Sezession
1. Oktober 2016

Dialoge mit H – wie war der Verlust des Eigenen möglich?

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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Die Knotenpunkte der Geschichte entstehen da, wo ihre Protagonisten um das Sagbare und das Unsagbare gerade noch streiten können. Es gibt Begriffe, die kurz vorm Verschwinden von der diskursiven Bildfläche sind:

»das Eigene / Eigentliche / Substanz«, dann: »Volk«, »Heimat«, »National- staat«, und konkreter: »Deutschsein«.

Ich habe das historisch große Glück, mit meinem Mann ein Schauspiel zweier Generationen aufführen zu können. Uns verbindet das Geradenoch-Sagbare. H ist Jahrgang 1939, kennt also die oben genannten Substanzbegriffe in ihrer rhetorisch heißesten Phase noch, genauso wie  er bei ihrem Herunterkühlen und Verschwindenlassen heftig mitgearbeitet hat.

Ich, Jahrgang 1975, kenne sozialisationsbedingt alles Wesentliche nur aus zweiter Hand, der Hand der 68er. In der kühlen Fadheit der Bundesrepublik nach 1990 schwelte aber untergründig doch noch eine Faszination für das, was einstmals Begeisterung entfacht haben mußte, was als das »Böse« zu sehen uns mit logischer Stringenz beigebracht worden war. Es blieb lange Zeit untergründig, offen nur der Abscheu gegen das allzu selbstverständliche »Gute«, und brach sich erst im vergangenen Jahr aufgrund der dramatischen politischen Lage eindeutig Bahn. Ich erschrak vor mir selbst, daß ich – ohne es zunächst explizit zu wissen – mich selbstverständlich mit etwas identifizierte, das nicht mehr in den Bereich des Sagbaren gehörte.

Noch vor ein paar Jahren glaubte ich, ich hätte keine Werte. Das »Wir-Gefühl« der amerikanischen Kommunitaristen, allen voran meines Lieblingsphilosophen Richard Rorty, war mir fremd, ich setzte eher dar- auf, die »liberale Ironikerin« zu verkörpern. In Kontingenz, Ironie und Solidarität von 1989 verband er ästhetische Distanz, Typus Nietzsche, mit solidarischem Engagement, Typus Marx. Mir war klar, welche Rolle ich spielen wollte und unter welcher ich litt, weil sie mir nicht gelang. Daß dieses Gefühl ein urdeutsches war, war mir nicht bewußt.

Der Weg dieser Suche nach den Bedingungen der Möglichkeit, quasi: einer transzendentalen Deduktion der Kategorien einer Generation, läuft auf verschiedenen Ebenen. Ganz oben verläuft die Ebene der Rhetorik, der Argumentation. Darunter die Ebene der Ideologie. Noch weiter unten die Ebene der Psychologie einer Alterskohorte. Und ganz unten die Ebene der persönlichen Bindung, der Horizontverschmelzung.

1.      Rhetorik

Die Rhetorik wider die Verteidigung des Eigenen lebt von der Behauptung ihrer moralischen und rationalen Überlegenheit. Wer das Eigene benenne, es verteidigen wolle, sei »egoistisch«. Grenzen und Nationalismus drückten aus, nichts von den eigenen (westlichen, sozialstaatlichen, finanziellen) Privilegien abgeben zu wollen, nur an sich zu denken statt in globalen Maßstäben. »Substanzdenken ist eine Todsünde«, erklärte mir M, ein befreundeter Soziologe, und sei in der funktional ausdifferenzierten Moderne nicht mehr haltbar. Statt von »Volk« sei von »Bevölkerung« zu sprechen.

Insistieren von H, ich müsse Plessners Grenzen der Gemein- schaft (1924) neu lesen, darin ginge es doch um die Gewalt und Feindlichkeit im Innern von homogenen Gemeinschaften. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, nicht: Der Fremde ist dem Menschen ein Wolf! Weil Gemeinschaften in sich gefährlich sind, ergo Abschied von der Idee des Volkes. Das deutsche Volk müsse man doch gegen seine ihm innewohnende Tendenz, sich abzuschotten, beschützen. Immer, wenn historisch Austausch möglich war, war Frieden, im 18. und 19. Jahrhundert etwa, und immer, wenn die Deutschen sich abgrenzen mußten, wurde es katastrophal.

