Sezession
6. Juli 2019

Netzfundstücke (17) – Architektur II, Lebensmittel, Weidel

Jonas Schick / 7 Kommentare

Die Architektur bleibt Streitthema – nicht nur auf Sezession im Netz, sondern auch in der breiten öffentlichen Diskussion.

Wie nicht anders zu erwarten, reibt sich die vornehmlich modernistische Architekturgilde derzeit an vorgeblich „Rechten Räumen“. Genauer, der von Hans-Kollhoff konzipierte Walter-Benjamin-Platz in Berlin-Charlottenburg wird von der Architekturzeitung Arch+ wegen eines im Stein eingravierten „antisemitischen“ Ezra Pound-Zitats unter „Faschismusverdacht“ gestellt.

Ellen Kositza servierte das dazu passende Fundstück auf Twitter (nun auch am Zwitschern – wer es noch nicht mitbekommen hat, folgen!): Kollhoff wurde im Deutschlandfunk die Möglichkeit zur Verteidigung gegenüber den unlauteren Tiefschlägen gegeben.

Mit ähnlichen Vorwürfen und Anfeindungen hatten auch die Initiatoren der Rekonstruktion der Frankfurt Altstadt zu kämpfen. Es ist kein Wunder, daß Arch+ auch dieses – mittlerweile erfolgreich umgesetzte – Projekt als „Rechten Raum“ klassifiziert; die Zeitschrift feuert gegen den Wiederaufbau schon seit Jahren. Hier versuchte man das architektonische Vorhaben über die Beteiligung von Claus M. Wolfschlag, immer wieder Autor für Sezession im Netz, zu diskreditieren.

Derweil ließ man sich davon beim Verein „Pro Altstadt“ nicht beirren und lud Ende letzten Jahres anläßlich der bevorstehenden feierlichen Eröffnung der neuen Altstadt zur Tagung unter dem Titel „Städte brauchen Schönheit & Seele”. Eindrücke und Ausschnitte gibt es in folgendem Video:

Wer noch etwas tiefer in die Thematik konservativer Architekturansätze fernab der Stahl- und Betonklötze der Moderne einsteigen möchte, dem empfiehlt sich ein Blick auf das Lebenswerk des auch bei der Tagung anwesenden Luxemburger Architekturtheoretikers Léon Krier.

Jedoch, um an Publikationen Kriers zu kommen, speziell für ins Deutsche übersetzte Ausgaben, muß man regelmäßig den Gebrauchtbuchhandel konsultieren – sie sind ausgesprochene Mangelware. Hier findet sich noch ein Artikel von Krier für das CATO-Magazin aus dem letzten Jahr.

Zu guter Letzt für die des Englisch Mächtigen noch ein auf Video aufgezeichneter Vortrag des konservativen Architekturkritikers; etliche weitere sind bei YouTube abrufbar.

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Aktuell prägen im Kontext »Europäische Union« hauptsächlich die Personalien Ursula von der Leyen und Christine Lagarde die Schlagzeilen. Jedoch hat die EU während des jüngsten G20-Gipfels in Japan ein folgenschweres Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten (Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay) geschlossen, das im deutschen Blätterwald eher als Randnotiz zu finden war.

Erst der Widerstand französischer Bauern und die darauffolgende Weigerung der französischen Regierung, das Abkommen zu ratifizieren, gab dem Thema wieder etwas Aufwind.

Stein des Anstoßes sind dabei zwei Aspekte, bei denen der Vertrag mit großer Wahrscheinlichkeit negative Auswirkungen zeitigen wird:

  1. Die wirtschaftliche und soziale Komponente für die europäische respektive deutsche Agrarbranche
  2. Die Ökologie

Während der öffentlich-rechtliche Rundfunk auf der „grünen Welle“, die er reitet, sich logischerweise zuvorderst um die globalen Klimafolgen und den „rechtsextremen“ brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro scherte, treibt den deutschen Bauernverband die Sorge um, „daß die Zukunft vieler bäuerlicher Familienbetriebe, die unter den hohen europäischen Standards wirtschaften“ auf der Kippe steht.

