15. Juni 2019

Netzfundstücke (15) – Masse, Gene, Sachsen

Jonas Schick / 7 Kommentare

Derzeit leben rund 7,7 Milliarden Menschen auf der Erde. Im Jahr 2050 werden es rund neun Milliarden sein.

Zu dieser Prognose kommen die Bevölkerungswissenschaftlern Rainer Münz und Albert F. Reiterer in ihrem Buch Wie schnell wächst die Zahl der Menschen?. Diese exorbitante Menge will ernährt werden. Traditionelle Landwirtschaft kann diese Aufgabe nur schwerlich vollbringen – zu niedrig der Ertrag, zu groß der Bedarf an Fläche, zu stark der Einfluß der meteorologischen und biologischen Rahmenbedingungen auf die Ernte.

Gentechnik, Herbizide, Fungizide, Pharmazeutika und technologisierte Massenproduktion sollen Abhilfe leisten – die Industrialisierung und Oligopolisierung erreichte im letzten Jahrhundert den Agrarsektor. Es setzte sich dieselbe Logik wie in der allgemeinen Warenproduktion durch: automatisierte, standardisierte und auf maximale Effizienz getrimmte Herstellung verringert die Kosten und ermöglicht die tägliche Hähnchenbrust für jedermann. Welche Resultate das zeitigt, führt die amerikanische Dokumentation „Food, Inc.“ aus dem Jahr 2008 vor Augen:

Für einen schmalen Taler ist der Film bei YouTube verfügbar.

Zwar sieht der US-amerikanische Nahrungsmittelmarkt anders aus als der deutsche respektive europäische, die grundlegende Tendenz bleibt aber auch für Europa dieselbe: Milch für 0,60 Cent oder Geflügelfleisch für 5,00 Euro das Kilo kann nicht vom Hof der glücklichen Tiere oder von traditionellen Nutztierrassen kommen, sondern muß zwangsweise aus industrialisierter Produktion durch gezüchtete, spezialisierte Hochleistungstiere stammen.

Abseits der gesundheitlichen Folgen und Risiken für den Endverbraucher planiert diese „universalistische“ Monokultur der Nahrungsmittelproduktion die differenten kulturellen Formen der Landwirtschaft, die über die Jahrhunderte aus den Anforderungen, die das Land an seine Bewirtschafter richtete, erwuchsen.

Welche Relevanz divergierende Ackerbaukulturen für viele Bauern im Mittleren Westen der USA zumindest noch in den 1970ern und 1980ern hatten zeigen die Studien der amerikanischen Soziologin Sonya Salamon, die sie in Prairie Patrimony: Family, Farming & Community in the Midwest zu einem Werk verdichtete. Die Nachfahren deutscher Einwanderer faßten Landwirtschaft als eine Lebensaufgabe mit distinktiver Lebensweise auf, das es über die Familie generational weiterzuvererben galt, wohingegen der „angelsächsische“-Landwirt seinen Hof als profitbringenden Betrieb ansah.

Einer der von Salamon befragten „deutschen“ Bauern äußerte sich wie folgt:

Das Geld ist bedeutungslos. Ich möchte ein angenehmes Leben für mich, die Hauptsache ist, daß es etwas ist, das ich selbst zusammengefügt habe und ich möchte es erhalten sehen….Ich würde gerne in 500 Jahren zurückkommen und nachschauen, ob meine Ur-Ur-Enkel es immer noch haben.

Salamons Untersuchungen lieferten indirekt Anknüpfungspunkte für das überaus interessante anthropologische Konzept der biokulturellen Evolution, das wiederum in Verbindung zu den in den Netzfundstücken Nr. 13 angesprochene Feld der Dysgenik steht. Die Theorie der Gen-Kultur-Koevolution postuliert, daß sich menschliche Evolution anhand einer Kombination aus Genetik und Kultur vollzieht und fokussiert dabei den umweltverändernden Faktor „Kultur“.

Eine der zentralen Arbeiten zu diesem Forschungszweig lieferten der Anthropologe Robert Boyd und der Biologe Peter J. Richerson in Form ihres Buches Not by Genes Alone: How culture transformed human evolution (zu deutsch - Nicht allein die Gene: Wie Kultur die menschliche Evolution beeinflußte). Richerson nimmt in folgendem Video eine konzise Vorstellung des Konzepts vor:

Wie schon bei der Thematik der „Dysgenik“ besteht das Problem, daß ein Großteil der Literatur in englischer Sprache verfaßt ist und nur ein marginales Stück des gesamten Korpus in deutscher Übersetzung vorliegt (dasselbe gilt für Vorträge) – der universitäre Trend zum Englischen als universaler Wissenschaftssprache ist diesem Mißstand eher zu- als abträglich.

