24. November 2019

Sonntagsheld (128) – Zeitreise

Till-Lucas Wessels / 38 Kommentare

Wie war denn das damals vor 2015?

Till-Lucas Wessels

Till-Lucas Wessels studiert und ist identitärer Aktivist sowie »Minenhund für zukünftig Zumutbares«.

 

Als die deutsche Rechte 2015 ihre Reihen großherzig für unzählige Flüchtlinge der Mitte, aus dem liberalen, oder auch aus dem grünen Lager öffnete, war recht schnell klar, daß diese ungeregelte und unkontrollierbare Zufuhr politischer Energie nicht ohne Folgen bleiben würde. Man kann sagen: In der Anfangszeit war es schon schwer eine gemeinsame Sprache zu finden.

Was bereits manche Zeit als weichgekochte Feindvokabel im eigenen Kreis verschrieen war - „Demokratie“, „Bürgerrechte“, „Toleranz“ -wurde auf einmal auf den Straßen lautstark eingefordert; schlimmer noch: Der Bürger, jener Totengräber alles und aller Edlen, sollte plötzlich wieder als revolutionäres Subjekt herhalten!

Es gab in diesen Wochen und Monaten viel gute Miene, viele heruntergeschluckte Einwände und auch viel Überwindung vor dem eigenen Spektakel-Ekel und so ganz aus dem Schneider sind wir ja ohnehin noch nicht. Mit jenen Späterweckten bleiben die Gespräche anders, unverstandene Andeutungen verlieren sich, manchmal bleiben nur noch ennervierte Buchempfehlungen als letzter Ausweg um die Diskussion zu beenden. (Ich weiß nicht, wie oft ich in den vergangenen vier Jahren einem den im Aufstieg befindlichen „Linksfaschismus“ witternden Wutbürger den grundlegenden Weißmann-kaplaken zum Thema anempfohlen haben. Oft jedenfalls.)

Mit den Ereignissen des Jahres 2015 ging uns aber nicht nur die Ruhe flöten (zum Glück will man sagen), es verlor sich doch auch ein wenig die Themenbreite. Bauten vor jenem Sommer noch unzählige Kleingrüppchen an eigenen mal mehr mal weniger ernstgemeinten Entwürfen, so hatte man hinsichtlich des Ernstfalles einer tatsächlichen politischen Möglichkeit plötzlich dahingehend übereinzukommen, daß jener bunte Flickenteppich, jenes Mosaik doch zumindest ein schlüssiges Gesamtbild zu ergeben hatte, so vielfältig es auch sein möge.

Vor einigen Wochen fragte mich ein junger Interessent (also wirklich jung: um die 16) dann tatsächlich mal „wie das eigentlich war, damals vor der Flüchtlingskrise“. Während ich mich also in jene Greisenpose warf, die nur die gerade dem Jünglingsalter Entwachsenen beherrschen, und zu erzählen begann („Also, am Anfang stand eigentlich ein Lesekreis...“ usw. usf), mußte ich erst einmal überlegen, wie ich diese ganze virulente Lebenswelt der deutschen Rechten vor 2015 überhaupt in einem kurzen Gespräch transportieren sollte.

Zugegeben, der Junge war weniger interessiert an unserem Lektürekanon als an handfesten Begegnungen, heiklen Banneraktionen und den markigen Aufklebermotiven aus den frühen Aktivistenjahren, was man ihm keinesfalls verdenken kann. Die Frage nach der Transportierbarkeit jener Stimmung vor PEGIDA, AfD und alledem  ließ mich allerdings auch nach dem Gesprächn nicht so recht los. Auf eine Antwort stieß ich – eigentlich wenig überraschend – als ich die Suchfunktion unseres Netztagebuchs bediente.

Ich glaube es war Anfang 2011, als ich das erste Mal eine Druckausgabe der Sezession in der Hand hielt. Es handelte sich um das Heft 39, Dezember 2010, welches ich als Probeexemplar bestellt hatte. Ich habe die Ausgabe sicher noch irgendwo liegen, in wacher Erinnerung ist mir vor allem das Mishima-Portrait, das meine eindrückliche Lektüre von „Schnee im Frühling“ und „Unter dem Sturmgott“ in den Folgemonaten verursachte.

Im Editorial besagten Heftes nahm Kubitschek unter dem Titel „Speere schleudern, Speere spitzen“ eine Bestandsaufnahme des rechten, konservativen Milieus vor, die doch ganz gut den Charme jener Zeit einfängt, um die es in diesem Artikel geht:

Sezession ist dem »Diktat der Welt« (Adorno) nicht im selben Maße unterworfen: Was wir bedenken und veröffentlichen, kann nicht unmittelbar benutzt und damit vernutzt werden, und wir sind uns sicher, daß unsere Abonnenten und Gelegenheitsleser Sezession aufblättern, um durch die Oberfläche auf den Grund zu kommen.

Ja nun: Das klingt alles ein bißchen zu fern, zu waldgängerisch, zu abgewandt und zu desillusioniert (»dennoch die Schwerter halten«/ Gottfried Benn usw.).”

Das trifft den Nagel schon auf den Kopf, aber warum erzähle ich das alles überhaupt? Nun, es liegt daran, daß unsere zwei Sonntagshelden, Tano Gerke und Jonas Mahraun seit ein paar Monaten das den meisten hoffentlich bekannte Blog-Projekt Anbruch um einen unterhaltsamen Podcast mit dem herzigen Titel „Wer redet ist nicht tot“ erweitert haben, der genau aus jener Zeit vor 2015 stammen könnte.

Die vor hochkulturellen Referenzen, dandyesker Selbstgefälligkeit, mehrfachbödigem Sarkasmus und dem wiederkehrenden Durchscheinen der großen Fragen nur so triefenden einstündigen Folgen wirken – aus aktivistischer Perspektive gesehen – maßlos aus der Zeit gefallen, ja im oben von Kubitschek erwähnten Sinne, regelrecht „nutzlos“.

