Netzfundstücke (15) – Masse, Gene, Sachsen

Derzeit leben rund 7,7 Milliarden Menschen auf der Erde. Im Jahr 2050 werden es rund neun Milliarden sein.

Zu die­ser Pro­gno­se kom­men die Bevöl­ke­rungs­wis­sen­schaft­lern Rai­ner Münz und Albert F. Rei­te­rer in ihrem Buch Wie schnell wächst die Zahl der Men­schen?. Die­se exor­bi­tan­te Men­ge will ernährt wer­den. Tra­di­tio­nel­le Land­wirt­schaft kann die­se Auf­ga­be nur schwer­lich voll­brin­gen – zu nied­rig der Ertrag, zu groß der Bedarf an Flä­che, zu stark der Ein­fluß der meteo­ro­lo­gi­schen und bio­lo­gi­schen Rah­men­be­din­gun­gen auf die Ernte.

Gen­tech­nik, Her­bi­zi­de, Fun­gi­zi­de, Phar­ma­zeu­ti­ka und tech­no­lo­gi­sier­te Mas­sen­pro­duk­ti­on sol­len Abhil­fe leis­ten – die Indus­tria­li­sie­rung und Oli­go­po­li­sie­rung erreich­te im letz­ten Jahr­hun­dert den Agrar­sek­tor. Es setz­te sich die­sel­be Logik wie in der all­ge­mei­nen Waren­pro­duk­ti­on durch: auto­ma­ti­sier­te, stan­dar­di­sier­te und auf maxi­ma­le Effi­zi­enz getrimm­te Her­stel­lung ver­rin­gert die Kos­ten und ermög­licht die täg­li­che Hähn­chen­brust für jeder­mann. Wel­che Resul­ta­te das zei­tigt, führt die ame­ri­ka­ni­sche Doku­men­ta­ti­on „Food, Inc.“ aus dem Jahr 2008 vor Augen:

Für einen schma­len Taler ist der Film bei You­Tube verfügbar. 

Zwar sieht der US-ame­ri­ka­ni­sche Nah­rungs­mit­tel­markt anders aus als der deut­sche respek­ti­ve euro­päi­sche, die grund­le­gen­de Ten­denz bleibt aber auch für Euro­pa die­sel­be: Milch für 0,60 Cent oder Geflü­gel­fleisch für 5,00 Euro das Kilo kann nicht vom Hof der glück­li­chen Tie­re oder von tra­di­tio­nel­len Nutz­tier­ras­sen kom­men, son­dern muß zwangs­wei­se aus indus­tria­li­sier­ter Pro­duk­ti­on durch gezüch­te­te, spe­zia­li­sier­te Hoch­leis­tungs­tie­re stammen.

Abseits der gesund­heit­li­chen Fol­gen und Risi­ken für den End­ver­brau­cher pla­niert die­se „uni­ver­sa­lis­ti­sche“ Mono­kul­tur der Nah­rungs­mit­tel­pro­duk­ti­on die dif­fe­ren­ten kul­tu­rel­len For­men der Land­wirt­schaft, die über die Jahr­hun­der­te aus den Anfor­de­run­gen, die das Land an sei­ne Bewirt­schaf­ter rich­te­te, erwuchsen.

Wel­che Rele­vanz diver­gie­ren­de Acker­bau­kul­tu­ren für vie­le Bau­ern im Mitt­le­ren Wes­ten der USA zumin­dest noch in den 1970ern und 1980ern hat­ten zei­gen die Stu­di­en der ame­ri­ka­ni­schen Sozio­lo­gin Sonya Sala­mon, die sie in Prai­rie Patri­mo­ny: Fami­ly, Far­ming & Com­mu­ni­ty in the Mid­west zu einem Werk ver­dich­te­te. Die Nach­fah­ren deut­scher Ein­wan­de­rer faß­ten Land­wirt­schaft als eine Lebens­auf­ga­be mit dis­tink­ti­ver Lebens­wei­se auf, das es über die Fami­lie genera­tio­nal wei­ter­zu­ver­er­ben galt, wohin­ge­gen der „angelsächsische“-Landwirt sei­nen Hof als pro­fit­brin­gen­den Betrieb ansah.

