23. August 2019

Landtagswahlen – EinProzent mit Großkampagne

Redaktion / 12 Kommentare

Am 1. September wird in Sachsen und Brandenburg gewählt. Die Bürgerinitiative EinProzent ist im Wahlkampf flächendeckend präsent.

  • Sezession

Weshalb diese große Offensive? Wir haben Philip Stein, den Leiter von EinProzent, dazu befragt.

Sezession: Sehr geehrter Herr Stein, Sie haben vor wenigen Stunden mit Ihrer Bürgerinitiative „Ein Prozent“ eine große Kampagne angekündigt, die nach eigener Aussage die „größte Kampagne seit Gründung der Organisation“ ist. Nicht zufällig haben Sie hierzu die heiße Wahlkampfphase in Sachsen und Brandenburg als Zeitraum gewählt. Welchen Zweck verfolgt dieser außerparlamentarische Eingriff in den laufenden Ostwahlkampf?

Philip Stein: Unser Bürgernetzwerk „Ein Prozent“ ist konzeptionell recht einfach zu verstehen: Wir vertreten die Interessen der Deutschen, der vergessenen und ignorierten Mehrheit in dieser Republik, mittels einer parteiunabhängigen, von „unten“ finanzierten Organisation. Zu Beginn unserer Arbeit im Jahr 2015 haben wir uns spaßeshalber gerne als „Greenpeace für Deutsche“ bezeichnet.

Ganz konkret sammeln wir als zentraler Akteur zwischen „Straße“ und Parlament Spendengelder ein, um sie anschließend auf verschiedenste außerparlamentarische Initiativen, Projekte, Medien, Künstler, Startups uvm. zu verteilen. Wir sind gewissermaßen die „Powerbude“ oder Lebensader der patriotischen außerparlamentarischen Opposition in Deutschland.

Wahlbeobachter

Sezession: Jetzt ist aber Wahlkampf, auch für Außerparlamentarier. Was macht diese Zeiten für Sie aus?

Stein: In Wahlkampfphasen wird von den Parteien gerne suggeriert, mit dem richtigen Kreuz auf dem Wahlzettel sei die Bürgerpflicht erledigt, die Wende womöglich eingeläutet und der Politik Genüge getan. Doch wir alle wissen: Die Krise ist nicht vorbei – und sie wird auch nach den „Ostwahlen“ nicht vorbei sein.

Wir von „Ein Prozent“ wollen mit unserer Kampagne klar machen, daß „das Spiel um den entscheidenden Einsatz des Politischen, was das Wesentliche anbelangt“, nicht nur „in der Arena der ‚Politik der Politiker’ seinen Ort hat“ (Alain de Benoist). Kurzum: Wir nutzen die heiße Wahlkampfphase um Jedermann klar zu machen, daß für das Gelingen einer „patriotischen Wende“ der persönliche Einsatz eines Jeden vonnöten ist und die Zeit des ausschließlichen Kreuzemachens vorbei ist.

Sezession: Sie sprechen bisweilen von der „Mosaik-Rechten“ und versuchen diese ganz zentral mit Ihrem „Ein Prozent“-Netzwerk auf- und auszubauen – nicht zuletzt mit finanziellen Mitteln. Verstößt Ihre Kampagne, vor allem die Plakatierung, nicht gegen Ihren eigenen Grundsatz der Aufgabenteilung? Haben Sie sich freiwillig zum gefügigen Vorfeld einer Partei degradiert?

Stein: Ganz im Gegenteil. Wir begreifen unsere Arbeit und auch die Form unserer Organisation, also ein bürgernahes Netzwerk zu bilden, das alternative Kultur und widerständisches Verhalten in nahezu jeden Bereich des Lebens trägt, als bewußtes Korrektiv des parlamentarischen Prozesses. Es handelt sich hierbei keineswegs um eine Floskel, sondern eine sehr bedachte Lage- und Funktionsbeschreibung.

