Das Kaninchen bin ich

 Gastbeitrag

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Wer sich an den zumeist bana­len, aber volks­päd­ago­gisch »wert­vol­len«, oder schlicht absur­den, aber unter­halt­sa­men Hand­lun­gen neue­rer deut­scher Film­pro­duk­tio­nen satt­ge­se­hen hat, grei­fe viel­leicht ein­mal zu jenen DEFA-Strei­fen, die zwi­schen 1965 und 1966 in der DDR zwar gedreht, aber nie zur Aus­strah­lung zuge­las­sen wor­den waren.

Erstaun­lich näm­lich, daß es in der DDR jener Jah­re offen­bar noch genü­gend Mut und Bereit­schaft, vor allem aber genü­gend Bewußt­sein für die gro­ßen Fra­gen der Zeit gab, ver­bun­den mit einer luzi­den Kri­tik­fä­hig­keit, wie man sie spä­ter in deut­schen Stu­di­os und Redak­tio­nen nie wie­der fin­den soll­te, weil sie im Osten durch das Regime der SED, im Wes­ten durch das der kul­tur­be­trieb­li­chen Selbst­zen­sur voll­stän­dig aus­ge­rot­tet wor­den war. Die­se unge­mein kunst­voll-sub­ti­len wie hin­ter­grün­di­gen Fil­me, getra­gen und durch­drun­gen von einer rüh­rend-nai­ven Sehn­sucht nach Wahr­heit, Frei­heit und Gerech­tig­keit, wie Das Kanin­chen bin ich oder Denk bloß nicht, ich heu­le oder Der ver­lo­re­ne Engel oder Kar­la  erschüt­tern  das dafür emp­fäng­li­che Gemüt heu­te viel­leicht noch mehr, als sie es damals getan hätten.

Denn zum vor­erst letz­ten Mal wur­den hier Din­ge offen beim Namen genannt, die kein herr­schen­des Milieu hören will, indem man näm­lich die tat­säch­li­chen Unter­drü­cker und deren Machen­schaf­ten zum Gegen­stand der Kri­tik erho­ben hatte.

In dem Dra­ma Denk bloß nicht, ich heu­le ver­sucht der jugend­li­che Held Peter Nau­mann, dem sein reni­ten­tes Ver­hal­ten jeg­li­che Kar­rie­re­aus­sich­ten ver­stellt und dem man eben des­halb vor­wirft, sein Leben »weg­zu­wer­fen«, aus jener Enge, Furcht, Gleich­gül­tig­keit, Anpas­sungs- und Ver­leug­nungs­be­reit­schaft aus­zu­bre­chen, in die alle Gesin­nungs­staa­ten ihren Nach­wuchs hin­ein­zu­er­zie­hen  bemüht  sind.

Man sagt ihm, das Wich­tigs­te sei zu leben; er aber beschimpft sogar sei­ne ver­meint­li­chen Gefähr­ten, die Frei­heit mit der Lizenz zum kri­mi­nel­len Han­deln ver­wech­seln. Auch sei­ne Freun­din ver­steht ihn nicht recht, will ihn daher »bes­sern«. Peter: »Du liebst natür­lich die Repu­blik.« Anne: »Ja.« Peter: »Ich nicht! Weil ich nicht lügen will! In Phy­sik muß ich den­ken, in Sta­bü darf ich nicht. Weil ich nicht will, daß nur mei­ne Lügen gebraucht wer­den und nichts ande­res von mir. – Das  hab’  ich  im  Auf­satz  geschrie­ben.« Anne: »War­um denkst du so?« Peter: »War­um?« – Wo läse oder hör­te man heu­te, im Zeit­al­ter ohn­mäch­tig akzep­tier­ter oder ver­harm­los­ter Poli­ti­cal Cor­rect­ness, sol­che Dia­lo­ge? Nir­gends; weil dort, wo alle nur noch leben wol­len, tat­säch­lich nie­mand mehr so denkt.

Denn eben das hat die Sache so ein­fach gemacht und gibt Ant­wort auf die Fra­ge, wie es nach zwei geschei­ter­ten Ver­su­chen einem poli­ti­schen Milieu end­lich gelin- gen konn­te, eine gan­ze Gesell­schaft mora­lisch der­art zu kon­di­tio­nie­ren, daß jeder nun­mehr »frei­wil­lig« tut, wozu bis­her stets direk­te Gewalt­an­dro­hung nötig war; und man sich bereits sel­ber zen­siert, noch bevor ein uner­wünsch­ter, frem­der Gedan­ke über­haupt her­an­rei­fen kann.

