Sezession
14. Dezember 2018

Amerikanische Lektionen II – Netzrepression

Johannes Poensgen / 30 Kommentare

Richard Spencer wurde zur Streitfigur, weil man ihm vorwerfen konnte, er habe mit zu extremistischen Elementen kokettiert.

Johannes Konstantin Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.

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Hierbei handelte es sich innerhalb der Alt-Right jedoch nicht nur um die Frage, von wem man sich distanziert, wie sie auch die Gründungsphase der Identitären Bewegung beherrscht hat.

Eigentlich virulent wurde das Problem erst nach der gescheiterten Kundgebung in Charlottesville. Maßgeblich Interessierte aus Silicon Valley nutzte den Tod der Gegendemonstrantin Heather Heyer durch einen selbst provozierten Autounfall als Vorwand für eine bisher nie dagewesene Welle von Sperrungen. Die Sperrungen, nicht nur von Profilen in den sozialen Medien oder von Zahlungsanbietern, sondern auch von Webhosts, Domainregistrierern und anderen für den Betrieb einer eigenen Internetseite notwendigen Diensten fegte einmal durch alles, was mit dem Label „Alt-Right“ in Verbindung stand.

(In diesem Zusammenhang muß ich einen schweren Irrtum eingestehen. Ich war damals fest davon überzeugt, daß James Fields freigesprochen würde. Vor kurzem wurde er erstinstanzlich wegen Mordes verurteilt, obwohl die Beweislage dafür, daß sein Auto angegriffen wurde, erdrückend ist. Das hier ist von mir. Anderes, weit ausführlicheres Material findet man hier und hier und hier im Stundenformat und man findet noch viel mehr, wenn man sucht. Dies zur Situation in den Staaten.)

In der Folge schlug sich, meines Wissens zum ersten Mal in der Geschichte, die Online-Ökonomie in der Frontstellung innerhalb einer politischen Bewegung nieder. Die Trennlinie verlief nicht zuletzt zwischen denen, die für die Arbeit unter derart erschwerten Bedingungen gerüstet waren und denen, die es nicht waren. Die ersteren konnten sich eine Fortführung des provokanten, aus der Trollkultur gewachsenen Stils erlauben. Die letzteren mußten fürchten auch bei eigener Nichtbeteiligung die Existenzgrundlage zu verlieren.

Die Folgen von Charlottesville trafen zwar den wegen seines rabiaten Boulevardstils exponierten Daily Stormer am härtesten, doch nach einer Odyssee durch ein gutes Dutzend Domainenden ist die Seite stabil online. Der dafür verantwortliche Techniker ist ein Mann namens Andrew Auernheimer aka „Weev“, ein Jahr als Hacker inhaftiert, dann im Revisionsverfahren freigesprochen. Durchgeknallt ist eine vorsichtige Charakterbeschreibung, aber er scheint sehr gut in seinem Job zu sein.

Während der Daily Stormer nach jeder Kündigung innerhalb von Stunden wieder online war, war die von Richard Spencers ehemaligen Kompagnons Collin Liddell und Andy Nowicki betriebene Blogspotseite alternative-right.blogspot.com nach Charlottesville wochenlang vom Netz. Inzwischen haben sich Liddell und Nowicki offiziell von der Alt-Right getrennt und ihre Seite in Affirmative Right umbenannt.

Da der Daily Stormer seit jeher von herkömmlichen Zahlungsanbietern ausgeschlossen ist, wurde das Spendensystem frühzeitig auf Kryptowährungen umgestellt. Der Bitcoinboom machte den Betreiber Andrew Anglin zu einem wohlhabenden Mann.

Zur selben Zeit geriet der Blog cum Verlag für rechtsintellektuelle Literatur Counter-Currents in schwere finanzielle Schwierigkeiten, nachdem PayPal das Konto gekündigt hatte.

Eine dem Daily Stormer vergleichbare Stabilität bewies der Podcastblog „The Right Stuff“ des ehemaligen Webdesigners Mike Peinovich aka Mike Enoch. Während andere noch unter den Schlägen zusammenzuckten, konnte TRS ein stabiles Paywallprogramm für zahlende Zuhörer aufbauen. TRS hat zwar inzwischen seine Hauptshow von „The Daily Shoah“ in „TDS“ (sprich: „tedious“ zu deutsch „langweilig") umbenannt, ist aber weiterhin dem troll/radikalen Flügel der Alt-Right zuzuordnen.

Während also der Daily Stormer und The Right Stuff gut durch die Post-Charlottsville Krise kamen, mußten andere schwer einstecken. Letztere warfen im vergangenen Jahr vor allem Spencer vor, daß er die Radikalen in die Bewegung geholt habe. (Obwohl hier, wie immer, auch persönliche Fehden ihre Rolle spielten.)

Wobei die Attacken auf Spencer erst dann richtig los gingen, nachdem der Domainregistrierer GoDaddy Spencers eigener Seite „Altright.com“ Anfang Mai diesen Jahres die Registrierung entzogen hatte. Die Stärke einer Führungsfigur hängt heute an einem stabilen Onlineauftritt. Geht der in die Brüche, wittern die Haie Blut.

Alt-Right.com ist meines Wissens nach das einzige dauerhafte Opfer der Post-Charlottesville-Repression. (Wobei die Tatsache, daß Spencer, wie im Oktober bekannt wurde, während dieser wichtigen Zeit im Scheidungskrieg war, auch nicht unwichtig gewesen seien dürfte.) Von diesem Schlag, anders als von dem Hailgate-Vorfall im Winter 2016, hat Spencer sich bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht erholt.

Daß sich mit dem Daily Stormer und TRS gleich zwei Projekte vom radikalen Rand der Alt-Right als besonders zäh erwiesen, ist meiner Meinung nach kein Zufall. Zum einen sind sie durch ihren massentauglichen Stil größer als es ein Intellektuellenblog jemals sein könnte. Aber das ist nicht alles. In beider Umfeld ist auch mehr technisches Können vorhanden, als bei den meisten andern Projekten. Es geht hier nicht darum, „das Internet zu benutzen“. Mit sozialen Medien umgehen, kann jeder lernen.

Es geht hier um Leute, die in der Lage sind Netzrepression zu kontern. Das müssen keine Spitzenprogrammierer sein. Aber wo die Personalauswahl begrenzt ist, ist es nicht so einfach brauchbare Fachkräfte zu bekommen. Technische Fähigkeiten prädeterminieren zwar keine politische Einstellung. Im Durchschnitt sind die informatisch Versierten aber jünger und radikaler als der „Normalrechte“.

In den Vereinigten Staaten erwies sich die Verschärfung der Netzrepression als Selektion zugunsten der radikaleren Elemente. Gleichzeitig spielte die Verwundbarkeit gegenüber solcher Repression eine Rolle dabei, wie sich politische Kräfte innerhalb einer oppositionellen Bewegung positionierten. Wer nur ein User war, konnte sich weniger erlauben als andere. Dabei konnte er von deren Verhalten ohne weiteres mitbetroffen werden.

Im Kleinen wiederholte sich hier etwas, was die New Economy im Großen vormacht. Wer einen Technologievorteil hat, krempelt die Branche um und hängt die Konkurrenten rasend schnell ab.

Der Zwist zwischen verschiedenen Teilen der Alt-Right aufgrund der unterschiedlichen Anfälligkeit für Netzrepression und die damit einhergehende Selektion zugunsten der Radikalen vollzog sich in derselben Zeit, in der die Bewegung eine Antwort auf die Frage finden mußte, wie sie sich nach der Wahl Donald Trumps neu positionieren sollte. Das Zusammenspiel beider Dynamiken erklärt zu großen Teilen ihren zur Zeit so chaotischen Zustand.


Johannes Konstantin Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.

