Fällungen, Neuverbindungen: AltRight im Wandel

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

Seit der Wahl Donald J. Trumps zum 45. Prä­si­dent der Ver­ei­nig­ten Staa­ten am 8. Novem­ber 2016 hat sich für die außer­par­la­men­ta­ri­sche US- Rech­te, die sich wei­test­ge­hend unter dem Dach­be­griff Alt­Right ver­sam­melt (vgl. Sezes­si­on 69), viel geän­dert. Nicht nur ist mit Ste­phen Ban­non nun jemand obers­ter Prä­si­den­ten­be­ra­ter, der der »Bewe­gung« nicht gänz­lich ableh­nend gegen­über­steht; nicht nur sehen sich die alter­na­ti­ven Rech­ten in ihrer schar­fen Ableh­nung des poli­tisch-media­len Estab­lish­ments und der ille­ga­len Ein­wan­de­rung durch die ers­ten Hand­lun­gen und Erlas­se Trumps seit sei­ner Amts­ein­füh­rung am 20. Janu­ar 2017 bestä­tigt; nicht nur scheint sich das Over­ton win­dow des öffent­lich Sag­ba­ren tat­säch­lich ver­scho­ben oder wei­ter geöff­net zu haben. Der Damm­bru­ch­ef­fekt des Wahl­er­geb­nis­ses, das die Alt­Right hal­bi­ro­nisch mit Metho­den der Infor­ma­ti­ons­guer­ril­la her­bei­ge­führt zu haben behaup­tet, hat zusam­men mit dem enorm gestie­ge­nen Medi­en­in­ter­es­se auch zu Wand­lun­gen inner­halb der lose zusam­men­hän­gen­den »Bewe­gung« selbst geführt.

Die nach­hal­tigs­te Wir­kung hat­ten dabei zwei Affä­ren, die zu regel­rech­ten Schis­ma­ta führ­ten. Den Anfang mach­te »Hail­ga­te«, ein Vor­fall wäh­rend der Kon­fe­renz des Natio­nal Poli­cy Insti­tu­te (NPI) in Washing­ton, D.C. am 19. Novem­ber 2016. Insti­tuts­prä­si­dent Richard Spen­cer been­de­te sei­ne Abschluß­re­de über die »neue Nor­ma­li­tät«, für die man kämp­fe, vor den unbe­merkt noch lau­fen­den Kame­ras des Nach­rich­ten­por­tals The Atlan­tic mit den Wor­ten »Hail Trump. Hail our peop­le. Hail vic­to­ry.«, und eine Hand­voll der über 200 Gäs­te ant­wor­te­ten dar­auf mit dem (in den USA nicht straf­be­wehr­ten) römi­schen Gruß.

Die von den Atlan­tic-Mit­ar­bei­tern umge­hend ins Inter­net gestell­ten Auf­nah­men sorg­ten für einen inter­na­tio­na­len Medi­en­auf­ruhr und ran­gen selbst Donald Trump die Aus­sa­ge ab, er wol­le der­ar­ti­gen Grup­pen kei­nen Vor­schub leis­ten. Richard Spen­cer selbst erklär­te sei­ne Wor­te mit der aus­ge­las­se­nen, über­schweng­li­chen Stim­mung auf der Kon­fe­renz und der all­ge­mei­nen Hoch­stim­mung über den Wahl­sieg Trumps; die iro­ni­sche Über­trei­bung der Sze­ne sei offen­sicht­lich und eine Ent­schul­di­gung des­halb über­flüs­sig. Etli­che sei­ner Weg­ge­fähr­ten sahen das anders:

Wäh­rend etwa Jared Tay­lor, Kopf des Maga­zins Ame­ri­can Renais­sance und lan­ge Zeit eine Art Men­tor Spen­cers, das Vor­komm­nis als »schreck­li­ches, schreck­li­ches Pech« bezeich­ne­te und vor­sich­tig auf Distanz ging, spran­gen etli­che Tritt­brett­fah­rer der Alt­Right sofort öffent­lich­keits­wirk­sam von Bord: Der Autor von Per­sön­lich­keits­rat­ge­bern Mike Cer­no­vich etwa sowie Paul Joseph Wat­son vom ver­schwö­rungs­theo­re­ti­schen Nach­rich­ten­dienst Info­wars /Pri- son­Pla­net mono­lo­gi­sier­ten tage­lang auf Twit­ter dar­über, daß sie noch nie in einem Boot mit Spen­cer geses­sen hät­ten und die­ser sehr wahr­schein­lich ohne­hin ein behörd­li­cher Lock­spit­zel zur Dis­kre­di­tie­rung der »Bewe­gung« sei.