Einer der von Sala­mon befrag­ten „deut­schen“ Bau­ern äußer­te sich wie folgt:

Das Geld ist bedeu­tungs­los. Ich möch­te ein ange­neh­mes Leben für mich, die Haupt­sa­che ist, daß es etwas ist, das ich selbst zusam­men­ge­fügt habe und ich möch­te es erhal­ten sehen….Ich wür­de ger­ne in 500 Jah­ren zurück­kom­men und nach­schau­en, ob mei­ne Ur-Ur-Enkel es immer noch haben.

Sala­mons Unter­su­chun­gen lie­fer­ten indi­rekt Anknüp­fungs­punk­te für das über­aus inter­es­san­te anthro­po­lo­gi­sche Kon­zept der bio­kul­tu­rel­len Evo­lu­ti­on, das wie­der­um in Ver­bin­dung zu den in den Netz­fund­stü­cken Nr. 13 ange­spro­che­ne Feld der Dys­ge­nik steht. Die Theo­rie der Gen-Kul­tur-Koevo­lu­ti­on pos­tu­liert, daß sich mensch­li­che Evo­lu­ti­on anhand einer Kom­bi­na­ti­on aus Gene­tik und Kul­tur voll­zieht und fokus­siert dabei den umwelt­ver­än­dern­den Fak­tor „Kul­tur“.

Eine der zen­tra­len Arbei­ten zu die­sem For­schungs­zweig lie­fer­ten der Anthro­po­lo­ge Robert Boyd und der Bio­lo­ge Peter J. Richer­son in Form ihres Buches Not by Genes Alo­ne: How cul­tu­re trans­for­med human evo­lu­ti­on (zu deutsch – Nicht allein die Gene: Wie Kul­tur die mensch­li­che Evo­lu­ti­on beein­fluß­te). Richer­son nimmt in fol­gen­dem Video eine kon­zi­se Vor­stel­lung des Kon­zepts vor:

Wie schon bei der The­ma­tik der „Dys­ge­nik“ besteht das Pro­blem, daß ein Groß­teil der Lite­ra­tur in eng­li­scher Spra­che ver­faßt ist und nur ein mar­gi­na­les Stück des gesam­ten Kor­pus in deut­scher Über­set­zung vor­liegt (das­sel­be gilt für Vor­trä­ge) – der uni­ver­si­tä­re Trend zum Eng­li­schen als uni­ver­sa­ler Wis­sen­schafts­spra­che ist die­sem Miß­stand eher zu- als abträglich.

Nichts­des­to­trotz gibt es die ein oder ande­re Publi­ka­ti­on, die die­sem The­men­feld zuge­ord­net wer­den kann, die auch ins Deut­sche über­setzt wur­de. Eine davon ist Die kul­tu­rel­le Ent­wick­lung des mensch­li­chen Den­kens des ehe­ma­li­gen Co-Direk­tors des Max-Planck-Insti­tuts für evo­lu­tio­nä­re Anthro­po­lo­gie in Leip­zig Micha­el Toma­sel­lo. Für den­je­ni­gen, der einen Ein­blick in die aktu­el­le For­schung auf die­sem Feld sucht, lohnt sich außer­dem ein Blick auf die Netz­sei­te der inter­dis­zi­pli­nä­ren Insti­tu­ti­on aus Leipzig.


Leip­zig, das ist doch schon wie­der Sach­sen. Immer wie­der die­ses Sach­sen; glaubt man aktu­el­len Umfra­gen, dann könn­te die AfD aus den kom­men­den Land­tags­wah­len am 1. Sep­tem­ber als stärks­te Kraft her­vor­ge­hen. Daß in Sach­sen die Uhren irgend­wie anders ticken müs­sen als im Rest der Repu­blik, das bemerk­te auch der Zeit-Jour­na­list Iljo­ma Man­gold und besuch­te in der Manier eines zeit­gleich fas­zi­nier­ten und abge­sto­ße­nen Insek­ten­for­schers das zu Ruhm gekom­me­ne Buch­haus Losch­witz der Dresd­ne­rin Susan­ne Dagen. Sei­ne Ein­drü­cke ruhen hin­ter der Bezahl­schran­ke, der Deutsch­land­funk hat es jedoch von „grün“ gelesen.