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Kommentare (30)

MARCEL
14. Dezember 2018 10:45

Wie so oft: Digitalisierung ist Stärke und Schwäche zugleich, auch für den rechten Widerstand.
Sie eröffnet, bei entsprechender Sachkenntnis, ungeahnte Möglichkeiten, bindet aber auch viel Energie und verführt zur Obsession.
(z.B. Game-süchtige wie IT-fanatische Jugendliche, die ihren Frust einzig im Gaming ausleben, sind nach meiner Erfahrung für nichts anderes mehr zu gebrauchen, geschweige denn zu mobilisieren)
Im Afghanistan-Feldzug der USA kursierte seinerzeit der Spruch: "Low technology beats High technology"
Gibt es noch ein Leben außerhalb der digitalen Binnenwelt?

Laurenz
14. Dezember 2018 12:46

Interessant wäre es zu erfahren, wie die, ausnahmsweise, bessere us amerikanische Kultur der "Free Speech" das Verhalten sozialer - oder asozialer Medien und deren Sanktionen diesbezüglich umgeht.
@Marcel - Gaming als Sucht funktioniert wie jede Sucht, wie auch die des Briefmarkensammelns oder der des Kleingärtnerdaseins. Gamer sind schneller im Denken und in der Reaktionsfähigkeit.

RMH
14. Dezember 2018 13:52

Das gesamte Internet, die sog. "Digitalisierung" ist eine einzige Falle, ein gigantischer Honigtopf, der uns mit vermeintlichen Vorteilen und Vereinfachungen lockt und am Ende haben dann nur ganz wenige die Kontrolle über das Ganze und nichts funktioniert mehr ohne sie. Wir legen uns die Fesseln freiwillig selber an, weil sie am Anfang nur lose sind und noch nicht einschneidend, aber irgendwann werden sie enger gezogen.

Politisch gesehen ist das Wahnsinn, der nun wirklich auch noch vom Letzten in unserem Land befürwortet wird.

Wir sollten wieder zurückkehren zum Briefeschreiben und zu solchen altbewährten Methoden, wie "tote" Briefkästen, Samisdat, Kassiber, Steganographie & Co.

deutscheridentitaerer
14. Dezember 2018 14:00

"Gaming als Sucht funktioniert wie jede Sucht, wie auch die des Briefmarkensammelns oder der des Kleingärtnerdaseins. Gamer sind schneller im Denken und in der Reaktionsfähigkeit."

Sicher sind sie das ...

Heinrich Loewe
14. Dezember 2018 21:38

Von Jared Taylor, White Identity gibt es noch keine deutsche Übersetzung. Weiß jemand, ob da was in der Pipeline ist?

Der_Juergen
14. Dezember 2018 22:29

Frage an Poensgen: Wie würden Sie American Renaissance und The Occidental Observer einstufen? Beide treten klar für die Rechte der weissen Amerikaner ein; The Occidental Observer ist darüber hinaus noch dezidiert judenkritisch. Man könnte also sagen, dass sie ungefähr in der Mitte zwischen Trump und ultrarechten Websites wie dem Daily Stormer stehen, dem sie natürlich an intellektueller Substanz haushoch überlegen sind.

Würden Sie American Renaissance und Occidental Observer zur Altright zählen?

[Den Occidental Observer auf jeden Fall. American Renaissance ist ein besonderer Fall, soweit ich weiß hat Jared Taylor sich nie offiziell zur "Alt-Right" erklärt. Er hält auch jede Art von Judenkritik aus seinem Laden draußen, hat sich aber nie aus diesem Grund von irgendwem distanziert. In dieser Hinsicht einzgartig. JKP]

Laurenz
14. Dezember 2018 22:33

Der Artikel II flacht in die Beschreibung der üblichen Misere der rechten Opposition in der jüngeren Vergangenheit der Vereinigten Staaten ab. Es ist zu bemerken, daß es die wirtschaftliche Not ist, dem Liberalismus etwas entgegen zu setzen, die im Vergleich zu 7 Jahrzehnten zuvor, eine neue nationale Bewegung in der westlichen Welt überhaupt installierte. Der Niedergang des Wohlstands der Mittelklasse, übrigens eine historische Taktik der Bolschewisten (oder besser Trotzkisten), bringt die Menschen auf die Straße und in die Blogs, das ganze auch noch diametral zur Entwicklung in China. Mittlerweile fliegen jedes Jahr 300 Mio. Chinesen in den Urlaub, ein Ergebnis der Transformation Deng Xiaopings China vom Kommunismus in einen Nationalsozialismus asiatischer Prägung. Das Problem einer (ge)rechten Politik, weltweit, egal ob sie rot, schwarz, gelb oder weiß ist, sitzt viel tiefer. Es ist der Mangel an Geld. Rechte besitzen weder Großbanken, noch Medien-Imperien oder etablierte Radio-, wie TV-Sender. Die Deutungshoheit für Mio. von Konsumenten zur besten Sendezeit wird nachwievor von den Flavi besetzt. Das liegt im Grunde daran, daß sich im Westen zwar viele Menschen für einschläfernden Wohlstand interessieren, aber nur sehr wenige für Geld. Donald Trump ist viel zu arm, um wirtschaftlich etwas wirklich Oppositionelles der liberalen Gesellschaftsform entgegen setzen zu können.

Max
14. Dezember 2018 23:11

Man sollte auf sowas vorbereitet sein.

Eine Möglichkeit dazu ist, das Darknet zu nutzen - als Absicherung. Für eine Seite im gewöhnlichen Netz gibt es dann auch eine Adresse im Tor-Netzwerk. Die ist zwar kryptisch, sowas ähnliches wie gjgwjo4uzoz35.onion. Und um diese Seite zu lesen, muss man erstmal den Torbrowser installieren. Aber auf jeden Fall kann man, wenn man von irgendeinem Provider rausgeschmissen wird, auf der Sicherungskopie im Darknet erstmal weitermachen. Die kann man nämlich notfalls auch einfach von zu Hause betreiben.

Cacatum non est pictum
15. Dezember 2018 16:15

@RMH

Würde es Ihnen etwas ausmachen, Ihre kurz angerissenen Thesen ein bißchen mehr auszubreiten? Ich finde sie hochinteressant, aber in der von Ihnen dargebotenen Form zu oberflächlich. Oder war Ihre Wortmeldung ironisch gemeint (der letzte Absatz deutet ein wenig darauf hin)?

xVkal
15. Dezember 2018 20:40

Was die Deepweb-Thematik betrifft:
In anderen Dissidentenbewegungen - als welche sich die Neue Rechte ebenso wie die Alt Right trotz etwaiger inhaltlicher Differenzen sehen muß - wird technische Versiertheit schon seit langem als unerlässlich betrachtet. Das Thema Anonymität wird von Rechten meines Erachtens eher stiefmütterlich behandelt, und nicht Wenige haben durchs schon "Doxxing" ihren Arbeitsplatz verloren.
In den Anfangsjahren von Usenet und dem WWW waren sich Cyberpunks noch den Gefahren von staatlicher oder korporativer Zensur des Internets bewusst und entwickelten Programme und Methoden dagegen - teils aus linksanarchistisch, teils aus libertär-anarchistischen Motiven. Heute ist von dem libertären Impuls nicht mehr viel übrig geblieben und gerade in den USA zeigt sich, daß Meinungsfreiheit de jure nicht Meinungsfreiheit in praxi bedeutet, schließlich ist Twitter ja ein Privatkonzern und überhaupt, "build your own twitter" heißt es dann. Als letztes Jahr eine große Alt Right Website sogar von der ICANN die Domain gesperrt wurde, gab es von der weitestgehend linken Technik-Welt keinerlei Kritik daran.

Die Szene um Tor, Linux, I2P usw. ist heute ebenso weitestgehend linksalternativ und auch PGP-Keys finden sich normalerweise nicht bei den Kontaktdaten rechter Personen oder Portale. Auch die Möglichkeiten, die sich bspw. mit Monero als Kryptowährung auftun, um Geld anonym zu spenden, könnten vielen einmal den Ruf oder die persönliche Sicherheit wahren.