Wo andere sich an tagesaktuellen Analysen abarbeiten, und stundenlang über den nächsten Schritt der Trump-Administration oder den neuesten Interview-Eklat der AfD debattieren, dient die Tagespolitik bei Anbruch stets nur als Stichwortgeber für das nächste Faustzitat, oder einen Witz über die gefallenen Götter des Literatenhimmels.

Dabei haben die stichwortartigen Titel der Folgen - „Batman, Falco, Klonovsky“, oder „Handke, Hesse, Hitler“ meist wenig mit dem Labyrinth an Querverweisen und Gedankensprüngen zu tun, in das sich der Hörer begibt – sie dienen lediglich als Köderhaken, an denen man tief in den Strudel des rechtskulturellen Kosmos gezogen wird.

Das alles ist natürlich eine große, tragikomische Blödelei, die ein bißchen an die Talkshow-Auftritt von Christian Kracht erinnert und gerade dieses unverschämte, der politischen Verantwortung, die stets auf ein Hygienezertifikat besteht, gänzlich abholde Spiel ist es, das jede Folge zu einem reizenden Zeitvertreib für die langen Winterabende macht.

Der (ebenso empfehlenswerte) Blog Anbruch ist hier zu finden, zu den Podcastfolgen geht es für alle Neu-Neurechten und Nostalgiker hier entlang.


Till-Lucas Wessels

Till-Lucas Wessels studiert und ist identitärer Aktivist sowie »Minenhund für zukünftig Zumutbares«.


Kommentare (38)

Ratwolf
24. November 2019 20:18

Bei Völkerwanderungen und beim Impulserhaltungssatz bleibt die Energie erhalten. Sie landet nur woanders.

Die Ruhe ist flöten, nun kommt die Arbeit.

Die Grünen haben einen Vorteil:

Sie setzen den Fokus auf die Verbrechen der Nationalsozialisten und unterstellen den heutigen Rechten ebenfalls einen sozial-darvinistischen Rassenoptimierungswillen, wenn sie auch nur vom "Volk als Abstammungsgemeinschaft" reden. Eine Unterstellung, welche durch nichts belegt werden kann.
Das verdeckt aber ihre eigenen Motive und Pläne (siehe auch Lichtmess-Sommerfeld-Gesetz):
Die Grünen (und ihre Anhänger und Mitläufer) verfolgen wie die Nationalsozialisten einen biologistisch-gesellschaftlichen Optimierungsplan. Dieser basiert auf der Übertragung des Prinzips einer rassischen "Biodiversität" auf die menschlichen Gesellschaften.

Das sieht sicher weniger blutig aus. Und es ist auch noch nicht vollendet. Aber die Vernichtung eines Volkes ist im vollen Gange.

Ein weiterer Vorteil der Grünen ist.
Es ist immer einfacher, eine Ordnung zu zerstören, als sie auszubauen oder sie zu mindest zu erhalten. An der Energie, welche bei der Zerstörung der Ordnung entsteht, kann man sich eine Zeit lang die Finger wärmen.

Was die Grünen seit ihrer Entstehung und der Ausnutzung der bestehenden Sozialsysteme gerne genutzt haben.

Thomas Martini
24. November 2019 23:14

An Ratwolf: Die Grünen haben IMT-Urteile, offizielle Geschichtsschreibung, USA, GB, Israel, deren Wissenschaft, Armeen, Atombomben, Atomraketen, Unterhaltung, Filmindustrie, Medien sowie den entsprechend konditionierten Massengeschmack im Rücken.

Sagen Sie doch mal, jetzt wo die Arbeit kommen soll, wie wollen Sie dagegen anstinken?

Phil
25. November 2019 08:26

Witzig geschrieben.
Gibt es wirklich solche Überläufer? Sogar von den Grünen?

brueckenbauer
25. November 2019 08:30

"Was bereits manche Zeit als weichgekochte Feindvokabel im eigenen Kreis verschrieen war - „Demokratie“, „Bürgerrechte“, „Toleranz“ -wurde auf einmal auf den Straßen lautstark eingefordert"

Dazu fällt mir ein Student ein, der Anfang der 1970er aus Göttingen (?) nach Bonn kam und sich wunderte: In Göttingen verwendeten die Rechten das Wortsymbol "Demokratie" nur spöttisch, in Bonn trugen wir es als Fahne vor uns her.
Nicht unbedingt ein Unterschied in der Sache, eher in der Sprachstrategie.

deutscheridentitaerer
25. November 2019 08:46

Mich nervt diese in unserem Lager oftmals zur Schau gestellte Verachtung alles "Bürgerlichen", im Übrigen meiner Beobachtung nach ein durch und durch bürgerliches Phänomen.

Dann sind die Leute halt erst 2015 "aufgewacht" und fordern naiv die Propagandabegriffe des Regimes ein, na und? Die meisten Leute haben eben anderes (besseres) zu tun, als das politische Geschehen haarklein zu verfolgen und zu analysieren. Der "Bürger", der "Spießer" ist die Stütze der Gesellschaft und viel mehr wert als diejenigen, die sich zwar für einen bürgerlichen Lebensentwurf zu fein sind, aber auch sonst nichts gebacken kriegen.

Die Aufgabe einer aktivistischen, politisch bewussten Avantgarde ist es, für den Bürger zu arbeiten, nicht, ihn zu verspotten. Wenn Jünger sich einst derart äußerte mag das angehen, bei unsereins heute ist es peinlich.

