Pax Sinica – Chinas Öffnung zur Welt

Ein Gastbeitrag von Peter Kuntze, der den Sinologen Raimund T. Kolb zu einer deutlichen Antwort herausforderte.

 Gastbeitrag

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Die PDF der Druck­fas­sung aus Sezes­si­on 85/August 2018 fin­det sich hier.

Mit einer fast sprich­wört­li­chen Sen­tenz fas­sen vie­le Chi­ne­sen die Geschich­te der Volks­re­pu­blik von ihrer Grün­dung 1949 bis zur Gegen­wart zusam­men: »Mao Zedong hat uns von Aus­beu­tung und kolo­nia­ler Unter­drü­ckung befreit, Deng Xiao­ping von der Armut, Xi Jin­ping hat uns wie­der stark gemacht.« Die­sem polit-his­to­ri­schen Drei­satz läßt sich nicht wider­spre­chen, denn er benennt exakt jene revo­lu­tio­nä­ren Umwäl­zun­gen, die in knapp sie­ben Jahr­zehn­ten aus dem »kran­ken Mann Asi­ens« eine Super­macht geformt haben, die als erneu­er­tes »Reich der Mit­te« ihren Platz in der Welt beansprucht.

Mit sei­ner Reform- und Öff­nungs­po­li­tik hat­te Deng 1978, zwei Jah­re nach dem Tod des Staats­grün­ders Mao, die ent­schei­den­de Wei­chen­stel­lung durch­ge­setzt. Nur der Ein­füh­rung einer »sozia­lis­ti­schen Markt­wirt­schaft« ist Chi­nas rasan­ter Auf­stieg zu ver­dan­ken; als staat­lich  ein­ge­heg­ter Kapi­ta­lis­mus hat die öko­no­mi­sche Wen­de nicht nur die Mehr­heit der Chi­ne­sen aus der Armut geführt, son­dern die Volks­re­pu­blik auch in wis­sen­schaft­li­cher und tech­ni­scher Hin­sicht in Spit­zen­po­si­tio­nen gebracht (Sezes­si­on 83).

Im Novem­ber 2012 trat Xi Jin­ping als Staats- und Par­tei­chef ein dop­pel­tes Erbe an: Gegen den Wider­stand lin­ker Dog­ma­ti­ker galt es, die bis heu­te so über­aus erfolg­rei­che Wirt­schafts­po­li­tik fort­zu­set­zen. Gleich­zei­tig aber, und das bedeu­tet die größ­te men­ta­le Revo­lu­ti­on in Chi­nas Geschich­te, muß­te Xi eine grund­le­gen­de Neu­ori­en­tie­rung im Ver­hält­nis zur Außen­welt vornehmen.

Deng Xiao­ping hat­te das Land zwar für aus­län­di­sches Kapi­tal geöff­net und ers­te Kon­tak­te zum Wes­ten geknüpft, doch die­se Poli­tik, die sei­ne Nach­fol­ger zag­haft fort­setz­ten, reich­te nicht. Ange­sichts der Glo­ba­li­sie­rung war es nicht mehr mög­lich, sich wie einst das »Reich der Mit­te« abzu­schot­ten und in selbst­ge­fäl­li­ger Iso­la­ti­on zu ver­har­ren.  Um im 21. Jahr­hun­dert zu bestehen, muß Peking geo­po­li­tisch alles dar­an­set­zen, das Süd­chi­ne­si­sche Meer als sein Tor zur Welt und beson­ders die Stra­ße von Malak­ka wegen der lebens­not­wen­di­gen Roh­stoff- und Ener­gie­im­por­te offen­zu­hal­ten. Den Kon­ti­nen­tal­koloß Chi­na erst­mals zu einer veri­ta­blen See­macht zu ent­wikkeln, oblag somit der Füh­rung unter Xi Jinping.

Von ihm, dem heu­te mäch­tigs­ten Mann an der Spit­ze von Staat und Par­tei, wur­den auch Visio­nen erwar­tet, wie sich über eine Renais­sance des Kon­fu­zia­nis­mus hin­aus eine neue natio­na­le Iden­ti­tät begrün­den läßt. Die Ant­wor­ten, die Xi bis­her gege­ben hat, schei­nen die Mehr­heit der Chi­ne­sen zu überzeugen.