Indes­sen setzt Götz Kubit­schek zusam­men mit sei­nem Redak­teur Bene­dikt Kai­ser das mit der Sezes­si­on 88 – „Volk“ (kann hier bestellt wer­den!) gestar­te­te visu­el­le Vor­stel­lungs­for­mat fort und bespricht das aktu­el­le Heft Nr. 90 (ist hier bezieh­bar): Im Mit­tel­punkt steht natür­lich Sachsen.

In die­sem Sin­ne oblie­gen die abschlie­ßen­den Wor­te dies­mal dem Prä­si­den­ten des Fuß­ball­ver­eins Erz­ge­bir­ge Aue e.V. Hel­ge Leon­hardt, der anläß­lich des zurück­lie­gen­den Mut­ter­tags fol­gen­de Wor­te an das Auer Sta­di­on­pu­bli­kum rich­te­te und damit das links­li­be­ra­le Groß­stadt­deutsch­land in Rage versetzte:

Ich möch­te herz­lich den Müt­tern zum Mut­ter­tag gra­tu­lie­ren. Es lebe die Mut­ter als Grund­pfei­ler der Gesell­schaft. An alle Frau­en im Sta­di­on, die kei­ne Müt­ter sind, habe ich fol­gen­de Bot­schaft: Wer­det Müt­ter und tragt die Wis­mut-DNA weiter.

Sach­sen, das ist eben anders.

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Kommentare (7)

Gustav Grambauer

15. Juni 2019 22:00

"... tragt die Wismut-DNA weiter."

Die ist ein Tragpfeiler des heutigen Sachsen-Phänomens, "Ich bin Bergmann, wer ist mehr?!", siehe 22:15 bis 24:42:

https://www.youtube.com/watch?v=tgHlbjV3Pys

Kein Zufall, daß gerade in Aue die Lady-Di-inspirierten Liturgismen der Oneness-Society-Zivilreligion am wenigsten beliebt sind:

https://www.youtube.com/watch?v=U13h6eklE_w

- G. G.

Andreas Walter

15. Juni 2019 23:40

"We Feed the World". Sehr erfolgreicher österreichischer Dokumentarfilm, 2005.

https://archive.org/details/WE_FEED_THE_WORLD_DEUTSCH

Kostenlos, 2,8 GB bzw. 425 MB. Habe ich im Kino ein Jahr vor meinem Diplomabschluss gesehen. Weltbevölkerung damals: 6,5 Milliarden.

UN Revision 2015 = 9,7(!) Milliarden für 2050.

http://pdwb.de/nd02.htm

Es beschleunigt also. Ältere Hoffnungen (von 2010) scheinen sich also nicht zu erfüllen. Dafür hauptverantwortlich: Indien, Afrika und die meisten islamischen Länder (Ausnahme Iran).

Genau die Völker, die hauptsächlich darum in Nordwest-Europa einfallen, Südafrika bereits 1994 übernommen haben.

Geostrategisch ist Sachsen allerdings alles andere als Ideal, doch genau deshalb wurde Made in Germany dort geboren. 1862 in Form der besten Werkzeugmaschinen der Welt:

“Am 23. August 1887 beschloss das englische Parlament daher den Merchandise Marks Act 1887.[6] Dieser schrieb vor, dass auf Waren unmissverständlich das Herkunftsland anzugeben sei. Importierte Ware wurde so für jedermann erkennbar.[1] Ein Auslöser für diese Entwicklung in Großbritannien waren unter anderem Waren aus Chemnitz auf der Weltausstellung London 1862; diese brachen erstmals die englische Dominanz im Maschinenbau. Beispielsweise bezeichnete das berühmte Jurymitglied Sir Joseph Whitworth die Maschinen von Johann von Zimmermann erstmals als „very good indeed“ („tatsächlich sehr gut“)." Wikipedia, Made in Germany

Auch jetzt müssen wir uns darum wieder etwas einfallen lassen, um besser als der Rest zu sein, und Not macht ja bekanntlich erfinderisch.