Laurenz
25. November 2019 09:47

Diesmal ist es die Gnade der frühen Geburt (ein Jahr nach Herrn Bosselmann) im Westen, die mich schreiben läßt. Ich lebte mit meinen Eltern in den Jahren 1971-1977 in der Schichaustraße zu Frankfurt am Main. Dort zogen die ersten "Gastarbeiter" gegenüber ein und demonstrierten eine völlig fremde Lebenswelt vor dem Haus auf der Straße. Von daher hat sich weder 2013 noch 2015 etwas für mich geändert. Die Euro-Problematik oder die Invasionsflut sind nur Eckpunkte unseres Zeitgeists, in welchem auch einer Masse/Mehrheit an föderalen Blinden und Tauben unter meinen Mitbürgern die Fakten auf die Nase gebunden wird.
Helden mögen diejenigen sein, welche die nötige Medienaufmerksamkeit dafür erzwangen.
Die der Rechten untypische Kompromiß-Bildung zur Erzielung politischer Schlagkraft kommt als Einsicht doch arg spät, und ist auch nur der persönlichen Betroffenheit geschuldet.
Was man uns, den Alt-Rechten, vorwerfen kann, ist eben genau das Mosaik-Dasein, nachdem man seine Schäfchen ins Trockene gebracht hatte, schon etwas lächerlich. Und aufgrund des Wohlstands brauchte man auch keine Kompromisse einzugehen. Die Kompromiß-Bildung kann auch nur ein kurzfristige Metamorphose zu mehr Föderalismus und bürgerlicher Selbstbestimmung sein. Das hat dann auch mit Rechts nur noch wenig zu tun.
Es lebe die Freiheit.

Maiordomus
25. November 2019 10:43

@Wessels. Sie wundern und mokieren sich ein wenig über die "später Dazugekommenen", die Greenhorns der Rechten, welche früher noch zum Beispiel auf die Unionsparteien Hoffnungen gesetzt haben. Unter "denjenigen, welchen" macht mir Maximilian Krah bisher den mit Abstand glaubwürdigsten Eindruck. Der Mann kommt mit seiner Symbolik "Der Hahn hat gekräht" dank unaufgeregter Sprechweise mit gesundem Menschenverstand und praktischer politischer Erfahrung wohl politisch effizienter rüber als fast alle im Internat abrufbaren Rechtsreferenten, welche die neuen Medien benützen: von Sellner über Carsten Jahn bis zu dem Bubi, der von der Zeit lächerlicherweise als eine Gefahr für Deutschland eingeschätzt wurde; zu schweigen von Oliver und Tim Kellner oder wie sie alle heissen. Der Papa, der sich "Investor" oder ähnlich nennt, wirkt zwar gemässigter, dafür langweiliger und stärker oberlehrerhaft. Krah argumentiert schlicht vernünftig ohne auch nur den Hauch eines sektiererischen Ansatzes, mit dem man nun mal über das eigene Lager hinaus kaum publizistische Wirkung erzielen kann. Auch Quasir News fährt sich, trotz einiger Volltreffer in fast jeder Sendung, in seiner immergleichen Beschimpfung der "Mauermörderpartei" und der grünen "Ekelsekte" usw. mit der Zeit tot. Wobei ich mich wundere, dass die immer noch auf Sendung sind.

Ja, Sie verstehen sich mit Ihrem Jahrgang 93 noch als einen Repräsentanten derjenigen, die schon dabei waren, als die Rechten sozusagen noch unter sich gewesen seien. Noch interessant, wie Sie über das erste von Ihnen gelesene Heft Sezession berichten. Mir ging es so, als ich vor etwa 50 Jahren das erste Heft "Criticon" in den Händen hielt. Ab 1964 schrieb ich selber regelmässig in einer Schweizer Rechtspostille, wobei zur damaligen Zeit nun mal der Antikommunismus einen absoluten Schwerpunkt bildete, weswegen wir zum Beispiel vom republikantischen Präsidentschaftskandidaten Barry Goldwater begeistert waren, welcher die Befreiung Armeniens und der Baltischen Staaten forderte, was von den damaligen Linken als kriminelle Befürwortung des Atomkrieges hingestellt wurde, Goldwater kam in den Leitmedien, wenn dies möglich ist, sogar noch schlechter weg als heute Trump. Für Rechte von damals ein guter Grund, für ihn einzustehen. Zumal er auch Vorbehalte hatte gegen die damalige sogenannte Integrationspolitik und als Nachkomme osteuropäischer Juden offen für eine Art weisse Leitkultur in Amerika eintrat, sich selber auch "konservativ" nannte mit dem Buch "Das Gewissen eines Konservativen". Für den kalten Krieg forderte er als erster offen den Sieg. Ein ähnliches Denken pflegte damals auch Wilhelm Röpke, wobei dieser mit dem Boykott des Osthandels und der Bezeichnung der Sowjetunion als "Todfeind" doch zu weit gegangen zu sein scheint, so wie der für mich in meiner Jugend sehr massgebliche William S. Schlamm als Renegat der Linken in Sachen Antikommunismus dann doch zu sehr von Hysterie erfüllt war. Dem gegenüber lernte ich bei Jean-Rodolphe von Salis so etwas wie geostrategisches Denken, was von den damaligen Rechten auch einem Armin Mohler nicht fremd war. Mit Mohler setzten wir Jung-Rechten uns schon vor 50 Jahren auseinander, auch mit De Gaulles Vorstellungen eines "Europa der Vaterländer", eine Denke, die meines Erachtens heute auch Krah u. Co nicht ferne zu sein scheint. Natürlich gab es bei den Unionsparteien früher noch klar einen rechten Flügel, zu schweigen von den Vertriebenenverbänden. So war es denn schliesslich auch möglich, dass Gerd-Klaus Kaltenbrunner damals beim katholischen Herderverlag Chefredakteur der über fünfzigbändigen Buchreihe "Initiative" war, was absolute Massstäbe gesetzt hat zum Beispiel auch für Antaios und Kaplaken von heute, wobei die Gesamtqualität von "Initiative" bis heute nicht erreicht ist. Ehrlich gesagt sind die meisten Mitarbeiter, was ich bitte nicht als überheblich gesagt haben möchte, im Vergleich zu Kaltenbrunner und noch anderen von damals noch bescheidene Nummern, aber hoffentlich noch mit Potential nach oben. Sie selber, @Wessels, sind gewiss noch nicht am Ziel, auch Sellner nicht, dessen philosophischen Horizont ich als noch zu eng einschätzen würde. Gleich gut sein wie sagen wir mal proportional auf der Linken Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit genügt für unsere Ansprüche umso weniger, als wir keine Chance haben, vom Mainstream je gehätschelt zu werden. Dass aber die deutsche und österreichische Rechte, zu der die Autoren von Sezession zweifelsfrei gehören, auch im gesamteuropäischen Vergleich geistig durchaus etwas "drauf" hat, beweist meines Erachtens das Vermächtnis von Rolf Peter Sieferle, dessen Ausscheiden aus dem Leben freilich ein Symptom für eine miserable Isolation innerhalb eines in der Tat am Boden liegenden deutschen Geisteslebens in der Gegenwart war. Gegen eine in dieser Hinsicht nahe liegende Resignation muss weiterhin angekämpft werden. Zu den wahren Geheimtipps innerhalb der Autorengruppe von "Sezession" zähle ich die Autorin von "Tristesse droite", Ellen Kositza. Im Vergleich zu dieser Frau, einer Jahrgängerin meiner Tochter, kommen mir die jüngeren, wiewohl teilweise sehr vielversprechenden Autoren dieser Gruppe vielfach noch etwas "bubihaft" vor. Ich vermute, dass auch ein konstruktiver Weg etwa von Götz Kubitschek auf dem Pfad einer rechten politischen Vernunft von seiner Frau positiv beeinflusst wird. Beachtliche Fortschritte hat in den vergangenen Jahren auch Caroline Sommerfeld erzielt, wohl nicht zuletzt deshalb, weil sie sich auch ständig mit ihrem Mann auf unbequeme Art auseinandersetzen musste und muss. Was man auf der Rechten nicht gebrauchen könnte, was schon auf der Linken sich schrecklich genug auswirkt, sind fanatische, ideologisch verblendete, sich zur Rettung der Welt (oder Deutschlands) berufen fühlende Weiber. "Wenn der Mann fällt", formulierte Gertrud von le Fort (für mich in meiner Jugend eine Orientierungsgrösse), "fällt nur der Mann. Wenn die Frau fällt, fällt ein ganzes Volk."

