4. Oktober 2019

100 Jahre Waldorf, oder: der Bumerangeffekt

Caroline Sommerfeld / 46 Kommentare

Vor einhundert Jahren, 1919, wurde die erste Waldorfschule gegründet:

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

Emil Molt, Inhaber der Stuttgarter  Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik, richtete sie gemeinsam mit Rudolf Steiner für die Kinder seiner Arbeiter ein.

Hundert Jahre, eine so richtig schön ahrimanische Zahl! Unter dem Motto „Learn to Change the World“ feiert die internationale Waldorfbewegung. Höhepunkt war eine Megaparty im Berliner Tempodrom am 19. September 2019. Eurythmiedarbietungen, eine leuchtende Eine-Welt-Kugel schwebte über den Tänzern. „Die globale Zivilgesellschaft braucht eine Pädagogik, die den Menschen als sich immer entwickelndes Wesen in den Mittelpunkt stellt“, so Henning Kullak-Ublick, Vorstand und Gastgeber des Festtages.

Unter dem Bumerangeffekt verstehe ich, daß dasjenige, von dem man sich mit aller Kraft zu distanzieren versucht, mit größerer Stärke zu einem selbst zurückkehrt. Psychologisch funktioniert er so:

Der Bumerangeffekt ist dann gegeben, wenn bei Beeinflussungsversuchen der Sender der Botschaft in diesem Fall offenbar das Gegenteil von dem erreicht, was er erreichen wollte; eine den Intentionen des Senders einer Botschaft diametral zuwiderlaufende Reaktion seitens des Adressaten.

Was ist in 100 Jahren Waldorfpädagogik geschehen? Wann holt der Bumerangwerfer Schwung, und wann beginnt der Rückflug des Wurfgeschosses? Kann man sich drunter wegducken? Wird's trotzdem noch ein schönes Fest?

Als Christoph Lindenbergs richtungsweisendes Werk zur Waldorfpädagogik aus dem Jahre 1975 waldorfschulen: angstfrei lernen, selbstbewußt handeln erschien, war die linke Richtung der Waldorfpädagogikumdeutung schon eingeschlagen. Lindenberg fragte sich im Vorwort, wie die Waldorfschule seit ihrer Gründung 1919 öffentlich wahrgenommen wurde, und mußte feststellen: entweder wurde ihr spinnertes Sektierertum oder die Funktion, die „Opfer des Erziehungssystems“, Schulversager, schwierige und zurückgebliebene Kinder aufzufangen, zugeschrieben. Nennenswert politisch waren diese Zuschreibungen nicht. Er zitierte sogar einen Kollegen, der 1972 festgestellt hatte: „Die weltanschauliche Gebundenheit der Waldorfschulkreise und deren Konzentration auf Steiners Lehre sind u.a. Ursache dafür, daß in dieser Schule in ungebrochener Tradition ein Stück Reformpädagogik bis heute lebendig geblieben ist.“ Waldorfschulen sind in der Tat auf faszinierende Weise aus der Zeit gefallen: wo sonst spricht man noch dieselben Sprüche, vollführt dieselben lebensreformerischen Gebärden und Tänze und schreibt dieselbe Schrift wie in den 20er Jahren?

Lindenberg selbst unternahm nun den Versuch, die „radikale Änderung des Grundkonzepts von dem, was Schule überhaupt ist“ aus der steinerschen Pädagogik herauszufiltern. Das ist grundsätzlich sinnvoll, denn wie alle Reformpädagogiken ist auch die Waldorfpädagogik angetreten, die alte Schule umzustoßen durch eine menschengemäße neue Schule. Doch offensichtlich ist der Inhalt des „Menschengemäßen“ gelinde gesagt verschieden akzentuierbar. Steiner erscheint Lindenberg als eine offene Matrix, in die die eigenen Ziele projiziert werden können, und es ist wie ein Wunder, daß all die Projektionen ihm kaum etwas anhaben können und „in ungebrochener Tradition ein Stück Reformpädagogik“ in der Schulpraxis stets überlebt, sogar bis auf den heutigen Tag.

Lindenbergs Akzenturierung oder auch Vereinseitigung schaute so aus: Waldorfschulen pflegten doch seit ihrer Gründung freie demokratische Selbstverwaltung, das Kind sollte nicht „den Stoff lernen“, sondern frei sein. Er betonte die Arbeit im Sinne der „Arbeitsschule“, keine Auslese und kein Sitzenbleiben, Gesamtschule, Selbstreflexion der Lehrer, Gruppenarbeit, Schule als „weitgehend staatsfreier pädagogischer Raum“. Von den ursprünglichen Vorstellungen Steiners von der Fügung in die geliebte Autorität, der heilenden Aufgabe des Lehrers, vom göttlichen Menschen, dem „Führer in mir“, vom Organischen und von der „Volksseele“ im Kinde war nicht die Rede.

1999 erschienen die marxistische Polemik „Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister“ von Peter Bierl und zahlreiche Zeitungsartikel von Jutta Dithfurth et. al. in dessen Dunstkreis, die bei Rudolf Steiner das Vollbild einer „faschistischen“ Pädagogik finden wollten. Die anthroposophische Erziehungswissenschaft wehrte sich entschieden, allen voran Lorenzo Ravagli. Zum ersten Mal fiel der Ausdruck „political correctness“. In einem Erziehungskunst-Aufsatz resümiert der Autor Johannes Kiersch im Jahre 2000:

Zugleich aber werden wir uns damit abfinden müssen, dass gegen fundamentalistische Entartungen der Political Correctness bisher kein Kraut gewachsen ist. Wir werden auch weiterhin aus dieser Ecke mit Angriffen zu rechnen haben, wie alle, denen die Freiheit des Wortes ein unveräußerliches Rechtsgut geworden ist.

Sieben Jahre darauf versuchen die Waldorfpädagogen die Flucht nach vorn. Die von der Mitgliederversammlung des Bundes der Freien Waldorfschulen verabschiedete „Stuttgarter Erklärung gegen Rassismus und Diskriminierung“ wurde am 16.11. 2007 im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin der Öffentlichkeit präsentiert. Sie sollte ein Bollwerk dagegen bilden, daß in immer wiederkehrenden Rassismusvorwürfen gegen die Anthroposophie einzelne Sätze aus dem Werk Rudolf Steiners zitiert werden, die „diskriminierend wirken“. Für mit der Materie einigermaßen Vertraute sind sie jedoch, wie bei jedem großen Autor, aus dem jeweiligen Kontext erläuterbar. Mit der offiziellen Erklärung aller deutschen Waldorfschulen wollte man sich distanzieren von den Vorwürfen und „Klarheit schaffen“. Doch der soziale Druck, der die „Stuttgarter Erklärung“ zu einer Angsterklärung machte, war groß, zumal bei der Präsentation die Betreiber des Indizierungsverfahrens gegen zwei Werke Steiners zugegen waren und die Kameras der Medien einer im „Kampf gegen Rechts“ vereinten Republik darauf gerichtet waren. Der Bumerangwerfer hob den Arm.

Zehn Jahre Pause war den Anthroposophen danach noch vergönnt. Doch diese Angsterklärung nach außen wirkte auch nach innen angsterzeugend, mit dem Resultat zunehmender offener Politisierung. Einer der Väter der „Stuttgarter Erklärung“, der bereits erwähnte Henning Kullak-Ublick, schrieb schließlich in der Erziehungskunst einen politischen Leitartikel, titelnd „2017 wird in Europa gewählt und nicht alle haben Angst davor“, aus dem es sich zu zitieren lohnt, um den Stimmungsumschwung hin zur Politisierung der Waldorfpädagogik zu spüren:

1917, kurz vor dem Ende des Ersten Weltkrieges, initiierte Rudolf Steiner eine politische Bewegung, die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit als zentrale Ordnungsprinzipien moderner Gesellschaften erschloss: Das Geistes- und Kulturleben bedarf der Freiheit, der demokratische Rechtsstaat basiert auf dem Gleichheitsgrundsatz und das arbeitsteilige Wirtschaftsleben bedarf der assoziativen Zusammenarbeit, was konsequent gedacht früher oder später zu einem globalen Begriff der Brüderlichkeit führt. Obwohl die politische Bewegung damals scheiterte, beziehen sich drei bedeutende zivilgesellschaftliche Bewegungen der Gegenwart auf exakt diese Prinzipien und stellen zusammen einen radikalen Gegenentwurf zu den brandgefährlichen nationalistischen Strömungen von 2017 dar.

Was kann man nicht alles in der Steinermatrix unterkriegen, wenn man sich gut verkaufen will! Die Waldorfpädagogik richtete sich spätestens zu diesem Zeitpunkt selber aktiv im Kampf gegen Rechts ein, gegen „Rassismus, Nationalismus, Diskriminierung“ und Populismus, und brachte sich im Namen von „Freiheit“, „Demokratie“ und Globalismus auf staatstragende Linie. Steiners Ideen gelten Kullak-Ublick als „radikaler Gegenentwurf“ zum politischen Geschehen der unmittelbaren Gegenwart, gegen Rechtsruck, Wiedererstarken des Nationalismus und populistische Elitenkritik.

Der Bumerang kommt zurück. Distanzierungen bis hin zu regelrechter Steinerexkommunikation nützen dem Werfer nichts, im Gegenteil, er kann sich vor dem Aufprall des eigenen Wurfes nicht schützen. Kullack-Ublicks Auftritt in dem widerwärtig-genüßlich denunziatorisch angelegten ARD-Kontraste-Filmchen zur Hundertjahrfeier spricht Bände: am liebsten wäre er gar kein Anthroposoph mehr. Er duckt sich weg. Doch der Rassismus-, Okkultismus- und Esoterikvorwurf holzt immer wieder alles kurz und klein.

Oktroyierte und kriecherische Vergangenheitsbewältigung läuft grundsätzlich verquält, verdreht und mit gewaltigen Rückschlageffekten ab – egal, ob man sich die „Historikerkommission“ der FPÖ, die Kantenschere gegen den rechts ausfransenden Narrensaum oder die Neuerfindung der Anthroposophie als „Kundenanthroposophie“, nur echt mit Globalismus-Siegel, anschaut.

Martin Barkhoff hat kürzlich den Unterschied zwischen "Kundenanthroposophie" und "Freundesanthroposophie" beschrieben. Wer aller Welt gefallen will, sich als Produkt verkauft, auf den antifaschistischen, weltoffenen und klimaneutralen peace train aufspringt, verrät sich selbst. Barkhoff verglich die heutigen Mainstreamanthroposophen mit einem „Amway“-Anhänger, mit dem jedes Freundschaftsgespräch zum Verkaufsgespräch mutiert. Waldorf als Wellnessware, die mit One-World-Verkaufsstrategie an den Kunden gebracht wird, rechnet mit Eltern, die keine Anthroposophen mehr sind, sondern „bewußte“ Ökokonsumenten. Und immer wieder saust der Bumerang auf sie zurück, Steiner läßt sich einfach nicht kleinkriegen.

Alan Posener findet, Waldorf sei ganz supidupi drauf heute, unappetitlicher Steiner nach hundert Jahren einigermaßen verdaut:

Die Waldorfschulen basieren auf einer anti-nationalistischen, inklusiven Vorstellung von Menschsein“, lobt der „Welt“-Journalist und frühere Lehrer Alan Posener das Schulmodell. Das sei – zumal in Deutschland – „etwas ganz Großartiges“.

Und ganz zu recht habe man das „AfD-Kind“ ausgeschlossen, Hut ab vor dieser Waldorfschule! Poseners Begründung bringt dann exakt zusammen, was ich als den Bumerangeffekt bezeichne:

… das, wofür die AfD steht, also Deutschtümelei, Elitenfeindschaft, Nationalismus, Europaskepsis und Globalisierungskritik, steht im Widerspruch zum Selbstbild der Waldorfschulen insgesamt – die sich gern von den unappetitlicheren Ideen Steiners distanzieren wollen – und der betreffenden Berliner Schule insbesondere.

Die AfD als Rachegöttin Rudolf Steiners? Eher wohl als Symptom eines hundertjährigen Projektionstheaters, in dem Feinde und Verteidiger nur noch mit Mühe unterscheidbar sind und sich der Widerchrist ins Fäustchen lacht.

