Sezession
4. Dezember 2018

Jost Bauch ist verstorben – bleibende Texte

Redaktion / 14 Kommentare

Prof. Dr. Jost Bauch ist verstorben. Der konservative Soziologe, Jahrgang 1949, lehrte in Konstanz.

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Bauch hat neben medizinischen Werken auch politische Bücher veröffentlicht. Im Grazer Ares Verlag erschien Der Niedergang. Bauch untersuchte darin Deutschland in der globalisierten Welt. Zuletzt publizierte Bauch bei Kopp seine Studie Abschied von Deutschland.

Ein Schlüsseltext von Jost Baust erschien bereits in der 12. Sezession (2006). Er stellte die Frage: »Wer bringt die Verhältnisse zum Tanzen?« Aus aktuellem Anlaß geben wir diesen Aufsatz ungekürzt wieder; man kann ihn hier als PDF herunterladen. Der Text hat nichts von seiner drängenden Aktualität verloren.

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Als Marxist hätte man es leicht: Da der Verlauf der Geschichte deterministisch im historischen Materialismus festgelegt ist, braucht man in der spröden Gegenwart nur die sozialen Gruppen und Klassen aufzuspüren, deren Interessen mit dem Endzustand der angenommenen Geschichtsentwicklung übereinstimmen, und schon hätte man das revolutionäre Subjekt, das ein „objektives Interesse“ an der Veränderung der Welt hat. Als Problem bleibt nur der „subjektive Faktor“: durch eine Avantgarde (also die leninistisch-marxistische Partei) müssen die subjektiven, also irrationalen Interessen in das objektive Interesse transformiert werden.

Als Konservativer hat man es an dieser Stelle ungleich schwerer. Denn der Konservativismus verfügt über kein deterministisches Geschichtsbild, die Geschichte bleibt offen und zufällig. Als Zeugen können wir Carl Schmitt benennen, der zustimmend Donoso Cortés interpretiert: „Für ihn ist die Weltgeschichte nur das taumelnde Dahintreiben eines Schiffes, mit einer Mannschaft betrunkener Matrosen, die grölen und tanzen, bis Gott das Schiff ins Meer stößt, damit wieder Schweigen herrscht.“

Konservative Denker haben der linken Geschichtsmetaphysik immer einen Voluntarismus und Dezisionismus entgegengesetzt. Die Geschichte verläuft nicht linear, ist nicht durch materielle Figurationen von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen oder andere Antagonismen, die dialektisch zu ihrer Aufhebung treiben, vorherbestimmt, Geschichte ist per se riskant und deswegen ist der Konservativismus behutsam im Ausgreifen in die Zukunft. Das Prä gehört zunächst einmal den Zuständen, so wie sie sind. Da wir also zunächst nicht wissen können, in welche Richtung die Reise geht, ist es für uns Konservative ungleich schwerer als für alle Fortschrittsmythologen, ein Subjekt auszumachen, das eine Entwicklung, auch wenn sie noch so rückwärtsgewandt ist, trägt.

Die Frage nach einem konservativen Subjekt, das im Sinne des Konservativismus die Zukunft gestaltet, ist eigentlich innerhalb des konservativen Paradigmas gar nicht zu stellen, da die Annahme eines Subjekts, das wie auch immer auf die Zukunft Einfluß nimmt, bereits gegen Grundaxiome des konservativen Denkens verstößt. In der Frage nach dem Subjekt wird bereits Gestaltungsmöglichkeit und Handlungsbereitschaft im Blick auf die Zukunft unterstellt. Prinzipien, die nicht ohne weiteres mit dem konservativen Denken vereinbar sind.

Der akademischen Frage, ob ein Konservativismus, der zur sozialen Bewegung wird, noch Konservativismus ist, soll hier aber nicht weiter nachgegangen werden. Vielmehr soll es um die soziologisch handfeste Frage gehen, ob es soziale Gruppen, Bewegungen, Parteiungen, soziale Schichten gibt, die eine zunehmende Affinität zum Konservativismus aufweisen und damit zum „sozialen Substrat“ eines nachhaltigen konservativen Politikwechsels in Deutschland werden können. Um diese Frage zu beantworten, müssen drei Dinge geklärt werden:

1. Was ist Konservativismus in unserer Zeit? Was sind seine Grundlagen und welche Formbestimmungen muß er annehmen, um zu einer sozialen und politischen Bewegung zu werden?
2. Wohin geht die gesellschaftliche Entwicklung? Wo gibt es auf soziostruktureller Ebene Anknüpfungspunkte für einen konservativen Mentalitätswandel zumindest von Teilen der Bevölkerung?
3. Welche Teilmenge der Bevölkerung ist für einen solchen Mentalitätswechsel prädestiniert, welche gesellschaftliche Situation muß eintreten, damit ein gesellschaftliches Subjekt eines konservativen Politikwechsels auf der politischen Bühne erscheint?