Der Grund: Man rechnet mit einer enormen Wettbewerbsverzerrung – insbesondere bei Rindfleisch, Geflügel und Zucker – durch eklatant divergierende Anforderungen, die vor allem ökologische Standards betreffen. Mit den (noch) billig(er) produzierten Lebensmitteln aus Südamerika kann der heimische Bauer aller Voraussicht nach nicht konkurrieren.

Das führt uns wieder an den Punkt, den ich bereits in den „Netzfundstücken (15)“, aufgegriffen hatte: Industrialisierung und Globalisierung des Agrarsektors zur weiteren Anfeuerung des Konsums und die Stillung der damit einhergehenden steigenden Nachfrage. Gerade am Agrarsektor läßt sich plastisch veranschaulichen, wie Ökonomie und Ökologie Hand in Hand gehen.

Weitere Artikel des Nachrichtenmagazins Agrarheute, die das Abkommen und seine möglichen Auswirkungen für die deutsche Landwirtschaft beleuchten, gibt es hier, hier und hier.

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Außerdem ist dieser Tage die neuste Ausgabe der österreichischen Neuen Ordnung aus dem Hause Dvorak-Stocker erschienen und kann mit einer ersten ausführlichen Stellungnahme des Ex-Vizekanzlers Heinz-Christian Strache (FPÖ) nach der Ibiza-Affäre für ein explizit konservatives bzw. rechtes Medium aufwarten.

Das Interview ist hier im Netz frei verfügbar! Darüber hinaus ist Sezession-Redakteur Benedikt Kaiser mit einem lesenswerten Artikel „Hausprojekte als Mosaiksteine – Neurechte Lebenswelten von Halle bis Paris“ vertreten.

Er wird vom regelmäßigen Sezession-Autor Nils Wegner flankiert, der unter der Überschrift „Der einsame Beobachter“ eine konzise Besprechung des neusten Buchs von Bret Easton Ellis „Weiß“ vornimmt.

Kurz und knapp: Ein Blick in die Neue Ordnung – oder direkt ein Abonnement – lohnt sich!

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Währenddessen sorgt die Ankündigung der 20. IfS-Sommerakademie mit dem Thema „Das politische Minimum“ für Aufsehen bei der Gegenseite.

Auslöser der Aufregung ist der Vortrag von Dr. Alice Weidel am Freitagabend, der ganz im Zeichen der Politik steht. Dr. Maximilian Krah, dessen kenntnisreicher Vortrag zu „Volk, Volkssouveränität, Verfassung“ bei der letzten Winterakademie schon überzeugen konnte, wird mit einer Ausführung zur „Politik in Brüssel“ den Auftakt geben.

Weidel wird darauffolgend das Ganze um eine bundesrepublikanische Perspektive erweitern. Das IfS bereitet durch seine Veranstaltungen und Akademien unserem breitgefächerten Widerstandsmilieu ein Podium; wer könnte sonst 150 junge, bildungshungrige Menschen aus allen Spektren des patriotischen Lagers versammeln? Weidels Teilnahme ist daher nur folgerichtig und letzten Endes eine Selbstverständlichkeit.

Wie es sich mittlerweile eingebürgert hat, steht der Akademie-Sonntag wieder Interessierten jenseits der 35 Lenzen offen – eine Spende, für die Umkosten des Instituts in bezug auf das Mittagessen wird von den „Sonntagsfahrern“ erwartet. Das gesamte Programm ist hier insehbar. Aktuell sind schon 71 Plätze von 150 belegt. Also, die Zeit rennt. Wer noch einen Platz bekommen möchte, der sollte sich schnellstmöglich anmelden.