Wir sorgen als finanzkräftige, weit vernetzte und reichweitenstarke Bürgerinitiative dafür, daß die Interessen der Patrioten, die viel Hoffnung in ihr alternatives Kreuz auf dem Wahlzettel gesetzt haben, in den Parlamenten Gehör finden. Das heißt konkret: kritisieren, einwirken, Gespräche führen und notfalls in Opposition gehen und Fundamentales zurückerobern. Von Gefügigkeit also keine Spur – vielmehr: wohlmeinendes, grundsätzlich ausgerichtetes Korrektiv!

Sezession: Ihr seid aber keine Partei ...

Stein: Ja. Die Aufgabenteilung im „rechten Mosaik“ zu wahren, Ausgewogenheit zu garantieren und gefährliche Pendelschläge abzufedern, das gehört indes zu unseren Kernbereichen. Als Bürgernetzwerk wird „Ein Prozent“ zumeist als „neutraler“, vernünftiger Pol zwischen „Straße“ und Parlament wahrgenommen.

Ich meine, daß diese Zuschreibung nicht falsch ist. Unsere Kampagne ist ein Zeichen, stellvertretendes Symbol eines vielfältigen und großen Mosaiks, kein Angriff auf alternative Parteistrukturen. Jeder auf seinem Platz – doch alle in die gleiche Richtung. Wir haben diesen Grundsatz begriffen und verinnerlicht. Unsere Wahlbeobachtung, die wir im Zuge der Kampagne wieder breit bewerben, symbolisiert u.a. den Gedanken der Arbeitsteilung.

Sezession: Neben der weiträumigen Plakatwerbung haben Sie zahlreiche weitere Werbemaßnahmen angekündigt. Auf was dürfen wir uns gefaßt machen?

Stein: Wären Sie das Manager-Magazin und würde ich öfter einen Anzug tragen, dann würden wir jetzt wohl über einen großen „Marketing-Mix“ sprechen. Ich will es anders ausdrücken: Wir nutzen alle medialen Mittel, die uns das Establishment hin und wieder zugesteht, um in die Offensive zu gehen. Selbstverständlich ergänzt um das, was wir mittlerweile, mit einem Anflug von Stolz, „patriotische Gegenöffentlichkeit“ nennen können.

Sezession: Und das heißt?

Stein: Das heißt ganz konkret: rund 300 Großplakate in 103 Städten und Ortschaften in Sachsen sowie Brandenburg; 1200 A1-Plakate an Laternenmasten in 61 Ortschaften; ein Radiospot, der seit Dienstag zehn Mal am Tag läuft; große Anzeigen in brandenburgischen Zeitungen (Auflage: 140.000); über 200.000 Drucksachen (Flugblätter, eine aktualisierte Asylstudie, neue Aufkleber); eigene Videoproduktionen sowie zahlreiche, noch folgende Überraschungen.

Wir sprechen von einer groß angelegten, breit gefächerten Kampagne, die zweierlei bedient: Internet und Nachbarschaft. Wir setzen dabei auf zwei Motive: Wahlbeobachtung und „Trojanisches Pferd“ – seriös und frech.

Sezession: „Ein Prozent“ wird hin und wieder vorgeworfen, vor allem ein digitales Phänomen zu sein. Linke „Journalisten“ sprechen sogar von einer von wenigen Personen betriebenen Propagandamaschine. Stellt Ihre Kampagne auch einen Versuch dar, die digitale Welt zu verlassen und – zunächst für die Menschen in Sachsen und Brandenburg – „greifbar“ zu werden?

 Stein: Das Internet ist für unsere Arbeit natürlich von zentraler Bedeutung. In den Sozialen Medien erreichen wir pro Woche rund 550.000 Nutzer, verzeichnen 120.000 Interaktionen und vereinen 30.000 regelmäßige Leser, die von 227.000 verschiedenen Lesern flankiert werden. Das Internet ist ein Werkzeug– und wir können damit umgehen.

