1. August 2017

Der Fall Sieferle

Gastbeitrag

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  • Sezession
1
Es gilt, Bilanz zu ziehen aus rund sechs Dutzend Artikeln, Blogs, Statements, Interviews, Leser- oder offenen Briefen. So viele Medienäußerungen aus einer wohl noch größeren Menge liegen mir vor zu Rolf Peter Sieferles 2017 posthum erschienenem Antaios-Bändchen Finis Germania. (Seine zeitgleich bei Manuscriptum publizierte Studie Das Migrationsproblem wurde zuweilen mitthematisiert.) Die Anzahl der Diskussionsbeiträge, vor allem aber die dabei entfesselte, teils pathologische Erregung zeigt die Kontroverse – analog zu zwei Grass-Debatten (Sezession 19 /2007; 48 /2012) – als Modellfall politischen Streits in Deutschland. Dabei habe ich den Verlagswunsch nach einem Beitrag selten so fern jeglichen dialektischen Vergnügens erfüllt. Wirft doch die deprimierende Einfallslosigkeit der Anwürfe zunehmend die Sinnfrage auf, sich mit dergleichen analytisch auch nur zu beschäftigen. Lohnt doch zu argumentieren nur in einer Sphäre des Geistes, nicht aber dort, wo es ausschließlich um Macht geht.

2.
Zum Verlauf: Zunächst wurden die Bücher nach gängiger konformistischer Ausgrenzungspraxis im Mainstream weitgehend ignoriert. Dann blamierte sich Jan Grossarth in der FAZ vom 12. Mai 2017 mit einem bemerkenswert unseriösen Artikel unter dem sprechenden Titel »Am Ende rechts«, was Michael Klonovsky (a.d. 14. Mai) zu einer geharnischten Replik veranlaßte. Besonders wegen Grossarths biographischer Fake News schrieb Sieferles Freund Raimund Kolb einen scharfen Leserbrief, den die FAZ erwartungsgemäß nicht abdruckte. Ersatzweise boten Lichtschlags eigentümlich frei (18. Mai), Klonovskys Acta diurna (22. Mai) und Sezession (23. Mai) dem Brief eine Internetplattform. Auch Thorsten Hinz (JF 26. Mai) nahm für den Verleumdeten Partei.

Die Diskussion explodierte, als Finis Germania auf der Empfehlungsliste des Norddeutschen Rundfunks auftauchte, was umgehend skandalisiert wurde. Als verläßlicher »Minenhund« zur Hetze figurierte ein »Rechtsextremismusexperte« der taz, der die Journalistenmeute auf Kurs brachte. Inzwischen kletterte das Buch allerdings auf den Spitzenplatz der Amazon-Verkaufsliste, was die Wut systemkonformer Angriffe noch steigerte. »Rechtsruck im Feuilleton?« fragte der Deutschlandfunk am 12. Juni. Eine Säuberungswelle ergoß sich von taz bis FAZ, von Spiegel bis Tagesspiegel, von ZEIT bis zur Süddeutschen, Welt oder Stern sowie etlichen Staatsfunk-Sendern.

Welcher Schurke, wurde gefahndet, hatte solche »ekelhafte wie stellenweise unverständliche Endzeitdiagnostik« (Hintermeier FAZ 12. Juni) empfohlen? NDR, die kooperierende Süddeutsche und fast alle Jurymitglieder hißten schnellstens ein »Rette-sich-wer- kann«-Banner und distanzierten sich. Jens Bisky (SZ) trat sogar aus.

Binnen fünf Tagen war als Schuldiger ein Spiegel-Redakteur aus der Deckung gejagt und umgehend zu Selbstkritik und zum Verlassen der Jury genötigt. Die wenig fürsorgliche Redaktion dementierte jedes »Verständnis« und watschte ihren langjährigen Mitarbeiter öffentlich ab. Andere Medien zeigten Häme über die scheinbar verstrickten Organe oder mahnten Konsequenzen an. Dazu gehört die Überarbeitung der Kriterien der Jury.

