. Und nicht in Buch-Empfehlungen. Wir wollen nicht wissen, was Sie alles im Bücherschrank stehen haben. Wir wollen wissen, was Sie daraus gelernt haben. Butter bei die Fisch!

Franz Bettinger
31. Oktober 2018 00:56

@Jürgen:

Ich widerspreche Ihnen ungern, aber hier liegen Sie ausnahmsweise mal ein bisschen falsch. Ich mach's kurz: Ersetzen Sie Schwule durch Soldaten oder meinetwegen auch Ärzte, und Sie werden zu ähnlich falschen oder besser gesagt: irreführenden Aussagen gelangen. Ärzte (und hier an der Spitze die Notärzte) sind die Berufsgruppe mit den meisten Selbstmorden. Nach Ihrer Diktion sind wir (Ärzte) also krank, in jedem Fall aber nicht ganz normal. Nun, auch Menschen, die größer als 190 cm sind fallen aus der Norm. Sind sie deshalb krank? Brauchen Sie eine Therapie, eine Osteotomie? Oder wenigstens unser Bedauern? Sie haben recht: Zum Thema Homosexualität gibt es sehr erhellende und ernüchternde Forschungs-Ergebnisse. Sehen Sie es mir nach, dass ich hier und jetzt das Fass der Ursachen und Bewertungen von Homosexualität nicht aufmachen möchte. Nur soviel: Seit aus Gründen der p. c. Analverkehr als normale Sexpraktik durchgeht, darf behauptet werden, normaler Sex könne zu AIDS führen. Was schlicht falsch ist und seit 1982 das Sex-Leben vieler Generationen verhunzt hat. Sie schreiben "Der widerliche Kult um die Homos ist ein Zeichen, dass Deutschland von Sinnen ist". Das sehe ich auch so, und doch ist einer meiner besten Freunde - ein Genie in many ways by the way - stockschwul, und es ist mir wurscht.

Maiordomus
31. Oktober 2018 09:54

In zweien meiner obigen Texte ist die doppelte Verneinung, was logisch schliesslich eine Bejahung ergibt, im umgangssprachlichen Sinn als verstärkte Verneinung gemeint. Ein Ausdruck davon, dass der Austausch hier oft wirklich näher beim Mündlichen ist als bei der im Prinzip verbindlicheren Schriftlichkeit.

Ich glaube, zum Thema Homosexualität ist doch einiges gesagt worden, wiewohl für eine ernsthaft vertiefte Debatte hier im Anschluss an Poensgen offensichtlich nicht die optimale Gelegenheit vorliegt. Themen dieser Art werden in der Schweiz übrigens u.a. in der Vereinigung "Gay SVP" diskutiert, wo ich allerdings als "Normalo" bloss mal einen Sympathiebeitrag bezahlt habe. Dabei bin ich noch folgender Meinung: Falls es durch sexuelles Verhalten gesellschaftlichen Schaden gibt, ist der durch heterosexuelle Ehebrecher und Ehebrecherinnen angerichtete durchschnittliche Schaden über dem Strich wohl grösser als der Gesamtschaden, den Homosexuelle ihrerseits anrichten können. Bei der Ruinierung von Familien kann zwar homosexuelle Veranlagung eines Ehepartners eine Rolle spielen, wie zum Beispiel der von Heinrich Hössli geschilderte innerfamiliäre Amoklauf eines Erfinders im Kanton Bern bezeugt (1824), aber die Ruinierung von Familien vor allem durch unkontrolliertes hormonbedingtes Verhalten von Heterosexuellen, da brauche ich keine Statistiken, ist mutmasslich weit grösser als das. was Homosexuelle in ihrem Verhalten ihrerseits dann und wann ethisch falsch machen. In meinem Büro hängt übrigens eine lateinische Ausschluss-Urkunde der Universität Basel gegen den homosexuellen Studenten Bernhard Weingartner aus Adligenswil Luzern, bei welcher Sitzung u.a. auch der grosse Jacob Burckhardt dabei war, der mutmasslich selber homosexuell gewesen ist. Die schändliche Geschichte stammt aus dem Jahre 1863. Ich lege Wert darauf, dass ich zu Themen wie dieses nicht Biertischgeplauder absondere, sondern so zu recherchieren versuche, dass ich mit den jeweils besten Kennern einer Sache so diskutieren kann, dass Sie von mir Neues erfahren. Das genannte Dokument wurde von mir in einem Lokalarchiv per Zufall aufgefunden. Sowas sollten Sie mit bloss bestätigungssüchtigem Herumsurfen im Netz nun wirklich nicht verwechseln!

Sandstein
31. Oktober 2018 14:59

Homosexualität ist zu einem Gutteil genetisch bedingt, eine weitere Komponente ist die soziale Umwelt.
Es gibt, evolutionsbiologisch gesehen, gute Gründe warum sich Homosexualität erhalten hat. In der Natur ist nichts ohne Sinn, und wenn ja verschwindet es wieder schnell.
Homosexuelle Familien- oder Sippenangehörige brachten zu jeder Zeit gewisse Vorteile für die Familie: Pflege der Angehörigen und des Nachwuchses, ohne selber am immer knappen Pool der Geschlechtspartner mitzumischen. Ein Clan mit einigen Schwulen hatte also fortpflanzungsmäßig einen gewissen Vorteil. Denn in älteren Zeiten herrschte praktisch IMMER ein Frauenmangel. Viele starben schon bei der ersten Geburt oder an Komplikationen bei spätestens der zweiten. Es war also durchaus sinnvoll, wenn nicht alle Männer eines Clans/Sippe um die wenigen geeigneten (familienfremde) Frauen in Reichweite konkurrierten, dafür aber der Nachwuchs besser umsorgt wurde.

Ist natürlich heute mit den medizinischen Standards völlig überholt. Bin mir recht sicher, dass die Schwulen, bei denen das durchkommt einseitig erzogen wurden und so praktisch nur weibliche Rollenbilder kennengelernt haben.
Richtige Lesben gibt es in meinen Augen gar nicht, das sind entweder schlichtweg enttäuschte Frauen/Männerhasserinnen oder zumindest Be-Sexuelle, so meine Erfahrung.

Sexualethik für Homosexuelle? Sexualität ist grundsätzlich privat, und hat da zu bleiben. Punkt.
Ich erzähle ja auch nicht jedem, dass ich bei Frauen schöne Füße mag xD..wo kommen wir da hin. Davila dreht sich im Grabe um!
Leider treffen heute soziale Medien, Öffentlichkeitsgeilheit und Schamlosigkeit auf ein geiferndes Publikum. Und es gibt eben Dinge, die aus gutem Grund schambehaftet sind. Ein weiterer natürlicher Reflex der abgetötet wurde durch die Moderne.

Hartwig aus LG8
31. Oktober 2018 19:25

Um vom "Schwerpunkt Homosexualität ..." wegzukommen, beziehe ich mich auf das Zitat von Kenan im Kommentar von @Gustav unter dem ersten Teil:
""Wir besitzen etwa 50 % des Reichtums dieser Welt, stellen aber nur 6,3 % seiner Bevölkerung. … Unsere eigentliche Aufgabe ... besteht darin, diese Wohlstandsunterschiede ... beizubehalten. ... ""
So wie die Amerikaner kann man es angehen, wenn man die entsprechende Potenz hat. Eine ganz andere, generösere Art wäre, sich der Globalisierung mit aller Konsequenz zu entziehen. Das heisst dann, die Grenzen dicht machen und die Minderbemittelten (wertfrei und umfassend gemeint) ihrem Schicksal zu überlassen. Bedeutet aber auch, die Fischfangflotten vor afrikanischen Küsten zurückzuholen; keine Butterberg-Exporte nach Afrika; Soldaten an deutsche/europäische Grenzen schicken - nicht zum Hindukusch. Meint: Autarkie im nationalen, ja sogar im kontinentalen Rahmen. Warenaustausch über (Zoll-)Grenzen hinweg, Heisst auch: Import des Nötigen. Kein 3-Euro-TShirt auf europäischen Märkten; kein Pangasius-Fischfilet; weniger Konsum. Auch: keine Kopftuch-Fußgängerzone. Heisst auch: Die Afrikaner ernst nehmen bei ihren Versuchen, auf eigenen Beinen stehen zu müssen ... auch dann, wenn sie zunächst sterben wie die Fliegen. ( Durch diese "Schule" sind die Europäer auch gegangen ... )
Dieses "Programm" mag unausgegoren sein. Der eigentliche Schwachpunkt ist aber, dass es für den Grundgedanken von Links bis Rechts nicht den Hauch einer Mehrheit gibt.

Maiordomus
31. Oktober 2018 20:57

@Sandstein. Sexualität ist in der Regel immer privat, nicht nur bei den Homosexuellen. Das ändert nichts an der Notwendigkeit einer reflektierten Sexualethik. Ethik ist aber, wie ich als Ethiklehrer stets betonte, nicht eine staataliche, sondern gesellschaftliche Angelegenheit. Leider genügt es auch immer weniger, die Ethik den Kirchen zu überlassen. Der bedeutendste Ethiker der deutschen Philosophiegeschichte, Immanuel Kant, hat dies auch nicht so gesehen, wiewohl seine Vorstellungen dabei noch weit strenger waren als die der kathlischen Kirche, etwa die damals sehr umstrittene Onanie betreffend. Diese muss heute nicht mehr wie einst bekämpft werden, aber z.B. der Kampf gegen die Sechtsucht und geeignete Überlegungen und die Erarbeitung von ethischen Normen würden auch da nicht schaden. Auch Essen ist privat, und trotzdem ein Problem der Ethik.

