Schlink, Bahners, Mainstream

Bernhard Schlink und Patrick Bahners haben die Debatte weitergeführt, ob es nicht doch angemessen sei, mit Rechten zu reden. Sie sind beide dafür.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Die­ses Dafür­hal­ten ist ein Aus­druck von Frei­heit und Unab­hän­gig­keit in der Posi­ti­ons­be­stim­mung. Außer­dem ist es ein Zei­chen von Risi­ko­be­reit­schaft. Denn bereits indem ich die fol­gen­den Gedan­ken notie­re, set­ze ich einen Mecha­nis­mus in Gang, der Schlink und Bah­n­ers die Enge des Mei­nungs­kor­ri­dors im Umgang mit “den Rech­ten” spü­ren las­sen wird.

Schlink hat die­sen Mecha­nis­mus in sei­nem FAZ-Bei­trag vom 1. August unter dem Titel “Der Preis der Enge” beschrieb. Ihm und Bah­n­ers wird in den kom­men­den Tagen vor­ge­wor­fen wer­den, daß ihr Inter­es­se an einer Aus­wei­tung der zu eng gewor­de­nen Debat­ten­kul­tur in Deutsch­land sehr nach einem Inter­es­se an rech­ten Posi­tio­nen klin­ge – viel­leicht sogar nach Zustim­mung zu die­sen Posi­tio­nen oder gar nach einer teil­wei­sen Über­nah­me in die eige­ne Argu­men­ta­ti­ons­li­nie. Denn sie erhal­ten sicher­lich nicht nur auf die­sem Blog, son­dern auch von Tumult, Jun­ge Frei­heit, PI und ande­ren Zustim­mung zu ihren Über­le­gun­gen, und bereits die­se Kon­takt­schuld dürf­te ein aus­rei­chend gro­ßer Fleck auf der Wes­te sein: Man wird säu­bern müssen …

Ich beschrieb die­sen Hygie­ne­zwang im Bereich der Mei­nungs­äu­ße­rungs­frei­heit und des Debat­ten­mu­tes in einem Bei­trag als Selbst­er­dros­se­lung der Zivil­ge­sell­schaft und hat­te damals mei­ne Aus­la­dung aus einem Semi­nar der Stu­di­en­stif­tung des deut­schen Vol­kes zum Anlaß genommen.

Bern­hard Schlink greift die­sen Fall in sei­nem Bei­trag über den “Umgang mit Rech­ten und AfD” auf und stellt ihn neben ande­re Dis­kurs­ab­sa­gen oder Distan­zie­run­gen (die stets erst als Fol­ge eines kon­zer­tier­ten lin­ken Drucks hin zustan­de kamen): Sar­ra­zins Ein­la­dung in ein Semi­nar an der Uni­ver­si­tät Sie­gen, die Distan­zie­rung des Suhr­kamp-Ver­lags von Uwe Tell­kamp nach des­sen Debat­te mit Durs Grün­bein, die Absa­ge eines Vor­trags an der Uni­ver­si­tät Frank­furt, den der Vor­sit­zen­den der Deut­schen Poli­zei­ge­werk­schaft Wendt hal­ten soll­te, sowie die Nicht-Wahl der AfD-Poli­ti­ke­rin Har­der-Küh­nel zur Vize­prä­si­den­tin des Deut­schen Bun­des­tags, obwohl ihr, so Schlink, “weder ver­fas­sungs­feind­li­che noch islam­feind­li­che noch sonst anstö­ßi­ge Äuße­run­gen vor­zu­wer­fen waren”.

Schlinks Auf­satz ist sou­ve­rän. Kenn­zei­chen dafür ist, daß er sich in kei­ner Zei­le von den­je­ni­gen Mei­nun­gen distan­ziert, mit deren Trä­gern er eine Debat­te anrät. Denn daß er in vie­len Punk­ten nicht über­ein­stimmt, ver­steht sich von selbst, und auch, daß Debat­tie­ren nicht Über­ein­stim­men ist. Die­se Ent­schla­ckung von Tex­ten ist Bal­sam: Kei­ne vor­beu­gen­den Ant­wort- und Distan­zie­rungs­schlei­fen auf Fra­gen, die irgend­wie stän­dig im Rau­me ste­hen, obwohl sie da gar nicht ste­hen dürften.

Schlink nimmt sich unprä­ten­ti­ös und schlicht der Gesprächs­ver­wei­ge­rung des “Main­streams” (sei­ne Voka­bel!) mit den tat­säch­li­chen oder ver­meint­li­chen Rech­ten an und sieht bei die­ser Eng­füh­rung des Besprech­ba­ren eben die­sen Main­stream in der Ver­ant­wor­tung: In den von ihm auf­ge­führ­ten Vor­komm­nis­sen (Sar­ra­zin, Wendt …)

zei­ge sich der “gesell­schaft­li­che und poli­ti­sche Main­stream eng – zu eng, als dass rech­te Stim­men in sei­nen Ein­rich­tun­gen, Ver­öf­fent­li­chun­gen und Ver­an­stal­tun­gen zu Wort kämen. In ihnen zeigt sich auch die eigen­tüm­li­che Sor­ge, kämen die rech­ten Stim­men zu Wort, wür­den die Ein­rich­tun­gen mit ihnen iden­ti­fi­ziert, Ver­la­ge mit ihren rech­ten Autoren, Uni­ver­si­tä­ten mit ihren rech­ten Gäs­ten, der Bun­des­tag mit sei­nen rech­ten Alters- und Vize­prä­si­den­ten, und in ihrer Iden­ti­tät beschädigt.

Die­se Bestands­auf­nah­me ist wich­tig, weil sie die man­gel­haf­te Objek­ti­vie­rung ver­deut­licht: Gela­den wer­den kann nur noch, wer die wacke­li­ge Selbst­wahr­neh­mung nicht stört.

Dass die heu­ti­ge Gesell­schaft in Informations‑, Mei­nungs- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­bla­sen lebt, in denen nur noch erfah­ren, aus­ge­drückt und aus­ge­tauscht wird, was zur eige­nen Iden­ti­tät passt und die eige­ne Sen­si­bi­li­tät schont, ist oft beob­ach­tet worden,

kon­sta­tiert Schlink, und er geht einen ent­schei­den­den Schritt weiter:

Es gibt kei­nen guten Grund, in Uni­ver­si­tä­ten und in der Stu­di­en­stif­tung des deut­schen Vol­kes Sar­ra­zin, Wendt und Kubit­schek nicht reden zu las­sen, im Suhr­kamp-Ver­lag Tell­kamp zu des­sa­vou­ie­ren und im Bun­des­tag der AfD zu ver­wei­gern, was einer Frak­ti­on tra­di­tio­nell zusteht.

Die Eng­füh­rung des Main­streams, die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­lo­sig­keit zwi­schen ihm und den Rech­ten und der AfD hat­te und hat ihren Preis. Sie hat die rech­ten und die AfD nicht schwä­cher gemacht, son­dern stär­ker. Sie hat auch dem Main­stream nicht gut­ge­tan. Als er weit, offen, viel­fäl­tig war, war er leben­dig. Je enger er wur­de, des­to mora­lisch anma­ßen­der und intel­lek­tu­ell lang­wei­li­ger wur­de er.

In die­sen Sät­zen und die­sem Urteil steckt die Quint­essenz vie­ler Gedan­ken, die unse­re Autoren sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren auf die­sem Blog gemacht haben: die stra­te­gi­sche Fehl­ent­schei­dung des Main­streams, nicht mit uns zu debat­tie­ren und damit die Aus­stat­tung ent­schei­den­der The­men uns zu über­las­sen; der selt­sa­me Umstand, daß wir ent­we­der zu dumm, zu unwich­tig oder zu extrem für den Dia­log sei­en, den­noch stän­dig The­ma oder sogar Chif­fre sind bei den­je­ni­gen, die davon leben, daß sie uns als den “Feind” der offe­nen Gesell­schaft mar­kie­ren (ich nen­ne stell­ver­tre­tend für unse­re vie­len Grou­pies die omni­prä­sen­ten Debat­ten­ver­hin­de­rer und Scharf­ma­cher Weiß, Speit, Kem­per, Häuß­ler, Röp­ke und – mit Ein­schrän­kun­gen – Bed­narz, die alle­samt völ­lig unbe­deu­ten­de Regio­nal­so­zio­lo­gen wären, gäbe es uns nicht, und nicht den Wunsch des Main­streams, daß sie die Drecks­ar­beit erledigten).

