Sezession
3. Januar 2019

Zum neuen Jahr

Johannes Poensgen / 36 Kommentare

Ich habe einen Wunsch an unsere Leserschaft.

Johannes Konstantin Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.

Versuchen Sie im neuen Jahr einmal Verständnis für unseren politischen Gegner aufzubringen. Wenn ich „Verständnis“ sage, dann meine ich damit nicht die Art von Verständnis, die ein deutscher Strafgerichtshof heute für Raubüberfall Nummer 7 hat, sondern wirkliches Verstehen.

Keine Sorge, ich verlange von niemandem, daß ihm die Empathie zu den Ohren rauskommt. Was ich mir wünsche, das ist intellektuelle Ehrlichkeit. Wenn Sie Angst haben, dadurch liberal zu werden und auf irgendeinem mittigen Kompromiß herauszukommen, dann kann ich Sie beruhigen. Den Gegner verstehen ist die illiberalste Tätigkeit von allen.

Der Liberale glaubt ja, daß alle Gegensätze entweder auf unterschiedlichen Meinungen oder unterschiedlichen Interessen basieren. Im ersten Falle könne man die Dinge so oder so oder auch gar nicht sehen und geht sich am besten aus dem Weg, damit man sich nicht gegenseitig in der Ausübung seiner Freiheitsrechte störe. Im Falle unterschiedlicher Interessen schließe man einen Kompromiß, womit der Interessengegensatz wohl beigelegt wäre.

Mich hat es immer, im ursprünglichen Sinne dieses Wortes, radikaler gemacht, den Gegner zu verstehen. Sie werden dabei feststellen, daß es nicht um Meinungen oder Interessen im liberalen Sinne geht und auch nicht um Mißverständnisse. Der andere ist nicht blöd und auch nicht wirklich böse: Die Auseinandersetzungen unserer Zeit sind vielmehr Ausdruck echter Probleme.

Lesen Sie einmal ernsthaft den Gegner. Ich meine damit nicht irgendeinen Vordenker, wie Adorno oder Habermas, den man mal liest, um die Philosophie des Gegners auseinanderzudröseln. Aber auch nicht die Tagespropaganda vom Spiegelpreisträger für phantastische Literatur, die einen selbst im besten Falle nur über die Unterschiede darin belehrt, was auf den jeweiligen Seiten als mitleiderregend oder skandalös empfunden wird.

Am besten sind die Texte, in denen Verantwortungsträger der Gegenseite Pläne entwerfen oder Rechenschaft ablegen. Ich las jüngst die de facto Bewerbungsrede für das Amt des Präsidenten der Europäischen Kommission des Niederländers Frans diversity is humanity's destiny Timmermans.

Der Redetext ist, was nicht anders zu erwarten war und kein Vorwurf sein kann, keine wissenschaftliche Studie zum Stand der Union. Aber gerade deswegen gibt er besonders gut wieder, wie ein hochrangiger EU-Funktionär in seinem alltäglichen Denken die Welt sieht.

Voice of Europe hat diese Rede damit zusammengefaßt, daß Timmermans konservativen Regierungen gedroht habe, sowie Europa und Afrika zu einem gemeinsamen Kontinent zu manchen gedenke. Das erste stimmt, ist jedoch angesichts der gegenseitigen Animositäten nicht weiter verwunderlich. Ob Timmermans Hoffnung, Polen und Ungarn würden ihre Regierungen stürzen, in Erfüllung gehen wird, weil sie in der Europäischen Union sich selbst und ihre Werte erkennen, ist eine andere Frage.

Etwas anders sieht es mit dem zweiten Vorwurf aus. Voice of Europe schreibt:

„He argues that “it is fated” that Africa is incorporated into Europe and that the two become one large continent in terms of free movement.“

„It is fated“ steht nirgendwo in Timmermans Text. Ich rate jedem darauf zu verzichten, VoE als Quelle heranzuziehen, man könnte sich genauso lächerlich machen, wie der Spiegel mit einem gewissen Herrn Relotius.

Timmermans sagte:

„Also wessen Schicksal wird von wem bestimmt werden: Europas Schicksal von Afrikanern, Afrikas Schicksal von Europäern. Wir sind in einem Boot. Unsere Schicksale sind verbunden.

Und der einzige Weg, auf dem wir die Migrationsthematik in den Griff bekommen und steuerbar machen können, ohne unsere Werte zu verlieren ist, indem wir Teil der nachhaltigen Entwicklung Afrikas, in jeder Bedeutung dieses Wortes werden.

[…]

Denn die Alternativen sind sehr einfach. Falls wir diese Verantwortung nicht schultern, dann wird sich der Prozeß der Entmenschlichung von Flüchtlingen und Migranten fortsetzen. Und das Interesse an ertrinkenden Menschen im Mittelmeer wird weiter sinken. Und dann werden wir unsere Werte verlieren.“

Im Kopf Frans Timmermans stellt sich dieses Problem also wie folgt: Weil Afrika unterentwickelt ist, strömen die Afrikaner entweder berechtigter- oder zumindest verständlicherweise nach Europa. Wenn Europa diesen Menschenstrom begrenzen will, dann hat es die Pflicht, Afrika bei seiner „nachhaltigen Entwicklung“ beizustehen.

(Der Ausdruck „sustainable development“ stammt aus dem Jargon entwicklungspolitischer UNO-Beschlüsse, vor allem der „2030 Agenda for Sustainable Development“, vom 25. September 2015, die auch in der Vorgeschichte des Migrationspaktes eine wichtige Rolle spielte.)

Die Gefahr bestünde darin, daß bei ausbleibender Entwicklung Afrikas, wenn also Europa seine schicksalhafte Verbindung mit dem schwarzen Kontinent nicht richtig erkenne, der Migrationsdruck bestehen bleibe und dann, so Timmermans, werden die Europäer keine humanitären Gefühle mehr für diese Migranten aufbringen. Damit verlöre Europa seine Werte, die Timmermans zuallererst in der universellen Humanität erblickt: „There is only one race, the human race.“ Er gebraucht diese alte Phrase tatsächlich.

Doch will Timmermans nicht genau dasselbe wie wir? Haben wir nicht jahrelang „Hilfe vor Ort“ gefordert?

Der Abgrund, der uns von Timmermans trennt, ist, daß er bereit ist, Europa auf dem Scheiterhaufen des afrikanischen Zivilisationsversagens zu opfern. Timmermans ist nicht blind gegenüber den Problemen ungebremster Masseneinwanderung. Selbst wenn er die identitäre Frage nicht begreift, dann erkennt er Einwanderung zumindest als Stabilitätsproblem. Aber eine Konsequenz ist er nicht bereit zu ziehen: Afrika in eigener Verantwortung zu belassen und die Grenzen zu schließen. Denn damit wäre die „einzige, die menschliche Rasse“ unübersehbar geteilt.

Nun weiß jeder Migrationsforscher, daß Timmermans Rechnung niemals aufgehen kann. Denn nicht die Ärmsten wandern in den Norden ab, sondern diejenigen, die es sich leisten können. Deshalb ist das Gerede von der nachhaltigen Entwicklung Afrikas so falsch.

Wir können Afrika nicht zu Europa machen. Was wir gerade so können, ist die Zahl der Perspektivlosen, aber Wanderungsfähigen zu erhöhen. Diese schicken dann Rücküberweisungen in ihre Heimatländer und halten damit die dortige Situation mit Ach und Krach über Wasser. Das ist die nachhaltige Entwicklung Afrikas.

Rolf-Peter Sieferle ging so weit zu sagen, daß die Unterscheidung zwischen Bürgerkriegsflüchtlingen und Wirtschaftsmigranten nur an der Oberfläche aufrecht zu erhalten ist. Denn die perspektivlose Jugend der Dritten Welt hat nur zwei Möglichkeiten: entweder in den Westen abzuwandern, oder in einem Akt der Verzweiflung gegen ihre Regierungen zu rebellieren und damit ihre Länder in den Bürgerkrieg zu stürzen.

Daß auf den Sturz des korrupten Regimes Nr. 35 möglicherweise etwas folgt, das ein bißchen besser ist, aber keine Lösung der grundsätzlichen Probleme Afrikas, hat das halbe Jahrhundert seit der Entkolonialisierung hinreichend bewiesen. Rebellion und Bürgerkrieg haben in Afrika noch nie zu einem Tyrannensturz geführt, in dessen Folge das Land aufblühte. Afrika ist nicht Osteuropa unter dem Eisernen Vorhang. Alles, was geschehen wird, ist, daß der Kreislauf von vorne beginnt und neue Migranten sich auf den Weg nach Europa machen.

Deshalb reicht es nicht, die Art und Weise, etwa der Entwicklungspolitik zu kritisieren, auch wenn dort manche Fehler gemacht werden. Es reicht aber auch nicht, sein Land gerne behalten zu wollen. Wir müssen jene noch wenig hinterfragte Grundhaltung unserer Zeit sprengen, in der der weiße Westen der Letztverantwortliche für Gedeih oder Verderb fremder Erdteile ist und deren Versagen irgendwie geradezurücken hat, weil wir sonst unsere Werte verrieten.

Wir sind gerne Partner, wo immer auf dieser Welt etwas geschaffen wird, das einer Partnerschaft wert ist. Aber wir sind keine Melkkuh, erst recht keine, die geschlachtet werden darf, sobald ihre Milch nicht mehr ausreicht, die immer zahlreicheren Mägen zu füllen.

Sich ernsthaft mit dem politischen Gegner zu befassen lehrt uns, daß dort nicht nur diejenigen sind, die Europa aus Haß oder Verblendung vernichten wollen. Diese Leute gibt es, kein Zweifel, aber sie sitzen weit häufiger in den Redaktionen und auf den Lehrstühlen, als auf den Regierungssesseln. Für letztere sind die meisten dieser Wirrköpfe zu dysfunktional.