Zum ersten: Auf die Frage, was man brauche, um eine Revolution durchzuführen, hat Lenin geantwortet: Eine regulative Idee, die die Massen ergreifen kann und Organisation, Organisation, Organisation! Mit Verlaub: Mit beiden Komponenten steht es im konservativen Lager nicht gut! Bereits in den siebziger Jahren hat der Münchner Politologe Manfred Hättich formuliert: „Das konservative Denken und die konservative Grundstimmung vermögen in der Regel keine Massen zu bewegen, weil sie keine zündenden und sensationellen Ideen in die soziale Kommunikation einbringen. Mobilisierung in der Gesellschaft geschieht in der Regel nicht durch Konservative.

Sensationell ist nicht das Bestehende und Hergebrachte, sondern das Neue und Umstürzlerische“. So gibt es auch keine eigentliche „konservative Theorie“. Das Bestehende legitimiert sich durch sein Dasein, wohingegen die Progressiven eine Theorie brauchen, damit die Idee zur Wirklichkeit werden kann. Geht man in heutiger Zeit auf die Suche nach einer konservativen Theorie, so findet man allenthalben mehr oder weniger kompatible Theoriefragmente, begrifflich nicht entfaltete Wertebekundungen, subjektiv begründete Menschen- und Gesellschaftsbilder. Alleine die soziologische Anthropologie von Arnold Gehlen macht Hoffnung, die wieder eine gewisse Renaissance erlebt.

Gleichwohl ist eine konservative Mobilisierung der Massen möglich! Der seiner Natur nach passive Konservativismus wird aktualisiert und mobilisiert in der Abwehr revolutionärer Neuerungen! Konservativismus ist reaktiv, er ist immer Gegenbewegung. Die Antriebsursache kommt von außen, es gilt, Schäden zu vermeiden. Da der Konservativismus grundsätzlich die Verhältnisse nicht verändern will, braucht er auch keine sich selbst tragende soziale Bewegung, die kontinuierlich die Verhältnisse bis zur Isomorphie von Idee und Wirklichkeit verändert. Der Konservativismus wird aktiv in der Reaktion auf solche Bewegungen. Der Konservative ist im wahrsten Sinne des Wortes ein „Konter-Revolutionär“.

Ich darf mich weiter auf Hättich beziehen, wenn ich vier Grundaxiome ausmache, auf die die konservative Weltanschauung, egal welcher Couleur im einzelnen, fußt:

1. Der Mensch stellt sich nicht ausschließlich als Wesen autonomer Rationalität dar. Der Mensch ist in seiner Unzulänglichkeit und Gebrochenheit in eine göttlich gestiftete oder geschichtlich gewordene, nicht unmittelbar verfügbare Ordnung eingegliedert.
2. In der Geschichte gibt es keine Tendenz zur Vervollkommnung. In der Geschichte gibt es kein Fortschrittsgesetz, Geschichte ist im wesentlichen ein Treten auf der Stelle, und was geschichtlich tradiert ist, hat zunächst schon dadurch Vorrang.
3. Aus der positiven und positivistischen Auffassung zur Geschichte ergibt sich eine Respektierung der Pluralität und Mannigfaltigkeit aller Lebenserscheinungen. Der Konservativismus hat eine Abneigung gegen uniformierende Tendenzen und Planungen im gesellschaftlichen Leben.
4. Der Mensch als „instinktverunsichertes Mängelwesen“ (Arnold Gehlen) bedarf der Außenstützung seines Verhaltens durch stabile Ordnungen, Institutionen und Konventionen. Ohne institutionelle Außenstützen verliert der Mensch den kulturellen Boden unter den Füßen, er primitivisiert.


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Kommentare (14)

Caroline Sommerfeld
4. Dezember 2018 16:15

"Einzig die moderne soziologische Systemtheorie in der Tradition Niklas Luhmanns bietet einen frame of reference, der nicht nur gesellschaftliche Höherentwicklung, sondern auch gesellschaftlichen Niedergang interpretieren kann".