Seit Jahr­zehn­ten hat­ten sie sich wie alle ihre Lands­leu­te gefragt, war­um der Glanz der chi­ne­si­schen Kul­tur, die mehr als tau­send Jah­re an der Welt­spit­ze ran­giert hat­te, seit dem 17. Jahr­hun­dert erlo­schen sei. War­um sei das »Reich der Mit­te« in einen Zustand des Ver­falls geglit­ten, wäh­rend im Wes­ten Tech­nik und moder­ne Wis­sen­schaft Tri­um­phe feierten?

Die Ant­wort gab eine vor drei­ßig Jah­ren pro­du­zier­te Fern­seh­se­rie, die 1988 zwei­mal lan­des­weit über Chi­nas Bild­schir­me flim­mer­te. Das Echo war  damals so hef­tig und so kon­tro­vers, daß Uni­ver­si­tä­ten Dis­kus­si­ons­fo­ren ver­an­stal­te­ten und Redak­tio­nen mit Leser­brie­fen über­schwemmt wur­den, denn die Fil­me­ma­cher hat­ten an Chi­nas hei­ligs­ten Gütern gerüt­telt: am Gel­ben Fluß, an der Gro­ßen Mau­er, am mythi­schen Dra­chen – mit­hin an den Jahr­tau­sen­de alten Sym­bo­len der Stär­ke und der natio­na­len Identität.

Hes­hang hieß der Film – nach der gleich­na­mi­gen Tra­gö­die eines alt­chi­ne­si­schen Dich­ters. He steht dabei für Huang­he (»Gel­ber Fluß«), shang für vor­zei­ti­gen Tod. Der Titel war gleich­sam die Bot­schaft: Die Huang­he-Zivi­li­sa­ti­on, auf die Chi­na so stolz war, geht den Autoren zufol­ge ihrem Unter­gang ent­ge­gen; es sei daher höchs­te Zeit, sie zu erneuern.

Mit sei­nen regel­mä­ßi­gen Über­schwem­mun­gen, so das TV-Epos, sei der als »Wie­ge Chi­nas« besun­ge­ne Huang­he in Wahr­heit eine Gei­ßel Chi­nas. Sein Mythos beinhal­te die Abkap­se­lung des Lan­des, die man­geln­de Risi­ko­be­reit­schaft sei­ner Anwoh­ner, ihre Selbst­ge­nüg­sam­keit und natio­na­le Überheblichkeit.

Agrar- statt Indus­trie­ge­sell­schaft, Kon­ti­nen­tal- statt Mee­res­zi­vi­li­sa­ti­on – in die­ser Ent­wick­lung lie­ge Chi­nas Tra­gö­die begrün­det. In der Löß-Hoch­ebe­ne ver­wan­delt sich der Huang­he in einen gelb­schlam­mi­gen Strom. Nicht von unge­fähr nann­ten die Chi­ne­sen ihren frü­hes­ten Ahn­herrn, den Reichs­ei­ni­ger und Erbau­er der Gro­ßen Mau­er, Huang­di (»Gel­ber Kai­ser«); er stell­te die Per­so­ni­fi­zie­rung des gel­ben Bodens dar, auf dem die Men­schen gel­ber Haut­far­be gel­ben Reis (Hir­se) anbau­ten, in gel­ben (Löß-)Höhlen wohn­ten und das gel­be Schlamm­was­ser tranken.

Wer den Kai­ser­thron bestieg, zog gel­be Klei­der an, ver­brach­te sein Leben unter Dächern mit gel­bla­sier­ten Zie­geln und begab sich nach dem Tod zur »Gel­ben Quelle«.

Den Fil­me­ma­chern zufol­ge ließ der Kult um die gel­be Erde und den gel­ben Fluß, neben der Phi­lo­so­phie des »Reichs der Mit­te« und des »Him­mels­kai­sers«, zahl­rei­che Mythen ent­ste­hen – so auch den des Dra­chen. Habe man jemals dar­über nach­ge­dacht, war­um man die­ses häß­li­che Unge­heu­er ver­eh­re, frag­ten 1988 die Autoren und gaben selbst die Ant­wort: Für ein gro­ßes Agrar­land mit einer lan­gen Geschich­te sei Was­ser die Quel­le des Lebens.

