Gewaltmonopol und starker Staat

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

Gleich zu Jah­res­be­ginn, am 3. Janu­ar, sorg­te Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Maziè­re (CDU) für erheb­li­che Auf­re­gung, als er in einem Gast­bei­trag für die FAZ »Leit­li­ni­en für einen star­ken Staat in schwie­ri­gen Zei­ten« vor­leg­te. Dem­zu­fol­ge erfor­der­ten die »schwie­ri­gen Zei­ten« – gemeint waren wohl die zwi­schen dem isla­mis­ti­schen Ter­ror­an­schlag auf den Ber­li­ner Weih­nachts­markt am 19. Dezem­ber 2016 und der für Sep­tem­ber 2017 ange­setz­ten Bun­des­tags­wahl – umfas­sen­de Refor­men der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Sicher­heits­in­fra­struk­tur sowie eine »natio­na­le Kraft­an­stren­gung zur Ver­stär­kung der Rück­kehr von Ausreisepflichtigen«.

Was von die­ser sehr spä­ten ver­ba­len Wert­schät­zung staat­li­cher Stär­ke übrig­blei­ben soll­te, zeig­te sich nur eine Woche spä­ter, als de Maziè­re und Bun­des­jus­tiz­mi­nis­ter Hei­ko Maas (SPD) nach inter­nen Gesprä­chen am 10. Janu­ar eine Rei­he von kom­men­den  Geset­zes­ver­schär­fun­gen bekannt­ga­ben. Dem­nach soll das Ter­ror­po­ten­ti­al ein­ge­si­cker­ter Isla­mis­ten zukünf­tig durch elek­tro­ni­sche Fuß­fes­seln und ver­schärf­te Wohn­sitz­auf­la­gen bei Ver­wen­dung fal­scher Iden­ti­tä­ten im Zaum gehal­ten werden.

Tags zuvor hat­te sich Bun­des­kanz­le­rin Mer­kel per­sön­lich in die Debat­te ein­ge­schal­tet und ange­kün­digt, daß die Regie­rung sicher­heits­po­li­tisch »wirk­lich Flag­ge« zei­gen und schnell han­deln wer­de – nach­dem wie­der­um einen Tag vor­her bekannt gewor­den war, daß das Innen­mi­nis­te­ri­um der­zeit 548 Per­so­nen als poten­ti­ell ter­ro­ris­ti­sche »Gefähr­der« ein­stu­fe: 224 von ihnen hal­ten sich in Deutsch­land auf, und gan­ze 62 sind auf­grund abge­lehn­ter Asyl­an­trä­ge aus­rei­se­pflich­tig, wie es auch der Atten­tä­ter vom Breit­scheid­platz war.

Wie »stark« ist unser Staat vor dem Hin­ter­grund sol­cher Zah­len und Maß­nah­men? Fest steht: »Stark« ist ein Staat (der gän­gi­gen Anwen­dung des Begriffs fol­gend), wenn er for­mie­rend und pazi­fi­zie­rend wirkt. Zur Regu­la­ti­on der ein­an­der wider­stre­ben­den Par­ti­ku­lar­kräf­te und ‑inter­es­sen inner­halb des Sys­tems bedient er sich sei­ner Staats­ge­walt, und zwar nicht nur der heu­te meist aus­schließ­lich betrach­te­ten – und kri­ti­sier­ten – sank­tio­nie­ren­den Gewalt im enge­ren Sin­ne (Exe­ku­tiv­kräf­te, Straf­ge­set­ze), son­dern eben­so der inte­grie­ren­den Macht, die er besitzt (Ver­wal­tung, Ver­mitt­lung). Dabei bedin­gen die­se bei­den Durch­set­zungs­wei­sen ein­an­der unmit­tel­bar, denn die Auto­ri­tät des Staats­we­sens beruht in letz­ter Instanz auf der Andro­hung von Gewalt bei Ungehorsam.

