Der Fall Sieferle

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

1
Es gilt, Bilanz zu zie­hen aus rund sechs Dut­zend Arti­keln, Blogs, State­ments, Inter­views, Leser- oder offe­nen Brie­fen. So vie­le Medi­en­äu­ße­run­gen aus einer wohl noch grö­ße­ren Men­ge lie­gen mir vor zu Rolf Peter Sie­fer­les 2017 post­hum erschie­ne­nem Antai­os-Bänd­chen Finis Ger­ma­nia. (Sei­ne zeit­gleich bei Manu­scrip­tum publi­zier­te Stu­die Das Migra­ti­ons­pro­blem wur­de zuwei­len mit­the­ma­ti­siert.) Die Anzahl der Dis­kus­si­ons­bei­trä­ge, vor allem aber die dabei ent­fes­sel­te, teils patho­lo­gi­sche Erre­gung zeigt die Kon­tro­ver­se – ana­log zu zwei Grass-Debat­ten (Sezes­si­on 19 /2007; 48 /2012) – als Modell­fall poli­ti­schen Streits in Deutsch­land. Dabei habe ich den Ver­lags­wunsch nach einem Bei­trag sel­ten so fern jeg­li­chen dia­lek­ti­schen Ver­gnü­gens erfüllt. Wirft doch die depri­mie­ren­de Ein­falls­lo­sig­keit der Anwür­fe zuneh­mend die Sinn­fra­ge auf, sich mit der­glei­chen ana­ly­tisch auch nur zu beschäf­ti­gen. Lohnt doch zu argu­men­tie­ren nur in einer Sphä­re des Geis­tes, nicht aber dort, wo es aus­schließ­lich um Macht geht.

2.
Zum Ver­lauf: Zunächst wur­den die Bücher nach gän­gi­ger kon­for­mis­ti­scher Aus­gren­zungs­pra­xis im Main­stream weit­ge­hend igno­riert. Dann bla­mier­te sich Jan Gross­arth in der FAZ vom 12. Mai 2017 mit einem bemer­kens­wert unse­riö­sen Arti­kel unter dem spre­chen­den Titel »Am Ende rechts«, was Micha­el Klo­n­ovs­ky (a.d. 14. Mai) zu einer gehar­nisch­ten Replik ver­an­laß­te. Beson­ders wegen Gross­arths bio­gra­phi­scher Fake News schrieb Sie­fer­les Freund Rai­mund Kolb einen schar­fen Leser­brief, den die FAZ erwar­tungs­ge­mäß nicht abdruck­te. Ersatz­wei­se boten Licht­schlags eigen­tüm­lich frei (18. Mai), Klo­n­ovs­kys Acta diur­na (22. Mai) und Sezes­si­on (23. Mai) dem Brief eine Inter­net­platt­form. Auch Thors­ten Hinz (JF 26. Mai) nahm für den Ver­leum­de­ten Partei.

Die Dis­kus­si­on explo­dier­te, als Finis Ger­ma­nia auf der Emp­feh­lungs­lis­te des Nord­deut­schen Rund­funks auf­tauch­te, was umge­hend skan­da­li­siert wur­de. Als ver­läß­li­cher »Minen­hund« zur Het­ze figu­rier­te ein »Rechts­ex­tre­mis­mus­ex­per­te« der taz, der die Jour­na­lis­ten­meu­te auf Kurs brach­te. Inzwi­schen klet­ter­te das Buch aller­dings auf den Spit­zen­platz der Ama­zon-Ver­kaufs­lis­te, was die Wut sys­tem­kon­for­mer Angrif­fe noch stei­ger­te. »Rechts­ruck im Feuil­le­ton?« frag­te der Deutsch­land­funk am 12. Juni. Eine Säu­be­rungs­wel­le ergoß sich von taz bis FAZ, von Spie­gel bis Tages­spie­gel, von ZEIT bis zur Süd­deut­schen, Welt oder Stern sowie etli­chen Staatsfunk-Sendern.

Wel­cher Schur­ke, wur­de gefahn­det, hat­te sol­che »ekel­haf­te wie stel­len­wei­se unver­ständ­li­che End­zeit­dia­gnos­tik« (Hin­ter­mei­er FAZ 12. Juni) emp­foh­len? NDR, die koope­rie­ren­de Süd­deutsche und fast alle Jury­mit­glie­der hiß­ten schnells­tens ein »Ret­te-sich-wer- kann«-Banner und distan­zier­ten sich. Jens Bis­ky (SZ) trat sogar aus.