Ruewald
31. Oktober 2018 21:45

@Sandstein
Ihre soziobiologische Erklärung auf der Basis der "Inclusive Fitness" erklärt plausibel, warum sich Homosexualität erhalten konnte.
Richtiger als "... genetisch bedingt" wäre allerdings: "angeboren". Soviel ich mitbekommen habe, scheint nämlich die "Umpolung" vorwiegend während der späteren Embryonalentwicklung stattzufinden.
Wäre die genetische (erbliche) Komponente überwiegend, dann könnte man die Propagierung und Legalisierung der Homoehe als eine bevölkerungs-eugenische Maßnahme betrachten, um den Anteil Homosexueller in der Gesamtbevölkerung zu reduzieren.
Ihren Satz "in der Natur ist nichts ohne Sinn" würde kein Evolutionsbiologe unterschreiben. Es gibt eine Menge "Sinnloses", das erhalten blieb, weil es selektionistisch neutral ist, also nicht so schädlich, daß es ausgemerzt wurde. Beispiele sind Atavismen, die gerade zeigen, daß die biologische Evolution nicht planmäßig, zwar teilweise gerichtet - aber nicht zielgerichtet abläuft. Ein Schulbeispiel ist der Blinddarm, dessen "Sinn" allenfalls in der Arbeitsbeschaffung für Chirurgen besteht.

Sandstein
31. Oktober 2018 22:58

@Maiordomus

dennoch ist mir nicht klar, warum Privates wie sexuelle Orientierung Thema einer gesellschaftlichen Ethikdebatte werden sollte. Ich will auch gar nicht Ethik den Kirchen überlassen, was dann dabei herauskommt sehen wir ja am Beispiel der EKD.
Vielmehr ist es so, dass Moral gelehrt gehört, und hätte jeder Schüler 2 Jahre Kant, bin ich mir recht sicher, dass wir viele Probleme nicht hätten. Ich war als Jugendlicher ein Jahr in Polen. Abtreibung ist dort Tabu, viele junge Mütter, die sich auch spannenderes vorstellen könnten, als Windeln zu wechseln bekommen ihre Kinder einfach. Weil alles andere gesellschaftlich und innerhalb der Familien geächtet würde.
Da müssen wir wieder hin. Mehr Ächtung, mehr klare Grenzen, mehr Regeln. Und damit einhergehend, ja: auch mehr Druck auf Individuen.

@Ruewald

Biologie ist nicht mein Heimspiel, das merken Sie sicher. Dennoch ist es nicht ganz richtig was Sie schreiben. Der Blinddarm verschwindet nicht von heute auf morgen, für unsere Vorfahren vor 25.000 Jahren war er noch sinnvoll. "Verschwindet wieder recht schnell" ist auch evolutionsbiologisch gesehen ein Prozess, der gerne mal ein paar Jahre mehr in Anspruch nehmen kann. Es gibt übrigens erste Menschen, die ganz ohne Blinddarm geboren werden. Vielleicht ist diese Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Chirurgen also in 500 Jahren obsolet. Abgesehen davon, dass man bis dahin wohl ganz andere Mittel haben wird.

Der Ansatz der Eugenik ist interessant, aber ich sehe da einen Haken. Viele schwule Pärchen kümmern sich ja aufreibend um eigenen Nachwuchs, also mittels Leihmutterschaft armer georgischer Frauen etc. (da gibt es ganz perverse Wege..). Und in der Regel trägt das Kind dann zumindest die Gene des einen Papis weiter. Naja, wir schweifen echt ab von Poensgens Thema..

Nath
31. Oktober 2018 23:02

Nachdem Martin Sellners Artikel ausgreifende Diskussionen im Bereich des metaphysisch-Grundsätzlichen evoziert hat, scheinen wir uns hier wieder in den "Niederungen" der sozialen Fragen zu bewegen. Geht es darum, den Egalitarismus als eine „Ausgeburt des Leibhaftigen“ und die bürgerliche Mitte als diejenige gesellschaftliche Gruppierung darzustellen, die seinem Blendwerk nichts Entscheidendes entgegenzusetzen vermag? Oberflächlich betrachtet ja. Dies könnte sich jedoch als Fehlwahrnehmung erweisen, denn das, worauf man sich so gerne als "unsere große abendländische Tradition" beruft, hat seit den Griechen nicht zuletzt auch immer darin bestanden, dem so genannten gesunden Menschenverstand (common sense) und seinem Anspruch auf selbstverständliche Geltung entgegenzutreten.
Natürlich kann man getreu dem Motto verfahren: "Geb dem Pragmatismus was des Pragmatismus' ist" und sich beispielsweise mit Friedrich Merzens neuesten anti-egalitaristischen Invektiven befassen, wonach ein Hartz 4 - Höchstsatz von 132 Euro angemessen sei, um auf diese Weise die ewigen Faulenzer abzuschrecken und alle Restbestände sozialistischer Ideologie aus der BRD-Wirklichkeit zu verbannen. Manche werden sagen, die dahinter liegende Idee sei "im Prinzip" gut, andere werden eine solche radikal-kapitalistische Forderung umso entschiedener zurückweisen mit dem Hinweis darauf, sie würde den Zusammenhalt des deutschen Volkes massiv schädigen und seine Spaltung vertiefen.
Bei alledem täte man jedoch gut daran, zunächst einmal die Frage zu stellen, ob es angeht, solche antinomischen Begriffe wie Gleichheit/Ungleichheit, sei es in der menschlichen, sei es in der naturalen, sei es selbst in der theologischen Sphäre, unmittelbar gegenüberzustellen und, weil es sich ja für einen "Rechten" gehöre, der letzteren gegenüber der ersteren den Vorzug zu geben.
"Alle Dinge sind gleich", dieser Satz ist in gleicher Weise richtig bzw. falsch wie seine Antithese: "Alle Dinge sind ungleich", und es ist ein kindlicher Glaube, man könnte den einen zu Ungunsten des anderen eskamotieren.
In der hegelschen Logik etwa, um ein Beispiel zu geben, hat die Gleichheit eine bestimmte Stelle als Moment des Absoluten: Sie führt als Gegensatz des Gegensatzes zunächst zum Widerspruch als einem höheren Moment (sofern in der Gleichheit das ausschließende Anderssein gerade das identitätstiftende Konstituens ist und somit das Bestehen dieser Kategorie selbst negiert), um schließlich im G r u n d aufgehoben zu werden. Nun taugt Hegel selbst (vom marxistischen Standpunkt aus ist er ja "Rechtshegelianer") beileibe nicht dazu, seine Fassung der Gleichheit als notwendiges Moment innerhalb der Selbstbewegung des Absoluten einfach auf den menschlich-sozialen Bereich zu "übertragen" und damit eine egalitaristische Ontologie zu begründen. Ebenso wenig ist jedoch eine ontologische Hypertrophie der Ungleichheit statthaft. Wenn es erlaubt ist, hier eine theologische Analogie zu bemühen: Bringt der Islam in anti-trinitarischer Polemik zuweilen das Apercu in Anschlag, "Es gibt keinen Gott außer Gott", so kann man von Hegels Ontologie aus sagen: "Es gibt kein Absolutes außer dem Absoluten" - nicht das Eine, nicht das Viele, nicht die Identität, nicht die Differenz, noch Gleichheit oder Ungleichheit.
Wenn die Marxisten bzw. Linken die hegelsche Ontologie zunächst "naturalisieren" und dann auf die soziale Sphäre verengen (der Kommunismus als das höchste Telos), dann sollten andererseits Nicht-Linke der Versuchung widerstehen, diese Verengung mitzumachen und auf den groben Klotz der Verabsolutierung der sozialen Gleichheit den ebenso groben Keil der sozialen oder allgemein-menschlichen Ungleichheit zu setzen.
Identität/Gleichheit und Verschiedenheit/Ungleichheit gehören zusammen.
Damit ist im Hinblick auf Gleichheit/Ungleichheit weder pro noch contra etwas präjudiziert. Soviel steht bei aller Vorläufigkeit gleichwohl fest, sie haben im Ganzen des Seienden jeweils "eine Stelle". Wie bedeutend aber diese Stelle ist, welcher Rang ihnen, bei Hegel oder in einem anderen Seinsentwurf, letzt-endlich zukommt, ist einstweilen unausgemacht, vor allem, wenn wir die politisch-anthropologische Ebene betreten, in welcher die Sollenskategorie nebst ihrem Zubehör (Willensimpulse, Bedürfnisse, "elementare Lebensinteressen" etc.) mit ins Spiel kommen. Rein formal scheinen drei Varianten möglich: 1. Ein wie auch immer geartetes Moderieren und Austarieren beider Kategorien: Gleichheit und Ungleichheit sind da anzuerkennen, wo sie jeweils ihren Platz haben. 2. Priorität der Ungleichheit: Ein natural und/oder theologisch begründeter Suprematismus bzw. Aristokratismus, sei er auf Individuen oder Kollektive bezogen. 3. Priorität der Gleichheit: ein holistisch oder pantheistisch begründeter Egalitarismus.

Vielleicht sind aber alle drei Alternativen insofern untriftig, als keine ihr jeweiliges Wozu beantworten kann.
Gleichheit wozu? Um im gleich-gültigen Nebeneinander vom Abgrund der Langeweile absorbiert zu werden?
Ungleichheit wozu? Um eine "gegebene" Rang - und Stufenordnung ins Endlose zu perpetuieren?
Ausbalancierung beider wozu? Um aus ihrem Widerspiel das eigentliche Lebensstimulans herauszukitzeln? (z.B. völlige "Chancengleichheit", damit sich auf ihrer Grundlage erst recht die Ungleichheit final behaupte).

All dies führt zu nichts, weil wir im Zeitalter der Verendung der Metaphysik an keinem vermeintlich vorgefundenen oder geglaubten Seienden, keinem Gleichen noch Ungleichen mehr Halt finden können (was „uns selbst“ als seiende Subjekte miteinschließt). Beide sind nur moderne Spielarten ein und desselben neuzeitlichen Subjektivismus, einmal als emanzipatorische Entgrenzung, das andere Mal als Rück-Versicherung innerhalb einer Zu- und Unterordnung.
Das Sein, keiner Ein- noch Mehrzahl unterstellt, kennt weder Gleichheit noch Ungleichheit, und ebenso wenig ein ihm ent-sprechendes mögliches zukünftiges Menschentum.