Mindestens ebenso verbreitet ist aber der Typus, als der Timmermans sich in seiner Rede vorführt. Durchaus begabte Regierungstechniker mit dem Allerweltsgewissen unserer Zeit. Nicht verantwortungslos, aber widerstrebend zu tun, wovon sie eigentlich wissen, daß es getan werden muß: normale Politiker. Ich meine das nicht verächtlich und hege wenig Groll gegen diese Menschen. Daß sie so gefährlich werden konnten, liegt an unserer Zeit, die so viele alte Gewißheiten durcheinander wirbelt und an der sie mit ihren konventionellen Rezepten scheitern.

An ihnen lernen wir vor allem, was wir mehr sein müssen als sie. Und wie viel dazu gehört.


Johannes Konstantin Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.


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Kommentare (36)

numerusclausus
3. Januar 2019 14:03

Im Relotius-Fiktions-Medium erschien jüngst eine jener eindrücklichen Mitleidsreportagen über Flüchtlinge (natürlich nicht mehr von Relotius).

Die Story: junger, männlicher Flüchtling bester Gesundheit kehrt freiwillig aus Deutschland nach Gambia zurück. Ein deutsches Ehepaar, besucht ihren ehemaligen Schützling (was für ein unpassendes Wort) vor Ort und begleitet ihn einige Tage...

Sie werden Zeuge, wie der arme Afrikaner seine Wiedereingliederungshilfe (600 Euro) mit Nachdruck von einer zuständigen offiziellen Stelle einfordern muss (wie traurig), diese steht ihm schließlich zu und er baut sich damit gerade seine eigene Farm auf (oh wie schön).

Blöd nur, dass das Geld dann für eine angemessene Hochzeit mit der schönen, aber untüchtigen zukünftigen Ehefrau nicht mehr reicht (echt blöd). Vorwurfsvoll, aber nicht böse (Gott sei dank!) lässt er seine Sponsoren (so werden die deutschen Privatleute von Einheimischen tatsächlich genannt) von seinem existenziellen Problem wissen (Oje!).

Die zahlen schließlich 500 Euro aus eigener Tasche und der üppigen Hochzeit steht nichts mehr im Wege (alles wird gut).

Ist das noch Entwicklungshilfe? Kann man das nur als "melken" bezeichnen? Geldtransfer ohne Gegenleistung? Die Gegenleistung bestand darin, aus Deutschland wieder zu verschwinden, bzw. sich abschieben zu lassen und dafür auch noch bezahlt zu werden (wie zynisch).

Der humanistische Ansatz der privaten Geldspende dagegen ist ja süß und durchaus reizvoll, aber einem wildfremdem, weit entfernten Afrikaner eine Existenzgrundlage und das nötige Startkapital schenken? Einfach so?

Warum nicht einem Obdachlosen in Hamburg oder einer vernachlässigten Kita im eigenen Landkreis einen solchen Geldbetrag zukommen lassen? Steigt das eigene Selbstwertgefühl eigentlich proportional mit zunehmender Wohnentfernung des Nutznießers?

Eine Europäisch-afrikanische Union hätte zumindest den Vorteil gehabt, dass der fleißige Afrikaner sich sein bedingungsloses Grundeinkommen direkt vor Ort von der EU auszahlen lassen kann und er weder sich noch andere auf seiner Reise nach Europa oder seiner Odyssee durch Deutschland gefährden kann.

Bliebe noch die Frage, wer das alles womit bezahlen soll.

Die Regierenden in Brüssel? Mit Diamanten?

ede
3. Januar 2019 19:41

Naja Herr Poensgen, mehr sein müssen wir nicht. Es genügt, wenn die Herde begreift, dass wir einen Weg anbieten, der unbequem ist, aber auf dem sie voraussichtlich nicht gefressen werden.
Im Übrigen ist es natürlich sehr sinnvoll, versuchen zu erkennen, was uns tatsächlich unterscheidet. Halte ich für eine Grundfrage. Ich gebe Ihnen recht, Intelligenz oder Bildung ist es ganz sicher nicht. Ich vermute eine pessimistischere Einschätzung der Kräfteverhältnisse, unterentwickelten Lebenswillen und schwache Ästhetik.

Der_Juergen
3. Januar 2019 19:50

Ich kann ohne weiteres verstehen, dass ein Russe aus Ekel über die Korruption und die soziale Ungerechtigkeit in seinem Land und/oder aus Stolz auf den sowjetischen Sieg im Zweiten Weltkrieg Verehrung für Stalin empfindet und ihm nachtrauert, obgleich dieser Tyrann Millionen seiner eigenen Landsleute auf dem Gewissen hat. Ich kann auch einen intelligenten Libertären wie Andre Lichtschlag verstehen, trotz des weltanschaulichen Abgrunds, der mich von ihm trennt.

Aber einen Timmermans, einen Macron, eine Merkel, eine Claudia Roth und wie die Europa-Zerstörer und Deutschland-Abschaffer alle heissen, kann ich nicht verstehen. Hier versagen alle meine Bemühungen um Empathie. Wären diese Leute geistig minderbemittelt, so könnte man Nachsicht mit ihnen empfinden und ihnen Unzurechnungsfähigkeit zubilligen, aber sie sind es nicht. Timmermans beispielsweise ist offenkundig intelligent; er ist perfekt mehrsprachig und hält Referate in geschliffenem British English, inhaltlich haarsträubend, jedoch formal perfekt. Folglich muss er sich der Konsequenzen der von ihm fanatisch betriebenen Umvolkungspolitik bewusst sein.

Ich kann ihm nicht einen einzigen mildernden Umstand zuerkennen und wünsche ihm und seinen MittäterInnen und GesinnungsgenossInnen die Pest an den Hals.

Frika Wies
3. Januar 2019 21:19

"Den Gegner" zu verstehen gelänge mir nur wenn ich

1. annehme, daß der Schwächere immer auch der Bessere ist,
2. aufhöre über meine eigene Lebensspanne hinauszudenken und
3. in einem gewachsenen Kulturvolk keinen erhaltungswürdigen Wert mehr sehe.

Afrika wird in wenigen Jahren statt einer Milliarde Menschen zwei Milliarden Menschen beherbergen. Es ist nicht, absolut nicht, realistisch, daß der Wettlauf zwischen Entwicklug und Bevölkerungsexplosion von ersterer gewonnen wird.
Für einen konkurrenzfähigen Handel braucht es Handelsstraßen.
Afrikas Flüsse sind für Handelsschiffe nicht befahrbar. Da ist alle paar Kilometer ein Wasserfall.
Eine Eisenbahn längs durch Afrika legen scheitert an klimatischen Faktoren. Von der Finanzierung abgesehen.

Europa soll zum Überlaufbecken für die Geburtenschwemme aus Afrika UND Asien werden und den Menschen ein Leben nach derzeitigem westlichen Standard bieten. Wir reden über eine Größenordnung von hunderten Millionen Menschen. Kein Kontinent, kein Versorgugssystem und keine Bevölkerung wird das stemmen können. Menschen, die das befürworten, tragen entweder einen Selbstvernichtungswillen in sich oder sind einfach nur dumm.

[Ich denke Sie haben den Gegner bereits verstanden. Die drei von Ihnen genannten Annahmen nicht zu glauben, bedeutet über Milliarden den Daumen zu senken. Als Intellektueller ist das noch recht einfach, aber als Staatsmann? Es ist der Unterschied zwischen einem Internisten und einem Rettungssanitäter, der die Triage durchzuführen und dabei noch zu überprüfen hat, welche Verletzten krankenversichert sind und welche nicht. JKP]

Fritz
3. Januar 2019 21:23

Warum ist es eigentlich so schwer zu verstehen, dass die Heuschrecken weiterziehen (oder verhungern), wenn es nichts mehr zum Kahlfressen gibt? Es müsste doch auch Merkel oder diesem Timmermans einleuchten; wenn die Sozialleistungen nicht mehr finanziert werden könne, ist Schluss mit der Party.

Frika Wies
3. Januar 2019 22:34

@Fritz
Haben Sie schon einmal erlebt was passiert wenn ein Baum von einem Efeu erdrückt wurde und umfällt?
Der Efeu geht nicht ein, er wuchert am Boden weiter.

Benno
3. Januar 2019 23:07

Ich habe einen längeren Text geschrieben, aber irgendwie drehte sich darin alles im Kreis und deshalb nur die eine Frage auf Poensgens Bemerkung:

„Der Abgrund, der uns von Timmermans trennt, ist, daß er bereit ist, Europa auf dem Scheiterhaufen des afrikanischen Zivilisationsversagens zu opfern.“

Ja, was ist denn das anderes als abgrundtiefe Bosheit?

Nemesis
4. Januar 2019 00:03

@Poensgen
Aus meiner Sicht haben Sie es genau auf den Punkt gebracht.
Danke.

@Ede
"..einen Weg anbieten, der unbequem ist, aber auf dem sie voraussichtlich nicht gefressen werden. Im Übrigen ist es natürlich sehr sinnvoll, versuchen zu erkennen, was uns tatsächlich unterscheidet. Halte ich für eine Grundfrage. Ich vermute eine pessimistischere Einschätzung der Kräfteverhältnisse, unterentwickelten Lebenswillen und schwache Ästhetik."

Ins Schwarze getroffen.

Zum letzten Punkt (der Ästhetik) und gleichzeitig ein konstruktiver Verbesserungsvorschlag:

Wissen Sie, an was mich die abgebildeten Portraits im Blog erinnern?
Ohne Witz: Seit meinem erstmaligen Besuch erinnern mich diese Bilder an Fahndungsfotos. Assoziation an Fahndungsfotos und an schwarz-weiß Denken!
Man kann nun sagen Geschmack sei relativ und es ist ganz klar Sache der Eigentümer wie sie sich präsentieren möchten, aber jedesmal, wenn ich hier bin: Fahndungsfotos...
Warum keine Farbe ins Spiel bringen? Redefinition des Begriffes Buntsein...