Ich behaupte zudem ganz frech, daß wir den Einsatz moderner Medien so gut verstanden haben wie kaum ein anderer Akteur in unserem Beritt. Antifaschistische Publikationen und Institute weisen zu Recht immer wieder auf die Professionalität unserer medialen Arbeit hin. Wir haben bei „Ein Prozent“ von Anfang an ein Videoteam aufgebaut, das mittlerweile rund 60 Filme produziert hat, darunter auch gehaltvolle Dokumentationen mit langer Spieldauer.

Zusätzlich finanzieren wir alternative Medien und Kunst, etwa das Arcadi Magazin, die YouTube-Sendung „Laut Gedacht“ oder den Rapper „Komplott“. Die ganze Bandbreite der medialen Klaviatur wird von uns bedient – und das mit durchaus beachtlichen Zugriffszahlen. Hinzu kommt unser eigener Blog, unsere Recherchen, Studien uvm. Seit unserer Gründung haben wir rund 2,5 Millionen Druckmittel kostenlos in Umlauf gebracht, um die Bürger effektiv aufzuklären.

Sezession: Und jenseits des Virtuellen?

Stein: Außerhalb der digitalen Welt sind wir – vor allem in Sachsen und Brandenburg – ebenfalls gut vernetzt. Das ist allerdings ein Bereich, den wir bewußt nicht in die Öffentlichkeit rücken. Ich vergleiche „Ein Prozent“ gerne mit einem Eisberg, denn die sichtbare Spitze macht nur einen Bruchteil unserer Arbeit aus. Klar ist aber auch: Mit dieser Kampagne wollen wir in die Nachbarschaften, Städte und Orte, wollen Gespräche und Empfehlungen fördern. Wir verlassen die digitale Welt also nicht, wir machen lediglich einen weiteren, den nächsten parallelen Schritt.

Sezession: Wer ein wenig das Netz durchforstet und Zahlen vergleicht, wird schnell herausfinden, daß Ihre Kampagne eine ganze Menge Geld kosten dürfte. Wer finanziert eine solche Großkampagne – und wie kann geholfen werden?

Stein: Auch wenn Kritiker den nachfolgenden Satz immer in Frage stellen, bleibt er doch wahr: „Ein Prozent“ finanziert sich nahezu ausschließlich durch Spenden – und zwar aus regelmäßigen „kleinen“ Spenden Tausender Unterstützer und Förderer. Wir sind damit nicht abhängig von großen Mäzenen, die womöglich Einfluß auf unsere Arbeit und unseren politischen Kurs nehmen würden.

Durch diese große Zahl an „einfachen“ Unterstützern, die unser Rückgrat bilden, können wir stets unabhängig agieren und bleiben frei von externen Einflüssen. Im Vorfeld unserer großen Kampagne, die wir lange vorbereiteten und intern präsentierten, haben uns erstmals auch zwei, drei größere Summen erreicht, ohne die die Realisierung nicht möglich gewesen wäre.

Sezession: Und das Ganze zur Wahl, was kostet das?

Stein: Wir haben eine niedrige sechsstellige Summe investiert, die wir zwar eingeplant hatten, die einer Initiative wie uns aber natürlich an anderer Stelle fehlt. Diese neue Größenordnung, die wir hier wagen, wird unser ganzes Milieu voranbringen. Daher bitten wir um Spenden zur Refinanzierung – oder besser: den Abschluß einer „Fördermitgliedschaft“, die es uns leichter macht, langfristig zu planen. Alle Informationen gibt es hier.

Wahlbeobachter


  • Sezession

Kommentare (12)

Jan
23. August 2019 12:30

War ja klar: eine Woche vor der Wahl in Sachsen zieht die CDU in den Umfragen wieder davon, damit die letzten Unentschlossenen noch auf den Siegerzug aufspringen. Laut Infratest ein sattes Plus der CDU von 4% zur letzten Umfrage, jetzt stehen sie wieder bei 30%. Fake-News oder echt? Machen Umfrageinstitute Propaganda? Es fällt mir schwer zu glauben, dass es nach den letzten vier Jahren wieder so viele Wähler gibt, die sich von der CDU auf den letzten 100 Metern einlullen lassen. Wieviele Einschläge brauchen die denn noch? Diese trottelige Treue zur Union, die den größten Mist bauen kann und trotzdem immer noch die meisten Wählerstimmen zieht - unglaublich.

