Sezession
10. Dezember 2018

Weihnachtsempfehlungen (IV) – Sigrid Wirzinger

Redaktion / 3 Kommentare

Geschenkempfehlungen in Buchform - diesmal von unserer Buchhändlerin Sigrid Wirzinger!

  • Sezession

Gutes

Karel Polácek: Die Bezirksstadt., Reclam, gebunden, mit Lesebändchen, 384 Seiten, 24 €

Eine kleine Stadt in Böhmen, es passiert nicht viel. Es ist kurz vor dem Ersten Weltkrieg, die Moderne mit Autos, Kinos und Licht ist schon im Anmarsch, aber in der Bezirksstadt ist noch alles wie früher  – bis der junge Kaufmannssohn aus der großen Stadt zurück kommt, seinen silbernen Spazierstock beim Flanieren herumwirbelt und bis der Thronfolger in Sarajewo ermordet wird…

Erstmals auf deutsch 1956 erschienen, liegt dieser wunderbare Roman nun in neuer Übersetzung vor: das alte Böhmen, die kleinen Leute, die große Weltgeschichte – all das läßt Polácek mit leichter Hand, aber viel Herz geschrieben vor seinen Lesern wieder auferstehen! - Buch hier bestellen.

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Wahres

Brunnbauer, Ulf/Buchenau, Klaus: Geschichte Südosteuropas. Reclam, gebunden, 511 Seiten, 7 Karten

Man kann Europa nicht ohne Südosteuropa begreifen, zu viele Dramen der Geschichte spielten sich dort ab oder nahmen dort Anfang. Doch was macht diese Länder und Regionen so besonders, worin liegen die Unterschiede, worin die Gemeinsamkeiten? Die zwei  Autoren gehen diesen Fragen nach, beginnend mit der Rezeption dieser wechselvollen Regionen im westlichen Europa. Das  Hauptaugenmerk legen die Herren auf dem 19. und 20. Jahrhundert und seine Verwicklungen, doch wird die Vorgeschichte, werden die sprachlichen und kulturellen Zusammenhänge genauso kenntnisreich und eingängig beschrieben. Ergänzt um 7 Karten ist dieses Buch ein hervorragendes Einführungswerk, über die EU-Lobgesänge im Nachwort sollte man jedoch gnädig hinwegsehen, und lieber die nächste Reise planen, um diese hochinteressanten, zum Teil noch unverfälschten Regionen und Menschen selbst kennenzulernen! - Buch hier bestellen.

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Schönes:

Robert Macfarlane: Die verlorenen Wörter. Illustriert von Jackie Morris, Matthes&Seitz, 134 Seiten, 100 Abbildungen, 38 €

Die Idee zu diesem Buch kam dem britischen Autor Robert Macfarlane, als er feststellte, das aus dem Oxford Junior Dictionary, dem maßgeblichen Wörterbuch für Kinder, Naturbegriffe gestrichen wurden, um Platz für »modernere« Wörter zu schaffen, wie Chatroom, oder blog oder reality star… Und so setzte er mit diesem wunderschönen Bilderbuch Begriffen wie  Kastanie, Löwenzahn und Reiher ein literarisches Denkmal: In kunstvollen, an Ringelnatz erinnernde Gedichte beschwört er geradezu die verlorenen Wörter, in Szene gesetzt werden diese durch prächtige, detailverliebte Illustrationen – nicht nur für Kinder ein Buch zum Schwelgen, Sich-Verlieren und Wieder-Finden! - Buch hier bestellen.


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Kommentare (3)

Maiordomus
10. Dezember 2018 13:38

Reclam ist noch immer zu den qualitativ besten deutschen Verlagen zu rechnen, meist prima Textqualität, selbst wenn es dort Professoren gibt, die blödsinnigerweise von "nichtfaschistischer" deutscher Literatur glauben faseln zu müssen. Zum Beispiel einer, welcher neuerdings der AfD die "Sprache von Gangstern" attestierte.

Auch die Geschichte Südosteuropas, die man zwar als quasi Kurzfassung im ersten Band der Autobiographie von Elias Canetti, "Die gerettete Zunge", meisterhaft präsentiert bekommt, müsste uns weit besser bekannt sein.

Zu den angeblich verlorenen Wörtern:

Kastanie, Reiher und Löwenzahn sind als angeblich aussterbende Wörter wohl kaum im Vordergrund, hat sich etwa der Graureiher gut erhalten, selbst noch der Silberreiher als Wintergast, und Kastanie wird sogar als Joghurt angeboten, beim Löwenzahn sind eher alternative Bezeichnungen wie "Säublume" und dergleichen gefährdet. Der Bereich der aussterbenden Worte hat wohl eher mit der zum Teil kritischen Situation der Regionalmundarten zu tun. Relativ dramatisch scheint mir der Sprachschwund im Bereich der katholischen Sakramentalien sowie bei guten alten deutschen Ausdrücken, den Sexualbereich betreffend, die vielleicht gerade dem Volkskundler noch bekannt sind. Wer weiss denn schon noch, dass "Kundsami" oder "Kundsame" ein gutes altes treffendes und vornehmes Wort für sexuelle Gemeinschaft ist, noch analog zur Antwort der Muttergottes an den Engel, wie es denn geschehen könne mit ihrer Schwangerschaft, "da ich keinen Mann erkenne".

Caroline Sommerfeld
10. Dezember 2018 15:47

Zu den verlorenen Wörtern möcht ich gern wissen: sind denn die englischsprachigen aus dem Jugendwörterbuch Verbannten einfach eins zu eins in Deutsche übersetzt, oder hat sich der Übersetzer die Mühe gemacht, nachzuschauen, welchen Wörtern denn bei uns dasselbe Schicksal widerfahren ist?
Ich habe vorhin mit dem Jüngsten in dessen Schulwörterbuch zu meiner Freude lauter österreichische Wörter gefunden (vom Kipferl übers Sodawasser bis zum Stanitzel), jedoch auch Eindringlinge wie die "Playstation" (ist das nicht ein Produktname? Gehört der ins Grundwortschatzwörterbuch?), das Mousepad und das Skateboard. Ist wohl leider notwendig, denn sonst schreiben die jungen Damen und Herren wie vor einigen Jahren ein Junge in der Schule unseres Großen , er wünsche sich einen "Jeustig". Ebendiese Objekte sind heute schon wieder weg vom Fenster. Schülerwörterbücher müssen also nach wenigen Besitzerdurchgängen nicht nur wegen Fleddrigkeit entsorgt werden. Da wünscht man sich doch das von Frau Wirzinger empfohlene als Kompensation.

Ein gebuertiger Hesse
10. Dezember 2018 16:02

Wahrlich schön die dritte Empfehlung: Verlorene Wörter durch Autor und Illustrator (beide sozusagen "Imaginatoren") hindurchgehen zu lassen und damit im tatkräftigen Sinn Tuchfühlung zu ihrem Gehalt aufzunehmen, ist eine Liebesarbeit, wie wir sie immer wieder höchst nötig haben. Vielen Dank für den Hinweis!

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