Bin­nen fünf Tagen war als Schul­di­ger ein Spie­gel-Redak­teur aus der Deckung gejagt und umge­hend zu Selbst­kri­tik und zum Ver­las­sen der Jury genö­tigt. Die wenig für­sorg­li­che Redak­ti­on demen­tier­te jedes »Ver­ständ­nis« und watsch­te ihren lang­jäh­ri­gen Mit­ar­bei­ter öffent­lich ab. Ande­re Medi­en zeig­ten Häme über die schein­bar ver­strick­ten Orga­ne oder mahn­ten Kon­se­quen­zen an. Dazu gehört die Über­ar­bei­tung der Kri­te­ri­en der Jury.

Denn man soll Mei­nungs- bzw. Ent­schei­dungs­frei­heit nicht über­trei­ben, wenn dies zu so unge­woll­ten Ergeb­nis­sen führt (vgl. a.d. 12. Juni). Wer sich je mit kom­mu­nis­ti­schen Rei­ni­gungs­or­gi­en beschäf­tigt hat, erleb­te ein schmerz­li­ches Déjà­vu und muß­te Ekel­ge­füh­le unter­drü­cken. Schließ­lich dro­hen ja, so sehr Aus­gren­zung schmerzt, noch kei­nes­wegs Baut­zen oder Gulag.

3.
Hier wäre Raum, die häu­figs­ten Argu­men­ta­ti­ons­mus­ter gegen Sie­fer­le vor­zu­stel­len. Aber was bei Grass noch taug­te, weil selbst im Main­stream kon­tro­vers dis­ku­tiert wur­de, lohnt dies­mal  nicht.  Denn von weni­gen Aus­nah­men abge­se­hen, redu­ziert sich die Argu­men­ta­ti­on der Block­me­di­en auf die Ankla­ge: Das darf man nicht sagen, weil es gefähr­lich, »rechts«, »rechts­ra­di­kal«, »rechts­ex­tre­mis­tisch« bzw. »anti­se­mi­tisch« ist. Oder: Das wol­len wir nicht lesen, weil es in Ver­la­gen erscheint, die wir »zivil­ge­sell­schaft­lich« tabui­sie­ren. Und ein Autor, der sich dar­an nicht hält, schreibt auch gewiß ganz mise­ra­bel oder gar »sub­ter­res­trisch« – gemäß deli­ka­ter Wort­wahl eines Drei-Gro­schen-Pole­mi­kers der ZEIT.

In den spä­ten 1980ern habe ich als For­scher mal rund 15000 Sei­ten natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Rezen­si­ons­or­ga­ne durch­ge­se­hen. In der Regel zeig­ten alle dor­ti­gen Kri­ti­ken das glei­che Des­in­ter­es­se an der Kom­ple­xi­tät von Wer­ken zuguns­ten der domi­nie­ren­den Fra­ge nach befolg­ter oder ver­fehl­ter ideo­lo­gi­scher Ortho­do­xie. Legio­nen von Phi­lo­lo­gen, His­to­ri­kern und »Wis­sen­schaft­lern« aller Spar­ten, aus­ge­bil­det in Aber­tau­sen­den von Semi­na­ren, küm­mert ein­zig die poli­ti­sche Gesin­nung, um die Guten ins Töpf­chen, die Schlech­ten ins Kröpf­chen zu ste­cken. An sol­ches Banau­sen­tum erin­ner­ten vie­le der aktu­el­len Atta­cken auf Sieferle.

4.
Es fällt auf, mit wel­cher Skru­pel­lo­sig­keit Gut­men­schen zur Denun­zia­ti­on bereit sind. Im güns­tigs­ten Fall wird hämisch refe­riert. Übli­cher sind kon­text­lo­se Ver­kür­zun­gen, halt­lo­se Ver­däch­ti­gun­gen durch schein­ver­fäng­li­che Zita­te und bös­wil­li­ge Les­ar­ten. Eini­ge sind dan­kens­wer­ter­wei­se durch Text­ge­gen­über­stel­lun­gen von Ori­gi­nal und fahr­läs­si­ger Aus­le­gung doku­men­tiert. Ich ver­wei­se exem­pla­risch auf Frank Bök­kel­mann (Tumult 19. Juni), Kubit­schek (SiN 12. Juni) sowie Klo­n­ovs­ky (a.d. 14. Mai, 12. Juni; vgl. auch sein Sie­fer­le stüt­zen­des Zitat von Yuri Slez­ki­ne 28. Juni). Von bio­gra­phi­schen Fehl­in­for­ma­tio­nen (z. B. durch Gross­arth) war schon die Rede.