Und Schlink nennt den Mora­lis­mus, die Moral­keu­le als den Debat­ten­ver­hin­de­rer schlecht­hin. Deren Legi­ti­ma­ti­on und Sta­bi­li­tät sei in der Bewäl­ti­gung der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Epo­che Deutsch­lands aus­zu­ma­chen. Hier will ich auf zwei not­wen­di­ge Aus­wei­tun­gen der Argu­men­ta­ti­on zu spre­chen kom­men, die der Text lei­der nicht leistet:

Man kann das, was geschieht, mit dem Ana­ly­se­be­steck der “poli­ti­schen Theo­lo­gie” her­vor­ra­gend beschrei­ben. Alle poli­ti­schen Begrif­fe von Rele­vanz sind näm­lich “gefal­le­ne” reli­giö­se Begrif­fe, so dekli­niert das Carl Schmitt in sei­nem Stan­dard­werk durch, und das bedeu­tet: Sie trans­por­tie­ren zugleich die im Glau­ben statt­haf­te Tabu­be­weh­rung der Infra­ge­stel­lung hin­ab in den poli­ti­schen Kampf um Begrif­fe und Positionen.

Tex­te der oben genann­ten Dis­kurs­ver­hin­de­rer kön­nen in ihrem Impuls und ihrer Absicht nur als poli­tisch-theo­lo­gi­sche Tex­te gele­sen und ver­stan­den wer­den – als Äuße­run­gen aus dem zivil­re­li­giö­sen Bereich, des­sen Tabu­wäch­ter sich ihre Wei­hen durch die immer peni­ble­re, rigi­de­re und fei­ner­bors­ti­ge Aus­keh­rung der Nicht-Gläu­bi­gen verdienen.

Soweit Schlink, und Kri­tik blieb nicht aus. Sie hef­te­te sich dort an, wo Schlink selbst eine not­wen­di­ge, auch von uns gezo­ge­ne Dis­kurs­gren­ze markierte:

Natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Posi­tio­nen haben im Main­stream kei­nen Ort, wie natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Par­tei­en und Ver­ei­ne durch das Grund­ge­setz aus dem poli­ti­schen Leben ver­bannt sind.

Wo Schlink nun in sei­nem Bei­trag impli­zit sagt, daß weder Wendt noch Sar­ra­zin, Har­der-Küh­nel, Tell­kamp und ich natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Posi­tio­nen ver­trä­ten (und somit zu den­je­ni­gen gehör­ten, mit denen zu spre­chen und zu rech­nen sei), zie­hen die Dis­kurswäch­ter und ‑ver­en­ger die Gren­ze ein­fach enger, sprach­lich enger, um die­se Grenz­zie­hung zu unterlaufen.

In einem Leser­brief vom 7. August wen­det sich der Prä­si­dent der Stu­di­en­stif­tung des deut­schen Vol­kes Pro­fes­sor. Dr. Rein­hard Zim­mer­mann mit sol­chen Aus­wei­tungs­sät­zen gegen Schlinks Schluß­fol­ge­rung, daß mit uns (mir) zu reden sei:

All­ge­mein bezeich­net die Stu­di­en­stif­tung die für sich und für ihre Ver­an­stal­tun­gen maß­geb­li­che Grenz­li­nie in ihrem Leit­bild mit dem Begriff der “demo­kra­ti­schen Wer­te­ord­nung”. Immer dann als, wenn eine Per­son (wie Kubit­schek) Anlass zu erheb­li­chen Zwei­feln an ihrer grund­sätz­li­chen Loya­li­tät zu der demo­kra­ti­schen Wer­te­ord­nung gibt, kann die Stu­di­en­stif­tung ihr, will sie die­sem Leit­bild treu blei­ben, kein Forum für die Ver­brei­tung ihrer Mei­nung bieten.

Und Zim­mer­mann weiß noch mehr von mir und über mich:

Dies gilt zumal dann, wenn die­se Per­son den Ein­druck ver­mit­telt, daß ihr nicht an einer offe­nen Dis­kus­si­on, son­dern an Pro­pa­gan­da gele­gen ist.

Nur kurz zur Erin­ne­rung: Mei­ne Ein­la­dung in die Stu­di­en­stif­tung erfolg­te in eine Debat­ten­run­de 1 (ich) gegen 3, in Gör­litz trat einer gegen alle an, im Bun­des­tag ste­hen grund­sätz­lich 91 gegen alle ande­ren Stim­men, im Deutsch­land­funk gibt es kei­nen rech­ten Speit als Dau­er­gast, in den öffent­lich-recht­li­chen kei­ne rech­te Anne Will, kei­nen rech­ten Rest­le, kei­nen rech­ten Böh­mer­mann, nichts der­glei­chen, und das Nor­ma­le sind Dis­kus­sio­nen, Talks in der Beset­zung 1 gegen 3 bis 4, manch­mal, meist näm­lich 0 gegen alle, also Debattensimulation.

Und genau dage­gen rich­te­te sich ein Zitat, das immer wie­der her­vor­ge­kramt wird, immer wie­der ver­kürzt: Ich hät­te in mei­nem Bänd­chen über die “Pro­vo­ka­ti­on” geschrie­ben, ich wol­le kei­ne Betei­li­gung am Dis­kurs mehr, son­dern sein Ende. Die Stel­le heißt aber in vol­ler Län­ge (und ich habe das ent­schei­den­de Wort fett gestellt):

Unser Ziel ist nicht die Betei­li­gung am Dis­kurs, son­dern sein Ende als Kon­sens­form, nicht ein Mit­re­den, son­dern eine ande­re Spra­che, nicht der Steh­platz im Salon, son­dern die Been­di­gung der Party.

0 gegen 4 – das ist der Dis­kurs als Kon­sens­form in sei­ner Rein­form, und in Erin­ne­rung geru­fen wer­den muß wohl nicht, daß erst durch unse­re Arti­ku­lie­run­gen und durch die Prä­senz einer AfD in allen Par­la­men­ten der Kon­sens und die Alter­na­tiv­lo­sig­keit been­det wor­den sind.

Zurück zu Zim­mer­mann: Auf sei­nen Leser­brief und sei­ne erneu­te Eng­füh­rung der für den “Main­stream” erträg­li­chen Fließ­brei­te hat der FAZ-Redak­teur Patrick Bah­n­ers reagiert, in meh­re­ren tweets, und er trifft den Punkt:

“Zwei­fel” an der “Loya­li­tät” zur “demo­kra­ti­schen Wer­te­ord­nung” genü­gen als Begrün­dung für ein Rede­ver­bot: Bedenk­li­che Ein­las­sun­gen des Prä­si­den­ten der @studienstiftung in einem Leser­brief an die @faznet.

Sol­che “Zwei­fel” könn­ten ja in einer öffent­li­chen Ver­an­stal­tung erör­tert wer­den. Dann könn­te eine Wie­der­ein­la­dung unterbleiben.

Mei­nungs­frei­heit und Wis­sen­schafts­frei­heit gebie­ten, dass der Aus­schluss aus dem Dis­kurs Ulti­ma ratio bleibt. Wenn die “demo­kra­ti­sche Wer­te­ord­nung” zum “Leit­bild” einer Bil­dungs­or­ga­ni­sa­ti­on gehö­ren soll, dann muss der Inhalt die­ser Wer­te­ord­nung im Dis­kurs erör­tert werden.

Sonst ver­brei­tet die Bil­dungs­or­ga­ni­sa­ti­on selbst die “Pro­pa­gan­da”, vor deren Ver­brei­tung sie sich schüt­zen möch­te. Demo­kra­ti­sche Pro­pa­gan­da ist intel­lek­tu­ell nicht bes­ser als anti­de­mo­kra­ti­sche Propaganda.

Und Pro­pa­gan­da, die eine qua­si-staat­li­che Orga­ni­sa­ti­on ver­brei­tet, ist jeden­falls bedenk­li­cher als Pro­pa­gan­da, der sie nur ein “Forum” gibt.

Er bekam Feu­er – meist von anony­men Twit­te­rern, die auf der Debat­te in der Auf­stel­lung 0 gegen 4 behar­ren und ohne Beleg den “Zwei­fel” Zim­mer­manns für gege­ben und bestä­tigt erach­ten. Denen ent­geg­ne­te Bah­n­ers noch einmal:

Inter­es­sant fin­de ich, dass Ihnen offen­bar das Ver­ständ­nis für aka­de­mi­sche Ver­an­stal­tun­gen fehlt. Ich weiß nicht, wel­che Neu­gier die Orga­ni­sa­to­ren der Ver­an­stal­tung an Kubit­schek knüpf­ten, aber es ist schlecht, dass sie unbe­frie­digt bleibt, im Inter­es­se poli­ti­scher “Loya­li­tät”.

So ist es, und da “meyn geduld ursach” hat, wol­len wir mal eine Wet­te auf die Mit­tel­stre­cke schi­cken: Schlinks Bei­trag und Bah­n­ers’ Nach­fra­gen sind eine Weg­mar­ke – der Dis­kurs in sei­ner Kon­sens­form wird ein Ende fin­den, in abseh­ba­rer Zeit. Und dann wer­den sich vie­le Leu­te fra­gen, wie sie den lah­men Talk so lan­ge ertra­gen konn­ten, wo doch nur eine ein­zi­ge ech­te Gegen­stim­me aus­reicht, um den Kes­sel unter Dampf zu bringen.