Bevor es zu spät ist sollte sich jeder, der online kommuniziert, mit derartigen Anwendungen auseinandersetzen, und sich nicht von der wie gesagt linksdominierten Szene abschrecken lassen. Kryptographie gepaart mit dezentralen Anonymisierungsnetzwerken ist politisch neutral und darüberhinaus antifragil (je mehr verschlüsselt und anonymisiert wird, desto besser für alle).

nom de guerre
15. Dezember 2018 22:14

Auch wenn das Thema dieses Artikels in erster Linie die Repression im Internet ist, frage ich mich, wie man eine Figur wie Richard Spencer ernst nehmen kann. Wikipedia weiß zu berichten, dass der Mann 2018 einen DNA-Test seiner Person veröffentlicht hat, wonach er zu 99,5% europäischer und zu 0,5% eben anderer Abstammung ist (https://en.wikipedia.org/wiki/Richard_B._Spencer - unter Personal life). Was soll so etwas? Was bedeutet es in Generationen? Ist das viel? Ist das wenig? Was hätte er gemacht, wenn das Ergebnis bspw. 25% außereuropäische Abstammung nahegelegt hätte, weil eine seiner Großmütter ihm unbekannterweise mit einem Indianer fremdgegangen wäre? Hätte er sich dann aufgehängt oder wäre er zumindest fürderhin nicht mehr als Persönlichkeit der Alt-Right in Erscheinung getreten? Ganz unabhängig von seinen Ansichten etwa zu Frauen ist mir jemand suspekt, der seine eigene Identität auf dem Niveau eines Zuchtbuchs für Milchkühe zu definieren scheint.

Maiordomus
16. Dezember 2018 12:02

@ Nom de guerre. Über Richard Strauss mäkelte ein Kritiker: "Wenn schon Richard, dann Wagner, und wenn schon Strauss, dann Johann." Bei Richard Spencer würde ich zu sagen wagen: Wenn schon Spencer, dann Herbert.

Richard Spencer scheint mir als Philosoph kaum ernst zu nehmen, so wie eigentlich M.S. zunächst noch an seinen Grundlagen arbeiten sollte, wenn er wenigstens mit Studienabbrechern wie dem neuen CDU-Generalsekretär oder dem Elder Statesman Joschka Fischer mithalten will, den man immerhin ab 10 000 Euro als Referenten buchen kann. Das wird ein Rechter zwar nie schaffen (eher schon Berufsverbot), aber den Anspruch, wenigstens gleich gut zu sein wie diejenigen, die man in Frankfurts Paulskirche auf das Publikum loslässt, sollten wir nicht preisgeben.

Wahrheitssucher
16. Dezember 2018 12:11

@ RMH

Ohne Netz keine SIN! (und das ist nur ein Beispiel, wenn auch nicht irgendeins)

Wahrheitssucher
16. Dezember 2018 12:17

@ Laurenz

„ Flavi“?
Von lateinisch „flavius“, also „die Blonden“!?
Meinten Sie das? Und können Sie den Sinn erklären?

Wahrheitssucher
16. Dezember 2018 12:21

@ nom de guerre

Lieber Anti-Rassist als Rassist?
Lassen Sie ihn doch suchen!

RMH
16. Dezember 2018 13:14

@
Cacatum non est pictum,

ich habe das durchaus ernst gemeint und der letzte Absatz ist eher Ausdruck meiner Hilflosigkeit, was das Unterbreiten konkreter Vorschläger zur Abhilfe angeht. Von @ xVkal kamen hier ja schon Vorschläge, die mehr up to date sind, als meine. Dennoch möchte ich hier hinterfragen, ob diese Vorschläge der Kryptographie, der Anonymisierung, Verschlüsselung etc. evtl. nur eine vorübergehende Verbesserung der Symptome sind und die Ursachen an und für sich dann doch nicht ändern können, da sie nicht änderbar sind.

Man muss sich das Ganze doch einmal so vorstellen: Das Internet wurde ursprünglich für die militärische Kommunikation und deren Datenaustausch geschaffen. Lauter lokale Datenverarbeiter mit lokalen Datenspeichern wurden vernetzt und bildeten Knotenpunkte. Wenn nun ein Knotenpunkt zerstört wird, bspw. durch eine Atombombe, dann können dennoch alle anderen lokalen Datenverarbeiter weiterhin sich austauschen und kommunizieren - das ganze klappt sogar, wenn eine Vielzahl von "Knotenpunkten" ausgeschaltet werden, da es ja theoretisch durch jeden einzelnen Computer mit einem Datenspeicher theoretisch zig-tausende von diesen Knotenpunkten gibt. Grundsätzlich genial und als das Internet dann "für alle" frei gegeben wurde, gab es mit einem Schlag für eine kurze Zeit keine Möglichkeiten des Gatekeeping etc.

Es eröffneten sich zunächst schier unbegrenzte Möglichkeiten. Wir kennen das alles. Aber wo stehen wir heute? Es gibt Angebots- Oligopole bis Monopole für den Endverbraucher, für den kleinen Unternehmer etc.

Man hat keine große Wahl. Schon hier zeigt, sich, dass urplötzlich nur noch wenige "am Drücker" sind. Hinzukommt, dass die lokale Datenverarbeitung, also genau die Millionen bis Milliarden von kleinen bis kleinsten Netzknotenpunkte, in ihrer ursprünglichen Unabhängigkeit aufgelöst werden und fest ans "Netz" gekettet werden. Zukünftig wird es bspw. schwer werden, einen Brief, eine Tabellenkalkulation mal eben "lokal" zu Ende zu arbeiten und zu speichern, wenn das Netz, aus welchen Gründen auch immer, einmal ausfällt. Berufe, die bereits jetzt mit Cloud-basierten Anwendungen arbeiten, wissen, was ich meine. Durch das Internet der Dinge bekommt das Netz immer mehr Zugriff auf einzelne Dinge des Alltagslebens. Versuchen Sie bspw. mal einen aktuellen Tesla bei einer sog. "freien" Werkstatt reparieren zu lassen und das ist nur ein kleiner Teilaspekt. Sich ein Auto aufbrechen, ein paar geklaute Nummernschilder hinmachen und damit autonom durch die Gegend fahren, wie es die RAF einstens gemacht hat, wird es schon in 10 Jahren nicht mehr geben - man wird sich auch für alte Autos entsprechende "Nachrüstungen" einfallen lassen. Mit dem Smartphone am Mann ist bereits jetzt jeder fast lückenlos kontrollierbar und überwachbar. Das sieht man auch daran, dass bspw. die Polizeibeamten heutiger Zeit nicht mehr mit Trenchcoat und Hut draußen herum schnüffeln und mit kriminalistischer "Handarbeit" ihre Fälle aufklären sondern als erstes erst einmal möglichst alles vom Schreibtisch aus aufklären wollen. Datenabfragen, Bewegungsprofil via. Einwahlpunkte des Smartphones bestimmen, dass wird alles bequem von Büro aus gemacht. Selbst die Bauüberwachung greift - zugespitzt formuliert - lieber auf Anwendungen wie google earth zurück, als sich noch einmal die Schuhe schmutzig zu machen, in dem man eine Baustelle sich vor Ort anschaut.

Man könnte jetzt noch dutzende bis hunderte weitere Beispiele bringen, aber am Ende ist es so, dass es kein Netz der unabhängigen, lokalen Datenverarbeiter mehr sein wird, wie es einmal für eine kurze Zeit war, sondern ein Netz der Abhängigen. Dies liegt auch dran, dass Software neuerer Art gar nicht mehr lokal arbeiten wird und kann (damit ist man dann auch mit einem Schlag das frühere Problem der Raubkopierer los).

Ich hatte vor einigen Artikeln in einer Debatte schon einmal den Una-Bomber Ted Kaczynski erwähnt. Er hat vieles meiner Meinung nach visionär vorausgesehen, aber durch seine Taten wurden seine Visionen schwer beschädigt. Er ist sicher auch nicht der einzige, der auf diese Entwicklungen und Gefahren hingewiesen hat. Leider finden solche Debatten offenbar mehr in einer Art von "Nerd-Szene" statt, zu der ich persönlich keinen Zugang habe und mein technisches Verständnis, welches auch nur von einem externen Zugang zum Thema via der Beschäftigung mit dem Gebiet des Datenschutzes ausgelöst ist, ist leider zu begrenzt, um hier weiter einsteigen zu können oder vertieft etwas schreiben zu können.