Ich hielt dagegen, daß die Uneinigkeit der Volksgemeinschaft doch ohnehin logisch und die Einheit ein heuristischer Begriff sei, wir hingen ja keinen romantischen Einigkeitsphantasien an. Und auch, daß man das nicht umdrehen dürfe als Argument: Weil die Deutschen in sich inhomogen und konfliktbeladen wären, sei jedes Aufrechterhaltenwollen dieser Einheit falsch. H meinte daraufhin, das Volk wehre sich gegen Vereinheitlichung von rechts und wolle im Austausch bleiben. Der Begriff des Austauschs ist natürlich massiv mehrdeutig: Wenn man da Massenimmigration und den friedlichen Dialog älterer Professoren oder Ehepaare zusammenfaßt, lügt man sich in die Tasche.

1.       Ideologie

Ich will verstehen, was nach 1945 passiert sein muß, um die gegenwärtige große Erzählung vom Verschwinden des Eigenen zu begreifen. Zu dieser Erzählung gehört, daß sich »Grenzen«, »Nationen«, »Volk« und »Vater- land« durch die Globalisierung auflösen, daß an die Stelle der Nationalität Internationalität tritt, weltweiter Austausch von Waren, Geldströmen und Menschen, und daß dies nicht bloß der Lauf der Geschichte ist, sondern in sich gut und notwendig und deshalb zu affirmieren. Wie kommt die Affirmation zustande, und was bedeutet das für das Selbstverständnis der Generationen?

Auch ideologisch ist ein »Großer Austausch« passiert, der  historisch wohl seinesgleichen sucht. Die alliierten Besatzungsmächte haben  im Grunde eine gemeinsame Ideologie aufgeboten, um das deutsche Volk auch geistig zu besiegen. Der Sowjetmarxismus und die amerikanische Reeducation kamen mit einem absolut nachvollziehbaren Argument: Ihr Deutschen habt den Krieg verloren. Eure große Erzählung führte geradewegs in die Katastrophe.

Also muß das Gegenteil von dem, woran ihr Deutschen hingt, wahr sein! Wenn die Nazis von »Volk« sprachen, sprechen wir vom Individuum oder von der Arbeiterklasse. Wenn die Nazis von »Heimat« sprachen, sprechen wir vom Internationalismus. Wenn die Nazis von der »Herrenrasse« sprachen, sprechen wir von Antirassismus und Antifaschismus. Wenn etwas ein Irrtum war, ist dann das Gegenteil die lautere Wahrheit?

Die Nachkriegsgeneration hat, so sieht es H, nicht erzwungenermaßen ein fremdes Glaubenssystem übernommen (dies gilt allenfalls für den Konsumismus der »Kulturindustrie«), sondern der Attraktionspunkt war: die Befreiung. Befreit worden zu sein, setzte paradoxerweise eigene Befreiungsimpulse frei. Und die richteten sich gegen die »verkrusteten Strukturen« der Vätergeneration, übernahmen aus dem Marxismus die materialistische Ideologiekritik und aus den USA die weiterentwickelte Psychoanalyse der Frankfurter Schule. »Volk und Heimat, Rasse und Nation« hätten, als sie entstanden und ihre Hochblüte erlebten, in sich schon den Keim ihrer Radikalisierung und Zerstörungswut getragen. Georg Lukács’

These von der Anlage des Faschismus in der Französischen Revolution (Die Zerstörung der Vernunft, 1954) wurde zu einer Leiterzählung der 68er-Generation. Mit diesem doppelten Rüstzeug (Materialismus und Psychoanalyse) blieb relativ schnell ideologisch kein Stein mehr auf dem anderen. Das Sinnzentrum aller Argumentation wurde der Nationalsozialismus. Von ihm ließ sich alles herleiten, auf ihn lief historisch alles zu, an ihm als Kritikfolie ließ sich fortan alles beurteilen, nicht nur »Lyrik« war »nach Auschwitz« nicht mehr zu denken. Wer solches Rüstzeug in Händen hält, hat eine Souveränität gewonnen, mit der er kämpfen kann, statt zu verzweifeln.