Das war ja auch das Inter­es­san­te am “Talk im Han­gar 7”, der in Salz­burg ablief und mit Bro­der und mir immer­hin zwei Nicht-Lin­ke gegen drei dezi­dier­te Lin­ke in die Debat­te schick­te. Von Eng­füh­rung war da nichts mehr zu spü­ren, wohl aber danach viel von dem Geschrei zu hören, daß man nun den Salat habe, weil man “den Rech­ten” ein Podi­um gab. Eine bes­se­re Bestä­ti­gung für Schlinks Auf­fas­sun­gen gibt es nicht.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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Kommentare (30)

zeitschnur

8. August 2019 13:18

Es ist wirklich eine intellektuelle und moralische Selbsterdrosselung, die stattfindet, und die Idioten, die sie mit ihrer permanenten Verengung der Grenzen vollziehen, merken es nicht. Oder doch? Diese Verengung schafft am Ende auch aus ihnen "Rechte" und "Nazis" - warten wir es nur mal ab, und das im Artikel Berichtete geht in diese Richtung. Es hat Züge vom Ende der Franz. Revolution, die ihre Kinder fressen musste, um noch Sinn zu ergeben.

Es sollte dagegen jedem halbwegs aufmerksamen Menschen sichtbar sein, dass die meisten Intellektuellen - sagen wir -zumindest nicht in den Mainstream passen. Mir dreht es täglich mehr den Magen um, wenn ich diese immer dumpferen, barbarischeren öffentlichen Statements dieses Mainstreams wahrnehme. Da fehlt es an jeglicher Qualifikation, überhaupt eine Debatte zu führen, und das ist auch das Problem: nicht nur eine erschreckende Asozialität hinsichtlich des normalen zivilisierten Umgangs miteinander und so etwas wie "Wahrhaftigkeit" oder "Wohlwollen" gegen jeden anderen, sondern auch schlicht mangelnde philosophische und theologische Bildung, Unfähigkeit begrifflicher Unterscheidungen, mangelnder Präzision, teilweise völlige kulturelle Ignoranz und Umnachtung (man kennt die eigene Kultur und - nota bene - auch die der andern gar nicht und spinnt aus der eigenen Ignoranz ein Weltbild, einzige Qualifikation: gewissenlose Rhetorik und Propagandatechnik), hohles Buntheitsgewäsch von Leuten, die nicht mal Graustufen differenzieren können.

Es ist niederschmetternd. Ich hatte mir vor einiger Zeit, wenn auch tief im Süden lebend, diese Debatte mit der Buchhändlerin Susanne Dagen, einer weiteren sehr aufrechten sächsischen Politikerin, die offenkundig über so etwas wie Grips und Bildung und Mut verfügte und zwei mehr als seichten Herren angesehen (s.u. Link). Diese hohle und moralisierende Argumentation "Wie kannst du nur mit Rechten reden, Susanne?" fand ich geradezu unterirdisch, hetzerisch, rhetorisch-infam und daneben - pardon, ist nicht persönlich gemeint, sondern auf die gefallenen Äußerungen der Herren bezogen - strunzdumm, wie man hierzulande sagt. Ich empfand Peinlichkeit angesichts dieser zwei Männer.

Das hat mehrere Gründe:

1. Ich selbst habe keine Ahnung, ob ich links oder rechts bin. Ich weiß aber eins, dass ich ein Freigeist bin und ein Christ und offen bleiben will für geistige Entwicklung, wenn Gott will. Ich denke, was ich will und was mir möglich wird, ganz einfach. Und natürlich "und wie es sich schicket".

2. Ich habe keine Ahnung, ob die angeblichen "Rechten" rechts sind oder links - ich erkenne nur, ob der einzelne frei und unabhängig zu denken und zu argumentieren versteht. Natürlich mögen Neigungen zu Jünger, Mohler und Schmitt Hinweise auf "rechts" sein, nur: ich kann manchmal v.a. bei Jünger kaum unterscheiden, ob das nun nicht in vielem mehr zu den "Linken" passen würde oder besser gesagt: beide Schützengräben Ausgeburt ein und derselben Inszenierung eines verzerrenden Geistes sind. Auch Schmitt stand vielen Linken sehr nah. Die Kategorien sind einfach schon zu eng! Geistige Wege sind viel komplexer, als dass sie in „links“ und „rechts“ gefangen werden könnten.
Vor allem die Assoziation von "rechts" und damit "unerlaubt" oder "gefährlich" mit jedem, der überhaupt noch kritisch und eigenständig denkt, ist für das deutsche Volk eine erneute Schande.

3. Uns allen wäre erst mal sehr geholfen, wenn wir uns auf tatsächlich gedachte und vorgebrachte Ideen konzentrieren würden, die auf der angeblichen "Rechten" mE wesentlich häufiger im Rahmen dessen "wie es sich schicket" bewegen, als aufseiten der angeblichen Linken. Zumindest in den letzten 20 Jahren und v.a. seit Merkel. Das war mal anders. Die Verblödung aufseiten der selbsternannten Linken und Grünen (v.a. letztere!) ist deprimierend. Was soll man mit solchen Tieffliegern debattieren? In der Sache meine ich? Meine Erfahrung ist, dass sie sachlich immer eskalieren, schnell auf der Metaebene klotzen und vor allem persönlich werden. Sie sind notorisch empört (Roth, Hofreiter etc.) oder salbadern herum (Kretschmann, Habeck etc.). Zur Sache kommen sie selten. Sie wirken entweder wie Diktatoren oder wie Fanatiker und halten "das andere" immer weniger aus. Wo wird das enden?

Die gebetsmühlenhaft in den Mainstreammedien vorgetragene Behauptung, der "Ton" habe sich "verschärft", weil die AfD in die Parlamente eingezogen ist, ist definitiv falsch. Ich bin kein AfD-Anhänger (ich hänge überhaupt keiner Partei an!) und prüfe diese Behauptung seit Jahren, indem ich mir stundenlang Direktübertragungen aus dem Bundestag und Landtagen auf Phoenix ansehe: die AfD bringt mit großem Abstand die substanziell besten Beiträge, abgesehen von manchen von der Partei Die Linke und einigen ganz wenigen aus der Mitte. Ich sage das in den jeweiligen Sachen wertneutral und ohne damit den Beiträgen, die intelligent sind, in der Sache unbedingt zuzustimmen.

https://elbhangkurier.de/2019/02/videoaufzeichnung-vom-lingnerpodium-wenn-ein-riss-durch-die-gesellschaft-geht/

RMH

8. August 2019 13:19

"Demokratische Propaganda ist intellektuell nicht besser als antidemokratische Propaganda.

Und Propaganda, die eine quasi-staatliche Organisation verbreitet, ist jedenfalls bedenklicher als Propaganda, der sie nur ein "Forum" gibt."

Hört, hört, hört! Das sind Sätze, die an die Grundfesten unseres derzeitigen Establishments gehen, aber eigentlich in dessen Fundament gemeißelt gehören. Da kratzt einer ja gewaltig u.a. am Geschäftsmodell und an der kompletten Daseinsberechtigung der gesamten, öffentlich-rechtlichen Medien!

Ich bin gespannt, ob das so stehen bleiben wird oder einfach mal durchgehen kann bzw. unter den Tisch fallen wird und wie das "Kälteste aller kalten Ungeheuer" und seine Hilfstruppen in den Institutionen, Medien etc. darauf reagieren werden. Evtl. mit maximaler Kälte, um solche Leute, die allzu frech das Köpfchen heben, schock zu frosten.

Dazu möchte, ich, insbesondere wegen dieses Satzes, "Aber der Staat lügt in allen Zungen des Guten und Bösen; und was er auch redet, er lügt – und was er auch hat, gestohlen hat er's." das entsprechende Kapitel aus "Also sprach Zarathustra" von Nietzsche in Erinnerung rufen (Vom neuen Götzen, Kapitel 22).

https://gutenberg.spiegel.de/buch/also-sprach-zarathustra-ein-buch-fur-alle-und-keinen-3248/22

Laurenz

8. August 2019 13:24

Wie die Faust auf's Auge. Das ist der Aggregatszustand unserer ehemaligen Republik.

Bei den zu erwartenden Wahlverlusten der Nationalen Einheitsfront teile ich allerdings nicht die frohe Hoffnung Herrn Kubitscheks bezüglich der Wende von "mit Rechten reden" oder nicht, auch wenn das uns Konservativen wünschenswert erscheint. Meine Intuition sagt weitere Panik-Attacken der Politik-Statisten in Bund und Ländern voraus.

1985 schloß ich das humanistische Gymnasium ab. Mein strenger marxistischer Deutsch- und Politik-Lehrer wollte mit uns unbedingt die Werke Orwells lesen, taten wir auch, aber er wollte keineswegs wissen, daß Orwell wegen und für die Linke schrieb. Letzteres ist in jedem Falle heute noch so.