Denn man soll Meinungs- bzw. Entscheidungsfreiheit nicht übertreiben, wenn dies zu so ungewollten Ergebnissen führt (vgl. a.d. 12. Juni). Wer sich je mit kommunistischen Reinigungsorgien beschäftigt hat, erlebte ein schmerzliches Déjàvu und mußte Ekelgefühle unterdrücken. Schließlich drohen ja, so sehr Ausgrenzung schmerzt, noch keineswegs Bautzen oder Gulag.

3.
Hier wäre Raum, die häufigsten Argumentationsmuster gegen Sieferle vorzustellen. Aber was bei Grass noch taugte, weil selbst im Mainstream kontrovers diskutiert wurde, lohnt diesmal  nicht.  Denn von wenigen Ausnahmen abgesehen, reduziert sich die Argumentation der Blockmedien auf die Anklage: Das darf man nicht sagen, weil es gefährlich, »rechts«, »rechtsradikal«, »rechtsextremistisch« bzw. »antisemitisch« ist. Oder: Das wollen wir nicht lesen, weil es in Verlagen erscheint, die wir »zivilgesellschaftlich« tabuisieren. Und ein Autor, der sich daran nicht hält, schreibt auch gewiß ganz miserabel oder gar »subterrestrisch« – gemäß delikater Wortwahl eines Drei-Groschen-Polemikers der ZEIT.

In den späten 1980ern habe ich als Forscher mal rund 15000 Seiten nationalsozialistischer Rezensionsorgane durchgesehen. In der Regel zeigten alle dortigen Kritiken das gleiche Desinteresse an der Komplexität von Werken zugunsten der dominierenden Frage nach befolgter oder verfehlter ideologischer Orthodoxie. Legionen von Philologen, Historikern und »Wissenschaftlern« aller Sparten, ausgebildet in Abertausenden von Seminaren, kümmert einzig die politische Gesinnung, um die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen zu stecken. An solches Banausentum erinnerten viele der aktuellen Attacken auf Sieferle.

4.
Es fällt auf, mit welcher Skrupellosigkeit Gutmenschen zur Denunziation bereit sind. Im günstigsten Fall wird hämisch referiert. Üblicher sind kontextlose Verkürzungen, haltlose Verdächtigungen durch scheinverfängliche Zitate und böswillige Lesarten. Einige sind dankenswerterweise durch Textgegenüberstellungen von Original und fahrlässiger Auslegung dokumentiert. Ich verweise exemplarisch auf Frank Bökkelmann (Tumult 19. Juni), Kubitschek (SiN 12. Juni) sowie Klonovsky (a.d. 14. Mai, 12. Juni; vgl. auch sein Sieferle stützendes Zitat von Yuri Slezkine 28. Juni). Von biographischen Fehlinformationen (z. B. durch Grossarth) war schon die Rede.

Dadurch wird Sieferle als altersverbittert, krank und infolgedessen als vermindert zurechnungsfähig dargestellt. Wohl eine demokratisch abgemilderte Variante politischer Psychiatrisierung. Editorische Verdächtigungen gegen den Verlag oder strafrechtliche Kontaminierungen schließen sich an – Produkt einer Debattenkultur, bei der Flachdenker mehr oder weniger bewußt den Unterschied zwischen Mythos und Lüge, zwischen Kritik an der Sakralisierung des Holocaust und seiner Leugnung aufheben. Der Tagesspiegel unterfüttert eine derartige Verleumdung noch durch ein Auschwitz-Foto mit der aberwitzigen Bildunterschrift: »Für den rechtsradikalen Historiker Rolf Peter Sieferle nur ein ›Mythos‹.«

In der ZEIT vom 22. Juni lebt Benedikt Erenz, fern von Textbezügen, seine antikonservativen Phobien ungehemmt aus, wozu auch gehört, Sieferles Haltung im Kontext zu Horst Mahlers politischem Wandel zu betrachten (desgleichen Aguigah: Deutschlandfunk 12. Juni). Merkels beflissenen Hofpolitologen Herfried Münkler wiederum treibt die Furcht um, als Jury-Mitglied durch einen Anrüchigen in »Geiselhaft« genommen zu werden.