Nichtsdestotrotz gibt es die ein oder andere Publikation, die diesem Themenfeld zugeordnet werden kann, die auch ins Deutsche übersetzt wurde. Eine davon ist Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens des ehemaligen Co-Direktors des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig Michael Tomasello. Für denjenigen, der einen Einblick in die aktuelle Forschung auf diesem Feld sucht, lohnt sich außerdem ein Blick auf die Netzseite der interdisziplinären Institution aus Leipzig.

Leipzig, das ist doch schon wieder Sachsen. Immer wieder dieses Sachsen; glaubt man aktuellen Umfragen, dann könnte die AfD aus den kommenden Landtagswahlen am 1. September als stärkste Kraft hervorgehen. Daß in Sachsen die Uhren irgendwie anders ticken müssen als im Rest der Republik, das bemerkte auch der Zeit-Journalist Iljoma Mangold und besuchte in der Manier eines zeitgleich faszinierten und abgestoßenen Insektenforschers das zu Ruhm gekommene Buchhaus Loschwitz der Dresdnerin Susanne Dagen. Seine Eindrücke ruhen hinter der Bezahlschranke, der Deutschlandfunk hat es jedoch von „grün“ gelesen.

Indessen setzt Götz Kubitschek zusammen mit seinem Redakteur Benedikt Kaiser das mit der Sezession 88 – „Volk“ (kann hier bestellt werden!) gestartete visuelle Vorstellungsformat fort und bespricht das aktuelle Heft Nr. 90 (ist hier beziehbar): Im Mittelpunkt steht natürlich Sachsen.

In diesem Sinne obliegen die abschließenden Worte diesmal dem Präsidenten des Fußballvereins Erzgebirge Aue e.V. Helge Leonhardt, der anläßlich des zurückliegenden Muttertags folgende Worte an das Auer Stadionpublikum richtete und damit das linksliberale Großstadtdeutschland in Rage versetzte:

Ich möchte herzlich den Müttern zum Muttertag gratulieren. Es lebe die Mutter als Grundpfeiler der Gesellschaft. An alle Frauen im Stadion, die keine Mütter sind, habe ich folgende Botschaft: Werdet Mütter und tragt die Wismut-DNA weiter.

Sachsen, das ist eben anders.



Kommentare (7)

Gustav Grambauer
15. Juni 2019 22:00

"... tragt die Wismut-DNA weiter."

Die ist ein Tragpfeiler des heutigen Sachsen-Phänomens, "Ich bin Bergmann, wer ist mehr?!", siehe 22:15 bis 24:42:

https://www.youtube.com/watch?v=tgHlbjV3Pys

Kein Zufall, daß gerade in Aue die Lady-Di-inspirierten Liturgismen der Oneness-Society-Zivilreligion am wenigsten beliebt sind:

https://www.youtube.com/watch?v=U13h6eklE_w

- G. G.

Andreas Walter
15. Juni 2019 23:40

"We Feed the World". Sehr erfolgreicher österreichischer Dokumentarfilm, 2005.

https://archive.org/details/WE_FEED_THE_WORLD_DEUTSCH

Kostenlos, 2,8 GB bzw. 425 MB. Habe ich im Kino ein Jahr vor meinem Diplomabschluss gesehen. Weltbevölkerung damals: 6,5 Milliarden.

UN Revision 2015 = 9,7(!) Milliarden für 2050.

http://pdwb.de/nd02.htm

Es beschleunigt also. Ältere Hoffnungen (von 2010) scheinen sich also nicht zu erfüllen. Dafür hauptverantwortlich: Indien, Afrika und die meisten islamischen Länder (Ausnahme Iran).

Genau die Völker, die hauptsächlich darum in Nordwest-Europa einfallen, Südafrika bereits 1994 übernommen haben.