Sehe ich bekanntlich genauso, umso schlimmer, daß Jost Bauch gerade, wo ich seinem Werk begegnet bin, gestorben ist. Bücher überleben ihren Autor indes. "Abschied von Deutschland" ist trotz etwas reißerischem Titel und entsprechender Aufmachung ein richtig gutes Buch, das bekannte konservative Diagnostik u.a. mit Luhmann unterfüttert ("Können Nationen sterben?" heißt ein Kapitel). Für die kommende Sezession-Druckausgabe habe ich das Buch besprochen.

Maiordomus
5. Dezember 2018 10:50

Jost Bauch war mir trotz Beziehungen zur Uni Konstanz weniger ein Begriff als andere Gelehrte, die ich zumal aus der Pionierzeit der Gründung jener ersten deutschen Campus-Universität kannte: Bildungsbürger von Extraklasse wie die Professoren Besson, der die Eröffnungsvorlesung noch im Insel-Hotel hielt, dem ehemaligen Kloster, wo einst Heinrich Seuse Lektionen hielt; Arno Borst ("Mönche am Bodensee"), Bodenseeliteraturpreisträger; Manfred Fuhrmann (kulturkonservativer Altphilologe, Cicero-Biograph); Leonhard Neidhart (Politologe, erklärte in seiner Abschiedsvorlesung die Schweiz für Anfänger, wiewohl es nichts nützte); nicht zu vergessen Alexander Demandt, dessen Studie "Geschichte als Argument" auf der Basis der Geschichtsschreibung seit der Antike für pragmatisches Geschichtsdenken exemplarisch geworden ist, führte klar über Oswald Spengler, zumal aber über Habermas hinaus . Leider kenne ich bezüglich Jost Bauchs Publikationen nur das etwas kläglich kulturpessimistisch geratene Nachwort von Prof. Schachtschneider, der mit Bauch zusammen noch mal im Fernsehen aufgetreten ist. Dabei bleibt zu bedauern, dass der vergleichsweise jung verstorbene Prof. Jost Bauch seinem Namen leider zu viel Ehre machte, offenbar hat der Mann nicht gerade gesund gelebt. Man hätte ihn wohl noch gebrauchen können. Bauch könnte indes zu denjenigen gehören, die wie Sieferle, der meines Erachtens aber der aus neuester Zeit wohl bedeutendste Gelehrte dieser Sorte bleibt, vom jahrzehntelangen Leistungsausweis her, die nach dem Ableben stärker wahrgenommen werden als zu Lebzeiten. Das Prädikat "konservativer Soziologe", einst für Helmut Schoeck und Lothar Bossle vor allem zwecks Diffamierung verwendet, hat selbst bei annähernd ähnlich Gesinnten wenig Werbewert.

Bisher war mir im Gegensatz zum Soziologen Jost Bauch der Philosoph Bruno Bauch bekannt gewesen, über den mein einstiger Gymnasialprofessor für Philosophie, Pater Raphael Fäh, unter dem Titel "Begriff und Konkreszenz bei Bruno Bauch" 1940 in Freiburg im Uechtland bei den dortigen gelehrten Dominikanern doktoriert hat. Eine eigentliche Schande finde ich, dass dieser Bruno Bauch bei Wikipedia als "Rechtsextremist" geführt wird. Ich begreife einfach nicht, dass es auf dieser Seite immer noch Blogger gibt, welche sich bei Debatten auf solche Quellen berufen, ohne wenigstens die Einschränkung zu machen, "ich bin nur über durch Tendenz oder Zufall zustande gekommene Gerüchte informiert".

Michael B.
5. Dezember 2018 10:59

Es gibt natuerlich ausserhalb der Soziologie (die ich zugegebenermassen kaum kenne) einige andere Zugaenge zum Zerfall.
Z.B. Ideen der Form wie in "The Collapse of Complex Societies" des Historikers Joseph Tainter, die im wesentlichen auf Folgendes hinauslaeuft:

Staaten sind erst einmal Problemloeser. Mit Loesung jedes Problems bauen sie neue Ebenen an Buerokratie, Verwaltung und generell Schichten institutioneller, rechtlicher, erzieherischer, weltanschaulicher u.v.a. Aspekte auf, die sie eben "komplex" werden lassen. Diese Schichten und Durchdringungen der Gesellschaft kosten im Erhalt. Uebersteigen diese Kosten einen bestimmten Punkt im Verhaeltnis zum Gewinn (Schlagwort 'diminishing returns'), zerfaellt die entsprechende Gesellschaft. Entgegenwirken kann Innovation verschiedener Art (keineswegs und explizit nicht nur eng technisch gesehen), die das Spiel auf hoeherem Level wieder neu spielbar macht, aber eben auch Komplexitaet weiter erhoeht.