Linkes Denken zehre nachhaltig von der Alles-läuft-auf-den- Faschismus-zu-These. Die historische Aufgabe der 68er sei die Aufklärung über die Verbrechen der Deutschen gewesen, den autoritären Charakter, die gräßlich verheuchelten 50er Jahre voller zugeschütteter Altlasten. Ob ich denn diese  Aufklärung etwa nicht hätte haben wollen und lieber im Adenauer- Deutschland hinterm Herd stehen wollte? Dann wäre im übrigen auch mein ganzes Philosophiestudium unmöglich gewesen, alles das Verdienst seiner Generation, und ich ginge so leichtfertig lachend damit um. Ich lachte einfach weg, was sie erkämpft hätten, und das aus purer Naivität und Geschichtsvergessenheit.

1.      Psychologie

Demjenigen, der kein Gespür und keine Rezeptoren mehr für das »Eigene« und keinen Begriff mehr davon hat, kann man kaum mehr demonstrieren, was das ist oder einmal war. Man wird irre an seinen Begriffen, hat man es mit einem Gegenüber zu tun, der sie nicht bloß in Frage stellt oder für obsolet hält, sondern den Eindruck vermittelt, es habe diese Begriffe nie gegeben.

Zum »Deutschsein« gehörte auch immer wieder das Paradox des »Nichtdeutschseinwollens«, davon dürfen wir getrost ausgehen. Es ist also keine Erfindung der Nachkriegsgeneration, sondern eine metaphysische Voraussetzung deutscher Identität, völkerpsychologisch vielleicht einzigartig.

Übrigens habe ich gewagt, anzumerken, daß ich Herrn Gaulands Vorbehalte gegenüber Boateng durchaus berechtigt finde (also nichts über dessen fußballerische Qualitäten, die sind mir egal und ich verstehe nichts davon, aber dazu, daß ich es ei-   nen idiotischen Diskurs finde, wenn ein Schwarzer gerade wegen seines Schwarzseins ostentativ als der bessere Deutsche präsentiert wird und ständig als lebendes Integrationsmodell her- halten muß), daraufhin zeigte sich H zutiefst erbost, ich sei endgültig rassistisch vergiftet usw. – dasselbe Lied wie immer, nur eine Stufe aufgebrachter. Was mich wirklich bestürzte, war, als er meinte: »Nach dem Krieg kamen die schwarzen GIs und haben uns von dem Fluch der weißen Rasse erlöst!«

 Das ist der Extrempunkt des Konflikts. Vielleicht sein passender Schlüssel? Denn daß ihnen gewisse Grundbegriffe systematisch aberzogen worden sind, so daß sie in diesen Kategorien nicht mehr denken können, setzt voraus, daß diese Kategorien erkenntnistheoretisch vorgängig sind. Sind sie das? Wenn H sagt, er sei irgend etwas, aber kein Deutscher, dann ist das erstmal ein Kategorienfehler. Natürlich ist er das. Was er meint, ist, er sei kein Deutscher in einem emphatischen Sinne: daß er sich nicht damit identifiziert.

Mit dem Identifizieren ist es so eine Sache: a= a ist Identität, auf der Sachebene, nicht auf der Aussageebene. a ∈ (a, b, c, d …) ist auch Identität auf der Sachebene (also: a ist Teil einer Menge, der a, b, c usw. ange- hören). Daß H Deutscher ist, ist ein allen Aussagen darüber vorgängiger Sachverhalt, genauso wie daß er ein Mann ist, ein Vater ist usw. Das ist Identität. Alles weitere ist: Identifizieren. Das geht so: H sagt, daß er kein Deutscher sei, sondern Rheinländer, Mönchengladbacher, ein Kind aus der Rubensstraße 7. Oder auch: Der iranischstämmige Münchner Amokläufer sagt, daß er Deutscher sei. Auf diese Weise kann man der Identität ein Schnippchen schlagen: Man identifiziert sich einfach nicht damit. Ob dies nun allerdings ein Akt der Souveränität ist, wäre genau die problematische Frage.