Sämt­li­che Prot­ago­nis­ten  der  genann­ten Fil­me schei­tern an ihren Idea­len, an ihrem Anspruch auf Wahr­heit, den die staat­li­che Wirk­lich­keit ihnen aus­zu­trei­ben ver­sucht: die jun­ge Kell­ne­rin Maria Mor­zeck, deren Bru­der wegen »staats­ge­fähr­den­der Het­ze« zu drei Jah­ren Zucht­haus ver­ur­teilt wor­den ist, und die, zunächst ahnungs­los, mit des­sen Rich­ter ein Ver­hält­nis beginnt; der Schü­ler Peter  Nau­mann, der gegen die Staats­ver­lo­gen­heit auf­be­gehrt; der Künst­ler Ernst Bar­lach, des­sen Wer­ke ab 1937 aus der Öffent­lich­keit ent­fernt wer­den, wor­an der alte Mann zer­bricht; die unan­gepaß­te Leh­re­rin Kar­la, die ihre Schü­ler zum eigen­stän­di­gen Den­ken erzie­hen will. – Nichts Ver­gleich­ba­res ist je im Wes­ten ent­stan­den, da dort eine sol­che Frei­mü­tig­keit unter den Kunst­schaf­fen­den gar nicht erst auf­kom­men konn­te, nach­dem rasch zur Mei­nungs­herr­schaft gelang­te  und  heu­te noch herr­schen­de Kar­tel­le sich bereits in den 1950er/1960er Jah­ren das Mono­pol auf Kri­tik gesi­chert hat­ten und deren Inter­es­se einem ganz ande­ren Ziel ver­pflich­tet war: dem der Sub­ver­si­on; zunächst  der  nihi­lis­tisch-exis­ten­tia­lis­ti­schen, dann der uto­pisch-sozia­lis­tisch-anti­im­pe­ria­lis­ti­schen. Dar­auf­hin muß­te jede Form von Unzu­frie­den­heit durch die »rich­ti­ge Gesin­nung« abge­deckt sein.

Zwar soll­te sich die Kunst gera­de im Wes­ten gegen das »Sys­tem« rich­ten, aber nur solan­ge, wie man als Kri­ti­ker mit der mora­lisch ein­zig zuläs­si­gen Gesin­nung das Sys­tem sel­ber noch nicht ver­kör­per­te. Denn kri­tik­be­rech­tigt war allein, wer wenigs­tens vor­gab, den ent­ge­gen­ge­setz­ten Stand­punkt derer zu ver­tre­ten, die den Krieg ver­lo­ren hatten.

Damit wur­de von Anfang an jeder sach­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung der Boden ent­zo­gen, jeder Geg­ner die­ser neu ver­ord­ne­ten Moral unter Gene­ral­ver­dacht gestellt und mund­tot gemacht. So erst konn­te das Trau­ma der tota­len Nie­der­la­ge, der Ohn­macht, der Schuld und der Beschul­di­gun­gen sei­ne vol­le Wir­kung ent­fal­ten und zur kol­lek­ti­ven Psy­cho­se her­an­rei­fen. Denn erst die als ver­dient emp­fun­de­ne Nie­der­la­ge macht aus Besieg­ten Täter und aus Tätern Verbrecher.

Dar­aus erklärt sich die Nei­gung aller Besieg­ten, die Moral der­je­ni­gen Täter zu über­neh­men, denen man unter­lag. Damals also ent­stand das hoch­kom­pli­zier­te Geflecht aus tak­ti­scher Gesin­nung und poli­tisch- sozia­lem Macht­kal­kül, wor­in sich bald jeder ver­wi­ckel­te und das schließ­lich zu der all­ge­mein ver­brei­te­ten Betriebs­blind­heit führ­te, die jede ech­te, tie­fer­grei­fen­de Kri­tik an den Ursa­chen herr­schen­der Dok­tri­nen und Tabus ver­hin­dert und das Ver­ste­hen der­sel­ben so sehr erschwert. Des­halb bleibt oft nur hilf­lo­ses, bit­te­res Erstau­nen, wo die besag­te Psy­cho­se sämt­li­che Wege hin zur Befrei­ung aus ihren Zwän­gen blockiert.