Kahlenberg
4. Januar 2019 00:52

Der Teil Timmermans notorischer Rede "...not allowing even the remotest places on the planet to exist without diversity..." jagt mir einen kalten Schauer den Rücken hinab, und, eine Sekunde später, die Glut des Zorns ins Gesicht.
Das Bild eines größenwahnsinnigen Allmachtsphantasten, der mithilfe seiner postdemokratischen Machtapparate über die Geschicke von 500 Millionen Europäern zu verfügen beliebt.
Es ist viel über die Motive solcher Akteure nachgedacht und geschrieben worden, und diese Analysen haben auch plausible Muster nachgezeichnet.
Ich habe für die verbalen Ausscheidungen Timmermans‘ nur eine Verwendung vorgesehen: Sollte mein Widerstandswille unter ein gewisses Niveau sinken, brauche ich nur die Rede nachzuhören, und mein Thymos pulsiert wieder auf 180.

Urwinkel
4. Januar 2019 09:51

"Ich kann ihm nicht einen einzigen mildernden Umstand zuerkennen und wünsche ihm und seinen MittäterInnen und GesinnungsgenossInnen die Pest an den Hals."

Auf daß sich Ihr Wunsch erfüllen möge, Jürgen. #wetwo -- seit rund zwanzig Jahren bin ich mit solch' einer waghalsigen Idee unterwegs. Ernte aber nur Vorwürfe in Richtung Blödsein wenn ich über die Halbierung der Weltbevölkerung zu philosophieren anfange.

-

Ist jetzt etwas weg vom eigentlichen Thema (wie bitte, Timmer-wer??); als beichtender Einwurf hoffentlich freischaltbar: Katastrophenmeldungen via
PR-Meldungen lassen mich zerglücken. Seuchen, Massenchrashs, Idotie in einfachsten Dingen und Sachverhalten. Die heutige Menschheit auf die Hälfte
reduziert zu imaginieren schürft im umgänglichen Alltag den Vorwurf wahnsinnig zu sein. Aber auch dümmlich-gutherzige Lachmomente.

Franz Bettinger
4. Januar 2019 10:36

@Nemesis: Ich fand von Anfang an die Porträtfotos der Referenten auf Sezession brillant und gelungen in ihrer Nüchternheit, Schlichtheit und Charakterstärke. Es lächelt - bis auf die Sommerfeld und die Kositza - keiner. Gut! Was gäbe es auch zu belächeln? Ihr Empfinden der Porträts als Fahndungsfotos ist dennoch zutreffend. So kann man es auch sehen. Wenn schon! Dann ist es eben eine gelungene Persiflage auf die Zukunft! In Unrechts-Staaten stehen die Gerechten naturgemäß auf Fahndung-Listen, logisch!

Carlos Verastegui
4. Januar 2019 12:46

Timmermans, ein klarer Fall von Verlust der substantiellen Rationalität, Fachmann, Technokrat, Herz, was willst du mehr?

"Was ich mir wünsche, das ist intellektuelle Ehrlichkeit" die heisst immer noch REDLICHKEIT.

Den Liberalen haben Sie, Herr Poensgen, gar nicht verstanden. "Der Liberale glaubt ja, daß alle Gegensätze entweder auf unterschiedlichen Meinungen oder unterschiedlichen Interessen basieren" - nein. Der bewusste Liberale WEISS, richtiger: meint für sich zu wissen, dass es gute Gegensätze gibt, d.h. die, die die Konsensbasis seiner imaginierten Realität nicht angreifen, das sind die Meinungsverschiedenheiten sowie Interessengegensätze, neben denen es böse Gegensätze gibt, welche die Konsensbasis selbst bestreiten und sogar angreifen.

Ich verstehe die "Gegner" allzugut. Sie sind tatsächlich nicht böse und auch nicht irre im Sinne von bekloppt, aber stark wahnsinnig, nämlich gnostisch verbildet, sind sie schon. Ich lese mir deren Erleuchtungen auch von Zeit zu Zeit durch, und was ich finde, ist immer das gleiche.

heinrichbrueck
4. Januar 2019 12:49

Wird ein Löwe aus seinem Käfig gelassen, der Löwe frißt den Autor, muß ich dann den Löwen verstehen? Oder muß ich denjenigen verstehen, der die Käfigtür öffnete?

Andrenio
4. Januar 2019 13:20

Von Madagaskar zurück hier ein paar Einblicke.
1. Infrastruktur:
Die Franzosen hinterließen die bestentwickelte in Afrika mit umfangreichem Eisenbahnsystem und Häfen.
Die Eisenbahnen verkehren nicht mehr oder 1x in der Woche im schnellen Schritttempo. Nur eine Bahnstrecke funktioniert zum Transport des Kobalts und Nickels über 200 km, unterhalten von den Minenausbeutern.

Vom 630 km langen Transportkanals funktionieren heuer noch 500 in den Bereichen, die kein Ausbaggern brauchen.

Alle großen Firmen leiten ihre Abwässer dorthin, damit die dort trinkende, badende, fischende Bevölkerung an Umweltgifte gewöhnt wird.

2. Politik:

Das Ergebnis der Stichwahl zum Präsidentamt lag nach mehreren Tagen nicht vor. Alle Kandidaten zeichnen sich durch große Auslandskonten aus, deren Höhe dank des für solche Magnaten immer noch gut funktionierenden Bankgeheimnis nicht bekannt ist.
Zwei davon hatten schon lukrative Zeiten im Amt.

3. Vox Populi:

Deutschlehrerin im Gymnasium (privat), sehr gute Sprachkenntnisse, ca. 45 Jahre alt. Nach ihrem Großvater und Vater war unter den Franzosen alles besser. Man konnte bei niedrigem Lohn würdevoll leben. Alles funktionierte.

Was von dem neuen Präsidenten zu erwarten sei? Alles würde noch schlechter werden.

Entsetztes Gesicht auf die Information, dass einige afrikanische Autoren eine Rekolonialisierung fordern. Das sei völlig undenkbar. Beruhigte Reaktion auf die Information, dass bei uns niemand -auch nur theoretisch- dafür bereitsteht.

Auf die Chinesen wartet man. Auf die Information, dass frei nach Böckelmann die Gelben in den Schwarzen eher Affen als Menschen sehen, reagiert sie empört.

Quintessenz: Wer Entwicklung in Afrika erwartet, der wartet vergebens (außer vielleicht in 5* Resorts oder International finanzierten Kongresszentren).

Carlos Verastegui
4. Januar 2019 13:29

@ Benno

"Ja, was ist denn das anderes als abgrundtiefe Bosheit?" Nein, Bosheit ist das nicht. Darüber habe ich ja schon SO oft geschrieben.

"Zu meiner Freude konnte ich kaum zwei Tage nach dem Terrorakt von Stockholm in der linken spanischen Tageszeitung El País lesen, dass wir demütig akzeptieren müssten, dass so, wie die Dinge jetzt stehen, entweder wir oder unsere Kinder Opfer des Dschihad werden könnten. Damit wurde eine These bestätig, die ich bereits vor Monaten in meinem Artikel Die Verschafung der Deutschen formuliert hatte.

Die Heiligkeit heißt Gottes Diener willkommen
Damals waren mir zwei Dinge noch nicht klar geworden: erstens, das Phänomen der Verschafung beschränkt sich nicht auf die Deutschen, und, zweitens, es bezeichnet einen höheren Grad – vielleicht sogar den höchsten – an Zivilisation, wenn man zum Schaf wird. Die „demütige Akzeptanz“, mit der wir den Dschihad als unser unabwendbares Schicksal hinnehmen müssen, wirkt besonders rührend, wenn sie von pfäffischen linken Journalisten gepredigt wird.

Das erinnert mich an die Geschichte des Patriarchen von Aquileja, der Attila Einlass gewährte. Der Hunnenkönig stand vor dem Stadttor: „Ich bin Attila, die Geißel Gottes“ soll er gesagt haben, worauf der Patriarch ihm antwortete: „Er komme herein, der Diener Gottes.“ Attila erfüllte Gottes Willen bzw. spielte Schicksals Werkzeug, indem er zuerst den heiligen Mann, schließlich alle Einwohner Aquilejas niedermetzelte.

Es gibt Dinge, die sich trotz des Fortschritts in der Zivilisation niemals ändern. Das Blut der Unschuldigen wird immer der Preis der Heiligkeit sein. Seltsam nur, dass für diese so überaus teure Heiligkeit der Preis von Leuten aufgebracht werden muss, die weder im Leben noch im Tode etwas davon haben. Aber, auch hier springt die Zivilisation rettend herbei, den heiligen Dingen Worte in den Mund zu legen wie „unsere Demokratie steht stärker da als vorher“ und „wir lassen uns unsere Art zu leben nicht nehmen“.

Die Art nicht, das Leben, schon. Mörder ja, Miesmacher nein. Aber dennoch bleibt Hoffnung, die Zivilisation schreitet ja unaufhörlich voran. Und auch das Blut der Märtyrer, der „Opfer sinnloser Gewalt und sinnlosen Hasses“, ist letztlich ein Stärkungsmittel, sowohl für unsere Demokratie als auch für unsere Art zu leben, indem es liebenswerte und rechtschaffene Menschen zusammenklebt. Ob die salbungsvollen Verkündiger dieses Armutszeugnisses ihrerseits nicht das gleiche Schicksal verdient hätten wie der heilige Patriarch von Aquileja, darüber möchte ich nicht entscheiden. Das ist eine Frage, die vom Schicksal und der Höherentwicklung der Zivilisation zugleich beantwortet werden muss."

https://www.blauenarzisse.de/verschafung-die-zweite/

Hartwig aus LG8
4. Januar 2019 19:35

Das Beispiel Timmermans ist gut gewählt. Aber muss man wirklich so weit schweifen? Anhand der hier so oft erwähnten Risse innerhalb des privaten Umfeldes, innerhalb der Familien und Freundeskreise, lässt sich doch gut belegen, dass man es auch da in den seltensten Fällen mit Dummköpfen oder Bösewichten zu tun hat. Es ist hier wie da genau das, was Poensgen beschreibt: Die übernommene Letztverantwortung der Weissen Rasse für sämtliches Ungemach auf der Welt. Und oft genug schwingt dabei die gigantische Selbstüberschätzung mit, dieser Aufgabe gewachsen zu sein. Denn eines scheint für den Gegner wie in Stein gemeißelt zu sein: Sowohl die ältliche Protestantin als auch der linksliberale Student glaubt an eine "one world", in der sie selbst nach wie vor auf Rosen gebettet sind und die "Werte" vorgeben, nach denen sich alle zu richten haben.