Dabei hat er noch 2014 ein verdienstvolles Weltkriegsbuch verfaßt, dessen Einbettung in die Systemhistoriographie sich allenfalls durch Amnesie gegenüber der alliierten Einkreisung Deutschlands verriet. Jetzt pöbelt er gegen Sieferles letztes Werk und unterstellt ohne jegliches Indiz, der posthume Text könne auch Produkt verlegerischer Nachbereitung sein (Deutschlandfunk 16. Juni; vgl. Kubitscheks offenen Brief 16. Juni). Schlimmer noch, seine perfiden Insinuierungen von antisemitischen, möglicherweise strafbaren Inhalten disqualifizieren ihn als Wissenschaftler: durch entsolidarisierende Verunglimpfung eines verstorbenen Kollegen ebenso wie durch ein Textverständnis, das ich vor meiner Entpflichtung selbst Proseminaristen nicht hätte durchgehen lassen.

Paradoxerweise wurde im Vorfeld der Debatte Münkler selbst Opfer einer absurden Kampagne. Er hat daraus nichts oder eben Anpassung gelernt, und wir brauchen uns um seine künftige Reputation auch gewiß keine Sorgen zu machen. Wer mitten im Mainstream schwimmt und gesinnungsmäßig zur Inquisition gehört, bedarf keiner Verteidigung, wenn er ausnahmsweise mal durch noch durchgeknalltere »Bewältiger« attakkiert wird.

5.
Warum schaden solche Peinlichkeiten den BRD-»Intellektuellen« nicht? Eine (keineswegs zynische) Begründung liegt darin, daß auch im Kulturbereich die evolutionäre Selektion meist nicht die Besten, sondern die Angepaßtesten in Spitzenstellungen schwemmt. Darüber hin- aus jedoch spielt für diese journalistischen Marionetten ein zumindest erspürter gesellschaftspolitischer Auftraggeber im Hintergrund eine zentrale Rolle.

Anders ist kaum zu erklären, warum selbst bei früheren Qualitätsmedien intellektuelle und nicht zuletzt ethische Mindeststandards folgenlos unterboten werden dürfen, falls es die »Bösen« trifft. Warum es etwa einen Gustav Seibt (samt nachplappernden Ignoranten wie Harry Nutt, Frankfurter Rundschau 23. Juni) nicht den Job oder zumindest seinen Ruf kostet, wenn er wahrheitswidrig behauptet, der verfemte Band habe kein Nachwort, was kaum dafür spricht, daß er ihn überhaupt in Händen hielt.

Wenn er gleichzeitig in schamloser Offenheit eigene frühere Sieferle-Elogen desavouiert (a.d. 15. Juni) oder davor warnt, daß solche Bücher an Leute gelangen, »die gar nicht theoriebildend zu denken imstande sind« (Deutschlandfunk 12. Juni). So dachten zu anderen unseligen Zeiten nämlich schon andere »Fürsorgliche«, wenn sie Bücher verboten, konfiszierten oder einen Index Librorum erstellten.

Oder betrachten wir einen Eckhard Fuhr, der in den 1990ern, als sich die FAZ noch konservativ gab, durch couragierte Artikel gegen das stickige Meinungsklima in Deutschland aufbegehrte und auch in  Sachen Zeitgeschichte ein wenig gegen den Stachel löckte. Jetzt, umgesattelt zu Springer, hat er sich als Beitrag zur Sieferle-Schelte etwas ausgesprochen Groteskes ausgedacht (Die literarische Welt 16. Juni). Danach hat der Autor von Finis Germania nämlich die bundesrepublikanische Bewußtseinsentwicklung schlicht verschlafen. Die Kritik am »Mythos Auschwitz« und »einem durch und durch ritualisierten historischen Gedenken« sei zwar, wie die Fälle Jenninger und Martin Walser belegen,