PS Vielleicht wird es sich geschichtlich noch einmal als Segen erweisen, dass Heidegger (als NSDAP-Mitglied) die historisch wirkungsmächtigste anti-egalitaristische Ordnung von innen her erfuhr, um das Seyn als das Macht- und Subordinations-lose in desto hellerer Schärfe herauszustellen.

Maiordomus
1. November 2018 08:14

PS. Ethik kann keine s t a a t l i c h e Angelegenheit sein, und gemeint war der Kampf gegen die S e x s u c h t. Nicht zu vergessen sind, wie man bei Platon und noch bei anderen lernen kann, die gesellschaftlichen Schäden, welche "das Geschlecht der Ehebrecher" (Platon), die ständig hinter Weibern her sind, anrichten, auch das kann, wie Pädophilie, eine nachgerade krankhafte bis potentiell kriminelle Veranlagung sein. Aristoteles macht indes darauf aufmerksam, dass zumal hochbegabte Männer oft einen sehr starken Sexualtrieb hätten.

Maiordomus
1. November 2018 09:39

@Sandstein. Die öffentliche Debatte über die Homosexuellen läuft spätestens seit 1968 ununterbrochen, es gab auch permanent Gesetzesänderungen, wobei die Aufhebung der Strafbarkeit sicher vernünftig war. Wir müssen uns also dieser Debatte stellen; siehe auch die Frage nach Kindsmissbrauch, für welchen homosexuelle Pädophile nun mal in erzieherischer Funktion anfällig sind, darüber habe ich im Zusammenhang mit einem Priester und Schriftsteller ein Buch von ca. 400 Seiten geschrieben. Das war und bleibt selbstverständlich ein Politikum, wobei es allerdings dümmlich-ignorant war, den für die Muslime heiligen Propheten Muhammad aus Sicht unserer Zivilisation als Pädophilen zu beschimpfen, Bei der kath. Kirche war das Ehealter für Mädchen bis in die Neuzeit hinein 12 Jahre, das Verlobungsalter 7 Jahre. In Thüringen auf der Wartburg gab es um das Jahr 1212 ein kindliches Beilager zwischen dem Thronerben und einer ungarischen Prinzessin, selbst wenn dieses Beilager vielleicht nur symbolisch vollzogen wurde. Das Problem liegt immer wieder bei flächendeckendem mangelndem Hintergrundwissen. Ethik ist nun mal die Theorie der Praxis vernünftigen Verhaltens auf diskursiver Basis mit Erörterung auch von Normen und Normenbegründung. Natürlich ist es ein Irrtum über den Menschen, wenn jeder glaubt, er sei allein auf der Welt und müsse für sein Verhalten mit der Wirkung auf andere keine Verantwortung übernehmen. Den Wert der Nation würde ich, wie ich an dieser Stelle als Selbstkritik unter den Rechten immer wieder mal gesagt habe, nicht überschätzen, aber wenn Volk und Nation überhaupt noch einen Wert darstellen, dann spielt das Fortpflanzungsverhalten nun mal in der ganzen Frage nach dem Gemeinwohl halt auch noch eine Rolle, und wie das gesetzlich geregelt wird, darüber müssen wir vernünftige Erörterungen machen. Natürlich darf man indes Jens Spahn und Angela Merkel die Frage stellen, was zwar sicher polemisch wirkt, ob sie die Fortpflanzung des Volkes eigentlich an muslimische Einwanderer delegieren wollen. Andererseits hat Platon wohl recht, dass sich Homosexuelle ohne Familie für die Politik besonders gut eignen, weil die Familie tatsächlich einer der korruptionsgefährdenden Faktoren der Politik ist. Wenn man dies aber so einschätzt, muss man nicht die Homosexuellenehe mit Adoptionsrecht postulieren, das wäre durchaus wider die Rationalität der von Platon entwickelten politischen Theorie, die im übrigen nachweisbar immer noch einen Einfluss auf die politischen Theorien der Neuzeit hat, wie Karl Popper im 1. Band von "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" ausdrückte, mit dem Untertitel "Der Zauber Platons". Jede ernst zu nehmende Gesellschaft beruht, das können Sie auch bei Freud nachlesen, auf Sexualethik. Also braucht es, @Sandstein, eine gesellschaftliche Ethikdebatte, welche von den Genderideologen im Moment beherrscht wird. Wenn wir uns dazu nicht melden, wäre es reine Selbstbornierung oder den Kopf in den Sand stecken à la Vogel Strauss, welche Geschichte aus dem antiken Physiologus stammt, also nicht auf dem neuesten Stand der Ornithologie aufruhend. Der Strauss verhält sich klar vernünftiger als zum Beispiel diejenigen, welche Völkerwanderungen mit der Bezeichnung "angebliche Masseneinwanderung" nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Und natürlich gibt es in Sachen Fortpflanzung Fehlverhalten. Las erst gestern ein Buch über die Geschichte der Embryologie mit zum Teil abenteuerlichen Theorien, etwa die Entstehungszeit der Seele beim Kind im Mutterleib betreffend. Heute wissen wir, dass jede Abtreibung die Tötung eines Menschen ist, der jedoch juristisch noch nicht als Person gilt. Auch das muss bei "uns Rechten" diskutiert werden, nicht nur bei den Gender-IdeologInnen mit ihren Vogel-Strauss-Vorstellungen.

Franz Bettinger
1. November 2018 10:30

@Poensgen / Gleichheit - Wahrscheinlich ist folgende Begebenheit für Kositzas Geschmack etwas too much down. Oder doch down to earth? Man wird sehen, voilà:

Wir saßen in gemütlicher gemischter Runde im Garten eines Teeladens in Takaka. Mir rutschte bei einer sich aufdrängenden Gelegenheit die Bemerkung heraus: "Typisch Frau!" Es war spaßig und wurde auch so aufgefasst. Außer von einer hübschen Holländerin, die mich zurechtwies: Es gäbe nichts, was typisch Frau oder Mann sei und das Geschlecht sei ein Konstrukt und alle Menschen gleich. Daraufhin entspann sich ein angeregter, lauter Diskurs, der alle Gespräche im Tee-Bier-Garten verstummen ließ und uns eine Bühne gab. "Da lachen ja die Hühner," sagte ich: "Wir sind alle verschieden, und das ist gut so. Schrauben sind gleich. Möchtest du eine Schraube sein?" Blabla. Es ging hin und her bis zum großen Finale, wo mir einfiel: "Okay, wenn wir alle gleich sind, dann schlaf heute Abend mit mir statt mit deinem jungen Freund." Die Maid stutze, besann sich kurz und gab mir dann eine gar nicht dumme Antwort: "You are right. I do not want to be a screw (Schraube). And I also do not want to be screwed (geschraubt / gevögelt) by everybody." Fazit: So kann man mit konkreten Sachen andere zum Deppen machen.

Ruewald
1. November 2018 12:12

@Nath
Sie bringen hier tiefsinnige und nachdenkenswerte Erwägungen ins Spiel.
Hier nur einige kurze Ergänzungen.

Ich bin kein Hegel-Kenner. Das Denken in Gegensätzen ist in unserer zweiwertigen Logik angelegt. Hegel hat versucht, in seiner Dialektik die Antinomie der Gegensätze aufzuheben. Die Wirklichkeit ist aber in der Regel nicht zweiwertig, sondern mehr oder weniger ein Kontinuum zwischen Extremen. Ob dies Hegel schon angedacht hat, weiß ich nicht. Das entspricht aber der Variante 1 in Ihrem Beitrag.

Worauf ich den Blick lenken möchte: 1. wir haben es mehr mit Kontinua als mit Gegensätzen zu tun; 2. die Strukturen kommen im Großen wie im Kleinen vor, ähnlich wie bei den fraktalen Strukturen in der Natur (und der Mathematik).
Da sind die Gegensätze Gleich versus Ungleich, Universalismus versus Partikularismus, Globalismus vs. Nationalismus, usf. Im Partikularismus ist der Spannungsbogen zwischen Kommunitarismus (mehr "gleich"), Individualismus bis zum Extrem des Solipsismus ("ungleich"). Nationalismus erstreckt sich vom Extrem des Chauvinismus ("ungleich") über den Separatismus bis zum universalistischen Nationalismus ("gleich" unter Ungleichen).
Bei der Links-Rechts-Polarität ist es ähnlich, interessanterweise schließen sich die extremen Enden fast zyklisch zusammen wegen grundsätzlichen Übereinstimmungen in politischen Zielen (Antikapitalismus, Antikrieg, Sozialpolitik) – i.w. außer in der Kontroverse egalitär vs. identitär.

Die Frage "Wozu" ist eine ganz wesentliche. Sie wird nicht gestellt, allenfalls nur in Form kurzfristiger, proximater technokratischer Zwecke.
Vielleicht ist Nietzsches Mahnung "Bleibt der Erde treu!" – verstanden im weitesten Sinne als Erhaltungssatz – eine Antwort auf die Wozu-Frage.

Die Geschichte läuft auf einem Irrpfad nach einem Nirgendwo. Das Nirgendwo ist, so sieht es aus, womöglich die Selbstzerstörung.

Ihre Gedanken zu Heidegger sind bemerkenswert. Die genannte "anti-egalitaristische Ordnung" trug freilich, Hegel wieder bestätigend, stark egalitaristische Tendenzen in sich: als Massenbewegung, durch Gleichschaltung, Massenaufmärsche, usw.

Mit dem Ende des Menschen wird es ein Ende sein sowohl mit der "Seynsvergessenheit", als auch mit der Statthaltung der Lichtung des Seyns. Und das Seyn?