Ein stark simplifizertes (Tainter fuehrt das weiter aus) Beispiel ist das Roemische Reich:
Man expandiert um Zugriff auf ganz handfeste Ressourcen zu erhalten, um seine (schon allein dadurch - hier z.B. beginnt schon die interessante Rechnung - wachsende) Bevoelkerung zu ernaehren, seine umgebenden Konkurrenten kurz zu halten, seine Kultur wachsen zu lassen, und aus verschiedenen anderen Gruenden heraus. Hat man das erfolgreich geschafft, muss man durch Verwaltung und Infrastruktur absichern, um Regierbarkeit zu gewaehrleisten. Tainters These angewendet behauptet nun, dass das Roemische Reich letzlich einer Ueberdehnung unterlag, die es nicht mehr kostendeckend kompensieren konnte und daraufhin begann zu zerfallen.

Ich sehe das hier aehnlich wenn man einschliesst, dass die Art der Krise sich ja nicht nur auf Deutschland beschraenkt. Wesentliche Teile westlicher Kultur ueberdehnen gerade in ihren primitiven, Unterschiede straeflich vernachlaessigenden, und damit unzulaessig nivellierenden globalisierenden Formen gewaltig und Innovationen zur belastbaren (!) Finanzierung und Beherrschbarkeit dieser Attitueden sind nicht sichtbar.

Dabei geht es keineswegs zuerst ums Geld. Die oben genannten erforderlichen Innovationen haben noch andere Voraussetzungen in weitgehend durchgehend akzeptierten Wertesystemen, die z.B. Bildung (im weiten Sinn) betreffen, welche gnadenlos durch unbedachte Ideologisierung zerstoert werden. Hier ist dann wirklich eine Vorreiterrolle Deutschlands zu beobachten, die in ganz besonderem Mass unfreien wissenschafts- und technikfeindlichen Zeitgeist produziert. Wie man sich in einem rohstoffarmen Land in dieser hanebuechenen und braesigen Art einen der besten Aeste absaegt, die man je getrieben hat und auf dem man sitzt, das wird sich mir nie erschliessen.

Es liegt m.E. darin auch eine Schwaeche des 'Rechten', die diesen notwendigen innovativen Aspekt - leider wohl auch naturgemaess (konservativ) - in der Breite unberuehrt laesst, und keineswegs nur in Bezug auf Technologie und harte Wissenschaften gesehen. Einige ihrer Vertreter erkennen das aber, sogar Politiker. Ich lese z.B. gerade Hoeckes Interviews, und er ist sich nach meinem Gefuehl recht klar darueber, dass es eine "Rolle rueckwaerts" nicht geben wird und geben darf. Dieser Punkt ist schon wesentlich fuer das Gewinnen einer Meinungshoheit und einer der stark selbstlimitierenden Faktoren der Wachstumsaussichten alternativer Vorstellungen gegenwaertiger Auspraegung.

Nordlicht
5. Dezember 2018 12:41

Darf ich als Nicht-Soziologe einmal meine Irritation über dies Hartz-IV-Bashing ausdrücken? Als konservativer Bürgerlicher halte ich es für richtig und eine Frage der Moral, dass man sich nach dem Verlust des Arbeitsplatzes schnellstmöglich unabhängig von staatlicher Hilfe macht. Die Finanzhilfe nach ALG-II halte ich nicht für zu niedrig, es muss ein Abstand zu dem mit Mindestlohn erreichbaren Einkommen bestehen.

(Der eigentliche Skandal liegt darin, dass es zu viele prekäre Arbeitsplätze gibt, das wiederum in der Schwierigkeit begründet liegt, Arbeitsverträge zu kündigen. Dänemark zB hat ein flexibleres Arbeitsrecht.)

Eine Anmerkung zu der gegen Ende des Beitrages genannte Gruppe der "arbeitslosen Akademiker":
Wer trotz einem gelungen Studium keine Arbeitsstelle bekommt, hat das falsche Fach gewählt und/oder ist trotz Studienabschluss orientierungslos. Es gibt leider viel zu viele Studierende der "Laberfächer", zB Politikwissenschaft oder Pädagogik (nicht: Lehrer). Dass man mit durchschnittlichen Leistungen hinterher nur taxifahren oder kellnern kann, ist Fakt. Warum haben die Leute nicht Chemie, Ingenieurwesen oder auch Lehramt studiert? Wer in diesen Fächern den notwendigen Fleiss aufbringt, wird nicht arbeitslos.