Fakt ist aus meiner Sicht, dass wir uns alle am Ende von technischen Einrichtungen abhängig machen und das in einem Ausmaß, welches mir persönlich langsam nicht mehr Geheuer ist. Man muss sich vorstellen, dass hier alle Fänden am Ende in recht wenigen Händen zusammenlaufen und selbst die berühmten und angeblich so "gefährlichen" russischen Hacker sind doch am Ende nichts anderes als Leute, die zu einem großen Teil im Westen studiert haben, entsprechende Ausbildungen und Zertifikate von Microsoft & Co erworben haben und nun genauer und vertiefter einsteigen und zum Teil ja auch noch für genau diese Firmen weiterhin arbeiten. Wo ist die Globalisierung weiter fortgeschritten, als bei der IT? Man komme mir nicht mit Nordkorea, die immerhin noch eigene Betriebssysteme entwickeln ...

Der_Juergen
16. Dezember 2018 13:17

@nom de guerre

Vielleicht wäre Spence in dem von Ihnen erwähnten Fall dem Beispiel des hochbegabten Otto Weininger gefolgt, der aus Gram über seine jüdische Abstammung in jungen Jahren freiwillig aus dem Leben schied... Ich bin mit Ihnen einverstanden: Solche genetischen Tests zur Ermittlung aussereuropäischen Blutes sind leicht lächerlich. Das Wort "leicht" kann man hier auch weglassen.

nom de guerre
16. Dezember 2018 22:35

@ Wahrheitssucher
"Lieber Anti-Rassist als Rassist?" - Nein, das ganz sicher nicht, jedenfalls nicht unter den Bedingungen des Anti-Rassismus, wie er heute als Strömung anzutreffen ist, der ja im Kern selbst rassistisch ist, allerdings gegen Weiße/Europäer gerichtet. Ich bestreite nicht, dass es Unterschiede zwischen verschiedenen Ethnien gibt, die über den Phänotyp bzw. kulturelle Eigenheiten hinausgehen, und ich bin auch nicht der Ansicht, dass es egal ist, von wem man abstammt. Bei Adoptivkindern verläuft die Identitätsentwicklung anders als bei Kindern, die in der leiblichen Familie aufwachsen, und es ist soweit ich weiß heute in der Psychologie anerkannt, dass sich persönliche Erfahrungen über transgenerationale Weitergabe noch in späteren Generationen auswirken. Gabriele Baring schildert das anschaulich in "Die Deutschen und ihre verletzte Identität" oder auch Raymond Unger in "Die Wiedergutmacher" (beides sehr lesenswert). Aber solche Zusammenhänge sind vermutlich nicht das Erkenntnisinteresse von jemandem, der einen DNA-Test machen lässt, um sich selbst zu bestätigen, dass er ein (fast) reinrassiger Weißer ist. Eine Bekannte von mir hat einen Mongolenfleck, die braucht also keinen Test zu machen, um zu wissen, dass sich zwischen all den fleißigen, gutkatholischen süddeutschen Handwerkern, Bauern und Kaufleuten, von denen sie abstammt, vor langer Zeit auch ein Reiterkrieger des Dschingis Khan oder Attila versteckt hat. Aber was soll das denn aussagen? Soll sie sich deshalb ein kleines struppiges Pferd kaufen und in die Steppe reiten? Natürlich kann man so etwas privat erforschen, meinetwegen auch mittels eines DNA-Tests, ohne dass dieses Interesse von irgendwem zu beanstanden wäre. Wenn ein Richard Spencer so ein Ergebnis veröffentlicht, ist das allerdings nicht privat, sondern ein politisch-weltanschauliches Statement, das ich befremdlich finde - vielleicht ist es aber auch nur, wie @ Der Juergen schreibt, lächerlich.

@ Maiordomus, off Topic: Sie hatten sich in einem anderen Kommentarstrang einigermaßen empört (nach meinem Eindruck) über den Vortrag des Literaturwissenschaftlers Detering geäußert, wonach die Sprache der AfD mit Gangsterjargon gleichzusetzen sei. Den Vortrag beim ZdK habe ich heute Vormittag gelesen und bin schon etwas sprachlos, wenn Detering ernsthaft Vergleiche zur LTI nach Klemperer zieht oder bspw. Alice Weidel, die von "kulturfremden" Migranten sprach, anscheinend unterstellt, sie meine damit, diese Migranten hätten überhaupt keine Kultur, seien also jeglicher Kultur fremd. Da das Thema nicht in diesen Strang gehört, will ich es nicht allzu weit auswalzen, aber ich habe selten einen derart bösartigen, diffamierenden Unsinn auf so (vermeintlich) hohem Niveau gelesen.

Cacatum non est pictum
16. Dezember 2018 23:31

@RMH

Vielen Dank für Ihre Mühe und für die Präzisierung! Die ungehindert voranschreitende Digitalisierung birgt in der Tat riesiges Versklavungspotential; angefangen damit, daß sie massenhaft Erwerbsarbeit vernichten wird. Die große Heerschar Erwerbsloser wird künftig um staatliche Almosen betteln müssen. Und wer sich oppositionell betätigt, dem wird man leicht an die Gurgel gehen können, indem man ihm diese Almosen entzieht. Das wird so richtig reibungslos funktionieren, wenn erst das Bargeld abgeschafft ist. Dann existiert kein Spielraum mehr für anonyme Finanztransaktionen, und der geneigte Renegat wird sich allenfalls noch mit Selbstversorgung und Tauschhandel über Wasser halten dürfen, um der vollständigen Existenzvernichtung zu entgehen.

Ich bin in allen Punkten ganz bei Ihnen. Was mich am stärksten irritiert, ist die weitverbreitete Sorglosigkeit der Menschen. Marionetten gleich gehen sie begierig jeden Schritt der technischen Fortentwicklung mit, ohne je einmal innezuhalten und nach den Begleiterscheinungen zu fragen. Man hat ja schließlich nichts zu verbergen und will den Anschluß an die Moderne nicht verpassen!

Wer heute von sich sagt, daß er die Digitalisierung bekämpfen will, der wird vermutlich noch schiefer angesehen als jemand, der sich gegen den Großen Austausch einsetzt. In der Öffentlichkeit gibt es überhaupt kein Problembewußtsein auf diesem Feld. Insofern befürchte ich, daß die Welle sich weiter auftürmen und an Fahrt gewinnen wird. Vielleicht zerschellt sie eines Tages an einer Revolte von Menschen, die doch nicht bereit sind, ihre Würde an Roboter und Zentralrechner abzutreten.

Nero
16. Dezember 2018 23:35

@nom de guerre

Warum sollte man Richard Spencer nicht ernst nehmen?
Warum sollte ich Sie ernst nehmen?

Ihre Kritik ist schon sehr abwertend. Spencer geht in die Vollen mit der Gefahr sich zu blamieren und besteht den Test. Warum sollte das niveaulos sein?

Ich finde das sogar ziemlich konkret. Konkreter geht es kaum. Man könnte sagen, bei Spencer gehen Geist und Fleisch Hand in Hand. Ist doch toll! Ich verstehe ihr Problem nicht.

Die Berichte aus den USA interessieren mich sehr und ich lese die Beiträge darüber mit Genuss und großer Neugier. Versaut wird mir das aber immer von diesen Möchtegern- Intellektuellen aus Europa. Als Motivation vermute ich primitivstes USA Bashing. Leider auch unter den Rechten.

"Ganz unabhängig von seinen Ansichten etwa zu Frauen ist mir jemand suspekt, der seine eigene Identität auf dem Niveau eines Zuchtbuchs für Milchkühe zu definieren scheint."