Die Kundenanthroposophie wird alle Kraft einsetzen und alle kundenvertreibenden Ideen, Haltungen und Menschen über Bord werfen oder auf dem Scheiterhaufen verbrennen, um den Kunden zumutbar zu bleiben. Sie wird versuchen, durch die geforderten Mittel von Abgrenzung, Ausgrenzung, öffentlichen Bekenntnissen, „individuell“ und in Massen, ihre polit-religiöse Korrektheit zu erweisen. Sie kann nicht anders. Sie wird alle menschlichen Beziehungen in den Dienst der Kundenbeziehung, letztlich des Verkaufens stellen. Wie Amway. Es fahren die geistfeindlichen Mächte auch in den Doppelgänger der Anthroposophie, sodaß er sich als ihr Feind entgegenstellt. Das ist eine wichtige Prüfung. Nun gilt es, die Geister zu unterscheiden. (Martin Barkhoff)

Es wird dabei aufs Anderssein ankommen. In diesen Zeiten ist das Dazugehörenwollen reines Gift. Ich-schwachen Menschen kann man Doppelgänger, leere Waren und Learn-to-change-the-World-Utopien verkaufen, weil sie dazugehören wollen. Ein starkes Ich steht – in all seinen reichen sozialen Beziehungen – als Solitär und will sich nirgendwo mitziehen lassen. Soziale Triebe haben einschläfernde Kraft. Um sein eigenständiges Denken zu bewahren, muß man versuchen, wach zu bleiben. Steiner hat die Waldorfschule als einen Organismus entwickelt – und genauso wie man vom Individuum zur „Menschheit“ auf eine Abstraktionsfarce konditioniert werden soll, wird dies auch mit der Konditionierung der Waldorfschule als solcher versucht. Es steht aber dem Anspruch entgegen, mit dem Steiner die Waldorfpädagogik ins Leben gerufen hat, sie Kollektivzwängen und Kollektivmanipulationen zu unterwerfen. Dies geschieht mit jedweder Einschwörung auf ein Bekenntnis, womit auch immer eine Gruppenseele in Anspruch genommen wird.

Gruppenseelen haben den Menschen in früheren Epochen bei ihrer Entwicklung geholfen, heute sind sie dieser hinderlich und somit ein entwicklungspsychologisches Dekadenzphänomen. Noch ist bis auf weiteres einige Jahrhunderte Ich-Entwicklung dran. "Immer noch ist es die Zeit der Einzelnen". Publikum noch stundenlang / wartete auf Bumerang ...


Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.


Kommentare (46)

Gustav Grambauer
4. Oktober 2019 11:02

Vieleicht krieg` ich ja `ne Extra-Tanzrunde mit der Sahra:

"Hat der alte Hexenmeister
sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
auch nach Anthro-Goodies Willen leben.
Seine Wort und Werke
merke(l)n wir und den Brauch,
und mit PC-Stärke
tun wir Wunder auch.

Walle! walle
Manche Strecke,
daß, zum Zwecke,
Buntheit sprieße
und mit tollerantem Dralle
in der Oneworld sich erschließe.

Und nun komm, du alter Doktor!
Nimm die schlechten Lumpenhüllen;
bist nur noch der Schuldig-Mohr:
nun erfülle meinen Willen!
Auf zwei Beinen stehe,
oben sei ein Kopf,
eile nun und gehe
mit dem Vielfalts-Farbentopf!

...

Seht, er läuft zum Bahnhof nieder,
Wahrlich! ist schon an dem Gleis,
und mit Blitzesschnelle wieder
bringt er den Willkommenbeweis.
Unzählige Würfe!
Wie die Teddybärchen fliegen!
Wie der Merkelgast ihrer bedürfe:
die Willkommenskultur wird siegen!

...

Und sie laufen! Naß und nässer
Ein Blutmeer an des Dornachhügels Stufen.
Welch entsetzliches Gemesser!
Herr und Meister! hör mich rufen! –
Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
werd ich nun nicht los.

'In die Ecke,
Henning, Henning!
Seids gewesen.
Denn als Geister
ruft euch, ohne Kundenanthropo-Pfenning,
erst hervor der alte Meister.'"

- G. G.

Gustav Grambauer
4. Oktober 2019 11:05

Cat Stevens, "Peace Train" - Antizipation seiner Konvertierung zum "Haus des Friedens"?!

- G. G.

Thomas Martini
4. Oktober 2019 11:09

"Ohne daß ich damit den geringsten Erfolg hätte, versuche ich das seit Jahren den Deutschen beizubringen:

Wenn nationale und ethnische Identität nicht zu einer Demokratie paßt, heißt das in der Konsequenz, daß autochthonen Völkern das Existenzrecht abgesprochen wird, was dann zu Erscheinungen führt, die jeden Tag bejammert und begreint werden wie beispielsweise Verlust der Rechte auf Meinungsfreiheit, Notwehr, Schutz des Eigentums und körperlicher Unversehrtheit, eiskalte soziale Deklassierung breiter Schichten, grassierende Altersarmut, Transfer öffentlichen und privaten Vermögens in ausländische Hände sowie tägliches Erniedrigt und Belogenwerden, ohne daß der DeutschIn auch nur einmal versuchen würde, herauszufinden, wo die Ursache seiner Misere liegen könnte." - Tempranillo, "Endlich vereint, endlich demokratisch"

Die Verantwortlichen der Waldorfschulen haben wenigstens begriffen, was Demokratie bedeutet und welche Absichten und Ziele dahinterstecken.

Pit
4. Oktober 2019 11:49

Ein (gutmenschlicher) Bekannter von mir gab zu, daß sein alter Vater wünschte, nicht von Schwarzen gepflegt zu werden; er habe diesem Wunsch entsprochen.
Der Wunsch, nicht mit Schwarzen in Kontakt zu sein. Geäußert im Moment, wo die Kontrollschranken zu schwach geworden sind, die Wahrheit weiter zu unterdrücken (Greisenalter).

Werden wir je den Mut haben, die Wahrheit zu sagen?

Die Frau, die auf der Straße "Nicht-Weißen" entgegenkommt und sich tapfer einredet, daß alles in Ordnung ist: wird sie je den Mut haben, die Wahrheit zu sagen?
Die Oma, die nicht-weiße Enkel hat: wird sie je den Mut haben, die Wahrheit zu sagen?
Der einzige Schwarze in der Schulklasse, der spürt, daß er nicht reinpaßt, nicht dazugehört: wird er je den Mut haben, die Wahrheit zu sagen?

Werden wir je den Mut haben, die Wahrheit zu sagen?

Kommentar Sommerfeld: "Die Wahrheit" ist in diesem Falle sehr vielschichtig. Zum triebhaften Impuls muß geistige Verarbeitung kommen. Siehe auch meinen Text im "Volk"-Heft der Sezession, No. 88, inklusive Steiners "Volksseelen".

Hartwig aus LG8
4. Oktober 2019 13:42

""Es wird dabei aufs Anderssein ankommen. In diesen Zeiten ist das Dazugehörenwollen reines Gift. Ich-schwachen Menschen kann man Doppelgänger, leere Waren und Learn-to-change-the-World-Utopien verkaufen, weil sie dazugehören wollen. Ein starkes Ich steht – in all seinen reichen sozialen Beziehungen – als Solitär und will sich nirgendwo mitziehen lassen. Soziale Triebe haben einschläfernde Kraft. Um sein eigenständiges Denken zu bewahren, muß man versuchen, wach zu bleiben.""

Das sind mal starke Sätze.

Maiordomus
4. Oktober 2019 15:00

Man kommt aus Sommerfelds Erläuterungen einschliesslich des Rückblicks auf 100 Jahre nun mal zur Überzeugung, dass die Anthroposophische Bewegung eine Religionsgründung bzw. eine synkretistische Sektengründung war. Sage ich mit grösstem Respekt vor Rudolf Steiner, Christian Morgenstern, hervorragenden Vertretern der Anthroposophischen Medizin wie Willem Franz Daems von der Weleda Arlesheim, einschliesslich einiger hervorragender Ärzte und Apotheker, die ich zum Teil wegen verwandter und überschneidender Forschungsgebiete als Weggefährten kennenlernen durfte. Zu schweigen von eindrücklichen ehemaligen Waldorf-Schülern, die in ihrem geistigen Profil geistig und intellektuell keineswegs zu unterschätzen waren. Einem von ihnen habe ich mal ein Buch gewidmet.

Die Vulgärform dieser Weltanschauung erreicht aber, wie bei anderen Denominationen auch, oftmals halt nicht mehr als primitives Sektenniveau. Eine meiner Töchter schickten wir (vor rund 40 Jahren) in einen anthroposophischen Kindergarten, mit bekannt häufigen Elternabenden. Unvergesslich eine Debatte um Wiedergeburt und der dergleichen. Den absoluten Weltrekord an sektiererischer Dummheit stellte eine anthroposophiegläubige Frau auf, welche als "Erklärung" für Contergankinder spekulierte: "Das könnten Wiedergeburten von Aufsehern und Aufseherinnen von Auschwitz sein." Eine echte Antifaschistin!

An solch perversen Gedankenspielen ist bestimmt nicht Rudolf Steiner schuld.

Um es zusammenzufassen: Gerade weil Anthroposophen, ob eingestandener Weise oder nicht, eine synkretistische Religionsgemeinschaft bilden, müssen sie sich ähnlich wie zum Beispiel die deutschen Protestanten und - zwar in etwas geringerem Ausmasss - die Katholiken, der jeweiligen Zeitgeisttendenz anpassen, je länger, desto mehr. Der Wortlaut der Bibel oder sonstiger heiliger Texte spielt dabei so gut wie keine Rolle, und wenn, dann wird er, wie beim Bekenntnis der Evangelischen zur "Ehe für alle", ins Gegenteil verkehrt. Für die gesamte Schullaufbahn hätte ich meine Kinder niemals in eine anthroposophische Schule geben wollen. Früher wusste man immerhin noch bei einer katholischen Schule, woran man war,;was heute, im Hinblick auf den Kanon und die geistige Förderung einschliesslich der lateinischen Kultur, leider meistenteils nicht mehr zutrifft.

Ulrich aus Wuerttemberg
4. Oktober 2019 17:47

Ich bin mir nicht sicher ob die Aussage von Gerhard Schröder selbst oder von einem anderen Sozialdemokraten stammte: (sinngemäß)„Ich habe nie Marx gelesen aber immer mit ihm argumentiert!“ Dies wird man nicht ganz eins zu eins auf Anthroposophen und ihr Steiner Studium übertragen können... Es gibt über 1000 Waldorfschulen über die Welt verteilt. Legt man nur quantitative Maßstäbe an, dann darf man das als ein Erfolg verbuchen. Legt man aber als Maßstab die Ideale des Begründers an, dann sieht die Bilanz magerer aus! Rüdiger Blankertz, ein erfahrener Waldorflehrer hat in seinem Buch „Das Erfolgsmodell“ Waldorfschule und „Das Problem“ Rudolf Steiner – 100 Jahre Waldorf – Wer feiert hier wen für was?“ eine eigenständige Bestandsaufnahme der Waldorfpädagogik in unserer Zeit vorgelegt! Das Buch empfiehlt sich nicht nur für sogenannte Waldorfinsider sondern auch für diejenigen, die die Waldorfpädagogik nur vom Hörensagen kennen!
http://www.agora-magazin.ch/nadeloehr
https://www.glomer.com/100-jahre-waldorf-wer-feiert-hier-wen-fuer-was/a-20133/

Gast
4. Oktober 2019 18:54

"Der einzige Schwarze in der Schulklasse, der spürt, daß er nicht reinpaßt, nicht dazugehört: wird er je den Mut haben, die Wahrheit zu sagen?"

Wieso sollte er diesen 'Mut' benötigen? Die Zeiten, in denen 'der einzige Schwarze in der Klasse der einzige Schwarze in der Klasse war' ... ach Gott, wie lange liegen sie zurück?

Denn um diesem 'einzigen Schwarzen in der Klasse' das Gefühl der Minorität zu nehmen (... und ihn also damit um die tatsächliche Wirklichkeit seiner Situation zu betrügen), wurde den weißen Kindern Schritt für Schritt abgewöhnt ihr Weißsein als konstitutiven Bestandteil ihrer kollektiven Identität zu empfinden...

... und die Klasse zudem mit immer mehr Schwarzen aufgefüllt. Oder Braunen. Oder bereits Mischlingen. Bis eben heute in manchen Klassen nur noch ein einziges weißes Kind vorhanden ist. Und damit stellt sich die Frage (neu): Wird das einzige weiße Kind in der Klasse, das spürt, das es nicht dazu gehört, je den Mut aufbringen die Wahrheit zu sagen?

Und wenn es die Wahrheit sagte ... oder sich auch nur eingestünde ... in welches Land sollte es dann auswandern können, wenn es 'nur unter Weißen' leben wollte???

Heinrich Loewe
4. Oktober 2019 19:07

Zum Posener-Artikel. Der rote Faden dort ist das "Recht auf Diskriminierung" seitens der Privatschulen; ein Recht, unter Seinesgleichen zu sein. Dieses finde ich richtig und unter allen Umständen verteidigungswürdig. Denke niemand, es sei nicht jetzt schon bedroht. Stichwort Knabenchöre.

Kommentar Sommerfeld: Mein Argument war auch lange Zeit der katholische Männergesangverein, der zu recht eine Muslima abweist. Nur ist in diesem (auch meinem Falle der "Sippenhaftung": Kündigung der Kinder durch die Waldorfschule wegen rechter Mutter) die Analogie nicht schlüssig: "Seinesgleichen" wurde hier nie als "politisch linksgerichtet" vorausdefiniert, und an ausreichend orthodoxer Anthroposophie hat es bei mir jedenfalls nie gemangelt.

