Sezession
1. Dezember 2017

Debord, Derrida und die rechte Postmoderne

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

Sind wir Rechten die schärfsten Kritiker der Postmoderne oder ihre rechtmäßigen Erben? Für die erste These spricht, daß der Relativismus der Werte, der realitätsvernichtende (De)Konstruktivismus und das ausgerufene Ende der »großen Erzählungen« (Jean-François Lyotard) der abendländischen Metaphysik das glatte Gegenteil eines rechten Weltverständnisses sind. Doch just diejenigen, die die postmoderne Wahrheitsvernichtung am meisten kritisieren, nämlich wir Rechten, profitieren am meisten von ihr. Denn ohne die riesige skeptische Bresche, die uns die Postmoderne geschlagen hat, wäre der Zweifel an der linken Utopie, an der Wahrheitsfähigkeit der Medien und am Universalismus der Menschenrechte undenkbar.
Durch die im vergangenen Jahr erzeugte linke Diskussion um das »postfaktische Zeitalter« anläßlich des Phänomens Trump, um »alternative Fakten« und »fake news«, war eines zu bemerken: Plötzlich war sie wieder da, die Postmoderne der 80er und 90er Jahre, plötzlich war auch sie wieder da, die Relativismuskritik im Namen der aufgeklärten Moderne. Im Merkur bemerkte Danilo Scholz genervt, daß das Poststrukturalismusbashing im Feuilleton fröhliche Urständ feiere: »Schon am 29. September (2016) hatte Assheuer die Quintessenz des Poststrukturalismus in eine griffige Formel gepackt: Die Vertreter jener Denkschule waren überzeugt, das »Zeitalter der Aufklärung liege im Sterben und ihre Ideale (Vernunft, Demokratie, Fortschritt) seien Schnee von gestern«.

Auf zeit.de erklärte Felix Stephan am 10. November »den Einzug Donald Trumps in das Weiße Haus« umgehend zum »finalen Triumph der Postmoderne über die Moderne«. Aus Marx, Psychoanalyse, Semiotik und strukturalistischer Völkerkunde war im Frankreich der 60er Jahre eine theoretisch explosive Mischung entstanden: Komplettkritik der abendländischen Metaphysik als Gewaltanordnung.
Im Jahre 1967 waren zwei folgenreiche linke Theoriebücher in Paris erschienen – Jacques Derridas Grammatologie und Guy Debords Die Gesellschaft des Spektakels. Derrida wurde 1983 ins Deutsche übersetzt und erschien bei Suhrkamp. Debords Schlüsseltext der Künstlergruppe der »Situationisten« wurde 1971 raubübersetzt, 1978 autorisierte er eine deutsche Übersetzung, die 1996 in der »Edition Tiamat« als Buch erschien.
Debord zehrt von Adorno/Horkheimers Dialektik der Aufklärung (1949). Der »Verblendungszusammenhang« der »Kulturindustrie« ist das Szenario, von dem er ausgeht.

Das »falsche Bewußtsein« aus Georg Lukács’ Geschichte und Klassenbewußtsein (1923) hat die Gesellschaft flächendeckend befallen. Debord denkt genauso wie die Frankfurter Schule den Marxismus weiter: über die kapitalistischen Produktionsverhältnisse hinaus in die Unentrinnbarkeit der Produktion des allumfassenden Scheins hinein. Das Spektakel stellt sich als eine »ungeheure, unbestreitbare und unerreichbare Positivität dar. Es sagt nichts mehr als:

›Was erscheint, das ist gut; und was gut ist, das erscheint.‹ Die durch das Spektakel prinzipiell geforderte Haltung ist diese passive Hinnahme, die es schon durch seine Art, unwiderlegbar zu erscheinen, durch sein Monopol des Scheins, faktisch erwirkt hat.«
In Debords Spektakelbegriff ist die marxsche Entfremdung mehr als die entfremdete Arbeit des Lohnsklaven, und auch mehr als das, was Marx als »Warenfetischismus« beschrieb. Sie ist vielmehr eine komplette Ersatzrealität. Nicht bloß im Kino, in der Werbung und in der Propaganda gibt es »Spektakel«, sondern schlechthin jeder Lebensvollzug ist geschluckt worden. Das »revolutionäre Subjekt«, bis dahin immer noch der Proletarier, ist ebenfalls verdaut, weil der immer weiter konsumieren muß und konsumieren will. Auf ihn ist kein Verlaß mehr, und der gut leninistische Ausweg, dann eben die (intellektuellen) Proletarierführer zu schulen, ist ebenfalls im ubiquitären »falschen Bewußtsein« geendet.
Hier ist der Punkt erreicht, an dem Debords Text postmodern wird. Die linke Utopie der Revolution mündet in Verzweiflung, in das Ende der fortschreitenden Geschichte. Zaghafte Hoffnungen auf »die Räte«, in denen »die spektakuläre Verneinung des Lebens ihrerseits verneint wird«, leuchten nur mehr schwach am Horizont, denn Debord schwant etwas: Wenn, dann hilft gegen die Krankheit der Moderne nur noch Kunst, und zwar in der Form einer spezifisch postmodernen Ästhetik.

»Die Entwendung (détournement) ist die flüssige Sprache der Antiideologie.« Der Künstler »entwendet« (das französische Wort enthält auch Drehung, Wendung und Diebstahl) der Kultur nur noch »Fragmente«, selbst das klassische literarische Zitat verfällt dem Frevel, autoritätsgläubig die moderne »Epoche als globalen Bezugsrahmen« zu bestätigen.
Guy Debords »Gesellschaft des Spektakels« war der große theoretische Bezugstext der »Situationistischen Internationale«, der 1952 gegründeten linken Künstlergruppe unter seiner Leitung. Auch der Künstler Asger Jorn, Guillaume Faye und die Mitglieder der Münchner Gruppe
»SPUR« gehörten ihr an, Frank Böckelmann gehörte ihr an wie Rainer Kunzelmann, der wiederum später wegen »Nationalsituationismus« ausgeschlossen wurde. Thomas Wagner hat völlig zu Recht hier die ursprünglichen Verflechtungen der späteren Neuen Rechten und der 68er- Bewegung verortet. Es ging um nichts anderes als die Einsicht, daß der Kapitalismus ein Totalitarismus geworden ist, und die von ihm erzeugte Öffentlichkeit nur zum Schein »Meinungsfreiheit« garantiert.
Der Situationist und Debord-Schüler Raoul Vaneigem beschrieb in seinem Handbuch der Lebenskunst für die jungen Generationen die Widerwärtigkeit der verfallenen Gesellschaft und die Anwendung der Debordschen Theorie auf den Alltag. Dieses expressionistisch-revolutionäre Manifest (ebenfalls 1967 erschienen) ist nur mehr auf anarchistischen Internetseiten einzusehen. Vaneigem schreibt: »Es ist heute offensichtlich,

  • daß die Entwendung spontan überall dort um sich greift, wo sich der Morast des Zerfalls ausbreitet. Die Epoche konsumierbarer Werte verstärkt auf einzigartige Weise die Möglichkeit, neue bedeutungsvolle Gesamtheiten zu schaffen;
  •  daß der kulturelle Bereich kein privilegierter Bereich mehr ist. Die Kunst der Entwendung erstreckt sich auf alle Formen der Ablehnung, die das Alltagsleben bezeugt;
  • daß die Diktatur des Stückwerks die Entwendung zur einzigen Waffe im Dienst der Totalität macht. Die Entwendung ist die zusammenhängendste, populärste und am besten der aufständischen Praxis angepaßte revolutionäre Geste. Durch eine Art natürliche, mitreißende Bewegung – die Leidenschaft des Spiels – führt sie zur extremen Radikalisierung.«

Es war nichts anderes als debordsche »Entwendung«, wenn 1967 Berliner Studenten das Institut für Germanistik aus Protest gegen die Notstandsgesetze besetzten, Goethe aus dem Bibliotheksregal schmissen und an die Wand sprühten: »Wo einst Goethe stand, da liegt jetzt Rainer Kunzelmann!«. Es ist nur um einen Dreh in der »Entwendungs«spirale weiter, vierzig Jahre später einen bösen Günter-Grass-Comic unter’s erlauchte Publikum einer Grass-Lesung zu verteilen, das sich affirmativ und kunstsinnig in diesem Comic festliest und glaubt, der gehöre zur Lesung, bis sich die Leute der »Konservativ-subversiven Aktion« um Götz Kubitschek im Raum zu erkennen geben.