Also das halte ich für eine fadenscheinige Begründung. Spencer definiert seine eigene Identität nicht als Zuchtbuch. Er legt allerdings Wert darauf, dass Abstammung zählt und geht mit gutem Beispiel voran. Ich wüsste nicht, dass Spencer die Identität darauf reduzieren würde.
Das ist einfach eine Behauptung die nur Sie vertreten weil Sie Vorurteile (auch Neid, Missgunst?) haben und die möglichst klug-klingend vortragen wollen damit diese nicht als solche auffallen.

Ist wohl schief gegangen ;)

Laurenz
17. Dezember 2018 01:17

@Wahrheitssucher ..... ich entnehme das Synonym, die Figur des Flavius oder Flavus dem jüngeren Bruder von Hermann oder Arminius, dem Befreier Germaniens. Sein Bruder kämpfte weiterhin für die römischen Imperialisten. Vaterlandslose Gesellen, also antike Sozialdemokraten, Linke, gab es eben auch damals schon. Viel entscheidender als das Feiern der deutschen Romantik, ist die Erkenntnis über den weißen föderalen Volkscharakter, der sich bis heute erhalten hat (siehe die aktuelle Ablehnung der Länder zur Einflußnahme des Bundes in deren Kultus-Domäne). Vorwiegend der germanische Adel erkannte wohl früh, daß die zivilisatorischen Errungenschaften der Römer durch Sklaverei und der Aufgabe persönlicher Freiheiten erkauft wurden. Diese Bedenken, unser föderaler Geist, mit all seinen Vor- und Nachteilen, drückt sich auch in den Beiträgen von RMH aus. Für eine uns entsprechende Gestaltung der Digitalisierung fehlt schlicht das Geld. Eine gedruckte Version der Sezession und ihres Vertriebs würde die Redaktion vor weit größere Probleme stellen als jene, die bereits im jetzt Wege stehen. Ich rechne historische Zeiträume grundsätzlich in Generationen um. 70 Generationen sind mental und emotional weit überschaubarer als 2.000 Jahre deutscher Geschichte. Hier erkennen wir die bewußte Ignoranz der Historie durch die sogenannte "progressive" Linke. Wir haben genügend Quellen aus Griechenland nach den Dorischen Wanderungen, in denen bereits Kriege um Genderismus, Heterophobie, die Einführung des degenerierenden Geldes geführt wurden. Hier sehe ich die philosophische Achillesferse der ewig gestrigen linken Versager. Im Westen nichts Neues....

Ratwolf
17. Dezember 2018 06:19

Wenn populäre Kanäle für bestimmte Meinungsäußerungen gesperrt werden, dann bilden sich neue.

Ratwolf
17. Dezember 2018 06:30

Habe gerade den Artikel von Wkipedia über Richard B. Spencer aufgerufen und finde es interessant, wie man beim lesen langsam anfängt die Weltsicht der Linken zu übernehmen beginnt. Vielleicht wäre eine Anleitunge sinnvoll, wie man mit Texten der anderen Seite umgehen sollte. Es sieht durch die Form alles so solide und glaubwürdig aus.

Maiordomus
17. Dezember 2018 12:08

@Ratwolf. Bei Wikipedia sind oft die Daten noch richtig und zuverlässig, ausser wenn sie umstritten sind, dann richten sie sich nach der Trendmeinung. Vgl. Schwanitz, "Was man wissen muss". Die in der DDR oder in Hitlerdeutschland herausgegebenen Enzyklopädien waren, wenn es nicht gerade um geheiligte Parteidogmen ging, im durchschnittlichen Informationsgehalt wohl eher besser als das heutige elektronische Lexikon für Nichtinfomierte, bei dem man immer, wenn man selber Spezialist über die Sache ist oder sonstwie jahrelang geforscht hat, sieht wie relativ hilflos und natürlich oft auch tendenziös die präsentierten Nachrichten sind.

nom de guerre
17. Dezember 2018 12:57

@ Nero
Jemanden - oder präziser die Weltsicht, die jemand auslebt - nicht ernst nehmen, heißt nicht, ihn abzuwerten, wobei ich bei Richard Spencer nicht unbedingt den Eindruck habe, dass er sich umgekehrt allzu viele Gedanken darüber macht, ob sich andere durch seine Ansichten abgewertet fühlen; auch hege ich gegenüber Herrn Spencer weder Neid noch Missgunst (worauf könnte man übrigens neidisch sein bei einem Mann, dessen Frau in einem Scheidungsverfahren schmutzigste Wäsche über ihm auskübelt, obwohl kleine Kinder da sind?). Sie argumentieren mir gegenüber allerdings ad hominem, was ich wiederum nicht ganz nachvollziehe.

Maiordomus
17. Dezember 2018 16:15

@nom de guerre. 16. Dez. 22.45 Uhr. Ja, "bösartiger diffamierender Unsinn!" Ich bin als Altkonservativer aus dem rechtskatholischen Lager, eher nach dem Subsidiaritätsprinzip als nach der Nation orientiert, nicht gerade immer der gleichen Meinung wie die Diskutanten hier. Wie sich aber hier aus der Mitte des Zentralkomitees der deutschen Katholiken ein Professor äusserte und Fachkollege, dessen Leistungsausweis meines Erachtens alles andere als Spitze in seinem Fach ist, war, wie Sie realisieren, ein starkes Stück und von einer undifferenzierten Primitivität, wie es allenfalls bei Anklagen der Jakobiner oder in stalinistischen Gesinnungsprozessen vielleicht gerade noch vorgekommen sein mag. Im Vergleich zu anderen Polemiken, auch Dummschwatz-Quatsch in Fernseh-Talkshows oder auf YouTube, ist ein solches "Zeugnis" aber im Zusammenhang mit dem geistigen und gesellschaftlichen Leben in Deutschland gravierender. Es wäre Sache der Angegriffenen, sich so etwas nicht bieten zu lassen. Hier wären die sich so nennen wollenden "Christen in der AfD" mehr als nur gefordert; darüber hinaus alle, die auch nur eine leise Ahnung haben von der Geschichte der Katholischen Kirche. Immerhin wurde nach dem Fall von Konstantinopel, einem Ereignis, das der zurückgetretene deutsche Papst Benedikt XVI. noch einzuschätzen wusste, während mehr als 500 Jahren jeweils morgens um 11 Uhr gegen die Islamisierung Europas in den Kirchen mit den Glocken geläutet, auch wenn der Grund des Läutens mit der Zeit vergessen ging. Es gab Zeiten, da war man in Sachen "kulturfremde Migranten", wie sich Weidel in der "Gangstersprache" ausgedrückt haben soll, in der katholischen Welt noch durchaus sensibilisiert. Da der besagte vergleichsweise noch junge Professor über die Geschichte der christlichen Weltliteratur (er ist vor allem Thomas-Mann-Leser) wenig ausgewiesen ist, nehme ich eher nicht an, dass er Bedas des Ehrwürdigen Beschreibung der Christianisierung Grossbritanniens studiert haben könnte, so wenig wie die "Türkenpredigten" der Kapuziner aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Dabei gab es jedoch durchaus einen muslimischen Einfluss auf den Katholizismus der Gegenreformation. Wie ich ebenfalls auf einer anderen Kolonne schon dargetan habe, entstammt die jesuitische Forderung nach "Kadavergehorsam" gegenüber dem Papst als Unterwerfungsformel einer muslimischen Quelle, nur muss man dort seinem eigenen religiösen Oberhaupt auf diese Weise gehorsam sein. Ein solches Thema hätte durchaus mal, jenseits der genannten Polemik gegen die AfD, die @nom de guerre als "bösartigen diffamierenden Unsinn" bezeichnet, innerhalb des Zentralkomitees der deutschen Katholiken diskutiert werden dürfen, vielleicht sogar auf der Basis der Regensburger Rede von Papst Benedikt XVI.

