Sezession
1. August 2017

Kontrakultur – Schlaglichter

Till-Lucas Wessels

Till-Lucas Wessels

Till-Lucas Wessels studiert und ist identitärer Aktivist sowie »Minenhund für zukünftig Zumutbares«.

Wer Halle an der Saale zum ersten Mal sieht, wird die Stadt nicht leiden können. Besonders wenn er aus dem Westen kommt – es ist einfach so. Das liegt nun einmal in der Natur einer Ost- und Arbeiterstadt, von deren Höhen der Sozialismus einige abgeschliffen hat, während er die Tiefen schmerzhaft hervoraltern ließ oder allenfalls mit grauem Beton in seiner häßlichsten Form aufgoß. Und so ist die Saalestadt in ihrer ganzen Topographie und der Bevölkerungszusammensetzung der verschiedenen Stadtteile eine störrische Schönheit, die erst entdeckt werden muß – das tut man am besten weder vom Bahnhof noch von der Autobahn aus.

Ich wußte das nicht, als ich zuzog, war tatsächlich noch nie hiergewesen und schrieb mich auf Empfehlung eines Freundes blind an der Martin-Luther- Universität ein. Das war 2011. Ein Jahr später klebte ich meinen ersten politischen Aufkleber über ein Werbeplakat für eine Queer-studies-Ver- anstaltung, das vor meiner Haustür hing.
Von diesem Aufkleber führt ein gerader und in der Retrospektive logischer Weg bis zu diesem Artikel, und auch wenn ich weiß, daß viele unserer Leser darauf stehen, will ich nicht groß aus dem Nähkästchen plaudern. Nur soviel: Jeder Student beschließt irgendwann, wieviel ihn der politische Teil des Hochschullebens angeht. Das kann von der Mitgliedschaft in einer Studentenverbindung über den Besuch des Antifa-Plenums bis hin zum politischen Mord reichen. Der Großteil der Studenten aber möchte – wie überhaupt der Großteil der Menschen – hauptsächlich in Ruhe gelassen werden, und so ist ein Schritt ins Politische gleichsam ein Schritt weg von der Beliebigkeit, weg von WG-Feiern und Bibliothekssälen in einen Raum hinein, wo – ganz neutral gesagt – wesentliches Denken und Handeln möglich wird.

Dem politischen Studenten werden andere Chiffren in der Sprache seiner Mitmenschen auffallen, er kann an keinem Laternenpfahl oder Stromkasten vorbeigehen, ohne nach Aufklebern oder Plakaten zu suchen, er unterwirft sich freiwilligen Zwängen, die seinen Kommilitonen hirnrissig erscheinen, wenn sie sie mitbekommen, und er versucht, wenn sein Engagement aufrichtig ist, auch andere für diese Disziplin zu begeistern. Er stiehlt sich, und das ist nicht nur romantisierend gemeint, aus dem Alltag hinaus und begibt sich in eine Gegenkultur.

II.
Der erste öffentliche Stammtisch der Gruppe Kontrakultur Halle fand im Herbst 2014 in dem prallgefüllten Nebenzimmer einer schlechtbesuchten Kellerkneipe statt, die man vermutlich nichtmal für ihr Dart-Team kennt. Die Truppe war buntdurchmischt, ungefähr die Hälfte ist heute auf die eine oder andere Art und Weise noch dabei. Stammtisch – nebenbei bemerkt – kann hier wörtlich genommen werden: Es gab Bier, Knakker und Musik aus der Dose, die der Wirt nicht ausstellen wollte.