Ich wünsche Ihnen, Herr @Wessels, noch weitere gelingende Analysen, immer unterwegs zu den Quellen der Erleuchtung, ein Weg, der nun mal mit Suchen und Irren verbunden ist. Ich wäre gespannt darauf, wie Sie im Jahre 2065 denken. 100 Jahre vor diesem Datum las ich das Buch "Begeht der Westen Selbstmord?" von James Burnham, einem in der Tat bis heute bedeutendstem Kritik des "american liberalism"; abgesehen von der Einschätzung des Kommunismus als grösste Gefahr für die Menschheit bekam er flächendeckend recht.

Maiordomus
25. November 2019 11:11

@Verschreiber: Maximilian Krah kommt (nach meiner Meinung) mit seinen Beiträgen "Hier kräht der Krah" wohl glaubwürdiger rüber als fast alle im Internet (pardon: nicht Internat) abrufbaren "Rechtsreferenten". Hatte noch die kürzliche Bildungsdiskussion über Ganztagesschulen von Bosselmann im Hinterkopf, letzteres nach meiner Meinung ein tiefschürfender Artikel mit entsprechender Debatte, die auch hinterher noch zum Nachdenken anregen könnte.

Und James Burnham, wie Schlamm ein Renegat des Kommunismus, scheint mir "in der Tat einer der bedeutendsten Kritiker des american liberalism" gewesen zu sein. Der Mann gehört, wie Russell Kirk, in die amerikanische Geister- und Philosophiegeschichte. Dies noch an die Adresse der pauschalen Anti-Amerikaner bei SiN. Zu dieem Gesichtspunkt kann ich eine frühere Kritik von _derjürgen nur unterstützen.

Phil
25. November 2019 12:54

@deutscheridentitaerer Ich denke, das ist eine Frage des Alters. Eine angepasste Jugend? Nein, danke.

RMH
25. November 2019 13:27

"Eine angepasste Jugend? Nein, danke."

@Phil,

eben - und deshalb sollte man es immer wieder aufs Neue unter die Jugend bringen:

Wer bspw. bei fff mitläuft, ist angepasst!

Die Liste lässt sich noch verlängern ...

limes
25. November 2019 13:57

Der Bürger als »Totengräber alles und aller Edlen«? Mein erster Gedanke bei der Lektüre dieser spätpubertären Nabelschau war: »Till-Lucas allein zuhaus«.

Worum geht es eigentlich, Herr Wessels? Um rhetorische Kriegsspiele (»weichgekochte Feindvokabel«)?

»Für unser Land geht es nicht um ein paar Kleinigkeiten, sondern um die Sicherung der Lebensgrundlagen.« Das schreibt einer, der selbstgefälliges semantisches Säbelgerassel nicht nötig hat: Björn Höcke. Dieser Satz und die folgenden sind seinem aktuellen Brief an CDU und FDP entnommen, in dem er das Angebot einer Zusammenarbeit unterbreitet und in diesem Zusammenhang auch den Begriff der Bürgerlichkeit beleuchtet.

Höcke ordnet der Bürgerlichkeit verschiedene Attribute zu: »beispielsweise Gesetzestreue, Staatsloyalität, Arbeitsethos, Redlichkeit, Bildung, Vernunft, Humanismus, Maß und Mäßigung –, von der jedes einzelne einer eigenen ausführlichen Betrachtung bedarf. Sie verdichten sich in der Figur des „Citoyen“, ein Begriff, um den wir die Franzosen beneiden, denn sie trennen den vorbildhaften Bürger vom wenig attraktiven „Bourgeois“«.

@deutscheridentitaerer bin ich für die Solidarität mit Späterwachten wie mir dankbar und @Laurenz für seinen leidenschaftlichen Appell »Es lebe die Freiheit«.

