Gerd-Klaus Kaltenbrunner wäre heute achtzig

Am 23. Februar 1939 wurde der "für eine gewisse Zeitspanne wichtigste Publizist der deutschen Nachkriegsrechten" (Kubitschek) in Wien geboren.

Der viel­sei­tig und umfas­send Gebil­de­te nahm es nach sei­ner Über­sie­de­lung in die Bun­des­re­pu­blik noch in den 1960ern auf sich, der bür­ger­li­chen Selbst­aus­lie­fe­rung an die eige­nen “schreck­li­chen Kin­der” sei­nen Ent­wurf eines Neu­en Kon­ser­va­tis­mus entgegenzustellen.

Er hoff­te zudem lan­ge auf die gemäch­li­che Umwer­tung der fal­schen Wer­te – sei­ne Begriffs­prä­gung von der “Ten­denz­wen­de” füh­ren poli­ti­sche Den­ker noch heu­te im Munde.

In sei­ner von 1974 bis 1988 in Frei­burg erschie­ne­nen Rei­he Initia­ti­ve und diver­sen Büchern erforsch­te er die Wur­zeln, Tra­di­ti­ons­li­ni­en und Bestän­de klas­sisch-euro­päi­schen Den­kens und schuf so ein geis­tig-see­li­sches Arse­nal, aus dem man sich bis heu­te auf­mu­ni­tio­nie­ren kann.

Nicht von unge­fähr hat die Sezes­si­on vor zehn Jah­ren Kal­ten­brun­ners sieb­zigs­ten Geburts­tag gewür­digt und sind zwei Auf­sät­ze aus sei­ner Feder als Kapla­ken erschie­nen: Eli­te (2008) und Rekon­struk­ti­on des Kon­ser­va­tis­mus (2015).

Aus Anlaß die­ses Jubi­lä­ums und zum Geden­ken an den sub­ku­tan wirk­mäch­ti­gen Poly­his­tor Gerd-Klaus Kal­ten­brun­ner hat der Gra­zer Ares-Ver­lag nun eine ver­dienst­vol­le Neu­aus­ga­be vorgelegt:

In zwei Bän­den wur­den die “Sah­ne­stü­cke” aus dem von 1987 bis 1992 erschie­ne­nen Monu­men­tal­werk Vom Geist Euro­pas mit aus­ge­wähl­ten Zusatz­tex­ten zusammengeführt.

Ver­ant­wort­lich zeich­net Kal­ten­brun­ners lang­jäh­ri­ge Mit­ar­bei­te­rin Mag­da­le­na S. Gmeh­ling, die bereits kurz nach dem Tod des Den­kers mit einem fein­sin­ni­gen Erin­ne­rungs­band her­vor­ge­tre­ten ist.

Vom Geist Euro­pas bün­delt Kal­ten­brun­ners geis­ti­ges Ver­mächt­nis an die heu­te akti­ve Genera­ti­on. Die dar­in ver­sam­mel­ten Ursprün­ge und Por­träts beleuch­ten und umrei­ßen drei Jahr­tau­sen­de deut­schen, euro­päi­schen und abend­län­di­schen Geistes.

Wer nach den Quell­flüs­sen unse­rer euro­päi­schen Iden­ti­tät sucht, wird sie hier anschau­lich kar­tho­gra­phiert finden!

——–

Gerd-Klaus Kal­ten­brun­ner: Vom Geist Euro­pas. Ursprün­ge und Por­träts, Band 1, Graz 2019. 384 Sei­ten, 29,90 Euro – bestell­bar bei Antai­os (D) und bei Ares (Ö)!
(Mit Por­träts von Hesi­od, Pla­ton, Augus­ti­nus, Vilf­re­do Pare­to, Johann Gott­fried Her­der, Franz von Baa­der, Nova­lis, Fried­rich Höl­der­lin, Adal­bert Stif­ter, Oth­mar Spann, Juan Dono­so Cor­tés, Emil Cior­an u.v.a.m.)

Gerd-Klaus Kal­ten­brun­ner: Vom Geist Euro­pas. Ursprün­ge und Por­träts, Band 2, Graz 2019. 384 Sei­ten, 29,90 Euro – bestell­bar bei Antai­os (D) und bei Ares (Ö)!
(Mit Por­träts von Sokra­tes, Cice­ro, Ovid, Boe­thi­us, Meis­ter Eck­hart, Jakob Böh­me, Edmund Bur­ke, Fried­rich Schel­ling, Edward Gib­bon, Cle­mens Bren­ta­no, René Gué­non u.v.a.m.)