Den echten Brüller "Debattensimulation" werde ich für die bevorstehenden Wahlkämpfe in mein Vokabular aufnehmen. Vielen Dank für die verbale Waffe, Herr Kubitschek.

Atz

8. August 2019 14:01

Man muss ja nicht mit jedem reden. Es gibt viele Kleinverlage von Anarchistenopas, es gibt den knuffigen Herrn Westphal in Dresden... all diese Leute werden links liegen gelassen. Es gibt keine Kontaktverbote, sondern nur nur breites Desinteresse.

Das Besondere bei der Rechten ist ja, wie lautstark sie totgeschwiegen wird. Wie oft über sie statt mit ihr gesprochen wird.

"Scharfmacher Weiß, Speit, Bednarz, Kemper, Häußler, Röpke" - Man kann sagen, dass es das Orginal und die Negativform gibt, die beide die Information des Objektes erhalten. Wo genau aus dem Pornofoscher der Pornogucker wird, sei dahingestellt. Es ist eine wohlige Nestwärme der Ablehnung, die alles Rechte umgibt.

Man denke an Orwells Goldstein. Der darf die Wahrheit sagen. Wird in Hassritualen öffentlich verdammt. Ist aber vielleicht nur eine Finte des Systems und wie der Große Bruder und der Krieg eine technokratische Erfindung zur Massenmassage.

LotNemez

8. August 2019 14:04

Herr Kubitschek. Ich danke Ihnen sehr, dass Sie Ihren Diskurspartnern immer ein zivilisiertes Mindestmaß an Fairness und Wertschätzung entgegengebracht haben. Ich sage "Partner", weil ich es immer mochte, wie Putin mitten in der Krimkrise seelenruhig von "unseren westlichen Partnern" sprach. Diese besonnene Art hat möglicherweise viel Schlimmes verhindert.

Und hätten Sie selbst sich je zum oft würdelosen Verhalten Ihrer Antagonisten verleiten lassen, würde nun kein Redeangebot winken. hoffe für uns, dass Sie diesbzgl. bald reiche Ernte einfahren.

(Übrigens glaube ich, am Ende wird wie immer die Industrie der Spieler sein, der die Entscheidung bringt. Deren Angst, unter den heraufziehenden Machthabern Opfer von Enteignungen, Zwangsabgaben und sonstigen geschäftsschädigenden Verordnungen zu werden, wird seine Wirkung bald in den werbefinanzierten Medien zeitigen. Wer inwieweit diesen Erfolg für sich verbuchen darf, darüber kann man dann in einer 2:2-Runde auf Augenhöhe entspannt streiten.

Z.B. mit Habeck. Ich bin mir sicher, der Habeck kapiert, dass die Grünen sich mit ihrem radikalen Kurs mächtige Feinde machen. Man sieht das auf Wahlparties an seinem Gesicht, wenn die neue sensationelle Erfolgsprognose reinkommt, lässt es eher den Zweifler als den Sieger erkennen. Aber so weit sind wir noch nicht.)

brueckenbauer

8. August 2019 14:22

Schade, dass Schlink dem Phantasma aufsitzt, es gebe "nationalsozialistische" Positionen. "Nationalsozialistisch" ist der Eigenname einer Partei und als solcher gerade kein Allgemeinbegriff. Es ist daher ins völlige Belieben des einzelnen gestellt, welche Positionen dieser Partei er als "wesentlich nationalsozialistisch" auffassen will und welche nicht - genau wie das auch wäre, wenn man zu Ausgrenzungszwecken festlegen würde, welche Positionen wesentlich "christdemokratisch" oder "sozialdemokratisch" sind.

antwort kubitschek:
Das ist mir zu theoretisch. Eine unserer Grundlagen ist doch die Ablehnung von Gesellschaftsexperimenten, die die Natur des Menschen (oder auch: sein gottgegebenes So-Sein) verkennen, reduzieren, vergewaltigen, kurz: umbauen wollen, und sei es zum Preis ungezählter Toter. In unserer Geschichte war das eben der Nationalsozialismus. Die Konservativen und Rechten, die sich ihm entgegenstemmten und später entzogen, sind Legion.

Nemo Obligatur

8. August 2019 14:27

"...wollen wir mal eine Wette auf die Mittelstrecke schicken: Schlinks Beitrag und Bahners' Nachfragen sind eine Wegmarke – der Diskurs in seiner Konsensform wird ein Ende finden, in absehbarer Zeit."

Da halte ich doch glatt die Gegenwette. Eine freiwillige Räumung der Position der diskursbeherrschenden Klasse aus besserer Einsicht wird es nicht geben. Ich vermute, die Reihen werden sogar noch fester geschlossen. Was steht an? Drei Wahlen im Osten. Da darf man den Rechten natürlich auf keinen Fall ein Forum bieten. Außerdem habe ich läuten hören, dass der Flüchtlingszustrom wieder anschwillt. Dieses Mal über die östliche Mittelmeerroute. Da darf man den Rechten natürlich kein Forum bieten. Außerdem müssen wir uns ums Klima kümmern. Und auch darf man den Klimaleugnern (man beachte die Variation) kein Forum bieten. Und wenn die SPD erst mal ihr neues Spitzenduo hat, dann geht es ohnehin nur noch um die Regierungsoptionen schwarz-grün oder rot-rot-grün. Ebenfalls kein Forum, das man den Rechten bieten dürfte.

Man kann es drehen und wenden wie man will: Einen Durchbruch zur Mitte hin wird es nicht mehr geben. Ich will gar nicht von einer 2015/16 verpassten Chance reden, aber gnadenhalber wird es keine Einladung der linksliberalen Meinungsführer zu einem Diskurs mit Rechten geben. Allenfalls mit ein paar Alibi-Rechten aus der Werteunion. Es muss weiter am Aufbau einer Gegenöffentlichkeit im Internet gearbeitet werden, kleine rechte Verlage, Zeitschriften etc. unterstützt werden. In die Hände arbeiten uns die täglichen kleinen und mittleren Katastrophen und Fehlentwicklungen der Politik der letzten Jahre, die dazu führen wird, dass sich einige Menschen (aber bei weitem nicht alle) von den heutigen Mehrheitsparteien abwenden. Motto: "You cannot fool all the people all the time." (Benjamin Franklin). Im Osten geschieht das ja gerade. Aber auch da sind die etablierten Massenmedien fest in staatsfrommer Hand.

LotNemez

8. August 2019 17:20

@Nemo Obligatur "Da halte ich doch glatt die Gegenwette."

Was man sich natürlich fragen sollte: Warum gibt die FAZ dem Schlink einen Raum für sein Anliegen? Will sie echte Meinungsfreiheit? Und wenn, kann sie diese Linie gegen den zu erwartenden Druck halten? Eigentlich doch kaum vorstellbar.

Könnte schon sein, dass wir am Ende wieder feststellen, dass es dem Blatt doch nur darum geht, seine bürgerlich-konservativen Leserreste/Resteleser zu halten. Da streut man dem Huhn halt mal ein paar Krumen extra hin. In die Suppe kommt es doch.

Warten wir's ab. Grundsätzlich finde ich es gut, dass unsere Hand ausgestreckt bleibt. Auch wenn ich hier aus einer Verzagtheit heraus auch schon anderes schrieb.

Jeder dieser Kommunikationsversuche gibt Auskunft über die momentane Verfassung der Andersmeinenden. Ein aktuelles Stimmungsbild zu haben ist immer hilfreich.

Monika

8. August 2019 17:59

@ Kubitschek
Ablehnung von Gesellschaftsexperimenten
1. „In unserer Geschichte war das eben der Nationalsozialismus“...Nicht nur! Für einen Teil unseres Volkes zählt auch der real-existierende Sozialismus zum Erfahrungshintergrund. Das wird leider auch von den westlich sozialisierten Rechten gerne übersehen. Das müsste aber viel mehr bedacht werden ! In diesem Zusammenhang ist der Fall des Berliner Historikers Jörg Barberowski von Bedeutung, der sich für ein „Zentrum für Diktaturforschung“ an der Humboldt Universität einsetzte. Nachdem der „Enge Mainstream“ ( Hannah Bethke in der FAZ) nun auch die Hochschulen erreicht, droht dieses Projekt zu scheitern.
https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/wie-an-der-hu-berlin-ein-forschungszentrum-zu-fall-gebracht-wird-16322330.html
2. Zum Moralismus als Debattenverhinderer,
Hier sei auf das neu aufgelegte Buch von Hermann Lübbe hingewiesen POLITISCHER MORALISMUS, Der Triumph der Gesinnung über die Urteilskraft. Der Text ist von 1984, aber aktueller denn je.
Gerade die totalitären Systeme sind keine Systeme ohne Moral, sondern zeichnen sich im Gegenteil durch einen Hypermoralismus aus. Vielleicht wird dieses Büchlein mal in der Sezession besprochen?