Die Werte und Überzeugungen der 68er-Generation bestimmen dieser Tage kulturhegemoniell den medialen Mainstream, das muß man sich vor Augen halten, es geht also nicht um die Historisierung eines psychischen Musters. Die seelische Überfremdung (Besatzung, Schuldkomplex, »Alles Fremde ist besser als alles Eigene«) hat dazu geführt, daß ihre Protagonisten aus der Feindschaft gegen das Eigene inzwischen ein Nichterkennen des Eigenen entwickelt haben. Daher nimmt es dann nicht länger wunder, wenn in der Nachkriegszeit aufgewachsene Menschen offensichtlich mit den Diskursen ihrer frühen Kindheit komplett gebrochen haben: Sie sind komplett gebrochen worden.

Daß dergestalt gebrochene Figuren sich allzumeist wohlfühlen in der Gegenwart, ist nur auf den ersten Blick paradox. Denn das psychisch degradierende Schuldigsprechen, die Erniedrigung des Besiegten, die Erziehungsbedürftigkeit wurde mit der Freisetzung eines Aufbruchs in die Freiheit verknüpft. Wer die Kollektivschuld erkennt und auf sich bezieht, der sei berechtigt, alle alten Motive des Schuldigwerdens als »Faschismus« zu erkennen und sich im »Antifaschismus« neu zu entwerfen. Das gilt für Ost- wie für Westdeutschland, in Sonderheit für die »revolutionäre Praxis« der linken Intellektuellen seit den frühen siebziger Jahren und die mehrheitsfähige Fortführung dersel- ben bis in die unmittelbare Gegenwart.

2.       Bindung

Einen Punkt verstand ich zuerst nicht: Warum H glaubt, wir   (d. h. »die Rechten«) wären »Schmarotzer«. Er meinte damit, daß Liberalismuskritik doch nur im liberalen System überhaupt möglich sei. Wenn wir Phantasien hätten, dies  abzuschaffen, und uns Orbán als wünschenswert vorschwebte, dann sägten wir den Ast ab, auf dem wir säßen. Die Errungenschaften von ’68 ließen meine Haltung überhaupt erst zu, richteten sich aber gegen sie. Quasi: Liberalismuskritik invers.

Aber muß man nicht Genese und Geltung immer noch trennen? Die postmoderne Beliebigkeit erlaubt natürlich, daß darin beliebigkeitsfeindliche Tendenzen entstehen. Daß aber dies gegen eine Kritik der Beliebigkeit spräche, sie gleichsam ad absurdum führe, sehe ich nicht. Außerdem: Wir sind nicht für eine autoritäre Gesellschaft! Nur für eine weniger stromlinienförmig linke, dumme, dekadente, heuchlerische, einseitige, sich selbst untergrabende, sich ihrerseits selbst den Ast, auf dem sie sitzt, absägende.

 »Widersprüchlichkeit bindet, Widerspruchsfreiheit löst Bindungen auf.« Albrecht Koschorke hat unter dieses Gesetz das Erzählen als wesentliches Medium der Widersprüchlichkeit einer Gesellschaft gestellt. Und wie wir uns widersprechen! Wir stellen große Erzählungen paradigmatisch gegen- einander, Lyotards Widerstreit feiert fröhliche Urständ. Das erzeugt eine tiefere Bindung, als wir Eheleute ahnten, bevor wir uns ideologisch ab- handen kamen.

Indes: Anders als 1983, als Der Widerstreit erschien, ist gegenwärtig das Risiko größer, weil nicht nur postmodern-diskursiv »Erzählungen« (Récits) auf dem Spiel stehen, sondern daran globale Machtverhältnisse festhängen. Lyotards »Ende der großen Erzählungen« hat sich nicht bewahrheitet. In meiner Erzählung über den Großen Austausch, die Neue Weltordnung, den Verlust des Eigenen und die gebotene Verteidigung des Eigenen kommt echte Gefahr vor. Bindung bringt in nicht unerheblichem Maße Sorge mit sich. Womöglich ist es schierer Fürsorgetrieb, der Selbstverleugnung dieser Generation einen Halt entgegen- zusetzen, und zwar auch dann, wenn sie diesen Halt unbeirrbar für das schlechthin Böse halten wird. ¡


Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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