In der Mytho­lo­gie aber wer­de das Was­ser vom »Dra­chen­kö­nig« beherrscht. Des­halb habe man ihn gleich­zei­tig geliebt und geh­aßt, geprie­sen und ver­flucht, denn wie unter den Men­schen der Kai­ser sei in der Natur der Dra­che ein Tyrann. Kein ande­res Volk habe den Kult um den Boden so inten­siv betrie­ben und so stark in ihrer Psy­che ver­an­kert wie das chinesische.

Zudem habe die geo­gra­phi­sche Lage mit dem Ein­zugs­ge­biet des Gel­ben Flus­ses als Zen­trum einen Iso­lie­rungs­me­cha­nis­mus bewirkt und dazu geführt,  daß die chi­ne­si­sche Kul­tur immer intro­ver­tier­ter gewor­den und, statt Neu­es zu wagen, nur auf Sta­bi­li­tät bedacht gewe­sen sei.

Und die Gro­ße Mau­er? In der TV-Serie hieß es: »Man ist stolz auf sie als ein­zi­ges Bau­werk der Mensch­heit, das man vom Mond aus zu erken­nen ver­mag. Man bezeich­net sie sogar als ein Sym­bol für die Blü­te Chi­nas. Aber wenn die Gro­ße Mau­er spre­chen könn­te, wür­de sie den Nach­kom­men des Huang­di ehr­lich sagen, daß sie ein Pro­dukt des his­to­ri­schen Schick­sals ist – und nicht Stär­ke, Fort­schritt und Ruhm, son­dern Abkap­se­lung,  Kon­ser­va­tis­mus,  unwirk­sa­me Defen­si­ve sowie Schwä­che und Furcht­sam­keit verkörpert.«

Wegen ihrer mons­trö­sen Grö­ße und ihrer lan­gen Geschich­te habe die Mau­er Selbst­zu­frie­den­heit und Selbst­täu­schung in die See­le der Nati­on eingebrannt.

Den his­to­ri­schen Moment der diver­gie­ren­den Ent­wick­lung der Welt­kul­tu­ren mach­ten die Hes­hang-Autoren im 15. Jahr­hun­dert aus. Jene Epo­che sei ent­schei­dend für die gan­ze Mensch­heit gewe­sen, denn damals habe sich das Augen­merk erst­mals von den Kon­ti­nen­ten auf die Ozea­ne gerich­tet: »Dem Osten wie dem Wes­ten bot die Geschich­te die glei­che Chance.

Sowohl der Pazi­fik als auch der Indi­sche Oze­an und der Atlan­tik stan­den allen Natio­nen offen. Aber Chi­na, das wei­ter im Bann des Kon­ti­nents stand, ver­paß­te die­se Chan­ce.« Zwar habe Chi­na jahr­hun­der­te­lang auf dem Gebiet von Wis­sen­schaft und Tech­nik zu den füh­ren­den Natio­nen gehört – aber, so klag­ten die TV-Macher, obwohl Chi­ne­sen als ers­te Rake­ten bau­ten, flo­gen sie nicht als ers­te ins All; obwohl sie Papier und Druck erfan­den, kam es im Land zu kei­ner Wis­sens­ex­plo­si­on; obwohl sie den Kompaß ent­wikkel­ten, stie­gen sie nie zu einer See­macht auf.