Gelddrucker
4. Januar 2019 21:58

Es bietet sich in dem Fall an, die Oneworld-Fantasten mal danach zu fragen wie sie sich die demographische Zusammensetzung ihrer Welt vorstellen. Sellners kürzlich erschienener Artikel zur ethnischen Wahl dürfte auch hilfreich sein. Nicht dass man sie damit sofort überzeugt, aber zumindest ertappen sie sich dabei, dass sie eigentlich null Ahnung haben, wie das in der Realität aussehen soll.

Ebenso ob sie denn dahin ziehen würden wo ihre Oneworld Realität ist, nämlich dort, wo ganz einfach die Weißen quasi verschwunden sind. Die einschlägigen Stadtviertel sind bekannt. Oder ob sie dort ihre Kinder zur Schule schicken würden.

Laurenz
4. Januar 2019 22:30

Sehr geehrter Herr Poensgen,
Sie unterschätzen Herrn Timmermans. Denken Sie nicht, er wüßte nicht, daß seine Großväter die letzten beiden in seiner Familie waren, die mit ihrer Hände Arbeit etwas produziert hatten? Herr Timmermanns weiß allerdings nicht, wie es ist, mit rund 1.000 Euro im Monat in Zentral-Europa auszukommen. Woher sollte er das auch wissen? Die noch herrschende Kaste in Europa ist zutiefst verzweifelt. Der Neo-Kolonialismus ist nicht aufzuhalten. Was kann die EU schon dagegen tun, wenn sich us amerikanische - und französische Söldner um die seltenen Erden im Kongo kloppen oder die Chinesen in Angola Straßen und einen Übersee-Hafen gegen entsprechende Gegenwerte bauen. Die EU labert lieber und fischt den Senegalesen den Fisch weg, so bekämpft man in Europa sogenannte Fluchtursachen. Daß die europäische Rechte der selbsternannten Brüsseler Elite nicht die Rede Hitlers vom 20.02.38 im Reichstag alle 2 Wochen um die Ohren haut, verwundert mich zutiefst. Europäische Mächte haben sich seit Heinrich dem Seefahrer nicht verändert. Der Unterschied zu damals liegt einzig und allein im eingebildeten linken Bewußtsein. Die Timmermans dieser Welt sprechen von wir und meinen nur ihresgleichen, wen anders kennen sie ja auch nicht. Ihnen ist es egal, ob sie über Österreicher oder Senegalesen herrschen, am besten über alle.

Franz Bettinger
4. Januar 2019 23:32

@unsere Gegner
Bei manchen Zeitgenossen brennt es an so vielen Stellen, dass ich nicht wüsste, wo man mit dem Löschen anfangen sollte. Da mache ich's wie die Feuerwehr, wenn jede Mühe zu spät kommt: Brennen lassen und zusehen; alles hat mal ein Ende. Es sind übrigens dieselben Typen, die früher schon jede Mode mitgemacht und in jeder seichten Brühe geschwommen sind; ideale Untertane, die die Acht-Uhr-Tageslügen schauen und den Spiegel oder gar den Stern lesen; denkfaule oder geistig schwache Mitläufer im Zeitgeist-Rennen! Grüne zumeist. Das sind resolute Leute, die sagen, was sie denken, ohne etwas gedacht zu haben. Es ist vergebens, auf die Spreu einwirken zu wollen; sie wird doch nie zum Weizen. Aber ein wertvoller Teil meiner Freunde und Bekannte, darunter Gott sei Dank die nahen Verwandten, erkannten aus eigener Anschauung, was los ist.

Laurenz
5. Januar 2019 11:16

@Franz Bettinger ..... Sezession ist der pure Luxus. Wer kann sich schon erlauben, sowas zu lesen? Der Blog findet auf einer Ebene statt, die nicht mal 0,01% der deutschen Bevölkerung interessiert.
Der Spiegel kämpft schon mit 1% auf ein viertel Jahr gerechnet. Aber dieses bedruckte Toilettenpapier ist wichtig für uns. Wo sollte man Feindaufklärung betreiben, wenn die öffentlich-rechtlichen Medien Bild-Zeitungsniveau in ganzen Sätzen darstellt?

Der Feinsinnige
5. Januar 2019 12:21

„Der Abgrund, der uns von Timmermans trennt, ist, daß er bereit ist, Europa auf dem Scheiterhaufen des afrikanischen Zivilisationsversagens zu opfern.“

Ich glaube, ich weiß genug, wenn ich diesen Satz verinnerliche, ergänzt vielleicht durch den von @Kahlenberg zitierten Satz:

"...not allowing even the remotest places on the planet to exist without diversity...".

Dann fühle auch ich eine unbändige Wut. Solche Sätze wecken immer wieder auf.

Es fällt mir schwer, Denkweisen wie die von Frans Timmermans zu verstehen. Ich will es aber auch eigentlich gar nicht, zumindest nicht im Sinne von einem in Richtung von Entschuldigung gehenden „Verständnis haben“. Soweit ein intellektuelles bzw. analysierendes Nachvollziehen gemeint ist, mag das zu einer intellektuellen Stärkung der eigenen Position beitragen können. Aber die oben festgestellte Bereitschaft, „Europa auf dem Scheiterhaufen des afrikanischen Zivilisationsversagens zu opfern“, also die Bereitschaft, unsere gesamte Lebensgrundlage (und auch die unserer Nachkommen) zu gefährden und zu zerstören (was für eine monströse Haltung!), nicht als „böse“ (oder zumindest als „blöd“) zu empfinden, ist mir nur schwer möglich. Daran ändert auch Timmermans pseudomoralisches „diversity is humanity´s destiny“ nichts.

@Johannes Poensgen
Ihre Antwort auf die Stellungnahme von @Frika Wies gibt Anlaß zur Nachfrage, insbesondere der Satz:
„Die drei von Ihnen genannten Annahmen nicht zu glauben, bedeutet über Milliarden den Daumen zu senken.“
Meine Schwierigkeiten mit Ihrer Antwort beginnen damit, daß das Verb „glauben“ bzw. „nicht glauben“ nicht recht zu den von Frika Wies formulierten Punkten zu passen scheint.

Ich verstehe Ihren Antwortsatz (abgekürzt) wie folgt:
Wer in einem gewachsenen Kulturvolk einen erhaltungswürdigen Wert sieht, der senkt über Milliarden den Daumen (gibt sie also dem Untergang preis).

Das ist erklärungsbedürftig. Warum senkt man über Milliarden den Daumen, wenn man ein gewachsenes Kulturvolk wie das deutsche (bzw. die europäischen Kulturvölker) für erhaltungswürdig erachtet und eine entsprechende Politik vertritt bzw. betreibt? Wenn die Situation tatsächlich so ist, daß Milliarden dem Untergang geweiht sind, dann ist es doch ziemlich gleichgültig, ob das vergleichsweise winzige Europa sich endlich rigoros abschottet oder ob Europa die Diversity-Phantastereien der derzeitigen Machthaber vom Schlage eines Frans Timmermans weiter (er-)trägt. Europa wird so oder so nicht in der Lage sein, „Milliarden“ zu retten, wenn die Länder, in denen diese Milliarden leben, nicht selbst dazu in der Lage sind. Europa kann doch allenfalls Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Ich sehe in Anlehnung an Sloterdijk keinerlei moralische Pflicht des westlichen oder wie auch immer zu qualifizierenden reicheren Teils der Welt, sich selbst zu zerstören und bin daher völlig ratlos gegenüber Äußerungen wie denjenigen des Herrn Timmermans. Da ich Ihren Artikel nicht so verstanden habe, daß Sie eine solche Pflicht zur Selbstzerstörung sehen, kann ich Ihre Antwort nicht nachvollziehen.

Ruewald
5. Januar 2019 16:15

Es ist nicht ganz klar, was Herr Poensgen mit "Verstehen" oder "Verständnis" meint. Daher soll an den guten – leider unter Intellektuellen allzu oft vernachlässigten - Brauch erinnert werden, zuallererst die in der Abhandlung verwendeten Begriffe zu definieren bzw. zu explizieren, um Mißverständnisse zu vermeiden, die gerade immer wieder bei bildungssprachlich unscharfen oder mehrdeutigen Begriffen auftreten.

Ohne in das große Gebiet der Hermeneutik (in dem ich nicht zuhause bin) abzutauchen, möchte ich auf zwei wesentliche Unterscheidungen hinaus: 1. das inhaltliche "Verstehen" durch mehrstufige Textanalyse, und 2. das psychologische Verstehen der Motive der sich artikulierenden und der handelnden Person. Bezüglich letzteren Verstehens wäre ich sehr skeptisch, vor allem bei Politikern. Gehört doch Vortäuschen, und besonders heute: instrumenteller Moralismus, zum politischen Geschäft. Was interessiert uns aber die innere Gefühlslage (über die ohnehin nur spekuliert werden kann) eines Herrn Timmermans, oder einer Frau Merkel oder Roth? "Man traue keinem erhabenen Motiv für eine Handlung, wenn sich auch ein niedrigeres finden läßt!" hatte schon Edward Gibbon gesagt. Theater? Sentimentalität ist in der Politik fehl am Platz.