»in den Achtziger- und Neunzigerjahren nicht ganz unberechtigt« gewesen. (»Nicht ganz unberechtigt« – welch apart-diskrete Wortwahl!) Aber heute sei der ganze Völkermord-Komplex längst historiographisch

»kontextualisiert«. Mehr noch: »So wenig sanktionsbewehrte mythische Wahrheit […] gab es noch nie. Und die Deutschen als ewiges Tätervolk existieren nur noch in der völkisch verbohrten Vorstellungswelt eines Rolf Peter Sieferle.« War da nicht einmal ein Joschka Fischer, der Auschwitz zum bundesdeutschen Gründungsmythos erhob, oder wirkt von ihm gar nichts nach?

Lektion gelernt und Auftrag erfüllt, möchte man Fuhr kommentieren oder diesen abgeklärten Gegenwartsdiagnostiker bitten, die ungeheure Aufregung zu erklären, falls jemand einmal anderes verficht. Was haben Rufe nach dem Kadi, dutzendfach angemahnte Konsequenzen für die am »Skandal« Beteiligten oder herdenhafte Dementis jeglicher Gemeinsamkeit mit solchen Gedankenverbrechen mit einer herrschaftsfrei entspannten Geschichtsdebatte zu tun? Illustriert die doch vielmehr, wie strangulierend auch Wissenschaft und Medien einer postdemokratischen Frontstellung unterworfen sind. In der Politik wie der ihr zuarbeitenden Kultur dreht sich leider fast alles um Alternativlosigkeit und Gleichschaltung.

Nicht um Wahrheitsfindung, sondern Vernichtung von »Irrlehren« und eine Hetzjagd, von der Andreas Lombard warnt, sie »geht uns alle an« (JF 23. Juni). Nur in Ketzerverfahren ist für Orthodoxe jedes Mit- tel erlaubt. Wohin das führen soll und vermutlich auch führt, wenn sich nicht zu später Stunde noch erheblich mehr Freiheitsbewußte einmischen, darüber sind keine Illusionen erlaubt. Klonovsky jedenfalls hat es aus seiner DDR-Erfahrung noch im Blut:

»War es schon drollig, dass der Spiegel-Chefredakteur K. Brinkbäumer das Land wissen ließ, welches Buch ein Angestellter seines Hauses zu empfehlen hat, pflichtet dem nun [mit Gustav Seibt] ein Autor bei, also ei- ner, der sich schon seiner Standesehre wegen eigentlich hinstellen müsste und sagen: Nun ist aber gut, wir leben in einem freien Land, und ein Juror kann jedes Buch empfehlen, das er will, sofern es nicht explizit verboten ist, weil darin zum Beispiel zum Analsex mit unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten oder zur Ermordung der AfD-Spitze aufgerufen wird.

Was mag Seibt widerfahren sein, dass aus dem ›unerschrockenen Denker‹ Sieferle ein ›erschreckender‹, aus dem ›großen Autor‹ ein ›nicht völlig unbedeutender‹, also quasi ein Ranggenosse Seibts werden konnte? Haben ihm die Häscher der Reichsschrifttumskammer die Instrumente gezeigt? Hat ihn ein Büttel der Agitationskommission im dunklen Flur der SZ erschreckt? Man muss diesen Leuten, die ja selber nie in einer Diktatur gelebt haben, immer wieder unter die Nase reiben, dass sie gerade dabei sind, eine zu errichten, Steinchen auf Steinchen, Denunziatiönchen für Denunziatiönchen, Verbötlein für Verbötlein, und zwar mit exakt denselben Worten, mit denen zum Beispiel in Honeckers Drecksstaat feindlich-negative Personen traktiert wurden« (a.d. 15. Juni).