Andreas Walter
5. Oktober 2019 01:26

Waldorf war gestern. Nichtmal der Salat ist heute noch in Mode, obwohl sogar sehr lecker.

Die neue Bewegung heisst darum:

save the planet eat the children

(Google Bildersuche, YouTube und Google)

Ist aber eher etwas für "böse" Jungs. Jenseits von gut und böse und vielleicht auch nur eine Ironie-Kampagne wie Freitags für Hubraum. Ansonsten aber womöglich ein schwerer Fall von Tay-Sachs, was dann ja eher traurig wäre. Idiotie und Demenz wünscht man ja niemand. Von notorischem Deutschenhass sind zum Glück aber auch nur wenige spinner, Propagandisten, betroffen. Viele tun ja ausserdem nur so, geht es aber auch nur um Geld, Macht und Ruhm.

In den VSA wird übrigens homeschooling, Hausunterricht, immer populärer, habe ich die Tage gehört oder gelesen. Finde ich auch gut. Zumindest besser, als die Kinder womöglich schwer gestörten Menschen zu überlassen.

brueckenbauer
5. Oktober 2019 06:48

Die Quintessenz ist ja doch, dass es (unter den Bedingungen des "Kapfes gegen rechts")"neutrale" Einrichtungen je länger, desto weniger geben kann - und dass die deutsche Volksgruppe sich auf Dauer eigene widerständige Einrichtungen wird schaffen müssen.

Dabei kann man sicherlich viel aus dem Vorgehen der Anthroposophen lernen, die ja beim unauffälligen Aufbau einer "Sub-" oder "Kontrakultur" so ungeheuer erfolgreich gewesen sind.

Gustav Grambauer
5. Oktober 2019 09:38

Gestern mittag (fiktiv) im Spieshuus,

http://www.speisehaus.ch/restaurant/

wo die Anthrobonzen wochentags zum Zmittag zämechlüngeled (zusammenklüngeln, es werden zur Genesung der Welt demonstrativ vor allem niederdeutsche Dialekte und Schwäbisch gesprochen):

Anthroposoph A: "Habt ihr`s mitbekommen, die Sommerfeld hat wieder zugeschlagen!"

Anthroposoph B: "Themawechsel."

Die(se) anthrobolschewistischen Kohorten meinend sollte es statt Bumerang auch Boomerang heißen ...

- G. G.

Grobschlosser
5. Oktober 2019 10:10

auch liberale Herrenclubs weisen Frauen ab ( obwohl das kaum mit dem GG vereinbar ist ) ; habe dann mal nachgefragt : "Herr Herrenclubmeister , warum lehnen Sie eigentlich Frauen ab ?"

Antwort : " Frauen würden sich hier nicht wohl fühlen und die Herren Herrenclublehrlinge möchten auch mal ungestört debattieren ".

klingt irgendwie orientalisch - ( bin kein Jurist ) - aber die grundsätzliche Ablehnung esoterisch interessierter Damen durch einen deutschen e.V. ist dann doch bedenklich ( tatsächlich hat diese Praxis keinerlei rechtliche Folgen ; Staatsanwälte , Richter , hohe Beamte , Lehrer , Ärzte , Offiziere und finanzstarke Privatleute engagieren sich in einem undemokratischen System welches zwar nach dem Vereinsgesetz organisiert wird - aber faktisch keinerlei demokratischer Kontrolle unterworfen ist ) Fazit : man bleibt unter sich - man tauscht Informationen und hilft dem lernschwachen Nachwuchs hier und da bei der Karriereplanung .

Zumutungen erleben nur deutsche Normalbürger - er wird sanktioniert wenn er sich politisch äußert , seine Kinder werden von Migranten verprügelt und keine brd Instanz hilft - der deutsche Mensch ist Freiwild - er ist schutzlos .

wer aber versteht wie sich die deutschfeindliche Intelligenz organisiert kann Gegenmaßnahmen ergreifen - der politische Gegner ist nicht allmächtig , er ist aus Fleisch und Blut - er kann historisch UND endgültig widerlegt werden .

Im Herrenclub redet man Klartext :" wir brauchen die Migranten um die Deutschen zu kontrollieren und um sie gegebenenfalls zu konditionieren " (sic) , so ein pensionierter Richter im Rahmen einer "Weihnachtsfeier" und weiter : " die Justiz kann zwar einige exponierte Multiplikatoren sanktionieren - aber niemals die "rechte Intelligenz" (sic) vernichten - sie ist nach wie vor im Bürgertum verortet und sie bleibt eine Gefahr für die Menschheit " (sic ) .

"Verbesserung der Welt und der Menschheit" (sic) , "Selbstoptimierung" des Herrenclublehrlings ; sehr viel soziale Kontrolle ; wenig Kreativität und schematisierte Rituale runden die pädagogische Programmatik dieser diskreten Lehranstalt ab .

man könnte über solche freaks lachen - wenn sie im realen Leben nicht so einflussreich wären

WoRa
5. Oktober 2019 10:25

@Pit @Gast
Sie thematisieren einen wichtigen, für mich hinsichtlich der Alltagsrealität sogar den wichtigsten Punkt: Auf welchem Wege ist es noch möglich, sein Missempfinden bei der zunehmend häufigeren Begegnung mit Angehörigen fremder Ethnien im eigenen Umfeld zum Ausdruck zu bringen? Mit den Repressions-Werkzeugen “ Rassist“ und „Menschenwürde“ wird jegliches Aussprechen des Unbehagens von vornherein unterbunden.

Maiordomus
5. Oktober 2019 12:11

Es gibt zweifelsfrei widerwärtige Herrenclubs; es bleibt trotzdem gut, dass es solche gibt; auch das gehört zu einer freien Gesellchaft, so wie ein Knabenchor, der mit Recht auch jenseits des Diskriminierungsvorwurfs ein Mädchen nun mal abweisen dürfen sollte. Es ist aber wohl nicht @Grobschlossers Tendenz bei seiner Anti-Herrenclub-Polemik, muss aber doch zur Vermeidung von Missverständnis gesagt werden, hier muss wohl auch nicht der Bube mit dem Bade ausgeschüttet werden.

zeitschnur
5. Oktober 2019 12:52

In meiner Wahrnehmung ist die Anthroposophie in starkem Maße eine geistige Bewegung der Umbruchszeit vor und nach dem 1. Weltkrieg. In ihr spielen Motive aus der Lebensreformbewegung, bestimmten künstlerischen Avantgarden, die teilweise mit Gesellschaftsprojekten (zB neuen Formen des Bauens und Zusammenlebens) verbunden waren, einer intensiven Rückbeziehung auf das Gedankengut des Deutschen Idealismus einerseits und speziell Goethes andererseits und auch die damals zeittypischen esoterischen und okkulten Bewegungen (v.a. Theosophie) eine fundierende Rolle. Steiner war so sehr Philosoph wie er Seher war, ein Multitalent mit enormen kreativen Kräften.
Die Anthroposophie ist wie viele der damaligen geistigen Entwürfe, eine Collage aus sehr heterogenen Motiven, die zusammengedacht werden sollten. Viele dieser Geister wollten - nach meinem Verständnis - die zerfallende und sich aufsplitternde Kultur in ihren Paradoxien und "antimagnetischen" Kräften heilend zusammenführen in monistischen Ansätzen. Solche Versuche berücksichtigten in viel höherem Maße als das heute der Fall ist, die Notwendigkeit, empirische Gegebenheiten zu integrieren. Heute ekelt man alles, was nicht ins enge Bild,passt entweder raus oder vernichtet es schlicht und einfach oder versucht es zu vernichten durch Verhetzung, Verleumdung und Dämonisierung.

Dass eine Lehre, die sehr stark auch in einem inzwischen historischen Zeitgeist entstanden und verstanden werden muss, natürlich, wenn sie überleben will, Anpassungsleistungen vornehmen muss, womöglich für heute Unbrauchbares reflektieren und anderes hinzunehmen wird, ist nicht weiter verwunderlich.

Das beklagt die Autorin aber auch nicht an sich. Es geht um diese widerwärtige Selbstauflösung, die man heute allenthalben beobachten kann, dieses Einknicken vor einer politischen Übermacht, der es sowohl an intellektueller Kraft und präziser Begrifflichkeit fehlt als auch generell an so etwas wie geistiger Substanz. Es ist sicher bitter, wenn man als Anthroposoph mitansehen muss, wie unberufene Geister ein einmal interessantes und in vielem faszinierendes Projekt "dekonstruieren", um nur ja den Anschluss an den großen Strom in den Untergang nicht zu verpassen.

Die Theorien Steiners über Volksseelen mögen heute antiquiert wirken. Verstehbar sind sie trotzdem immer noch sehr gut.
Der Horizont des gegenwärtigen deutschen Adlatus zu diesen Themen ist so eng, dass man selbst mit einer feinen Nadel nicht mehr durchkommt.
Innere Verwandtschaften in den Ideen Steiners, v.a. über die Thule-Gesellschaft zu einigen Strömungen, die auch im NS eine Rolle spielten, sind sicherlich nicht abzustreiten. Es bestehen aber solche inneren Verwandtschaften zwischen dem NS und anderen Gruppierungen bis heute wesentlich intensiver als zur A. - dass etwa große Teile der Sozialdemokratie (Fabianismus) mit dem NS eine knallhartes eugenisches Weltbild teilte, dass die autoritär-totalitäre Hierarchisierung der NS-Gesellschaft die Akklamation der Katholischen Kirche fand etc müsste im Prinzip nahezu alle größeren Institutionen auf den Prüfstand stellen, zumal sie alle bis heute keine klare und eindeutige Abgrenzung dazu vorgenommen haben.

Die Analyse der Autorin, dass ein ursprünglich aus defensiven Erwägungen verfasstes "Bekenntnis" zur Startrampe für ganz andere Kräfte wurde, erscheint mir plausibel.
Diese Sache zeigt einmal mehr, dass "Angriff" immer noch die "beste Verteidigung" gewesen wäre. Und das heißt in diesem Fall: die Lehren Steiners öffentlich darzustellen und die Massen in deren Diskussion hineinzunehmen.

t.gygax
5. Oktober 2019 13:19

@brückenbauer"man kann viel aus dem Vorgehen der Anthroposophen lernen"
Richtig erkannt. Die haben eine in sich geschlossene und perfekt funktionierende Gegenwelt aufgebaut- z.T. mit vielleicht etwas absonderlichen Ideen ( Steiner formuliert bisweilen rätselhaft...) aber mit einer ungeheuren Ausstrahlung "in die Welt hinein".
Andrerseits: Waldorfschulen ( nur ein Teil des Anthro-Konzeptes einer anderen Lebensweise, die Christengemeinschaft ist wiederum eine ganz andere Baustelle...) sind heute bis zum geht nicht mehr angepasst , ich habe dort einmal unterrichtet..oh Welt, das war keine gute Erfahrung......, die Anthros sind gnadenlos gegenüber Ketzern der reinen Lehre ( man lese nach, was info3 über Werner Georg Haverbeck schreibt, einen der wenigen Anthroposphen, der die Türen "zur Welt" auch geistig öffnen wollte mit seinem Buch "Technik- die andere Schöpfung" und damit an der Arroganz und dem Dünkel der Anthro-Szene scheiterte) und vor allem bleibt eines zu bedenken: Steiner gelang es, schwerreiche Unternehmer als Förderer für seine Ideen zu gewinnen ( Voith, Mahle etc. in Baden -Württemberg) . Da können die Rechten nicht mit- welcher Millionär spendet mal kurz was für sezession? Das gibt es nicht, leider.
Trotzdem: die Waldorf -Puppen sind einfach schöner als der industrielle Plastikmüll, der die Kinderzimmer heute beherrscht...und die Distanz der Anthros zum technischen Fortschritt ( heute nur noch historisch, die sitzen genauso wie alle anderen tagelang vort dem PC...) hat sogar den tiefgründigen Denker Max Thürkauf zu anerkennenden Sätzen veranlaẞt. Das Vermächtnis dieses bedeutenden Naturwissenschaftlers und Philosophen sollte hier endlich einmal gewürdigt werden...oh sezessions- Macher, hört diesen Aufruf....Psalmende, Sela.

RMH
5. Oktober 2019 13:55

"... auch liberale Herrenclubs weisen Frauen ab"

@Grabschlosser,
das sind Sie nun überhaupt nicht up to date. Die großen Clubs wie Rotary und Lions nehmen seit Jahren schon "Damen" auf (Anstoß dafür war wohl ein entsprechendes Urteil in den USA) ... der einzige mir bekannte Service-Club (so der übergreifende Begriff), der noch erfolgreich rein männlich ist, ist Round Table, dort wird das aber mit der Besonderheit begründet, dass man in diesem Club ohnehin nur bis zum Alter von 40 Jahren Mitglied sein kann und man mit Ladies Circle eine Parallel-Organisation für Frauen hat. Im Gegensatz zu den männlichen Clubs konnten die reinen Frauen-Clubs - die es ja auch schon seit vielen Jahrzehnten gibt und die auch eine lange Tradition haben - ihre "Homosexualität" erhalten, wie Zonta und Soroptimist zeigen.