Maiordomus
17. Dezember 2018 22:23

PS. Ehrlich gesagt sind mir die mit Netzbeherrschung und Netzpropaganda zusammenhängenden Probleme, die Poensgen, eine andere Generation als ich, hier dartut, wie wohl noch einigen anderen hier, ziemlich fremd. Alt-Right ist auch nicht der Strang, durch den ich mich meinen amerikanischen Freunden von den wirklich Altrechten beziehungsweise Altrechtsliberalen, von Burke, Russel Kirk bis Santayana, verbunden fühlte. Mein allerdings wichtigster amerikanischer "Erwecker", der mich endgültig die dortigen "Liberals" verabscheuen lehrte, war als Autor James Burnham, zu seiner Zeit einer der modernsten Denker der westlichen Welt mit einem unterdessen gesicherten Platz in der amerikanischen Geistes- und Kulturgeschichte. War in Amerika Wahlkampf, unterstützte ich seit 1952 - konnte damals zwar noch nicht schreiben - die Republikaner, wenn nicht aus Überzeugung, so doch mindestens als geringeres Übel. Ein Dilemma bestand 1960 wegen dem Katholiken Kennedy. Von diesem hielt mich der damalige "Stern"-Kolumnist William S. Schlamm noch ab, ferner ein persönlicher Bekannter Adenauers, der seinen jungen Schweizer Freunden die Skepsis des Bundeskanzlers gegenüber dem politischen Greenhorn reportierte. "Aber, Herr Bundeskanzler, Kennedy ist doch katholisch?" Antwort des Alten aus Rhöndorf: "Ach was, der Frings (Kardinal) ist ooch katholisch."

Nils Wegner
20. Dezember 2018 12:51

Hoppla, "Maiordomus", daß Sie als "junger Schweizer Freund" des CCF-Einflußagenten Wilhelm Siegmund Schlamm der Alt-Right skeptisch gegenüberstehen, zeugt doch davon, daß Sie sie besser verstanden haben, als Ihnen vielleicht selbst bewußt ist... Muß sie ja ziemlich hart ankommen, daß James Burnham über seinen wesentlichen Weiterdenker Samuel Francis ausgerechnet dort sein einzig würdiges geistiges Vermächtnis gefunden hat.

Und was den schwachsinnigen Einwurf von "nom de guerre" angeht: Wenn man Kritik an Richard Spencer üben möchte, lassen sich in seinen Schriften und YouTube-Videos hinreichend Gelegenheiten finden – dazu müßte man sich dann allerdings natürlich tatsächlich mit seinem Wirken beschäftigen. Meinung mit Ahnung zu verbinden, ist aber offenkundig nicht jedermanns Sache. Zugegebenermaßen sind Meme für Außenstehende zwangsläufig schwer zu verstehen, aber die Teilnahme an der seinerzeitigen "Ice Bucket Challenge" würden Sie wohl auch nicht als Beweis für die politische Unzurechnungsfähigkeit von irgendwem hernehmen, oder? Die besagten Gentests (23andMe etc.) waren in den entsprechenden US-Kreisen und darüber hinaus zeitweilig "ein Ding", wie es in Großwestdeutschland sehr kurzzeitig die albernen Schals von "Lotte in Moskau" waren, mehr nicht. Nachdem bekannt wurde, daß die Testergebnisse für Menschen kaukasischer Abstammung teils systematisch verzerrt werden, damit sich "Rassisten" nicht mit ihrem Chromosomensatz "brüsten" können, hat die ganze Sache ohnehin ihren Charme verloren.

Wenn jemand zu irgendeinem auch nur ansatzweise politischen Thema unironisch Wikipedia ins Feld führt, ist das doch wiederum ein weit stärkerer Grund, an seiner geistigen Gesundheit zu zweifeln.

nom de guerre
20. Dezember 2018 20:13

@ Nils Wegner
Sie dürfen meinen Einwand gerne schwachsinnig finden oder an meiner geistigen Gesundheit zweifeln. Ebenso gerne dürfen Sie verkünden, dass Sie das tun. Ob die Arroganz, die Sie mitunter an den Tag legen, im Allgemeinen und insbesondere gegenüber Leuten, die über ihr Sezessionsabo Ihr Gehalt mitfinanzieren, angebracht ist, ist eine andere Frage, aber sei's drum.

Jetzt zum eigentlichen Anlass meiner Reaktion auf Ihren Kommentar: Wieso sollte man Wikipedia in politischen Zusammenhängen nur ironisch zitieren? Dass dort Dinge häufig einseitig und linken Denkmustern folgend dargestellt werden, ist mir durchaus bewusst und es wäre äußerst erstaunlich, wenn diese Einseitigkeit ausgerechnet bei Richard Spencer nicht gegeben wäre. Dennoch saugen die Wikipedia-Autoren sich ihre Artikel bekanntlich nicht aus den Fingern, sondern versehen sie mit Quellenangaben. Bei der Gentest-Geschichte von Spencer war die Quellenangabe ein Artikel einer amerikanischen Mainstreamzeitung (Sie werden das selbst wissen, deshalb schaue ich jetzt nicht nochmal nach, welche es war), der sich mit dem Fall von Elizabeth Warren auseinandersetzt, einer demokratischen Senatorin, die sich als Cherokee bezeichnet und nach öffentlichem Druck einen DNA-Test hatte machen lassen. Im Ergebnis ist ihr Anteil an indianischen Vorfahren wohl nahe Null. Das Vorgehen von Frau Warren war dabei, wie sich aus dem Kontext ergibt, offenbar vollkommen ernst gemeint. Beiläufig erwähnt der Artikel dann den DNA-Test von Richard Spencer (in der Art: Wie kommt eine Demokratin bloß auf die Idee, so etwas nachzuahmen?). Sie sagen (so verstehe ich Sie zumindest), Spencers Test sei eben gerade nicht als ernsthaftes Statement zu verstehen, sondern ironisch überzeichnet. Gut, ich glaube Ihnen das, ich kenne von Spencer tatsächlich nur einzelne Videos und bspw. das Interview, das er und seine damalige Frau Zuerst! gegeben haben. Ich bin gerne bereit zuzugeben, dass das zu wenig ist, um Spencers Weltsicht abschließend beurteilen zu können. (Das dürfte i.Ü. bei jedem Denksystem der Fall sein.) Sie schreiben allerdings selbst, Meme seien für Außenstehende zwangsläufig schwer zu verstehen. Das ist sicherlich richtig, aber für mich stellt sich die Frage, warum man Aktionen, deren Sinn - und die dahinterstehende Ironie - sich nur Eingeweihten erschließt, überhaupt einer breiteren Öffentlichkeit präsentiert. Ist es dann nicht unredlich, den Angehörigen dieser breiteren Öffentlichkeit (in diesem Fall also mir) vorzuwerfen, dass sie die Aktion nach den in diesem Rahmen geltenden Maßstäben versteht und bewertet? D.h. im konkreten Fall eben tatsächlich glaubt, dass in einem Land, in dem man noch vor ein paar Jahrzehnten die Rassezugehörigkeit bis in die Generation der Urgroßeltern zurückgerechnet hat (den Begriff Octoroon gab es bekanntlich, die Person galt dann als schwarz, obwohl sie zu sieben Achteln weiß war), jemand einen Schritt weiter geht und, statt mühsam Ahnenforschung zu betreiben, einfach die rassische Komponente seiner DNA publiziert? Zumal ja auch andere Teilnehmer der Diskussion hier im Forum Spencers Vorgehen als das wahrgenommen haben, was es ohne nähere Kenntnis dieses Milieus zu sein schien - den Versuch, die eigene weiße "Reinrassigkeit" zu belegen. Kürzer gefasst: Wenn ich einen Family Joke nicht in der Familie erzähle, sondern vor außenstehendem Publikum, muss ich damit rechnen, dass die Außenstehenden den Witz nicht verstehen, meine Worte ggf. ernst nehmen und entsprechend den außerhalb meiner Familie geltenden Kriterien beurteilen werden.

herbstlicht
22. Dezember 2018 13:10

Mein Kommentar handelt von der im Internet steckenden Technik und den Leuten, welche diese hervorbringen.