Als kleiner Vorgeschmack auf die Akademie, hier das Video zum Vortrag „Warum machen wir Politik“ des Kopfes von Zukunft Heimat e.V. und Kandidaten der AfD zur brandenburgischen Landtagswahl auf Listenplatz 2 Christoph Berndt auf dem IV. Staatspolitischen Kongreß in Magdeburg:



Kommentare (7)

Laurenz
6. Juli 2019 22:56

Die Architektur-Debatte kann man führen. Allerdings, ist die Bauhaus-Debatte nicht ein Nebenkriegs-Schauplatz?
Jeder, auch die Linke, weiß um ihre eigenen Beton-Klotz-Sünden in den 70ern. Und auf dem Lande glaubten die Konservativen noch in den 80ern, Beton sei Fortschritt und übten den Abriß alter Bau-Kultur und den Beton-Ersatz im Stile Hannovers in den 50ern. Bau-Auflagen verteuern jegliche Bauttätigkeit, gerade die Grünen tun sich hervor. Was soll da noch für Kunst über bleiben.

Der deutsche Bauernverband ist die einflußreichste Lobby in Deutschland. Selbst Urteile des BGH gegen die Bauernlobby werden, zugunsten dieser Lobby, von der Politik nur formal befolgt, aber tatsächlich nicht umgesetzt. Wenige kluge deutsche Bauern haben bereits in Ost-Europa investiert. Natürlich ißt jeder lieber Rindfleisch aus Freilandhaltung mit der Grasfütterung Südamerikas, als das schlecht deutsche Fleisch aus Stallhaltung. Die deutsche Landwirtschaft hat es versäumt, die Politik daraufhin zu beeinflussen, die großen Weiten Ost-Europas für die Freiland-Tierhaltung zugänglich zu machen.

Thomas Martini
7. Juli 2019 00:31

Schicks Netzfundstücke sind die Fortsetzung von Wegners Szene-Kaleidoskop: Da hätte man auch früher drauf kommen können.

Bei einer Werbeagentur, könnte ich mir Herr Schick auch gut vorstellen. 'Keep it real' geht anders.

Die große Fage indes: Warum findet Schick, ein offenbar nicht auf den Kopf gefallener Schreiber, nie etwas Brisantes bei seiner Suche im Netz? Oder findet er heikle Sachen, und sieht aber davon ab, derlei Fundstücke hier öffentlich vorzuzeigen?

Bei Wegners rechtem Panorama, das kann man zur Verteidigung von Schick sagen, war es allerdings genauso.

Kositza: Ganz im Ernst, Herr Martini: Reichen Sie doch mal Ihre Netz-Funstücke mit "Brisantem" ein! Adresse ist ja bekannt.

KlausD.
7. Juli 2019 18:40

Was in Frankfurt der „Verein Pro Altstadt“ ist in Dessau der „Verein Schloßplatz“ und hat sich zum Ziel gesetzt, Teile des Schloßplatzes im historischen Zentrum der Stadt in seiner Vorkriegsgestalt wiedererstehen zu lassen. Als erstes soll ein am Schloßplatz geplanter Hotelneubau größtenteils eng an historischen Vorbildern angelehnte Fassaden erhalten. Die Stadt dagegen, ohne ein Gesamtkonzept zu entwickeln, favorisiert für diesen Neubau „seelenlose Klötzer“ der Moderne, Entwürfe von 2 Unternehmen aus Sachsen/Anhalt. Der Kampfbegriff „Rechter Raum“ ist seitens der Stadt bisher nicht gefallen, Zeit zum Beirren lassen bliebe sowieso nicht mehr, denn zum 1. September ist ein Bürgerentscheid zur Rettung des Schloßplatzes angesetzt.
https://www.schlossplatzdessau.de/

Atz
8. Juli 2019 11:30

Das Amüsante an Trübys Anwurf ist ja, dass die politische Rechte gar keinen Zugriff auf diese Architekturdebatte hat. Wenn der Einwurf von Trüby dazu führt, dass sich Menschen mit Esra Pound beschäftigen, war es das wert.

Vor allem aber sympathisch, wenn Trüby jetzt behauptet bürgerfreundliches Bauen mit Rücksicht auf das Stadtbild und die Menschen sei rechts. Die Betonklotzigkeiten gegen die Menschen wie das technische Rathaus in Frankfurt waren links, die neue Altstadt an gleicher Stelle rechts. Wenn es so einfach wäre, ein willkommenes Argument für die rechte Sache.