Monika

8. August 2019 18:02

Hier noch eine interessante Rezension zu dem Buch von Hermann Lübbe
https://www.wiwo.de/politik/deutschland/anders-gesagt-politischer-moralismus-fuehrt-in-die-unmoral/24481306.html

Heinrich Loewe

8. August 2019 18:54

Es ist sehr wichtig und hoch anzurechnen, daß namhafte Leute den Mut aufbringen Gesicht zu zeigen. Leute, die auch etwas zu verlieren haben, wie Uwe Tellkamp und jetzt Bernhard Schlink.
Ich habe mich mal bei Presseclub in höflicher, sehr persönlicher Weise begründet beschwert über die einseitige Auswahl der Journalisten. Wie es dort auch jede Woche dem Kommentarbereich beim WDR zu entnehmen ist. Ich nannte u.a. Tichy, Mattussek, Dieter Stein, Klonovsky als Kandidaten. Die Dame, die nach einer Weile antwortete, meinte, das wäre garnicht so. Das oberste Planungskriterium jeder Sendung sein eine Breite der Meinungen.
Kurzum: Die merken es garnicht, daß sie Debattensimulation betreiben.

Der_Juergen

8. August 2019 21:07

Es ist begrüssenswert, dass der eine oder andere Linke oder Liberale sich zur Debatte mit Rechten bereiterklärt, auch wenn diesem Angebot wohl nur das Ziel verfolgt werden mag, die übriggeblieben Leser und Zuschauer der Mainstream-Medien bei der Stange zu halten.("Da streut man dem Huhn halt mal extra ein paar Brocken hin. In die Suppe kommt es doch", wie @LotNemez es sehr schön formuliert.)

Natürlich wird Kubitschek einen Bahners ebenso wenig von seinen Überzeugungen abbringen können wie umgekehrt. Eine öffentliche Diskussion würde sich also ausschliesslich an die Leser/Zuschauer richten und diesen Gelegenheit bieten, die Standpunkte beider Seiten kennenzulernen und vergleichen zu können. Meinen Schätzungen zufolge ist wohl ein gutes Drittel der deutschen Bevölkerung so gehirngewaschen, dass es - ausser vielleicht durch gewaltige Katastrophen - nicht von seiner selbstzerstörerischen Ideologie befreit werden kann, aber von den restlichen zwei Dritteln dürfte ein erheblicher Teil sachlichen Argumenten noch zugänglich sein. Zumal diese Menschen oft heimlich ähnlich denken wie wir, aber aufgrund der pausenlosen Propaganda meinen, nur eine kleine Minderheit zu vertreten. Wenn man rund um die Uhr hört, dass zwei und zwei fünf ergeben, glaubt man früher oder später vielleicht selbst daran.

quarz

8. August 2019 22:14

@Jürgen

"Zumal diese Menschen oft heimlich ähnlich denken wie wir"

Man müsste ihnen nur die Gelegenheit zu einem Kurswechsel verschaffen, bei dem sie formell ihre ideologische Flagge behalten können. Ihr Problem ist ja nicht die mangelnde Einsicht, sondern die Angst vor dem politischen Stempel "rechts".

Ich habe mehrfach das Experiment gemacht, in Kommentarforen von Mainstreammedien unter nur in einer Hinsicht verschiedenen Rahmenbedingungen scharfe Kritik an der Massenimmigrationspolitik zu üben: je nach dem, ob ich diese Kritik mit einer parteipolitischen Empfehlung versehen habe oder nicht, habe ich für inhaltlich äquivalente Kommentare massive Ablehnung oder massive Zustimmung geerntet. Man teilt rechte Positionen, möchte aber auf keinen Fall, dass sie "rechts" genannt werden. Die pawlowsche Wirkung des R-Wortes ist ungeheuer.

Ein großer Teil der Leute würde offenbar mit fliegenden Fahnen ins Lager der Vernunft wechseln, wenn sie dabei ihr weltanschauliches Etikett nicht ablegen müssten. Die damit verbundene kognitive Dissonanz würden sie spielend schlucken.

Eine Umsetzung dieser Möglichkeit hätte direkt was von einer äsopschen Fabel.

Ratwolf

9. August 2019 02:58

Der Einzel-Ausnahme-Artikel von Schlink ist inzwischen hinter einer Bezahlschranke verschwunden. Und ich werden mich hüten, auch nur einen Cent oder einen Pfennig diesem Ärgernis (faz) zu geben.

Thomas Martini

9. August 2019 07:25

"Die Engführung des Mainstreams, die Kommunikationslosigkeit zwischen ihm und den Rechten und der AfD hatte und hat ihren Preis. Sie hat die rechten und die AfD nicht schwächer gemacht, sondern stärker. Sie hat auch dem Mainstream nicht gutgetan. Als er weit, offen, vielfältig war, war er lebendig. Je enger er wurde, desto moralisch anmaßender und intellektuell langweiliger wurde er."

Ja, die seligen Zeiten, als der Mainstream "weit, offen und vielfältig" war. Ich hab das Panorama vor mir wie der Marlboro-Mann, so breit und tief war der Meinungskorridor in der BRD einst.

Als kleiner Bub wollte ich von meinem Vater wissen, warum man die Republikaner nicht wählen soll, schließlich gäbe es die doch auch in Amerika. Unvergessen die Antwort: "Ja, aber das ist da etwas ganz anderes." Du bekommst es früh eingetrichtert: Rechts, Nationalismus, "Fremdenfeindlichkeit", Glatzen, Springerstiefel; alles eins und: Alles pfui. Stattdessen "Die Ärzte" im Religionsunterricht: "Arschloch!".

Toleranz: Gut! Sehr gut. Eine Tugend wie sonst nix. Aufkleber auf Mülltonnen wo Nazis hingehören: In die Mülltonne. Geht mich nix an, bin ja keiner. Keiner protestiert, wenn eine Klassenkameradin, das Koptuchmädchen aus Pakistan, von den Lehrern wesentlich milder beurteilt wird. So "weit, offen, vielfältig" war der Mainstream, er schuf: Neue Brücken, Neue Wege. Lichterketten gegen Rechts - bevor der Wind sich dreht. Hier und da die ersten Neger in den Parks, entspannte Menschen. Daß sie hier sind: Voll normaaal!

Der erste Döner nach dem Besuch eines Eishockey-Spiels, „mit Scharf“. Bald gibt es Döner an jeder Ecke. Herr Meier mag die Türken nicht? Na, der hat wohl „Vorurteile“.

Hans-Dietrich Sander, Thor von Waldstein, Robert Hepp, die Rechten im Allgemeinen, was konnte man früher noch auf die Weite, Offenheit und Vielfältigkeit des Mainstreams bauen, und auf den „herrschaftsfreien Diskurs“ erst. Traumhafte Zeiten. War für mich auch ganz wunderbar, als Mitdreißiger dann schlagartig dahinter zu kommen, daß ich mich mein ganzes Leben lang von diesem „Mainstream“ manipulieren ließ. Ganz toll.

Und jetzt wieder in alte Muster zurückfallen? Kubitschek: „Schlinks Aufsatz ist souverän.“

Schön. Wenn der Mainstream früher „weit, offen und vielfältig“ war, verstehe ich aber nicht, wieso dann erst einmal dicke Bretter gebohrt werden mussten. Wieso die Resonanzräume erweitern, und Rechtssein zäh als Normalität propagieren? Wäre alles gar nicht nötig gewesen, hätte es den von Schlink beschriebenen „Mainstream“ jemals gegeben.

Laurenz

9. August 2019 07:57

@Atz ... Röpke ist die weibliche Re-Inkarnation von Bernardo Gui, vielleicht ist auch etwas Lawrenti Beria mit rein gerutscht.

@brueckenbauer ... wenn Sie so wenig konkret werden, ist es doch klar, daß Sie Sich eine Abfuhr einfangen. Natürlich gibt es Reminiszenzen an den Nationalsozialismus im Bundesrepublikanismus und darüber hinaus bis heute. Nehmen Sie das Bundesbankgesetz, die Nazi-Kirchen-Gesetze, Wohlfahrts- und Sozialverbände, Tierschutz-/Naturschutz-Verbände, die soziale Marktwirtschaft per se, das heutige China (sozialistische Marktwirtschaft), die Befreiung der Kolonien usw. und sofort. Ein nettes Nazi-Potpourri, das interessanterweise nicht besprochen, nicht verfolgt, existiert. Auch unsere jüdischen Freunde scheuen einen Rückblick auf die deutsch-jüdischen Beziehungen von 1933-39.
Wenn man sich die Wahlkämpfe der Nationalsozialisten in der Weimarer Zeit anschaut, sind wohl viele politischen Analysen der Nationalsozialisten richtig gewesen, eben nur die Schlußfolgerungen daraus nicht. Erfolg und Mißerfolg sind öfters hilfreiche Indikatoren.