Im Artikel wird die Robustheit einiger Websites der Alt-Right auf das technische Können der Betreiber zurückgeführt. Ich habe mich mit den Vorgängen nicht weiter befasst, aber nach den Angaben im Artikel ist dies für mich nicht nachvollziehbar. Verfolgt man nämlich den Weg der Internetpakete zu `dailystormer.name', so sieht man diesen Website unter dem Schutz von `bitmitigate.com'. Oder war etwa diese Gruppe der Alt-Right in der Lage, ein robustes Content Delivery Network aufzubauen?

@MARCEL fragte:

»Gibt es noch ein Leben außerhalb der digitalen Binnenwelt?«

Ja; man studiere die Technik in die Tiefe. Macht man Licht in der Geisterbahn und schaut sich an, wie der Ramsch funktioniert, verliert sie alle Faszination.

Aus der Reserve gelockt haben mich allerdings die Bedenken @RMHs 16.Dezember 2018 13:14; ich sehe ihn unsicher in einem Gelände, welches mir einigermaßen vertraut ist. Dieser sieht ganz richtig, daß es sich beim Internet um Großtechnik handelt --- ich könnte hier Glasfaserkabel in Verbindung mit Fernnetzen der Energieversorgung anführen; von den Kabeln am Boden der Ozeane ganz zu schweigen. Aber der Zugang zu diesem wird ja sogar zum "Menschenrecht" erklärt und so scheint der prinzipielle Zugang derzeit kaum in Frage gestellt. Etwas anderes ist, wie weit der Kleine Mann über die Werkzeuge verfügt, diese Technik zu nutzen oder ob er "den Großen" ausgeliefert ist durch die von diesen bereitgestellten Werkzeuge mit eingeschränkten Möglichkeiten. @RMH schrieb:

»dass wir uns alle am Ende von technischen Einrichtungen abhängig machen und das in einem Ausmaß, welches mir persönlich langsam nicht mehr Geheuer ist. Man muss sich vorstellen, dass hier alle Fänden am Ende in recht wenigen Händen zusammenlaufen«

So ist es. Und nicht nur der Kleine Mann ist hier ausgeliefert. Welcher Prozensatz von für die Infrastruktur notwendigen Rechnern läuft unter MS-Windows oder einem Apple-Produkt? Diese Hersteller haben ihre Kunden an "ständige Updates" gewöhnt. Wenn die belieben steht "alles" --- in Volkswirtschaften, Staaten. (Warum wird das nicht diskutiert; die Stadt München versuchte da vor Jahren auszubrechen IIRC.)

Sah vor langen Jahren eine (englischsprachige) Witzzeichnung: zweimal im Grund die gleiche Situation
. In der ersten Variante sagt der Mann im weißen Kittel dem Otto Normalverbraucher, daß er ihm nun einen Chip zur Überwachung einpflanzen wird. Worauf Otto schreit: das verletzt meine bürgerlichen Rechte ...

In der anderen Variante sagt der Mann im Kittel: "Ich werde Ihnen nun einen Chip einpflanzen, damit wir Sie jederzeit schnell finden, wenn Sie in Not sind. Es ist außerdem auch ein Telefon und ein Radioapparat." Begeisterte Antwort: "Cool".

Aber vielleicht haben die Menschen doch mehr gesundes Gespür: Überflog freitags auf dem Website von Dagens Nyheter (Stockholm) den Artikel "Hon försöker förvandla tech-prylarna till möbler" (war da noch nicht hinter Bezahlschranke; deutsch: "Sie versucht die Tech-Gadgets in Möbel zu verwandeln"). Ein Gespräch mit der 35-jährigen Isabelle Olsson, welche in Lund Industriedesign studiert hat und nun Top-Designerin bei Google ist --- ihr erstes Projekt war die Google-Brille. Bisherige Lehre: was aussieht als sei es aus einem Spionagefilm wird vom Massenmarkt nicht angenommen. Deshalb sollen sich zukünftige "Assistenten" an das Altgewohnte anpassen.

Mit anderen Worten: man will die Unkenntnis und den Mangel an Nachdenken ausnutzen; auch den Mangel an Selbstbewußtsein: sich gegen den Strom stellen? Die Völker wurden von der Digitaltechnik überrollt; die deutschen Schulen haben AFAIK nicht einmal entsprechend Lehraufträge bekommen (Weil es gar keine geeignete Lehrerschaft gibt?). Ich selber schrieb mein erstes Programm in den frühen Siebzigern --- in FORTRAN IV auf Lochkarten --- und wurde dann über der Diplomarbeit in TheoPhys zum Computerhacker. Aus dieser Perspektive möchte ich interessierten Leuten immer klarmachen: 1) Tür und Tor zur "Computerei" stehen heute sperrangelweit offen; man kaufe sich einen 5 Jahre alten guten Bürorechner und einen Internetzugang. Dann kann jeder so weit hinauf oder hinunter klettern wie Zeit, Arbeitskraft, Hirn erlauben. 2) Traue nicht den Großen: Microsoft, Apple, Google ... die wollen Dich dumm, abhängig, halten; vergeuden Deine Arbeitskraft mit willkürlichen Änderungen der Schnittstellen, unnötigem Lernaufwand. 3) Es wird überall nur mit Wasser gekocht.

@RMH hat auch angerissen, wie die Daten und deren Verarbeitung immer mehr den Eigentümern entzogen werden (Cloud etc.). Tatsächlich arbeitet aber die Hackercommunity schon seit über 30 Jahren daran, sich gegen die Bestrebungen der Industrie zu schützen, den Kleinen Mann aus der Softwaretechnik zu drängen. Dies ist nicht gelungen: 1983 veröffentlichte Richard Stallman das GNU Manifesto, knapp zehn Jahre später Linus Torvalds, schwedischsprachiger Student in Helsinki, den ersten Linuxkernel (Der Kernel "hüllt" die Hardware ein und bietet Utilities/Anwendungen eine maschinenunabhängige Schnittstelle). Durch diese beiden Herren und ihre große Schar von Mitstreitern entstand das Betriebssystem GNU/Linux unter welchem heute global etwa 95% der Webserver laufen; vermutlich auch ein ähnlich hoher Anteil der sonstigen Internetserver. Unter GNU/Linux fahren Supercomputer und Kleinstrechner der Haushaltselektronik; das Betriebssystem Android für Smartphones verwendet einen Linuxkernel. Jeder von Ihnen hat Zugang zu diesem und allen GNU-Programmen im Quellcode; kann diesen studieren, an die eignen Zwecke anpassen, daraus lernen. Zu den GNU-Programmen gehört übrigens auch "die übliche" Bürosoftware --- OpenOffice --- und, soweit ich von Anwendern höre, ist diese den MS-Produkten gleichwertig; Schwierigkeiten gibt es allerdings, wenn eng mit MS zusammengearbeitet werden soll. Riesen Vorteil von OpenSource: Dateiformate sind minutiös dokumentiert und man braucht sich keine Sorge machen, daß archiviertes Material durch technische Änderungen eines Tages unlesbar wird.

» Leider finden solche Debatten [daß der Anwender nicht mehr Herr über Maschine und Daten ist] offenbar mehr in einer Art von "Nerd-Szene" statt, zu der ich persönlich keinen Zugang habe und mein technisches Verständnis, welches auch nur von einem externen Zugang zum Thema via der Beschäftigung mit dem Gebiet des Datenschutzes ausgelöst ist, ist leider zu begrenzt, um hier weiter einsteigen zu können oder vertieft etwas schreiben zu können.«

Da kann ich vielleicht ein bißchen helfen; mit einer Art Faltblatt für Touristen: "Lohnende Wanderungen im Reich der Hacker und Computer" --- in _meiner_ Handschrift.

Als primäres Hindernis zu souveränem Umgang mit der Maschine sehe ich die Vorherrschaft graphischer Oberflächen: der Anwender lernt, wie er "durchklicken" muß um einen bestimmten Eintrag vorzunehmen, aber er erfasst diesen nicht sprachlich/denkend. Das Erfolgsrezept des Homo Sapiens ist aber doch, daß er zu Teilen der Welt Modelle, Begriffssysteme erfindet, welche mnemotechnisch nützlich und von prognostischem Wert sind. Handelt es sich also bei der Vorherrschaft graphischer Oberflächen, dem "Befreien" des Nutzers von einem Begriffssystem, um eine kulturgeschichtlich retrograde Bewegung? Deiktische Handlung statt sprachlichem Ausdruck und damit verbundenem Denken --- Hyroglyphen statt Buchstaben- oder Silbenschrift? (Fragezeichen: ich bin da Laie.)

