Sezession
1. Dezember 2017

Eine Welt, eine Risikogruppe

Nils Wegner

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Als sich die Virologen Dietrich Peters und Günther Müller am 20. November 1967 über das Transmissionselektronenmikroskop des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin in Hamburg beugten, war die Lage kritisch. Mitte August des Jahres waren rund ein Dutzend Menschen mit übereinstimmenden Symptomen einer schweren Fiebererkrankung in die Notaufnahmen der Universitätskliniken in Marburg und Frankfurt eingeliefert worden.

Bald sank die Temperatur der Patienten signifikant; dafür war binnen sieben Tagen nach Ausbruch der Krankheit das Lebergewebe der Betroffenen weitgehend zerstört, Lähmungserscheinungen stellten sich ein, und ein Viertel der Erkrankten begann, aus allen Körperöffnungen zu bluten – das medizinische »üble Vorzeichen« (Signum mali ominis), das bei über 70 Prozent der Betroffenen den bevorstehenden Tod ankündigte.

Als es bis Monatsende Neuerkrankungen sowie vier Todesopfer gegeben hatte, mußte ein Sprecher des hessischen Gesundheitsministeriums bekennen: »Wir tappen völlig im Dunkeln.« Mit den üblichen Analysemethoden blieb ein Durchbruch aus; erst eine Verkettung glücklicher Umstände führte zum Versand von Blutproben nach Hamburg, wo Müller mit dem Negative-stain-Verfahren eine kontrastreichere Form der Elektronenmikroskopie entwickelt hatte. So gelang ihm und Peters an jenem Tag tatsächlich die Abbildung des Erregers der rätselhaften Krankheit – einer in sich verschlungenen, peitschenartigen, bis dahin völlig unbekannten Struktur, die einer neuen Virusfamilie den Namen Filoviridae (von lat. filum für Saite, Draht) gab.

Parallel zur Jagd auf den Auslöser der Epidemie war auch die Suche nach seiner Herkunft angelaufen. Bei den Erstinfizierten (Indexpatienten) handelte es sich zum Großteil um Angestellte des damals in Frankfurt ansässigen Paul-Ehrlich-Instituts für Impfstoffe sowie der zum Pharmagiganten Hoechst gehörenden Marburger Behringwerke. Sie alle hatten direkten Kontakt mit Blut, Organen und Zellkulturen einer Lieferung Grüner Meerkatzen aus Uganda gehabt – die kleinen Affen waren für die Gewinnung von Nierenzellkulturen zur Züchtung und Erprobung von Poliomyelitis- und Masernimpfstoff importiert worden. Nach Aufkeimen des Verdachts, daß es sich bei den Tieren um die Überträger (Vektoren) der neuartigen Tropenseuche handeln könnte, wurden sie zusammen mit 600 Artgenossen umgehend getötet; der Erreger indes wurde nach dem mutmaßlichen Ausbruchsort Marburgvirus getauft.

50 Jahre nach diesen Vorkommnissen steht die Geschichte der Entdeckung der Filoviren als Menetekel an der Wand einer beispiellos vernetzten und globalisierten Welt. Bereits 1967 war auf dem Höhepunkt der öffentlichen Erregung im Spiegel zu lesen:

[N]och immer bangen die Mediziner vor der Möglichkeit, daß sich in der dichtbevölkerten, verkehrsschnellen zivilisierten Welt unvermutet eine neue, bis dahin unbekannte Virusart zeigen könnte, die verheerende Seuchen mit sich brächte, vergleichbar den völkermordenden Pestzügen des Mittelalters.


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

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