12. August 2019

Sonntagsheld (117) – 11!

Till-Lucas Wessels / 5 Kommentare

Fußball ist Fußball – das war einmal.

Till-Lucas Wessels

Till-Lucas Wessels studiert und ist identitärer Aktivist sowie »Minenhund für zukünftig Zumutbares«.

Für Rasenballsport jeglicher Natur zeichnen normalerweise eher die Kollegen Kaiser und Schick verantwortlich, meine Interessen liegen woanders. Und doch muss ich gestehen, die Geschehnisse des Wochenendes mit einem für mich unüblichen, wenn auch nicht ganz unpolitischen Interesse verfolgt zu haben. Dass der Fußball längst zum Politikum geworden ist, steht außer Frage, das Spektakel verspricht nicht nur astronomische Profite, sondern unterliegt mit der zunehmenden Ökonomisierung auch den regenbogenfarbenen Nettiquetten des Marktes.

In seinen Netzfundstücken hat Jonas Schick das ziemlich griffig zusammengefasst, deshalb rufe ich seine Sätze hier noch einmal in Erinnerung:

“Wenn man sich die breite Mobilmachung von den geheuchelt rebellisch, aber schlußendlich nur »konformen«, nützlichen Idioten der Ultras Gelsenkirchen bis zur taz anschaut, dann verwundert es einen nicht mehr, daß ohne vorherige PR-Beratung keiner der Spieler oder Offiziellen im Fußballbetrieb mehr den Mund aufmacht. Während das Fußballmagazin 11 Freunde ständig den »Typen« im Fußball nachweint, begünstigt der linksliberale Moralismus, für den es simultan steht, ihren Verlust.”

Nun ist die Entfremdung des Fußballs von seinen Idealen das eine und mir persönlich nicht sonderlich wichtig; die Entfremdung des Sportereignisses von seinem Kernklientel, also den Fans, steht jedoch auf einem ganz anderen Blatt. Bei der Verschiebung, die uns an dieser Stelle begegnet, handelt sich nämlich nicht zuletzt um jene “neue Klassenfrage” der "Anywhere-Somewhere”-Dichotomie, die schon häufiger Thema dieses Netztagebuchs war.

Galt etwa der Fußball zur kultigen Zeit der Revierderbys und Lokalmatadore noch als der “Somewhere-Sport” schlechthin, scheint er nun, wie alle öffentlichen Bereiche von Relevanz vom universellen Fluidum der Anywheres regelrecht durchtränkt.

Der globale Fußballernachwuchs (gerne farbig!) ist Ware und Werbeplakat in einem, als weltoffener Wanderpokal lässt er sich je nach Interesse der Manager auf den Strömen der Ablösemillionen mal hier und mal dorthin treiben und ist eher vor der Kamera als auf dem Platz zuhause. Er ist kein eigentliches Vorbild seiner Generation, sondern vor Allem darin eher ein Abbild, dass er zu aller erst Konsument ist und es sich nicht nehmen lässt, diesen Konsum möglichst breitenwirksam und nach den Regeln des Online-Marketings auf seinem Instagram-Profil zu präsentieren.

“Typen” bleiben dabei auf der Strecke, aber das ist überall so, wo das ungeschriebene Marktgesetz der Allgefälligkeit jeden, der es zu etwas bringen möchte, glattlutscht, wie einen Bonbon. Der Charakter, dieses echte Sein “mit Ecken und Kanten” findet seinen Platz nicht in den transnationalen Netzen, sondern ganz konkret vor Ort.

Wo kann so ein Ort sein? Vielleicht beim Torjubel an der Eckfahne mit einem Hooligan-Shirt in der Hand? Oder beim Auswärtsspiel in der Fankurve neben einigen verfemten Sitznachbarn? Warum eigentlich nicht? Wir kennen das ganze Theater ja.

Wir wissen, dass es nur kurze Zeit braucht, bis der Besuch einer Geburtstagsparty die ersten Mordaufrufe zeitigt und, dass sich heute niemand mehr ernsthaft darüber aufregt, wenn die vermeintlich falsche Gesellschaft im Stadion die eigene Karriere beendet.

Wobei: “Niemand?” Das ist auch nicht so ganz richtig.
Stellvertretend für die politischen Pole des Fußballs stehen an diesem Wochenende zwei Bilder. Ihre Motive sind überraschend ähnlich und doch scheinen Welten zwischen den Realitäten zu liegen, die hier aufeinanderprallen.

Auf dem ersten Bild vom Samstag ist der Schriftzug “Wir zeigen Tönnies die rote Karte!” zu lesen, der von Schalker Fußballfans als Teil einer Choreographie mittels hochgehaltener roter Poster visualisiert wurde. Bezug genommen wird dabei auf einen krummen Afrikaner-Witz des Schalker Aufsichtsrates.