Die »Spiel­re­geln« für den Umgang der Staats­an­ge­hö­ri­gen mit­ein­an­der lie­gen in Geset­zes­form vor, und das Rechts­sys­tem bezieht – eben­so wie der Staat als kon­kre­te Insti­tu­ti­on – sei­ne Legi­ti­ma­ti­on aus der Zustim­mung des Staats­vol­kes. Es bedarf also einer »kri­ti­schen Mas­se« an Men­schen mit einem hin­rei­chend star­ken, gemein­sa­men Iden­ti­täts­ge­fühl, um das Bewußt­sein eines »Wir« gegen­über Frem­den als Keim­blatt des Staats­we­sens zu begrün­den. Eben dies besagt der eben­so knap­pe wie bedeu­tungs­vol­le Ein­lei­tungs­satz zur zwei­ten Aus­ga­be (1932) von Carl Schmitts Begriff des Poli­ti­schen: »Der Begriff des Staa­tes setzt den Begriff des Poli­ti­schen vor­aus.« Der (National-)Staat ist dem­nach die sicht­ba­re Mani­fes­ta­ti­on der poli­ti­schen Ein­heit des Vol­kes, das inner­halb kla­rer Gren­zen als Gemein­schaft gemäß einem Gesell­schafts­ver­trag (»Ver­fas­sung«) lebt.

Die­se Form der Staats­ent­ste­hung evo­ziert bei­na­he zwangs­läu­fig das berühm­te alle­go­ri­sche Titel­bild des Levia­than: den gewal­ti­gen sou­ve­rä­nen Herr­scher mit den Insi­gni­en geist­li­cher und welt­li­cher Macht (letz­te­res ist nicht von unge­fähr das Schwert), des­sen Kör­per durch das Staats­volk gebil­det wird. Eine sol­che Vor­stel­lung vom Staats-Wesen mit kon­kre­ter, schutz­be­dürf­ti­ger Form geht jedoch noch viel wei­ter zurück als bis zur Frü­hen Neu­zeit und Tho­mas Hob­bes; ihre Roh­form läßt sich min­des­tens bis ins archai­sche Grie­chen­land zurückverfolgen.

Schon die Ili­as, die mitt­ler­wei­le auf das 7. oder 8. vor­christ­li­che Jahr­hun­dert datiert wird, zeich­net im 18. Buch in der legen­dä­ren epi­schen Beschrei­bung des neu­en Schilds des Achill den wohl­ge­ord­ne­ten, Streit­fäl­le regu­lie­ren­den »star­ken« Stadt­staat als Gegen­bild zum chao­ti­schen, recht­lo­sen Bür­ger­kriegs­zu­stand (Sta­sis). Und in der Tat wur­den etwa ab der Mit­te des 7. Jahr­hun­derts v. Chr. soge­nann­te »Ver­söh­ner« (Aisym­ne­tai) per Wahl ein­ge­setzt, um in den von zuneh­men­den stän­di­schen Span­nun­gen desta­bi­li­sier­ten Pol­eis mit Hil­fe von Gene­ral­voll­mach­ten und Ver­mitt­lungs­ge­schick dem Gewohn­heits­recht Gel­tung zu ver­schaf­fen und, wo nötig, neu­es Recht zu set­zen – Aus­gangs­punkt der all­mäh­li­chen Ver­schrift­li­chung des Rechts, wie sie in Athen um 621 v. Chr. durch Dra­kon vor­ge­nom­men wurde.

Sein Name steht heu­te sinn­bild­lich für das Nega­tiv­bild von »Staats­ge­walt« und tyran­ni­scher Straf­jus­tiz, obgleich er ledig­lich die bereits gebräuch­li­chen atti­schen Rechts­ge­wohn­hei­ten kodi­fi­zier­te und so rich­ter­li­che Will­kür ver­un­mög­lich­te sowie ins­be­son­de­re die Blut­ra­che zwi­schen Fami­li­en durch Ermäch­ti­gung der Gerich­te zu unter­bin­den such­te – ein grund­le­gen­der Schritt hin zur Eta­blie­rung des staat­li­chen Gewalt­mo­no­pols. Daß die Dra­ko­ni­sche Gesetz­ge­bung für eine Viel­zahl von Ver­ge­hen die Todes­stra­fe vor­sah, hat­te viel­mehr kon­sti­tu­ti­ve Grün­de: Der archai­schen Rechts­auf­fas­sung zufol­ge war die Recht­spre­chung (Dike) eine gött­li­che Gabe und stand unter dem Schutz der Musen; den gel­ten­den Geset­zen war »die Über­ein­kunft« (Nomos) als In-die-Welt-Kom­men des gött­li­chen Wil­lens vorgeschaltet.