Der Ansatzpunkt für eine Geschlechteraufweichung ist hierzulande übrigens weniger das Vereinsrecht, als vielmehr die Abgabenordnung, in dem man Vereinen die Gemeinnützigkeit nicht mehr ohne weiteres gewährt, wenn sie nur Männer zulassen, womit dann auch keine anerkennungsfähigen Spendenbescheinigungen mehr erstellt werden dürfen.

Das musste übrigens auch schon eine Freimaurerloge zur Kenntnis nehmen, denn genau dazu (Zulässigkeit der Aberkennung der Gemeinnützigkeit bzw. Nichtanerkennung, da kein Zugang für Frauen) gibt es schon ein entsprechendes, letztinstanzliches Urteil des BFH aus dem Jahr 2017 (diese Rechtsprechungstendenz sollte man auch bei rechten Vereinen genauestens beobachten! Denn ohne "Spendenquittungen" wird auch dort finanziell schnell der Ofen aus sein und von daher wird dieses Kriterium "Gemeinnützigkeit" sicher auch im "Kampf gegen Rechts" eingesetzt werden).

"man könnte über solche freaks lachen - wenn sie im realen Leben nicht so einflussreich wären."

Auch hier liegen Sie meiner Meinung nach daneben - Sind Sie Mitglied in einem dieser Clubs oder worauf stützt sich Ihre Einschätzung?

Wenn ja, dann dürfte Ihnen bekannt sein, dass solche Clubs selber kaum einflussreich sind, aber zum Teil eben auch Mitglieder haben, die in ihrem Berufsleben erfolgreich sind und deshalb mehr oder weniger Einfluss haben - und das sind eben gerade nicht alle Mitglieder solcher Clubs. Davon einmal abgesehen, das berufliche Netzwerke mittlerweile woanders geknüpft werden, als in diesen Clubs. Also bitte das ganze nicht überschätzen, in manchem Fußballclub ballt sich oft mehr Einfluss, als im Rotary oder Lions Club des selben Ortes.

Wie auch immer, das Thema mit den Waldorf Schulen, denen ich persönlich keine Träne nachweinen würde, wenn sie verschwänden (M.D. hat hier wesentliches dazu gesagt), ist jedenfalls ein großer Indikator für die Freiheit in unserem Lande.

Die Nischen, Ränder, Eckensteher, ja selbst die Narrensäume werden mittlerweile knallhart durchregiert. Früher konnte man eben noch eher einschätzen, wo eine Randerscheinung mal eben vor sich hin dümpeln durfte, da objektiv von geringer Relevanz. Heutzutage hat auf einmal jeder Kleingarten- oder Kleintierzuchtverein politische Relevanz und Brisanz (die Kleingärtner als Integrationsfaktor bspw.). Von daher ist die Gleichschaltung, auch wenn sie nach dem alten Muster von vielfach erzeugtem freiwilligen vorauseilendem Gehorsam erfolgt, von Einrichtungen wie Waldorf Schulen ein Indikator, der Besorgnis erregen darf. Die Freiheit der anderen ...

Pit
5. Oktober 2019 16:29

@WoRa Ich freue mich sehr über die positive Kommentierung meines Beitrags : "Sie thematisieren [...] den hinsichtlich der Alltagsrealität wichtigsten Punkt". Yep. Und ich habe das Gefühl, daß dies viel viel zu wenig passiert, dieses Thematisieren der Alltagsrealität und, insbesondere, was ich dabei EMPFINDE.

Nun, warum ist dies so... daß dies so wenig thematisiert wird?
Ich halte es für möglich, daß wir hier einfach in eine völlig neue Phase eingetreten sind: wir waren vorher einfach nicht und nie wirklich mit der *Biologie*-Frage konfrontiert (ich werde das Wort "Rasse" mit Euphemismen zu ersetzen versuchen, da wir Mimosen sind). Nur und erst heute können wir wirklich erfahren, was es bedeutet, mit Dem Anderen konfrontiert zu sein - und herausfinden, wie wir damit umgehen wollen.

Und es zeigt sich, daß es eben NICHT geht. Es zeigt sich, daß es höllisch unangenehm ist, mit Dem Anderen konfrontiert zu sein. Das ist kein Urlaub in der Exotik. Das ist mein Zuhause, und das ist eben etwas völlig anderes. Das Zuhause muss sich wie Zuhause anfühlen oder es ist falsch und schlecht, DAS ist es, was erlebt wird.

Ich selber bin ja in diesem Lernprozeß, bekam und bekomme, erst langsam, dann immer mehr, mit, daß ich das eben NICHT will. Das kann man sich nicht vorausbedenken. Das ist ein Erfahrungsprozeß.
Aber wir müssen darüber SPRECHEN dürfen !! Und das ist unser Recht. Das ist politische Willensbildung: diskutiere mit deinen Mitmenschen, welche Politik du willst. Also müssen wir ausprechen, öffentlich aussprechen und diskutieren können, was wir erleben, und was wir aufgrund unserer Erlebnisse und Erfahrungen wollen, was also unser politischer Wille ist.

Und da zeigt sich nun: von allen politischen Optionen ist heute die Biologische Option unzulässig. Wegen Humanität.
M.E. sind wir eben in dem Lernprozeß zu erfahren, daß die Biologische Option NICHT unzulässig ist! Ich kann ja verstehen, warum und inwiefern der gemeine europäische Gutmensch diese Option für unzulässig hält.... aus Humanität und wg. Weltfrieden und EineWelt... Aber ich lerne aus Erfahrung, und ich habe jetzt gelernt, daß Biologie für mich eine Rolle spielt und daß ich das in den politischen Entscheidungen berücksichtigt sehen will.

Darum betone ich immer: spüren. Wahrnehmen. Empirie. Nicht Ideologie. Darum will ich die Leute ermutigen, ehrlich gegenüber sich selbst zu sein bezüglich dessen, was sie erleben. Damit es endlich LEGITIM wird, diese Empfindungen zu nennen.

Greg Johnsons Lösung ist: einvernehmliche Trennung. Man hat zusammengelebt, die verschiedenen Biologien. Jahrzehnte und Jahrhunderte zusammengelebt. Wir haben´s probiert, wir haben unsere Erfahrungen gesammelt: und wir haben gemerkt, es geht nicht. Es gefällt uns nicht, wir wollen es nicht, fertig! Was ist denn daran illegitim, dies zu sagen? Ich will, daß die Wahrheit darüber gesagt wird, daß es nicht geht. Kein Übertünchen mehr der Probleme mit Harmonie- und Humanitätssoße! Es geht nicht, fertig, Scheidung.

Maiordomus
5. Oktober 2019 16:40

@Gygax. Max Thürkauf habe ich zu seinen Lebzeiten, damals als amtierender Vorsitzender einer pädagogischen Vereinigung, gerne zu gut besuchten Referaten eingeladen. Er war bemerkenswerterweise vom Verschwinden des Automobils im 21. Jahrhundert überzeugt; neigte generell zu zuspitzungsfreudigen Öko-Thesen, als alarmierende Aussagen noch eher bei Konservativen und Rechten zu hören waren; in der Schweiz etwa von Valentin Oehen, der noch am Leben ist: ein stets anregender Gesprächspartner.

Thürkauf, auf dem Höhepunkt seiner Karriere preisgekrönt in physikalischer Chemie, wurde mehr und mehr zumal zum Kämpfer gegen den naturwissenschaftlichen Materialismus. "Gott in der Natur" war ein Thema, das er nicht unweit von Teilhard de Chardin verfolgte, abzüglich von dessen Optimismus. Zumal in seiner späten, von Krankheit überschatteten Phase dominierte der Pessimismus bis schon fast zum Weltuntergang. Zu den Naturwissenschaften hatte er ein schon fast erotisches Verhältnis, so wie er für seine enthusiastische Vortragsweise gelegentlich Kritik einsteckte. "Sie dürfen heute Ihre Assistentin lieben, aber die Chemie dürfen Sie nicht lieben", vermerkte er einmal. Sein Charakter hatte etwas Paracelsisches an sich.

Nach Thürkaufs frühem Ableben engagierte sich seine Witwe Inge für sein Vermächtnis, sie war und ist, wenn ich mich recht erinnere, auch eine überzeugte Gender-Kritikerin.

Grobschlosser
5. Oktober 2019 19:32

re Maiordomus :

Herrenclubs unterlaufen systematisch demokratische Entscheidungsprozesse ( "man kennt sich , man hilft " ) ; Folge ist eine Negativauswahl in Ämtern und Behörden aber auch in großen Unternehmen ; auf wundersame Weise fallen Totalversager die Karrierejakobsleiter hinauf und nicht hinunter ; Herrenclubs verursachen sehr hohe gesellschaftliche Kosten wenn die Negativauslese zu betriebswirtschaftlichen Schäden führt .

ich kritisiere nicht den vergeistigten Professor der mit Goethe und Humboldt etwas Licht in die dunklen Gehirne seiner Studenten tragen will ; es geht um die Frage ob sich die Gesellschaft eine demokratisch nicht legitimierte "Elite" leisten kann .

Ob die behauptete Fortschrittsagenda zu Fortschritt führt mag jeder für sich beurteilen - Staaten in denen die H-Clubs ganz selbstverständlich den öffentlichen und wissenschaftlichen Diskurs bestimmen ( siehe usa ) sind dann doch eher rückständig ( technologischer Fortschritt wurde in anderen Ländern entwendet bzw. von Europäern mitgebracht ; Bildung gibt es nur für wohlhabende Eliten ; vom Gesundheitssystem müssen wir nicht reden .).

dort wo der Herrenclub die Politik macht geht es der Mehrheit schlecht .

das eigentliche Problem ist nicht das esoterisch - romantische Brimborium sondern das sozio-ökonomische Netzwerk ; man könnte auch von mafiösen Strukturen sprechen .

aber ich werde mich nicht mit Ihnen streiten .

MfG , Grobschlosser

links ist wo der daumen rechts ist
5. Oktober 2019 19:54

Steiner – Das Eiserne Kreuz

Geschätzte CS!

Ein uns beiden wohlbekannter Kulturwissenschaftler pflegt an mich immer die Warnung zu richten: Vorsicht vor wilden Analogien!
Allein, ich pflege weiterhin – zumal in diesem Forum – meinen Parlando-Stil; und die eine oder andere Begriffsprägung scheint dann auch in den Forumswortschatz eingegangen zu sein (wie etwa „Limbo“).

Wie darf ich aber eine Passage wie folgende interpretieren?

„Oktroyierte und kriecherische Vergangenheitsbewältigung läuft grundsätzlich verquält, verdreht und mit gewaltigen Rückschlageffekten ab – egal, ob man sich die „Historikerkommission“ der FPÖ, die Kantenschere gegen den rechts ausfransenden Narrensaum oder die Neuerfindung der Anthroposophie als „Kundenanthroposophie“, nur echt mit Globalismus-Siegel, anschaut.“

Das ist doch einerseits Schema-F unserer „Rassismus“-Diskussion im Forum, zum anderen frage ich mich ernsthaft, was eine seriöse Anthroposophie-Diskussion mit der FPÖ und dem Narrensaum zu tun hat? Warum diese willkürliche Verkettung?

Im einen Fall mag das „kriecherisch“ nur allzu berechtigt sein, in den beiden anderen Fällen klingt es kontraproduktiv.
Im Klartext: auch wenn hier einige immer wieder gern ihre Steckenpferde reiten und den Komplex 33-45 in ein anderes Licht rücken (hab' ich auch schon gemacht, etwa Polens Rolle in der Zwischenkriegszeit beleuchtet, an die Vertreibungsverbrechen gemahnt und v.a. auch das berühmte Augstein-Zitat zu Roosevelt & Co gebracht), Fazit bleibt: der NS mit seiner selbstzerstörerischen Eskalationslogik war die mieseste, undeutscheste Erscheinung, die die Weltgeschichte jemals gesehen hat und der Narrensaum, der das partiell anders sieht, gehört … (hier sollte das entsprechende Gauland-Zitat folgen).

Und die FPÖ, ach mein Gott. Eine ursprünglich deutschnationale Kleinpartei, die aus purer Machtgeilheit zu wiederholtem Male Steigbügelhalter einer neoliberalen ÖVP wurde; die „Ausländerthemen“ dienten allein der Stimmenmaximierung. Wäre der gelobhudelte Kickl tatsächlich vom ersten Tag an gegen Asylmißbrauch vorgegangen, hätte es mehr als ein Jahr nach Regierungsantritt diese Scheußlichkeit in Vorarlberg nicht gegeben und sein Anstandswauwau Frl. Edtstadler hätte nicht kleinlaut bekennen müssen: Tja, EU-Recht schlägt halt nationales Recht, wos soin ma tuan?