RMH
23. August 2019 15:34

"Es fällt mir schwer zu glauben, dass es nach den letzten vier Jahren wieder so viele Wähler gibt, die sich von der CDU auf den letzten 100 Metern einlullen lassen."

Für mich als in Bayern lebender nach den letzten bayerischen Landtagswahlen keine wirkliche Überraschung, denn in Bayern hatte wir ja auch das Phänomen, dass die AfD eine zeitlang gute Umfragestände vor der Wahl hatte und die besten AfDler nicht mehr für den Landtag zur Wahl standen sondern bereits nach Berlin gewählt wurden. Zudem - und hier hat die AfD in den neuen Ländern einen echten Vorteil - konnte man ja noch halbwegs konservativ mit der Wahl der sog. freien Wähler der CSU einen vermeintlichen Denkzettel verpassen. In den neuen Ländern gibt es solche einen Stimmenabsauger zum Glück (noch!) nicht.

Rede den Wählern ein, dass sie ja angeblich so eine überragende, staatstragende Verantwortung haben bla, bla, bla und das die AfD eh nie an die Regierung kommen wird, da im Ernstfall dann ja das ganz breite Bündnis kommen wird und schon denken viele, dann ist ja besser, wenn bei dem "breiten Bündnis" die Union den größten Kuchen abbekommt und zumindest den MP stellt, vor den Grünen, Linken etc.

Viele Leute denken offenbar wirklich so, dass ihre Stimme was Entscheidendes sei und sie deshalb "Verantwortung" zeigen müssten und daher komplett Verantwortungslose weiter auf die Regierungspöstchen heben müssen. Gerade in der Haupt-AfD-Wählerschicht >50 Jahre gibt es nach wie vor genug, die denken, sie müssten irgendwie "Reife" zeigen und dann machen sie ihr Kreuz eben so, dass sie weiter verarscht werden. So ist das eben - und damit will ich keine Wähler verhöhnen oder für blöd erklären. Ich möchte damit eher eine Situationsbeschreibung abgeben.

Die Medien trommeln ja unentwegt in genau diese Richtung. Ich persönlich bin mit jedem Ergebnis über 20% für die AfD zufrieden, würde mir aber schon sehr wünschen, dass es so gut wird, dass tatsächlich ganz breite Koalitionen gebildet werden müssen, denn dass verspräche wenigstens interessante, kommende Legislaturperioden und im Übrigen spende ich eben mal wieder eine der berühmten Kleinbeträge an 1%.

Vermutlich wird die Aktion von 1% umgehend wieder als unerlaubte Parteienfinanzierung der AfD ans Bein geschmiert werden, mindestens aber als Referenz für die pöhse räächte Verstrickung der AfD zu "dubiosen braunen" Thinktanks etc.

In der Woche bis zu Wahl wird es noch tonnenweise Gift und Gülle über die AfD regnen, so viel ist klar und irgendein Video, "Kronzeuge" oder sonst was wird vermutlich auch noch bald auftauchen, da kann man mittlerweile schon fast die Uhr danach stellen.

Insofern, liebe Wählerinnen und Wähler in den neuen Deutschen Ländern, lasst Euch auf den letzten Metern nicht irre machen, Helm auf, Augen zu und durch ... die Belohnung in Form der ganz großen Koalitionen ist nah!

Nordlicht
23. August 2019 21:29

Aus der Entfernung des nördlichsten Bundeslandes gesehen: Die Erklärungen von Ein-Prozent finde ich etwas nebulös, aber wenn es der Oppositionspartei Punkte bringt:
Es möge nützen!!!

Auch wenn die Folge eines guten AfD-Abschneidens sein wird, dss sich die anderen Parteien noch stärker in einem (natintionalen) Block verfilzen, werden viele Wählerstimmen für die AfD Wirkung entfalten.