Maiordomus
25. November 2019 15:24

PS. Zu meiner Kritik an rechten Bloggern. Der Privatinvestor Martin Gärtner mag für viele einen etwas allzu biederen Auftritt haben. Aber sein neuester Titel über den CDU-Parteitag "Alle haben geklatscht, keiner war überzeugt", ist eine treffliche Überschrift für eine ziemlich genaue, nicht mal polemisch vorgetragene Analyse. Allzu sehr scheint er mir jedoch nur das (kritische) Echo auf Medienprodukte zu sein. Immerhin bleibt er jeweils ziemlich genau am Text, Seriosität würde ich dem "Papa", wie ich ihn aufgrund seines Erscheinungsbildes nannte, nicht absprechen. Der von mir als "Bubi" apostrophierte Niki wurde nicht in der "Zeit", sondern in der Augsburger Allgemeinen mehrfach als rechtsradikale "Gefahr" für Deutschland apostrophiert. Da wurde nicht nur mit einer Kanone auf einen Spatz geschossen; es wurde auch die Losung praktiziert: Mache einen fertig, verhindere hundert andere. Ich hoffe indes, dass sich der junge Mann mit seinem übrigens kreuzbraven Auftritt nicht fertigmachen lässt. Es ist ihm zumal Wirkung auf Gleichaltrige zu wünschen.

Waldgaenger aus Schwaben
25. November 2019 19:35

"Als die deutsche Rechte 2015 ihre Reihen großherzig für unzählige Flüchtlinge der Mitte, aus dem liberalen, oder auch aus dem grünen Lager öffnete,..."

Der gemeinen Anschauung nach ist es ja so, dass der Hund mit dem Schwanze wedelt und nicht der Schwanz mit dem Hunde.

Aber der allgemeinen Relativitätstheorie zufolge kann man durchaus behaupten, der Schwanz wedele mit dem Hunde. Es gibt keinen unbewegten Fixpunkt im Universum - alles ist relativ und hängt nur vom Standpunkt des Betrachters ab.

zeitschnur
25. November 2019 19:55

Es ist immer ein bisserl eigentümlich, wenn Greenhorns nostalgisch werden. Da stellt sich all zu leicht unbemerkt eine gewisse Überheblichkeit gegen die, die wirklich auf viele Jahre zurückblicken ein. Aussagen wie

"Mit jenen Späterweckten bleiben die Gespräche anders, unverstandene Andeutungen verlieren sich, manchmal bleiben nur noch ennervierte Buchempfehlungen als letzter Ausweg um die Diskussion zu beenden. (Ich weiß nicht, wie oft ich in den vergangenen vier Jahren einem den im Aufstieg befindlichen „Linksfaschismus“ witternden Wutbürger den grundlegenden Weißmann-kaplaken zum Thema anempfohlen haben. Oft jedenfalls.)"

wirken durchaus unsympatisch und unangemessen. Da weiß einer wieder mal ganz genau über alles Bescheid und hat mehr Missionsdrang als Erkenntnisse.

Kositza: Verstehe Ihren Impuls. Nur, Sie haben- glaub ich- keine Ahnung, wie anstrengend der Kontakt mit "Späterweckten" sein kann. Das ist gewissermaßen ein eigenes Genre...

Ratwolf
25. November 2019 20:44

Es gibt einen riesigen Rückenwind von den normalen Menschen. Man hat aber Angst.

2/3 der Menschen in Deutschland hat Angst, offen seine Meinung zu sagen...

Das sagt alles.
Man hat Rückenwind.
Aber man kann sich wenn es hart-auf-hart kommt nicht darauf verlassen.

Laurenz
25. November 2019 20:59

@Maiordomus ... letzter Beitrag PS... ich poste den Artikel nur ungern, weil Tichys aktuell vermehrt mit Uneinigkeit glänzt, https://www.tichyseinblick.de/kolumnen/knauss-kontert/personalie-wendt-soeders-wirklicher-feind-ist-nicht-die-afd/
Aber der Artikel von Ferdinand Knauss zeigt den unendlichen Untergang der SED 2.0.
Gut Ding will Weile haben.
Wir können nur beten, daß die Aufmüpfigen in der CDU weiter weggetreten werden.

Maiordomus
25. November 2019 21:22

@An Thomas Martini und Ratwolf. Es scheint in der Tat schwierig bis unmöglich, gegen das, was "die Grünen" auf ihrer Seite haben, nämlich zum Beispiel die offizielle Geschichtsschreibung, IMT-Urteile, den Mainstream in den USA, den Medienmainstream in Westeuropa, usw. "anzustinken". Das gibt in der Tat zu denken. Immer mehr fällt auf: Was auf dem Gebiet der Politik Höcke als Schreckbild geworden ist, ist für Fragen des Geisteslebens ein Profll wie dasjenige von Herrn Kubitschek. Wobei für mich gelegentliche Kritik selbstverständlich ist.

Die Sache mit dem metapolitischen Feindbild gilt im Prinzip selbst für die von Herrn Massen "Westfernsehen" genannte Neue Zürcher Zeitung. Dort agitiert mit dem schon fast reflexhaft wirkenden Schreckbild Kubitschek der Trierer Politikprofessor Linden (geb. 1973) gegen den "Geschichtsrevisionismus" der AfD, Weil man die Sache nicht so leicht fassen kann kann, wird dieser als "schleichend" qualifiziert. Ich bin gespannt, ob der Professor, gleicher Jahrgang wie Frau Kositza, sich zwecks authentischer Recherche schon mal sich direkt oder gar persönlich mit Schnellroda auseinandergesetzt hat, gar mal eine Tagung beobachtet. Ich nehme es eher nicht an.