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Kommentare (6)

A. Kovacs

23. Februar 2019 09:35

Das ist nun wirklich ein Desideratum. Die alten Bände waren kaum noch aufzutreiben. Das „Verschwinden“ des ja vor nicht allzu langer Zeit breit wahrgenommenen Publizisten Kaltenbrunner aus der „Öffentlichkeit“ ist nicht nur seiner Hinwendung zum Mystizismus geschuldet, sondern von interessierter Seite aktiv durch Verschweigen betrieben worden. Frau Gmehling ist wirklich zuzutrauen, aus den drei Bänden „Vom Geist Europas“ (und vielleicht auch aus den ebenfalls drei Bänden „Europa“?) eine relevante Auswahl getroffen zu haben, denn natürlich waren nicht alle (aber doch die meisten) Essays erstklassig und manche behandelten Themen vielleicht doch von heute besehen abseitig. Wenn ich diese Essays lese, wird mir aber jedesmal klar, was verloren gegangen ist. Oben habe ich geschrieben: vor nicht allzu langer Zeit. Was in diesen 30, 40 Jahren an geistiger Zerstörung geschehen ist, ist unglaublich und wird an diesen Kaltenbrunner-Texten, an ihrer Diktion, an ihrer offenen (!) Art zu denken, ja schon am „Europa“-Begriff deutlich. – Bücher werden heute von den meisten Jugendlichen als veraltet belächelt. Das ist eine Tatsache. Dennoch könnte „Vom Geist Europas“ mehr Käufer und Leser finden als der Kulturpessimist erwarten würde, nämlich wegen Kaltenbrunners (wohlverstanden!) „Häppchenstrategie“, die gerade dem heutigen Leser, der sich nur noch 45 Minuten konzentrieren kann und sowieso ständig zwischendurch an der Wasserflasche nuckelt, entgegenkommt. Ob allerdings diese wichtige Neuerscheinung in Blättern wie der „SZ“ oder der „Zeit“ hymnisch besprochen wird, was für eine größere Verbreitung wohl notwendig ist, darf bezweifelt werden.

Nemo Obligatur

23. Februar 2019 16:14

Ich muss zugeben, dass ich zu Kaltenbrunners Text "Rekonstruktion des Konservatismus" keinen Zugang habe finden können. Ich will es aber mit den beiden Europa-Bänden jetzt gerne noch einmal versuchen. An dem Thema kommt wohl niemand vorbei. Meine Hausbibliothek bedarf ohnehin dringend einer Auffrischung.

Niekisch

23. Februar 2019 20:24

"In zwei Bänden wurden die "Sahnestücke" aus dem von 1987 bis 1992 erschienenen Monumentalwerk Vom Geist Europas mit ausgewählten Zusatztexten zusammengeführt."

Jetzt bin ich etwas verwirrt: beim Griff in eines der vielen Bücherregale finde ich vor: Kaltenbrunner, Europa, Seine geistigen Quellen in Porträts aus zwei Jahrtausenden, Bände I,II,II. Bd. I erschienen in 1.und 2. Auflage 1987, 2. Auflage 1987 bei regio -Glock und Lutz, ebenda Bd. II ohne Jahresangabe, Bd. III ebenfalls bei Glock und Lutz unter "Christiana-Verlag", wobei angegeben ist, der Band sei im Sommer 1985 (!) erschienen. Chaotisch!

"Ein Werk, das dem Stumpfsinne einen Stoß versetzt", schrieb "das Parlament" damals in einer Zeit, als wir noch nicht Insassen einer kollektiven Psychiatrie waren.

Sogar der deutsche Dichter Josef Weinheber wird porträtiert, der sich aus Verzweiflung über den Untergang Deutschlands 1945 das Leben nahm.

Zu seiner Ehre aus "Adel und Untergang:

Spruch zur Abwehr

Mich verdammt die Stimme des Gemeinen,
ich umschriebe nur mein kleines Weinen.
Ja, ich singe bloß, was e i n e r leidet,
Denn der n a c k t e Mensch allein entscheidet.

Einsamkeit ist Erdreich aller Dinge.
Jedes lebt getreu in s e i n e m Ringe.
Nachts als Feuer, tags in dunkler Wolke:
M i c h vollendend, diene ich dem Volke.

Nils Wegner

23. Februar 2019 22:45

@ Niekisch: Von den von Ihnen entdeckten Bänden redet doch überhaupt niemand.

"Europa" ist eine völlig andere Kaltenbrunner-Anthologie als "Vom Geist Europas"; verwirrend ist da allerhöchstens die Verlagsvarianz, sofern man den Titel richtig zu lesen vermag. Klarheit schafft im Zweifelsfall übrigens immer die sträflich unterschätzte Netzpräsenz der Deutschen Nationalbibliothek – oder in diesem Fall das "Staatspolitische Handbuch", Bd. 3, S. 110.

Seydlitz

23. Februar 2019 22:47

@ Niekisch, 20:24

Um die Verwirrung zu beheben:

Außer den drei Bänden "Europa - seine geistigen Quellen in Portraits" (81-84 bei Glock in 1.Auflage erschienen, 1987 in 2.Auflage) erschienen ab 1997 im MUT-Verlag drei Bände
"Vom Geist Europas". Auch diese behandeln in Portraits, selten auch in Essays zu Landschaften, Europas geistige Grundlagen.
Zwischen beiden Trilogien gibt es inhaltlich, wenn ich mich nicht völlig irre, nur ganz wenige Überschneidungen.
Wenn Sie diese zweite Reihe also nicht besitzen, können Sie bei diesem neuen zweibändigen Auszug ruhig zuschlagen.

Niekisch

24. Februar 2019 11:56

@ Nils Wegner & Seydlitz: Besten Dank für die hilfreichen Hinweise. Es wird sicher interessant sein zu sehen, welche Porträts die zweite Reihe nicht mehr enthält. Die im Redaktionstext erwähnten Namen jedenfalls meine ich auch in meinen Bänden vorgefunden zu haben.

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