Alle Gesin­nungs­staa­ten  waren  stets  bemüht, ihren Tota­li­ta­ris­mus dadurch zu ver­blen­den, daß sie osten­ta­tiv auf den Tota­li­ta­ris­mus des besieg­ten Vor­gän­gers hin­wie­sen. Und so loben und för­dern auch die Zen­so­ren von heu­te die Zen­sier­ten von ges­tern, ohne daß das Gro­tes­ke die­ser Situa­ti­on irgend­je­man­dem der Betei­lig­ten und stil­len Dul­der auf­zu­fal­len scheint oder in ihnen Zwei­fel aus­lös­te. Hal­ten doch die­je­ni­gen, denen die mora­li­sche Selbst­er­mäch­ti­gung alle Skru­pel genom­men hat, ihre Will­kür, ihre Schi­ka­nen, ja sogar ihren Ter­ror stets für »gerecht«.

Des­halb gibt es hier­zu­lan­de bis dato kei­nen ein­zi­gen  tat­säch­lich  regime­kri­ti­schen Film zu sehen, der die Lage der heu­ti­gen Oppo­si­tio­nel­len auf gleich mutig-nai­ve Wei­se anschau­lich mach­te, wie dies in besag­ten DEFA-Fil­men geschah. Und das, obwohl es sich dem Betrach­ter mehr als auf­drängt, die dort geschil­der­ten Fäl­le auf die heu­ti­gen Ver­hält­nis­se zu über­tra­gen. Denn wo sind die Fil­me, in denen die­ses Land aus der Per­spek­ti­ve unan­gepaß­ter Leh­rer gezeigt wür­de? Oder aus der gegen Indok­tri­na­ti­on, Gen­der-Wahn, Inklu­si­on, Über­frem­dung rebel­lie­ren­der jun­ger Leu­te, bei denen die Erzie­hung zum lin­ken Ein­heits­men­schen ver­sagt hat; sen­si­ble Ein­zel­ne, die, wie einst, der »staats­ge­fähr­den­den (heu­te: popu­lis­ti­schen) Het­ze« beschul­digt wer­den und dar­auf­hin ihren Arbeits­platz ver­lie­ren, kei­ne aka­de­mi­sche Kar­rie­re machen, ja nicht ein­mal ein höhe­res öffent­li­ches Amt beklei­den dürfen.

Fil­me, die zei­gen, wie es»verdächtigen« Künst­lern und Autoren mit Büchern bei »ver­däch­ti­gen« Ver­la­gen hier­zu­lan­de ergeht, deren Wer­ke ohne Berück­sich­ti­gung ihres Inhalts aus öffent­li­chen Räu­men und Biblio­the­ken ent­fernt oder prin­zi­pi­ell gar nicht erst ange­kauft wer­den. – Wir alle muß­ten ler­nen, und die meis­ten haben gelernt, zu schwei­gen, weg­zu­se­hen, die Will­kür hin­zu­neh­men, ohne dar­an irre zu wer­den. So sind wir unsen­si­bel gewor­den gegen jede Form der Repres­si­on, die von den »Guten« aus­geht. Denn der Zivil­ge­sell­schaft nach Maß haben die sys­tem­im­ma­nen­ten Per­ver­tie­run­gen der eige­nen Vor­sät­ze schlicht­weg egal zu sein.

Wer den­noch sol­che All­tags­wirk­lich­kei­ten fil­misch ins Licht setz­ten woll­te, fän­de hier und heu­te weder einen Regis­seur noch eine Pro­duk­ti­ons­fir­ma, die bereit wären, gegen die zivil­ge­sell­schaft­li­che Norm zu ver­sto­ßen. In der frü­hen DDR wur­den regime­kri­ti­sche Fil­me immer- hin noch gedreht, um sie dar­auf­hin (gege­be­nen- falls) zu ver­bie­ten; hier und heu­te erspart man sich den Auf­wand und läßt die Zen­sur bereits im Vor­feld wal­ten, wes­halb der­ar­ti­ge Pro­duk­tio­nen gar nicht erst ent­ste­hen können.