Die natur­recht­li­che Her­lei­tung beding­te eine Wahr­neh­mung des Straf­tä­ters als Gemein­schafts­feind. Der Nomos galt nicht als kodi­fi­zier­tes Recht, son­dern wur­de als Essenz der Staat­lich­keit tran­szen­diert. Wer gesetz­los han­del­te, ver­sün­dig­te sich also an der Legi­ti­ma­ti­on der Polis selbst und durf­te (auch vor den Augen des Zeus, der den Men­schen das Recht gege­ben hat­te) kei­nes­falls unge­scho­ren davon­kom­men. Die öffent­li­che Gerichts­ver­hand­lung und anschlie­ßen­de Bestra­fung wur­den so zum kathar­ti­schen Akt für die Stadt­ge­mein­schaft; ein ein­drück­li­ches Zeug­nis die­ser »The­ra­pie« des Staats-Wesens fin­det sich in Pla­tons Phai­don, in dem der Sokra­tes zuge­dach­te Gift­trunk nie als Kon­ei­on (»Schier­ling«), son­dern stets als Phar­ma­kon (»Gift«, aber auch »Arz­nei«) bezeich­net wird.

Die­se aus dem Gewohn­heits­recht des Natur­zu­stands ent­wi­ckel­te »star­ke« Hal­tung des Staa­tes, ver­tre­ten durch als Ver­mitt­ler zwi­schen strei­ten­den Par­tei­en, der All­ge­mein­heit und den Göt­tern auf­tre­ten­de Rich­ter, ent­stand in ähn­li­cher Form auch im frü­hen Rom. Infol­ge stän­di­ger Macht­kämp­fe zwi­schen Patri­zi­ern und Ple­be­je­rn wur­de Mit­te des 5. Jahr­hun­derts v. Chr. – maß­geb­lich beein­flußt durch Dra­kon und den atti­schen Rechts­re­for­mer Solon – das Zwölf­ta­fel­ge­setz als eine Art Gesell­schafts­ver­trag geschaf­fen, um für Rechts­si­cher­heit inner­halb der Repu­blik zu sor­gen und (auch als Mythos einer stän­de­über­grei­fen­den Zusam­men­ar­beit) die Gemein­schaft zu sta­bi­li­sie­ren; das Römi­sche Recht wur­de auf­grund sei­nes Abs­trak­ti­ons­grads und der Anpas­sungs­fä­hig­keit an belie­bi­ge ent­wi­ckel­te Gesell­schafts­for­men zum Grund­stein aller moder­nen Rechtsordnungen.

Wäh­rend die­ses frü­he Regel­werk eines klei­nen Agrar­staa­tes vor allem Straf- und Zivil­recht regel­te, ent­wi­ckel­te sich ein tat­säch­li­ches Staats­recht erst mit der Ver­grö­ße­rung des römi­schen Ein­fluß­be­reichs und der dadurch stän­dig wach­sen­den Ver­wal­tung. Das Wohl­erge­hen des Staa­tes wur­de in die Hän­de des Senats gelegt, dem alle Mit­tel zur inne­ren Befrie­dung zur Ver­fü­gung stan­den – bis hin zum Senatus con­sul­t­um ulti­mum, der Urform der Ver­hän­gung des Aus­nah­me­zu­stands, der zur Ret­tung der Repu­blik den bei­den Kon­suln dik­ta­to­ri­sche Voll­mach­ten über­trug und etwa stand­recht­li­che Hin­rich­tun­gen römi­scher Bür­ger legalisierte.

Doch das Römi­sche Reich zer­brach letz­ten Endes; sei­ne aus­ge­feil­te Staats­ord­nung ver­kam zum lee­ren Gerüst, inner­halb des­sen unkon­trol­lier­bar weit auf­ge­spann­ter Gren­zen Deka­denz und Par­tei­en­kon­flik­te (als Ver­falls­zei­chen des ver­bin­den­den Nomos) eben­so Ein­zug hiel­ten wie frem­de Volks­mas­sen, die das schwin­den­de Inte­gra­ti­ons­ver­mö­gen des Impe­ri­ums über­for­der­ten. Sein Nie­der­gang wur­de zum Abzieh­bild für das wie­der­keh­ren­de Zer­falls­mus­ter eines ehe­mals »star­ken Staa­tes« in immer mäch­ti­ge­re Par­ti­ku­lar­kräf­te bis hin zu sei­nem fak­ti­schen poli­ti­schen Ver­schwin­den nach Auf­ga­be des staat­li­chen Supre­ma­tie­an­spruchs. Nichts­des­to­we­ni­ger bestan­den die euro­päi­schen Feu­dal­rei­che des Mit­tel­al­ters wesent­lich nach klas­sisch-römi­schem Vor­bild fort, ehe die insti­tu­tio­na­li­sier­te katho­li­sche Kir­che (die den jewei­li­gen Staaten/Reichen einen gro­ßen Teil ihrer Funk­ti­on als befrie­den­de Gewalt abge­nom­men hat­te) an Ein­fluß ver­lor, die Refor­ma­ti­on ein­setz­te und sich unge­ahn­te reli­giö­se Bruch­li­ni­en durch Euro­pa zu zie­hen began­nen. In die­ser Bedro­hungs­si­tua­ti­on schuf Tho­mas Hob­bes die theo­re­ti­sche Grund­la­ge des moder­nen Staates.