Maiordomus
5. Dezember 2018 15:35

@Nordlicht. Es scheint mir wichtig und in Ihrem Fall verdienstvoll, dass auch die praktischen Fragen, welche von Soziologen gestellt werden, aufgegriffen werden. Aber natürlich geht es hier noch vorrangig um die Würdigung eines verstorbenen Intellektuellen, von dem z.B. Frau Sommerfeld bekannte, dass sie ihn erst vor kurzem überhaupt zur Kenntnis genommen habe. Selber bedaure ich, bei Studienbesuchen an der Universität Konstanz, z.B. bei Gelegenheit von Arbeitswochen künftiger Abiturienten, nie wenigstens im Schnupperverfahren eine Vorlesung von Herrn Bauch besucht zu haben, der seinerzeit offensichtlich nicht gerade zu den Stars der Hochschule gehört zu haben scheint. Analog dazu bestätigte mir aus Anlass seines Todes der damalige Rektor der Hochschule St. Gallen, wie völlig unscheinbar die Gelehrtentätigkeit eines Rolf Peter Sieferle gewesen sei; er war zumal nicht einmal negativ oder wenigstens als etwas provozierend aufgefallen, galt als fleissiger stiller Forscher und hatte nicht gerade viele Hörer. Würde er noch leben und nach Veröffentlichung seiner letzten Bücher eine Gastvorlesung wohl irgendwo in Deutschland halten wollen, würde ein solches Vorhaben entweder abgesagt oder durch Proteste mutmasslich unmöglich gemacht. Insofern sollte man über "Stille im Lande", wie es sie offenbar noch da und dort gibt, geradezu dankbar sein; diese vielleicht eher unter der Hand weiterempfehlen. Das war zur Zeit des Dritten Reiches und der DDR nachweisbar nicht viel anders. Selber habe ich erst kürzlich einem solchen 2017 verstorbenen fleissigen Professor zu Ehren- er lehrte in Dresden Geschichte der Reformation - eine Hommage in Form eines Gedenkaufsatzes in den Druck gegeben.

Fuechsle
5. Dezember 2018 15:44

Prof. Dr. Bauch war ein illusionsloser und doch leidenschaftlicher Patriot. Seine Haltung hat ihm z.B. an seinem Konstanzer Lehrstuhl viel Hass und Repression eingebracht. Wir saßen noch nicht lange in kleiner Runde zusammen, ein unkonventioneller Denker, der auch für die sogenannten kleinen Leute etwas übrig hatte.
Ich schließe mich Caroline Sommerfelds Würdigung an.
RIP

Der Gehenkte
5. Dezember 2018 16:06

@ Maiordomus

Zu Bruno Bauch

Der Begriff "Rechtsextremist" ist sicher unglücklich, aber eher, weil er nicht in den hist. Kontext paßt. Daß Bauch auf der äußersten Rechten stand, auch antisemitisch war, ist nun mal nicht zu ändern.

Einer seiner akademischen und philosophischen Hauptgegner war kein geringerer als Heidegger.

Hans Hauge versuchte zuletzt in "Heidegger, Løgstrup og Nazismen" sogar die These aufzustellen, daß Heideggers Satz von der "inneren Größe der Bewegung" bzw. seine Schrift "Einführung in die Metaphysik" möglicherweise eine versteckte Replik auf Bruno Bauch war.

Dieser Satz war es letztlich, der Habermas 1953 zum Anti-Heideggerianer machte und die ganze Lawine der Heidegger-Vernichtung aus biographischen Gründen - ohne das Werk noch zur Kenntnis zu nehmen - lostrat. Nach dieser Lesart ist die "Einführung in die Metaphysik" just eine antinazistische Schrift - Hauge dreht das Argument Habermas´quasi um.