Carlos Verastegui
1. November 2018 12:26

@ Lieber FRANZ BETTINGER,

mitnichten mache ich den MD. Ich wollte Ihnen nur die Chance geben, selbst nach der Antwort zu suchen, weil ich kein Freund, weder von vorkauen und -verdauen noch von überreden bin. Anhand Ihrer Äusserungen weiss ich sowieso, dass ich Sie nicht überzeugen kann, darum überlasse ich alles Ihrer Einsicht. Um Ihnen trotzdem eine Antwort nicht schuldig zu sein, gabe ich hier Teile eines Artikels ("Naturrecht und moderner Staat") von mir über das Naturrecht wieder. Der wird Sie zwar auch nicht zufrieden stellen, dass hat aber nichts mit meinen angeblichen "MD"-Ansprüchen Ihnen gegenüber. Ich meine das nicht herablassend, auch wenn das den Anschein haben sollte.

"Als Geschöpfen jetziger, rein innerweltlicher öffentlich-rechtlicher Verhältnisse klingt den meisten Menschen „Naturrecht“ fremd und unverständlich.

Eine, wenn auch noch so lückenhafte Kenntnis des Naturrechts kann heutzutage nicht mehr vorausgesetzt werden. Zusammen mit dieser ist aber auch das Bewusstsein der Bedeutung des Naturrechts für das menschliche Zusammenleben überhaupt verschwunden. Dabei wäre ein naturrechtliches Bewusstsein dem rechten Bürgersinn förderlich in dem Sinne, dass es erlaubt, den modernen Staat aus einer gehörigen Distanz und mit richtigem Kriterium zu beurteilen. Die erste Einsicht einer naturrechtlichen Urteilsweise wäre dann: mit der fortschreitenden „positiven“ Legalisierung als juridischer Selbstrechtfertigungspraxis hat sich der moderne Staat eine eigene, vom Naturrecht radikal verschiedene Basis verschafft.

Die Daseinsberechtigung eines Gemeinwesens ist der ihm innewohnende Sinn: außer Schutz nach außen und innen sowie Gerichtsbarkeit gehört dazu, dass der ihm angehörige Bürger seinen ihm eigentümlichen und doch mit dem Gemeinwohl im Einklang stehenden irdischen Endzweck erreichen kann: die Vollkommenheit als Bürger und Mensch.

Darauf, und auf nichts anderes, läuft die aristotelische Bestimmung des Menschen als eines „politischen Tieres“ hinaus. Selbst der dem Menschen eigene Logos, also Sprache und Vernunftvermögen, entfaltet seine Wirkung nur im geselligen Zustand unter Menschen – das ist der Kern des von Platon und Aristoteles ausgehenden göttlichen Naturrechts, von nun an kurz „Naturrecht“ genannt.

Das sittliche „gute Leben“ der Einzelnen ist die unentbehrliche Vorrausetzung dafür, dass dieser gesellige Zustand als ein allgemein verbindlicher auch tatsächlich zur Wirklichkeit gelangt. Von Seiten der politischen Gemeinschaft kommt als weitere Voraussetzung die Gerechtigkeit hinzu. Idealerweise ist das Individuum durchdrungen von der Gerechtigkeit des Gemeinwesens, wie sich auch die Sittlichkeit der Einzelnen auf das Gemeinwesen überträgt.

Sittlichkeit und Gerechtigkeit bezeichnen das wesentliche Verhältnis von Einzelnem und politischer Gemeinschaft zueinander. Nur die richtige, wesensgemäße Eingliederung des Bürgers in einem guten Staatswesen öffnet beiden den Weg zur Vollkommenheit: Einheit und Ganzheit, Persönlichkeit des einzelnen Menschen sowie Einheit und Ganzheit, und damit ebenfalls Persönlichkeit, des Gemeinwesens. Die Herstellung des geselligen Zustands zum Zwecke dieser höchsten Vollkommenheit im Ganzen ist der eigentliche Nutzen der Verbindung der Menschen untereinander.

Gemeinwohl als Grundsatz sinnhafter Rechtmäßigkeit
Die göttliche Absicht des Naturrechts ist hiermit klar ausgesprochen: es ist das seiner Natur entsprechende Wohl des Menschen, die zur Erreichung dieses Wohls notwendige Errichtung des Gemeinwesen, einer Ordnung, sowie all die zu ihrer Aufrechterhaltung notwendigen Handlungen. Gemäß dieser Auffassung ist ein Staat legitim, insoweit die von Gott gesetzte natürliche Ordnung in ihm zum Tragen kommt. Ein Staat ist selbstverständlich immer „souverän“, ist immer Herrschaft.

Legitim ist diese Herrschaft aber nur, wenn sie die für das Zusammenleben notwendigen politischen und gesellschaftlichen Verrichtungen, die seiner ursprünglichen Begründung zugrunde lagen, immer noch leistet. Es handelt sich hierbei eindeutig um eine Legitimität, die nicht von historischen Herrschaftsansprüchen, faktischer Machthabe („Gewalt“) und auch nicht von einer tatsächlich bestehenden „positiven“, rein menschlichen und innerweltlichen Rechtsordnung – der „Idee des Rechtsstaates“ –, sondern von natürlichen Sacherfordernissen ausgeht. In ihr ist der Staat Funktion innerhalb eines göttlichen Weltplans, so dass ein „Selbstzweck“ oder ein „Rechtszweck“ des Staates, die beide auf Absolutismus hinauslaufen, ausgeschlossen ist. Man kann sie der Einfachheit halber „sinnhafte Rechtmäßigkeit“ nennen.

Im Unterschied zur dynastischen Legitimität, traditionaler Herrschaft oder bloßem Historismus waltet die sinnhafte Rechtmäßigkeit also kraft göttlicher Satzung. Ihr entspricht ein wahrer Rechtsstaat, der so ganz anders geartet ist als derjenige, den wir als solchen zu bezeichnen pflegen. Uns ist der Rechtsstaat nur in seiner innerweltlichen, von Thomas Hobbes (1588-1679) streng theoretisch dargelegten Funktion bekannt. Diesem Rechtsstaat aber gelten nur seine eigenen, von ihm erlassenen oder von ihm autorisierten Gesetzte, nicht aber die über-, vor- und nebenstaatlichen, die ihm gar nichts schulden. Ein Widerstandsrecht anzunehmen ist eine Sinnlosigkeit für ihn. Mehr noch: das einzig ihm bekannte, das rein innerweltliche Naturgesetz vom Machterhalt zum Zwecke der Selbstbehauptung – Regierung als Selbstzweck – verbietet ausdrücklich, ein Widerstandsrecht anzuerkennen.

Die bei Hobbes klar vorgesehene Ausklammerung jeglichen Widerstands verbindet so unterschiedliche historische Staatsgebilde wie den liberal-oligarchischen Staat der romanischen Völker, den deutschen „Nachtwächterstaat“ des 19. Jahrhunderts, den Staat der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft und alle sozialistisch-kommunistischen Staaten und „Volksrepubliken“. Aber auch bei der „freiheitlich demokratischen Grundordnung“ der Bundesrepublik steht hinter der geschriebenen Verfassung, die pathetisch die Menschenwürde über alles stellt, eine starr realistische und absolutistische Strukturauffassung, die der des Thomas Hobbes in nichts nachsteht.

Die Bundesrepublik Deutschland kennt kein Widerstandsrecht. Was die Verfassung als solches bezeichnet, ist die bloße Verteidigung ihrer freiheitlich demokratischen Grundordnung – also ihrer selbst! Die Inhaltslosigkeit dieser Formel kennt keine andere Legitimität als die absurde zirkuläre. Selbst der wie ein Fossil im tauben juridischen Gestein eingesprengte naturrechtliche Überrest „Volk“ hebt diese Zirkularität nicht auf. Dieses Resultat ergibt sich notwendig auf dem Boden einer jeden vom göttlichen Naturrecht abgetrennten, positivistischen Rechtsauffassung.

Mit der Bezugnahme auf das „Volk“ als fiktivem Geltungsgrund erreicht die Unredlichkeit – oder das Unwissen – ihren Höhepunkt: „Demokratie“ bezeichnet dann nur noch den entscheidenden Einschnitt, mit dem sich Verfassungsrechtler und Politiker von jeglicher Transzendenz und, mit ihr, von jeder Verantwortung lossagen. Diese Art „Demokratie“ ist deshalb auch gezwungen, sich selbst, mittels Fiktionen vom „Volk“, zu legitimieren. Dieselbe Problematik hatte den liberalen Juristenstand um 1900 dahin gebracht, sich hinter dem „Volksgeist“ zu verschanzen, um von dort aus seine positive juridische Arbeit an seiner Kreatur „Rechtsstaat“, ungestört vom konstitutionellen Monarchen aber auch vom empirischen Volk, fortführen zu können.

Da die Bezugnahme auf den „Volksgeist“ nicht mehr zeitgemäß ist, hält der Rechtspositivismus im eigenen Interesse an der Inhaltslosigkeit einer von der jeweiligen Regierungsoligarchie bedienten politischen Formel fest. Die sich aus dieser Formel ergebenden Legalisierungen und Legitimierungen wiederum sind diesen Oligarchien höchst willkommen: mit ihnen können alternative, sich dem „demokratischen Parlamentarismus“ und dessen „Ordnung“ widersetzende Willensbildungen ins Unrecht gesetzt werden.

Das „Parlament“, nicht aber der tatsächliche Volkswillen und noch weniger der Volksgeist, ist das Kondensationsprodukt des durch Wahlen festgestellten, verfassungsrechtlich relevanten Volkswillens. Die Theologie der Juristen rund um den „Rechtsstaat“ lenkt von seiner wahren irdischen Natur, die eine rein faktische Herrschaftsordnung zu sein, ab. Noch dazu maßt sich der „Rechtsstaat“ göttliche Attribute an: seine mildtätige Selbstbeschränkung dem Bürger gegenüber ist homolog jener Selbstbeschränkung des Allmächtigen, die den Menschen freie Willensbetätigung zum Guten wie zum Bösen gestattet – das heißt übertragen auf das Gemeinwesen liberales Gehenlassen.