6
Finis Germania läßt sich nur im Original und nicht über seine Kritiker kennenlernen. Denn die haben den Textsinn dermaßen entstellt, daß man annehmen könnte, wir redeten über unterschiedliche Bücher. Rekapitulieren wir also in aller Kürze die Essenz des Bändchens, wobei die Fülle der Reflexionen aus Raumgründen nicht einmal skizziert werden kann. Im Zentrum steht eine Dekadenzanalyse, die in Kolbs

Nachwort wie folgt umrissen wird:

»Wir werden dominiert von instabilen, verhaltensunsicheren und arm an Selbstbewußtsein agierenden ›Herrschaftseliten‹ mit einem vom tief-verwurzelten Sozialdemokratismus geprägten ›kleinbürgerlich-amorphen Politikstil‹. Ein in alle Lebensbereiche sich hineinfressender Relativismus und eine zivilreligiös mit ›Auschwitz‹ aufgeladene Kollektivschuld inklusive dem Gebot permanenter Buße bedrängen unser ohnehin zu Furcht, Angst und gelegentlich Panik neigendes ›Hühner-Volk‹, das Volk der Nazis, das als ›negativ auserwähltes Volk‹ seine einzige Bestimmung im Verschwinden aus der realen Geschichte findet und sich entsprechend zu fügen weiß.

Damit ist auch Deutschlands Rolle in der Weltgeschichte besiegelt. Die einst bürgerliche Gesellschaft erreicht mit der Negation des Eigenen ein naturwüchsiges Stadium: ›Nachdem das Aas des Leviathan verzehrt ist, gehen die Würmer einander an den Kragen.‹ – Gemeint ist ein Rückfall auf das Niveau von Multitribalismus und der ihm inhärenten Agonalität.« (103f.)

Der Kern dieser Botschaft ist nicht einmal neu. So stammt etwa eine frühe Analyse der Schuldreligion aus Sartres Drama Die Fliegen, wobei der Autor eine Applikation auf deutsche Verhältnisse ausdrücklich billigte. Im Gegensatz zum französischen Freiheitsphilosophen hat übrigens Sieferle die dahinterliegenden Interessen und Interessenten kaum fokussiert. Dafür hat er – in originellen Formulierungen und aphoristischen Pointierungen – durchdekliniert, was »Vergangenheitsbewältigung« als Teil einer politischen Theologie konkret bedeutet und zu welchen Widersprüchen sie führt.

7.
Welche anspruchsvolle Diskussion hätte sich darüber führen las- sen, jenseits von dogmatischen Sackgassen und Empörungsritualen!

Mit erfrischender Klarheit charakterisiert Sieferle die Theorie eines deutschen Sonderwegs als historiographische Simplifizierung aus Siegerper- spektive. Eine vergleichbare Distanz zu gängigen Urteilen hätte ich mir jedoch auch gewünscht, wo er deutsche Defizite einer durch Niederlagen und Revolutionen verunsicherten Herrschaftsschicht beklagt. Das ist nicht falsch, aber ergänzungsbedürftig.

Schließlich erscheint mir etwa der damit häufig verglichene Gentleman-Typ, statistisch gesehen, eher als Literaturprodukt denn als Alltagsrealität. Wer somit Kohls »Birnen«-Image für symptomatisch hält, muß das whiskygeprägte Bulldoggengesicht eines Churchill ausblenden. Und wer den Pariser Geschmack zum Nonplusultra erhebt, meidet besser den Eindruck so mancher Friedhofskunst oder durch Napoleon-Porzellane gekrönter bourgeoiser Wohnungen. Ohnehin ist Versailles als Vorbild nicht jedermanns Sache.

Und wenn Sieferle bei unserer herrschenden Klasse einen kleinbürgerlichen Polit- und Lebensstil konstatiert, wäre dies ein läßlicher Vorwurf. Stand Preußen doch, abgesehen von Gründerzeit-Pomp, für eine Gesellschafts- und Staatsidee nicht zuletzt der kleinen Leute. Zu- mindest dem Ethos nach zählten Werte wie öffentliche Sparsamkeit, An- stand, Bescheidenheit, Pflichtbewußtsein und das sprichwörtliche »mehr sein als scheinen«.