Mit dem Ausdruck "schleichender Geschichtsrevisionismus" wird potentiell Konsensobjektivität postuliert und betont, was an einer Hochschule gelehrt werden darf und was nicht. Vergleiche vor einigen Jahren das abqualifizerende Urteil von Herwig Münkler über den verstorbenen Rolf Peter Sieferle, dem absurderweise "strafrechtlich relevante" historische Aussagen unterstellt wurden. Nach meiner Erfahrung gibt es aber leider wenige Historiker und Politologen, die nicht primär sich selber mit ihren enormen Wissenslücken und/oder brutalen Einseitigkeiten beschäftigen müssten, bevor sie anderen ein ideologisches Geschichtsverständnis vorwerfen (das es zwar geben mag); dergestalt, dass man sich zunächst flächendeckend mit der Ideologisierung von Geschichte und Geschichtsschreibung zu befassen hätte. Nebst zum Beispiel legitimierter Antisemitismusforschung bestände wohl ein enormer Bedarf nach Professorenstellen mit dem Auftrag, ideologische Konsens-Vorstellungen innerhalb der Geistes- und Geschwätzwissenschaften aufzuarbeiten und deren Feindbilder und Tendenzen phänomenologisch darzustellen oder wenigstens auf breiter Basis zu deklarieren. Welches sind die heutigen gesinnungsmässigen Ansprüche auf Tolerierung im akademischen Raum? Dies müsste so offen wie möglich der Öffentlichkeit klargemacht werden.

Die zur Zeit herrschenden Frageverbote und Sprachregelungen könnten, mindestens in freien Gymnasien, zum Beispiel Gegenstand von Abiturprüfungen sein (als erkannte Frageverbote und identifizierte Vorschriften), womit man im Sinne von Aufklärung vielleicht die Voraussetzungen für ein kritisches wissenschaftliches Studium im Sinne wahrer Reife im Hinblick auf die Erkenntnis der Wahrheit verbessern könnte. Das, was heute Zeitgeist ist, müsste nach ähnlichen Kriterien wie seriöse Forschungen über Kapitalismus, Nationalsozialismus, Faschismus und Kommunismus als herrschende Ideologie dargestellt werden. Ein Fortschritt wäre es schon, wenn jede geisteswissenschaftliche Professorenstelle ideologisch eingeordnet würde, zum Beispiel als "genderorientiert" oder als "antifaschistich" oder wenigstens "bekennden linksliberal", was vermutlich am bequemsten wäre. WEnn nicht die Professorenstelle, so zumindest die entsprechende Einschätzung einer Lehrveranstaltung im Vorlesungsverzeichnis. Jeder Lehrende müsste seine weltanschaulichen Grundlagen ehrlicherweise auf den Tisch legen. Es scheint nicht gerade bewiesen, dass die Tagungen in Schnellroda, so weit ich ihre Resultate dem gedruckten Heft entnommen habe, weniger wissenschaftlich daherkommen als etwa das, was "Spezialisten für Rechtsextremismus" an Hochschulen natürlich "streng wissenschaftlich" absondern. Ich möchte indes über diesen Wissenschaftsbetrieb nicht schlechthin vernichtend geurteilt haben. Nach meiner Kenntnis hatten sogar die oft unterschätzten Professoren und Spezialisten für Hexenprozesse im 14., 15. und 16. Jahrhundert zum Teil ein durchaus hohes intellektuelles und unter dogmatischen Voraussetzungen sogar wissenschaftliches Niveau. Die Spezialisten für Hexenprozesse haben nachweisbar unter gewissen Gesichtspunkten den Fortschritt der Justiz befördert. Zum Beispiel, dass man für die in der Tat schwierige und komplexe Einschätzung von Teufelseinwirkungen einen wissenschaftlichen Abschluss benötigte, womit der Einfluss von ungebildeten Laien auf die Gesetzgebung und Urteilsfindung eingeschränkt wurde. Auch die Verantwortung des Menschen für Wetter und Klima einschliesslich der Strafbarkeit entsprechender Vergehen gehört zu den die moderne Zeit einleitenden Errungenschaften der Hexenprozesse. Trotzdem wissen wir heute, dass dies eine hochgradig ideologische Angelegenheit war. Wirklich Andersdenkende hatten lange null Chancen!

Maiordomus
25. November 2019 21:50

PS. "Bekennend linksliberal" - das ist ziemlich genau das, was der im Vergleich zu einem deutschen Durchschnittsprofessor für Politik epochale James Burnham 1965 (deutsche Übersetzung) mehr oder weniger als die Ideologie des westlichen Selbstmordes dargestellt hat.

Weltversteher
25. November 2019 22:32

Nun sind - womöglich - mehr als die Hälfte der Leser hier Spät-Erweckte. Womöglich haben daher weite Teile der Leserschaft weiterhin einen ganz unterschiedlichen Begriff von dem, was angesagt ist. Vielleicht ist der Beitrag schon das wert, dieses mal zu bemerken.
Eine neue Ossi-und-Wessi-Parallele tut sich auf, die vielleicht noch viele Jahre bleibt.

nom de guerre
25. November 2019 22:55

@ Kositza: „Nur, Sie haben- glaub ich- keine Ahnung, wie anstrengend der Kontakt mit "Späterweckten" sein kann. Das ist gewissermaßen ein eigenes Genre…“

Dieses Negeative, das aus dem Artikel spricht und auch aus Ihrer Anmerkung, kann ich nicht ganz nachvollziehen. Ich meine, auch wenn Sie den Kontakt zu jenen, die Sie und Herr Wessels Späterweckte nennen und Ihr Mann, glaube ich, 2015 Gefallene, z.T. als anstrengend empfinden, hat die großherzige Öffnung Ihres Lagers für Überläufer aller Art (der Sarkasmus geht an die Adresse von Herrn Wessels, nicht an Sie) doch eine enorm gestiegene Reichweite Ihrer Ideen bewirkt. Bewerten Sie die nicht positiv? Direkter gefragt: Wog das „unter seinesgleichen bleiben“ von früher denn auf, dass damit einhergehend Ihre Aktivitäten gesellschaftlich nahezu vollständig verpufft sind?