Meine Hoffnung: Die AfD möge inhaltlich und personell besser werden, mehr Niveau in der politischen Argumentation, weniger Angriffsflächen bieten.

Nath
24. August 2019 19:40

Man versuche einmal, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn die AfD bei den anstehenden Landtagswahlen auf 40 % + kommen würde. Auch dann wäre in Bezug auf die BRD -Gesamtlage zu Optimismus wenig Anlass. Teile der Linken haben sich ja bereits besorgt gezeigt über die reaktionäre Wählerschaft im Osten, und mancher von ihnen ist sogar geneigt, "Dunkeldeutschland" abzuschreiben, um sich desto mehr auf die für sie bessere Lage im Westen der Republik zu konzentrieren . Doch selbst, wenn es zu obigem Wahlergebnis käme, könnte man unsere linken Freunde beruhigen, nicht nur, weil eine"zivilgesellschaftliche" Parteienkoalition eine Machtübernahme der AfD verhindern würde, sondern weil ihr One-World-Projekt seit Greta Thunberg wieder richtig Fahrt aufgenommen hat und sich beim Rest der Deutschen überwältigender Zustimmung erfreut. überwältigender Zustimmung erfreut.
Immerhin - ein AfD-Ergebnis über 40 % in Sachsen, Thüringen und Brandenburg könnte einem zumindest die Bewertung "nicht schlecht" abnötigen, obwohl sich auch dann der Tatbestand ergäbe, dass selbst im Osten eine Mehrheit für die Kartellparteien votierte.

Wie wäre es denn nun mit einem Ergebnis um die 30 %? Nun, das wäre, gelinde gesagt, schon sehr dürftig. Die neuen Bundesländer als eine Art Refugium für national gesinnte Deutsche, als eine Bastion gegen Multikulti-Experimente - und dann nicht einmal ein Drittel der Stimmen?

Den wahren Katzenjammer-Blues gilt es jedoch auf seiten der Rechten anzustimmen, wenn man sich die realen Verhältnisse vergegenwärtigt. Nicht einmal auf klägliche 25 % wird die AfD laut Umfragen kommen, während die Partei der "Kanzlerin" es auf satte 30 % bringt. Auch in den vermeintlichen östlichen AfD-Hochburgen stimmen drei Viertel der Leute für Multikulti, für den großen Austausch und für den Globalismus. Kurz und bündig: Es ist ein Offenbarungseid