Die Computerleute haben ein sehr umfangreiches, wo der Markt hereinspielte auch wirres, Begriffssystem geschaffen und um in dieses einzudringen, muß man mit den bezeichneten Dingen umgehen. Dazu baue man sich ein GNU/Linuxsystem auf; als Hardware reicht ein älterer aber technisch guter PC, Marktwert ruhig unter 50 Euro. (Wer die Internetprotokolle studieren will sollte wenigstens drei solche Kisten haben; da kann aber auch ein Raspberry Pi dabei sein.)

Das GNU-Projekt stellt nur die einzelnen Komponenten eines GNU/Linux-Systems bereit. Diese werden im Rahmen von "Distributionen" zu auf der Maschine installierbaren Einheiten zusammengefügt; die Distributoren sind teils auf Gewinne zielende Unternehmen, teils ideeller Art. Von der sehr verbreiteten Ubuntu-Distribution rate ich (ohne eingehende Erfahrung) ab: scheint so MS-Windows ähnlich wie möglich --- dies ist kein Kompliment! Ich empfehle die Debian-Distribution; schon wegen der vorzüglichen Dokumentation. Man schaue sich etwa folgende einführende Titel an:

Debian GNU/Linux Installation Guide
Debian Reference
The Debian Administrator's Handbook

Diese Titel sind in viele Sprachen übersetzt. Ich bevorzuge die englischen Ausgaben, weil es für viele Fachbegriffe keine gängige Übersetzung gibt und die englischen sowieso erlernt werden müssen --- speziellere Dokumentationen gibt's nur auf Englisch.

Die Debian Distribution ist übrigens ideeller Art; man braucht wohl nicht besonder sachkundig zu sein um an den Dokumentationen zu erkennen, auf welch hohem Qualiätsniveau die internationale Schar Freiwilliger arbeitet.

Anders als der Titel "Debian Reference" vermuten läßt, finden sich hierin auch Anleitungen für Anfänger; ich empfehle, nach Installation des Systems dort mit dem Lesen/Erproben zu beginnen. Die Unix-Kommandozeile ist zwar nicht schön (kryptisch), aber sehr nützlich und unentbehrlich zur Beherrschung der Kiste.

Hat man einen Rechner, auf welchem man selber Herr ist, kann man nachforschen, worum es bei der Computerprogrammierung überhaupt geht. Hier empfehle ich "Structure and Interpretation of Computer Programs"

https://mitpress.mit.edu/sites/default/files/sicp/full-text/book/book.html

Dabei stelle ich mir einen Leser vor, welchem Schulmathematik kein Greuel war, welcher aber im Studium nicht weiter mit Computern in Berührung kam, dann irgendwann versuchte "Programmieren" zu lernen aber sich angewidert abwandte: alles so häßlich.

Mir bekannte gute Lehrbücher gehen entweder von der Mathematik aus oder von der Elektrotechnik; dieses gehört zur ersten Gruppe. Die Lehrbücher der "Sprache xyz" beginnen jedoch irgendwo dazwischen, mit einem Wust willkürlicher Konventionen --- häßlich. Übrigens gibt es beim Ami-Amazonas eine sehr große Anzahl von Bewertungen zu SICP (gängiges Acronym des Titels). Diese sind bemerkenswert "bipolar": wer Programmierung als intellektuelles Abenteuer begreift, für den ist SICP die "Bibel". Wer aber nur nach Rezepten sucht um Programmieraufträge zu erledigen, kann damit wenig anfangen.

In jüngerer Zeit haben ja verschiedene Autoren von SiN über Internet/Digitalisierung geschrieben. Mir schien da immer die Kenntnis der Leute zu fehlen, welche all diese Techniken hervorbringen, der "Nerd-Szene" wie sie @RMH apostrophierte. Ich führe nun einige IMO wichtige/interessante Leute aus diesem Kreis auf; wäre mir sehr interessant wie etwa Herr Poensgen --- ausgerüstet mit einem System politischer Begriffe --- in einem zukünftigen Artikel diese einstufen wird.

1) Da wäre die DEF CON --- "one of the world's largest hacker conventions" --- und viele der dortigen Vorträge werden auf Youtube wiedergegeben. Die Vortragenden sind oft "lachende Löwen", vierkantig, vielleicht nicht am Körper, aber doch an der Seele: "normale Schweinchen" werden mit überlegenem Witz und Können zur Strecke gebracht.

Keith Alexander war der erste Chef der NSA, welcher die DEF CON besuchte; er sagte dort: "In diesem Saal sitzt das Talent, welches unsere Nation benötigt, um den Cyberspace zu sichern."

2) Der bereits genannte Richard Stallman begann das GNU-Projekt mit dem Ziel, "Microsoft zu ruinieren". Dies gelang zwar nicht, aber immerhin ist durch dieses die Digitaltechnik keinem in der Runde verschlossen: jeder kann studieren, klettern, entwickeln so weit und hoch es seine Kraft erlaubt (OpenSource Software).

Es gibt eine Menge Artikel von und über Stallman im Web und viele Vorträge und Gespräche mit ihm auf Youtube. Häufiges Thema: daß er kein Mobiltelefon benutzt, daß die Dinger Wanzen sind. Stallman war übrigens in jungen Jahren berühmt/berüchtigt für seine außergewöhnlichen Fähigkeiten im Reverseengineering --- aus der Task (Maschinensprache) herauslesen, wie das Programm gebaut ist (damit niemand den nun recht barocken Burschen unterschätze).

3) Eric S. Raymond wurde in den Neunzigern bekannt durch seine Beiträge zur OpenSource Software und mehr noch für seine Deutung dieser Bewegung. Ich empfehle zur ersten Durchsicht insbesondere seinen Jargon File und in diesem den Anhang B, "A Portrait of J. Random Hacker"

http://catb.org/jargon/html/appendixb.html

4) Paul Graham (Computer Programmer). Graham hat sehr gute Bücher über fortgeschrittene Lisp-Programmierung geschrieben, hat seinen Webstore um viele Millionen Dollar an Yahoo verkauft und wurde dann u.a. Venturekapitalist. Er unterhält eine Sammlung von gemeinverständlichen Aufsätzen --- man suche nach "paul graham essays".

Der lange Aufsatz "What You Can't Say" zeigt recht viel von Grahams Denkweise; in diesem zeigt er --- im Grunde ausgehend vom Prinzip der Homogenität von Zeit und Raum --- daß es sich bei den festesten Geglaubtheiten der Zeiten um Moden handelt. Grahams Aufsatzsammlung ist eine Fundgrube, wenn man sich für die Bedingungen interessiert, unter welchen Hochtechnik entsteht --- von Fahrradweg bis Schulbildung.

Schließlich noch einige Rezepte für diejenigen in der Runde, welche meinen, schutzbedürftige Daten zu haben, aber nicht wissen wie diese schützen. Hierzu erstens eine Anleitung, angeblich von der NSA stammend: "Best Practices for Keeping your Home Network Secure".

Es gibt weiter eine besonders gegen Ausspähung schützende GNU/Linux Distribution; man suche nach "Tails Linux". Die Gruppe Capulcu --- Kollegen auf dem anderen Ufer --- hat hierzu und zu allgemeinen Themen der Computersicherheit eine gute Anleitung geschrieben:

https://capulcu.blackblogs.org/wp-content/uploads/sites/54/2017/11/Tails-20171105web.pdf

Schlage übrigens vor, daß sich jeder in der Runde eine verschlüsselte Partition auf wenigstens einem Rechner einrichtet. Die Herrschaften, welche auch schon mal Rechner beschlagnahmen, sollen wissen, daß es zumindest teuer wird ...

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