Abgesehen davon ist der Ton von Herrn Wessels tatsächlich überheblich. Ich nehme an, dass er 25 oder 26 Jahre alt ist. Wenn er 2011, also mit 17, 18 Jahren zum ersten Mal die Sezession gelesen hat, bedeutet das, seine politische bzw. geistige Sozialisation hat bislang keine Brüche erfahren. Warum sollte sie auch, wenn er seiner Sache sicher ist, aber dennoch: Wie will er da beurteilen, was es bedeutet, in fortgeschrittenem Erwachsenenalter zu erkennen, dass bisher empfundene Selbstverständlichkeiten keine sind, weltanschauliche Kompromisse, die man irgendwann einmal eingegangen ist, sich als untauglich erweisen, und das eigene Weltbild sehr weitgehend in Frage zu stellen ist?

Eine gewisse Arroganz der Jugend, bei der die etwas kindliche Vorstellung durchscheint, vor der eigenen „Bewusstwerdung“ im Jugend- oder Jungerwachsenenalter habe es die Welt noch nicht so richtig gegeben und folglich auch keinen Grund, sie so zu beurteilen, wie zum Beispiel die blöden Boomer es tun oder meine Generation, finde ich nicht weiter schlimm, weil es normal ist, jede junge Generation ist so – aber manchmal ist eben auch das anstrengend.

Gracchus
25. November 2019 23:36

Nun ja, da ist bei Wessels doch Ironie im Spiel. Da muss man sich doch nicht gleich auf den Schlips getreten fühlen. "Der Bürger, jener Totengräber alles und aller Edlen ..." ist doch witzig - und wäre nicht witzig, wenn nicht treffend. Die "Anbruch"-Seite hatte ich etwas aus den Augen verloren; die Seite ist aber gut. Wenn auch etwas Benn- und George-lastig. Zum Glück verteidigt Kositza Trakl in der Podcast-Folge, die ich mir angehört hab. Und wie ich hat Kositza einen Sternzeichen-Fimmel, findet Krebse aber furchtbar. Soll ich jetzt auch beleidigt sein? Zumal Krebse ja angeblich schnell beleidigt sind!

heinrichbrueck
26. November 2019 03:06

@ Waldgaenger aus Schwaben
Wenn alles relativ ist, zu was ist es dann relativ?

@ Maiordomus
"Die zur Zeit herrschenden Frageverbote und Sprachregelungen könnten, mindestens in freien Gymnasien, zum Beispiel Gegenstand von Abiturprüfungen sein".

Da hat doch tatsächlich mal jemand gesagt: "Wenn wir genug Macht hätten, um eine Sezession durchzuführen, dann wäre keine Sezession notwendig."

zeitschnur
26. November 2019 08:30

@ Maiordomus

Die "Andersdenkenden" haben allerdings - heutzutage - auch aufgrund eines sehr präzisen Designs der "öffentlichen Meinung", schon lange "keine Chance" mehr.
Ich bemerke um mich herum bei vielen eine große Unsicherheit, Überforderung und lange eingeübte Trägheit. Die schwerste der Todsünden, die acedia, wurde ganz gezielt (an)trainiert, und dies von klein auf. Und man machte es gerne mit, die Nachkriegsparole "Mein Kind soll es mal besser haben als ich", die sich nur materiell verstand und sich für die geistige Auseinandersetzung mit bemerkenswerter Verstocktheit verschloss (im Volk der "Dichter und Denker"?), war gängige bürgerliche Haltung und den Hunger nach Geist wussten die Propagandisten bei den Heranwachsenden frühzeitig mit Katzengold zu füttern. Nichts ist der gezielten Manipulation der Geister günstiger als plumper Materialismus. Niemanden kann man besser gehirnwaschen als das Kind eines Materialisten. Und man gab den Deutschen ihr "Wirtschaftswunder", das ihnen vorgaukelte, so käme man wieder auf einen grünen Zweig.

Bis man überhaupt zum "Andersdenken" kommt, vergehen also bei vielen Jahrzehnte. Es ist der Aufwachprozess eines tief Narkotisierten. Man kann es den Leuten eigentlich kaum verdenken. Sie sind wie Tanker, die sich nur noch schwer gewendet bekommen. Ich bin aus diesem Grund - das als Seitenbemerkung an Frau Kositza - abgestoßen vom Tonfall eines Studenten, der die Tragik systematisch verhinderten Andersdenkens oder sogar überhaupt des Denkens (man hat uns auf Emotionalität und Irrationalität getrimmt) aufgrund seines Alters nicht wirklich erfassen kann und daher lieber aufpassen sollte, dass er selbst nicht gerade dabei ist, dieselben Fehler zu machen und denselben Versuchungen zu erliegen. Die rechte Jugendarroganz erinnert mich nämlich der Mentalität nach ziemlich genau an die linke Jugendarroganz meiner Jugendtage. Diese linksarrogante Jugend ist heute noch spießiger als ihre Altvorderen. Was wird wohl eines Tages aus solcher rechter Jugend? Das rechte pseudointellektuelle Geplänkel (es wird durchaus nicht klar, um was es ihm überhaupt der Substanz nach geht!), das mir aus seinen Worten eben auch herauslugt, ist möglicherweise nur eine allzu bürgerliche Variation dessen, was ihn am Bürger, dem "Totengräber alles Edlen", stört. "Edel" ist jedenfalls ein solcher Tonfall nicht, eher dandyhaft und oberflächlich, und das hatten wir nun auch in immer neuen Schüben all zu oft und brauchen davon angesichts der Lage keine Neuauflage. Es ist "rechter" Manierismus, ein Epigonentum, und das führt nicht nur nicht weiter, sondern auch ab.