Dadurch wird Sie­fer­le als alters­ver­bit­tert, krank und infol­ge­des­sen als ver­min­dert zurech­nungs­fä­hig dar­ge­stellt. Wohl eine demo­kra­tisch abge­mil­der­te Vari­an­te poli­ti­scher Psych­ia­tri­sie­rung. Edi­to­ri­sche Ver­däch­ti­gun­gen gegen den Ver­lag oder straf­recht­li­che Kon­ta­mi­nie­run­gen schlie­ßen sich an – Pro­dukt einer Debat­ten­kul­tur, bei der Flach­den­ker mehr oder weni­ger bewußt den Unter­schied zwi­schen Mythos und Lüge, zwi­schen Kri­tik an der Sakra­li­sie­rung des Holo­caust und sei­ner Leug­nung auf­he­ben. Der Tages­spie­gel unter­füt­tert eine der­ar­ti­ge Ver­leum­dung noch durch ein Ausch­witz-Foto mit der aber­wit­zi­gen Bild­un­ter­schrift: »Für den rechts­ra­di­ka­len His­to­ri­ker Rolf Peter Sie­fer­le nur ein ›Mythos‹.«

In der ZEIT vom 22. Juni lebt Bene­dikt Erenz, fern von Text­be­zü­gen, sei­ne anti­kon­ser­va­ti­ven Pho­bien unge­hemmt aus, wozu auch gehört, Sie­fer­les Hal­tung im Kon­text zu Horst Mah­lers poli­ti­schem Wan­del zu betrach­ten (des­glei­chen Agu­i­gah: Deutsch­land­funk 12. Juni). Mer­kels beflis­se­nen Hof­po­li­to­lo­gen Her­fried Münk­ler wie­der­um treibt die Furcht um, als Jury-Mit­glied durch einen Anrü­chi­gen in »Gei­sel­haft« genom­men zu werden.

Dabei hat er noch 2014 ein ver­dienst­vol­les Welt­kriegs­buch ver­faßt, des­sen Ein­bet­tung in die Sys­tem­his­to­rio­gra­phie sich allen­falls durch Amne­sie gegen­über der alli­ier­ten Ein­krei­sung Deutsch­lands ver­riet. Jetzt pöbelt er gegen Sie­fer­les letz­tes Werk und unter­stellt ohne jeg­li­ches Indiz, der post­hu­me Text kön­ne auch Pro­dukt ver­le­ge­ri­scher Nach­be­rei­tung sein (Deutsch­land­funk 16. Juni; vgl. Kubit­scheks offe­nen Brief 16. Juni). Schlim­mer noch, sei­ne per­fi­den Insi­nu­ie­run­gen von anti­se­mi­ti­schen, mög­li­cher­wei­se straf­ba­ren Inhal­ten dis­qua­li­fi­zie­ren ihn als Wis­sen­schaft­ler: durch ent­so­li­da­ri­sie­ren­de Ver­un­glimp­fung eines ver­stor­be­nen Kol­le­gen eben­so wie durch ein Text­ver­ständ­nis, das ich vor mei­ner Ent­pflich­tung selbst Pro­se­mi­na­ris­ten nicht hät­te durch­ge­hen lassen.

Para­do­xer­wei­se wur­de im Vor­feld der Debat­te Münk­ler selbst Opfer einer absur­den Kam­pa­gne. Er hat dar­aus nichts oder eben Anpas­sung gelernt, und wir brau­chen uns um sei­ne künf­ti­ge Repu­ta­ti­on auch gewiß kei­ne Sor­gen zu machen. Wer mit­ten im Main­stream schwimmt und gesin­nungs­mä­ßig zur Inqui­si­ti­on gehört, bedarf kei­ner Ver­tei­di­gung, wenn er aus­nahms­wei­se mal durch noch durch­ge­knall­te­re »Bewäl­ti­ger« att­ak­kiert wird.

5.
War­um scha­den sol­che Pein­lich­kei­ten den BRD-»Intellektuellen« nicht? Eine (kei­nes­wegs zyni­sche) Begrün­dung liegt dar­in, daß auch im Kul­tur­be­reich die evo­lu­tio­nä­re Selek­ti­on meist nicht die Bes­ten, son­dern die Angepaß­tes­ten in Spit­zen­stel­lun­gen schwemmt. Dar­über hin- aus jedoch spielt für die­se jour­na­lis­ti­schen Mario­net­ten ein zumin­dest erspür­ter gesell­schafts­po­li­ti­scher Auf­trag­ge­ber im Hin­ter­grund eine zen­tra­le Rolle.