Zu 1. dagegen ist das inhaltliche Verstehen für die Auseinandersetzung mit dem Gegner unabdingbar. Das hat @Poensgen ja auch teilweise vorgeführt. Dazu gehören die Analyse der Prämissen, Logik der Schlußfolgerungen, Inkonsistenzen, performative Widersprüche, Probleme der Realisierbarkeit, sprunghafter Wechsel der Argumentationsebenen, langfristige Konsequenzen, usw. Der Gedankensprung zum Moralischen "dann werden wir unsere Werte verlieren" ist ein Trick der Manipulation auf der Klaviatur der Gefühle. Wer unter den Schafen will schon so böse sein, den Verlust "unserer Werte" zulassen zu wollen? -

Timmermans mag überdurchschnittlich sprachbegabt sein, notwendig ist jedoch die Kopplung mit analytischer Intelligenz und der Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge mit ihren Auswirkungen und Rückwirkungen zu durchschauen, nicht. Die Falle des Kurzzeitdenkens gehört zu den kognitiven Beschränkungen des Menschen. Timmermans' "Intelligenz" (wie die anderer maßgebender Politiker, die ganze Lawinen ins Rollen bringen können) reicht offensichtlich nicht aus, die langfristigen Konsequenzen zu erfassen, nämlich die Selbstauslöschung der Bedingungen der Möglichkeit der "Werte", die er "unsere" nennt.

Nach der inhaltlichen Verstehensanalyse sei aber eine emotionale Reaktion durchaus angebracht, und zwar nicht als eine "verständnis"volle Empathie, sondern im Gegenteil als tiefe Antipathie, wobei ich mich @Dem_Jürgen voll und ganz anschließe und Timmermans "und seinen MittäterInnen und GesinnungsgenossInnen die Pest an den Hals" wünsche.

Einige Formulierungen Poensgens sind zitierungswürdig gelungen, wie etwa : "... Europa auf dem Scheiterhaufen des afrikanischen Zivilisationsversagens zu opfern".

Elvis Pressluft
5. Januar 2019 17:56

Verständnis? Gelegentlich nehme ich die Feindmedien zu mir („Welt online“, wo witzigerweise über 90 % der den Filter passierenden Kommentare von Vernunftanfälligkeit zeugen). Zu verstehen, in irgendeinem wertvollen Sinn des Wortes, gibt es dort absolut nichts. Es ist die von Arendt diagnostizierte Banalität des Bösen, die aus den Proseminaren in Redaktionsstuben sowie in Amt und Würden migriert (!) ist. Das ist alles. Sich damit analytisch aufzuhalten bedeutete eine Extravaganz, für die es keinen Raum und keine Zeit mehr gibt. Verstehen muss man nur, dass diese Zuträger, Weiterträger und Kleptokraten zu bekämpfen sind. Über alles Weitere können wir uns unterhalten, falls und wenn wir die kommenden Jahre überleben. Sicher ist das ganz und gar nicht.

Nemesis
5. Januar 2019 18:52

Und wenn das Ganze ein Versuch ist, sich gegen China zu stemmen?

Nath
5. Januar 2019 20:37

Zu Timmermanns:
Er ist – verglichen etwa mit Juncker – durchaus ein „One-World-Extremist“ (man könnte ihn sogar einen „Idealisten“ nennen), und an den Extremen wird eine bestimmte Denkrichtung zuweilen deutlicher als bei den Mittigen. Ich erinnere mich an eine Äußerung von ihm, wonach die Vermischung der Völker, beginnend mit den europäischen, doch letztlich auf alle Kontinente übergreifend, das wirksame, aber auch unverzichtbare Mittel sei, um auf lange Sicht Krieg, Armut und Unmenschlichkeit endgültig auszurotten. Die modernen Linken haben zwar Marx zu Grabe getragen und ihren Frieden mit dem Großkapital gemacht, doch das hindert sie nicht daran, der hegelschen „List der Vernunft“ weiterhin durch revolutionäre Maßnahmen auf die Sprünge helfen zu wollen. Das Problem ist, wenn man das Menschheits-Pathos so stark macht, wie sie es seit Rousseau tun, wenn die Unterschiede zwischen Individuen, Rassen und Völkern als akzidenziell und im historischen Prozess zu überwindende angesehen werden, dann haben alle diejenigen, welche besagten Unterschiede als wesentlich und erhaltenswert betrachten, als die Feinde schlechthin zu gelten,. Ihnen gegenüber sieht sich der emanzipatorische Ur-Zorn a priori gerechtfertigt. Das WIR soll sich nicht und nie mehr auf ein historisch oder naturhaft Gewordenes zurück-beziehen, sondern sich, nach vorne schauend, auf den Befreiungsprozess der Einen Menschheit ausrichten. Ein Skandal ist für diese Leute beispielsweise die Tatsache, dass auf dem Erdball noch ein einziger Mensch hungert, in Armut lebt, nicht medizinisch versorgt wird etc., wo doch der zivilisatorische Fortschritt der Gesamt-Menschheit dies längst vermeiden könnte. Mit Kant können sie auch auf die begriffliche Bestimmung des Menschen als „Zweck an sich selbst“ verweisen (obwohl der Königsberger Philosoph diese in transzendental-formalem, nicht in empirisch-materialem Sinne verstand). Die Rechten in aller Welt aber, die ihre Empathie-Gefühle auf eine bestimmte Gruppe – ihre eigene nämlich - beschränken, verkörpern für dieses Denken das Engherzigkeits-Syndrom schlechthin, das es unbedingt auszumerzen gelte, sollte die Menschheit im 21. Jahrhundert einen entscheidenden Schritt weiterkommen.

In diesem Zusammenhang ist es von nicht zu unterschätzender Bedeutung, dass gerade auch diejenigen traditionellen geistigen Mächte, von denen sich die Rechte noch am ehesten Unterstützung erhoffen könnte – die Religionen – das linke Paradigma zumindest in einer gewissen Hinsicht zu begünstigen scheinen. Inwiefern? Für sie ist der Kern des Menschseins ja in der unsterblichen Seele zentriert, während alle „irdischen Eigenschaften“ (körperliche, mentale, emotionale oder kulturelle Charakteristika) vergänglich sind und ihm nur äußerlich zukommen. Mit den Großreligionen ist ein“soteriologischer Internationalismus“ geschichtsbildend geworden, sofern seit über zwei Jahrtausenden die Gleichung „Jeder Gott ist der Gott eines Volkes“ nicht mehr stimmig ist . (Mit am frühesten hat dies das altindische Sankya-System auf den Punkt gebracht, wonach das von allen naturalen Bestimmtheiten freie Individuum (purusha) sich „nur“ auf sein unendliches Wesen zu b e s i n n e n habe, um zu ihm zurückzukehren. Die spätere Vedanta-Metaphysik hat diese ontologische Dominanz der Identität dann nochmals radikalisiert und universalisiert.)
Stellvertretend für einen solchen Universalismus des Seelischen mag hier der Ausspruch eines modernen indischen spirituellen Lehrers des 20. Jahrhunderts stehen: „Die Seele ist weder indisch, noch französisch, noch in irgendeiner Weise durch ihren materiellen Körper bestimmt.- Heute bist du Angehöriger dieser Nation, und morgen wirst du in einer anderen geboren.“ Der indische Mystiker und Philosoph Sri Aurobindo schrieb ein Buch mit einem Titel, der in eine ähnliche Richtung tendiert, „Das Ideal einer geeinten Menschheit“, damit gleichsam den modernen postreligiösen Spiritualismus vorwegnehmend. (Das entgegengesetzte Phänomen eines national gesinnten, „rechten“ Hindu-Traditionalismus, wonach das Geborenwerden in Indien gerade nicht etwas ist, wovon abstrahiert werden kann, ist ein anderes Thema.)

Wenn nun auch ein säkularer Globalist wie Timmermanns höchstwahrscheinlich nicht an solche metaphysischen Weltentwürfe „glaubt“ und wenn sich auch deren Prämissen nur auf der Oberfläche mit dem modernen westlichen Individualismus auf einer Linie befinden, so nimmt letzterer gleichwohl ihren „kosmischen Humanismus“ gerne auf, begünstigt er doch die eigene, freilich diesseits ausgerichtete, frohe Botschaft.

Die beiden Kernfragen sind nun diese: Erstens, ob die bei dem Menschheits-Vermischungsprogramm entstehenden „Verwerfungen“ moralisch, spirituell und politisch in Kauf zu nehmen sind, um dadurch eine zukünftige, von Hunger, Armut, Krieg und Unterdrückung freie Welt zu gewährleisten. Es ist nicht zu bestreiten, die Globalisten - gemeint sind die Idealisten, nicht die Zyniker unter ihnen - haben einen starken Punkt, wenn sie auf die Grausamkeiten hinweisen, welche die bisherige durch Gruppenegoismen bestimmte Menschheitsgeschichte kennzeichneten und dies immer noch tun, und wenn sie darauf drängen, davon endgültig wegzukommen, damit zukünftige Geschlechter ein lebenswerteres Dasein auf Erden genießen können. Andernfalls, so wird urgiert, vermöchte ein etwaiger weltweiter nuklearer Konflikt dieses Ziel ein für allemal zu durchkreuzen.
Die zweite, weitaus schwieriger zu beantwortende Frage ist die, ob eine solche zukünftige planetarische ‚Einheitsrasse’, so sie denn schließlich zur Realität würde, überhaupt erstrebenswert sei, d.h. ob sie wirklich (auch im spirituellen Sinne) eine Veredelung des Menschen und nicht vielmehr eine Degeneration mit sich brächte.
So wie Platon vermeintlich niedrige Affekte (die egoistische Elternliebe der Wächter in seinem utopischen Staat) zu überlisten anriet, um das Gedeihen der Polis zu gewährleisten, so wollen die Globalisten „unmenschliche“ Nationalgefühle durch gründliche Durchmischung überlisten, damit der Planet dereinst blühe und gedeihe. Nur haben uns die Experimente des 20. Jahrhunderts gezeigt, dass revolutionäre Heftigkeit einer Teufelsaustreibung durch Beelzebub gleichkommen kann, und es ist nicht auszuschließen, dass die neuerdings auf die globalistische Karte setzende Linke im Begriff ist, zum
z w e i t e n Mal einem folgenschweren Irrtum zu unterliegen. Mit „der Menschheit“ verabsolutieren sie etwas, was prinzipiell nicht absolut sein kann. Ebenso aber haben die Nichtlinken der Versuchung zu widerstehen, auf diese Verabsolutierung mit einer schroffen Antithese zu antworten. Sollte sich der säkulare Progressismus als Sackgasse erweisen. und es spricht manches dafür, dass dies der Fall ist, so bedeutet das noch lange nicht, das ein wie auch immer gearteter Konservativismus nach Rom führt.

