Sezession
1. April 2017

Fällungen, Neuverbindungen: AltRight im Wandel

Nils Wegner

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Seit der Wahl Donald J. Trumps zum 45. Präsident der Vereinigten Staaten am 8. November 2016 hat sich für die außerparlamentarische US- Rechte, die sich weitestgehend unter dem Dachbegriff AltRight versammelt (vgl. Sezession 69), viel geändert. Nicht nur ist mit Stephen Bannon nun jemand oberster Präsidentenberater, der der »Bewegung« nicht gänzlich ablehnend gegenübersteht; nicht nur sehen sich die alternativen Rechten in ihrer scharfen Ablehnung des politisch-medialen Establishments und der illegalen Einwanderung durch die ersten Handlungen und Erlasse Trumps seit seiner Amtseinführung am 20. Januar 2017 bestätigt; nicht nur scheint sich das Overton window des öffentlich Sagbaren tatsächlich verschoben oder weiter geöffnet zu haben. Der Dammbrucheffekt des Wahlergebnisses, das die AltRight halbironisch mit Methoden der Informationsguerrilla herbeigeführt zu haben behauptet, hat zusammen mit dem enorm gestiegenen Medieninteresse auch zu Wandlungen innerhalb der lose zusammenhängenden »Bewegung« selbst geführt.

Die nachhaltigste Wirkung hatten dabei zwei Affären, die zu regelrechten Schismata führten. Den Anfang machte »Hailgate«, ein Vorfall während der Konferenz des National Policy Institute (NPI) in Washington, D.C. am 19. November 2016. Institutspräsident Richard Spencer beendete seine Abschlußrede über die »neue Normalität«, für die man kämpfe, vor den unbemerkt noch laufenden Kameras des Nachrichtenportals The Atlantic mit den Worten »Hail Trump. Hail our people. Hail victory.«, und eine Handvoll der über 200 Gäste antworteten darauf mit dem (in den USA nicht strafbewehrten) römischen Gruß.

Die von den Atlantic-Mitarbeitern umgehend ins Internet gestellten Aufnahmen sorgten für einen internationalen Medienaufruhr und rangen selbst Donald Trump die Aussage ab, er wolle derartigen Gruppen keinen Vorschub leisten. Richard Spencer selbst erklärte seine Worte mit der ausgelassenen, überschwenglichen Stimmung auf der Konferenz und der allgemeinen Hochstimmung über den Wahlsieg Trumps; die ironische Übertreibung der Szene sei offensichtlich und eine Entschuldigung deshalb überflüssig. Etliche seiner Weggefährten sahen das anders:

Während etwa Jared Taylor, Kopf des Magazins American Renaissance und lange Zeit eine Art Mentor Spencers, das Vorkommnis als »schreckliches, schreckliches Pech« bezeichnete und vorsichtig auf Distanz ging, sprangen etliche Trittbrettfahrer der AltRight sofort öffentlichkeitswirksam von Bord: Der Autor von Persönlichkeitsratgebern Mike Cernovich etwa sowie Paul Joseph Watson vom verschwörungstheoretischen Nachrichtendienst Infowars /Pri- sonPlanet monologisierten tagelang auf Twitter darüber, daß sie noch nie in einem Boot mit Spencer gesessen hätten und dieser sehr wahrscheinlich ohnehin ein behördlicher Lockspitzel zur Diskreditierung der »Bewegung« sei.

Diese »Bewegung« selbst aber nahm das Skandälchen großteils mit einem Achselzucken zur Kenntnis oder schlug sich auf die Seite des Angegriffenen. Gemünzt auf Cernovich, Watson und andere »Renegaten« hat sich seitdem die sarkastische Wendung AltLight etabliert – die Bruchlinie verläuft (von rein kommerziellen Interessen einmal abgesehen) zwischen einem Civic nationalism, der den Bürger auf das Vaterland verpflichten will und dem auch Trump selbst zugerechnet wird, und dem streng an Volksgruppen orientierten Ethnic nationalism.

»Hailgate« brachte also neben großem medialen Druck einige Distanzierungen und die häufig wiederholte (nicht eingetretene) Prognose, daß durch den Vorfall die »Marke« AltRight faktisch erledigt sei und es nur noch darum gehe, die US-Republikaner wieder zu einer echt rechtskonservativen Partei zu machen. Auf der positiven Seite hatte die Affäre nicht nur den Effekt einer Klärung der Fronten innerhalb der ständig um ihre eigene Ausrichtung streitenden »Bewegung«: Zusätzlich führten die NPI-Konferenz und ihr Nachspiel Richard Spencer und Jason Reza Jorjani zusammen, den Geschäftsführer des US-Zweigs des »antimodernistischen« Arktos-Verlags aus Schweden, der einer der Redner in Washington gewesen war und aufgrund der Berichterstattung massivem Druck seines akademischen Umfelds ausgesetzt war.


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

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