Die­se »Bewe­gung« selbst aber nahm das Skan­däl­chen groß­teils mit einem Ach­sel­zu­cken zur Kennt­nis oder schlug sich auf die Sei­te des Ange­grif­fe­nen. Gemünzt auf Cer­no­vich, Wat­son und ande­re »Rene­ga­ten« hat sich seit­dem die sar­kas­ti­sche Wen­dung Alt­Light eta­bliert – die Bruch­li­nie ver­läuft (von rein kom­mer­zi­el­len Inter­es­sen ein­mal abge­se­hen) zwi­schen einem Civic nationalism, der den Bür­ger auf das Vater­land ver­pflich­ten will und dem auch Trump selbst zuge­rech­net wird, und dem streng an Volks­grup­pen ori­en­tier­ten Eth­nic natio­na­lism.

»Hail­ga­te« brach­te also neben gro­ßem media­len Druck eini­ge Distan­zie­run­gen und die häu­fig wie­der­hol­te (nicht ein­ge­tre­te­ne) Pro­gno­se, daß durch den Vor­fall die »Mar­ke« Alt­Right fak­tisch erle­digt sei und es nur noch dar­um gehe, die US-Repu­bli­ka­ner wie­der zu einer echt rechts­kon­ser­va­ti­ven Par­tei zu machen. Auf der posi­ti­ven Sei­te hat­te die Affä­re nicht nur den Effekt einer Klä­rung der Fron­ten inner­halb der stän­dig um ihre eige­ne Aus­rich­tung strei­ten­den »Bewe­gung«: Zusätz­lich führ­ten die NPI-Kon­fe­renz und ihr Nach­spiel Richard Spen­cer und Jason Reza Jor­ja­ni zusam­men, den Geschäfts­füh­rer des US-Zweigs des »anti­mo­der­nis­ti­schen« Arkt­os-Ver­lags aus Schwe­den, der einer der Red­ner in Washing­ton gewe­sen war und auf­grund der Bericht­erstat­tung mas­si­vem Druck sei­nes aka­de­mi­schen Umfelds aus­ge­setzt war.

Die bei­den Publi­zis­ten ant­wor­te­ten auf den poli­tisch kor­rek­ten Beschuß mit einem Schul­ter­schluß und star­te­ten am 16. Janu­ar die Inter­net­platt­form altright.com, die sich der Zusam­men­füh­rung der bes­ten Köp­fe und Autoren der Alt­Right und euro­päi­schen Neu­en Rech­ten ver­schrie­ben hat. Das Pro­jekt ruht glei­cher­ma­ßen auf den Schul­tern Spen­cers (NPI, Radix-Netz­ma­ga­zin und Ver­lag Washing­ton Sum­mit Publis­hers), des Arkt­os-Ver­lags und des eben­falls schwe­di­schen Mul­ti­me­dia­por­tals Red Ice, das ins­be­son­de­re für Inter­net-Live­streams von rech­ten Groß­ver­an­stal­tun­gen ver­ant­wort­lich zeichnet.

Das zwei­te Ereig­nis ver­setz­te der Alt­Light einen har­ten Schlag: Deren Aus­hän­ge­schild Milo Yianno­pou­los, Star in den sozia­len Medi­en und Redak­teur des alter­na­ti­ven Nach­rich­ten­por­tals Breit­bart (vgl. Sezes­si­on 75), wur­de mit dem Vor­wurf der Recht­fer­ti­gung sexu­el­len Kin­des­miß­brauchs öffent­lich­keits­wirk­sam ver­senkt. Am 19. Febru­ar ver­öf­fent­lich­te ein der Repu­bli­ka­ni­schen Par­tei zuge­ord­ne­ter Twit­ter-Account namens »The Rea­gan Bat­tali­on« Aus­zü­ge eines zu Jah­res­be­ginn auf­ge­zeich­ne­ten Video­in­ter­views, in dem der selbst homo­se­xu­el­le »Zieh­sohn von Ste­ve Ban­non« (ZEIT) Yianno­pou­los in bezug auf Sex zwi­schen Leh­rern und min­der­jäh­ri­gen Schü­lern erklär­te, daß die »will­kür­li­che und unter­drü­cke­ri­sche Vor­stel­lung von Ein­ver­nehm­lich­keit« völ­li­ger Unsinn sei. Ins­be­son­de­re in schwu­len Bezie­hun­gen könn­ten Min­der­jäh­ri­ge vom Kon­takt zu älte­ren Män­nern pro­fi­tie­ren und zu ihrer eige­nen Iden­ti­tät finden.

Der sofor­ti­ge media­le Auf­schrei blieb auch dies­mal nicht aus: Die selbst­er­nann­te »gefähr­li­che Schwuch­tel« wur­de umge­hend von der kurz bevor­ste­hen­den »Kon­fe­renz kon­ser­va­ti­ver Akti­vis­ten und Poli­ti­ker« (CPAC) aus­ge­la­den, auf der er neben Ban­non, Trump höchst­per­sön­lich sowie Vize­prä­si­dent Mike Pence hät­te spre­chen sol­len; der Ver­lags­rie­se Simon & Schus­ter lös­te den Ver­trag über das für März 2017 geplan­te Yianno­pou­los-Buch Dan­ge­rous auf, für das ein Vor­schuß von angeb­lich 250.000 Dol­lar gezahlt wor­den war.