Sein 1651 ver­öf­fent­lich­ter Levia­than fußt ganz auf Hob­bes’ per­sön­li­cher Erfah­rung des Eng­li­schen Bür­ger­kriegs (1642–1649), der sich ihm unter­halb der poli­ti­schen Ebe­ne (Roya­lis­ten vs. Repu­bli­ka­ner) vor allem als Aus­ein­an­der­set­zung der unver­söhn­li­chen Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten inner­halb des Lan­des – Katho­li­ken, Puri­ta­ner, Angli­ka­ner, Pres­by­te­ria­ner – dar­stell­te, als ein »plu­ra­lis­ti­scher Tota­li­ta­ris­mus« (Hel­mut Schelsky). Sein Vor­schlag zur Ret­tung vor dem bar­ba­ri­schen Bel­lum omni­um con­tra omnes trug »klas­si­sche« Züge: Der idea­le Sou­ve­rän soll­te zur inner­staat­li­chen Frie­dens­si­che­rung die über­kom­me­ne Zwei-Schwer­ter-Leh­re des Mit­tel­al­ters ver­wer­fen und die geist­li­che Macht sei­ner welt­li­chen unterwerfen.

Alle gesell­schaft­li­chen Par­ti­ku­lar­kräf­te, ins­be­son­de­re aber die Kir­che, müß­ten der ver­mit­teln­den Auto­ri­tät des »gro­ßen Gan­zen« unter­wor­fen wer­den, um die maxi­ma­le Inte­gra­ti­on der Staats­bür­ger zu gewähr­leis­ten. Die Mög­lich­keit dazu bie­te ein aus­nahms­los christ­li­ches Volk; Schmitt ver­merk­te die­se Vor­aus­set­zung in sei­nem Glos­sa­ri­um zu Recht als einen in vor­mul­ti­kul­tu­rel­len Zei­ten selbst­ver­ständ­li­chen Aspekt. Bereits in sei­ner Schrift Die geis­tes­ge­schicht­li­che Lage des heu­ti­gen Par­la­men­ta­ris­mus (2. Aufl. 1926) hat­te er fest­ge­hal­ten, daß den moder­nen demo­kra­ti­schen Staat »not­wen­dig ers­tens Homo­ge­ni­tät« kon­sti­tu­ie­re – und zwei­tens die Bereit­schaft zur Auf­bie­tung der vol­len Staats-Gewalt, um den inne­ren Frie­den in Fra­ge stel­len­de Abweich­ler (»das Hete­ro­ge­ne«) auf die eine oder ande­re Wei­se zu neu­tra­li­sie­ren, ehe sie eine desta­bi­li­sie­ren­de Wir­kung bis hin zum Bür­ger­krieg ent­fal­ten würden.

Der Gesell­schafts­ver­trag, wie ihn sich Hob­bes und nach ihm »libe­ra­le­re« Den­ker wie John Locke und Jean-Jac­ques Rous­se­au in unter­schied­li­chen Schat­tie­run­gen vor­stell­ten, basiert wesent­lich auf der Gewalt­de­le­ga­ti­on der Bür­ger an ihren Staat, also die grund­sätz­li­che Bereit­schaft zur Ein­hal­tung des inne­ren Frie­dens, solan­ge der Staat im Gegen­zug mit­tels der akku­mu­lier­ten Gewalt die Bür­ger vor Regel­bre­chern schützt und ihnen ermög­licht, unge­stört für das höhe­re Wohl zu arbeiten.