Und die Selbstdistanzierung Gottes von seiner Schöpfung hat auch ihre, wenn auch auf dem Boden der Tatsachen stark hinkende, Parallele: der allmächtige liberale Staat, dieser auf Erden wandelnde „sterbliche Gott“ (Hobbes) bzw. „der Gang Gottes in der Welt“ (Hegel) behauptet, sich aus der „Privatsphäre“ seiner Bürger – genauso wie aus Wirtschaft, Kultur und Religion – herauszuhalten. Der wirkliche Gott hingegen ist seiner Schöpfung gegenüber nicht bei einer bloßen und auch nur unter Vorbehalt geäußerten Behauptung stehen geblieben. Er hat dem Menschen wirkliche Freiheit gegeben, keine schnöde „Verfassungsgarantie“ für Freiheit, die einzuhalten der „Rechtsstaat“, dieses goldene Kälblein der Verfassungsjuristen und Oligarchen samt zivilgesellschaftlichen Anhängseln, nicht wirklich gewillt ist.

Eine Besonderheit des Naturrechts ist, dass es tyrannische Herrschaften nicht grundsätzlich ausschließt und verwirft in der Weise, wie der „Rechtsstaat“ jeden Widerstand von vornherein ausschließt und verwirft. Im Naturrecht wird die Nützlichkeit keinesfalls blindlings einer höheren Geltung zuliebe geopfert. Deshalb heißt es auch im Naturrecht: egal, ob ein Staatswesen legitim ist oder nicht, der Besatzungszustand herrscht oder ob eine ursprünglich legitime Regierung gegenwärtig oder grundsätzlich legitimen Volksinteressen entgegensteht, immer ist zu gehorchen insoweit diese faktisch souveränen, historisch, national oder demokratisch aber illegitimen Ordnungen das vom Naturrecht geforderte Pflichtminimum leisten. Gehorchen heißt dabei aber keineswegs anerkennen!

Die Bedingung des Gehorsams tyrannischen Herrschaften gegenüber ist die, dass sie den geselligen Zustand aufrecht und, mit ihm, immer noch das Gemeinwohl zu erhalten vermögen. Nur wo der Tyrann ihnen offen zuwider handelt oder seine Ordnung selbst versagt, ist Widerstand, zuerst berechtigt, dann, bei einem weiterem Fortschreiten der Tyrannei, sogar geboten. Auch dem „Leviathan“ ist nicht grundsätzlich der Gehorsam zu versagen, es sei denn man hat die Macht, ihn durch eine im Sinne des Naturrechts bessere bzw. richtigere Ordnung zu ersetzen. Ist die dazu nötige Macht auch tatsächlich vorhanden, wird es zur Pflicht, gegenüber der falschen, verkehrten oder sonst wie mangelhaften Ordnung eine andere durchzusetzen, die mehr der wahren entspricht. Das ist ein göttlicher Auftrag, nicht an den Erstbesten, sondern an den aufgrund einer echten, wesenhaften Macht dazu berufenen wahren Besten."

Ruewald
1. November 2018 12:37

@ Poensgen
Sie haben hier wieder die Links-/Rechts-Polarisierung zugrundegelegt, wobei ich Ihnen nichts Neues sage, wenn ich daran erinnere, daß die Bruchlinie heute anders verläuft und unser Hauptgegner die Globalisierer und Egalisierer sind, nicht die Linken oder nur diese.
Auch die Neocons (ich ziehe diese Abkürzung vor, da der Wortteil "conservative" ein Etikettenschwindel ist und "con" = betrügen heißt, also jene Leute zutreffender beschreibt) sind unsere Todfeinde, aber keineswegs links. Auch ist die EU-Politik nicht durchwegs links - wenn man unter "links" den Vorrang sozialer Politik vor allem auch für die unteren Schichten versteht.
Was ich betonen möchte ist – und das beschreiben Sie ja auch - , daß unsere Hauptfeinde im Grunde nicht links sind, sondern sich linker Rhetorik als Täuschungsmanöver bedienen.
Treffend scheint mir dazu der Begriff
"instrumenteller Moralismus":
die Hilfsbereitschaft der Normalmenschen, ihre emotionale Disposition zu moralischem Handeln, Gutes zu tun, wird ausgenutzt (instrumentalisiert), um sie für außermoralische politische Zwecke zu manipulieren.
Ein Musterbeispiel ist die Kanzlerin mit Konsorten ab Sept. 2015

Carlos Verastegui
1. November 2018 12:41

P.S.@ Franz Bettinger

Die Quintessenz (wieder) zu geben ," so dass sie jeder versteht", ist entweder Alchymie oder ein moderner naturwissenschaftlicher oder auch ein demokratischer Anspruch, die letzten beiden laufen sowieso auf dasselbe hinaus. Was wirklich jeder verstehen kann ist Selbsterhaltung, Geschlechtlichkeit usw. Das sind zwar auch Niveaus, aber recht tiefe, und je tiefer und gemeiner das Niveau, desto allgemein verständlicher. Bei der Mathematik, vor allem der höheren, versage ich, sage aber nicht den Mathematikern: "sagt´s mir so, dass auch unmathematischer Geist das verstehe" weil ich weiss, dass die Grenzen bei meinem Verständnisvermögen, nicht aber bei dem Erklärungsvermögen der Mathematiker liegen.

Carlos Verastegui
1. November 2018 12:53

Jetzt zum zweiten Teil des Artikels:

"Die Wirkmächtigkeit einer Idee ist keine Funktion ihrer Wahrheit" ist natürlich REINSTER Pragmatismus, nicht weil die Wahrheit hier noch der Erwähnung wert erachtet wird, sondern weil es allein um die "Wirkmächtigkeit der Idee" geht.

Natürlich ist der Schlusssatz, der den Bürger irgendwie zu würdigen sucht, in sich selbst widersprüchlich. Reue gegenüber seiner bürgerlichen Leserschaft? Sehnsucht nach der eigenen "verlorenen Bürgerlichkeit"? Nein, alle Zeilen und Gedanken Poensgens sind durch und durch BÜRGERLICH.

Carlos Verastegui
1. November 2018 13:53

"Der Bürger ist der Typus des Normalmenschen, es ist vollends absurd ihn abschaffen, oder eine unbürgerliche Gesellschaft aufbauen zu wollen. "Es scheint, ich wollte mich daran ergötzen, aber, SO viel aufhebens, um dann so einen Irrtum von sich zu geben. Der Bürger ist ein pathologischer Typus, der zum Normalmenschen geworden bzw. gemacht worden ist, so wie jetzt alle pathologischen Entartungen "normalisiert" werden.

Wie zu erwarten hat Poensgen Grundlegendes einfach nicht verstanden. Sein Schluss, den Bürger und seine Gesellschaft abschaffen zu wollen sei absurd, zeigt, wie er es ist, der theoretisch hilflos dasteht, von der Moral ganz zu schweigen.

Franz Bettinger
1. November 2018 15:04

@ Carlos Verastegui: Danke für die Mühe, die Sie sich gemacht haben. Allein, ich denk, mir fehlt der Glaube.

"Eine Kenntnis des Naturrechts kann heute nicht mehr vorausgesetzt werden." Lieber Carlos: Die Evolution hat für alles gesorgt. Die Natur hat Ihnen und allen anderen Lebewesen einen genetischen Code verpasst, den sie zu 100% in sich tragen und über den sie zu 100% verfügen, ohne dafür in die Schule gegangen zu sein. Ich rede von ererbten Talenten, von ihren Muskeln und ihrem Gehirn, Organen, die sie befähigen innerhalb ihrer Art und gegen andere Arten zu überleben. In diesen Genen sind auch so scheinbar göttliche Dinge enthalten wie Altruismus, Scham, Moral und Sittlichkeit. Man glaubt es kaum, aber es geht ganz ohne Transzendenz, ganz ohne Religion. Das göttliche Naturrecht? Ich glaube an die Natur, ja, aber weder an Gott noch an Rechte. Beides sind betrügerische Begriffe, die von den Mächtigen erfunden wurden, um ihre Macht zu perpetuieren. Die an der Macht sind, scheitern immer wieder, da nicht das von ihnen gesetzte Recht sich durchsetzt, sondern die Stärke eines Nebenbuhlers, eines anderen Königs oder eines anderen Volkes. Der eigentliche Nutzen des Zusammenhalts der Menschen untereinander dient mE nicht der 'höchsten Vollkommenheit', sondern der Stärke der Gruppe. Nietzsche hat es auf den Punkt gebracht: Es geht immer um Macht. Diese Tatsache ist anscheinend zu simpel, um von den ewigen Schamanen goutiert zu werden; sie würden sich sonst überflüssig machen. - Am Ende wird Ihr Beitrag verräterisch. Er schwenkt ja auf meine Linie ein: "Auch dem Leviathan (dem Tyrannen) ist nicht grundsätzlich der Gehorsam zu versagen, es sei denn man hat die Macht, ihn durch eine richtigere Ordnung zu ersetzen. Ist die dazu nötige Macht vorhanden, wird es zur Pflicht, eine bessere Ordnung durchzusetzen. Das ist ein göttlicher Auftrag." Vereinfacht gesagt: Man darf das Recht brechen, wenn man die Macht (Stärke) dazu hat. Junge, Junge, was für Purzelbäume, was für Zirkelschlüsse! Sehen Sie denn nicht, dass so viele Ihrer Gedanken-Himmelskratzer (so auch das Recht) auf der unbewiesenen Annahme eines Gottes beruhen?! Was, wenn es diesen nicht gibt? Dann sind wir Tiere. Nur Tiere! Haben sie was gegen Tiere? Faust, er wenigstens ist sich seiner Tollheit halb bewusst, lässt Goethe Gott aussagen. Und Mephisto? Der weiß es noch besser: "Der kleine Gott der Welt ... Ein wenig besser würd er leben, hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben. Er nennt's Vernunft und braucht's allein, nur tierischer als jedes Tier zu sein."