Geostrategisch ist Sachsen allerdings alles andere als Ideal, doch genau deshalb wurde Made in Germany dort geboren. 1862 in Form der besten Werkzeugmaschinen der Welt:

“Am 23. August 1887 beschloss das englische Parlament daher den Merchandise Marks Act 1887.[6] Dieser schrieb vor, dass auf Waren unmissverständlich das Herkunftsland anzugeben sei. Importierte Ware wurde so für jedermann erkennbar.[1] Ein Auslöser für diese Entwicklung in Großbritannien waren unter anderem Waren aus Chemnitz auf der Weltausstellung London 1862; diese brachen erstmals die englische Dominanz im Maschinenbau. Beispielsweise bezeichnete das berühmte Jurymitglied Sir Joseph Whitworth die Maschinen von Johann von Zimmermann erstmals als „very good indeed“ („tatsächlich sehr gut“)." Wikipedia, Made in Germany

Auch jetzt müssen wir uns darum wieder etwas einfallen lassen, um besser als der Rest zu sein, und Not macht ja bekanntlich erfinderisch.

JanH
16. Juni 2019 11:04

Die rasant zunehmende Weltbevölkerung kann, wie zurecht konstatiert wird, mit traditioneller Landwirtschaft nicht ernährt werden und ist auch unabhängig hiervon die Mutter aller ökologischen Probleme ohne dessen langfristige Lösung alle Maßnahmen zum Umwelt, Verbraucher- oder Klimaschutz Sisyphusarbeit sind. In diesem Kontext ausgerechnet mit der Forderung/frohen Botschaft: werdet Mütter, zu enden, erscheint allerdings ein wenig absurd, auch wenn die Forderung primär provokativ gemeint und auf Sachsen oder Deutschland beschränkt ist.

Andreas Walter
16. Juni 2019 15:38

Seltsam (krass).

Ich habe mir gestern Abend (21 Uhr) folgenden Dokumentarfilm angesehen:

https://youtu.be/p8wOV88ewIU

Und lese jetzt gerade diese Meldung:

https://www.welt.de/vermischtes/article195344469/Stromausfaelle-in-Argentinien-und-Uruguay-Mega-Blackout-in-Suedamerika.html

Und auch diese, auch von heute:

https://www.heise.de/tp/features/Vor-einem-Cyberwar-USA-legen-Cyberminen-im-russischen-Stromnetz-4447400.html?wt_mc=rss.tp.beitrag.atom

Und erinnere mich dabei gerade auch an die Stromausfälle in Venezuela vor ein paar Monaten. Allerdings lese und weiß ich auch:

“Argentinien steckt in einer Zahlungskrise und kämpft mit einer hohen Inflation. Jüngst gewährte der Internationale Währungsfonds (IWF) dem Land finanzielle Hilfen."

Sozialistischer Schlendrian, schlechter Umgang mit Geld, oder doch die bösen Amis? Ich hatte auch mal ein kleines Notstromdieselaggregat, doch nur für ein paar Tage um Silvester 2000. Passiert ist damals nichts, und ich kam mir deshalb später wie ein Dummkopf vor.

Niekisch
17. Juni 2019 16:34

"Nicht allein die Gene: Wie Kultur die menschliche Evolution beeinflußte."

Wenn die Kultur über die Gene hinaus evolutiv wirkt, dann ist bei den heutigen Zuständen das Schlimmste zu befürchten...

starhemberg
18. Juni 2019 11:01

Auf die Mütter, sage ich da nur, die erste vertraute Heimat, die erste Geborgenheit.

Stil-Bluete
18. Juni 2019 12:53

@ Gustav Grambauer
Großen Dank für den Hinweis auf den Dokumentardfilm über die Wismut. Das nenne ich anschaulichen Unterricht in Zeitgeschichte.

Nicht uninteressant wäre es, diese Doku mit dem Spielfilm 'Die Sonnensucher' (!) von Konrad Wolf, Bruder des ehem. Auslandgeheimdienstchefs Markus Wolf, zu vergleichen.

Ich möchte noch kurz was speziell zu den 'Arzgebärchlern sagen: Nach dem Ende des Silberbergbaus fiel ihnen ein, so nach und nach aus ihrer Freizeitbeschäftigung, des Schnitzens einen Berufszweig zu machen.

Auch ist die Freiberger Bergakademie ein Vorreiter in der Forstwirtschaft und hat die Nachhaltigkeit des Waldes durch Aufforsten, Schonungen usw. regelrecht entdeckt und eingeführt.

Also die Arzgebärgler wahrlich keine Hinterwäldler!

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