Laurenz
5. Januar 2019 20:41

@Nemesis .... klar ist Donald Trump ein einsamer politischer Kämpfer gegen China. Dirk Müller sieht es übrigens ähnlich, wie Trump.
Nur, ob der Chef-Vorarbeiter der Kuhtreiber dafür der richtige ist, weiß ich nicht. Mehr Hirn, statt Flugzeugträgern wäre vielleicht hilfreich.
Wollte man sich in Europa gegen China stemmen, sind die meisten europäischen Freunde die falschen Verbündeten, denn auch in ihrer Gesamtheit haben sie keine geo-strategische Relevanz, sie kosten nur. Und solange die Vereinigten Staaten von Amerika führen, wird es nie ein starkes Deutschland geben. Jeder europäische Staatschef weiß sehr genau, daß in einem Konfliktfall mit Deutschland die Kuhtreiber ihm die Stange halten werden. Das ist schon seit mehr als 100 Jahren so und hat sich nicht geändert.
Es hilft auch nicht, wenn der BGH die juristische Souveränität bezüglich unserer Währung an den EUGH abgibt. Damit verpulvern wir jeden Spielraum, der noch geblieben ist, in sinnentleerten Projekten. Dieser einschneidende Vorgang des letzten Jahres hat schlicht mehr oder weniger kein Schwein interessiert.

Gustav Grambauer
5. Januar 2019 21:38

"Ich habe einen Wunsch an unsere Leserschaft. Versuchen Sie im neuen Jahr einmal Verständnis für unseren politischen Gegner aufzubringen. ... Am besten sind die Texte, in denen Verantwortungsträger der Gegenseite Pläne entwerfen oder Rechenschaft ablegen. ..."

Schon gemacht:

1. Melodie & Rhythmus ist wieder da.

http://www.melodieundrhythmus.com

Heft Nr. 1 ist im Handel, man kann und sollte es im Sinne obiger Aufforderung regelrecht durcharbeiten, es strotzt vor Hinweisen zum Nachrecherchieren. Innerhalb des gegebenen Kokons an Unreife, konzeptionell aufgebauter oder nachgeplapperter Lüge und Dummheit sowie der eng engzogenen Tabus ist es immer noch das tiefste und gediegenste, was die Linke metapolitisch anzubieten hat, im - selbstverständlich uneingelösten - Selbstanspruch jetzt m. E. zwischen COMPACT und Sezession stehend. Die Themenwahl ist immerhin beeindruckend. Es findet sich im Heft nicht nur ein inzidenter Verriß des Gundermann-Films im Rahmen eines Artikels 'Treuhänderische' Abwicklung der DDR-Kultur" aus einer politökonomisch-konsequenten ästhetischen Position heraus. Die dort aufgenommenen Zeilen des Hannes-Wader-Liedes "Schon morgen"

"Auch anderen die schlecht verheilten Wunden
von Stiefeltritten, Schlägen, allem Gram
Aus den Gesichtern waschen und ertränken
was Gestern noch all ihre Kräfte nahm"

scheinen im Versuch der Wiederbelebung des alten Revolutionären Subjekts geradezu das spezifisch-gramscianische Credo des Heftes zu sein. Rückblickend hätte ich gern, als es im November hier bei SiN um Sloterdijk ging, dessen Aussagen über Bhagwan aus dem Artikel "Gurus, New Agwe und Gegenkultur auf Abwegen" schon gekannt. Herrlich "Antifa-Pop von Steinmeiers Gnaden", eine Quarantäne der "Popkultur für die BRD-Staatsräson". Am meisten erstaunlich war der Vereinnahmungsversuch der verehrten russischen Crossover-Sängerin Pelageja (die würde denen was husten ...) durch Moshe Zuckermann (!), mit dem die Protagonisten offenbar linke Märtyrerkulte wieder wie einst mit Bella Ciao im Volkstum begründen wollen. Zugleich liegt darin sicher eine versteckte Parteinahme für Rußland, bekräftigt durch einen zweiten Artikel "Black Metal und die Bandera-Tradition in der Ukraine". Nur ein paar Proben ...

2. Habe mich mit einer alten Schulkameradin getroffen. Wir werden zu diesem Machwerk

https://www.amazon.de/Leninplatz-Mark-Scheppert/dp/3752804793

eine Rezension schreiben. (Haben dort in unserer Kindheit und Pubertät gelebt, die dort beschriebene Schule war auch unsere Schule.) Als bei ihr die ersten Tränen kamen, war mir klar, daß wir weit unter unsere eigentliche psychische Reife gehen werden, d. h. nicht objektiv, sachlich, konziliant oder "empathisch" sein werden, vielmehr der nachtrräglichen Zurechtrimmung dieses Milieus auf Feuerzangenbowle mit einer Abrechnung angelehnt an Aderhold und Dannenberg begegnen werden, die an Härte keine Wünsche offenlassen wird.

3. Waren am Neujahrstag in diesem Film,

https://www.youtube.com/watch?v=UdSDuNJJVuw

in dem Kino, in dem es sich geziemt, ihn anzuschauen

https://tilsiter-lichtspiele.de/kinogeschichte.html

und nachdem ich im Sommer das zugrundeliegende Buch

https://www.fischerverlage.de/buch/marion_brasch_ab_jetzt_ist_ruhe/9783596191963

gelesen hatte. Insgesamt waren wir acht Zuschauer (und es wäre auch nur Platz für vielleicht zwanzig gewesen), wie sich herausstellte die anderen alle Insider, die beim Einspieler der Beisetzung von Thomas Brasch aufgeregt hin- und hergerutscht sind, auf die Leinwand gezeigt und getuschelt haben: "Siehste den XY, siehste den YZ ...". Es ist tatsächlich ein reiner Insiderstreifen; zögere etwas, ihn denjenigen, die von den Zeitverhältnissen und Protagonisten keine näheren Begriffe haben, überhaupt zu empfehlen. Aber hier wird, wie Poensgen sagt, von Verantwortungsträgern der Gegenseite bzw. deren Nachfahren in einer biographischen Offenheit wie sonst nur selten Rechenschaft abgelegt, wobei die - wie so oft auf linker Seite - ihre Selbstzeugnisse allerdings nicht in der Reflexion ihrer eigenen inneren Kaputtheit begreifen können, sich vielmehr gegenseitig versichern, wie "schön" sie seien, womit sie aber nur gebrochen und verrucht meinen. (Unsereinem fällt vor allem auf, wie sehr der weißgekleidete Christoph Hein im Interview schon orthopädisch, wohn- und bekleidungskulturell sowie rhetorisch aus diesem Sumpf herausragt.) Es handelt sich um den Kulturmarxisten-Klüngel, der im Wesentlichen mit seinen Unterschriften 1976 auf der Pro-Biermann-Liste vorzufinden ist. Übrigens räumt Florian Havemann hier freimütig ein, daß die acht Jahre zuvor ihr "Hände weg vom Roten Prag!" alternierend mit "Stalin lebt!" akklamiert haben. Katharina Thalbach läßt sich im Jahr 2018 mit Schiebermütze und Kalaschnikow interviewen. Wer die Kaputtheit all dieser Seelenwracks erträgt und wem der eingespielte winzige Ausschnitt aus Solo Sunny nicht genügt, Voilà. Der Film über die "linken Buddenbrooks" ist nicht nur interssant, wenn man eine Ader für die Szondi-Schicksalsanalyse hat. Hier kann man vor allem in politischer Hinsicht viel über den Gencode eines bestimmten Teils der deutschen Linken lernen, der jetzt wieder vormarschieren wird, und der, Verzeihung Herr Poensgen, bei etwa gleichem Grad an geistig-seelischer Kaputtheit viel interessanter als ein Timmermanns ist, an welchen sich in ein paar Jahren nicht mal die eigene Kumpanei mehr wird erinnern können. Berlin war nach Moskau mal die zweitroteste Stadt der Welt. Marion Brasch wurde über ihre jüdischen Klüngel sogleich nach New York eingeladen, wo sie auch ausgiebig gefilmt wird wie sie in ihrer schlechten Körperhaltung durch die dortigen Fußgängermassen schlurft: die dortigen Cultural Marxists erkennen wohl langsam, wieviel sie vom hiesigen, maßgeblich in Brecht wurzelnden Proletkult noch lernen können.