Auch das zweite Bild, es stammt vom Sonntagabend, zeigt Fußballfans. Diesmal handelt es sich allerdings um Anhänger des Chemnitzer FC und auf den von ihnen hochgehaltenen Postern steht bloß die Nummer 11 – die Trikotnummer des wegen seiner angeblichen Sympathien für rechte Hooligangruppen rausgeschmissenen ehemaligen Mannschaftskapitäns Frahn, der in diesem Artikel geehrt wird.

Wo meine Sympathien liegen, das ahnen Sie nun vielleicht, liebe Leser; ich habe heute sogar den Liveticker des Pokalspiels der Chemnitzer gegen den HSV verfolgt. Und auch, wenn das Elfmeterschießen am Ende verloren ging – die wahren Sieger saßen diesmal auf der Tribüne. Ob Daniel Frahn dabei war, keine Ahnung. Aber auch vor ihm ziehe ich den Hut, auch wenn er mal für RB Leipzig gespielt hat.


Till-Lucas Wessels

Till-Lucas Wessels studiert und ist identitärer Aktivist sowie »Minenhund für zukünftig Zumutbares«.


Kommentare (5)

Bones
12. August 2019 10:12

--> Galt etwa der Fußball zur kultigen Zeit der Revierderbys und Lokalmatadore noch als der “Anywhere-Sport” schlechthin, scheint er nun, wie alle öffentlichen Bereiche von Relevanz [,] vom universellen Fluidum der Somewheres regelrecht durchtränkt.

Ich fürchte, da ist die Dichotomie "Somewheres" und "Anywheres" durcheinandergeraten: Fußball war mit den Lokalderbys usw. der "Somewhere"-Sport schlechthin; das "universelle Fluidum" paßt zu den "Anywheres".

Oder habe ich Recht?

Laurenz
12. August 2019 11:22

Fußball als Genre ist nur insofern eine Notwendigkeit, wenn man sich als Mann mit Männern unterhalten möchte. Ist in solchen Situationen immer unangenehm, wenn man so gar nicht "mitreden" kann. Denn viel "Männliches" ist den Männern in unserer Gesellschaft nicht geblieben. Von daher läßt man diesen Gladiatoren-in-der-Arena-Sport über, um geschlechtsspezifischen und nationalen Gefühlen noch ein legales Ventil zu geben. Für die mediale, zutiefst korrupte Sport-Junta sind auch Rückschläge zu verarbeiten. Ob nun die ehemalige farbige Trainerin der weiblichen deutschen International-Mannschaft, Frau Jones, versagte, oder Herr Özil Herrn Erdogan zu seiner Hochzeit einlud, sind das Tiefschläge gegen die bolschewistische Massen-Pädagogik.
Daß die FIFA nichts anderes ist, als eine Mafia-Organisation, der staatlicherseits anscheinend wenig anzuhaben ist, liegt es rein am Konsumenten, wie dieser ehemalige Sport sich auch politisch entwickeln wird. Der tiefe Fall des Herrn Beckenbauer war doch wohl nur ein Bauernopfer.

Laurenz
12. August 2019 19:20

@Bones ...... Fußball ist heutzutage ein imperiales Symptom, Brot und Spiele.
Wilde Tiere und Gladiatoren wurden durch das gesamte römische Reich geschippert, um das Proletariat zu bespaßen. Auch eine antike Formel 1 gab es, mit Top-Piloten und Team-Wertungen.
Mit dem fortschreitenden Zusammenbruch des römischen Reichs verkam der Schaukampf zum Jahrmarkt-Gewerbe und einem gewissen Status des Schiffschaukelbremsers für das fahrende Volk. Das ist im übertragenen Sinne auf heute faktisch auch nicht anders, allerdings sind die Medien und Banken heutzutage mächtiger und verdecken dieses Bild. Lokale Druckmedien sind vergleichsweise noch stark, was allerdings an der älteren Generation hängt. Wenn die in 30 Jahren weg ist, sind es die Druckmedien auch.
Und wie der Forist Thomas Martini zurecht bemerkt hat, ist die Netznutzung zu ungeregelt um die Grundfreiheiten des Bürgers zu wahren.

Uodal
12. August 2019 22:59

Die Entwicklung des Profifußballs ist mehr als traurig. Ist doch der Fußballplatz nicht nur zum Spielfeld einer populären linken Multikulti-Liturgie geworden. Jedes einzelne Spiel ist darüber hinaus auch die rituelle Huldigung der kapitalistischer Ideologie des optimierten Faktoreinsatzes. Statt der Leistung von Persönlichkeiten und der sie hervorbringenen Landschaft, zählt nur noch der effiziente globale Einsatz der fußballerischen Produktionsfaktoren. Wie in vielen anderen Feldern ein Zwei-Fronten Zangengriff von Marxismus und Kapitalismus auf die Gehirne der begeisterten Zuschauer.