JanH

16. Juni 2019 11:04

Die rasant zunehmende Weltbevölkerung kann, wie zurecht konstatiert wird, mit traditioneller Landwirtschaft nicht ernährt werden und ist auch unabhängig hiervon die Mutter aller ökologischen Probleme ohne dessen langfristige Lösung alle Maßnahmen zum Umwelt, Verbraucher- oder Klimaschutz Sisyphusarbeit sind. In diesem Kontext ausgerechnet mit der Forderung/frohen Botschaft: werdet Mütter, zu enden, erscheint allerdings ein wenig absurd, auch wenn die Forderung primär provokativ gemeint und auf Sachsen oder Deutschland beschränkt ist.

Andreas Walter

16. Juni 2019 15:38

Seltsam (krass).

Ich habe mir gestern Abend (21 Uhr) folgenden Dokumentarfilm angesehen:

https://youtu.be/p8wOV88ewIU

Und lese jetzt gerade diese Meldung:

https://www.welt.de/vermischtes/article195344469/Stromausfaelle-in-Argentinien-und-Uruguay-Mega-Blackout-in-Suedamerika.html

Und auch diese, auch von heute:

https://www.heise.de/tp/features/Vor-einem-Cyberwar-USA-legen-Cyberminen-im-russischen-Stromnetz-4447400.html?wt_mc=rss.tp.beitrag.atom

Und erinnere mich dabei gerade auch an die Stromausfälle in Venezuela vor ein paar Monaten. Allerdings lese und weiß ich auch:

“Argentinien steckt in einer Zahlungskrise und kämpft mit einer hohen Inflation. Jüngst gewährte der Internationale Währungsfonds (IWF) dem Land finanzielle Hilfen."

Sozialistischer Schlendrian, schlechter Umgang mit Geld, oder doch die bösen Amis? Ich hatte auch mal ein kleines Notstromdieselaggregat, doch nur für ein paar Tage um Silvester 2000. Passiert ist damals nichts, und ich kam mir deshalb später wie ein Dummkopf vor.

Niekisch

17. Juni 2019 16:34

"Nicht allein die Gene: Wie Kultur die menschliche Evolution beeinflußte."

Wenn die Kultur über die Gene hinaus evolutiv wirkt, dann ist bei den heutigen Zuständen das Schlimmste zu befürchten...

starhemberg

18. Juni 2019 11:01

Auf die Mütter, sage ich da nur, die erste vertraute Heimat, die erste Geborgenheit.

Stil-Bluete

18. Juni 2019 12:53

@ Gustav Grambauer
Großen Dank für den Hinweis auf den Dokumentardfilm über die Wismut. Das nenne ich anschaulichen Unterricht in Zeitgeschichte.

Nicht uninteressant wäre es, diese Doku mit dem Spielfilm 'Die Sonnensucher' (!) von Konrad Wolf, Bruder des ehem. Auslandgeheimdienstchefs Markus Wolf, zu vergleichen.

Ich möchte noch kurz was speziell zu den 'Arzgebärchlern sagen: Nach dem Ende des Silberbergbaus fiel ihnen ein, so nach und nach aus ihrer Freizeitbeschäftigung, des Schnitzens einen Berufszweig zu machen.

Auch ist die Freiberger Bergakademie ein Vorreiter in der Forstwirtschaft und hat die Nachhaltigkeit des Waldes durch Aufforsten, Schonungen usw. regelrecht entdeckt und eingeführt.

Also die Arzgebärgler wahrlich keine Hinterwäldler!

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