Man hat gelernt – und bleibt beim Unge­fähr­li­chen, das ins eige­ne Welt­bild paßt. So etwa der Film Hunger auf Leben (2004) über das rela­tiv kur­ze Leben der ver­füh­re­risch-attrak­ti­ven DDR-Staats­au­torin Bri­git­te Rei­mann (1933 –1973), einem Lite­ra­tur-Vamp: sinn­lich-exal­tiert,  lini­en­treu, weil gut­gläu­big  und  kar­rie­re­ori­en­tiert,  aber kei­ne Genos­sin; frei­lich auch kri­tisch, ja wider­spens­tig, vor allem dann, wenn der Schat­ten des Regimes ein­mal auf sie sel­ber fällt.

Eine sol­che Autorin bringt also eini­ges von dem mit, was auch den  heu­ti­gen  Kul­tur­be­triebs­schrift­stel­ler aus­zeich­net, wes­halb es hüben wie drü­ben – und kei­nes­wegs unbe­rech­tigt – stets als schick galt, sie zu mögen. Folg­lich gibt ihr exzes­siv bewäl­tig­tes Leben einen unter­halt­sa­men Film­stoff ab, sofern man nicht zu vie­le Ähn­lich­kei­ten zwi­schen den heu­ti­gen und den dama­li­gen Rea­li­tä­ten bemer­ken will. Denn dann müß­te der Fil­me zutiefst verstören.

Und so kennt das Leben Bri­git­te Rei­manns auch wache  Momen­te,  etwa, als sie den ideo­lo­gi­schen Erwar­tun­gen ein­mal nicht mehr ent­sprach und prompt zu spü­ren bekam, was es bedeu­tet, plötz­lich auf der »fal­schen Sei­te« zu ste­hen: »Mein Hör­spiel habe ich vom Rund­funk zurück­be­kom­men. Es hat aus­ge­zeich­net gefal­len … jedoch müß­te man bedau­ern … – Das poli­ti­sche Aber! – Manch­mal has­se ich das gan­ze deut­sche Pack, die­ses Volk von Krie­chern und Mit­läu­fern; Leu­te, die immer nur das taten, was man ihnen von oben befahl.«

Wer nun eben sol­ches, fast wort­gleich erlebt und emp­fun­den, über vie­le Jah­re hin­weg mit hie­si­gen Ver­la­gen und Rund­funk­re­dak­tio­nen erfah­ren hat; wes­sen Kla­ge über sol­che Ver­hält­nis­se vor einem ver­stän­di­gen Lek­tor eines renom­mier­ten Ver­la­ges nur am pri­va­ten Tele­phon statt­fin­den durf­te, aus Furcht, es kön­ne ein Kol­le­ge mit­hö­ren; wer bei sei­ner Pro­mo­ti­on mit­ten in der Arbeit gezwun­gen wor­den war, den Antrag zurück­zu­zie­hen, weil man ihn, nach­dem »Recher­chen« über ihn ein­ge­holt wor­den waren, ver­däch­tig­te, »poli­tisch nicht trag­bar« zu sein, und wer dann an der nächs­ten, vor­sich­tig aus­ge­such­ten Uni­ver­si­tät scheu und ein­ge­schüch­tert und in aller Heim­lich­keit bis zur Urkun­den­ver­lei­hung zit­tern muß­te, doch noch denun­ziert oder »geoutet« zu wer­den; kurz: Wer von den Kul­tur­funk­tio­nä­ren heu­ti­gen Schla­ges in Ver­la­gen, Rund­funk und Uni­ver­si­tät aus­ge­spuckt wor­den ist, weil er nicht schmeckt, wie es die herr­schen­de Ideo­lo­gie ver­langt, sieht sol­che Fil­me mit ande­ren Augen.

Er hat erlebt und erlit­ten, womit die Heuch­ler und Hof­schrei­ber nur koket­tie­ren. Und er hat begrif­fen: In Staa­ten wie die­sen besteht die soge­nann­te »Kul­tur« aus dem sich sel­ber spie­len­den, sich sel­ber fei­ern­den, sich sel­ber insze­nie­ren­den, in sich geschlos­se­nen Appa­rat instink­ti­ver Grad­li­nig­keit aus Gefall­sucht, wor­in jeder leug­net, was er nicht sehen will, und als­bald ver­gißt, daß es sein Schwei­gen ist, das Unrecht schafft, indem es Unrecht duldet.