Nur zwei Tage nach dem Eklat erklär­te der plötz­li­che Paria auf einer eigens anbe­raum­ten Pres­se­kon­fe­renz in New York, sei­ne Aus­sa­gen sei­en in Tei­len falsch gewe­sen, aber auch aus dem Zusam­men­hang geris­sen; er sei als Jugend­li­cher selbst Opfer sexu­el­len Miß­brauchs durch einen Pries­ter gewor­den und habe sich wegen sei­nes Opfer­sta­tus ange­maßt, mit sei­nen Äuße­run­gen die Gren­ze des Anstands zu über­schrei­ten. Den­noch: Im glei­chen Atem­zug trat er von sei­nem Pos­ten bei Breit­bart zurück, nach eige­ner Dar­stel­lung: um durch den Tru­bel um sei­ne Per­son nicht die wich­ti­ge Arbeit sei­ner Kol­le­gen zu über­schat­ten. Sein Buch wer­de nichts­des­to­we­ni­ger erschei­nen, wenn auch vor­aus­sicht­lich erst Mit­te des Jahres.

Ange­sichts der Schwe­re der Vor­wür­fe stell­ten sich nur weni­ge kon­ser­va­ti­ve Kom­men­ta­to­ren auf die Sei­te des Geschol­te­nen, dar­un­ter der deut­sche homo­se­xu­el­le Theo­lo­ge und Jun­ge-Frei­heit-Autor David Ber­ger; die »har­te« Alt­Right, von der sich Yianno­pou­los zuvor mehr­fach distan­ziert hat­te und die in ihrer Bewer­tung sei­ner Per­son seit jeher zwi­schen »Tür­öff­ner« für rechts­al­ter­na­ti­ves Gedan­ken­gut und »kul­tur­li­ber­tä­rer Schaum­schlä­ger« schwank­te, kom­men­tier­te sei­nen tie­fen Fall mit Genug­tu­ung und gele­gent­li­cher Häme. Richard Spen­cer sei­ner­seits nann­te die zitier­ten Aus­sa­gen Yianno­pou­los’ in einem Video (»Milo geht in Flam­men auf«) für altright.com »ekel­er­re­gend« und »absto­ßend«. Gleich­zei­tig sam­melt er der­zeit Spen­den, um im Lau­fe des Jah­res nach dem Vor­bild der »Dangerous-Faggot«-Tour von Yianno­pou­los sei­ne eige­ne »Danger-Zone«-Tour durch US-Uni­ver­si­tä­ten zu veranstalten.

Anstoß dazu war ein Vor­trag mit aus­führ­li­cher, sehr streit­lus­ti­ger Dis­kus­si­on (im Netz in vol­ler Län­ge doku­men­tiert), den er trotz mas­si­ver Pro­tes­te und Gegen­ak­tio­nen am Niko­laus­tag 2016 an der staat­li­chen Texas Uni­ver­si­ty in Col­le­ge Sta­ti­on hal­ten konn­te. Viel­leicht wird er auch nach Euro­pa fin­den: In die­sem Jahr läuft das 2014 gegen ihn erlas­se­ne Ein­rei­se­ver­bot in den Schen­gen­raum aus. Eine geplan­te Ver­an­stal­tung mit Milo Yianno­pou­los auf dem Cam­pus des lin­ken aka­de­mi­schen Her­zens der USA, der Uni­ver­si­tät von Ber­ke­ley, führ­te am 1. Febru­ar 2017 ihrer­seits zu bür­ger­kriegs­ar­ti­gen Aus­schrei­tun­gen von Anti­fa und ande­ren radi­ka­len Grup­pen; sie wur­de schließ­lich aus Sicher­heits­grün­den abgesagt.

Die Alt­Right ist weder »am Ende«, noch hat sie bis­lang ihre end­gül­ti­ge Form gefun­den. Wir wer­den ihren Trans­for­ma­ti­ons- und Wand­lungs­pro­zeß noch län­ge­re Zeit beob­ach­ten kön­nen; zu groß ist das Spek­trum der ver­tre­te­nen Grup­pen und Welt­an­schau­un­gen, als daß sich schnell Einig­keit her­stel­len lie­ße. Bis dahin wird sie in jedem Fall wei­ter die Medi­en und das Inter­net vor sich her­trei­ben: Eine Rei­he von Doxes (das Ent­hül­len von Klar­na­men und Adres­sen von im Netz pseud­onym agie­ren­den Per­so­nen), die Medi­en und Anti­fa in der ers­ten Janu­ar­hälf­te ver­an­stal­te­ten und denen u.a. der schot­ti­sche Vlog­ger »Mil­le­ni­al Woes« zum Opfer fiel, zeugt von einer Eska­la­ti­ons­spi­ra­le sei­tens der Inha­ber einer schwin­den­den Dis­kur­s­ho­heit. Es bleibt alle­mal span­nend um die rech­te Kommunikationsguerilla!

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

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