Was tatsächlich Not täte: ein nationalkonservatives Lager, das zeitlich von Leuten wie Friedrich Sieburg und Wolf Jobst Siedler eingerahmt war, damals. Aber davon sind wir mit den gegenwärtigen Knallchargen Lichtjahre entfernt...

Klare Trennungen der Lager, die Heterogenität erst ermöglichen, „unheimliche Nachbarschaften“ und kein linksliberales Wohlfühl-Tamtam, das ausschließlich vom „Kampf gegen rechts“ und der deutschen Weltklima-Endlösung (Verzeihung: -Rettung) - durch Schließung von ein paar kalorischen Kraftwerken - zusammengehalten werden soll.

@ zeitschnur hat ja sehr schön und prägnant die Heterogenität der damaligen Zeitströmungen zusammengefaßt; hier gab es eben als Folge von Wahlverwandtschaften beider Lager oft keine eindeutigen links-rechts-Zuordenbarkeiten, wie ja auch ein Großteil der historischen Avantgarde nicht per se progressiv oder links war; vgl. dazu etwa: Peter Ulrich Hein, Die Brücke ins Geisterreich. Künstlerische Avantgarde zwischen Kulturkritik und Faschismus (Rowohlt 1992); eine Spur tendenziös, aber trotz allem sehr informativ.

Und weil's aktuell ist: War kürzlich bei einer Lesung von Alexander Nitzberg mit dem Titel „Aufstand der Dinge“ (!) an einem traditionell eher linken Veranstaltungsort. Es ging im Wesentlichen um die Vetreter des russischen Futurismus in seinen drei Ausformungen. Und muß man die damals proklamierte dritte Revolution, die des Geistes, tatsächlich als progressives Projekt sehen? Wollten Leute wie Chlebnikow (den in der Originaldiktion a'la Nitzberg zu hören ein Genuß ist) nicht an einen mythischen Ort zurück?

Zur Anthroposophie:
Mein Großvater väterlicherseits war ein bekannter Rosenkreuzer-Forscher und auch Begründer einer eigenen Loge; ich kenne also aus seinem Nachlaß die Gemengelage aus Theosophie, Anthroposopie und – ja auch – Ariosophie ganz gut (dazu hatte ich übrigens einmal ein kurzes, aber sehr erhellendes Gespräch mit Arnold Stadler). Und wenn ich mich damit beschäftige, bin ich rechts. Punkt. Aus.

Das selbe gilt übrigens für meinen Großvater mütterlicherseits in seiner OT- und späteren Wehrmachtsuniform; hier bin ich – etwas pathetisch – mit ihm im Schützengraben – und natürlich rechts, auch wenn ich das große Ganze (s.o.) – aus heutiger Luftbildperspektive – ablehne.

Wie auch das EK, ob als Balkenkreuz oder „Tatzenkreuz“, für mich, wie ich an anderer Stelle geschrieben habe, ein altehrwürdiges heraldisches Stück Tradition bleibt, dem man nichts anhaben kann und das auch in der „Lambda“-Diskussion nicht zu einem Abzeichen herabgewürdigt werden soll.
Dazu am Rande ein Literaturtipp:
Guy Sajer, Denn dieser Tage Qual war groß (Molden 1969 u.a.).
Darin eine Schlüsselszene, als der Held des Buches gemeinsam mit einem versprengten Kameraden in einer verschneiten Landschaft im russischen Niemandsland plötzlich einen Panzer mit dem Hoheitszeichen erspäht und wie ein verlorenes Kind losrennt und jubelt: Das sind ja unsere!

Abschließend:
Wenn schon eine Analogie einer kriecherischen Verbiegung, warum nicht das IB-Geplänkel im mehrheitsrechten Lager ansprechen? Klares IB-Bekenntnis, klares, unverfälschtes Steiner-Bekenntnis. Punkt.
Warum dann aber eine selbstgewählte Geiselhaft mit einer ramponierten FPÖ samt "Historikerkommission" (die eh niemanden interessiert), die als Liebediener-Partei den Namen „freiheitlich“ nicht verdient, und einem unverbesserlichen Narrensaum, der immer das Kind mit dem Bade ausschüttet – und damit allen schadet?
Das verstehe wer will.

Oder soll's doch bald wieder heißen: it's Limbo time!
https://www.youtube.com/watch?v=Vi41zAu4FfM

Kommentar Sommerfeld: Ich habe absichtlich solche Beispiele herangezogen, in denen es eben nicht leicht fällt, sich mit dem Objekt der Distanzierung zu identifizieren, und in denen ich demselben nicht zugehöre. "Selbstgewählte Geiselhaft" ist charakterlos, und gerade solche Biegsamen müssen das eben nachträglich lernen: ihren Mann zu stehen oder zu verschwinden. Und beim "Narrensaum": solange wir uns diktieren lassen, daß wir uns von diesem zu distanzieren haben, ist unsere Haltung dazu nicht souverän. Kubitschek schrieb einmal über Weißmanns "Deutsche Geschichte" für Kinder (2016), man könne es so lösen, die vermaledeiten Jahre genauso wichtig zu nehmen wie die Staufferkaiser oder den Vormärz. Unsouverän hingegen ist, sie als Zentrum all unseres Tuns und Denkens fremddefinieren zu lassen. Soweit trägt meine Steinerdistanzierungsanalogie doch, oder?

links ist wo der daumen rechts ist
5. Oktober 2019 22:13

@ Kommentar Sommerfeld

Das mit der „Geiselhaft“ war überzogen, sorry.

Aber wie bringe ich diese beiden Aussagen in einen logischen Zusammenhang:

1.
„Und beim "Narrensaum": solange wir uns diktieren lassen, daß wir uns von diesem zu distanzieren haben, ist unsere Haltung dazu nicht souverän. Kubitschek schrieb einmal über Weißmanns "Deutsche Geschichte" für Kinder (2016), man könne es so lösen, die vermaledeiten Jahre genauso wichtig zu nehmen wie die Staufferkaiser oder den Vormärz. Unsouverän hingegen ist, sie als Zentrum all unseres Tuns und Denkens fremdefinieren zu lassen.“

2.
„Es wird dabei aufs Anderssein ankommen. In diesen Zeiten ist das Dazugehörenwollen reines Gift. Ich-schwachen Menschen kann man Doppelgänger, leere Waren und Learn-to-change-the-World-Utopien verkaufen, weil sie dazugehören wollen. Ein starkes Ich steht – in all seinen reichen sozialen Beziehungen – als Solitär und will sich nirgendwo mitziehen lassen. Soziale Triebe haben einschläfernde Kraft. Um sein eigenständiges Denken zu bewahren, muß man versuchen, wach zu bleiben.“

Wer ist im ersten Zitat das ominöse „Wir“ und wer im zweiten der Solitär?
Das fragt jemand, der seit gut 25 Jahren den Solitär spielt und sich immer wieder gewundert hat, wenn man den Kaiser als nackt bezeichnet, warum dann seine gesamte Entourage nicht nur unbeirrt behaupten muß, 2+2 sei 5, sondern den „Ketzer“ mit z.T. inbrünstigem Haß verfolgt.
Applaus (und damit ein Wir-Gefühl), egal von welcher Seite, war mir aber seit jeher suspekt.
Einem meiner wenigen akademischen Lehrer, Kurt Marko, verdanke ich u.a. die Hinweise auf Girolamo Cardano, Theodor Lessing, Albert Vigoleis Thelen, Friedrich Reck-Malleczewen u.v.a.m.
Einem anderen frühe Hinweise auf Panajotis Kondylis.
Alles Solitäre.

Auch frage ich mich z.B. hier in meiner Fischpredigt zu den "Ideen von 1914" via Sieferles "Konservative Revolution", warum absolut niemand darauf eingeht.
Lieber eine Problemwälzung a'la Watzlawicks "mehr desselben"?

Und wie kann ich souverän sein (wollen), wenn ich heteronom agiere, indem ich eine Fremddefinition gerade in meiner Abwehr perpetuiere?
Ich habe zwischenzeitlich auch meinen Schrenck-Notzing gelesen und muß befreiend feststellen, daß ich NICHT NUR willenloses Objekt einer linksliberalen Umerziehung bin bzw. sein kann, das im Modus einer Dauer-Entrüstung dagegen aufbegehrt. Dann könnte ich ja gleich mit dem Fuß aufstampfen.

Aber das fragt nur jemand aus der Froschperspektive im Kommentariat.

Kommentar Sommerfeld: Genau dasjenige "Wir", an das sich Kubitscheks "Normalisierungspatriotismus" auffordernd richtet, und genau derjenige Solitär, dessen das "Erhabene" bedarf. Unter diesem Spalt zwischen Zugehörigkeit und Eigensein leide jedenfalls ich seit ich denken kann, um nicht von "uns" zu sprechen.

Maiordomus
6. Oktober 2019 08:59

@Sommerfeld. Was ich an Ihnen nebst anderem anerkenne, auch im Vergleich zu dem Typen, dem Sie antworteten: Sie sind, bei aller klaren Haltung, keine Ideologin (sonst hätten Sie es niemals neben Ihrem Mann ausgehalten, von dem ich nichtsdestoweniger einige Achtung habe). Es kann im heutigen vielfach antihumanistischen Schulsystem Gründe geben, ein Kind oder Kinder in eine mit einem geeigneten guten Lehrkörper bestückte Steiner-Schule zu schicken, ohne gleich im alten oder neuen Sinn anthroposophiegläubig zu werden. Auch politisch hilft es nichts, "gläubig" zu sein. Für das Gemeinwohl taugliche Rechte sind nur vernünftig und brauchbar, wenn sie sie sich noch einen Rest Skepsis bewahrt haben, was im übrigen auch für die Linken gilt und diejenigen, die sich einbilden, die sog. Mitte zu verkörpern, ohne eine Ahnung von Aristoteles oder Oswald von Nell-Breuning zu haben. Also, machen Sie im Prinzip so weiter, und Sie werden für das Team SiN Ehre einlegen, so wie ich das zum Beispiel bei 95% der Beiträge von Frau Kositza ebenfalls schätze. Desgleichen die ganze Männerabteilung, die aber noch Entfaltungsraum nach oben hätten. Am meisten Erfahrung als strategischer Denker hat meines Erachtens zweifelsohne Kubitschek. Seine Frau trägt zusätzlich das Ihre zu seiner Vertrauenswürdigkeit bei.

heinrichbrueck
6. Oktober 2019 11:35

"auch wenn ich das große Ganze (s.o.) – aus heutiger Luftbildperspektive – ablehne"

Intention und Logik. Sieg und Liberalismus. Wo liegt also das Problem? Ist die Rechte vielleicht doch stärker als gedacht, dem Liberalismus verfallen? Die moralische Intention hört sich so an, als müßte sie weder siegen noch verlieren. Die Logik sieht eine fehlende Zukunft, die weder mitgedacht zustimmen noch sieghaft widersprechen kann. Dann siegt doch, wenn ihr nicht verlieren wollt, könnte der Liberalismus sagen. Und der Globalismus bedankt sich, muß er doch die Rechte nicht mehr bekämpfen.

zeitschnur
6. Oktober 2019 11:54

Nach einigem Nachsinnen denke ich, dass diese Verformung der Anthroposophie - zu der man stehen mag wie man will - darauf hinweist, dass um jeden Preis die, sagen wir es doch deutlich, gefährliche Aktualität Steiners tabuisiert, im Notfall auch verhetzt werden soll. Es gibt da zB den YT-Kanal von Axel Burkhart, der immer wieder die Lehren Steiners direkt auf das politische Tagesgeschehen bezieht und gewissermaßen spirituell "beantwortet". Offenbar hat er viele Zuhörer! Er betreibt auch eine anthroposophische Fortbildungs-Akademie. https://akademie-zukunft-mensch.com/
Das bedeutet: Aus diesen "Alt-Anthros" kommt womöglich substanzieller und deutlicher Widerstand. Und genau das muss weg!

Ich persönlich habe wenige Einblicke in Anthro-Zirkel, obwohl naturgemäß in meinem beruflichen Umfeld sehr viele der Anthroposophie mindestens offen gegenüberstehen und ich daher zu Proben oder Seminaren oder sonstigen beruflichen Anlässen immer wieder mal in deren Räumlichkeiten, Waldorfschulen und "Aura" komme. Ich habe Kollegen, die von klein auf anthroposophisch erzogen wurden. Mir gefiel daran zT der geistige Dogmatismus nicht, aber die Ästhetik schon. An der Waldorfpädagogik fand ich manches ausgezeichnet (Einbeziehung ästhetischer und handwerklicher Förderung), anderes wiederum ungünstig (Epochenunterricht, der mE für Kinder nicht unbedingt günstig ist, für Erwachsene dagegen eher).