Ich tauschte sie gerne zurück gegen die aktuelle Überhebung, die Merkel als (Klima-)Retterin des Erdballs feiert, als Cherub gegenüber den Dunkelmächten einer entgleisten populistischen Welt. Denn inzwischen herrscht in Deutschland eine gar nicht mehr verschüchterte politi- sche Klasse. Ihren untherapierten Schuldkomplex besitzt sie zwar weiter. Aber aus ihm erwuchs wie Phönix aus der Asche ein neues internationales Selbstbewußtsein, kombiniert aus Wirtschaftserfolg und »Humanitäts«- Export. Weltweit lebt keine Länderelite Multikulti und Moralimperialismus fanatischer. Diesmal soll am deutsch-globalesischen Wesen »die Welt genesen«. Und mag unsere Dauerpräsenz düsterer Vergangenheit au- ßenpolitisch auch manche Erpressung erleichtern, innenpolitisch dient sie einer Politclique als Allzweckwaffe, um ihre Herrschaft alternativlos zu verdauern.

Allen Reueritualen zum Trotz fühlen sich unsere Zuchtmeister übrigens kaum persönlich betroffen. Vielmehr delegieren sie Schuld und Schulden gemäß Weizsäckers Aristrokraten-Attitüde auf das stets ein wenig verachtete Volk. Ihm gilt ihr Mißtrauen, seiner heimat- und nationbezogenen »Rückständigkeit« und überkommenen Ästhetik. Demgegenüber favorisiert unsere »Elite« traditionslose Zukunftsprojekte und Kosmopolis-Fiktionen vom Ende der Geschichte. Ihre Buch- und Kunstpreise zeugen ebenso davon wie die freudvolle Kapitulation vor dem Einbahnstraßen-Import einer ausländischen Unterhaltungsindustrie. Ein staatlich hochsubventioniertes Agitationstheater garantiert den Fortbestand einer Kreisch- und Schrill-Dramaturgie auch als Mittel »zivilgesellschaftlicher« Dressur. Man kauft – teils als Geldanlage – diverse Beuys, Manzonis oder Richters und vertraut ihrer bewunderten Selbstvermarktung als Kunst.

Eine Monumentalarchitektur, wie wir sie etwa im neuen Berlin bestaunen können, verkörpert in Reinkultur den technokratischen Geist heutiger Menschheitsplaner à la Goldman Sachs, Draghi, Soros oder anderer Finanz- oder Industrietycoons. Und in ihrem Dunstkreis bewegen sich, hinlänglich fasziniert oder ihre Macht in Kauf nehmend, jene Merkels und Schulz’, Schwesigs und Göring-Eckardts, Klebers, Maischbergers, Bedford-Strohms und als letzter Schrei der ungeistig-fanatische Zensor Maas, der ohne Amt und Maßanzüge gar nichts wäre.

Als Sieferle kurz nach der Wende und bis etwa 1997 die Miszellen für Finis Germania schrieb, war dieser Typus noch unausgereift. Zudem beeinträchtigten ästhetische Vorbehalte die Diagnose. Doch die zählen wenig in der Sphäre der Macht. Denn die bedingungslose Auslieferung an die Moderne und Traditionslosigkeit als Lebensstil sind ja letztlich gewollt. »Geschichte ist Mumpitz« heißt es bereits in Brave New World, für uns Deutsche ergänzt durch eine tägliche Dosis Horrorpädagogik mit 1933 bis 1945 als dominierendem historischen Bezugspunkt.