Die­sen Ide­al­zu­stand vor­aus­ge­setzt, kam dem Sou­ve­rän ledig­lich noch die Rol­le eines Pou­voir neut­re et inter­mé­di­ai­re zu, der als Nacht­wächter­staat bei der Siche­rung nach außen ver­har­ren und sich nach innen zurück­hal­ten soll­te. Im Zusam­men­hang mit Auf­klä­rung und Säku­la­ri­sie­rung voll­zog sich jedoch par­al­lel zur Her­auf­kunft des Zeit­al­ters der euro­päi­schen Natio­nal­staa­ten eine posi­ti­vis­ti­sche Wen­dung: Die juris­ti­sche Ver­fas­sung ersetz­te den volk­lich-natur­recht­li­chen Nomos als Letzt­be­grün­dung des staat­li­chen Systems.

Gleich­zei­tig wur­de mit der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on und ihren Nach­we­hen poli­tisch, mit der Indus­tria­li­sie­rung wirt­schaft­lich der Wech­sel von der Stan­des- hin zur Klas­sen­ge­sell­schaft unüber­seh­bar. Die zeit­ge­nös­si­schen Staa­ten, in der Mehr­zahl kon­sti­tu­tio­nel­le Mon­ar­chien, rich­te­ten jedoch ihre Macht­mit­tel wei­ter­hin auf die Inte­gra­ti­on des Bür­ger­tums, was spä­tes­tens ab Ende des Ers­ten Welt­kriegs zum Pro­blem wer­den sollte.

Denn ab 1918 sah sich der unvor­her­seh­bar neu­ge­ord­ne­te Kon­ti­nent in sei­nen staat­li­chen Ord­nun­gen nicht nur mit der neu­en Par­ti­ku­lar­kraft des Indus­trie­pro­le­ta­ri­ats kon­fron­tiert, das in die Gemein­schaft pre­kä­rer neu­er Staa­ten wie der Wei­ma­rer Repu­blik zu inte­grie­ren eine Mam­mut­auf­ga­be dar­stell­te. Hin­zu kam eine poli­ti­sche Leh­re, die in aus­drück­li­cher Umkeh­rung der vor­an­ge­gan­ge­nen Leh­ren die qua­li­ta­ti­ve »Stär­ke« eines Staa­tes aus sei­ner innen­po­li­ti­schen Schwä­che her­zu­lei­ten such­te: der wäh­rend des Krie­ges durch den eng­li­schen Sozia­lis­ten Harold Joseph Laski aus der Phi­lo­so­phie in die poli­ti­sche Theo­rie über­tra­ge­ne, pole­misch gegen eine befürch­te­te All­macht des Staa­tes gerich­te­te Begriff des Pluralismus.

In Deutsch­land begann die Aus­ein­an­der­set­zung mit Laskis Posi­ti­on erst in den spä­ten 1920er Jah­ren, und Carl Schmitt nahm dar­in von Anfang an eine radi­ka­le Gegen­po­si­ti­on ein, da er – in Über­ein­stim­mung mit Hob­bes – den (Wei­ma­rer) Staat in Gefahr sah, von radi­ka­len Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen ohne Rück­sicht auf ter­ri­to­ria­le und gesell­schaft­li­che Struk­tu­ren geka­pert und durch das damit ein­her­ge­hen­de Zer­bre­chen der volk­li­chen Ein­heit ent­po­li­ti­siert zu wer­den: »Der Plu­ra­lis­mus bezeich­net die Macht meh­re­rer sozia­ler Grö­ßen über die staat­li­che Wil­lens­bil­dung«, schrieb er 1931 im ange­sichts der his­to­ri­schen Umstän­de bereits alar­mis­ti­schen Hüter der Ver­fas­sung, und schon 1927 hieß es in der Urfas­sung des Begriff des Poli­ti­schen: »Der Staat ver­wan­delt sich in eine Asso­zia­ti­on, die mit ande­ren Asso­zia­tio­nen kon­kur­riert. Er wird eine Gesell­schaft neben und zwi­schen manch andern Gesell­schaf­ten, die inner­halb oder außer­halb des Staa­tes bestehen.«

