Sezession
1. August 2017

Der Fall Sieferle

Gastbeitrag

von Günter Scholdt

pdf der Druckfassung aus Sezession 79/August 20171
Es gilt, Bilanz zu ziehen aus rund sechs Dutzend Artikeln, Blogs, Statements, Interviews, Leser- oder offenen Briefen. So viele Medienäußerungen aus einer wohl noch größeren Menge liegen mir vor zu Rolf Peter Sieferles 2017 posthum erschienenem Antaios-Bändchen Finis Germania. (Seine zeitgleich bei Manuscriptum publizierte Studie Das Migrationsproblem wurde zuweilen mitthematisiert.) Die Anzahl der Diskussionsbeiträge, vor allem aber die dabei entfesselte, teils pathologische Erregung zeigt die Kontroverse – analog zu zwei Grass-Debatten (Sezession 19 /2007; 48 /2012) – als Modellfall politischen Streits in Deutschland. Dabei habe ich den Verlagswunsch nach einem Beitrag selten so fern jeglichen dialektischen Vergnügens erfüllt. Wirft doch die deprimierende Einfallslosigkeit der Anwürfe zunehmend die Sinnfrage auf, sich mit dergleichen analytisch auch nur zu beschäftigen. Lohnt doch zu argumentieren nur in einer Sphäre des Geistes, nicht aber dort, wo es ausschließlich um Macht geht.

2.
Zum Verlauf: Zunächst wurden die Bücher nach gängiger konformistischer Ausgrenzungspraxis im Mainstream weitgehend ignoriert. Dann blamierte sich Jan Grossarth in der FAZ vom 12. Mai 2017 mit einem bemerkenswert unseriösen Artikel unter dem sprechenden Titel »Am Ende rechts«, was Michael Klonovsky (a.d. 14. Mai) zu einer geharnischten Replik veranlaßte. Besonders wegen Grossarths biographischer Fake News schrieb Sieferles Freund Raimund Kolb einen scharfen Leserbrief, den die FAZ erwartungsgemäß nicht abdruckte. Ersatzweise boten Lichtschlags eigentümlich frei (18. Mai), Klonovskys Acta diurna (22. Mai) und Sezession (23. Mai) dem Brief eine Internetplattform. Auch Thorsten Hinz (JF 26. Mai) nahm für den Verleumdeten Partei.

Die Diskussion explodierte, als Finis Germania auf der Empfehlungsliste des Norddeutschen Rundfunks auftauchte, was umgehend skandalisiert wurde. Als verläßlicher »Minenhund« zur Hetze figurierte ein »Rechtsextremismusexperte« der taz, der die Journalistenmeute auf Kurs brachte. Inzwischen kletterte das Buch allerdings auf den Spitzenplatz der Amazon-Verkaufsliste, was die Wut systemkonformer Angriffe noch steigerte. »Rechtsruck im Feuilleton?« fragte der Deutschlandfunk am 12. Juni. Eine Säuberungswelle ergoß sich von taz bis FAZ, von Spiegel bis Tagesspiegel, von ZEIT bis zur Süddeutschen, Welt oder Stern sowie etlichen Staatsfunk-Sendern.

Welcher Schurke, wurde gefahndet, hatte solche »ekelhafte wie stellenweise unverständliche Endzeitdiagnostik« (Hintermeier FAZ 12. Juni) empfohlen? NDR, die kooperierende Süddeutsche und fast alle Jurymitglieder hißten schnellstens ein »Rette-sich-wer- kann«-Banner und distanzierten sich. Jens Bisky (SZ) trat sogar aus.

Binnen fünf Tagen war als Schuldiger ein Spiegel-Redakteur aus der Deckung gejagt und umgehend zu Selbstkritik und zum Verlassen der Jury genötigt. Die wenig fürsorgliche Redaktion dementierte jedes »Verständnis« und watschte ihren langjährigen Mitarbeiter öffentlich ab. Andere Medien zeigten Häme über die scheinbar verstrickten Organe oder mahnten Konsequenzen an. Dazu gehört die Überarbeitung der Kriterien der Jury.

Denn man soll Meinungs- bzw. Entscheidungsfreiheit nicht übertreiben, wenn dies zu so ungewollten Ergebnissen führt (vgl. a.d. 12. Juni). Wer sich je mit kommunistischen Reinigungsorgien beschäftigt hat, erlebte ein schmerzliches Déjàvu und mußte Ekelgefühle unterdrücken. Schließlich drohen ja, so sehr Ausgrenzung schmerzt, noch keineswegs Bautzen oder Gulag.


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