Wer sich von all dem nicht völ­lig abstump­fen oder kor­rum­pie­ren ließ, muß­te in der spä­ten BRD die glei­chen Erfah­run­gen machen wie die Sen­si­ble­ren in der frü­hen DDR: Viel­leicht war er mit fünf­zehn Jah­ren ent­schlos­sen, sei­nem Land zu die­nen, sich poli­tisch zu enga­gie­ren, woll­te hel­fen, einen gerech­ten, demo­kra­ti­schen Staat auf­zu­bau­en oder zu erhal­ten, bis er mit viel­leicht zwan­zig Jah­ren erkann­te, daß die Wor­te von »Frei­heit« und »Plu­ra­lis­mus« doch gar nicht so gemeint waren … Also betei­lig­te er sich viel­leicht noch bis fünf­und­zwan­zig oder drei­ßig gewis­ser­ma­ßen aus Pro­test an der Far­ce des Poli­ti­schen, schäm­te sich aber bereits für sei­ne eins­ti­ge jugend­li­che Nai­vi­tät, das durch und durch Ver­lo­ge­ne der poli­ti­schen und kul­tu­rel­len Klas­se nicht schon frü­her erkannt zu haben, bis er mit viel­leicht vier­zig Jah­ren das Gan­ze gründ­lich satt hat­te, den Zir­kus der täg­lich aus­ge­ru­fe­nen Phra­sen nur noch ver­ach­te­te und, bevor der in ihm nis­ten­de Ekel zum Krebs­ge­schwür mutier­te, sich von allem, von den real­so­zia­lis­ti­schen wie von den links­li­be­ra­len Lebens­lü­gen, resi­gniert abwandte.

Einst klang das so (Rei­mann, Tage­bü­cher): »Seit der CˇSSR- Affä­re hat sich mein Ver­hält­nis zu die­sem Land, zu die­ser Regie­rung sehr geän­dert. Ver­zweif­lung. Manch­mal Anfäl­le von Haß. (…) Nichts ist schlim­mer als hilf­lo­ser Zorn, die Unfä­hig­keit zur Aktion.«

Wahr­schein­lich haben sol­che und ähn­li­che Erfah­run­gen stets bewirkt, daß jede theo­re­tisch beab­sich­tig­te Demo­kra­tie als­bald zur real exis­tie­ren­den Och­lok­ra­tie her­ab­sin­ken muß­te: Denn zuletzt sind nur noch die Schlech­tes­ten bereit, sich an der gro­ßen staat­lich-obli­ga­ten Pos­se zu betei­li­gen. Ist doch bis­lang jede demo­kra­ti­sche Ver­fas­sung dar­an geschei­tert, daß sich bald nie­mand mehr dar­an hielt, weil die cha­rak­ter­lo­ses­ten Natu­ren schließ­lich alle ande­ren ver­drängt hat­ten, so daß allein die Lini­en­treu­en und Kar­rie­ris­ten übrig blie­ben und sagen konn­ten: Der Staat bin ich!

War­um aber funk­tio­niert die heu­ti­ge, so ein­neh­mend seri­ös  und  pro­fes­sio­nell  flim­mern­de Och­lok­ra­tie viel bes­ser als alle bis­he­ri­gen, und war­um ruft sie nur noch so wenig Wider­stand her­vor? Viel­leicht kommt es auch hier auf die Dosis an: Wo die Stra­fen nicht mehr dra­ko­nisch sind, son­dern den zu Bestra­fen­den lei­se und lang­sam zer­stö­ren, wo es kei­ne Eng­päs­se oder Män­gel in der Ver­sor­gung mehr gibt, wel­che die geis­ti­gen Repres­sio­nen noch drü­cken­der mach­ten und über­all das »Gefühl« ver­mit­telt wird, alles zu dür­fen und »frei« zu sein, lohnt es sich nicht, die­se, wenn­gleich vor allem vir­tu­el­len Vor­zü­ge ein­zu­bü­ßen, indem man genau­er hin­schaut, nach »ande­ren Ver­hält­nis­sen« ver­langt und dadurch sei­nen Aus­schluß aus der Com­mu­ni­ty des »schö­nen Lebens« ange­sag­ter Mei­nun­gen riskiert.