Trotz der gro­ßen Ent­de­ckungs­rei­sen des berühm­ten See­fah­rers Zheng He, der im 15. Jahr- hun­dert mit einer Dschun­ken-Flot­te den West­pa­zi­fik und den Indi­schen Oze­an durch­kreuz­te und bis zum Per­si­schen Golf segel­te, sei Chi­na eine Land­macht geblie­ben. Dabei habe Zheng sei­ner Hei­mat schon damals den Weg gewiesen:

»Wenn Chi­na wach­sen will, darf es das Meer nicht igno­rie­ren. Reich­tum kommt vom Meer, genau­so wie die Gefahr. Wenn ande­re Län­der das Meer kon­trol­lie­ren, wird Chi­na in Gefahr sein.« Doch aus Igno­ranz und Über­heb­lich­keit sei Zhengs Ver­mächt­nis nie ein­ge­löst wor­den. Den Aus­weg aus  die­ser  Mise­re  sah  der  Film in der Über­win­dung des beschränk­ten Den­kens und in der Öff­nung zur Welt: »Der Rück­stand der alten Zivi­li­sa­ti­on lager­te sich wie der Schlamm des Huang­he in den Adern unse­rer Nati­on ab.

Der Gel­be Fluß braucht daher ein rei­ni­gen­des Hoch­was­ser, und das ist bereits gekom­men – die indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on. Nur der Wind des him­mel­blau­en Mee­res kann Regen brin­gen, aus dem die Löß-Hoch­ebe­ne wie­der Vita­li­tät schöp­fen kann.«

In der Reak­ti­on auf die­sen pro­vo­zie­ren­den Film spie­gel­te sich schon vor drei­ßig Jah­ren Chi­nas Alter­na­ti­ve wider – jen­seits aller ideo­lo­gi­schen Rich­tun­gen. Wäh­rend die einen (wie der 1989 nach der Nie­der­schla­gung der Demo­kra­tie-Bewe­gung gestürz­te KP-Chef Zhao Ziyang) die TV-Serie begrüß­ten, spra­chen ande­re von einem »Mach­werk des Nihilismus«.

Die Autoren hät­ten den Huang­he, Huang­di, ja sogar die (kai­ser­li­che) gel­be Far­be und die gel­be Ras­se als ein pes­si­mis­ti­sches Sym­bol gebrand­markt und die 5000jährige  Kul­tur  ver­un­glimpft.  Doch die natio­na­le Iden­ti­täts­kri­se, die seit dem Ende des 19. Jahr­hun­derts schwelt, dau­er­te an. Erst mit dem Amts­an­tritt Xi Jin­pings hat ein Umschwung ein­ge­setzt, der von man­chen Außen­ste­hen­den vor­ei­lig als »Schü­rung des Natio­na­lis­mus« gedeu­tet wird, tat­säch­lich aber Aus­druck der begin­nen­den Gene­sung der Psy­che eines über Genera­tio­nen von inne­ren und äuße­ren Fein­den geschun­de­nen Vol­kes sein dürfte.

Kaum ein Jahr nach sei­ner Beru­fung zum Staats- und Par­tei­chef ver­kün­de­te Xi das bis- her ambi­tio­nier­tes­te Pro­jekt, mit dem Peking in grund­le­gen­der Abkehr von der bis­he­ri­gen Geo­po­li­tik vor aller Augen das Tor zur Welt öff­ne­te: die Initia­ti­ve »Ein Gür­tel und eine Stra­ße« (auch: One Belt, One Road; abge­kürzt: OBOR). Die bei­den Kom­po­nen­ten bezie­hen sich auf den »Wirt­schafts­gür­tel Sei­den­stra­ße« und die »Mari­ti­me Sei­den­stra­ße des 21. Jahrhunderts«.

Hier­bei konn­te Xi Jin­ping jeweils an die Geschich­te des »Reichs der Mit­te« anknüp­fen: Vor mehr als 2100 Jah­ren war der Gesand­te Zhang Qian, der zu Zei­ten der Han-Dynas­tie (206 v. Chr. bis 220 n. Chr.) leb­te, im Rah­men einer Frie­dens­mis­si­on zwei­mal nach Zen­tral­asi­en gereist und hat­te Ver­bin­dun­gen zu den Län­dern an der tra­di­tio­nel­len Han­dels­stra­ße  auf­ge­nom­men,  die von Ost nach West ver­lief und Euro­pa mit Asi­en verband.