Und es ist ja auch ernüchternd zu sehen, wie die Begeisterung der Zuschauer trotz jahrzehntelanger, ganz offensichtlicher, Manipulation anhält. Andererseits - warum sollte gerade ein an sportlicher Leistung, die ist ja tatsächlich eher gestiegen, interessierter Fußballfan nicht darauf hereinfallen, wenn Intellektuell geschulte auf eine ebenso leicht zu durchschauende Theorie der "Anywheres und Somewheres" hereinfallen? Diese Theorie des Ururenkels des Gründers der Investmentbank Lehmann Brothers, geistert durch die rechte Szene, spätestens seit sie Dr. Alexander Gauland als Erklärungsmuster übernahm.

Jeder kann für sich die Glaubwürdigkeit dieser Theorie überprüfen. Ausgehend von der nicht ganz falschen Marx'schen Beobachtung, daß das (gesellschaftliche) Sein das Bewusstsein bestimme, wird behauptet, daß Menschen, die an mehreren Orten zuhause seien, das Ideal einer globalisierten Weltgesellschaft, ohne Grenzen und ohne Identitäten predigen würden. Für EU-Abgeordnete mag das ja zutreffen, wie z.B. für Jörg Meuthen - ups, stimmt ja gar nicht...

Und wie steht es z.B. um chinesische Wanderarbeiter? An mehreren Orten zu Hause und globalistisch eingestellt?
Der grüne Klima-Aktivist vom Prenzlauer Berg mag nervig sein mit seinem Anywhere Gehabe. Aber ein Drahtzieher des Bevölkerungsaustausches ist er ganz sicher nicht. Auch nicht die Abiturientin, die in Australien ein Praktikum macht und postet, daß Sydney ihre zweite Heimat ist und in Wahrheit jede Nacht vor Heimweh in's Kopfkissen heult. Und genau das verschleiert diese Theorie. Die Verantwortung soll weg von den wahren Protagonisten hin zu den Mode-Kosmopoliten von nebenan, die in Wahrheit genauso nur ein Land haben, wie du und ich.

Das erwähnte erste Samstag-Bild “Wir zeigen Tönnies die rote Karte!” - sind das jetzt die berühmten "Anywheres"? Von der Einstellung her sicher, aber in ihrem realen Leben? Eher wohl nicht. Einer meiner Kollegen ist ein entschiedener Linker und Multikulti-Befürworter. Und zugleich vollkommen bürgerlicher "Somewhere". Seit der Kindheit immer am gleichen Ort, verheiratet, Kinder, Häuschen... Also nunmal absolut kein "Anywhere"-Leben weit und breit. Das "Anywhere" existiert eben nur in seinem Bewusstsein. Nicht in seinem Sein - Also muss es da, in sein Hirn, anders hinein gekommen sein...

Und das ist genau der Knackpunkt an diesem vergifteten Theoriegeschenk, welches von manchen Rechten, in Er-mangelung eigenen Nachdenkens, so begeistert auf-genommen wurde: Es gibt sie nicht, die Anywheres als relevante neue Klasse. Echte Anywheres gibt es nur sehr wenige und die passen alle zusammen in ein Raumschiff namens Elysium. Was es aber gibt, ist die jahrzehnte-lange Gehirnwäsche, wovon diese Theorie ablenken soll. Sie ist sogar ein weiterer Baustein dieser immer perfekteren Gehirnwäsche. Was diese Theorie schafft, zusammen mit der globalistischen Ideologie aus der gleichen Quelle, ist es, eine innere Landkarte zu erstellen, in der sich der Adept, wie ein eingepferchtes Schaf in seinem Gatter, zukünftig bewegen wird. Das ist das gefährliche - und wie sowas funktioniert, kann man in "Die liberale Gesellschaft und ihr Ende" von Manfred Kleine-Hartlage nachlesen.

LotNemez
13. August 2019 22:06

@Uodal: Hören wir da einen getroffenen Hund bellen? Sie können nicht mit ein zwei geschilderten Einzelschicksalen ernsthaft die Dichotomie des Somewhere-Anywhere widerlegen. Wie hoch der Prozentsatz derer ist, die tatsächlich von der Globalisierung profitieren, ist nicht ausschlaggebend. Relevant ist allein, wer die globalusierte Welt idealisiert. Auch im Kommunismus war die Gruppe der Profiteure nicht deckungsgleich mit der der Befürworter. Das Anywheretum ist die Vorstellung, dass ein sich mit den Gewinnern der Globalisierung Gemein-Machen auch eine Teilhabe an ihrem Nimbus bedeutet. Ihr linker Bekannter mit Häuschen provitiert schon allein durch diese Zugehörigkeit zu den Guten. Um die Welt jetten muss er dafür gar nicht.

Es scheint mir auch unlauter, von den "wahren Protagonisten" zu orakeln, ohne wenigstens einen Hinweis zu geben, wer das ihrer Meinung nach ist.

Trotzdem gut geschrieben. Und sie haben mich für einen Moment stutzig gemacht.

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