Mög­li­cher­wei­se hin­dert die­se Furcht die aller­meis­ten dar­an, das doch bloß gerin­ge Abs­trak­ti­ons­ver­mö­gen auf­zu­brin­gen, um die Par­al­le­len zwi­schen den bei­den Wirk­lich­kei­ten zu erschau­en und das Wort von der end­lich erreich­ten »Ankunft im frei­heit­lichs­ten und gerech­tes­ten Staat« als den größ­ten bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Mythos zu ent­lar­ven. Denn zuletzt grün­det fast jeder Staat auf der Selbst­ge­fäl­lig­keit, das heißt Igno­ranz und Eitel­keit sei­ner Karrieristen.

Dar­in besteht die viel­leicht zähes­te anthro­po­lo­gi­sche Kon­stan­te. Zu allen Zei­ten sucht jeder ein­zel­ne der vie­len Pro­fi­teu­re im jewei­li­gen Regime das ihm nütz­li­che Mit­tel, den eige­nen Zweck zu erfül­len. Dahin zwingt ihn gewis­ser­ma­ßen das Leben selbst. Und des­halb schämt sich in kei­nem Staat, auch im heu­ti­gen nicht, irgend jemand der Akteu­re sei­ner immer glei­chen Machen­schaf­ten, und sei­en die­se auch noch so schä­big. Das Spiel der Vor­teils­ver­lo­gen­heit beginnt fast jeden Tag aufs neue; es ist viel­leicht der näm­li­che instink­ti­ve Mecha­nis­mus, der auch die Spin­ne lenkt, wenn sie täg­lich ihr Netz an der glei­chen, ein­mal ergie­bi­gen Stel­le neu webt, mag es dort auch noch so oft zer­ris­sen werden.

Oder eben der des Kanin­chens, das sich immer wie­der das Fell über die Ohren zie­hen läßt, weil gewis­ser­ma­ßen sein Zweck dar­in besteht, gefres­sen zu wer­den. – Der Zweck des Men­schen aber ist, wie man sagt, das »schö­ne Leben«. Dies zu errei­chen gelingt jedoch nur dem­je­ni­gen, der erfolg­reich igno­riert, daß das gesam­te Gebäu­de auch der heu­ti­gen Wirk­lich­keit auf lau­ter Selbst­be­trü­ge­rei­en grün­det; bald unser gan­zes staat­li­ches, wirt­schaft­li­ches, welt­an­schau­li­ches, pri­va­tes Dasein hängt davon ab.

Folg­lich kann nie­mand wol­len, daß die­ses über Genera­tio­nen müh­sam auf­ge­bau­te Gehäu­se zusam­men­bricht. Zu vie­le sind dar­in inte­griert, haben auf Gedeih und Ver­derb ihren Pakt mit der staat­li­chen Wohn­ge­nos­sen­schaft geschlos­sen, zu vie­le ver­dan­ken ihre kom­plet­te Exis­tenz jener Bigot­te­rie. Frei­lich stellt die­ser bedrükken­de Zustand jeden auf die Cha­rak­ter­pro­be, indem sei­ne Reprä­sen­tan­ten dem Ein­zel­nen zuru­fen: wir wer­den auch dich schon noch klein­krie­gen, denn in jedem Men­schen steckt ein fau­ler, aber frucht­ba­rer Kern, den wir für uns bean­spru­chen und dienst­bar machen wollen.

Sol­ches aus­zu­spre­chen ist kein Pes­si­mis­mus; es sind auch kei­ne »Nacht­ge­dan­ken«, son­dern küh­le Beob­ach­tun­gen der Lage, die kaum jemand ernst­haft leug­nen kann, der hier­zu­lan­de die poli­ti­sche Wirk­lich­keit der letz­ten drei­ßig Jah­re erfah­ren hat. Allein die vie­len Nutz­nie­ßer und Igno­ran­ten jener Wirk­lich­keit dürf­ten sich zu einem mil­de­ren Urteil ver­pflich­tet fühlen.