Vor allem aber gab es schon wenige Wochen später einen Lesekreis, der sich mit behutsam ausgewählten Aufsätzen und Fragmenten der Gedankenwelt neurechter und identitärer Prägung näherte. Dazu: ein Pflichtvortrag für jeden, der es mit seinem Engagement ernst meint. Manch ein Philosoph würde wahrscheinlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, eigentlich hätten wir mit Platons Politeia anfangen müssen – wir aber lasen Kleine-Hartlage und Lichtmesz, Venner und di Tullio.
Mehr als eine wirkliche Bildungsveranstaltung waren diese Abende das genauere Abklopfen eines vordergründig vorhandenen weltanschaulichen Grundkonsenses und auch die erste Prüfschau: Wer hat etwas zu sagen? Wer hat seinen Vortrag ernsthaft vorbereitet und wer nicht? Wo liegen die Stärken, wo die Defizite – kurz: Wer taugt, und wofür taugt er? Dieses halbe Jahr Lesearbeit, Anspannung und Vorfreude ist – das glaube ich immernoch – ein unschätzbarer Vorsprung, den wir vor den Ereignissen hatten, die in jenem Herbst ihre Schatten vorauswarfen und sich erst im Sommer 2015 in ihrer ganzen Vehemenz und Unbedingtheit offenbarten.

III.
»Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes« ist ein sperriger Name, wir fanden ihn alle scheiße. Aber vielen Leuten schmeckt Bratwurst mit Senf besser als Lammkarree mit Schalotten-Portwein-Jus, und plötzlich war der Dresdner Neumarkt voll mit Menschen. Als ich das erste Mal hinfuhr, waren es 18000 – es war ein Erlebnis, das sich nicht trivialisieren läßt. In meiner Erinnerung ist das alles zu einem großen Gemälde zusammengeflossen: das vorweihnachtlich kalte Dresden, der heiße Glühwein in der Hand, das warme Licht der alten Laternen, welches Revolutionen im Herbst so reizvoll macht.

Später dann Einkehr in der Dresdner Neustadt mit gesundem Selbstbewußtsein und einer Fahnenstange in der Hand – dunkles Bier, Käsespätzle (ernsthaft, ja) und verschwörerische Gespräche inmitten von rotweinlinken Bobos. Auf der Rückfahrt trotz aller Massenverachtung eine fast unverschämte Ergriffenheit, gleichzeitig das Unbehagen: Wie zerbrechlich und spröde der bürgerliche Widerstand doch ist, wie abhängig von einer existentiellen Bedrohung – und die Frage, wieviel »Stille Nacht«, Taschenlampen und Nationalhymne dagegen dann noch ausrichten können.

IV.
Unsere Antwort auf diese Frage heißt Aktivismus. Wer bei Kontrakultur Aktivist ist, muß in seine Wochenplanung im Schnitt ein bis zwei zusätzliche Arbeitstage (Vollzeit) miteinrechnen, Sport und Aktionen kommen noch dazu. Was für andere ein Ritual, ein Hobby oder eine Phase ist, haben wir zu unserem Lebensentwurf gemacht.
Aktivismus bedeutet vor allem Druck. Druck, den man ausüben muß auf die Akupressurpunkte der Öffentlichkeit, Druck, den man verteilen kann auf verschiedene Schultern, der aber auch auf jedem einzelnen lastet und so auf den Ohren liegt, daß die Dinge erstmal durch ihn durchmüssen, bevor sie bei einem ankommen. Der Druck schweißt zusammen; wer ihm nicht gewachsen ist, platzt ab. Bei anderen ist irgendwann die Luft raus, das kann mal schnell gehen und mal schleichend. Egal was man tut: Dieses Grundrauschen wird man nicht mehr los.
Inzwischen haben wir als eingespielte Truppe ein ganz gutes Gefühl im Umgang mit den Ventilen entwickelt, wir wissen, unter welchem Kessel gezündelt werden muß, damit der Dampf durch die Rohre des Gestells dröhnt. Und wenn es dann alle paar Wochen einen Angriff gibt, ein Fehler passiert oder ein Streit ausbricht, wird klar: Wir bewegen uns an der Grenze des Barometers und im Bereich der Feinjustierungen.
Das alles funktioniert nur, weil wir uns alle einig sind, daß wir es ernst meinen. Wenn unsere Aktivisten mit einem Banner à la »NO WAY – You will not make Europe your home!« Illegale in Empfang nehmen oder Schlepperboote im Mittelmeer blockieren, dann ist das eine klare Forderung, die wir bis zum Ende durchdacht haben. Aktivismus kann Freude bereiten, zum Lachen bringen und zum Heulen komisch sein – aber das alles ist kein Spaß.