Es ist »Entwendung«, die Wiener Statue der Kaiserin Maria Theresia mit einer Burka zu verhüllen oder in der Dresdner Fußgängerzone Plastikschafe zu schächten, wie die Identitäre Bewegung es voriges Jahr tat. Es ist »Entwendung«, einen Hashtag #OkayToBeWhite zu lancieren, um damit das linke Genre des Solidaritätsoutings zu kapern. Es kommt immer darauf an, die Diskurshegemonie zu sprengen. Das Widersetzliche als solches kennt nicht »konservativ« und »progressiv«, nicht »links« und »rechts«. Wegen und ausschließlich wegen dieses ästhetischen Dralls der »revolutionären Geste« konnte Debord von Pariser kommunistischen Arbeitern 1968 und von Neurechten vierzig Jahre später gelesen und ergriffen werden.

Jacques Derridas Grammatologie setzt an einer vollkommen anderen Stelle an, zieht aber nicht minder umfassende systemkritische Schlüsse. Eigentlich geht er von einem linguistischen Problem aus: Was ist die Bedeutung von Zeichen? Zeichen verweisen auf die Welt, hat die abendländische Metaphysik seit Platon behauptet. Das ist ihr »Logozentrismus«, ihre Vernunft-Wortgläubigkeit, der Urgrund der rationalistischen Metaphysik, die sprachverwendende Subjekte und abgebildete Welt unterscheidet. Derrida hält dieses Denkbild für verhängnisvoll, denn auf diese Weise entstand Gewalt.
Zeichen sind Welt, nicht ihr Abbild, »endlose Signifikantenketten«. Auf diese Weise hat Sprache, zumal wenn sie schriftförmig verfaßt ist, ein Eigenleben, eine Eigenlogik, derer man als lesendes und schreibendes Subjekt nicht Herr werden kann. Texte konstruieren sich selber, und – das ist Derridas Punkt – »dekonstruieren« sich auch selber. Literaturtheorie und Philosophie haben also die Aufgabe, das Zerstörungs- und Selbstzerstörungspotential in Texten auszugraben. In jedem Text steckt – hier ist Derrida bei allen methodischen Unterschieden nahe an Debord – sowohl Verwertungslogik als auch deren inhärente Selbstzerstörung.
»Dekonstruktion« als Methode will beobachten, wie metaphysisch aufgeladene Texte sich selbst von innen heraus zerbröseln. Was Derrida indes nicht vorausgesehen hat, ist, daß nicht seine Texte, sondern seine »Methode«, die Dekonstruktion, eben jenes destruktive Element enthält. Es entfaltete sich im Moment der Rezeption in der philosophischen Gemeinde. Sie wurde in die unbegrenzte Freiheit der Beliebigkeit entlassen. Es begann der »Tanz um das Goldene Kalb Signifikant« (Peter Sloterdijk), man verstieg sich zu der postmodernistischen Vorstellung, es gäbe überhaupt keine Bedeutung, keinen Sinn, keinen Autor, keine Strukturen mehr, nur noch »Signifikantenketten«.

Das Ergebnis ist die derzeit herrschende Kulturwissenschaft, für die es nur noch diskursive Konstruktionen und keine Realität mehr geben darf.
Der elfenbeinerne dekonstruktivistische Furor hat, nachdem er sich ausgetobt hat in den 90ern – wollen wir es noch einmal kurz dialektisch nennen? – metaphysische Substantialisten ausgespuckt. Theoretiker, die Metaphysikkritik und Kapitalismuskritik gut finden, die durch die Dekonstruktion durchgegangen sind, die sie anzuwenden und zu »entwenden« gelernt haben, und die sehen: Es gibt etwas zu verlieren, und zwar etwas Substantielles.

Richard Millet ist so einer, mit allen Wassern des französischen Poststrukturalismus gewaschen. Heute ist er als französischer Schriftsteller auf »verlorenem Posten«, wie er 2011 schreibt: »Dieser Gesellschaft zu schaden, ist mittlerweile mein einziges Anliegen. Ihr moralischer Verfall ist so weit fortgeschritten, daß das Historische und Wirtschaftliche zu den neuen Gewändern des Dämonen geworden sind. Sie beruht auf der abstrakten Allgemeingültigkeit einer Lüge – nämlich, daß der Mensch gut sei und vollkommen werden könne, so man ihn nur von der Ethnie, der Nation, dem Katholizismus, der weißen Rasse, den europäischen Traditionen, dem Westen selber erlöst.« Nur in der literarischen Sprache, seinem Exil im fast ausgetauschten Frankreich, könne er noch aufbegehren.