Maiordomus
1. November 2018 19:04

@Bettinger. Was Sie "genetischen Code" nennen, hat nichts mit dem abendländisch philosophischen Begriff Naturrecht zu tun, dem "ewigen Menschenrecht in der Menschenbrust", wie es Schiller im Wilhelm Tell sinngemäss nennt. Gemeint ist die "menschliche Natur", gemeint, was dem Wesen des Menschen, und zwar nicht nur unter rein biologischen Gesichtspunkten, gerecht wird. Der deutsche Klassiker des Naturrechts heisst Samuel von Pufendorf, dessen Naturrecht, eingeleitet von Barbeyrac, eine der Grundlagen für Rousseaus naturrechtliches Denken wurde. Auch Jean-Jacques Burlamaqui, einer der Vordenker der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, war ein Naturrechtler. Mit Darwin. z.B. hat Naturrecht nichts zu tun.

Weltenwende
1. November 2018 21:02

Zum Thema Homosexualität schrieb Taurec im Gelben:

„Homosexualität und ähnliche Aberrationen sind unauslöschlicher Teil des Lebens und seiner Varietäten, werden aber für die Gesellschaft zur Krankheit, sobald sie zur Norm (für alle) erhoben werden und gleichberechtigt in der Gesellschaft verankert offen vor allen ausgelebt werden sollen. Homosexuellenbewegungen sind instrumentalisierter Teil der Zersetzung einer lebensfähigen, Dauer verheißenden Gesellschaftsordnung.“

Ruewald
1. November 2018 21:13

@Bettinger
Klipp und klar! So ist es.
Mit dieser einfachen Einsicht zu leben, ist Lebenskunst.
Carpe diem!

Der_Juergen
1. November 2018 22:05

@Carlos Verastegui

Haben Sie Dank für Ihre sehr fundierten Ausführungen, die sich natürlich nicht nur an den werten Foristen @Franz Bettinger richten. Diesen schätze ich sehr; allerdings lehne ich seinen Materialismus ab, und es fällt mir schwer zu begreifen, dass ein offensichtlich kluger und gebildeter Mann wie ich Gott als "Betrug" bezeichnen kann. Wir wollen die hier vor geraumer Zeit geführte Debatte über die darwinistische Entwicklungslehre allerdings nicht wieder aufgreifen, zumal sie mit dem Thema des Poensgen-Artikels ja nichts zu tun hat.

Ich selber werde immer mehr zum Hobbes-Anhänger; meine Beobachtung der politischen Entwicklung lässt mir keine andere Wahl.

Maiordomus
1. November 2018 23:12

@Zu Hobbes. Gemäss dem Reclam-Buch "Praktische Philosophie" im Kapitel "Dezisionismus, eine (angeblich) kompromittierte politische Theorie", ist der Dezisionismus als Anerkennung eines politischen Willens bei Hobbes im Sinne von "Autoritas non Veritas facit legem" sowohl als Entscheidung eines Machthabers als auch als Mehrheitsentscheidung in der Demokratie keine Wahrheitsentscheidung, sondern ein Ordnungsprinzip für unblutige legale Entscheidungen, welches Andersdenkenden und Verlierern erlaubt bei Sichfügen in die legale und legitime Entscheidung, über den Gehorsam hinaus die Entscheidung zu kritisieren. Niemand, der sich einer Ordnung fügt, darf gezwungen werden, deswegen das, was er als legale Machtpraxis anerkennt, auch noch gut und wahr zu finden. Der öffentliche Vorbehalt ist ausdrücklich erlaubt und darf nicht nicht als Gesetzesbruch geahndet werden. Deswegen ist man nach Hobbes bei Opposition gegen die Regierung nie ein Ketzer, sondern bloss ein Andersdenkender, weswegen Hobbes als Begründer des angelsächsischen Meinungsliberalismus der in öffentlicher Rede auf öffentlichen Plätzen zugelassenen freien Meinung gesehen werden kann. Dass eine Meinung ein Verbrechen sei, so die in den letzten Jahren "entwickelte" Legitimation von Antifa, ist bei Hobbes schlicht ein Missverständnis der Politik und eine grundsätzliches Verbot klüger zu werden aufgrund einer diktatorischen Dogmatik. Dabei ist Hobbes nicht gegen die Diktatur der Entscheidung, bloss gegen die Diktatur der Regierung, über die Macht hinaus auch noch den Anspruch zu erheben, recht zu haben und nur ihre Begründungen zu anerkennen, Die Bekenntnispflicht, das, was die Diktatur oder die Demokratie befiehlt, auch noch als wahr und richtig und als gerecht anerkennen zu müssen, muss vom Oppositionellen nicht geleistet werden.. Diese Bekenntnispflicht gilt zumal nicht gegenüber demokratisch gefällten Entscheidungen, die trotzdem zu anerkennen sind, vgl. die Debatte um die Schweizer Selbstbestimmungsinitiative vom 25. November, die vom Establishment fälschlicherweise als Vergötzung der demokratischen Mehrheit hingestellt wird, was gemäss der Hobbes-schen Dezisionismustheorie nun mal ein ganz falsches Verständnis von Politik wäre. So im Prinzip dargestellt in Hermann Lübbes substanzieller Studie "Praxis der Philosophie", Kapitel Dezisionismus bei Hobbes, Descartes und Carl Schmitt, die alle drei im antitotalitären Sinn als bei angemessenem Verständnis freiheitsfähige Denker interpretiert werden. Hobbes gehört wie Machiavelli zu den Denkern, welche fähig waren, die Politik so darzustellen, wie sie funktioniert und nicht, wie man sie gern hätte, wobei gerade Hobbes unbedingt als aufgeklärter Denker zu sehen und zu würdigen ist.

quarz
1. November 2018 23:52

@Bettinger

"In diesen Genen sind auch so scheinbar göttliche Dinge enthalten wie Altruismus, Scham, Moral und Sittlichkeit. Man glaubt es kaum, aber es geht ganz ohne Transzendenz, ganz ohne Religion."

Sie vermengen da zwei Erklärungsebenen. Evolutionär mag sich erklären lassen, warum Menschen oft altruistisch handeln. Die ethisch relevante Frage in Bezug auf Moral ist aber eine andere: Warum soll ich so handeln? Der Hinweis darauf, dass ich dadurch meine bzw. meiner Kin-Gruppe Gene am Verlässlichsten weitergebe, verschiebt die Frage nur: Warum soll ich das tun? Keine Antwort, die nur empirische Fakten referiert, entkommt dem "genetic fallacy".

Das Problem stellt sich ja nicht nur in moralischen Zusammenhängen. Wir können auch psychologisch erklären, warum wir glauben, dass 2 + 2 = 4 ist. Mit dieser Erklärung haben wir aber keine Antwort auf die Frage, ob und warum 2 + 2 = 4 ist. Mathematische Lehrbücher wären sonst voll von psychologischen Erklärungen anstatt voll von mathematischen Beweisen.

Cacatum non est pictum
2. November 2018 00:22

@Carlos Verastegui

Ihre Darstellung des Naturrechtsprinzips ist sehr gelungen und vor allem schön plastisch. Sie hat mir einige Denkanstöße gegeben.

Gängige Lehrbücher der Rechtsphilosophie vermitteln jedenfalls nicht, welch tiefgreifende Konsequenzen für das Staatsverständnis sich aus dem Naturrechtsgedanken ableiten. Zur Gegenüberstellung von Rechtspositivismus und Naturrecht bedient man sich dort lieber des Duells "Hans Kelsen versus Gustav Radbruch". Oder man weist darauf hin, daß heutzutage das Naturrecht eigentlich ausgedient habe, weil dessen wichtigste Rechtsgedanken inzwischen im Grundgesetz formuliert wären (und räumt damit unfreiwillig ein, daß man das Prinzip intellektuell gar nicht durchdrungen hat). Andererseits ist es natürlich so, wie Sie schrieben: Solches Denken ist im Bewußtsein des modernen Menschen einfach nicht mehr verankert.

Mittzwanziger
2. November 2018 01:47

Empfinde und erfahre ähnlich. Die (geistige) Bürgerliche Ohnmacht zeigt sich doch in Links reden, aber rechts Leben.

Franz Bettinger
2. November 2018 07:12

@Alle Verfechter des Naturrechts:
Wie erklärt man einem hungrigen Eisbären nur, dass jeder Mensch - also Gottes Krönung der Schöpfung - nach dem Naturrecht von Natur aus mit unveräußerlichen Rechten ausgestattet ist, wozu auch das Recht zu leben und das Recht zu jagen gehört? Achtung, der Bär könnte sich tot lachen. Vor 100 Jahren fragten sich (gemäß Hans Ruesch) die Eskimos übrigens, ob nicht doch der Bär die Krone der Schöpfung sei, denn allzu oft ging Meister Petz als Sieger vom Platz. Wie sagen die Homöopathen: Wer den anderen heilt, frisst oder besiegt, hat "natürlich recht". Irgendwie gar nicht so verkehrt.