Anders ist kaum zu erklä­ren, war­um selbst bei frü­he­ren Qua­li­täts­me­di­en intel­lek­tu­el­le und nicht zuletzt ethi­sche Min­dest­stan­dards fol­gen­los unter­bo­ten wer­den dür­fen, falls es die »Bösen« trifft. War­um es etwa einen Gus­tav Seibt (samt nach­plap­pern­den Igno­ran­ten wie Har­ry Nutt, Frank­fur­ter Rund­schau 23. Juni) nicht den Job oder zumin­dest sei­nen Ruf kos­tet, wenn er wahr­heits­wid­rig behaup­tet, der ver­fem­te Band habe kein Nach­wort, was kaum dafür spricht, daß er ihn über­haupt in Hän­den hielt.

Wenn er gleich­zei­tig in scham­lo­ser Offen­heit eige­ne frü­he­re Sie­fer­le-Elo­gen des­avou­iert (a.d. 15. Juni) oder davor warnt, daß sol­che Bücher an Leu­te gelan­gen, »die gar nicht theo­rie­bil­dend zu den­ken imstan­de sind« (Deutsch­land­funk 12. Juni). So dach­ten zu ande­ren unse­li­gen Zei­ten näm­lich schon ande­re »Für­sorg­li­che«, wenn sie Bücher ver­bo­ten, kon­fis­zier­ten oder einen Index Libro­rum erstell­ten.

Oder betrach­ten wir einen Eck­hard Fuhr, der in den 1990ern, als sich die FAZ noch kon­ser­va­tiv gab, durch cou­ra­gier­te Arti­kel gegen das sti­cki­ge Mei­nungs­kli­ma in Deutsch­land auf­be­gehr­te und auch in  Sachen Zeit­ge­schich­te ein wenig gegen den Sta­chel löck­te. Jetzt, umge­sat­telt zu Sprin­ger, hat er sich als Bei­trag zur Sie­fer­le-Schel­te etwas aus­ge­spro­chen Gro­tes­kes aus­ge­dacht (Die lite­ra­ri­sche Welt 16. Juni). Danach hat der Autor von Finis Ger­ma­nia näm­lich die bun­des­re­pu­bli­ka­ni­sche Bewußt­s­eins­ent­wick­lung schlicht ver­schla­fen. Die Kri­tik am »Mythos Ausch­witz« und »einem durch und durch ritua­li­sier­ten his­to­ri­schen Geden­ken« sei zwar, wie die Fäl­le Jen­nin­ger und Mar­tin Wal­ser belegen,

»in den Acht­zi­ger- und Neun­zi­ger­jah­ren nicht ganz unbe­rech­tigt« gewe­sen. (»Nicht ganz unbe­rech­tigt« – welch apart-dis­kre­te Wort­wahl!) Aber heu­te sei der gan­ze Völ­ker­mord-Kom­plex längst historiographisch

»kon­tex­tua­li­siert«. Mehr noch: »So wenig sank­ti­ons­be­wehr­te mythi­sche Wahr­heit […] gab es noch nie. Und die Deut­schen als ewi­ges Täter­volk exis­tie­ren nur noch in der völ­kisch ver­bohr­ten Vor­stel­lungs­welt eines Rolf Peter Sie­fer­le.« War da nicht ein­mal ein Josch­ka Fischer, der Ausch­witz zum bun­des­deut­schen Grün­dungs­my­thos erhob, oder wirkt von ihm gar nichts nach?

Lek­ti­on gelernt und Auf­trag erfüllt, möch­te man Fuhr kom­men­tie­ren oder die­sen abge­klär­ten Gegen­warts­dia­gnos­ti­ker bit­ten, die unge­heu­re Auf­re­gung zu erklä­ren, falls jemand ein­mal ande­res ver­ficht. Was haben Rufe nach dem Kadi, dut­zend­fach ange­mahn­te Kon­se­quen­zen für die am »Skan­dal« Betei­lig­ten oder her­den­haf­te Demen­tis jeg­li­cher Gemein­sam­keit mit sol­chen Gedan­ken­ver­bre­chen mit einer herr­schafts­frei ent­spann­ten Geschichts­de­bat­te zu tun? Illus­triert die doch viel­mehr, wie stran­gu­lie­rend auch Wis­sen­schaft und Medi­en einer post­de­mo­kra­ti­schen Front­stel­lung unter­wor­fen sind. In der Poli­tik wie der ihr zuar­bei­ten­den Kul­tur dreht sich lei­der fast alles um Alter­na­tiv­lo­sig­keit und Gleichschaltung.