Der vor allem durch die radi­ka­len Par­tei­en, die den gere­gel­ten poli­ti­schen Ablauf bereits lähm­ten, unmit­tel­bar dro­hen­den Gefahr war mit stu­rem Nomos-losen Rechts­po­si­ti­vis­mus nicht bei­zu­kom­men, was den Dezisio­nis­ten Schmitt auf den Plan rief – sei­ne Abhand­lung Lega­li­tät und Legi­ti­mi­tät von 1932 war der Ver­such der Legi­ti­mie­rung des prä­si­di­al ver­ord­ne­ten Staats­not­stands, eines moder­nen Sena­tus con­sul­t­um ulti­mum ohne Senat, um zum Schutz von Reich und Reichs­ver­fas­sung die Dik­ta­tur aus­zu­ru­fen. Unvor­ein­ge­nom­men betrach­tet, stellt die Schrift fast das Mani­fest einer »wehr­haf­ten Demo­kra­tie« avant la lett­re dar, doch bekannt­lich soll­te es nicht mehr dazu kommen.

Die seit 1949 bestehen­de Bun­des­re­pu­blik hat sich vor dem his­to­ri­schen Hin­ter­grund ihrer Exis­tenz aller Vor­aus­set­zun­gen bege­ben, in den Ruch eines »star­ken Staa­tes« zu gera­ten. Abge­se­hen von bis 1990 gel­ten­den besat­zungs­recht­li­chen Beschrän­kun­gen wur­den die letzt­in­stanz­li­chen staat­li­chen Gewalt­mit­tel zwi­schen Exe­ku­ti­ve und Judi­ka­ti­ve auf­ge­teilt: Wäh­rend sich seit­her die Poli­zei mit Straf­ver­fol­gung und ‑voll­zug befaßt (unter teil­wei­se krea­ti­ver Aus­le­gung durch die Innen­mi­nis­te­ri­en), liegt die Funk­ti­on des »Hüters der Ver­fas­sung« und damit des letz­ten Boll­werks des Staa­tes beim 1951 geschaf­fe­nen Bundesverfassungsgericht.

Die­ses han­del­te in sei­ner Früh­pha­se zwar auf den ers­ten Blick betont »stark« und schein­bar um den inne­ren Frie­den der »nivel­lier­ten Mit­tel­stands­ge­sell­schaft« (Schelsky) besorgt, kon­kret im Rah­men der erfolg­rei­chen Ver­bots­ver­fah­ren gegen die Sozia­lis­ti­sche Reichs­par­tei 1952 und die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei Deutsch­lands 1956. Die­se bei­den bis heu­te ein­zi­gen Par­tei­ver­bo­te der Bun­des­re­pu­blik neh­men sich im Rück­blick jedoch eher als Teil eines grö­ße­ren Plans aus, näm­lich der West­bin­dung inklu­si­ve Wie­der­be­waf­fung und NATO-Bei­tritt; wur­den doch durch die Ver­bo­te die bei­den ein­zi­gen, wenn auch aus unter­schied­li­chen Moti­ven her­aus dezi­diert neu­tra­lis­ti­schen Par­tei­en aus dem Weg geräumt.

Deut­lich nach­hal­ti­ge­re Wir­kung zeig­ten indes die zeit­gleich begin­nen­de Unter­mi­nie­rung des ohne­hin weit­ge­hend hypo­the­ti­schen staat­li­chen Supre­ma­tie­an­spruchs durch ver­schie­dens­te aus dem west­li­chen Aus­land impor­tier­te kul­tu­rel­le Kampf­mit­tel von Kri­ti­scher Theo­rie bis (Post-)Strukturalismus und die damit ver­knüpf­te, zer­set­zen­de Selbst­er­mäch­ti­gung akti­vis­ti­scher Par­ti­ku­lar­kräf­te: »Die Bedro­hung der Frei­heit in der moder­nen Gesell­schaft kommt nicht vom Staat, wie der Libe­ra­lis­mus annimmt, son­dern von der Gesell­schaft«, schrieb Han­nah Arendt in Vita acti­va (1960), und Schmitt gab im Vor­wort zur 1963er Aus­ga­be des Begriffs des Poli­ti­schen bereits alles ver­lo­ren: »Die Epo­che der Staat­lich­keit geht jetzt zu Ende. Dar­über ist kein Wort mehr zu verlieren.«