Denn die Fähig­keit, in alle Ver­hält­nis­se hin­ein­zu­wach­sen und sie nur so weit zu kri­ti­sie­ren, wie man nie­man­dem der Täter weh­tut, am wenigs­ten sich sel­ber, gehört zu den Grund­vor­aus­set­zun­gen des »schö­nen Lebens«. Des­halb ist es ein nur schwa­cher Trost, dar­auf hof­fen zu dür­fen, daß die heu­te als die »Bösen« stig­ma­ti­sier­ten, die Geäch­te­ten, Schi­ka­nier­ten, Ver­sto­ße­nen und Ver­schwie­ge­nen, viel­leicht mor­gen die »Guten« sein wer­den; denn den Scha­den und das auf­rei­ben­de, zer­stör­te Leben erlei­den sie hier und jetzt.

Sich nun unter den­je­ni­gen not­wen­dig da- gegen zu empö­ren, die von der Falsch­heit des geschichts­po­li­ti­schen Mythos, auf den wir alle ver­ei­digt wor­den sind, weni­ger pro­fi­tie­ren, ist das eine. Ein ande­res, die Natur jenes Kom­ple­xes ver­ste­hen zu wol­len. Denn erst nach­dem wir uns dar­über klar gewor­den sind, was alles vom Fort­be­stand unse­rer heu­ti­gen Wirk­lich­keit abhängt, wird die Hys­te­rie und Rigo­ro­si­tät derer begreif­lich, die mit aller Gewalt jeden Zwei­fel an ihren staats­tra­gen­den Dog­men unterdrükken.

Und man sieht, wie tief, ja unüber­brück­bar die Grä­ben zwi­schen die­sen bei­den unglei­chen Geg­nern mitt­ler­wei­le gewor­den sind. Man ver­steht ein­an­der nicht mehr, weil man unter­schied­li­che Spra­chen spricht; so, als habe man es mit zwei grund­ver­schie­de­nen Men­schen­ar­ten zu tun. Es ist der Zustand einer Final­si­tua­ti­on, wie es sie zwar immer wie­der in der Geschich­te gege­ben hat, ohne daß jedoch mit Gewiß­heit von ver­gan­ge­nen Bei­spie­len auf den Fort­gang heu­ti­ger Ver­hält­nis­se geschlos­sen wer­den könne.

Soll­te auch das der­zei­ti­ge Regime irgend- wann ein­mal über­wun­den wer­den, wird es kei­ne Fil­me, ja nicht ein­mal eine qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ge Lite­ra­tur geben, die zeit­nah jene poli­ti­schen Zwän­ge und Wid­rig­kei­ten doku­men­tier­ten und ein Psy­cho­gramm der Täter wie der Opfer hin­ter­lie­ßen; denn der­lei, wie die einst soge­nann­ten Kel­ler- oder Kanin­chen­fil­me kom­men eben des­halb gar nicht mehr zustan­de, weil dazu sowohl der Typus fehlt, der sie schrei­ben und pro­du­zie­ren könn­te, als auch der­je­ni­ge, den ein tie­fe­res Ver­lan­gen danach antrie­be, das Unge­heu­er­li­che die­ser Tat­sa­che künst­le­risch zu ver­ar­bei­ten. – Was küm­mert mich das biß­chen geis­ti­ge Dres­sur, solan­ge es im Netz alles zu kau­fen und vir­tu­ell zu erle­ben gibt und das offi­zi­el­le Kol­lek­tiv mir täg­lich sagt, was ich tun muß, um als mora­lisch »guter« und zeit­ge­mä­ßer Mensch zu gelten!

Wo man in eine anschei­nend unab­än­der­li­che Zukunft hin­ein­rollt, ver­liert sich das natür­li­che Emp­fin­den für Recht und Unrecht, für Wahr­heit und Lüge, für Schö­nes und Häß­li­ches zuguns­ten einer Über­le­bens­fle­xi­bi­li­tät, die dazu führt, sich nun noch vehe­men­ter für das bereits Bestehen­de ein­zu­set­zen und die­ses immer wei­ter aus­zu­bau­en, um in der Unter­stüt­zung des Unaus­weich­li­chen nach sei­ner ver­lo­re­nen Mün­dig­keit zu suchen – und sich schließ­lich ein­zu­bil­den, sie im Fort­schritts­ge­hor­sam blo­ßer Zeit­geist­ad­ap­ti­on auch tat­säch­lich gefun­den zu haben.

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