Oder mit Richard Rorty gesagt: »Weil sie die Aussicht auf eine Welt von ›letzten Menschen‹ mit Abscheu erfüllt, betrachten Radikale die ›bürgerliche Gesellschaft‹ und die ›bürgerliche Ideologie‹ mit jenen Augen, mit denen Ironiker die Metaphysik betrachten: Sie sehen sie als heimtückische Versuchung, die zu überwinden ist. So konnte die Illusion entstehen, die Kritik der Metaphysik sei auch eine Kritik der bürgerlichen Ideologie – und umgekehrt.

Die Radikalen wurden durch diese zufällige Gleichsetzung zur Annahme verleitet, es gebe eine enge Verbindung zwischen ironistischer Theorie und radikaler Politik«. (Richard Rorty: Habermas, Derrida und die Aufgaben der Philosophie)
Derrida ist für Rorty ein »Ironiker«, genau wie Nietzsche, Sartre oder Foucault, deren Texte für das »Streben nach sozialer Gerechtigkeit« unnütz bis schädlich seien, wenn man glaube, mit ihrer Hilfe ethische Probleme lösen zu können. Das Leben als Literatur, die Welt als Text zu lesen, wie Derrida es tut, diene der privaten Selbstvervollkommnung, nicht hingegen der liberalen Demokratisierung.

Der »Verzicht auf den emanzipatorischen Gehalt« (Jürgen Habermas) in Derridas Kritik der Moderne macht ihn für politisch radikale Leser verführerisch, wie Rorty (der sich selbst als »postmodernen bourgeoisen Liberalen« sieht) moniert. Auch Debords Gesellschaft des Spektakels mangelt es an emanzipatorischem Gehalt, die ästhetischen Interventionen durch semantische »Entwendungen« sind genau das, was Rorty für eine fatale Illusion der Radikalen hält: Kritik der Metaphysik ist Kritik der kapitalistischen Ideologie. Ist es für die Neue Rechte noch sinnvoll, Debord und Derrida zu rezipieren, und zwar in einem Sinne, der mehr ist als Verständnis der Feindideologie (z. B. kann man ohne Derrida kaum Judith Butlers Theorie der hate speech verstehen)?
Rorty hält mit Habermas daran fest, daß das linke Projekt der »Lösung unserer öffentlichen Probleme« mit Derrida ein Riesenproblem hätte, wenn er wirklich nachweisen könnte, »daß ›Sprache‹ etwas ist, das aus eigener Kraft wirksam werden, außer Kontrolle geraten, sich in den Rücken fallen, sich den Kopf abtrennen kann usw.«. Die Sache mit dem »Nachweisen« gehört zu Habermas’ eigener Illusion, daß Philosophie nur Geltung beanspruchen darf, wenn sie intersubjektiv kommunikabel ist. Doch mit Derridas Grammatologie ist der unabweisbare (wenn eben auch nicht beweisbare) Verdacht in der Welt, daß wir scheinbar »autonomen Individuen« bloß die Objekte metaphysischer Sprache sind, genauso wie mit Debord der Verdacht in der Welt ist, daß wir bloß die gefangenen Objekte des »Spektakels« sind.
Rechte machen sich seit jeher wenig Illusionen über die Autonomie des Menschen. In der »durch das Spektakel prinzipiell geforderten Haltung« der »passiven Hinnahme« ist die Linke inzwischen selber gelähmt. Also sind wir dran. Rechte sehen heute – wie die Linken 1967 – keinen Ausweg als den, durch Ästhetik, durch Ironie »neue bedeutungsvolle Gesamtheiten« aus den Trümmern der Kultur zu heben. Rorty war der Ansicht, ästhetische und politische Philosophie gehörten getrennt, sonst drohe Radikalisierung. Und wenn schon, sie gehören eng zusammen! Das lehrt uns die condition postmoderne (Lyotard), deren Teilelement auch wir sind, die wir uns gewisse Grundfesten der Wirklichkeit (Rasse, Volk, Geschichte usw.) nicht ausreden lassen.


Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.


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