Daß die ver­blie­be­ne selbst­er­hal­ten­de Gewalt der Bun­des­re­pu­blik poten­ti­ell aus­schließ­lich gegen das ange­stamm­te Staats­volk als am leich­tes­ten beherrsch­ba­re Ziel­grup­pe gerich­tet ist, rührt nur zum Teil aus der Nach­kriegs­la­ge und dem Weh­ren gewis­ser Anfän­ge her. Es schwingt dar­in auch das Ver­sa­gen mit, sich recht­zei­tig poli­tisch an die dras­ti­schen Ver­än­de­run­gen durch Glo­ba­li­sie­rung und tech­no­lo­gi­sche Neue­run­gen anzu­pas­sen. Dem sicher­heits­be­dürf­ti­gen Bür­ger wird das Phar­ma­kon umfas­sen­der öffent­li­cher, digi­ta­ler und bio­me­tri­scher Über­wa­chung offe­riert, ohne daß er ableh­nen könn­te – ein »Schutz«-Wirtschaftszweig, der ille­gi­ti­me Gewalt in kei­ner Wei­se ver­hin­dern kann, son­dern ledig­lich einen vagen Abschre­ckungs­an­spruch erhebt und gleich­zei­tig den Bür­ger selbst als poten­ti­el­les Ziel­ob­jekt katalogisiert.

Das völ­lig über­zo­ge­ne, auf Abschre­ckung zie­len­de Vor­ge­hen gegen die Urhe­ber ein­wan­de­rungs­kri­ti­scher »Haß­pa­ro­len« im Inter­net bei gleich­zei­ti­ger (Juli 2016) Hilf­lo­sig­keit gegen­über ers­ten isla­mis­ti­schen Ter­ror­ak­ten im Land belegt die Fokus­sie­rung des staat­li­chen Appa­rats auf media­le Inhal­te und Wir­kun­gen – Sym­bol­po­li­tik – unter völ­li­ger Ver­ken­nung der ago­na­len Gesamt­si­tua­ti­on. Der »real exis­tie­ren­de Plu­ra­lis­mus, der sich sei­ner Struk­tur­lo­sig­keit rühmt« (Thor v. Wald­stein), hat in sei­ner Ver­men­gungs­ten­denz den Staat zur gesell­schaft­li­chen Grup­pe unter unüber­sicht­lich vie­len in einem extrem vola­ti­len Zusam­men­hang bei simul­ta­nem Ver­schwin­den zwi­schen­staat­li­cher Gren­zen gemacht, und in die­sem Kon­text scheint die Ver­wei­ge­rung einer rea­lis­ti­schen poli­ti­schen Bestands­auf­nah­me und des ent­spre­chen­den Han­delns bis hin zur offen­bar bevor­ste­hen­den Kri­mi­na­li­sie­rung unlieb­sa­mer Infor­ma­ti­ons­an­ge­bo­te – Fake news – selbst ein schwa­cher, ver­zerr­ter Ver­such der Pazi­fi­zie­rung zu sein.

Eine unauf­ge­reg­te Ana­mne­se des bestehen­den sys­te­mi­schen Pro­blems kann offen­bar nur zu einem ernüch­tern­den Schluß gelan­gen: Die Bun­des­re­pu­blik ist in ihrem gegen­wär­ti­gen Zustand – den Wil­len ein­mal vor­aus­ge­setzt – zur poli­ti­schen Eini­gung und Mobi­li­sie­rung gegen eine exis­ten­ti­el­le Bedro­hung, ins­be­son­de­re eine inne­re, gar nicht imstande.

Dazu fehlt ihr schon die Sou­ve­rä­ni­tät, die Grund­la­ge jeder kon­se­quen­ten Ent­schei­dung und Voll­stre­ckung sein muß. Die »natio­na­le Kraft­an­stren­gung« läuft auf die Anpas­sung von Ver­wal­tungs­ab­läu­fen hin­aus, nicht auf grund­sätz­li­che Ver­än­de­run­gen. Die­ser Appa­rat, der zwar über Macht ver­fügt, die Gewalt jedoch von sich weist, mag vie­les sein – er ist und wird aber kei­nes­falls ein »star­ker Staat«, und Schön­heits­kor­rek­tu­ren wer­den das nicht ändern. Schmitt schrieb bereits 1914, kurz vor Beginn der Däm­me­rung der abend­län­di­schen Staat­lich­keit, in sei­ner spä­te­ren Habi­li­ta­ti­ons­schrift Der Wert des Staa­tes und die Bedeu­tung des Ein­zel­nen:

Was inhalts­los ist, kann nicht wider­legt, was ganz im Absur­den steckt, kann nicht ad absur­dum geführt wer­den. Man muß es der Zeit über­las­sen, auf die es sich beruft.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

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