Für mich riecht also die ganze Sache danach, dass man systematisch im ganzen gesellschaftlichen leben jedes alternative Refugium auflöst und gleichschaltet. denn das ist es im letzten Ende - allerdings viel langfristiger und schleichender als 1933 - eine totale Gleichschaltung aller Institutionen, und dies wiederum ist eines der Grundmerkmale des Faschismus.

Egal also, ob Steiner Berührung mit manchen Collagenversatzstücken hatte, die auch der NS für sich nutzte, wird sein Werk hier und heute als mögliches im wahrsten Sinne antifaschistisches Widerstandsmilieu untergepflügt. Faschismus als Strukturbegriff ist nämlich gar nicht abhängig von allzu vielen inhaltlichen ideologischen Versatzstücken. Faschismus kann alles gebrauchen, um sein elitäres Liktoren-Patchwork fest zu verschnüren. Diese Definition ist für mich die einzig sinnvolle, und nur sie wirft auch ein erhellendes Licht auf die aktuellen Vorgänge ebenso wie die der Vergangenheit. Dabei ist der historische Faschismus Experimentierfeld gewesen für einen noch umfassenderen künftigen Faschismus, dem wir uns nun sehr stark angenähert haben. Das ist nicht "Sozialismus", wie viele meinen (als Globalsozialismus verstanden), sondern tatsächlich eine pyramidale Herrschaft einer fest verschweißten Elite über dies Bevölkerung, innerhalb deren ein Unter-Pyramiden-Blockwart-System ausgebildet wird. Es muss alles organisiert werden, nichts darf mehr unorganisiert oder informell geschehen.

Und nun in dieser Zielrichtung Rudolf Steiners großer Gedankenzug ...

Gracchus
6. Oktober 2019 12:41

"Es wird dabei aufs Anderssein ankommen. [...] Gruppenseelen haben den Menschen in früheren Epochen bei ihrer Entwicklung geholfen, heute sind sie dieser hinderlich und somit ein entwicklungspsychologisches Dekadenzphänomen. Noch ist bis auf weiteres einige Jahrhunderte Ich-Entwicklung dran."

Eine Erkenntnis, die nicht hoch genug veranschlagt werden kann!

Rudolf Steiner hat m. E. wichtige Impulse für etwas geliefert, was ich als "konkrete Metaphysik" bezeichnen würde. Das ist immer noch aktuell. Bezeichnend, dass der "Kontraste"-Film im Namen einer einsinnigen Moderne vor allem das Esoterische Steiners denunziert und ins Lächerliche zieht.

Gustav Grambauer
6. Oktober 2019 13:07

t.gygax

"Andrerseits: Waldorfschulen ( nur ein Teil des Anthro-Konzeptes einer anderen Lebensweise, die Christengemeinschaft ist wiederum eine ganz andere Baustelle...)"

Die Christengemeinschaft hat in konzeptioneller Hinsicht nichts mit der Anthroposophie zu tun, und schon gar nicht in organisatorischer Hinsicht. Steiner war lediglich von Rittelmeyer gebeten worden (und "durfte" diese Bitte nicht zurückweisen), einen neuen christlichen Kultus zu stiften, da der katholische zwar viel Kraft habe aber von Grund auf manipulativ sei, der protestantische zwar ehrlich aber kraftlos sei. Es gibt eine Strömung innerhalb der wirklich ambitionierten Anthroposophen (das diesbezügliche Pamphlet von Keuler ist im Netz leider nicht mehr zu finden ...), die jeden Anthroposophen anfeindet und verhöhnt, der sich der Christengemeinschaft zu nähern wagt. Auf Besserwisser sollte man nichts geben, Anthroposophie und Christengemeinschaft können sich exzellent ergänzen, was u. a. etliche dortige Pfarrer mit ihrer Ausstrahlung von Charisma, geistiger Höhe und durchdringender Klarheit auch beweisen. Anthroposophie und Christengemeinschaft warten geradezu auf ihre gegenseitige Ergänzung, was jedoch nicht heißt, daß jede Seele mit einer jeweiligen Disposition auch eine Dispositon für diese Ergänzung mitbringt.

- G. G.

quarz
6. Oktober 2019 13:59

@Sommerfeld

"Unter diesem Spalt zwischen Zugehörigkeit und Eigensein leide jedenfalls ich seit ich denken kann"

Dieser "Spalt" ist eher ein dialektisches Moment. Offenbar bedingt das eine das andere und im Verbund erzielen sie die besten Ergebnisse. Es ist empirisch belegt, dass denjenen Gesellschaften am innovativsten (und somit am überlebenstauglichsten) sind, die sowohl durch ethnische Homogenität ("Wir") als auch durch intellektuelle Individualität ("Eigensein") geprägt sind.

https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/13504851.2015.1130785

Gustav Grambauer
6. Oktober 2019 14:42

Frau Sommerfeld

"Unter diesem Spalt zwischen Zugehörigkeit und Eigensein leide jedenfalls ich seit ich denken kann"

Die Linke hat von Anfang an behauptet, die "Antagonizität von Gesellschaft und Individumm" aufzulösen, später, sie sogar aufgelöst zu haben, gipfelnd in der Behauptung, ihr sei, gemäß dem "Charakter unserer Epoche" die "Versöhnung von Geist und Macht" gelungen, dies wohl weltweit am am lautesten posaunend in der DDR vor `53, wobei die lauteste Posaune Becher war (bitte hier mit dem Seitensucher auf "1951" gehen:)

https://de.wikipedia.org/wiki/Fantasie_für_Klavier,_Chor_und_Orchester

Höre (diese Phantasie, mit Kuffners Text, ist für mich der (!) Inbegriff der deutschen Hochklassik):

https://www.youtube.com/watch?v=DGk_Qygbddo

Die Konsequenz, womöglich bereits als Hintergedanke eingespeist, war infam: nach dieser Logik konnten diejenigen mit Devianz an "gesellschaftsgemäßem" Denken oder Verhalten nur von ausländischen Agenturen gesteuert sein, und wozu hatte man Paragraphen betreffend Nachrichtendienstliche Verbindungsaufnahme im Strafgesetzbuch und kautschukartige Grundsätze der Beweisaufnahme vor Gericht, die man dann nicht mal besonders weit zu dehnen brauchte. Zack - ab nach Bautzen II.

Die Führung und insbesondere das MfS waren mit dieser Logik bis Prag `68 sehr mit sich im Reinen. Dann kam der Bumerang: die "Künstler und Kulturschaffenden" fingen an, in nahezu jedem Werk, insbesondere in nahezu jedem DEFA-Film, den "Antagonismus von Gesellschaft und Individuum" ipso facto zu thematisieren, so daß die Unlösbarkeit dieses Grundwiderspruchs Konsensus wurde und die vormaligen Hymnen der Panegyriker allseits nur noch als Zeitdokumente einer skurrilen, bösen Zeit angesehen wurden, z. B. auch

"Der Staat

Ein Staat geboren aus des Volkes Not
Und von dem Volk zu seinem Schutz gegründet –
Ein Staat, der mit dem Geiste sich verbündet
Und ist des Volkes bestes Aufgebot –

Ein Staat, gestaltend sich zu einer Macht,
Die Frieden will und Frieden kann erzwingen –
Ein Staat auf aller Wohlergehn bedacht
Und Raum für jeden Großes zu vollbringen –

Ein solcher Staat ist höchster Ehre wert,
Und mit dem Herzen stimmt das Volk dafür,
Denn solch ein Staat dient ihm mit Rat und Tat –

Ein Staat, der so geliebt ist und geehrt,
Ist unser Staat und dieser Staat sind wir:
Ein Reich des Menschen und ein Menschen-Staat." - Becher

Wer diese Entwicklung miterlebt oder auch nur noch so indirekt nachvollzogen hat, noch dazu, wer die Axiome der Linken immer wieder so scharf seziert, sollte eigentlich frei von Illusionen über den "Spalt" sein, zumal doch bewiesen ist, daß er nicht nur in gesamtgesellschaftlichen Dimensionen sondern bereits beim kleinsten Trägerverein der kleinsten Waldorfschule besteht und nicht zu heilen ist?

Was ist eigentlich der Lebenssinn des Anthroposophen? Sicher nicht, sich über die Möglichkeit der Heilung oder auch nur Kittung dieses Spalts Illusionen zu machen (und Ihr Essay drückt doch gerade die Illusionslosigkeit aus ...) Steiner hat vielmehr mal angedeutet, es wäre gut, mit Gleichgesinnten, die nicht viele an Zahl sein würden, das Licht durch die Zeiten der Finsternis hindurchzutragen.

Nicht mehr und nicht weniger ...

(Wenn man Kuffners Text

"Nehmt denn hin, ihr schönen Seelen,
froh die Gaben schöner Kunst.
Wenn sich Lieb und Kraft vermählen,
lohnt dem Menschen Göttergunst."

durchgeht, stellt man sich die Frage, ob die deutsche Hochklassik vielleicht bereits die Keimzelle der späteren stalinistischen Abstraktionsfarce war. Meine Antwort: "dem Menschen" ist hier im Sinne des einzelnen Adressaten und nicht im Sinne der Gattung gemeint, so "verdreht" war man damals noch nicht, selbst etwa zur selben Zeit für Hegel in Berlin enthielt zwar "der Stuhl" als berühmtgewordener Topos "alle Stühle der Welt in sich", aber die Anmerkung, er konnte deshalb nicht alle beliebigen Besonderheiten der verschiedenen Stühle enthalten, fehlte nicht.)

- G. G.

links ist wo der daumen rechts ist
6. Oktober 2019 15:29

@ CS
Ob aus dem angesprochenen Dilemma eine souveräne Verhaltensregel resultieren kann, vermag ich nicht zu beurteilen, aber die Antwort war es zweifellos. Respekt.

Ganz im Gegensatz zu unserem sprudelnden Zitatenschatz aus der Schwyz

@ Hausmeier

Wissen Sie, wenn eine „Type“ zu einem anderen „Typ“ sagt...
Nehme ich Ihnen nicht weiter übel, aber eine Passage wie folgende zeigt die ganze Widersinnigkeit Ihrer Vielschreiberei

Zitat:
„(sonst hätten Sie es niemals neben Ihrem Mann ausgehalten, von dem ich nichtsdestoweniger einige Achtung habe)“

Eben loben Sie als ewiger Oberlehrer CS dafür, daß sie keine Ideologin sei – und gebärden sich im nächsten Moment wie ein Ideologie-Ajatollah (Ideologe im unwissenschaftlichen Sinne verstanden als jemand, der die Wahrheit gepachtet und zudem die Weisheit mit dem Löffel gefressen hat).

Ist Ihnen denn nicht bewußt, welche Ungeheuerlichkeit dieses Wörtchen „nichtsdestoweniger“ bedeutet?
Nein, natürlich nicht.
Haben Sie auch nur eine Zeile von Helmut Lethen gelesen?
Nein, die Kantonsgeschichte von Appenzell Innerrhoden muß ja noch aufgearbeitet werden.
Hier die komplexe Biographie eines Mannes, der sich im 9. Lebensjahrzeht befindet, dessen wissenschaftliches Werk 5 Jahrzehnte umfaßt, der bei Freund und Feind geschätzt wird; erstere verehren ihn sogar.
Dort ein paar Aufsätzchen, einige erregte Publikumsdiskussionen, ein paar Leserbriefchen. Ihr „Lebenswerk“ und ihre Biographie werden in ein paar Jahren vergessen sein, zu HL kann und wird man auch noch in Jahrzehnten in Marbach forschen.
Lethens im Entstehen begriffene Autobiographie gilt verlagsintern bereits als „Bildungsroman der jungen BRD“.

Aber unser helvetischer Oberlehrer hat „nichtsdestoweniger einige Achtung“.

Ist es Verbohrtheit, Dummheit, Demenz, verpackt in besserwisserische ignoranz?

Ein paar Jährchen seien Ihnen in diesem Forum als Gnadenhof für Ihren redundanten Zitate-Dünger noch gewährt.
Es ist ja eh rührend, wenn Sie in einer ellenlangen Abhandlung, die einer ellenlangen Abhandlung folgt, die einer ellenlangen … , erklären, warum sie ein bestimmtes Wort falsch geschrieben haben, aber ein verquaster Altherrenstil mag in der (österreichischen) Literatur seinen Reiz haben (bei Drach, Lernet-Holenia oder Flesch-Brunningen), aber hier nicht.

Achterndiek
6. Oktober 2019 17:23

@ links ist wo der daumen rechts ist

"Eben loben Sie als ewiger Oberlehrer CS dafür, daß sie keine Ideologin sei – und gebärden sich im nächsten Moment wie ein Ideologie-Ajatollah (Ideologe im unwissenschaftlichen Sinne verstanden als jemand, der die Wahrheit gepachtet und zudem die Weisheit mit dem Löffel gefressen hat)."