Maiordomus
5. Dezember 2018 16:45

Den Ergönzungen zu Bruno Bauch habe ich wenig hinzuzufügen, ausser dass da offensichtlich versucht wird, den Schwarzen Peter bzw. den Braunen Peter von Heidegger an Bruno Bauch weiterzureichen; nach dem 2. Weltkrieg hiess das Spiel z.T. "Wenn Exnazis Exnazis Exnazis nennen" (William S. Schlamm). Für mich ist Bruno Bauch vor allem ein erkenntnistheoretischer Neukantianer aus dem Umfeld von Wilhelm Windelband, dessen phänomenologisches Hauptwerk "Das Heilige" (1924) für meinen einstigen Philosophielehrer wichtiger war als die Tatsache, dass Bruno Bauch Parteimitglied war und sich offenbar beim Reichsluftschutzbund engagiert hat. Diese Details sind in der in den Dreissigerjahren geschriebenen Dissertation meines Alt-Lehrers, dessen wichtigstes Feindbild allerdings die Freimaurer waren, nicht enthalten. Pater Raphael Fäh wusste Bruno Bauch als methodischen Denker zu schätzen, fand ihn klarer formulierend als den manchmal dunklen und schwurbeligen Heidegger, in dem er eine nihilistische Zerfallserscheinung der Scholastik sah. Dabei hat sich Fäh mit dieser seiner Dissertation, die 1940 in Sarnen gedruckt wurde, nie gebrüstet, Bauch auch in seinen vorzüglichen Lehrbüchern der Philosophie, die in der Zentralschweiz bis etwa 1970 als Lehrmittel in Gebrauch waren, Bruno Bauch nicht zitiert. Es bleibt aber wohl dabei, dass Bruno Bauch auf formal hohem Niveau philosophiert hat und mit tendenziösen politischen Kriterien so wenig einzuschätzen ist wie im 19. Jahrhundert die Schweizer Klassiker Jacob Burckhardt und Ignaz Paul Vital Troxler, die man längst auch schon auf Antisemitismus abgeklopft hat. Es bleibt aber dabei, @Gehenkter, dass Ihre Wortmeldung zu diesem Thema für mich wertvoll und verdankenswert ist.

Maiordomus
5. Dezember 2018 17:55

PS. Die Debatte über Jost Bauch, dessen Umstrittenheit, wie sie @Fuechsle schildert, mir schon deshalb nicht bekannt war, weil die anderen mir bekannten Professoren von Konstanz den Soziologen nie nannten, sollte mit derjenigen über den 1942 verstorbenen Windelband-Schüler Bruno Bauch wegen Verwechslungsgefahr im Prinzip nicht vermengt werden. Trotzdem scheint es mir richtig, bei allen Unterschieden und Unvergleichbarkeiten, bei Bruno Bauch wie bei Heidegger und neuestens bei Rolf Peter Sieferle darauf aufmerksam zu machen, dass die rein wissenschaftliche, nicht zuletzt methodische Leistung weder mit politischen Schlagworten noch mit der sattsam bekannten, irgendwann nicht mehr zweckmässigen Nazi-Keule auf Null gebracht werden kann. Bei allen enormen Unterschieden und weil jeder dieser Gelehrten letztlich in eine andere Abteilung gehört, bleibt als Substanz erhalten, dass ein jeder der Genannten für seine Lebensleistung Respekt verdient. Darüber hinaus kann man sogar von jedem was lernen, zum Beispiel bei Heidegger den Widerstand gegen das "Diktat des man", was unbeschadet politischer Irrtümer ein antitotalitärer Impetus ist. Mir fällt jedoch auf, dass sowohl Linke wie Rechte zunehmend etwas gegen die im Prinzip rechtsliberale Wortschöpfung des "Totalitarismus" zu haben scheinen, was mir meines Erachtens nicht antiliberal, sondern vor allem antifreiheitlich vorkommt.

Lotta Vorbeck
6. Dezember 2018 02:22

Im Frühjahr 2016 auf dem Kanal der WISSENSMANUFAKTUR des Andreas Popp veröffentlicht:

Karl Albrecht Schachtschneider & Jost Bauch: Einwanderung oder Souveränität
Wissensmanufaktur

https://www.youtube.com/watch?v=7l7Z-9zsq7M

Laufzeit: 1:04:53

51.173 Aufrufe

am 24.03.2016 veröffentlicht

Deutschland am Scheideweg. Die Illegalität der Einwanderung und der Verfall des Staates.

Prof. Dr. Karl Albrecht Schachtschneider & Prof. Dr. Jost Bauch im Gespräch mit Michael Friedrich Vogt. Die derzeitige Masseneinwanderung, die wir in Deutschland seit September 2015 erleben, passt absolut nicht mit der rechtsgültigen Gesetzeslage überein. In Deutschland gibt es das Asylrecht. Sauber formuliert ist es im Grundgesetz verankert. Die Entscheidungsträger in der aktuellen Einwanderungspolitik berufen sich bei ihren Taten darauf. Doch passen Taten und Gesetz überhaupt zusammen?

„Keinesfalls“ meint Karl-Albrecht Schachtschneider. Denn eine Begründung mit und aus dem existierenden Recht hat er bisher noch gar nicht wahrnehmen können. Für ihn ist die Auslegung der derzeitigen Asylpolitik der Bundesregierung nur ein zarter Hauch aus dem Gesetzestext, welcher hinzukommend noch wahnwitzig interpretiert werde. Denn es sei vor allem so, dass die Gesetze, die bestimmte Schutzrechte begründen – auch das Asylrecht – massiv umgangen werden.

