28. November 2019

Weihnachtsempfehlungen 2019 – Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser / 4 Kommentare

Geschenkempfehlungen zu Weihnachten in Buchform – wie jedes Jahr aus unserer Redaktion. Teil 2: Benedikt Kaiser.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Schönes

Jaroslav Rudiš: Winterbergs letzte Reise, Roman, München: Luchterhand 2019. 544 S., gebunden, 24 €

Ellen Kositza wird zum Problem, Götz Kubitschek ist ein solches längst. Es geht, natürlich, um Belletristik. Kositza ist ein Problem, weil sie, wie ich, Eugen Ruges Metropol für den Roman des Jahres nominiert, Kubitschek ist seit jeher bei diesen Weihnachtsempfehlungen ein Problem, weil man mindestens einen Titel an ihn abzutreten hat.

Aber: kein Problem, wenn man Jaroslav Rudiš hat. Man muß nicht zwingend tschechophil sein, wenn man Winterbergs letzte Reise liest, aber es ist, so meine ich, von entscheidendem Vorteil – ebenso, wie ein gewisses Interesse an der k.u.k.-Historie sowie an der komplizierten Gemengelage in Ostmitteleuropa und auf dem Balkan den Lesegenuß potenziert.

Aber: Dies nur als Rahmen für den vorliegenden Roman, nicht als unumstößliche Vorbedingung. Denn: Auch, wer sich geistig nicht zwischen Reichenberg/Liberec und Sarajevo heimisch fühlt und lieber mit dem SUV als der legendären České dráhy Mitteleuropa bereist, der wird nach diesem Werk den unbändigen Willen verspüren, Bahntickets auf der Strecke Dresden–Aussig/Ustí–Reichenberg/Liberec–Königgrätz/Hradec Kralové–Brünn/Brno–Wien–Lundenburg/Břeclav und pi mal Daumen retour zu buchen.

Warum? Nun, alles, was erklärend fungieren könnte, würde zu viel von diesem unterhaltsamen und geistreichen Schelmenroman verraten, der es verdient hat, in würdevollem Ambiente genossen zu werden. Und mit würdevollem Ambiente spiele ich, selbstverständlich, auf einen böhmischen Speisewagen in der mittelosteuropäischen Pampa an. Na zdraví.

Rudiš' Winterbergs letzte Reise hier bestellen!

-- -- --

Gutes

Hermann Heller: Sozialismus und Nation. Mit einer Vorrede von Thor v. Waldstein, Dresden: Jungeuropa 2019. 148 S., gebunden, 16 €

Es ist gut, daß diese Schrift aus Weimarer Zeiten wieder verfügbar ist. Es ist vor allem aber notwendig, gerade heute. Dominique Venner schrieb nämlich vor mittlerweile 60 Jahren (in Für eine positive Kritik, das bald in einer überarbeiteten und erweiterten Neuauflage neben einem bisher nicht übersetzten Venner-Band erscheint!), daß rechts- bzw. nationalorientierte »Aktivisten ihre gemeinsamen Vorfahren und Vordenker« nicht mehr kennen, daß »ihre einzige Gemeinsamkeit negativer Natur« ist und daß die »Wörter, die sie verwenden, unterschiedliche, teils gegensätzliche Bedeutung haben«.

Kein Zweifel: All das gilt heute, in einer Zeit der Auflösung aller Gewißheiten und der notorischen Pervertierung ganzer Begriffswelten (grüne und multikulturelle Neoliberale als »Ökosozialisten«, originäre Antifaschisten als »Linksfaschisten«, der technokratisch-kapitalistische EU-Apparat als »EUdSSR«, kapitaltreue Christdemokraten als »Merkel-Sozialisten«) um so mehr.

Heller schafft hier vor fast 100 Jahren eigentlich anhaltende Klarheit, nimmt Definitionen vor, schützt den Leser vor dem allerorten drohenden Schleier des Nichtwissens, den »Boomer« und andere Verhaltenslibertäre fortwährend über dem gesamtrechten Lager ausbreiten wollen.

Thor v. Waldstein, der markanteste Denker der solidarisch-patriotischen Gegenaufklärung zum liberalen Verfall, bringt die Bedeutung des nationalen Sozialdemokraten Hermann Heller für die Neue Rechte auf den Punkt, wenn er in seiner ausführlichen »Vorrede« – eine werkbiographische und weltanschauliche Einführung – betont, daß die linken Leute von rechts oder die rechten Leute von links zu den originellsten Köpfen gezählt werden müssen.

»Wenn die Mauer der westlichen Lebenslügen fällt«, so v. Waldstein, »werden wir auf deren Esprit und deren analytische Schärfentiefe nicht verzichten können.« Der Autor hat recht, und deshalb ist es so gut, daß dieser Titel nach etlichen Jahrzehnten aus dem Vergessen gerissen und neu herausgegeben wurde.

Hellers Sozialismus und Nation hier bestellen!

-- -- --

Wahres

David Engels (Hrsg.): Renovatio Europae. Plädoyer für einen hesperialistischen Neubau Europas, Lüdinghausen und Berlin: Manuscriptum 2019. 224 S., broschiert, 12.80 €

Nach einem Vortrag in der deutschsprachigen Schweiz hatte ich vor kurzem einige Stunden Aufenthalt in einem Transitbereich eines Flughafens. »Einige Stunden«, das hieß für mich: durchaus ein, zwei Stunden zu viel. So dachte ich jedenfalls. Denn die Zeit wurde bis auf die letzte Minute gefüllt mit der Lektüre eines so klugen wie wichtigen Sammelbands, den der deutsch-belgische Althistoriker David Engels verantwortet hat.