Am 7. Sep­tem­ber 2013 stell­te Xi vor Dozen­ten und Stu­den­ten der Nas­ar­ba­jew-Uni­ver­si­tät in Kasach­stan sei­ne Idee vor, auf der Grund­la­ge eines Koope­ra­ti­ons­mo­dells gemein­sam einen neu­en Wirt­schafts­gür­tel ent­lang der anti­ken Kara­wa­nen-Rou­te auf­zu­bau­en. Die mari­ti­me Sei­den­stra­ße war zur Zeit der Qin- (221 bis 207 v. Chr.) und der Han-Dynas­tie erschlos­sen wor­den und bil­de­te mit Süd­ost­asi­en als Kno­ten­punkt eine Brü­cke für den wirt­schaft­li­chen und kul­tu­rel­len Aus­tausch zwi­schen Ost und West.

Vor dem indo­ne­si­schen Par­la­ment in Jakar­ta reg­te Xi Jin­ping am 3. Okto­ber 2013 an, eine neue »mari­ti­me Sei­den­stra­ße des 21. Jahr­hun­derts« zu ent­wi­ckeln. Sie sol­le  sich  nicht auf Süd­ost­asi­en beschrän­ken, son­dern auch die Län­der Süd- und West­asi­ens, Nord­afri­kas und Euro­pas wie auf einer Per­len­schnur aneinanderreihen.

Das Pro­jekt star­te­te über­aus erfolg­reich. Bereits Ende 2016 bekun­de­ten mehr als hun­dert Län­der und Orga­ni­sa­tio­nen  den  Wil­len, an der Initia­ti­ve teil­zu­neh­men. Ziel ist es, eines Tages 65 Staa­ten, drei Vier­tel der Welt­be­völ­ke­rung, mit­ein­an­der zu ver­bin­den. Die 14000 Kilo­me­ter lan­ge Land­rou­te führt von Chi­nas alter Kai­ser­stadt Xian über die Pro­vinz Xin­jiang und Zen­tral­asi­en in die Tür­kei, über Ost­eu­ro­pa wei­ter nach Deutsch­land und Rot­ter­dam sowie süd­lich nach Venedig.

Die mari­ti­me Sei­den­stra­ße ver­läuft über die Stra­ße von Malak­ka durch den Indi­schen Oze­an über Kenia (Nai­ro­bi), um das Horn von Afri­ka, durch den Suez­ka­nal und das Mit­tel­meer eben­falls nach Vene­dig. Letzt­lich tref­fen sich bei­de Rou­ten in Duis­burg, dem größ­ten Bin­nen­ha­fen der Welt.

Mit Hil­fe Pekings, das eigens eine Asia­ti­sche Infra­struk­tur- und Inves­ti­ti­ons­bank (AIIB) gegrün­det hat und eine Bil­li­on Dol­lar zur Ver­fü­gung stellt, sol­len Häfen, Flug­plät­ze, Stra­ßen, Eisen­bahn­li­ni­en und Kraft­wer­ke gebaut sowie Kom­mu­ni­ka­ti­ons­netz­wer­ke errich­tet  wer­den. Die­ses Pro­jekt ist das größ­te seit dem Mar­shall­plan, mit dem die USA nach 1945 den Wie­der­auf­bau West­eu­ro­pas unter­stütz­ten und sich dort gleich­zei­tig eine bis heu­te wäh­ren­de Macht­stel­lung verschafften.

Natür­lich han­delt auch Chi­na nicht altru­is­tisch, son­dern ver­folgt drei stra­te­gi­sche Zie­le: Aus­bau und Siche­rung sei­ner Han­dels­we­ge, um den Waren­trans­port zu erleich­tern und zu beschleu­ni­gen; Erwei­te­rung des geo­po­li­ti­schen und kul­tu­rel­len Ein­flus­ses in Asi­en, Afri­ka und Euro­pa; Abwehr einer mög­li­chen zwei­ten Ein­däm­mungs­po­li­tik der USA, die bis 1972 (ver­geb­lich) ver­sucht hat­ten, die Volks­re­pu­blik nicht zuletzt durch einen mili­tä­ri­schen Stütz­punkt­gür­tel zu isolieren.