@Monika .... ja unsere real existierenden sozialistischen Landsmänner waren extrem sparsam. Für die Uniformen der Versorgungseinheiten der NVA, nahm man nur sozialistische Kartoffelsack-Schnitte, reichte. Für die elitären Wachregeminter Josef Engels (NVA) und Feliks Dzierzynski (Staatssicherheit) waren nur SS-Uniformschnitte gut genug. Damit es nicht ganz so sehr auffiel, färbte man im billigeren Grau statt Schwarz, und auch die peinlichen Suppenteller als Helm taten ein übriges. Auch die musikalische Marschbegleitung zum russischen Stechschritt änderte man weniger in der Komposition, wenn nötig am Text.

@Heinrich Loewe ..... das ganze linke Lager ist mittlerweile gespalten. Unser "Topas" Rainer Rupp, der friedensbewegte Ken Jebsen (der redet sogar mit Gerhard Wisnewski), Jürgen Elsässer oder Matthias Matussek sind oder waren doch keine Kulenkampf'schen Salon-Linken. Heises Telepolis, KenFM oder Albrecht Müllers Nachdenkseiten sind ausnahmslos links zu verorten. Der staatspolitische Fehler jener Redaktionen ist, daß sie meinen, selbst denken zu müssen und deswegen zu von-Ditfurt'schen und Röpke'schen Parias oder Hilfs-Nazis mutierten.
Gestern hatte unsere oberste Spezial-Demokratin Malu Dreyer mal wieder ihre Tabletten nicht genommen und fabulierte was von einer Wagenkecht'schen Koalition mit der Linken, was dezidiert eine Art politisches Borderline Syndrom vor Augen führt..... wie bekommt man die SPD unter 5%? Schon allein in der Rußlandfrage werden sich im Morgennebel an der Spree Heiko Maas und unser Ex-SED-Millionen-Verschieber Dietmar Bartsch gegenseitig erschießen. Der amerikanische - und der russische Botschafter werden sekundieren.

Und was sollen denn die vielen Verfolger unserer o.g. linken und recht erfolgreichen "Partner", die das selbständige Denken neu erfunden haben, wählen? Die Linke hat ihr einziges Zugpferd, Sahra Wagenknecht, auf's Abstellgleis gestellt. Und bei Dunja Hayali fiel unser Klima-Robert-Redford, Robert Habeck, auf die Nase.
Mit wem werden denn alle die Abgeordneten der Nationalen Einheitsfront, die bei den nächsten 3 Landtagswahlen mit Narrhallamarsch aus den Parlamenten fliegen, denn reden wollen? Mit den Rechten und fragen, ob es da einen neuen Job gibt?

Gotlandfahrer

9. August 2019 08:42

@ zeitschnur:

„Vor allem die Assoziation von "rechts" (...) oder "gefährlich" mit jedem, der überhaupt noch kritisch und eigenständig denkt, ist für das deutsche Volk eine erneute Schande.“

Die Sicht teile ich vollständig. Sie verknüpfen die Schande zuvor mit dem Befund:

„ Da fehlt es an jeglicher Qualifikation, überhaupt eine Debatte zu führen, und das ist auch das Problem: nicht nur eine erschreckende Asozialität hinsichtlich des normalen zivilisierten Umgangs (...) auch schlicht mangelnde philosophische und theologische Bildung, Unfähigkeit begrifflicher Unterscheidungen, mangelnder Präzision, teilweise völlige kulturelle Ignoranz (…) von Leuten, die nicht mal Graustufen differenzieren können. "

Auch dem stimme ich komplett zu.

Allerdings:
Nimmt man beides zusammen, so ergäbe sich die Schande allein aus intellektuellem Unvermögen und charakterlicher Schlichtheit. Das mag für die meisten Menschen zutreffen, wäre aber im Grunde verzeihlich, da die Masse bzw eine sich selbst als Maßstab ansehende Massengesellschaft nur von durchschnittlichen Qualitäten geprägt sein kann. Dann wäre unsere Gesellschaft aber lediglich von einer Übernahme durch Unqualifizierte geprägt. Das mag im Ergebnis richtig sein, aber so etwas ist ja nur denkbar, wenn ihnen zuvor geistig qualifizierte (eben nicht im Sinne von links / rechts, sondern an argumentativer Redlichkeit orientierte) diesen Raum überlassen haben, und/oder geistig zumindest befähigte die Verdrängung der Qualifizierten vorsätzlich betrieben haben ("Kinder an die Macht"). In jedem Falle gilt also: Hier sind intelligente, hinsichtlich des Ergebnisses zurechnungsfähige Menschen als Verursacher zu nennen.

Jeder von uns kennt die in sonstigen Fragen hoch gebildeten, intelligenten Leistungsethiker, die in Fragen der sozialen Anpassung und Moralheischerei aber ohne Verzug dazu übergehen, ihre Intelligenz für die stumpfsinnige Verneinung jeglicher Inkonsistenz ihrer Argumentation zu missbrauchen.

Da ich davon ausgehe, dass diese Personen nicht per se „böse“ sind (nur in Ausnahmefällen), ja nicht einmal vermutlich dem Ergebnis, das sie schuldhaft verursachen, gleichgültig gegenüberstünden, würden sie es an(!)erkennen können, erscheint mir die nach wie vor wichtigste ungelöste Aufgabe der Menschheit, die sich uns heute ein weiteres Mal stellt, darin zu liegen, rauschartige Zustände der Masse diagnostizieren und sie aus der Einbahnstraße eines galoppierenden Bestätigungswettbewerbes, die gleichzeitig Sackgasse ist, noch rechtzeitig herausführen zu können. Eben das Religiöse aus der Politik tatsächlich herauszuhalten, was erforderte, das religiöshafte Grundbedürfnis des Menschen angemessen außerhalb der Politik zu bedienen. Was, vermutlich, aber unmöglich ist.

Bislang offeriert der Erfahrungsschatz der Menschheit hier leider nur (wer mehr weiß möge mir bitte auf die Sprünge helfen) Schocktherapien nach großem Flurschaden.

Die Schande, der sich die "Gebildeten" in diesem Lande schuldig gemacht haben, ist jedenfalls umso größer, denn sie haben nicht weniger als das Ideal der Aufklärung durch dessen Pervertierung bis auf Weiteres diskreditiert. Das Ergebnis ihrer mangelnden Wahrhaftigkeitsmühe sind Figuren wie Trump und Johnson, denen unsereins ambivalent gegenübersteht, weil diese einerseits folgerichtige und daher unvermeidlich notwendige Reaktionen sind, aber eben auch Ausdrucks des Verlustes an Kultur.

MARCEL

9. August 2019 09:21

Ich kann keine Debatte erkennen, allenfalls eine Furcht davor. Es wird nur noch exekutiert (nach vorbereitendem Artilleriefeuer der Medien). Es gibt kein Für und Wider, nur Überrumpelungen und vorauseilender Gehorsam.
Wir leben weder in einer homogenen Gesellschaft (wie noch 1968) noch in ruhigen Zeiten. Streitereien um einen "Platz im Sandkasten" werden mit der Zeit unwürdig.
Man sollte seinen Stolz daraus beziehen, dass die anderen nicht mir einem reden wollen.
Frantz Fanon, der Gewaltprediger aus der Dritten Welt, hat viel Gefährliches gesagt, aber ein Gutes: Jeder einzelne ist die Nation (genauso wie jeder Getaufte letztlich "die Kirche" ist)
Da sind wir angelangt. Und jeder sollte sich Gedanken darüber machen, wie er diese zu verteidigen gedenkt.

Lotta Vorbeck

9. August 2019 10:19

@quarz - 8. August 2019 - 10:14 PM

"...

Man müsste ihnen nur die Gelegenheit zu einem Kurswechsel verschaffen, bei dem sie formell ihre ideologische Flagge behalten können. Ihr Problem ist ja nicht die mangelnde Einsicht, sondern die Angst vor dem politischen Stempel "rechts".

...

Man teilt rechte Positionen, möchte aber auf keinen Fall, dass sie "rechts" genannt werden. Die pawlowsche Wirkung des R-Wortes ist ungeheuer.

Ein großer Teil der Leute würde offenbar mit fliegenden Fahnen ins Lager der Vernunft wechseln, wenn sie dabei ihr weltanschauliches Etikett nicht ablegen müssten. Die damit verbundene kognitive Dissonanz würden sie spielend schlucken.

..."

**********************

+++ Was ist mit solchen Leuten anzufangen?

+++ Konkret gefragt: Möchten Sie solche perfekt Mainstreamdressierten um sich haben?

Alheumann

9. August 2019 11:33

„Balsam: Keine vorbeugenden Antwort- und Distanzierungsschleifen auf Fragen, die irgendwie ständig im Raume stehen, obwohl sie da gar nicht stehen dürften.“ Na ja!