Nicht um Wahr­heits­fin­dung, son­dern Ver­nich­tung von »Irr­leh­ren« und eine Hetz­jagd, von der Andre­as Lom­bard warnt, sie »geht uns alle an« (JF 23. Juni). Nur in Ket­zer­ver­fah­ren ist für Ortho­do­xe jedes Mit- tel erlaubt. Wohin das füh­ren soll und ver­mut­lich auch führt, wenn sich nicht zu spä­ter Stun­de noch erheb­lich mehr Frei­heits­be­wuß­te ein­mi­schen, dar­über sind kei­ne Illu­sio­nen erlaubt. Klo­n­ovs­ky jeden­falls hat es aus sei­ner DDR-Erfah­rung noch im Blut:

»War es schon drol­lig, dass der Spie­gel-Chef­re­dak­teur K. Brink­bäu­mer das Land wis­sen ließ, wel­ches Buch ein Ange­stell­ter sei­nes Hau­ses zu emp­feh­len hat, pflich­tet dem nun [mit Gus­tav Seibt] ein Autor bei, also ei- ner, der sich schon sei­ner Stan­des­eh­re wegen eigent­lich hin­stel­len müss­te und sagen: Nun ist aber gut, wir leben in einem frei­en Land, und ein Juror kann jedes Buch emp­feh­len, das er will, sofern es nicht expli­zit ver­bo­ten ist, weil dar­in zum Bei­spiel zum Anal­sex mit unbe­glei­te­ten min­der­jäh­ri­gen Geflüch­te­ten oder zur Ermor­dung der AfD-Spit­ze auf­ge­ru­fen wird.

Was mag Seibt wider­fah­ren sein, dass aus dem ›uner­schro­cke­nen Den­ker‹ Sie­fer­le ein ›erschre­cken­der‹, aus dem ›gro­ßen Autor‹ ein ›nicht völ­lig unbe­deu­ten­der‹, also qua­si ein Rang­ge­nos­se Seibts wer­den konn­te? Haben ihm die Häscher der Reichs­schrift­tums­kam­mer die Instru­men­te gezeigt? Hat ihn ein Büt­tel der Agi­ta­ti­ons­kom­mis­si­on im dunk­len Flur der SZ erschreckt? Man muss die­sen Leu­ten, die ja sel­ber nie in einer Dik­ta­tur gelebt haben, immer wie­der unter die Nase rei­ben, dass sie gera­de dabei sind, eine zu errich­ten, Stein­chen auf Stein­chen, Denun­zia­ti­ön­chen für Denun­zia­ti­ön­chen, Ver­böt­lein für Ver­böt­lein, und zwar mit exakt den­sel­ben Wor­ten, mit denen zum Bei­spiel in Hon­eckers Drecks­staat feind­lich-nega­ti­ve Per­so­nen trak­tiert wur­den« (a.d. 15. Juni).

6
Finis Ger­ma­nia läßt sich nur im Ori­gi­nal und nicht über sei­ne Kri­ti­ker ken­nen­ler­nen. Denn die haben den Text­sinn der­ma­ßen ent­stellt, daß man anneh­men könn­te, wir rede­ten über unter­schied­li­che Bücher. Reka­pi­tu­lie­ren wir also in aller Kür­ze die Essenz des Bänd­chens, wobei die Fül­le der Refle­xio­nen aus Raum­grün­den nicht ein­mal skiz­ziert wer­den kann. Im Zen­trum steht eine Deka­denz­ana­ly­se, die in Kolbs

Nach­wort wie folgt umris­sen wird:

»Wir wer­den domi­niert von insta­bi­len, ver­hal­tens­un­si­che­ren und arm an Selbst­be­wußt­sein agie­ren­den ›Herr­schafts­eli­ten‹ mit einem vom tief-ver­wur­zel­ten Sozi­al­de­mo­kra­tis­mus gepräg­ten ›klein­bür­ger­lich-amor­phen Poli­tik­stil‹. Ein in alle Lebens­be­rei­che sich hin­ein­fres­sen­der Rela­ti­vis­mus und eine zivil­re­li­gi­ös mit ›Ausch­witz‹ auf­ge­la­de­ne Kol­lek­tiv­schuld inklu­si­ve dem Gebot per­ma­nen­ter Buße bedrän­gen unser ohne­hin zu Furcht, Angst und gele­gent­lich Panik nei­gen­des ›Hüh­ner-Volk‹, das Volk der Nazis, das als ›nega­tiv aus­er­wähl­tes Volk‹ sei­ne ein­zi­ge Bestim­mung im Ver­schwin­den aus der rea­len Geschich­te fin­det und sich ent­spre­chend zu fügen weiß.

Damit ist auch Deutsch­lands Rol­le in der Welt­ge­schich­te besie­gelt. Die einst bür­ger­li­che Gesell­schaft erreicht mit der Nega­ti­on des Eige­nen ein natur­wüch­si­ges Sta­di­um: ›Nach­dem das Aas des Levia­than ver­zehrt ist, gehen die Wür­mer ein­an­der an den Kra­gen.‹ – Gemeint ist ein Rück­fall auf das Niveau von Mul­ti­tri­ba­lis­mus und der ihm inhä­ren­ten Ago­na­li­tät.« (103f.)