Denn im deutschen Asylrecht heißt es explizit, dass Asyl nicht in Anspruch nehmen kann, wer aus einem Land der Europäischen Union oder einem sicheren Drittstaat, wie zum Beispiel der Schweiz, einreist. Darüber hinaus gibt es noch ein weiteres Schutzrecht, nämlich das des „Flüchtlings“. Wird einem Einwanderer der Flüchtlingsstatus anerkannt, so genießt dieser das sogenannte „kleine Asylrecht“, das heißt er darf nicht abgeschoben werden. Karl-Albrecht Schachtschneider weist explizit darauf hin, dass durch das kleine Asylrecht kein Einreiserecht begründet wird. Wenn jemand eingereist ist, stellt sich die Frage, ob legal oder illegal. Bei illegaler Einreise stellt sich die Frage, ob der Flüchtlingsstatus überhaupt anerkannt werden muss.

Diese Frage wird im Asylgesetz geregelt. Dort heißt es, daß niemand einreisen darf, der nicht über irgendeinen Einreisetitel verfügt, Staatsbürger oder Unionsbürger ist. Von den bisher weit über einer Million eingereisten Einwanderern seit August 2015 sei kein einziger nach gültigen Recht eingereist, so Karl-Albrecht Schachtschneider.

Der Soziologe Jost Bauch spricht bei der aktuellen demographischen Entwicklung von der Bildung einer Multiminoritätengesellschaft bis zu einem gezielten Ethnosuizid der Deutschen. Die Deutschen – schon vor mehreren Jahrzehnten von Experten warnend prognostiziert – sind auf dem Weg zum selbstgewählten Volkstod. Die Zukunft der Enkelgeneration wird gerade verspielt. Es ist absehbar, dass spätestens um 2090 herum die Deutschen im eigenen Land ihre Mehrheit verlieren und zu einer Minderheit neben anderen werden.

Berücksichtigt man die Tatsache, dass die deutsche Minorität eher alt, die eingewanderten Minoritäten eher jung sein werden, so dürfte klar sein, dass eingewanderte Minoritäten ihren Anspruch auf Dominanz geltend machen werden. Verteilungskämpfe zwischen den verschiedenen ethnischen und kulturellen Gruppierungen sind unausweichlich, wobei die "altdeutsche" Fraktion in diesen Verteilungskämpfen schlechte Karten hat. Verstärkt wird diese Entwicklung durch unterschiedlichen Religionen – einer schwachen und sich aufgebenden christlichen bei den Einheimischen auf der einen und einem aufstrebenden Islam bei den Einwandern auf der anderen Seite.

Jost Bauch schließt vor dem Hintergrund der Dynamik des Prozesses und des kompletten Scheiterns der "Multikulti-Gesellschaft" und der Integrationsillusionen auch bürgerkriegsähnliche Entwicklungen nicht aus.

Websites:
http://www.kaschachtschneider.de
http://www.studienzentrum-weikersheim.de

Publikationen:
Karl Albrecht Schachtschneider/Jost Bauch Einwanderung oder Souveränität: Deutschland am Scheideweg
Karl Albrecht Schachtschneider, Erinnerungen ans Recht
Karl Albrecht Schachtschneider, Die Souveränität Deutschlands: souverän ist, wer frei ist
Jost Bauch, Der Niedergang: Deutschland in der globalisierten Welt. Schriften wieder den Zeitgeist.
Jost Bauch/Harald Seubert, Deutschland und Europa in einer veränderten Welt (Weikersheimer Dokumentation)

Weitere Sendungen mit Karl Albrecht Schachtschneider:
Quo Vadis Europa - Euro-Verfall, Bankgeheimnis, Migrationspolitik ...
http://quer-denken.tv/index.php/bibli...

Die Souveränität Deutschlands in Europa
http://quer-denken.tv/index.php/bibli...

Weitere Sendungen mit Jost Bauch:
Sterben die Deutschen aus? Von der Multiminoritätengesellschaft bis zum Ethnosuizid der Deutschen
http://quer-denken.tv/index.php/beitr...