1. Schon im ersten Absatz kommt es zur üblichen liberal-konservativen Klage, dass die Kommunikationslosigkeit die AfD „nicht schwächer, sondern stärker“ machte. Ungewöhnlicher ist da schon die Feststellung, dass sie „dem Mainstream nicht gut“ tat. Der ist zwar „sympathisch“ (Lüftung des Gessler-Hutes), seine Debatten drohen aber, „langweilig“ zu werden. Und was soll dann werden? Am Ende regieren die Höcke-Hitlers, weil sie unterhaltsamer sind?
2. Ich sehe ein unnötig langes Präludium, in dem Prof. Schlink u.a. behauptet:
a) Facebooks Willkür würde sich „gerade nicht gegen bestimmte Meinungen“ richten. Hier wissen ja wohl alle, dass das Gegenteil stimmt: Sie richtet sich ausschließlich gegen „rechte“ Meinungen.
b) „Behördliche Eingriffe in das Grundrecht der Meinungsäußerungsfreiheit sind selten“? Das erzähle man den Tausenden, die - nicht immer, aber immer öfter unverhältnismäßigerweise - Strafbefehle wegen Beleidigungen und Hatespeech etc. im Briefkasten vorfinden, mitunter sogar morgendliche Hausdurchsuchungen mit PC-Beschlagnahme erleben. Oft liegen Denunziationen auf FB zugrunde. Selbst RA-Kanzleien sind davor nicht gefeit, wie ich hörte.
c) „Die Behörden achten die Versammlungsfreiheit“? Nicht, soweit sie regelmäßig antifaschistische „Gegendemonstrationen“ an gleichem Ort und Stelle zulassen und selbst gegen strafrechtlich relevante aggressivste Störungen der Hauptdemonstration mit Beleidigungen und Bedrohungen deren Teilnehmern kaum einschreiten.

3. Bahners: Wenn die "demokratische Werteordnung" zum "Leitbild" einer Bildungsorganisation gehören soll, dann muss der Inhalt dieser Werteordnung im Diskurs erörtert werden.“ Das ist der entscheidende Punkt! Indes: Wer etwas vom Inhalt dieser „Werteordnung“ erfahren möchte – es handelt sich um die „FDGO“ -, sollte Haldenwangs Verfassungsschutzbericht zum „Prüffall AfD“ lesen. Die ermüdende Gleichförmigkeit der sich auf hunderten von Seiten (unter den Topi „Menschenwürde“ etc.) immer wiederholenden Vorwürfe erinnert an den Koran.

4. 2014 organisierte ich zusammen mit einem Pfarrer in Düsseldorf eine Podiums- und Diskussionsveranstaltung zur „Flüchtlingskrise und Herrschaft des Unrechts“ im öffentlichen Raum, die letztlich nicht stattfinden konnte. Nicht nur wegen antifantischen Bedrohungen gegen den Gastwirt. Sondern weil der Pfarrer, der Urheber der Idee war („nicht übereinander, sondern miteinander reden“), plötzlich meinte, es verstoße gegen die „Menschenwürde“, öffentlich über Probleme mit der Zuwanderung zu reden. Das sei „in einer Demokratie“ schlichtweg unzulässig. Denn: Die zu erwartende oder sogar kommunikationsnotwendige Attributs-Pauschalierung (Generalverdacht etc.) würde Immigranten diskriminieren – u.a. auch diejenigen, die rechtmäßigerweise hier und gut integriert sind und durch solche Debatten verängstigt würden.

5. Sollte es wider Erwarten zu einer denkverbotsfreien öffentlichen Debatte kommen, sollte man auch für die Argumentation von Deutschland bekanntestem Strafrichter (BGH-Richter und SZ-Kolumnist Fischer) zur Flüchtlingskrise gewappnet sein: Repräsentanten von EU-Staaten machen sich wegen „Mordes durch Unterlassen“ strafbar, wenn sie staatliche Rettungsschiffe im Mittelmeer reduzierend abziehen. „Rechte“ Bürger sind natürlich alles RAF-Sympathisanten solcher Mörder …

Fazit: Ich schließe mich heute den Pessimisten an. Es wird solche öffentlichen Debatten jedenfalls in der BRD genauso wenig geben wie zu Themen wie „staatliche Rettungsfolter zur Nothilfe von Entführungsopfern“ oder zum Antiterror-„Luftverkehrssicherheitsgesetz“. Oder „Pro & Contra Dexit“. Das sind Dinge, über die Professoren im Feuilleton in gespreizter Sprache mit abgewinkeltem kleinem Finger (nur) für Akademiker schreiben oder Fachausschüsse in Hinterzimmern besprechen können, über die man aber nicht öffentlich vor (oder gar mit) dem ressentimentbeladenen Volk diskutieren kann, ohne dass barbarische Zeiten wiederkommen (Fremdenfeindliche Pogrome, Todesstrafe, Circus Maximus, Bürgerkriege etc.). Das ist nach 400 Jahren Aufklärung Unsinn. Aber der Mainstream sieht es so - oder gibt vor, es so zu sehen, weil sonst Pfründe gefährdet wären. Und das wird sich wohl – vorbehaltlich einer katastrophalen Entwicklung, aber dann wäre es „zu spät“ - nicht ändern. Die Menschenwürdebewegten werden sich - in Umkehrung von Goethes „Faust“ - als Kraft erweisen, die stets das Gute will, aber das Böse schafft. Sie tun das längst. Etwa bei ihren humanitären Interventionen mit hunderttausenden Toten. Sie denken sogar über „präventive“ Angriffskriege nach, zu denen CDU-Atlantiker Norbert Röttgen im Herbst 2018 im Heute-Journal aufrief (hier verlogen gegen Assads angebliche „Faßbomben“).

links ist wo der daumen rechts ist

9. August 2019 11:45

Was alles möglich schien

Ein bißchen amüsiert mich, wenn man in der Zeit zurück geht, wie gerade Herr Bahners damals Schlinks „Vorleser“ despektierlich auseinandergenommen hat.
https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/der-vorleser-heller-schleim-1924351.html
Und heute? Beide – unwillig - in einem Boot? Schicksalsgenossen?

Was schien in dieser Zeit, als Schlinks Weltbestseller erschien, nicht alles möglich - zwischen Jenningers Rede 1988 und Walsers Paulskirchen-“Eklat“ 1998? Trotz allem. Trotz vorangegangenen „Historikerstreits“ als Urszene einer beginnenden Hyper-Moralisierung und obwohl Hermann Lübbe 1984 bei einem Vortrag noch ausgebuht worden war; heute sind seine Thesen via Aleida Assmann beinahe Mainstream bzw. ungelesen akzeptiert. Assmann? War da nicht was? Hatten die beiden nicht schon 1990 in dem Bändchen „Kultur und Konflikt“ eine „Theorie des unkommunikativen Handelns“ verkündet?

Und die Linken haben (bis heute) in heimlicher Verehrung ihren Botho Strauß oder Hans-Jürgen Syberberg oder gleich das komplette Matthes&Seitz–Programm im Regal stehen.
Denn all die Jahrzehnte, solange es ein nationalkonservatives Lager (von Sieburg bis Fest und Siedler) gab, war da diese ungestillte Sehnsucht der Linken nach klassisch rechten Themen, von Kluge über Reitz und Walser bis zu Enzensberger und Sebald. Und meinetwegen auch Rudolf Burger.

Ein Moment des hoffnungsvollen Beginnens oder gar der Befreiung kann man den 90er Jahren jedenfalls nicht absprechen.

Eine kleiner Einschub:
Während man in den 70er Jahren v.a. in Italien und Frankreich von den sogenannten Paranoia-Filmen sprach (Seeßlen hat etwa die italienischen „Söldnerfilme“, die in einem Niemandsland spielen, mit dem zeitgenössischen Italien Andreottis verglichen), wurden die 90er zum Kino-Jahrzehnt schlechthin. In den sogenannten „Mindgame-Movies“ sprach man das aus, was zeitgleich der erwähnte Andreotti vor Gericht zugab: Ja, eure schlimmsten Albträume sind wahr.
In dem singulären Werk Lars von Triers setzt sich diese „dogmatische“ Einsicht einer schwarzen Aufklärung bis heute fort.
Dies als kleiner Nachtrag zum „Black-Pill“-Artikel von Martin Lichtmesz.

Und die Musik in diesem Jahrzehnt (also alles was nach „Where is My Mind“ von den „Pixies“ folgte) spricht ohnehin für sich.

Aber zurück zum Thema:

In den „Nullerjahren“ dann begann der Motor zu ruckeln.

Und dreißig Jahre davor? Und heute? 1967 und 2015?
Dieses eigenartige „rote Jahrzehnt“ (Gerd Koenen). Auf dem Höhepunkt der Kampf einer linken Staatsmacht gegen ihr linkes Vorfeld.
Woran erinnert uns das heute (v.a. in Österreich)?
Werden wir einmal in ähnlich Weise von einem „rechten Jahrzehnt“ 2015ff sprechen?
Und die Rechte sieht nicht die Parallelen zu damals, die Linke nicht zu heute.