Maiordomus
2. November 2018 09:34

@Bettinger. Man muss dem Eisbär nicht erklären, dass er sich als Eisbär artgemäss verhalten soll. Hingegen muss man dem Menschen via Erziehung und Schule beibringen, sich artgemäss zu verhalten, nämlich als zoon logicon, animal rationale, als Lebewesen, das Argumentationen noch zugänglich ist, selbst wenn man Hunger hat oder sexuell erregt ist, eifersüchtig oder einfach wütend. Verstanden? Natürlich gibt es in der Geschichte der abendländischen Philosophie nicht nur ein einziges Konzept des Naturrechtes. Die grösste Meinungsverschiedenheit zwischen den verschiedenen Schulen ist in der Tat, ob man den Menschen und seine naturgemässe Bestimmung zum Glück (was aber verfehlt werden kann) mehr isoliert oder gar ganz isoliert sehe als reine "Selbstverwirklichung", oder ob man wie Aristoteles, Thomas von Aquin und Pufendorf eine "Sozialnatur" des Menschen anerkenne und von dieser ausgehe. Ich vermute, dass sowohl die Gläubigen als auch die Ungläubigen unter den Rechten die Sozialnatur mit als wesentlich anerkennen. Deswegen ist nun mal die Selbstverwirklichung eines Homosexuellen nicht gerade der absolut prioritäre Bestandteil des Gemeinwohls, obwohl dieselbe wie diejenige der Heterosexuellen in den angemessenen Proportionen ihre Legitimation hat. Der Mensch scheint in der Tat nicht bloss für sich allein auf der Welt zu sein. Totalitär wäre es aber hingegen, wenn gelten würde: "Du bist nichts, das Volk/der Staat/das Kollektiv ist alles." Ein solches Denken muss bekämpft werden, am rationalsten mit einer naturrechtlicher Begründung. In Benediktinerschulen wurde einem noch vor ca. einer Generation eine naturrechtlich fundierte Ethik, mit ausdrücklicher Unterscheidung zwischen dem Naturrecht der Aufklärung und dem katholisch verstandenen Naturrecht (was einem durchaus eine Lebensentscheidung ev. gegen den Katholizismus ermöglichte) noch beigebracht. Dass dieses Grundwissen kaum mehr vermittelt wird, weswegen dann völlig missverstandene Sachen unter "Naturrecht" verstanden werden. 1965 bezeichnete ich indes Ihre Auffassung, Herr Bettinger, als "Rückfall in vorzeitlichen Kannibalismus", war aber selber stolz darauf, über Grundwissen in Logik, Ontologie und axiomatischer Ethik zu verfügen, dank 6 Wochenstunden Philosophie und fast ebenso vielen Stunden Latein und Griechisch sowie einem vollständigen Überblick auf die systematisch und wenn möglich im Originaltext zu lesende Bibel. (Im Kanton Zürich war früher Hebräisch für Abitur notwendig, und zwar für alle!) Das war schon ein nicht zu unterschätzender eindrücklicher und prägender Schritt in Richtung einer gehobenen Alphabetisierung. Allerdings hielt ich damals noch irrtümlicherweise das Dasein Gottes für "beweisbar". 1802 schrieb ein Theologe namens Miotti ein indes nicht völlig uninteressantes und auf jedenfall lesenswertes Buch über die "Irrtümer" und "Verfehlungen" eines Denkers namens Kant. Schon Lichtenberg hat davor gewarnt, die Lehre von Kant sei so schwierig, dass, wenn man sie endlich verstanden habe, man zur Belohnung glaube, sie sei wahr. Das geht natürlich zu weit. Aber voll daneben wäre es für unser westliches Denken, hinter gewisse Errungenschaften von Kant zurückzufallen. Hat man etwa Kant nicht verstanden, glaubt aber, etwas von Gehirnforschung zu verstehen, versteht man dann trotzdem nicht, was Denken heisst.

Satirische Schlussbemerkung: Gemäss Zuckmayer, "Der Hauptmann von Köpenick", beruht die zivilisatorische Überlegenheit des deutschen Menschen auf folgenden drei Grundlagen: Goethe, der kategorische Imperativ von Kant und das preussische Exerzierreglement! "Damit haben wir es geschafft auf der Welt!"

Gustav
2. November 2018 09:52

@ Franz Bettinger

"Beides sind betrügerische Begriffe, die von den Mächtigen erfunden wurden, um ihre Macht zu perpetuieren..."

Ich bin da ganz bei Ihnen.

Heute ist es nicht die Bläue des Him­­mels oder die Gü­te Gottes, son­­dern et­wa die Hu­manität, die für eine Rea­li­tät ge­hal­ten wird statt für eine Eigen­schaft. Eine Ei­gen­schaft für eine reale Sa­che zu hal­ten, wird ge­fähr­lich, wenn man auf sie als Wert eine Ideo­lo­gie baut und kon­­krete Ver­haltensan­wei­sun­gen an seine Mit­men­schen von ihr ab­lei­tet.

Natürlich gibt es Ideen tat­sächlich. Nur: wo befinden sie sich, und wer erzeugt sie? Idealisten wie Platon sehen sie an einem "Ort jen­­seits des Himmels", der Nominalist bloß im Kopf: Ohne Erzeu­ger, oh­­ne einen Kopf, der sie sich denkt, en­det das Sein aller dieser schö­nen Worte wie das Licht, wenn die Glüh­birne ka­putt geht. Es gibt kei­nen Geist und keine Gei­ster, son­dern nur Men­schen, die fühlen und denken. Wenn wir abstrakte Ideen wertschätzen, sind sie zwar als un­sere Werte wirk­lich vor­han­den, aber eben nur in uns. Sie sind exi­sten­tiell von uns ab­hän­gig, und da­rum sollen wir sie be­herr­­schen und benutzen und nicht zu ihren Die­nern werden. Wer um das Gute ei­nen Heiligen­schein malt und sich da­vorkniet, hat das eben­so­­wenig be­griffen wie der Verlierer ei­nes Prozesses, der im Ge­richts­flur die Figur der Justitia verflucht, weil sie verbun­dene Augen hat.

Wer wie Ockham Begriffe als bloße gedankliche Ab­strak­­tions­lei­stun­gen erkennt, benutzt Prinzipien pragmatisch, wie sie sich ihm eben anbieten. Er käme aber nie­mals auf die Idee, etwa für eine abstrak­te "gute Sache" zu ster­ben. Men­schen schreiben Ideen auf ihre Fah­­nen, und mit den sie tragen­den Menschen kann man diese Ideen über­­winden. In der konkreten Wirk­lich­keit des politi­schen Seins, formu­lierte Schmitt, kämp­­­­­fen keine abstrakten Ord­nun­gen und Normen­rei­hen, son­dern im­mer nur konkrete Menschen oder Ver­bän­de gegen an­dere. "Das Le­ben kämpft nicht mit dem Tod und der Geist nicht mit der Geistlo­sig­keit. Geist kämpft ge­gen Geist, Leben gegen Le­ben." Es gibt kei­ne Werte außer in unse­ren Köp­fen, und es kämpfen auch keine Wer­te gegeneinander, son­dern es kämp­fen nur konkrete Men­­schen im Na­­men von Werten ge­gen­ein­an­der. Darum ist der Dezi­sio­nist rea­li­stisch und prag­mati­sch.

Wenn er sich einer Ideo­logie be­dient und ge­zielt-pathe­tisch seine Göt­ter und Wer­te be­schwört, behält er stets die re­­ser­vatio men­ta­lis, die ihn im letz­­ten Win­kel seines Hin­ter­­stüb­­chens lei­se über sich selbst la­chen läßt, wenn seine Fahnen flie­gen. Der Nor­men­­be­nut­zer kann sich die di­stanzierte Selbst­ironie er­lau­­ben, zu der un­­fä­hig ist, wer vor sei­nen selbst­­ge­schaf­fenen Göttern und ihren Geboten auf den Knien her­um­rut­scht. Er weiß um die aus sei­­ner ei­ge­­nen Frei­heit hervor­ge­hen­de wahr­heitsbil­dende Kraft: Seine Wahr­­heits­­fin­dung ist immer be­wußte Wahr­­heits­er­fin­dung. "Jedes Ur­teil," das er über ein Objekt fällt, er­kennt er als "Geschöpf seines Wil­lens", an das er sich nicht ver­liert. Er bleibt der Schöp­fer, der Ur­tei­len­­de, der stets von neu­em schafft. So formuliert Safranski im Sinne Stir­ners: "Dieses Den­­­ken kommt aus der Er­fah­rung der Frei­heit. Sie kann uns darüber be­lehren, daß wir zwar Wahr­hei­­ten brau­chen, aber auch das richtige Ver­­hältnis zu die­sen Wahr­hei­ten finden müs­sen. Wir be­­nö­ti­gen Souve­r­ä­ni­tät, die zur Ironie und Selbst­­distanz be­fähigt." Wer das vergißt, wird zum Die­­ner und ei­fern­­den Pro­phe­ten seiner Wahr­heit. Er verliert seine Frei­­heit ge­gen­über den ei­genen Ge­stal­tungen und Erfin­dun­gen. (Klaus Kunze, Mut zur Freiheit)

Franz Bettinger
2. November 2018 10:36

@quarz:
Ethik bzw. Moral gibt es nicht. Das sind lediglich wirre Begriffe, die wie Teufel und Hexen hoffentlich mal das Zeitliche segnen. Die Wissenschaft kennt das alles nicht. Sie kennt aber: Motivation. Damit können Sie viel besser erklären, warum Menschen und Tiere manchmal ego- und manchmal altruistisch sind. Warum soll ich so handeln? Das fragt sich auch eine Katze. Ganz einfach: Weil es mir oder meiner Brut oder meinem Stamm nützt! Wenn Sie einen Faible für mathematisches Hirn-Training haben, empfehle ich "Die Metastruktur der Ortschaften". Sie müssen aber schon ein kleines Mathe-Genie sein, um den in der Versenkung verschwundenen und dennoch Großen Franz Borsotto, der das Auswahl-Axiom der Mengenlehre überflüssig machte, zu verstehen. Der knackt Ihnen noch ganz andere Nüsse.

Carlos Verastegui
2. November 2018 11:47

@ Lieber Franz Bettinger,

ich habe Ihre Argumente wider das Naturrecht, Gott usw. gelesen, obwohl sie mir natürlich sehr bekannt sind. Dass Gott die unbeweisbare Voraussetzung ist, ist nur halb richtig, die Existenz Gottes ist evident - nur nicht für Sie und für Poensgen auch nicht. Nun, da kann man nichts machen. Auch habe ich sofort gemerkt - Sie sind der Naturwissenschaftler ;-)

Als Naturwissenschaftler denken Sie logisch, wissen auch zu unterscheiden, um welche Erkenntnisebene es sich jeweils handelt, welche Methode wo zum Zuge kommen muss. Deshalb ist es mir ein Rätsel, dass Sie mir schreiben "Man darf das Recht brechen, wenn man die Macht (Stärke) dazu hat." Zum richtigen Recht gehört die Macht, Macht es aber NICHT gleich Stärke. Die Stärke und der Starken aber stehen nicht aufgrund ihrer selbst Im Gegensatz zum richtigen (positiven) Recht, und auch nicht zum Naturrecht. Um Recht zu sprechen bedarf es der Stärke, Gerechtigkeit üben fällt eher dem Reichen und Starken zu als dem Armen und Schwachen zu. Dann noch, verfechten Sie selbst ein Naturrecht, nämlich ein materialistisch-naturalistisches!