Der Kern die­ser Bot­schaft ist nicht ein­mal neu. So stammt etwa eine frü­he Ana­ly­se der Schuld­re­li­gi­on aus Sar­tres Dra­ma Die Flie­gen, wobei der Autor eine Appli­ka­ti­on auf deut­sche Ver­hält­nis­se aus­drück­lich bil­lig­te. Im Gegen­satz zum fran­zö­si­schen Frei­heits­phi­lo­so­phen hat übri­gens Sie­fer­le die dahin­ter­lie­gen­den Inter­es­sen und Inter­es­sen­ten kaum fokus­siert. Dafür hat er – in ori­gi­nel­len For­mu­lie­run­gen und apho­ris­ti­schen Poin­tie­run­gen – durch­de­kli­niert, was »Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung« als Teil einer poli­ti­schen Theo­lo­gie kon­kret bedeu­tet und zu wel­chen Wider­sprü­chen sie führt.

7.
Wel­che anspruchs­vol­le Dis­kus­si­on hät­te sich dar­über füh­ren las- sen, jen­seits von dog­ma­ti­schen Sack­gas­sen und Empörungsritualen!

Mit erfri­schen­der Klar­heit cha­rak­te­ri­siert Sie­fer­le die Theo­rie eines deut­schen Son­der­wegs als his­to­rio­gra­phi­sche Sim­pli­fi­zie­rung aus Sie­ger­per- spek­ti­ve. Eine ver­gleich­ba­re Distanz zu gän­gi­gen Urtei­len hät­te ich mir jedoch auch gewünscht, wo er deut­sche Defi­zi­te einer durch Nie­der­la­gen und Revo­lu­tio­nen ver­un­si­cher­ten Herr­schafts­schicht beklagt. Das ist nicht falsch, aber ergänzungsbedürftig.

Schließ­lich erscheint mir etwa der damit häu­fig ver­gli­che­ne Gen­tle­man-Typ, sta­tis­tisch gese­hen, eher als Lite­ra­tur­pro­dukt denn als All­tags­rea­li­tät. Wer somit Kohls »Birnen«-Image für sym­pto­ma­tisch hält, muß das whis­ky­ge­präg­te Bull­dog­gen­ge­sicht eines Chur­chill aus­blen­den. Und wer den Pari­ser Geschmack zum Non­plus­ul­tra erhebt, mei­det bes­ser den Ein­druck so man­cher Fried­hofs­kunst oder durch Napo­le­on-Por­zel­la­ne gekrön­ter bour­geoi­ser Woh­nun­gen. Ohne­hin ist Ver­sailles als Vor­bild nicht jeder­manns Sache.

Und wenn Sie­fer­le bei unse­rer herr­schen­den Klas­se einen klein­bür­ger­li­chen Polit- und Lebens­stil kon­sta­tiert, wäre dies ein läß­li­cher Vor­wurf. Stand Preu­ßen doch, abge­se­hen von Grün­der­zeit-Pomp, für eine Gesell­schafts- und Staats­idee nicht zuletzt der klei­nen Leu­te. Zu- min­dest dem Ethos nach zähl­ten Wer­te wie öffent­li­che Spar­sam­keit, An- stand, Beschei­den­heit, Pflicht­be­wußt­sein und das sprich­wört­li­che »mehr sein als scheinen«.

Ich tausch­te sie ger­ne zurück gegen die aktu­el­le Über­he­bung, die Mer­kel als (Klima-)Retterin des Erd­balls fei­ert, als Che­rub gegen­über den Dun­kel­mäch­ten einer ent­gleis­ten popu­lis­ti­schen Welt. Denn inzwi­schen herrscht in Deutsch­land eine gar nicht mehr ver­schüch­ter­te poli­ti- sche Klas­se. Ihren unthe­ra­pier­ten Schuld­kom­plex besitzt sie zwar wei­ter. Aber aus ihm erwuchs wie Phö­nix aus der Asche ein neu­es inter­na­tio­na­les Selbst­be­wußt­sein, kom­bi­niert aus Wirt­schafts­er­folg und »Huma­ni­täts«- Export. Welt­weit lebt kei­ne Län­der­eli­te Mul­ti­kul­ti und Moral­im­pe­ria­lis­mus fana­ti­scher. Dies­mal soll am deutsch-glo­ba­le­si­schen Wesen »die Welt gene­sen«. Und mag unse­re Dau­er­prä­senz düs­te­rer Ver­gan­gen­heit au- ßen­po­li­tisch auch man­che Erpres­sung erleich­tern, innen­po­li­tisch dient sie einer Polit­cli­que als All­zweck­waf­fe, um ihre Herr­schaft alter­na­tiv­los zu verdauern.