Im wissenschaftlichen Sinne ist Ideologie ein Synonym für Weltanschauung, ein System von Werten. Der Nichtideologe verhält sich zur Welt der Politik ähnlich wie der Eunuch zum allgemeinen Balzgeschehen um ihn herum.

Hat sich in unserem schönen Nachbarland wohl noch nicht überall herumgesprochen.

Nath
6. Oktober 2019 19:08

@links ist wo der Daumen rechts ist

Könnte es sein, dass Sie den von Ihnen so titulierten "Hausmeier" missinterpretiert haben?

Maiordomus schrieb:
"@Sommerfeld. Was ich an Ihnen nebst anderem anerkenne, auch im Vergleich zu dem Typen, dem Sie antworteten: Sie sind, bei aller klaren Haltung, keine Ideologin (sonst hätten Sie es niemals neben Ihrem Mann ausgehalten, von dem ich nichtsdestoweniger einige Achtung habe)."

Hierin tritt ganz eindeutig eine Wertschätzung der Nicht-Ideologin CS zutage, welche eine gegnerische Position nicht vorab schon deshalb in einer (möglicherweise noch emotiv verstärkten) unversöhnlichen Haltung bekämpft, weil sie die eigene fundamental in Frage stellt. Hier ist sogar der wahre Probierstein für gelebte Akzeptanz des jeweils Anderen: den blinden Fleck des emphatisch vertretenen eigenen Standpunkts, die perspektivistische Aporie, die in jedem Stellung- Beziehen innewohnt, immer mitzudenken. (Hier setzten die Tropen der alten Skeptiker an.)
Zum anderen kommt in obigem Zitat aber auch kein fehlender Respekt gegenüber Lethen zum Ausdruck. Das Ausgehallten-haben bzw. Immer-noch-Aushalten Frau Sommerfelds, von welchem hier die Rede ist, führt keinesfalls zu der notwendigen Schlussfolgerung, der Gatte wäre "eigentlich" kaum erträglich und es befürfe schon eines sehr noblen Charakters. trotzdem mit ihm zusammenzubleiben. Es bedeutet, so wie ich es verstehe, lediglich, dass eine "Rechtsideologin" das linke Paradigma ihres Ehemanns nicht zu tolerieren bereit und in der Lage gewesen wäre. Sie hätte gleichsam nur den totalitären Gestus der Gegenseite spiegelverkehrt für sich übernommmen. Eine solche Rechtsideologin ist CS (laut Maiordomus) aber gerade nicht, und auch Lethen wird nicht als Repräsentant des linken Mainstream-Totalitarismus dargestellt. Andernfalls - so könnte die Gegenrechnung lauten - hätte nämlich auch er den Entschlusss fassen müssen, das gemeinsame Haus zu verlassen. Dass beide es nicht taten, lässt vermuten, dass sie sich über folgendes im Klaren sind: Ein universell gültiges, von allen anzuerkennendes fundamentum inconcussum, aus dem sich entweder das rechte oder das linke Axiomensystem apodiktisch ableiten ließe, gibt es nicht.

PS Dass besagter Forist Sie mit einem Ad hominem-Seitenhieb als "Typen" bezeichnete, ist ein anderes Thema.

Maiordomus
6. Oktober 2019 21:56

Ja, es stimmt, dass ich von Helmut Lethen "einige Achtung" habe, was wollen Sie mehr?

Gracchus
6. Oktober 2019 22:16

Von den Waldorf-Interna habe ich keine Ahnung, wenn aber Sommerfeld schreibt:

"Von den ursprünglichen Vorstellungen Steiners von der Fügung in die geliebte Autorität, der heilenden Aufgabe des Lehrers, vom göttlichen Menschen, dem „Führer in mir“, vom Organischen und von der „Volksseele“ im Kinde war nicht die Rede.",

würde ich sagen, dass ich während meiner Schul- und Studienzeit nach einer solchen Autorität gefahndet habe (worin sicherlich meine Vater-Beziehung hinein gespielt hat), wobei knapp und bündig eine solche Autorität sich dadurch auszeichnet, dass sie über Fachkenntnis und Lebensverfahrung verfügt und diese mit psychologischen Gespür verbindet. Ziel ist, dass ich mir selbst zur Autorität werde, also mündig und selbständig werde. Übergeordnet zielt das auf die Entwicklung des inneren Menschen ab.

Aktuell wird das Erreichen bzw. überhaupt der Aufbruch dahin bzw. die Entwicklung des inneren Menschen auf Teufel komm raus durch unterschiedliche Kräfte (Gruppenseelen) verhindert. (Von höherer Warte aus kann man diese Hindernisse auch als Proben sehen, die die innere Entwicklung letztlich vorantreiben, sofern man sie besteht.) Man kann dies als "Häresie des Sozialen" beschreiben. Das Soziale setzt sich absolut. Daher kommt m. E. das Gefühl, einer totalitären Macht ausgesetzt zu sein, ohne dass man dies direkt einer Clique zuschreiben kann, zumal es sich um einen in weiten Teilen unbewussten Prozess handelt.

Rabenfeder
7. Oktober 2019 04:46

@ links ist wo der daumen rechts ist

Sie schreiben:
„Wie auch das EK, ob als Balkenkreuz oder „Tatzenkreuz“, für mich, wie ich an anderer Stelle geschrieben habe, ein altehrwürdiges heraldisches Stück Tradition bleibt, dem man nichts anhaben kann und das auch in der „Lambda“-Diskussion nicht zu einem Abzeichen herabgewürdigt werden soll.“

Wenn das Balken- oder Tatzenkreuz kein lebendiges, also voran getragenes Abzeichen mehr sein soll, dann ist es zwangsläufig ein totes Zeichen für verstaubte Archive, in denen allerlei Heraldiker und Historiker es interessiert betrachten oder auch ein totes aber lukratives Ding für gewitzte Memorabilia-Händler.
Ich verstehe ja ihre Angst vor möglichem Missbrauch, aber wir sollten uns keinen Sand in die Augen streuen (lassen).

Sie schreiben:
„Darin eine Schlüsselszene, als der Held des Buches gemeinsam mit einem versprengten Kameraden in einer verschneiten Landschaft im russischen Niemandsland plötzlich einen Panzer mit dem Hoheitszeichen erspäht und wie ein verlorenes Kind losrennt und jubelt: Das sind ja unsere!“

Der Held erkennt das Abzeichen und rennt wie ein verlorenes Kind los, durch den tiefen Schnee hin zum Eigenen: Das sind ja unsere!
Wer Ohren hat zu hören...

Sie schreiben:
„Warum dann aber eine selbstgewählte Geiselhaft mit (…) einem unverbesserlichen Narrensaum, der immer das Kind mit dem Bade ausschüttet – und damit allen schadet?“

Angst essen Seele auf.

Schon seit langem dünkt mich die deutsche Furcht vor der Wiederkehr des ewigen Untoten nicht wenig lächerlich und albern. Wenn wir noch ein kraftstrotzendes, jugendliches Volk voller Elan, Rachedurst und Angriffsgeist wären, dann könnte man die Warnungen und Nöte mindestens verstehen, wenn nicht gar teilen, aber so?
So wie die Dinge liegen muss man wohl eher befürchten, dass diesbezügliche Ängste eine verdrehte, verkorkste und vermuckte Großmannssucht ausdrücken. Seht her, wir sind ja ach so gefährlich und könnten schon morgen die ganze Welt überrennen, wenn wir als schuldige und allzeit denunzier-freudige Deutsche nicht selbst höllisch wachsam sind.
Man möchte ausrufen: Seid nicht so eingebildet, ihr Narren!
Nein, wir Deutsche sind nicht gefährlich, sondern auf beinahe rührende Weise harmlos. Weil wir so harmlos sind, lassen wir uns ja auch beinahe alles gefallen.

@ Frau Sommerfeld

Sie schreiben:
„...am liebsten wäre er gar kein Anthroposoph mehr. Er duckt sich weg.“

Was Sie da in Bezug auf die Anthroposophie sagen, gilt ja auch für viele andere, wie z.B. deutsche evangelische Christen; es gilt sicher auch für viele Deutsche – eigentlich wollen die gar nicht mehr deutsch sein und ducken sich weg.

Ich weiß zwar nicht was Steiner über die Volksseelen sagte; ich glaube aber, dass wir uns entscheiden müssen und zwar bald: Entweder lebt die deutsche Seele und damit Verbundenheit oder sie röchelt noch ihre letzten Atemzüge hervor, bevor sie sich wie ein Furz im Wind (also wie Luke Skywalker...) auflöst.
In verstaubten Archiven mögen dann ein paar Heraldiker und Historiker nach ihr suchen...

Maiordomus
7. Oktober 2019 08:34

@Nath und @der Daumen und weitere Foristen.

Die Bemerkung, dass es keineswegs eine Kleinigkeit ist, mit jemandem "Andersdenkenden" verheiratet zu sein, wurde von Ihnen im antitotalitären Sinn verdienstvoll kommentiert. Als ich 1973 für ein verfassungsgebendes kantonales Sonderparlament kandidierte, für eine rechte Gruppierung (aus der ich dann zwar bald austrat), musste ich auf die Stimme meiner Gattin verzichten. Ehrlich gesagt geben solche familiären Sachen schon zu schlucken. Man muss lernen etwas auszuhalten.

Möchte mich überdies für die saloppe Ausdrucksweise vom "Typen", was ja sehr mehrdeutig ist, entschuldigen. Im Sinne von Ernst Jünger "Typus und Gestalr", bin ich selber meinerseits ein "Typ" und würde die Ausdrucksweise insofern nicht übel nehmen. Welcher Typus ich wohl sei, muss ich Ihnen selber überlassen.

Noch zur Lokalgeschichte von Appenzell, wo sich hier jemand so abschätzig geäussert hat, wie wir es in der Schweiz von "draussen rein" seit 1856, als wir uns von dort zum ersten Mal bedroht fühlten, gewohnt sind: Für die Geschichte der direkten Demokratie ist Appenzell nun mal typengeschichtlich und phänomenologisch einschliesslich auch der Dramatik, bis hin zum Scherbengericht, etwa von der Bedeutung des Stadtstaates Athen, was man ausser von Appenzell noch vom vorrevolutionären Genf sagen kann, wo im frühen 18. Jahrhundert die weltweit bedeutendsten Auseinandersetzung um die Frage der Volksabstimmungen über Sachfragen stattfand, worüber ich ein Buch vor etwa 500 Seiten geschrieben habe, muss mich ehrlich gesagt als Akademiker von dem von mir geschätzten Herrn Lethen nicht verstecken. Es ist aber wahr, dass man sowohl in England wie auch in Deutschland, erst recht in Russland (Krim) von den philosophischen, empirischen und staatsrechtlichen Hintergründen der direken Demokratie, über die wir in der Schweiz Erfahrung seit dem 14. Jahrhundert haben, zu wenig Ahnung hat. Wenn Herr Höcke etwa in seinen Wahlreden aus meiner Sicht durchaus verdienstvol und das Gegenteil von faschistisch auf das Beispiel Schweiz verweist, heisst dies noch lange nicht, dass er auf diesem Gebiet nicht Weiterbildung vonnöten hätte. Dabei geht es aber nicht nur um die Schweiz, sondern zum Beispiel um die Hauensteiner Einung im Hotzenwald und die süddeutsche Salpeterer-Bewegung, natürlich gab es auch im Reich direkt-demokratische Bewegungen und Entwicklungen. Wobei man aber wissen muss, dass eine funktionierende direkte Demokratie a)auf Überschaubarkeit und Kleinräumigkeit, b) einen nicht zu unterschätzenden Konsens, etwa in Genf von einst das protestantische Arbeitsethos c) Erfahrung und Tradition d)Bereitschaft zur Langsamkeit, zu Kompromissen, Antiradikalität usw. und dergleichen angewiesen ist.

Auf gar keinen Fall als direkte Demokratie im schweizerischen Sinne ernst nehmen konnte man auf der Krim die von Putin veranlasste Volksabstimmung, durchgeführt ohne institutionller Grundlage etwa eine Woche nach der Besetzung. So funktionierte es in der Schweiz nicht, obwohl leider 1848 wenigstens im Kanton Luzern die durchaus gute damalige Bundesverfassung im Putin-Stil durchgedrückt wurde, weil sie nämlich andernfalls von diesem Verliererkanton des damaligen Bruderkrieges abgelehnt worden wäre. Wahr ist auch, dass die Kantonsverfassungen von 1893/04 von Napoleon diktiert worden waren, im wörtlichen Sinn. Für die aargauische Kantonsverfassung benötigte Napoleon weniger als eine Stunde, wohingegen deren 6. Totalrevision vor einigen Jahrzehnten acht Jahre in Anspruch nahm. Die direkte Demokratie in der Schweiz bedingt einen sehr langsamen Geschäftsgang, was vor 85 Jahren den damaligen rechtsextremen Fronten negativ aufgefallen ist.