Um einer  Kon­fron­ta­ti­on  mit  Washing­ton gewach­sen zu sein, hat Xi Jin­ping gefor­dert, die Volks­be­frei­ungs­ar­mee müs­se bis spä­tes­tens 2050 eine »Streit­macht der Welt­klas­se« wer­den – beson­ders die Mari­ne, die 2025 ihren ers­ten ato­mar  betrie­be­nen  Flug­zeug­trä­ger in Dienst stel­len soll. Das Lon­do­ner Inter­na­tio­na­le Insti­tut für Stra­te­gi­sche Stu­di­en (IISS) teil­te 2018 mit, Chi­na habe erst­mals ein Kampf­flug­zeug (Cheng­du J‑20) mit Tarn­kap­pen-Eigen­schaf­ten ent­wi­ckelt; damit sei Ame­ri­kas Mono­pol­stel­lung auch in die­sem Bereich gefallen.

Mit 215 Mil­li­ar­den Dol­lar sei­en die Rüs­tungs­aus­ga­ben der Volks­re­pu­blik bereits die zweit­höchs­ten der Welt hin­ter den Ver­ei­nig­ten Staa­ten (611 Mil­li­ar­den) und weit vor Ruß­land (69,2 Mil­li­ar­den) – Ten­denz steigend.

Wie weit­rei­chend Chi­nas geo­stra­te­gi­schen Zie­le sind, läßt sich an der Über­nah­me bezie­hungs­wei­se dem Aus­bau aus­län­di­scher Häfen able­sen. Von Juli 2016 bis Juni 2017, so eine von der Finan­cial Times ver­öf­fent­lich­te Stu­die, hat­ten chi­ne­si­sche Unter­neh­men Vor­ha­ben im Wert von 20,1 Mil­li­ar­den Dol­lar bekannt­ge­ge­ben – eine Ver­dop­pe­lung im Ver­gleich zu den zwölf Mona­ten davor.

Der Groß­teil der Inves­ti­tio­nen floß nach Süd­ost­asi­en. Allein in Häfen  in Malay­sia woll­te Peking mehr als 11,5 Mil­li­ar­den Dol­lar ste­cken. Wei­te­re Pro­jek­te lagen in Indo­ne­si­en und Sri Lan­ka. In Paki­stan, in das die Volks­re­pu­blik im Rah­men der Sei­den­stra­ßen-Initia­ti­ve 62 Mil­li­ar­den Dol­lar inves­tie­ren will, bau­en chi­ne­si­sche Arbei­ter den Tief­see­ha­fen Gwa­dar zu einem neu­en Tor zur Welt aus. Auch in Euro­pa sind Häfen bevor­zug­te Inves­ti­ti­ons­ob­jek­te. So über­nahm die chi­ne­si­sche Ree­de­rei Cosco 2016 für knapp 370 Mil­lio­nen Euro zwei Drit­tel des Hafens von Pirä­us. Seit län­ge­rem lau­fen Ver­hand­lun­gen über Inves­ti­tio­nen in den nor­we­gi­schen Hafen Kirkenes und in zwei Häfen auf Island.

Letzt­lich soll der gan­ze Glo­bus mit einem Netz aus bila­te­ra­len Bezie­hun­gen, die für bei­de Sei­ten nütz­lich und gewinn­brin­gend sind, über­zo­gen wer­den (auch in Latein­ame­ri­ka ist Peking für man­che Staa­ten mitt­ler­wei­le der wich­tigs­te Han­dels­part­ner). Als poli­ti­scher Haupt­pro­fi­teur der wech­sel­sei­ti­gen Abhän­gig­keit könn­te Chi­na in sei­nem Selbst­ver­ständ­nis erneut zum Mit­tel­punkt der Welt wer­den – der von Xi Jin­ping pro­pa­gier­te Traum von der »Wie­der­ge­burt der gro­ßen chi­ne­si­schen Nati­on« wäre dann als neu­es »Reich der Mit­te« wahr­ge­macht. Durch Xis ent­schei­den­den ers­ten Schritt ist bereits Rea­li­tät, was die Autoren der Hes­hang-Serie vor drei­ßig Jah­ren noch ver­geb­lich for­der­ten: Chi­nas Öff­nung zum Meer und damit zur Welt.

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