Allen Reue­ri­tua­len zum Trotz füh­len sich unse­re Zucht­meis­ter übri­gens kaum per­sön­lich betrof­fen. Viel­mehr dele­gie­ren sie Schuld und Schul­den gemäß Weiz­sä­ckers Arist­ro­kra­ten-Atti­tü­de auf das stets ein wenig ver­ach­te­te Volk. Ihm gilt ihr Miß­trau­en, sei­ner hei­mat- und nati­on­be­zo­ge­nen »Rück­stän­dig­keit« und über­kom­me­nen Ästhe­tik. Dem­ge­gen­über favo­ri­siert unse­re »Eli­te« tra­di­ti­ons­lo­se Zukunfts­pro­jek­te und Kos­mo­po­lis-Fik­tio­nen vom Ende der Geschich­te. Ihre Buch- und Kunst­prei­se zeu­gen eben­so davon wie die freud­vol­le Kapi­tu­la­ti­on vor dem Ein­bahn­stra­ßen-Import einer aus­län­di­schen Unter­hal­tungs­in­dus­trie. Ein staat­lich hoch­sub­ven­tio­nier­tes Agi­ta­ti­ons­thea­ter garan­tiert den Fort­be­stand einer Kreisch- und Schrill-Dra­ma­tur­gie auch als Mit­tel »zivil­ge­sell­schaft­li­cher« Dres­sur. Man kauft – teils als Geld­an­la­ge – diver­se Beuys, Man­zo­nis oder Rich­ters und ver­traut ihrer bewun­der­ten Selbst­ver­mark­tung als Kunst.

Eine Monu­men­tal­ar­chi­tek­tur, wie wir sie etwa im neu­en Ber­lin bestau­nen kön­nen, ver­kör­pert in Rein­kul­tur den tech­no­kra­ti­schen Geist heu­ti­ger Mensch­heits­pla­ner à la Gold­man Sachs, Draghi, Soros oder ande­rer Finanz- oder Indus­trie­ty­coons. Und in ihrem Dunst­kreis bewe­gen sich, hin­läng­lich fas­zi­niert oder ihre Macht in Kauf neh­mend, jene Mer­kels und Schulz’, Schwe­sigs und Göring-Eckardts, Kle­bers, Maisch­ber­gers, Bed­ford-Strohms und als letz­ter Schrei der ungeis­tig-fana­ti­sche Zen­sor Maas, der ohne Amt und Maß­an­zü­ge gar nichts wäre.

Als Sie­fer­le kurz nach der Wen­de und bis etwa 1997 die Mis­zel­len für Finis Ger­ma­nia schrieb, war die­ser Typus noch unaus­ge­reift. Zudem beein­träch­tig­ten ästhe­ti­sche Vor­be­hal­te die Dia­gno­se. Doch die zäh­len wenig in der Sphä­re der Macht. Denn die bedin­gungs­lo­se Aus­lie­fe­rung an die Moder­ne und Tra­di­ti­ons­lo­sig­keit als Lebens­stil sind ja letzt­lich gewollt. »Geschich­te ist Mum­pitz« heißt es bereits in Bra­ve New World, für uns Deut­sche ergänzt durch eine täg­li­che Dosis Hor­ror­päd­ago­gik mit 1933 bis 1945 als domi­nie­ren­dem his­to­ri­schen Bezugspunkt.

Als Ide­al gras­siert der natio­nal indif­fe­ren­te, euro­kra­tisch oder uni- ver­sa­lis­tisch gestyl­te Ein­heits­mensch. Wir begeg­nen ihm in ICEs, auf Flug­hä­fen oder abge­zir­kel­ten Luxus­ghet­tos, schon beim Früh­stück via Smart­pho­ne die neu­en Direk­ti­ven ein­sau­gend oder aus­ge­bend, Rolex, PC- Trol­ley oder Guc­ci-Tasche als Erken­nungs­merk­mal, selbst »zu Hau­se« Eng­lisch par­lie­rend oder wenigs­tens Deng­lish. Schon phy­sio­gno­misch cha­rak­te­ri­siert durch die zweck­op­ti­mis­ti­sche No-pro­blem-Mas­ke: »Yes, we can« oder »Wir schaf­fen das«. Dies ist frag­los ein sich selbst gewis­ser Herr­schafts­stil, des­sen Pose sogar von den Jüngs­ten imi­tiert wird. Und  so sehr er glo­bal ver­brei­tet und ent­lie­hen ist, cha­rak­te­ri­siert er Deut­sche doch beson­ders. Denn die Eli­te kei­nes ande­ren Volks hat ihn so adap­tiert als Befrei­ung und wie eine zwei­te Haut.