Selbstverständlich kann niemand, der sich nicht mit den schweizerischen Landsgemeindedemokratien auseinandergesetzt hat, ferner mit der aristokratisch gebremsten Demokratie Genfs zur Zeit Rousseaus, als Kenner der Demokratie in Europa gelten. Dies ist auch ein Grund, warum die Schweiz auf keinen Fall der Europäischen Union beitreten sollte, weil unser System von den dortigen Pseudo-Demokraten leider nun mal nicht verstanden wird.

Ich behaupte übrigens nicht, dass ich Ihnen gegenüber, den Foristen von hier, einfach "recht" habe. Sie müssen mir aber schon zugestehen, dass ich mich mit diesen Fragen etwa zehn Jahre lang mehr oder weniger Tag und Nacht beschäftigt habe. Es ist aber auch wahr, dass differenzierte Detailkenntnisse einen in die geistige Isolation bringen können, was am Ende nicht Starrköpfigkeit, sondern Geduld erfordert.

A propos Appenzell: Vor etwa 40 Jahren wurde der hochgebildete Raymond Broger, Landammann von Appenzell Innerrhoden, Ständerat, Eisenbahnpolitiker, Bergbahnenspezialist, Aelplergenosse, Anwalt plus noch etwa 40 weitere Aemter in Deutschland zum "Ritter wider den tierischen Ernst" gewählt, was ihm Gelegenheit gab, die direkte Demokratie im Deutschen Fernsehen tatsächlich humorvoll und anschaulich ein bisschen zu erklären. Die derzeitigen nationalen Parlamentarier von Appenzell werden am 20. Oktober nicht gewählt, weil dies durch die direkte Demokratie bereits besorgt wurde. Selber schrieb ich indes schon mal einen Aufsatz zur Problematik des "offenen Handmehr".

Maiordomus
7. Oktober 2019 13:25

PS. Mein Text enthält leider wegen Sehschwierigkeiten Verschreibungen. Die Napoleonischen Verfassungen der Schweizer Kanton stammen natürlich von 1803/04. Auch heisst das berühmte Buch von Jünger "Typus und Gestalt". Der Rest oben bleibt hoffentlich trotz Fehlern verständlich.

Wer sich für direkte Demokratie interessiert, sollte sich in der Tat mit der historischen Entwicklung in Süddeutschland und in der Schweiz befassen, besonders interessant betr. direkte Demokratie in einem aufgeklärten Stadtstaat mit der Geschiche des älteren Genf, ohne welche man zum Beispiel die von Lianken verdrehten Demokratievorstellungen von Rousseau nicht verstehen kann. Dort wurde der Begriff "Volkssouveränität" schon um 1736 geprägt, jedoch nicht als Souveränität von sagen wir mal 20 Millionen oder 80 Millionen Menschen. Gemeint war die Souveränität der stimmberechtigten Bürger eines Stadtstaates. Als in Genf über die "Volkssouveränität" erstmals diskutiert wurde, gab es dort über 3000 meist hochqualifizierte Uhrmacher und insgesamt 40 Buchhandlungen, was heute in einer mittelgrossen Stadt, auch in Deutschland, undenkbar wäre. Das durchschnittliche Bildungsniveau war ebenso aussergewöhnlich wie die Dominanz des selbstständigen handwerklich tätigen Mittelstandes, was man bei Gottfried Kellers grossartiger Demokratie-Novelle "Das Fähnlein der sieben Aufrechten" (Reclam) wunderbar ansschaulich nachlesen kann. Ein politologisches Meisterstück!

Ganz grossartig ferner bei Jeremias Gotthelf die Beschreibung der bernischen Käserei-Gemeinden aus der demokratischen Aufbruchszeit von nach 1830. Das war zwar eine chaotische, aber trotzdem freiheitliche direkte Demokratie. Dass bei der Prioritätensetzung der Bau eines Käserei-Gebäudes für die Genossenschaft den Vorrang hatte vor einem neuen Schulhaus, vgl. auch die Filmfassung von "Die Käserei in der Vehfreude" auf youtube, mag historisches Kopfschütteln auslösen. Doch zeigt Gotthelf (heute würde das nicht mehr stimmen), dass die Käseproduktion die Basis des bernischen Wohlstandes war, und da galt nun mal, als hätten sie Enngels gelesen: Das materielle Sein bestimmt das Bewusstsein. Zuerst der Wohlstand, dann das Schulhaus, weil korrekte Rechtschreibung und ein bisschen Rechnen allein den Wohlstand noch nicht garantiert, zu schweigen davon, dass man, wie Wilhelm Röpke in seiner Autobiographie schrieb, in Deutschland zu seiner Jugendzeit in einem umgebauten Ross-Stall Latein und Griechisch lernen konnte. Heute baute z.B. der Kanton Luzern Schulhäuser und Hochschulen für viele Millionen, schafft aber nicht nur die alten Sprachen ab, sondern noch vieles andere, zeitweilig wurden die Schüler sogar zu "Sparferien" gezwungen. Das mit Geld und Bildung ist allenthalben eine Frage der Proportionen.

Weil indes Sommerfelds Ausgangspunkt die Waldorf-Schulen sind, erlaube ich mir zu ergänzen, dass ein Vorläufer von Rudolf Steiner, Friedrich Fröbel, seine ersten Versuche im ländlichen Teil des Kantons Luzern machte. Dagegen protestierten 1833 um die 600 katholische Geistliche und Familienväter in einer Petition an das kantonale Parlament. Und als schliesslich im solothurnischen Dornach Rudolf Steiners Goetheanum ca. 1922 in Flammen aufging, soll der katholische Pfarrer gefragt haben: "Brennt's schon?" (Dorf-Anekdote) Dass die Waldorf-Schulen zur Zeit ihrer Gründung ein mutiges Experiment waren und es zum Teil heute noch sind, bleibt unbedingt zu respektieren. Desgleichen, dass es für jeden vernünftigen Pädagogen sinnvoll sein könnte, sich mit den Steinerschen Modellen zu befassen im Sinn des biblischen Wahlspruchs, alles zu prüfen, das Beste zu behalten. Gilt auch für die Erfahrungen mit der direkten Demokratie! Dieselbe kann wohl nicht einfach so im Hauruck-Verfahren entwickelt werden. Der Wunsch des Bürgers nach Selbstbestimmung bleibt trotzdem wesentlicher Ausdruck von Mündigkeit.

heinrichbrueck
7. Oktober 2019 13:46

„Nein, wir Deutsche sind nicht gefährlich, sondern auf beinahe rührende Weise harmlos.“

Sieht der Feind ganz anders. Militärische Macht nützt ohnehin nichts, stimmt die Weltanschauung und die Volkswirtschaft nicht. Das zukünftige Wirtschaftssystem wird zeigen, wer die Welt regiert. Deutschlands permanentes Downgrading und Zumüllung mit Schwierigkeiten anderer Art, läßt nicht gerade dahingehend schlußfolgern, solcherart Angriffe basierten auf den angeborenen Harmlosigkeiten. Wird die deutschenfeindliche Propaganda weggedacht, die globalen Propagandawerkzeuge befinden sich nicht in deutscher Hand, wir Deutsche sind dann tatsächlich nicht gefährlich, jedenfalls für die Welt nicht negativ gedacht. Es findet eigentlich ein globaler Überlebenskrieg statt, der über Finanzen und Ideologien gesteuert wird. Die linken Multikultitümler arbeiten im Selbstvernichtungsmodus, sitzen somit in einem abgewickelten Gefängnis, für dessen betriebsamer Aufrechterhaltung sie den Staat benutzen. Ihre Weltrettungspläne vernichten die Voraussetzungen, sind deshalb eine demokratische Lüge.

Gustav Grambauer
7. Oktober 2019 22:09

Achterndiek

"Im wissenschaftlichen Sinne ist Ideologie ein Synonym für Weltanschauung, ein System von Werten. Der Nichtideologe verhält sich zur Welt der Politik ähnlich wie der Eunuch zum allgemeinen Balzgeschehen um ihn herum."

Im wissenschaftlichen Sinne, wo die Arbeitshypothese als seriös gilt, ist Ideologie ein Vorurteil. Der Ideologe verhält sich zur Welt der Politik ähnlich wie der Tripperpatient inmitten des allgemeinen Balzgeschehens.

- G. G.

Achterndiek
7. Oktober 2019 23:34

@ Gustav Grambauer

"Im wissenschaftlichen Sinne, wo die Arbeitshypothese als seriös gilt, ist Ideologie ein Vorurteil. Der Ideologe verhält sich zur Welt der Politik ähnlich wie der Tripperpatient inmitten des allgemeinen Balzgeschehens."

Jedwedes Urteil bedingt einen subjektiven Bewerter/intersubjektive Bewerter und dessen/deren zugrundegelegten subjektiven/intersubjektiven Bewertungsmaßstäbe.

Kann ein Geringerer als der Herrgott denn ein anderes Urteil fällen als ein Vorurteil?

Rabenfeder
8. Oktober 2019 05:37

@ heinrichbrueck

Sie schreiben:
„Sieht der Feind ganz anders. Militärische Macht nützt ohnehin nichts, stimmt die Weltanschauung und die Volkswirtschaft nicht. Das zukünftige Wirtschaftssystem wird zeigen, wer die Welt regiert. Deutschlands permanentes Downgrading und Zumüllung mit Schwierigkeiten anderer Art, läßt nicht gerade dahingehend schlußfolgern, solcherart Angriffe basierten auf den angeborenen Harmlosigkeiten.“

Die deutsche Harmlosigkeit, die sicher nicht angeboren ist und ganz sicher zu einem erheblichen Teil induziert wurde, drückt sich ja auch eher in der Reaktion auf die vielfältigen Angriffe aus.

Mir ging es aber eher nicht um militärische und ökonomische Macht, sehr wohl aber um die Weltanschauung, als Rüstzeug für kommende Zeiten, mit verorteter Heimat oder, wenn nötig, auch ohne.
Realpolitik bezogen auf die (ehemals?) deutschen Lande kann meines Erachtens kaum mehr bewirken, als kostbare Zeit zu gewinnen. Das wäre bereits viel; jedes Jahr Verzögerung hilft im Überlebenskampf, der vorrangig ein geistiger Kampf ist und dann auch ganz fühlbare Auswirkungen hat.

Laurenz
9. Oktober 2019 03:12

@Caroline Sommerfeld ...

Zitat- wo sonst spricht man noch dieselben Sprüche, vollführt dieselben lebensreformerischen Gebärden und Tänze und schreibt dieselbe Schrift wie in den 20er Jahren? -Zitatende

Bei der Feuerwehr.

Wenn man Ihre Beschreibung der politisch korrekten Ausgrenzer liest, meint man, man liest etwas über Kreationisten.

Ratwolf
9. Oktober 2019 20:12

Was mir bei Steiner und Waldorf in den Sinn kommt:

Etwas anders zu machen oder sich abzugrenzen bedeutet noch lange nicht, etwas besseres zu machen.

So richtig ist mir der Kern der Waldorf/Steiner/Anthroposophen-Geschichte nicht ganz klar…

Es sieht aus wie eine Gegenbewegung zur Industrialisierung.

Verschließen können sich die Anthros der Moderne nicht. Denn selbst wenn sie nur eine einzelne industriell gefertigte Holzschraube in ihre schiefen Holzhäuser drehen, dann sind sie Teil des Systems der modernen Industriegesellschaft.

Umso mehr müssen sie sich wohl abgrenzen. Mit Impfverweigerung und Ablehnung von Logik, Berechnung und Effizienz.

Schlimmer wird es, wenn man Teil von denen werden will. Ich hörte von einer Auszubildenden, welcher kurz vor ihren Abschluß die Prüfung verweigert wurde.

Begründung: Sie habe das Wesen der Steierischen Lehre nicht vollständig in sich aufgesogen. -> Das waren wertvolle Jahre der Jugend, welche verlorene sind.

Ratwolf
9. Oktober 2019 20:57

Die religiöse Grundlage der Steinerischen Lehre scheint eine mythische Überhöhung von Natur und Lebewesen zu sein.

Das "Lebewesen als Wunder" kann man aber auch ohne Steiner gut mit sich herumtragen

Maiordomus
10. Oktober 2019 08:24

@Ratwolf. Wie oben ausgeführt, handelt es sich bei Steiner um einen Religionsstifter auf synkretistischer Grundlage. Nicht mehr und nicht weniger, ich möchte dies im Prinzip wertungsfrei gesagt haben. Geistesgeschichtlich ordne ich die Anthroposophische Bewegung bei der modernen Gnosis ein, zu der auf anderer Ebene auch Marx, Comte, Nietzsche, Freud und Jung gehören. Auch dies wertungsfrei gesagt. Die Gefahr der Gnostiker liegt indes in der Hypermoral, wie es auch Gehlen aufgefallen ist, selbst noch die Moralkritik von Nietzsche hat etwas Hypermoralisches, schon weil die anderen Moralen für ihn "verlogen" sind, nach Kant bekanntlich das grösste Vergehen im Bereich der Ethik.