Als Ideal grassiert der national indifferente, eurokratisch oder uni- versalistisch gestylte Einheitsmensch. Wir begegnen ihm in ICEs, auf Flughäfen oder abgezirkelten Luxusghettos, schon beim Frühstück via Smartphone die neuen Direktiven einsaugend oder ausgebend, Rolex, PC- Trolley oder Gucci-Tasche als Erkennungsmerkmal, selbst »zu Hause« Englisch parlierend oder wenigstens Denglish. Schon physiognomisch charakterisiert durch die zweckoptimistische No-problem-Maske: »Yes, we can« oder »Wir schaffen das«. Dies ist fraglos ein sich selbst gewisser Herrschaftsstil, dessen Pose sogar von den Jüngsten imitiert wird. Und  so sehr er global verbreitet und entliehen ist, charakterisiert er Deutsche doch besonders. Denn die Elite keines anderen Volks hat ihn so adaptiert als Befreiung und wie eine zweite Haut.

8

Reden wir über Erfreuliches! Die außergewöhnliche Infamie und Unsachlichkeit, mit der ein zuvor wohlrenommierter Gelehrter noch im Grabe vernichtet werden soll, hat etwas Positives bewirkt. Endlich vergaßen alternative Organe und Publizisten ihre persönlichen oder programmatischen Differenzen, vereint im Bekenntnis gegenüber einem immer totalitärer verlaufenden Diskurs, von der Jungen Freiheit bis zur Sezession, von Tumult bis zu eigentümlich frei, von COMPACT bis zur Blauen Narzisse und diversen Netz-Plattformen. Als beredte Verteidiger Sieferles nenne ich stellvertretend Konrad Adam, Frank Böckelmann, Thorsten Hinz, Michael Klonovsky, Felix Krautkrämer, Martin Lichtmesz, André Lichtschlag, Andreas Lombard, Thorsten Thaler oder Karlheinz Weißmann. Der Cicero-Chefredakteur Christoph  Schwennicke (19. Juni), Jürgen Fritz vom European (25. Juni), Burkhard Müller-Ulrich (Deutschlandfunk 16. Juni) oder Rüdiger Safranski (Deutschlandfunk 25. Juni) geißelten jenen unfrei-hysterischen Debattenstil und seine skandalösen Simplifizierungen. Daß sie dafür nun selbst unter Beschuß gerieten, wußten sie vermutlich schon vorher.

9.
Von Finis Germania wurden bislang 25000 Exemplare bestellt – eine für ein Theoriebändchen sensationelle Ziffer. André Lichtschlag sah darin und im Ausbau des boykottierten Verlags Antaios den Triumph einer Selbstregulierung durch den Markt. Das trifft zu, ist aber an zwei Voraussetzungen geknüpft, deren Garantie leider in Frage steht: daß nämlich ein tatsächlicher Wettbewerb aufrechterhalten werden kann und nicht massive staatliche oder globale Kräfte intrigierend und zensierend eingreifen. Oder daß sich auch künftig bis an die körperlichen Grenzen belastbare Charaktere finden, die dem politischen und »zivilgesellschaftlichen« Druck standhalten. Der Ausgang dieses Kampfs bleibt einstweilen offen.

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Hoffnung könnte machen, wie tölpelhaft sich unsere »Elite« in dieser Sache benahm (Lichtmesz SiN 13. Juni; a. d. 9. Juli). Analog zur Erregung gegenüber dem »Lügenpresse«-Vorwurf beging sie erneut einen gravierenden kommunikativen Fehler. Denn erst die Skandalisierung hat diesem eher akademisch-hermetischen Text seine überwältigende Aufmerksamkeit beschert. Doch wie nachhaltig ist solcher Leserprotest gegen mediale Bevormundung, wo nicht einmal Dominique Venners Freitod in Notre-Dame de Paris Nennenswertes bewirkte? Leider muß man auch einräumen, daß sich das Establishment wohl noch weiterhin etliche Fehler des Schemas »Merkel« leisten kann, die seinerzeit ohne eigene Lektüre einen Sarrazin als »nicht hilfreich« kritisierte. In Kreisen der Rechtgläubigen genügt der Verdacht.

Doch auch für diese politmediale Komfortzone gilt Letizia Bona- partes Vorbehalt: »Pourvu, que ça dure.«


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