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Reden wir über Erfreu­li­ches! Die außer­ge­wöhn­li­che Infa­mie und Unsach­lich­keit, mit der ein zuvor wohl­re­nom­mier­ter Gelehr­ter noch im Gra­be ver­nich­tet wer­den soll, hat etwas Posi­ti­ves bewirkt. End­lich ver­ga­ßen alter­na­ti­ve Orga­ne und Publi­zis­ten ihre per­sön­li­chen oder pro­gram­ma­ti­schen Dif­fe­ren­zen, ver­eint im Bekennt­nis gegen­über einem immer tota­li­tä­rer ver­lau­fen­den Dis­kurs, von der Jun­gen Frei­heit bis zur Sezes­si­on, von Tumult bis zu eigen­tüm­lich frei, von COMPACT bis zur Blau­en Nar­zis­se und diver­sen Netz-Platt­for­men. Als bered­te Ver­tei­di­ger Sie­fer­les nen­ne ich stell­ver­tre­tend Kon­rad Adam, Frank Böckel­mann, Thors­ten Hinz, Micha­el Klo­n­ovs­ky, Felix Kraut­krä­mer, Mar­tin Licht­mesz, André Licht­schlag, Andre­as Lom­bard, Thors­ten Tha­ler oder Karl­heinz Weiß­mann. Der Cice­ro-Chef­re­dak­teur Chris­toph  Schwen­ni­cke (19. Juni), Jür­gen Fritz vom Euro­pean (25. Juni), Burk­hard Mül­ler-Ulrich (Deutsch­land­funk 16. Juni) oder Rüdi­ger Safran­ski (Deutsch­land­funk 25. Juni) gei­ßel­ten jenen unfrei-hys­te­ri­schen Debat­ten­stil und sei­ne skan­da­lö­sen Sim­pli­fi­zie­run­gen. Daß sie dafür nun selbst unter Beschuß gerie­ten, wuß­ten sie ver­mut­lich schon vorher.

9.
Von Finis Ger­ma­nia wur­den bis­lang 25000 Exem­pla­re bestellt – eine für ein Theo­rie­bänd­chen sen­sa­tio­nel­le Zif­fer. André Licht­schlag sah dar­in und im Aus­bau des boy­kot­tier­ten Ver­lags Antai­os den Tri­umph einer Selbst­re­gu­lie­rung durch den Markt. Das trifft zu, ist aber an zwei Vor­aus­set­zun­gen geknüpft, deren Garan­tie lei­der in Fra­ge steht: daß näm­lich ein tat­säch­li­cher Wett­be­werb auf­recht­erhal­ten wer­den kann und nicht mas­si­ve staat­li­che oder glo­ba­le Kräf­te intri­gie­rend und zen­sie­rend ein­grei­fen. Oder daß sich auch künf­tig bis an die kör­per­li­chen Gren­zen belast­ba­re Cha­rak­te­re fin­den, die dem poli­ti­schen und »zivil­ge­sell­schaft­li­chen« Druck stand­hal­ten. Der Aus­gang die­ses Kampfs bleibt einst­wei­len offen.

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Hoff­nung könn­te machen, wie töl­pel­haft sich unse­re »Eli­te« in die­ser Sache benahm (Licht­mesz SiN 13. Juni; a. d. 9. Juli). Ana­log zur Erre­gung gegen­über dem »Lügenpresse«-Vorwurf beging sie erneut einen gra­vie­ren­den kom­mu­ni­ka­ti­ven Feh­ler. Denn erst die Skan­da­li­sie­rung hat die­sem eher aka­de­misch-her­me­ti­schen Text sei­ne über­wäl­ti­gen­de Auf­merk­sam­keit beschert. Doch wie nach­hal­tig ist sol­cher Leser­pro­test gegen media­le Bevor­mun­dung, wo nicht ein­mal Domi­ni­que Ven­ners Frei­tod in Not­re-Dame de Paris Nen­nens­wer­tes bewirk­te? Lei­der muß man auch ein­räu­men, daß sich das Estab­lish­ment wohl noch wei­ter­hin etli­che Feh­ler des Sche­mas »Mer­kel« leis­ten kann, die sei­ner­zeit ohne eige­ne Lek­tü­re einen Sar­ra­zin als »nicht hilf­reich« kri­ti­sier­te. In Krei­sen der Recht­gläu­bi­gen genügt der Verdacht.

Doch auch für die­se polit­me­dia­le Kom­fort­zo­ne gilt Leti­zia Bona- par­tes Vor­be­halt: »Pour­vu, que ça dure.«

 Gastbeitrag

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