Zwei Arten von vordergründigen Erklärungsmustern gilt es hier enrgegenzutreten: Das eine besteht darin, personelle oder programmatische Defizite der Ost-AfD für das Desaster verantwortlich zu machen. Wenn "die Menschen draußen im Lande" wüssten, was sie wollten, würden sie notfalls auch einen Topfdeckel als identitären Kandidaten wählen. Das andere ist der berühmte "Verblendungszusammenhang", innerhalb dessen Bannkreis sich das Volk angeblich gegen seine genuinen Interessen entscheide. Diese vermeintliche Begründung für das eigene Scheitern verfing schon bei den revolutionären Linken der siebziger Jahre nicht, und Rechte, die gemeinhin keine Hegelianer sind, können sich erst recht nicht darauf berufen.
Faktisch steht man vor einem doppelten Dilemma: Entweder ist das Volk - wie die Neulinken behaupten . ein Konstrukt, und dann ist es widersinnig, für seine Rettung einzutreten, oder es ist zwar eine wirkliche Entität, die aber offensichtlich mit "Patriotismus" nichts mehr anfangen kann und für welche die mittelfristige Auflösung der Nation nichts Furchterregendes an sich hat.
Zweifellos ist es irritierend, zugeben zu müssen, dass das Stereotyp, Politik sei ein schmutziges, vor alleam aber ein dürftiges Geschäft, gleichwohl zutrifft. Hat sich diese Irritation jedoch gelegt und ist man bereit, mit dieser "Volks-Weisheit" seinen Frieden zu schließen, dämmert möglicherweise die Erkenntnis, dass das "Volk" und die mit ihm in Zusammenhnag stehende politische Sphäre immer nur
m i t t e l b a r, nie unmittelbar von Interesse sein können. Man wähle Religion, Kunst, Hedonismus oder was auch immer zu seinem Lebensmittelpunkt und schaue, wie die eigene Nation und ihre Angehörigen da hineinpassen. Aber das "Volk als Ideal', sein bloßes Bestehen um des Bestehens willen? Das reicht nie und nimmer zu - und die besondere Pointe liegt darin, dass eben dieses Volk selbst ständig zeigt, dass es an sich kein Interesse mehr hat. Die traditionellen pejorativen Bezeichnungen ("der große Haufe", "der Pöbel") verdankten sich dem Misstrauen der "Vornehmen" gegen das Amorphe, aller innerer Prägekraft ermangelnde, rein quantitativ Bestimmbare, wie es einem beim Menschen als Massenphänomen begegnet.
Andererseits hat es nicht an Versuchen gefehlt, auch dem Menschen in seiner volkhaften Identität so etwas wie ein Eidos oder eine Seelengestalt zuzubilligen, bei Steiner etwa oder, was Indien anbetrifft, bei Sri Aurobindo.
Wie immer man jedoch zu letzteren Ideen stehen mag solange sie nur ein Vorstellungsinhalt sind und nicht zu einer für den E i n z e l n e n erfahrbaren Realität werden, beiben sie bloße Versatzstücke aus dem Ideologievorrat des 19. Jahrhunderts. Die Alltagsrealität der Massendemokratie, die Art von Individualisierung und Gruppenbildungen, die sie begünstigt, rechtfertigt jedenfalls eher den erstgenannten elitären Affekt der Verachtung gegen die "Vielzuvielen" auch des "eigenen" Volkes und die Abkehr von ihnen. Es steht zu befürchten, dass die bevorstehenden Wahlsonntage wieder ein Exempel dafür liefern werden.

Laurenz
25. August 2019 01:12

Das einzige, was mich am Interview stört, ist wie immer die intelligente Naivität.
Es gibt in Deutschland keine anti-faschistischen Gruppen und Verbände. Wenn überhaupt, sind wir das in unserer Freiheits-Liebe.
Die Gruppierungen und Verbände, die Herr Stein meint, sind ausnahmslos sogenannte totalitäre Sozial-Faschisten.
Wir brauchen also nicht so zu tun, als hätten Herr Liebknecht oder Herr Dschughaschwili nicht gewußt, von wem sie reden.

PhilipStein
25. August 2019 21:24

@Laurenz: Sternhell lesen. Faschismus verstehen. Wutbürger-Sprache ablegen. Danke.

heinrichbrueck
25. August 2019 23:35

@ Nath
Das demokratische Parteiensystem ist ein Offenbarungseid; das Volk ist in Ordnung. Wen würden die Sachsen eigentlich wählen, gäbe es keine AfD? Diese blaue AfD, der Superman! Nicht 40 %, stattdessen 96 % am angesprochenen Wahlabend (60 % Bundestagswahl); ausgehend von dieser Vorstellung, was dann? Es ist immer wieder lustig, wenn Demokraten Patriotismus zeigen wollen, dem Volk fehlenden Patriotismus vorwerfen, dabei dieses Volk (aber) immer noch existiert. Wahlsonntage sind Beerdigungsfeste der Demokratie, und kümmern mich überhaupt nicht.

Laurenz
26. August 2019 10:33

@heinrichbrueck .... das mag für Sie so sein. Es gibt aber keinen langen Marsch in Deutschland und auch keinen Marsch auf Rom. Das ist historisch seit 1923 so belegt. Und was interessiert Sie dann überhaupt noch?