V.
Wer eine Sache ernst nimmt, der steckt Herzblut hinein und versucht, das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Da braucht es immer wieder die Typen, die drängeln, die nochmal mit dem Feinstrich drübergehen, wenn allen anderen nach acht Stunden Bannermalen die Knie wehtun, aber auch die, die einen Witz machen, wenn einem gerade die Steine um die Ohren fliegen. Mit der Zeit wird die Gruppe zum einem richtigen Organismus, in dem jeder und jede einen Ort hat, der über bloße Ämter meilenweit hinausgeht.

Daß von diesem Gruppengefühl ein Außenstehender nicht viel mitnehmen kann außer der Erfahrung, nicht dazuzugehören, und dem Wunsch, das zu ändern, ist Gesetz. Die studentischen Linken, jedenfalls die, mit denen wir es in Halle zu tun haben, kennen keine verschworenen aktivistischen Gemeinschaften. Die Verachtung von vertikaler Ordnung und Disziplin verunmöglicht es ihnen, einander auf Augenhöhe zu begegnen, wenn es darauf ankommt. Wo die Hierarchie geächtet wird, muß sie über tausend Umwege, Winkelzüge und Befindlichkeiten andauernd neu verhandelt werden. Dabei bleiben auf der Strecke: Schlagkraft, Kameradschaft und Demut – es ist ein Strukturproblem, welches nur noch durch Masse kompensiert werden kann.

VI.
Qualität wirkt anziehend. Schier unwiderstehlich wird sie jedoch, wenn sie aus einer Richtung kommt, in der man sie nicht vermutet. Wir merken das alle paar Wochen, wenn Journalisten uns in Halle besuchen, zum Essen einladen, kluge oder dumme Fragen stellen und am Ende ihrer Entgeisterung darüber Ausdruck verleihen, daß wir unseren Aktivismus professionell betreiben. Wir sind inzwischen so weit, daß wir mit dem, was wir
im Rahmen unserer politischen Tätigkeiten gelernt und geübt haben, unseren Lebensunterhalt verdienen könnten. Ich bin mir sicher, daß das dem einen oder anderen Schreibnichtgut auffällt, der mit uns im Café sitzt, und mancher wird beim Durchgehen seiner Aufzeichnungen verwundert den Kopf geschüttelt und sich gefragt haben, warum wir so viel Arbeit in ein Projekt stecken, das uns nur mit noch mehr Arbeit belohnt.

Dem zugrunde liegt ein durchkapitalisiertes Verständnis von Dienst und Lohn, dem wir uns bewußt entziehen. Wirklich reizvoll wird die Arbeit an einer Sache erst, wenn man sich dadurch nicht seinen Lebensunterhalt verdient, sondern das Leben selbst. Nichts anderes macht die Identitäre Bewegung.

VII.
Vor ziemlich genau einem Jahr fiel die Entscheidung, in Halle ein rechtes Hausprojekt aufzuziehen. Damit hatte sich von einem Tag auf den anderen der Fahrplan für das Projekt Kontrakultur vollständig verschoben. Vorher waren wir händeringend auf der Suche nach geeigneten Vortragsräumen gewesen, jetzt sollte es ein ganzes Objekt werden mit Wohnungen, Büros und Freizeiträumen. Die Nachricht schlug ein wie eine Brandbombe, und sie kam genau zur rechten Zeit. Als Gruppe hatten wir zu diesem Zeitpunkt gewissermaßen einen Wachstumszyklus abgeschlossen: Der überwältigende Zulauf im Rahmen der Asylkrise hatte auf einen Schlag viele neue Gesichter in unsere Reihen gespült, plötzlich lag eine ganze gesellschaftliche Flanke offen, in der wir uns festbeißen konnten, und wie jede rechte Gruppe tanzten wir im Sommer 2015 den Zappeltanz zwischen Bürgerbewegung und aktivistischer Avantgarde.