4. Im denkbar größten Gegensatz dazu klebten in Berlin überall Plakate, daß ein Arbeiterbund zum Wiederaufbau der KPD

http://www.arbeiterbund-fuer-den-wiederaufbau-der-kpd.de/Flugschrift_Silvester_2018.pdf

zu einer Manifestation in der Silvesternacht auf dem für sie ja äußerst symbolträchtigen Rosa-Luxemburg-Platz einlade. Icke klar pünktli uffn Platz, auch diese Delikatesse läßt sich Unsereiner nicht entgehen. Mit einer halben Stunde Verspätung kamen sie mit ihren Schalmeien, Liedern und Fahnen durch die Münzstraße gezogen, wie vor hundert Jahren am selben Ort, überraschenderweise fast mit derselben Frische. Räume sogar ein: man muß aufpassen, da nicht liturgisch mitgerissen zu werden, obwohl es höchstens siebzig bis achtzig Teilnehmer waren. Die Rede nach der Fahnenzeremonie war innerhalb der Dogmen ihrer strunzenden M.-L.-Bescheuertheit sehr klug aufgebaut. Es wurde im Wesentlichen a) zur geistigen Hygiene ("bürgerliches", - wir würden sagen: liberales - "Denken nicht in die Arbeiterklasse einsickern lassen") und b) zur Selbstorgnisation aufgerufen, kein hohles Pathos, kein Weltverbesserungsgeseiere. Der Redner begann mit den Worten: "Es ist bezeichnend für die Verhältnisse im Jahr 2018, daß wir unsere Kundgebung nicht in der Volksbühne sondern draußen vor der Tür abhalten.". Das wurde auf eine sehr männliche und abgeklärte Art gesagt, ohne die im KPF-DKP-Rotfuchs-FDJ-GBM-MLPD-Milieu notorische Selbstmitleidigkeit, Opfer- bzw. Anspruchshaltung, Kindestrotzigkeit und Hysterie. Hatte dann drei sehr gute Gespräche mit Teilnehmern, mit denen ich mir auch gut hätte vorstellen können, mich anzufreunden; einfache, warmherzige, geradlinige Leute, starkes Gemeinschaftsgefühl, sicher weit überdurschschnittlich-hohe Moral. Es fiel auch auf, wie gut sich um die - zahlreichen - Hochbetagten gekümmert wurde, von denen es sich manche nicht nehmen ließen, nachts in der Kälte noch mit zitternder Hand Flugblätter zu verteilen. Es kam raus, daß sie sich bei solchen Anlässen gegenseitig beherbergen, die Wärme dabei war spürbar, menschlich gesehen sind sie der größtdenkbare Gegenpol zu den Psychos von der IV. Internationale, Entristen hätten bei denen auch keine Chance. Auf dem Parkplatz habe ich dann die Autos gesehen: einfache, gute Wagen aus Wolfsburg, Köln und München - offenbar von Autoindustrie-Arbeitern. (Einer hatte mir gesagt, er käme von Ford in Köln.) Man muß sich das vor Augen führen: so weit fahren die, um eine solche Manifestation abzuhalten und ihre Gemeinschaft zu pflegen!

5. Ist Klonovsky der Verwirrung über die Ästhetik-Falle des Sozialismus anheimgefallen, obwohl er doch genug Hacks gelesen hat? Bitte mit dem Seitensucher hier auf "puls" gehen:

https://www.michael-klonovsky.de/acta-diurna?start=20

6. Im Nachgang zu "Marx von rechts" im September / Oktober hier bei SiN erlaube ich mir den Hinweis auf die das Thema messerscharf treffende Auseinandersetzung aus anthroposophischem Blickwinkel, die der Lochmann-Verlag gerade veröffentlicht hat:

http://www.lochmann-verlag.com/no._126_marxismus.pdf

- G. G.

Nemesis
5. Januar 2019 22:20

@Laurenz
BGH, Eugh - wenn interessierts?
Es geht dabei um was ganz Anderes:
China: Steitkräfte: aktiv: 300.00 Reserve ca. 4.000.000 Mann: Summe: 4,3 Mio. Mann
Amerika: 1,4 Mio aktiv, 1,1 Mio. Reserve:
Summe: 2,5 Mio. Mann
Europa: im Vergleich dazu nahezu vernachlässigbar, Altersdurchschnitt bekannt.
Rechnen Sie jetzt mögliche arabische und afrikanische Zahlen dazu.
Got it?

Urwinkel
6. Januar 2019 01:01

Bin zwar nicht angesprochen, aber, Nemesis... Heute habe ich eine Lektüreempfehlung (kommt selten vor) für Sie: knuspern Sie die beiden Jack Donovan-Übersetzungen durch.
Warnung: darin geht es nicht um liberale Millionen-Verhältnisse. Erkannt, daß die Welt fernab von Zahlen untergeht? Nein? Dann gute Nacht bis hierhin. Rezitiert : "knuspern": Donovan würde diese Bemerkung als Euphemismus wegkicken. Hoffe ich doch.

Andreas Walter
6. Januar 2019 06:00

@heinrichbrueck

Beide "Antworten" hätte ich nicht gesehen, wenn Sie mich nicht dazu inspiriert hätten:

https://youtu.be/9dcW-EvZjic

https://youtu.be/GITQpL6_Ggw

Habe jetzt noch Herzklopfen, vor allem nach der Zweiten. Sehr lehrreich auch die Metaebene. Für Kinder allerdings überhaupt nicht geeignet.

Laurenz
6. Januar 2019 06:30

@Nemesis .... Sie schreiben aus der Zeit vor Deng Xiaoping. Die Volksbefreiungs-Armee legt keinen gesteigerten Wert mehr auf eine Riesen-Armee und investiert die 220 Milliarden US$ im wesentlichen in moderne Technik.
Es zeigte sich beim großen Erdbeben in der Türkei vor 20 Jahren, daß die 2t-größte NATO-Armee, die türkische, bei diesem Erdbeben und danach sich als vollkommen nutzlos erwies. Bis auf den relativ neuen und einzigen Übersee-Stützpunkt der Chinesen in Dschibuti (zum Schutz der Ölversorgung) und ein paar Manövern mit den Russen, halten die Chinesen nichts von weltweiten Truppenbewegungen, zu teuer. Die Amis verballern allen Schotter ihres Militär-Budgets in der Infrastruktur der weltweit über 800 US Stützpunkte. Die US Army ist der größte Einzelverbraucher an Erdöl auf dem Planeten. Auch der letzte nennenswerte in Kauf genommene Genozid der Amis unter der Clinton-Administration in den 10 Jahren nach Desert Storm im Irak, brachte die Amis keinen Meter weiter. Im Gegenteil, die irakische Nachkriegsordnung lief, bis auf die Kurden in Kirkuk, fast komplett gegen us amerikanische Interessen. Wenn man weiter zurück geht, sehen, nach der Beseitigung Mossadeghs, die 26 Jahre Schah-Herrschaft gegen fast 40 Jahre islamische Republik Iran doch recht bescheiden aus. Die geo-strategische Herrschaft über Syrien haben nicht die Flugzeugträger und Eskort-Schiffe der 6. US Flotte inne, sondern die neuen kleinen russischen Korvetten im Kaspischen Meer. Dort existiert für die Russen keine Unterwasser-Bedrohung. Und wie Donald Trump relativ realitätsnah urteilte, haben die Vereinigten Staaten schon lange keinen Krieg mehr gewonnen, sondern verbrennen mit ihren Verbündeten, inklusive Deutschland, weltweit einfach nur Geld. Und ob das die Petro-$-Dominanz noch gewährleistet, scheint fraglich. Die einzige militärische Aktion, die in den letzten Jahrzehnten etwas einbrachte, und zwar die Rettung des französischen Staatshaushalts und damit die des Euro, war die Besetzung der Ölquellen Libyens und der Uranerzminen in Mali. Dabei mußte man allerdings die Zerstörung des Libyschen Staates in Kauf nehmen, und ging des früheren Grenzhüters in Afrika verlustig.
Von daher können Sie Ihr Militär vergessen, zumindest solange keine Genozide politisch durchsetzbar sind. Viel entscheidender ist der Devisenmarkt und die Währungshoheit, siehe z.B. die Stabilisierung des Rubels durch die Notenbankchefin der Russen, Frau Elvira Nabiullina . Got it?

Nemesis
6. Januar 2019 10:34

@Laurenz
Zum Zeitpunkt der Grenzöffnung hatte in Amerika nicht die Regierung um Trump die politische Verantwortung. Obama und Vorgänger setzten sehr wohl auf das Militär: Irak, Afghanistan, Syrien, Lybien... Daß sich nun ein Umdenken in der amerikanischen geostrategisch-militärischen Einsatzstrategie vollzieht, spricht aus meiner Sicht in keiner Weise gegen die von mir vorgebrachte Überlegung, denn sie bezieht sich nicht auf die Trumpsche Agenda, sondern auf eine mögliche Agenda derjenigen, die zum Zeitpunkt der Grenzöffnung im Amt waren, also auf das Geschehene.
Geostrategisches Handeln ist ja nicht nur Gegenwartsbezogen. Es hat einen Vergangenheitsbezug und (logischerweise) eine in die Zukunft weisende Komponente.

So evident es ist, daß sie "nun halt mal da sind", so evident ist es auch, daß Trumps wirtschaftlich-politisch-administrative Opposition die Dinge nicht einfach so hin nimmt. Dazu kommt noch: Die wirtschaftlich-politischen Entscheidungsträger in der EU waren lange vor Trump im Amt und sind es nach wie vor. Was durchaus eine Erklärung dafür anbieten könnte, weshalb der Strom weitergehen soll. Aus meiner Sicht ist die von mir in den Ring geworfene Chinaaussage durchaus ein mögliches, valides, geostrategisches Erklärungsmuster der abgelaufenen (und ablaufenden) Vorgänge. Zum wirtschaftlichen und systemischen Gesichtspunkt habe ich an anderen Stellen meine Sichtweise mehrfach dargelegt, so daß ich das hier nicht mehr tun will.

@Urwinkel
"darin geht es nicht um liberale Millionen-Verhältnisse. Erkannt, daß die Welt fernab von Zahlen untergeht?"

Danke für Ihren Hinweis, ich habe mich mit Donovan durchaus schon beschäftigt.

Zunächst einmal müssen wir das sprachlich und sachlogisch klarkriegen, soviel Zeit muß sein:
1. Die Welt geht nicht unter, weder fernab, noch nah von Zahlen, es sei denn es steht ein Atomkrieg oder andere geophysikalisch-kosmische Determinanten an. Was untergehen kann, sind Zivilisationen.
Ich vermute, das meinten Sie. Das macht durchaus einen
Unterschied.

2. Sie können ganz sicher davon ausgehen, daß mir absolut klar ist, daß in einer sehr komplexen Welt, und in einer solchen leben wir nun mal, monokausale Erklärungsmuster mit Vorsicht zu genießen sind.
Will sagen: Es gibt sehr vielfältige, miteinander verwobene Handlungsebenen.
Meine Aussage oben zu China bezog sich auf EINE von Ihnen: die Geostrategische. Daß daneben noch vielfältige andere Ebenen zu betrachten sind steht, völlig außer Frage.
Der Untergang von Zivilisationen vollzieht sich nicht nur auf einer.
Ob ein tribalistischer Ansatz eine Lösung sein kann, vermag ich nicht zu sagen. Ich schätze es eher so ein, daß Übergangsstadien dadurch gekennzeichnet sind. Aber wer weiß das schon?