Wie wollen wir leben? Links das Technische Rathaus in Frankfurt/Main. Rechts die neue Altstadt in Frankfurt am Main. Da versagt alle progressive Vernunft und dem betrübten Herrn Trüby wird wieder einfallen, dass es die "rechtsextreme" SPD war, die das voran gebracht hat.

Laurenz
8. Juli 2019 22:22

@Atz .... war in Frankfurt in der Schule. Daher kenne ich Ihre Beispiele nur zu genau. Wenn Sie Sich die Altstadt-Dokus anschauen, sind die neuen Bewohner dort eher in der Feldmann'schen Schicht privilegierter Links-Liberaler zu verorten.

Fahren Sie doch mal raus in den Hinter-Taunus nach Weilmünster. Dort wurde noch in den 80ern das Flüßchen Weil in Beton gefaßt und die alte Backstein-Bogen-Brücke beseitigt und mit einer aus Beton ersetzt. Das hat nichts mit links und rechts zu tun, sondern mit zeitgeistiger Blödheit. Daß bei gläubigen Linken das Symptom häufiger auftritt, mag sein. Aber davor schützt auch eine rechte Gesinnung in keiner Weise.

W. Wagner
8. Juli 2019 23:36

Nicht Krier sondern Schultze-Naumburg, Schmitthenner, Tessenow muss man lesen und schauen - und irgendwann neu auflegen. Die ganze Heimatschutzbewegung - fehlend im Sachsenheft der Sezession - ist ein schönes Thema, wichtig, um auch Sachsen wieder Dorf für Dorf ein Gesicht zu geben (wie Bautzen, Görlitz). Und ebenfalls dazu gehört alles, was die Stiftung Deutscher Denkmalschutz mit der Zeitschrift Monumente und Jugendbauhütten leistet.

Valjean72
9. Juli 2019 10:01

Vielen Dank für diesen Artikel, durch welchen ich erst auf die Kontroverse um das eingravierte Zitat Ezra Pounds aufmerksam wurde.

Architektur, zumal an zentralen Plätzen europäischer Städte, ist nicht losgelöst von den vorherrschenden Leitlinien in Politik und des „Gesellschafts-Ingenieurwesens“ zu begreifen.

Die sozialistische Architektur sollte ihren Teil dazu beitragen mit der Vergangenheit zu brechen, um schließlich den neuen, sozialistischen Menschen zu schaffen. Das Sein bestimmt das Bewusstsein …

Bemerkenswerterweise thematisiert der Autor des verlinkten Tagesspiegel-Artikels in Zusammenhang mit „rechten Räumen“ den frisch rekonstruierten Teil der Frankfurter Altstadt, sowie das Berliner Stadtschloss aber nicht die „Mutter aller Nachwende-Rekonstruktionsvorhaben“: den Dresdner Neumarkt mitsamt Frauenkirche als dessen Nukleus.

Ohne die wiederaufgebaute Frauenkirche - allen Widerständen und Unkenrufen zum Trotz - und dem folgenden traditionellen, regionaltypischen Aufbau alter Bürgerhäuser auf dem Neumarkt, wären mE die Rekonstruktionen in Potsdam, Berlin und Frankfurt so nicht erfolgt.

Das in Teilen wiedergewonnene historische Stadtbild schafft eine tiefe Identifikation der Bewohner mit ihrer Stadt, mit ihrer Region, kurzum: mit ihrer Heimat.
Und wer seine Heimat schätzt, vielleicht sogar liebt, der blickt naturgemäß positiv darauf und ist folglich daran interessiert, sie zu erhalten.

Dies konterkariert selbstverständlich den vorherrschenden hyper-liberalen, Nationen schleifenden Zeitgeist.

Es bleibt: sächsische „Erinnerungslust statt Erinnerungslast“, wie Donath das nennt.
„Wenn ich immer nur August der Starke höre, und Gräfin Cosel, und das in der Schule auch vorkommt und im Internet und in der Werbung, dann denke ich natürlich nicht an Adolf Hitler.“

(Quelle: ZEIT.de; „Ein ganz besonderes Volk“; 03.10.2016)

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