Maiordomus
6. Dezember 2018 12:28

PS. Noch was zu Bruno Bauch als "Rechtsextremer" (Wikipedia). Dieser "Rechtsextreme" wurde 1922 zum Rektor der Universität Jena gewählt. Zu jenem Zeitpunkt, das ist wieder ein anderes Problem, das man bei heutigen Schulrektoren erst recht kennt, waren alle wichtigen Werke von Bruno Bauch bereits publiziert, so seine bedeutende Dissertation über "Glückseligkeit und Persönlichkeit in der kritischen Philosophie" (1902) sowie seine Kant-Studien, deren Verdienst meines Erachtens in der logisch-didaktischen Vermittlung von Kants Urteilslehre besteht, zum Beispiel bezüglich einem schulmässig brauchbaren Verständnis von synthetischen und analytischen Urteilen; ohnehin war Bauch einer der wichtigsten Vermittler für Kant als Grundlagendenker auch für die exakten Wissenschaften, ein Lieblingsgebiet von Bauch im Gegensatz zum dazu wenig disponierten Heidegger. Den grössten Einfluss hatte Bruno Bauch auf meinen ehemaligen und ersten Philosophielehrer, einen der vorzüglichsten meines Lebens, in der meisterhaft klaren Vermittlung des Substanzbegriffs in der Neueren Philosophie, worüber Bauch schon vor dem 1. Weltkrieg publiziert hatte. Davon profitierte Kälin/Fähs "Lehrbuch der Philosophie" Bd.1, dessen methodische Stärke in der Vermittlung von Logik und Ontologie bestand, also demjenigen, was der Abiturient von den Grundbegriffen der Philosophie jenseits blödsinniger geschwätziger Indoktrinierung wirklich gelernt haben sollte, will er sich später in klaren Begriffen ausdrücken. 1921 war Bruno Bauch übrigens Herausgeber der Festschrift zum 75. Geburtstag von Elisabeth Förster-Nietzsche, deren Mann zum Ärger des Original-Nietzsche ein aufdringlicher Antisemit war, so dass der späte Nietzsche dann schrieb: "Ich lasse jetzt dann alle Antisemiten erschiessen." Von dem aber abgesehen: Auch für die Nietzsche-Rezeption war und wurde Bauch wichtig, und zwischen Bauch und Heidegger dürfte es ein nicht kleines Konkurrenz-Denken gegeben haben. Die Schöngeister entschieden sich für Heidegger, die Logiker und Methodiker, darunter mein Philosophielehrer in den Jahren 1965 - 1967, eher für Bruno Bauch, blieben dann entschieden in der Minderheit, zumal Bauch im Gegensatz zu Gehlen, Heidegger und Carl Schmitt nach dem 2. Weltkrieg infolge Ableben nicht mehr fortsetzen und im Hinblick auf die neuen Zeitverhältnisse präzisieren konnte. Wer Bauch indes wie Wikipedia zuerst mal als "Rechtsextremist" abqualifiziert, müsste bei jeder Erwähnung von Ernst Blocher, Georg Lucacs und Walter Benjamin noch die Qualitätsbezeichnung "linksextremer Philosoph" hinzufügen; aus meiner Sicht aber das Gegenteil einer geistigen Auseinandersetzung, der chronolatrische Ausdruck eines widerwärtigen geistigen Klimas in Richtung verdummendes Lagerdenken.

Gerne wünsche ich dem Andenken von Professor Jost Bauch (RIP), dass es ihm in Sachen Diffamierung nicht ähnlich ergehen möchte wie seinem bis auf weiteres noch für die Geschichte der Philosophie in Deutschland bedeutenderen Namensvetter.

PhilipStein
6. Dezember 2018 12:29

@Nordlicht:

"Wer trotz einem gelungen Studium keine Arbeitsstelle bekommt, hat das falsche Fach gewählt und/oder ist trotz Studienabschluss orientierungslos."

Sie werden es kaum glauben, es gibt aber den ein oder anderen Studenten, der sich für das politische Bekenntnis entschieden hat. Andere schreiben eben solche schlauen Sätze aus der Anonymität heraus, haben von der Realität aber anscheinend recht wenig Ahnung.

Übrigens, als Akademiker nutzt man für gewöhnlich den Genitiv ;-)

Maiordomus
6. Dezember 2018 13:29

@Ernst Bloch natürlich, nicht Ernst Blocher! Wie Windelband, der bedeutendste Lehrer von Bruno Bauch, welch letzterer 1933 über den autoritären Staat nicht das Gegenteil von Gottfried Benn absonderte, bleibt Bloch als einer der wenigen Linken für Zusammenhänge des Heiligen und der Mystik zitierbar, wie allenfalls sogar der späte Habermas.

Maiordomus
6. Dezember 2018 15:37

@Philip Stein. Sie treffen den Nagel auf den Kopf.

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