Nemesis
6. Januar 2019 11:30

@Laurenz
Nachtrag, weil ichs oben vergessen habe:
Um die Kurve zu Herrn Poensgens Artikel wieder zu bekommen:
Herr Poensgens Sicht auf die Handlungsmotive der EU-Verantwortlichen schließen meine Sichtweise nicht aus. In Realiter wird es ja der Normalfall sein, daß es zu einer Vermischung der Handlungsmotive und der damit verwobenen Handlungsebenen kommt: geostrategisch, moralisch Imperative, wirtschaftliche etc.

Abschließender Gedanke:
Im Gegensatz zu der im täglichen Leben üblichen Freund/Feindbestimmung (die ja nicht nur in den politischen Lagern existent ist), sind die Handlungsoptionen in der Außenpolitik offensichtlich anders gelagert:
Nach meinem Verständnis zeigt die Geschichte, daß in diesem Bereich Entscheidungen aufgrund feinerer Skalierung erfolgt: "Böse - noch Böser - ganz Böse"(was immer man darunter auch versteht). Mit dann eben daraus entstehenden Bündnisoptionen. Eine diesbezügliche Betrachtung Islam - China unter US-Außenpolitischem Gesichtspunkt wäre sicherlich sehr interessant (dazu verfüge ich aber zu wenig Hintergrundwissen).
Jedenfalls scheint mir eine ausschließliche Fokkussierung auf den Islam (wie bei manchen rechten Webseiten üblich) oder auf moralische Imperative bei Weitem nicht ausreichend, um das Ganze wirklich verstehen zu können.

LotNemez
6. Januar 2019 20:05

JK Poesgens "normale Politiker", ebenso aber auch Kunst- und Kulturschaffende, Journalisten, Priester usw... die wenigsten, meine ich, sind echte Überzeugungstäter, sondern in ihren Grundannahmen viel flexibler und beeinflussbarer als sie oder wir es vermuten würden. Wie einfach fiel es seit jeher den Mächtigen, bei Bedarf entweder an alte Bestände anzuknüpfen, oder aber der Allgemeinheit ein neues und wirkmächtiges Narrativ überzuhelfen? Wenn dieser Impuls nun nicht vom Machtzentrum ausgeht, etwa um das Eigene zu verteidigen, bedeutet das nicht die Unterschätzung eigener Möglichkeiten sondern, dass die passende Form des Machterhalts, der Machterweiterung schon gefunden ist.
Wie leicht war es nach 9/11, das amerikanische Volk und einen Großteil der Eliten und Gesellschaften der Westlichen Welt für einen Feldzug im Nahen Osten zu vereinnahmen? Nach dem Ende des Kalten Krieges sagte man sich im Pentagon: Wir haben 10 Jahre, den Möglichkeitsraum (window of opportunity) zu unseren Gunsten zu nutzen, bevor es eine andere Supermacht tut. Heute leben wir mit den Konsequenzen dieser gar nicht ideologischen, aber sehr geopolitischen Entscheidung. Also war diese Entwicklung hin zur One-World-Agenda nichts Schicksalhaftes - sie ist das Ergebnis konkreter, zeitgeschichtlicher Entscheidungen, die auch ganz anders hätten ausfallen können.
Wie deuten wir aber Welt und Zeit, in der wir leben? Etwa als intrinsisches Ergebnis unseres uralten christlichen Erbes. Wie entmutigend! Und wie unangebracht! Damit verheiligen wir bloße Geschehnisse zu schicksalhaften Ereignissen, verklären.
sie und machen sie unabwendbar. Unser Philosophieren ist befreit von jeder ratio, es wird zum Stroßgebet, mit dem wir den drohenden Untergang abwenden mögen. Humanismus, Nächstenliebe, mangelnder Lebenswille, kultureller Selbsthass usw. ... sind das nicht alles uns sehr liebgewordene Deutungsmuster als wirkliche Ursachen? Warum diese Mystifizierung unserer Lage? Warum das Beschwören eines morbiden amor fati, wenn es doch eigentlich um die Beschreibung der realen Machtverhältnisse gehen sollte, um daraus politische Forderungen abzuleiten.
Die Widersprüche zwischen den Vor- und Nachteilen des Humanismus wird man nicht theoretisch auflösen können. Menschenwürde ist nicht gut oder böse. Sie ist eine Idee, die zu Zeiten politisch effizient war, ist oder sein wird. Zu anderen Zeiten wiederum gibt es andere Ideen, die ertragreicher erscheinen. Die UN u.a. betreiben eigentlich die Idealisierung und Überzeichnung unserer kulturellen Bestände, wenn sie humanistische Werte in ihren Pakten einflechten. Aber bedeutet das, dass wir das Konstrukt Menschenwürde grundsätzlich hinterfragen müssen? Ich plädiere für ein Workaround und dafür, dieses wacklige Gedankengebäude immer wieder mit dem Aufzeigen der tatsächlichen Verhältnisse zu erschüttern und ihren Mysterien des Beliebigen zweckgerichtete Ideen und Taten entgegenzustellen.

Ruewald
6. Januar 2019 22:25

Vorrang der Moral??

@Nahr
Zu der ausführlichen, sich auf mehreren Ebenen – Metaphysik, Religion, Ethik, Politik – bewegenden Abhandlung nur einige Hinweise, die zum Nachdenken anregen mögen:

- Der progressive humanistische Universalismus ist wohl typisch abendländisch, mit Wurzeln im Christentum; Drang zum Ausgreifen, Umgestalten, Weltverändern. Der auch universalistische Islam zielt auf Expansion und Unterwerfung. Der Buddhismus ist kognitiv: nicht die Welt ist zu verändern, sondern das Bewußtsein der Menschen. Die Ostasiaten sind pragmatisch und diesseitsorientiert. Die Chinesen waren im Mittelalter technologisch führend, aber mehr an Handel als an Entdeckungen und Eroberungen interessiert.

- Der westliche humanistische Universalismus wird i.w. auf das Abendland beschränkt bleiben und zur Selbstzerstörung führen; dies auch wegen der demographischen Verhältnisse und der Bevölkerungsdynamik.

- Wenn Sie schreiben "die auf die globalistische Karte setzende Linke im Begriff ist, zum zweiten Mal einem folgenschweren Irrtum zu unterliegen", dann klingt das so, als räumten Sie noch ein mögliches "Gelingen" ein. Aber diese Karte i s t ein Irrtum, den es mit allen Mitteln wegen seiner schweren Folgen zu verhindern gilt.
Stichwörter zum Irrtum: Die dem Universalismus inhärenten Aporien.

– Vermischung impliziert Entropieerhöhung und Informationsverlust.
Jeder Biologe weiß um den Nachteil von Monokulturen und den "Wert der Vielfalt" (E.O. Wilson) bei verschiedenen ökologischen Nischen, aber auch: daß Konkurrenz um gleiche Ressourcen zum Aussterben des (reproduktiv) schwächeren Konkurrenten führt. Dies ist übertragbar auf unsere Situation der Masseninvasion im Gange.

- Es gilt, das idealisierte Menschenbild vom erhabenen Kopf wieder auf die naturalen Füße zu stellen. "Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer" (Schopenhauer). Es ist hinzuzufügen: Zwischen moralischer Rede und Einsicht zum Tun ist ein oft unüberwindlicher Schritt. Oft können die Menschen nicht, was sie sollen; oft wollen sie auch nicht. Diese Universalien menschlichen Verhaltens widerstehen dem Universalismus.

- Die weniger erhabene, aber realistischere Soziobiologie bzw. Entscheidungs- und Spieltheorie konnte zeigen, daß weder die rücksichtslos egoistische, noch die selbstlos altruistische, sondern die Mischstrategie TFT die stabilste ist. Tit-for-Tat basiert auf reziprokem Altruismus aus vernünftigem Selbstinteresse.

- Schließlich wäre die meta-philosophische metaethische Frage nach dem Woher und dem Wozu der Moral zu stellen. Woher: vergleichend ethologische und evolutionsbiologische Grundlagen protomoralischen Verhaltens. Wozu: die soziologische Frage nach der Funktion der Moral in sozialen Gruppen. Moral fungiert zur Verhaltensregelung und Stabilisierung in sozialen Kleingruppen. In komplexen Gesellschaften wird Moral durch Recht ersetzt. Philosophisch gibt es zwar eine metaethische Kontroverse über den "Vorrang der Moral?" (Hoffmann, Schmücker, Wittwer (Hg.), 2017). Soziologisch und juristisch ist aber der Vorrang des positiven Rechts vor der Moral unbestritten.

- Zu einem "wie auch immer gearteten Konservativismus als Antithese" wäre vielleicht der Ansatz einer "progressiven negativen Ethik" interessant (Henning Ottmann, et al. (Hrsg.), Gelassenheit - Und andere Versuche zur negativen Ethik, Berlin, 2014; S.75-102).

Laurenz
7. Januar 2019 06:38

@Nemesis ... nachts ist es kälter als draußen? Ich habe diesmal nicht verstanden, was Sie in Ihrem letzten Kommentar + Nachtrag ausdrücken wollen? Daß Trump gemerkt hat, daß er sich in den Staaten nicht mit jedem anlegen kann, und sich auch ein paar Freunde suchen muß, wie das Militär, wissen wir doch alle. Er hat auch noch keinen, sonst üblichen Präsidentenkrieg irgendwo in der Welt geführt. Aber zum Abbau vom militärischen Überseebasen kam es auch noch nicht. Das heißt, bis auf subtiles, hat sich in den Staaten nichts verändert. Das war auch nicht zu erwarten. Der übliche politische Mißbrauch irgendeines Moralbegriffs wird durch den Handel mit China allen vorgeführt. Von daher bleibt es nachts kälter als draußen.

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