Die Idee eines vereinigten »rechten« Europas, so wurde nach meinem Beitrag im Themenheft der Sezession deutlich, reizt immer noch die Leser, ruft – gut begründbaren – Widerspruch und – penetrante – Ressentiments gleichermaßen hervor.

Engels weiß das, und sein Vorgehen ist luzider, weniger weltanschaulich-kämpferisch – und damit wohl auch anschlußfähiger. Er versammelt in diesem feinen Bändchen Autoren, die unter seiner Anleitung in Polen 2018 und 2019 zu europäischen Fragen tagten und dabei verschiedene Themenbereiche aus christlich-paneuropäischer Perspektive bei realistisch-konservativer Grundprägung bearbeiteten.

Hervorzuheben sind, neben den Beiträgen des Herausgebers selbst, insbesondere die Reflexionen zu europäischen Verfassungsfragen (András Lánczi) und dezidiert kontinentaleuropäischem Wirtschaftsdenken als Gegenstück zu angloamerikanischen Varianten (Max Otte). Daß der ein oder andere Beitrag (Birgit Kelle) dabei qualitativ gewaltig auf der Strecke bleibt, kann bei dem durchwegs hohen Niveau der sonstigen Aufsätze verschmerzt werden.

Die Texte stehen dabei nicht isoliert, sondern werden von Engels behutsam in seine Rahmenerzählung für eine neue konservativ-revolutionäre europäische Ordnung eingebettet. Ob man das dann »hesperialistische« Wende nennen muß, steht auf einem anderen Blatt – aber es spricht wiederum für den Herausgeber, daß er eigene, auch schwere Begriffe spielerisch zu setzen vermag.

Engels' Renovatio Europae hier bestellen!


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.


Kommentare (4)

Der_Juergen
28. November 2019 13:28

"Renovatio Europae" habe ich, im Anschluss an diie Vorträge von Kaiser und Engels in der Schweiz, ebenfalls gelesen, und ich schliesse mich der positiven Beurteilung dieses Bandes durch Kaiser an. David Engels dürfte ein Denker von Format sein, was schon aus seinem Referat bei besagter Veranstaltung hervorging, in dem er Parallelen zwischen dem Niedergang des römischen Imperiums und der heutigen Lage zog und fünf mögliche Modelle des künftigen Verhältnisses zwischen Christen und Muslimen in West- und Mitteleuropa präsentierte. Vielleicht gewinnt ihn Sezession als Gastautor.

limes
29. November 2019 20:42

Dass Benedikt Kaiser seinen Essay »Der europäische Hindernisparcours« selbst als relativ wenig anschlussfähig einschätzt, ist für mich interessant – aus einem persönlichen Grund:

Vor einigen Wochen habe ich nach einem kleinen Familientreffen einem älteren Paar aus meiner Verwandtschaft unter allen möglichen Beschwichtigungssignalen »gebeichtet«, dass ich Sympathien für gewisse neurechte Standpunkte hege. Diese Verwandten sind lebenslange SPD-Regionalkader, gebildet und intelligent. Ich hatte mir mein »Coming Out« vorher zurechtgelegt, ausgerechnet Kaisers oben genannten Text ausgedruckt und meinen Verwandten als Lektüre für die lange Heimfahrt per Bahn mitgegeben, weil ich der Meinung bin, dass dieser Text verschiedene Passagen enthält, die geeignet sein könnten, bei Linken Interesse zu wecken und so der Dämonisierung der Rechten entgegenzuwirken.

Inzwischen hat sich eine strenge und fragile, aber immerhin sachliche Korrespondenz über weltanschauliche Fragen entwickelt, was aus meiner Sicht schon ein großer Erfolg ist. Denn mein durchaus ehrgeiziges Ziel ist es, im Gespräch zu bleiben und dem – so meine Verwandten wörtlich – »Abscheu allem Rechten gegenüber« entgegenzuwirken, auf dass zumindest Toleranz entstehe. Denn der Verzicht darauf, den kleinsten gemeinsamen Nenner von Idealismus in Deutschland zu suchen, ist eine furchtbare Verschwendung von Ressourcen.

Zurück zum Thema: Benedikt Kaisers Essay zu widerlegen wurde von meiner roten Verwandtschaft nicht versucht.

Kositza: Das ist sehr tapfer von Ihnen! Woche für Woche hören wir ähnliche Berichte (geht natürlich nicht immer um Kaiser...) Meist geht es aber mit einem Freundschaftsbruch (aka "Riß") aus. Und selten versucht man sich an Widerlegungen. Es geht immer um Dogmen.

Ratwolf
1. Dezember 2019 14:39

Ich wünschte, ich hätte die Ruhe große Bücher zu lesen.

Benedikt Kaiser
2. Dezember 2019 15:05

@limes:
Da ist man manchmal als Autor wohl zu sehr in der neurechten Blase aktiv. Mit "anschlußfähig" meinte ich: im eigenen Milieu, im rechten Feld. Dort sind diese Positionen noch umstritten und nicht gesetzt.

Ansonsten: Herzlichen Dank für Ihre Schilderung und auf diesem Wege alles Gute.

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.