Sezession
1. Dezember 2017

Das Kaninchen bin ich

Gastbeitrag

von Frank Lisson

pdf der Druckfassung aus Sezession 81/Dezember 2017

Wer sich an den zumeist banalen, aber volkspädagogisch »wertvollen«, oder schlicht absurden, aber unterhaltsamen Handlungen neuerer deutscher Filmproduktionen sattgesehen hat, greife vielleicht einmal zu jenen DEFA-Streifen, die zwischen 1965 und 1966 in der DDR zwar gedreht, aber nie zur Ausstrahlung zugelassen worden waren.

Erstaunlich nämlich, daß es in der DDR jener Jahre offenbar noch genügend Mut und Bereitschaft, vor allem aber genügend Bewußtsein für die großen Fragen der Zeit gab, verbunden mit einer luziden Kritikfähigkeit, wie man sie später in deutschen Studios und Redaktionen nie wieder finden sollte, weil sie im Osten durch das Regime der SED, im Westen durch das der kulturbetrieblichen Selbstzensur vollständig ausgerottet worden war. Diese ungemein kunstvoll-subtilen wie hintergründigen Filme, getragen und durchdrungen von einer rührend-naiven Sehnsucht nach Wahrheit, Freiheit und Gerechtigkeit, wie Das Kaninchen bin ich oder Denk bloß nicht, ich heule oder Der verlorene Engel oder Karla  erschüttern  das dafür empfängliche Gemüt heute vielleicht noch mehr, als sie es damals getan hätten.

Denn zum vorerst letzten Mal wurden hier Dinge offen beim Namen genannt, die kein herrschendes Milieu hören will, indem man nämlich die tatsächlichen Unterdrücker und deren Machenschaften zum Gegenstand der Kritik erhoben hatte.

In dem Drama Denk bloß nicht, ich heule versucht der jugendliche Held Peter Naumann, dem sein renitentes Verhalten jegliche Karriereaussichten verstellt und dem man eben deshalb vorwirft, sein Leben »wegzuwerfen«, aus jener Enge, Furcht, Gleichgültigkeit, Anpassungs- und Verleugnungsbereitschaft auszubrechen, in die alle Gesinnungsstaaten ihren Nachwuchs hineinzuerziehen  bemüht  sind.

Man sagt ihm, das Wichtigste sei zu leben; er aber beschimpft sogar seine vermeintlichen Gefährten, die Freiheit mit der Lizenz zum kriminellen Handeln verwechseln. Auch seine Freundin versteht ihn nicht recht, will ihn daher »bessern«. Peter: »Du liebst natürlich die Republik.« Anne: »Ja.« Peter: »Ich nicht! Weil ich nicht lügen will! In Physik muß ich denken, in Stabü darf ich nicht. Weil ich nicht will, daß nur meine Lügen gebraucht werden und nichts anderes von mir. – Das  hab’  ich  im  Aufsatz  geschrieben.« Anne: »Warum denkst du so?« Peter: »Warum?« – Wo läse oder hörte man heute, im Zeitalter ohnmächtig akzeptierter oder verharmloster Political Correctness, solche Dialoge? Nirgends; weil dort, wo alle nur noch leben wollen, tatsächlich niemand mehr so denkt.

Denn eben das hat die Sache so einfach gemacht und gibt Antwort auf die Frage, wie es nach zwei gescheiterten Versuchen einem politischen Milieu endlich gelin- gen konnte, eine ganze Gesellschaft moralisch derart zu konditionieren, daß jeder nunmehr »freiwillig« tut, wozu bisher stets direkte Gewaltandrohung nötig war; und man sich bereits selber zensiert, noch bevor ein unerwünschter, fremder Gedanke überhaupt heranreifen kann.


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