Der "Schnitzer", den Sie mir nachgewiesen zu haben meinen, ist ein Gedankengang in Anschluss an Francisco de Vitoria: die Ordnungs des Zusammenlebens muss aufrecht erhalten werden, und wenn es die ZweckmÄssigkeit gebietet, steht die Ordnung des ZUsammenlebens über jeglichen LegitimitÄtsansprüchen. Wer mit dem Argument der Legitimität nur Schaden anrichtet und nicht in der Lage ist, die Ordnung des Zusammenlebens wieder herzustellen oder auf besserer Grundlage neu zu errichten, der handelt den ersten Grundsätzen des Naturrechts zuwider. Die materiale Voraussetzung eines Widerstands oder eines Aufstands der mit dem Naturrecht zu vereinbaren ist, ist Macht, die aber nicht schlechtweg mit der Stärke gleich gesetzt werden darf. Wer kennt icht aus Machiavelli das Negativbeispiel des Mönches Savonarola? Dieser hatte Macht, ein Regime zu errichten, welches sich gegenüber allen inneren Widerständen durchzusetzen vermochte, obwohl es ihm an der notwendigen Stärke fehlte, sich zu halten.

Das Recht, das gebrochen werden darf, ist nach diesen Bestimmungen das positve Recht, unter ganz bestimmten Voraussetzungen sogar die ganze Rechtsordnung, nur darf kein Machtvakuum und damit ein Chaos entstehen, welches das Zusammenleben verschlechterten. Der Schaden muss sich in Grenzen halten und das zu erreichende Wohl nicht überwiegen. Übrigens stehe ich mit der These vom Rechtsbruch nicht allein da, der deutsche Ökonom Gustav von Schmoller hatte dazu einen hübschen Kommentar in seiner "Die Gerechtigkeit in der Volkswirtschaft.

Schauen Sie, wir können hier ewig rumdiskutieren, ob Sie Recht haben mit Ihrer Ansicht, oder ich mit meiner, und damit geben wir beide zu erkennen, dass es über der Macht (fälschlich gleich Stärke) etwas Erhabeneres gibt, nur dass wir uns nicht darauf einigen können, was es ist. Stärke jedenfalls ist es nicht, sonst wüden Sie mich zu sich zum Duell, und zwar nicht gerade zum Wortduell einladen, aber selbst die Duelle stehen in der Tradition der alten Gottesurteile, abgesehen davon, ob die Gottesurteile nun gut funktionierten oder nicht. Rechtsvorstellungen, vor allem Naturrechtsvorstellungen, sind nicht per se als Ideologien, Hirngespinnste oder Täuschungsmanöver abzutun.

Zuletzt noch danke ich Ihnen, dass Sie meine Zeilen denkend mitgelesen haben, auch wenn Sie der gegenteiligen Meinung sind.

Carlos Verastegui
2. November 2018 11:57

P.S. Franz Bettinger

Nur an die NATUR dürfen Sie nicht glauben, die Natur hat ihnen empirische Wirklichkeit, Gewissheit, Selbstverständlichkeit zu sein, niemals aber Wahrheit oder Gegenstand des Glaubens zu sein ;-)

Nietzsche sah den Unsinn "Dasein" nur als Hevorbringungsprozess des, selbstverständlich gesollten, Herrenmenschen an.

Der_Juergen
2. November 2018 12:09

@Maiordomus

Ihre Wortmeldung von gestern abend zum Thema Hobbes ist ausserordentlich wertvoll. Sie schreiben:

"... ist man nach Hobbes bei Opposition gegen die Regierung nie ein Ketzer, sondern bloss ein Andersdenkender, weswegen Hobbes als Begründer des angelsächsischen Meinungsliberalismus der in öffentlicher Rede auf öffentlichen Plätzen zugelassenen freien Meinung gesehen werden kann. Dass eine Meinung ein Verbrechen sei, so die in den letzten Jahren "entwickelte" Legitimation von Antifa, ist bei Hobbes schlicht ein Missverständnis der Politik und eine grundsätzliches Verbot klüger zu werden aufgrund einer diktatorischen Dogmatik. Dabei ist Hobbes nicht gegen die Diktatur der Entscheidung, bloss gegen die Diktatur der Regierung, über die Macht hinaus auch noch den Anspruch zu erheben, recht zu haben und nur ihre Begründungen zu anerkennen, Die Bekenntnispflicht, das, was die Diktatur oder die Demokratie befiehlt, auch noch als wahr und richtig und als gerecht anerkennen zu müssen, muss vom Oppositionellen nicht geleistet werden. Deswegen ist man nach Hobbes bei Opposition gegen die Regierung nie ein Ketzer, sondern bloss ein Andersdenkender". (...) Dass eine Meinung ein Verbrechen sei, so die in den letzten Jahren "entwickelte" Legitimation von Antifa, ist bei Hobbes schlicht ein Missverständnis der Politik und eine grundsätzliches Verbot klüger zu werden aufgrund einer diktatorischen Dogmatik. Dabei ist Hobbes nicht gegen die Diktatur der Entscheidung, bloss gegen die Diktatur der Regierung, über die Macht hinaus auch noch den Anspruch zu erheben, recht zu haben und nur ihre Begründungen zu anerkennen."

Sie umreissen hier den wesentlichen Unterschied zwischen einem autoritären und einem totalitären Regime (dass sich die beiden Regierungsformen überschneiden können, versteht sich von selbst). Das Motto des autoritären Staates lautet: "Wer nicht gegen uns ist, ist für uns", während der totalitäre Staat postuliert: "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns." Letzterer Grundsatz wurde, wenn mich nicht alles täuscht, von Matias Rakosi alias Roth, dem grausamen kommunistischen Diktator Ungarns, formuliert.

Carlos Verastegui
2. November 2018 12:17

@ Cacatum non est pictum

Danke für Ihre Zeilen!

So, wie die heutigen Gemeinwesen gebaut sind, würde sich das Naturrecht, einmal ernst und beim Worte genommen, wie Dynamit verhalten, weil alle modernen Gemeinwesen als ein Abfall von der Wahrheit und sogar im Gegensatz zu göttlichen Prinzipien errichtet worden sind. Sie sind, in Spannscher Sprchweise, "Fehlausgliederungen". Hobbes hat ja einen Notbehelf zu schlimmer Stunde perpetuiert, weil das Zusammenleben unter den Verhältnissen kompromissloser "Wahreitskonflikte" - die "Wahrheit kann ja nur EINEim blutigsten Bürgerkrieg untergeht. Seine Lösung: Fort mit der Wahrheit und ihren Verfechtern, der Souverän entscheidet - souverän über solche Dinge, autorisiert, zensiert, klärt auf usw. Das alte Christentum hat es ja schon immer gewusst: die Wahrheit ist Wahrheit Gott wegen, nicht weil sie lebensfördernd sei oder uns ein bequemeres Dasein verschaffte. Der Pragmatismus, der die heutige Grundhaltung des modernen Menschen ist, stellt das Verhältnis auf den Kopf (siehe meine obige Kritik anb Poensgens Pragmatismus), weil es ihm ja grundsÄtzlich um "förderliches" geht. Und auch der Pragmatismus geht auf Hobbes zurück, wie Max Scheler nachgewiesen hat, aber, das brauchte Scheler gar nicht nachzuweisen, weil der Pragmatismus Hobbsens sehr offensichtlich ist.

quarz
2. November 2018 13:18

@Bettinger

"Ethik bzw. Moral gibt es nicht."
Doch, beides gibt es. Das sind empirische Fakten. Moral ist die Gesamtheit von Überzeugungen in Bezug auf für dieses Phänomen spezifische, nicht zweckrelative Handlungsnormen. Solche Überzeugungen haben Ethnologen in jeder Kultur nachgewiesen. Und Ethik ist die philosophische Reflexion über Bedeutung, metaphysischen Unterbau, Erkenntnis und Rechtfertigung solcher Normen. Diese findet in zahllosen Büchern und Instituten statt. Die Existenz der Ethik ist also auch empirisch belegt.

"Die Wissenschaft kennt das alles nicht. Sie kennt aber: Motivation. Damit können Sie viel besser erklären, warum Menschen und Tiere manchmal ego- und manchmal altruistisch sind"

Die (Natur-)Wissenschaft mag sich gerne damit beschäftigen, warum Menschen etwas tun. Die Ethik beschäftigt sich inzwischen mit der Frage, warum sie es (nicht) tun sollen. Das sind - wie gesagt - zwei völlig verschiedene Dinge.

"Sie müssen aber schon ein kleines Mathe-Genie sein, um den in der Versenkung verschwundenen und dennoch Großen Franz Borsotto, der das Auswahl-Axiom der Mengenlehre überflüssig machte, zu verstehen. Der knackt Ihnen noch ganz andere Nüsse."

Ich sehe hier zwar keinen Bezug zum Thema, lade Sie aber dennoch ein, den Produktsatz von Tychonoff ohne das angeblich überflüssige Auswahlaxiom zu beweisen.

Maiordomus
2. November 2018 13:47

@Bettinger. Der Eindruck, dass Sie von Wissenschaftstheorie etwas verstehen, verdichtet sich Ihnen gegenüber nicht. Ihre Thesen wären wohl auch von Marx und Engels als vulgärmaterialistisch eingeschätzt worden, zu schweigen, dass Sie die notwendigen Jahre zum Verstehen etwa von Kant oder der "Logik der Forschung" oder auch den Hintergründen von Machiavelli/Hobbes, Carl Schmitt offenbar noch nicht investiert haben.

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