Heute haben wir die paradoxe Situation, daß - substantiell - der Geist rechts steht, aber - akzidentiell - die Linke versucht, die Stückwerke ihrer zertrümmerten Ideologie(n) "feinstaubmäßig" die Mehrheit inhalieren zu lassen. Toxische Moral eines universalistischen "Umweltbewußtseins". Da muß man doch fast schon wieder lächeln.
Oder eben eine atmosphärische Verschmutzung, wie sie Sloterdijk via Canetti und Broch in seinem Büchlein "Luftbeben" beschrieben hat.

Wie soll man diese Entwicklung zu Ende denken?
Bietet Walter Huecks Theorie einer bipolaren Wahrheit einen Ausweg, um nicht verrückt zu werden?

Oder finden rechts und links angesichts eines gemeinsamen Feindes (den es längst gibt) wieder zusammen?
Eine Renaissance der gemeinwohlorientierten „Ideen von 1914“ - zumindest so wie sie Sieferle in seinem Buch über die KR skizziert hat?

Where is My Mind?

https://www.youtube.com/watch?v=Iyw2jn2lPUE

heinrichbrueck

9. August 2019 11:53

Die Falle der „erneuten Schande“ wird irgendwann peinlich.
In diesem Kommentariat hat niemand Macht. Aber einige denken, sie hätten Einfluß auf die tatsächliche Macht. Woher kommt diese Auffassung?
Hier scheint außerdem die Naivität vorzuherrschen, anständige Leute müßten an der Spitze des Staates stehen. Solche Wahrhaftigkeitsapostel sind nur denkbar ungeeignet, wie die Geschichte es uns zeigt, einen entsprechenden Posten einnehmen zu können.
Die einzige Schande des deutschen Volkes war schon immer die geradezu mangelhaft bis ungenügend vorhandene kriminelle Energie, in deren konstanten Ausübungsplan nicht das Scheitern folgte. Wenn Voraussetzungen und Wünsche so dermaßen durcheinandergebracht werden, sogar die Menschheit im Spiel landet, sind die Fronten alles andere als sichtbar. Die Logik der Engführung ist eindeutig, ein vorgegebenes Fazit: Nur die Nazis werden überleben! Oder ist es ganz anders? Die Nazis hatten doch wirklich den Gedanken, weiß bleiben zu wollen – in einem weißen Land. Wie sollen denn die Nazis besiegt werden, wenn man die eigene weiße Hautfarbe nicht auslöscht? Wer am Ende dieses Jahrhunderts noch weiß ist, ist immer noch ein Nazi. Ob die Vokabel Rechts jetzt einer Debatte anempfohlen wird oder nicht, schlußendlich müssen Taten folgen. Ich frage mich manchmal, nicht zuletzt wegen der Schande, wie die Nazis verlieren und die Weißen gewinnen können, wenn die Entscheidungsfreudigkeit rechter Intellektueller nicht den eigenen Entscheidungsträger bestimmt.

t.gygax

9. August 2019 12:31

Ich setze keine, aber auch gar keine Hoffnungen in Leute wie Schlink.
Das ist nur Geplänkel, um abzulenken.
Im Ernstfall gehören Schlink und Co. zu denen, die das Feuer für unsere Scheiterhaufen schüren-und "sie tun es mit Lust" um ein Wort von Goethe zu verwenden, der vieles tiefer sah als seine Zeitgenossen.Er hatte ja auch Einblick in die Kreise derer, die über das unmündige Volk bestimmen.

Niekisch

9. August 2019 13:54

"die Natur des Menschen (oder auch: sein gottgegebenes So-Sein)"

@ kubitschek zu 8.8. 14:22: Der bis zum Schluß die Kirchensteuer zahlende, römisch-katholische Hitler beschwor des öfteren, in seinem Tun das "Werk des Herrn" vollenden zu wollen. War sein So, aber incidenter auch Anders- Sein ebenfalls gottgegeben?

Bedeutet ein "gottgegebenes So-Sein als Natur des Menschen" nicht eine Selbstvergöttlichung des Menschen, da er die Gottgegebenheit selber imaginiert?

LotNemez

9. August 2019 13:56

@quarz
"Man müsste ihnen nur die Gelegenheit zu einem Kurswechsel verschaffen, bei dem sie formell ihre ideologische Flagge behalten können. Ihr Problem ist ja nicht die mangelnde Einsicht, sondern die Angst vor dem politischen Stempel "rechts"."

Da haben Sie in meinen Augen einen sehr wertvollen Gedanken formuliert. Wenn dieser magische "Stempel" ihnen entgleitet, wäre das eine Katastrophe für sie. Das macht sie aber auch wackelig, da sie keine Kraft aus der Wirklichkeit schöpfen können, sondern nur aus dem Glauben an ihre Konstrukte. Ganz wie im "Zauberer von Oz" und in so vielen anderen Geschichten.

Es ist eine Überlegung wert, inwieweit diese Erkenntnis strategisch nutzbar wäre. Es würde ja bedeuten, dass der Vektor "rechts" neu verlegt werden müsste bzw. so umwidmet, dass er auf die verweist, die tatsächlich matriarchal-totalitäre Agenden verfolgen.

Das könnte den grünen Eliten durchaus schmecken. Wenn sie nämlich einerseits fürchten müssen, ihre dominante Rolle bei der Steuerung des Mainstream zu verlieren, z.B. weil sich ihre Agenda bei Änderung von Wetterlage, Wirtschaftslage, sozialer Lage als politisch untauglich erweist, und wenn andererseits die Aussicht besteht, mit einem Reframing ihres Narrativs das Gesicht zu wahren und ihre Machtbeteiligung zu sichern, dann könnten opportunistische Führungskräfte versucht sein, umzusteuern. Sie werden nicht tatenlos zuschauen, wie die Grünen wieder auf 7 Prozent schrumpfen. Zumal, wenn der Rückenwind der Medien sich legt oder gar zum Gegenwind dreht. Für die Grünen ist das wahrscheinlicher als für die SPD mit ihrer deutlich heterogenen, schwer lenkbaren Basis.

Und dass solche Volten selbst im großen Maßstab im Bereich des Möglichen liegen, sieht man gut an 9-11. Erschreckend einfach und effektiv wurde hier durch konzertierte Stimmungsmache, die dem Überraschungsmoment folgte, die öffentliche Meinung regelrecht überrumpelt.

Auch den Grünen erschien es bereits als moralisch erforderlich, einem Kriegseinsatz zuzustimmen. Auch die Grünen hielten den Biodiesel aus Palmöl für wichtiger als die Rettung des Regenwaldes.

Allerdings sehe ich eine blau-grüne Koalition nicht vor 2030. ;)

quarz

9. August 2019 17:38

@Vorbeck

"Was ist mit solchen Leuten anzufangen?"

Wir haben keine anderen zur Verfügung, um Staat zu machen. Wie schrieb doch der Königsberger: "Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden."

Lotta Vorbeck

10. August 2019 13:11

@quarz - 9. August 2019 - 05:38 PM

"... kann nichts ganz Gerades gezimmert werden."

*********************

Das 'krumme Holz fand' in meinem Elternhause als Brennholz Verwendung.

Simplicius Teutsch

10. August 2019 13:29

Kein Kaffeeplausch!

Die zivilgesellschaftliche Parole des Merkelregimes: „Nicht mit Rechten reden!“, ist auch bei der einstigen konservativen Franz-Josef-Strauß-Partei in Bayern angekommen:

„Wir haben nochmal klar gemacht, dass wir jede Form der Zusammenarbeit mit der AfD ablehnen – und sei es nur der Kaffeeplausch in einem Kommunalparlament“, so kürzlich Markus Söder, Bayerischer Ministerpräsident.

Ist so ein intolerantes, striktes, von oben verordnetes Kontaktverbot nicht etwa verfassungsfeindlich? - Im Sinne einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

Wo bleibt der Verfassungsschutz? - Ist natürlich eine Witzfrage. Denn wer ist der Herr des Verfassungsschutzes? Wer stellt sie ein? Wer beauftragt sie? Wer bezahlt diese Schnüffler und Verleumder?

Lotta Vorbeck

10. August 2019 21:18

@Simplicius Teutsch - 10. August 2019 - 01:29 PM

"... Die zivilgesellschaftliche Parole des Merkelregimes: „Nicht mit Rechten reden!“, ist auch bei der einstigen konservativen Franz-Josef-Strauß-Partei in Bayern angekommen: ..."

*******************

... und damit wäre die Frage beantwortet, "warum Konservative immer verlieren".

[Manfred Kleine-Hartlage]

Götz Kubitschek

11. August 2019 21:01

Badeschluß, werte Leser! Nehmen wir solche Beiträge als Protokolle von Wegmarken, die passiert zu haben die Hoffnung nicht vergrößern darf. Daß sie nebenbei den ein oder anderen Netz-Teilnehmer zu Tiraden verleiten, ist ein Sekundär-Effekt. Manche Leute hängen eben an uns wie an der Nadel.

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