Laurenz
27. August 2019 01:06

@PhilipStein ... warum kommen Sie mir hier mit irgendwelchen Abtrittshaus-Parolen? (...) Kositza: Ja. Und jetzt einfach wieder vertragen!

heinrichbrueck
27. August 2019 01:48

@ Laurenz
Was ist es, das die Welt im Innersten zusammenhält? Wahlkämpfe? Die AfD ist nicht die beste Lösung. Was wählen die Leute am Sonntag denn? Sie wählen denjenigen Kandidaten, der weniger Haß hervorruft. Niemand mag Politiker. Das Politikertheater ist doch nicht interessant. Die Gründung der AfD war ein Fehler, mit dem nützlich umzugehen sein wird. Ein Wahlsonntag als Abschluß einer Art Hypnose, mit deren Hilfe der Haß die Moral zu begründen versucht. Und deshalb wurde es für mich eine uninteressante Show. (Drei Regierungswechsel seit 1914: 1918, 1933, 1945.)

Thomas Martini
27. August 2019 06:29

Nehmen wir an, ich wollte die Rechten verstehen. Wäre es dann zielführend, mir die Rechten von Linken erklären zu lassen? Sollte man, und sei es nur um der intellektuellen Redlichkeit willen, nicht wenigstens mal gehört haben, was die Rechten zu sagen haben?

"Hajo Funke lesen. Die Rechten begreifen. Wutbürger-Sprache ablegen. Danke."

Nicht etwa: Lesen Sie jenen oder diesen Autor, und bilden Sie sich selbst Ihr Urteil. Hier schreibt einer, der es gecheckt hat, der die Rechten begriffen hat. Hajo Funke hat ihm alles gesagt, was er wissen muß. Nun versteht er die Rechten. Bestimmt hat er noch ähnliche Autoren wie Funke gelesen, die in dasselbe Horn blasen. Kubitschek und Kositza braucht er nicht mehr, geschweige denn von Waldstein, oder Alain de Benoist.

Man beklagt mir ständig meine Einseitigkeit, bloß warum? Die Einseitigkeit ist doch im Grundgesetz verankert. Ansonsten würde ich Ihnen eine Gegengeschichte erzählen, da würden Sie aber Augen machen. Das ist mir nicht erlaubt. Kein Grund zu heulen, alles gut.

Man erwarte von mir nur bitte nicht, daß ich auf den Zug von EinProzent aufspringe. Ich erwarte schließlich auch nicht, daß die Leute mir nachlaufen, will auch kein Podium, und mich am liebsten verkriechen, irgendwohin, wo sich der ganze Irrsinn gemütlich aushalten lässt.

Ihr sollt nur wissen, daß da draußen einer hinsieht, der sich nicht mehr an der Nase rumführen lässt, wo er Lüge, Unehrlichkeit und Maskerade wittert.

Laurenz
27. August 2019 10:10

@Thomas Martini & PhilipStein .. wieso weichen Sie auf andere aus? Können Sie nicht selber schreiben, was Sie denken? Was Sie hier nicht in 10 Sätzen und auf Tichys nicht in 5 Sätzen und FB nicht in 2 Sätzen sagen können, ist doch zur Agitation eh untauglich.
Meinen Sie tatsächlich, es glaubt Ihnen jemand hier im Forum weniger als sonst irgendwelchen Schreiberlingen. HaJo Funke lebt noch. Wenn er etwas zu sagen hätte, könnte er sich hier bei er Redaktion melden. Hatte er aber bisher mutmaßlich nicht.
Wenn Sie, Thomas Martini, der Meinung sind, wir verstehen hier alle die Rechte nicht, dann erklären Sie es uns Unbegnadeten doch bitte persönlich.

@heinrichbrueck .... Ihre Antwort sagt alles und nichts. Sie sind mir ausgewichen. Die Gründung des Kaninchenzüchtervereins war ein Fehler, blablabla...
Nochmals, in Deutschland entscheiden seit 1923 Wahlen und wer sich nicht die Mühe macht, sich Wahlen zu stellen, kann gerne im Keller den Reichsbürger mimen, völlig belanglos. Die Alt68er haben bis jetzt 50 Jahre gebraucht, um da anzukommen, wo sie sind. Von daher ist Ihre nicht ausgesprochene Erwartungshaltung (ja für was denn nu? Und an wen denn?) ziemlich luschig.

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