Nun, ein Jahr später, waren wir auf einen stabilen Kern und ein fruchtbares Umfeld zusammengedampft. Allerdings fehlte die große Dynamik, die Welle, auf der man schwimmen konnte. Mitten in diese Wartestimmung hinein also die Nachricht: »Männer, wir kriegen ein Zentrum.«
So fingen wir an, unsere Festung auszubauen. Dabei standen wir vor einer fast unlösbar erscheinenden Aufgabe: Das Objekt, welches direkt am geisteswissenschaftlichen Campus lag, mußte so lange wie möglich geheim bleiben; gleichzeitig waren in den Räumlichkeiten jedoch Abriß- und Renovierungsarbeiten zu erledigen.

Wie das hingehauen hat – ich kann es wirklich nicht sagen. Der eine oder andere hat im Rigipsstaub sicher ein paar Monate seines Lebens gelassen, andere verbrachten ihren Feierabend mit dem Vorschlaghammer und fielen erst nachts wie ausgefegt ins Bett, nur um am nächsten Nachmittag wieder auf der Matte zu stehen.
Parallel dazu liefen die Planungen und Konzeptualisierungen auf Hochtouren – wenn wir jedes Projekt verwirklichten, das ursprünglich für das Haus angedacht war, bräuchten wir vermutlich das Doppelte an Räumlichkeiten. Das alles unter dem Mantel des Schweigens. Insgesamt haben wir gut ein Dreivierteljahr gezittert und geackert, bis alles stand. Einen Tag, nachdem wir die Sicherheitsarchitektur angebracht hatten, erschien der erste linke Artikel – zu spät. Was bleibt, sind kosmetische Kleinigkeiten; im Moment schreiben wir an unserem Programm für den Herbst.
Am 11. Juli bestand das Zentrum seine erste Feuerprobe. Von seiten der Studentenvertretung hatte man – pikiert ob so intimer Nähe, von unserer Haustür sind es zehn Meter bis zum studentischen Aufenthaltsraum – zu einer Demonstration gegen uns und unser Objekt aufgerufen.

Für uns war das eine willkommene Gelegenheit, Flagge zu zeigen, und man kann sagen: nach fast einem Jahr Versteckspiel auch eine Befreiung. »Halle ist nicht Hamburg – Patriotismus statt linker Gewalt« war bereits am Morgen auf zwei Großtransparenten zu lesen, die wir in Richtung des geisteswissenschaftlichen Campus aus unseren Fenstern hängten.
Im Windschatten des G20-Gipfels blieb der Tag bis auf kleine Zwischenfälle ruhig, trotzdem waren fast hundert Gäste gekommen, um im Zweifels- fall die Tür zu halten. Beim Aufräumen am Abend braucht kein Resümee gezogen zu werden: Über den Augenringen der durch Nachtwachen und Aufräumarbeiten übermüdeten Kameraden liegt das Lächeln genügsamer Zufriedenheit, spätestens als jeder sein Feierabendbier in der Hand hält.

Wir haben an diesem Abend in unzähligen persönlichen Gesprächen einige Ankündigungen gemacht, die sich immer wiederholt haben. Ich möchte sie hier niederschreiben – sie gelten für diejenigen, die uns von Anfang an unterstützt haben, für diejenigen, die versteckt den Erfolg oder Mißerfolg unseres Projekts abwarten, für diejenigen, die uns auf offener Straße mit unserem Namen ansprechen, weil sie hoffen, daß wir ihnen Informationen verkaufen, und auch für den nächtlichen Besucher von letzter Woche, der ankündigte, mit einer Handgranate wiederzukommen: Wir bleiben grundsätzlich, wir bleiben verschwiegen, wir bleiben wach. Wir bleiben.


Till-Lucas Wessels

Till-Lucas Wessels studiert und ist identitärer Aktivist sowie »Minenhund für zukünftig Zumutbares«.


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