Ich habe nicht den Eindruck, dass einer von sich aufrichtigen Herzens behaupten kann, er sei den Versuchungen des postmodern hochausgeklügelten "panem et circenses" wirklich NIEMALS und an keiner Stelle erlegen. Selbst wenn man in einem kritischen Elternhaus aufwuchs, erwarteten den Pubertierenden schon die Wegelagerer der Rebellion - also: des Rückfalls in die acedia - mit ihren lockenden Glasperlen und Zerstreuungen und verkehrten die Welten: Die kritischen Alten seien Spießer und der Rückfall in die Trägheit, der man natürlich einige Spielelemente des "Revolutionären" ließ ("links"), "innovativ", "frei" und alleine zukunftsfähig ("fortschrittlich"). Die Wegelagerer dieses Typs waren das wundersamste Phänomen aller Zeiten, denn sie überfielen ihre Opfer, nicht um ihnen ihr Taschengeld zu klauen, sondern um sie mit vorläufigem materiellem und sozialem Erfolg zu überschütten, den sie später erst langsam wieder absaugten. Und was überzeugt die avaritia, medial bereits inflationär durch Massen-PR geschürt, mehr als die ständige Aussicht auf einen Mehrwert des sozialen Erfolgs, der ohne Anstrengung und persönliche Reifung erreicht werden könne?

Wir haben im Ergebnis eine Gesellschaft von Infantilen, unreif Gebliebenen. Es ist nicht nur eine Gehirnwäsche in eine bestimmte Richtung geschehen, sondern auch eine Idealisierung der Unreife. In einem solchen Klima ist überhaupt jedes echte Denken ein "Andersdenken" und "Revisionismus". Das Problem, das einen heutzutage immer mehr belastet, ist ja nicht, dass das irgendwelche "Linken" oder Grünen so oder so denken würden, sondern dass sie überhaupt nicht denken, stattdessen eine Rhetorik eingeübt haben, die wie ferngesteuert aufgefahren wird, sobald auch nur ein ernsthafter und unabhängiger Gedanke gedacht und gesagt wird. Es ist wie ein klebriges Harz, diese Rhetorik. Sie wird sofort losgeschickt, sobald etwas wirklich Innovatives oder Einzigartiges oder sagen wir: Interessantes sich regt. Die, die sich einem als "Gegner" entgegenstellen, können einem inzwischen geistig nicht mehr folgen. Ein Diskurs ist alleine deswegen unmöglich, aber sie sind offenbar darauf trainiert, auf Freiheitsgrade anderer mit einem komplexen Triggersystem zu antworten. Das hat Züge einer weit fortgeschrittenen Mindcontrol, und natürlich merken die so Kontrollierten nicht, dass sie total vermündelt sind. Es sei denn, ein Denker oder Selbstdenker begegnet ihnen und löst eine tiefe narzisstische Kränkung aus: daher kommt der Hass dieser Leute auf jeden, der noch selbst denkt oder anfängt, erstmalig selbst zu denken.

Herr Wessels sollte sich das klarmachen und vielleicht von einem älteren Menschen annehmen, dass ein konservatives Projekt, sollte es überhaupt ernst gemeint sein und nicht bloß Schnöselei der Langeweile, diese "Späterweckten" (diese Vokabeln - das klingt nach Pietismus des 19. Jh!) bereits ein Erfolgszeichen sind. Dass sie wie alle Neubekehrten etwas fanatisch und voreilig sind, auch in einem Schmerz über die verschwendeten Jahre sind, den sie in vielleicht etwas nervige Verhaltensweisen umleiten, sollte man wissen und mit einer gewissen Souveränität aushalten. Eine konservative Bewegung, die erst noch auf ideale Massenanhängerschaft wartet, kann jedenfalls einpacken in der Lage, in der wir sind.

RMH
26. November 2019 09:42

"Späterweckt" trifft es meistens nicht so richtig - denn eine "Erweckung" wie eine Art Damaskuserlebnis haben bzw. hatten die meisten wohl kaum. Eher die z.T. bittere Feststellung, dass sie mittlerweile "aus dem Rahmen" fallen, da der Rahmen neu gezogen wurde, während sie da geblieben sind, wo sie waren.

Ich spreche jetzt auch mal als einer der "Alt-BRDler", die noch unter F.J.S, Löwenthal & Co - also zu Zeiten, wo wegen des verordneten Antikommunismus deutlich mehr geduldet wurde - einen Teil ihrer politischen Prägung erfahren haben und die vor allem auch noch wirkliche, echte "Nazis" (also die, aus der Zeit 33-45, und die überlebt haben und aus denen fast alle "etwas geworden" war) aus eigener Anschauung kennen bzw. kennen gelernt haben (die waren damals in der Tat z.T. auch noch in den Institutionen, Schulen etc. - und dieser Umstand ist auch der einzige, der für mich so etwas wie "68" überhaupt nachvollziehbar bis teilweise verständlich macht. Wer einmal Kontakte zu gewissen Kreisen und deren Netzwerke hatte und sehen konnte, welche schmierigen Kriegsgewinnler da darunter waren, für den war als Patriot die Zeit 33-45 automatisch ohne jede "Umerziehung" völlig erledigt!).

Diese Leute dachten eine lange Zeit, na ja, die Union ist nun wahrlich nicht perfekt und hat einen großen Hang zur Vetternwirtschaft, zu eitlen Seilschaften, Mauscheleien und zur Korruption, aber irgendwie kommt unter dem Strich dann doch noch - RELATIV betrachtet - "die bestmöglichste" (Gruß an Candide/ Voltaire) aller Welten dabei heraus. Dies gilt insbesondere für jemanden, der in Bayern unter der CSU "groß" geworden ist. Es fehlten bereits damals die echten "Alternativen" mit seriösen Politikansätzen und nach dem die REP weggebissen waren, machte sich eher so etwas wie leicht frustrierter Pragmatismus (Hauptsache kein rot-grün und die SED/PDS bleibt auf die "neuen Länder" beschränkt) breit.

All diese "Normalos", die dachten, irgendwie werden "die da oben" schon noch halbwegs normal die Sache durchwursteln und abwickeln wurden bereits unter Rot-Grün und Gerhard Schröder dahingehend eines Besseren belehrt, dass all die konservativen Sicherungslinien in der Währungspolitik (Maastricht & Co.), die noch ein CSUler Namens Waigel maßgeblich mitgestaltet hat, einfach mal so über Bord geworfen wurden (hätte man sich an die EIGENEN Regeln gehalten, hätte der Euro nie eingeführt werden dürfen und als er dann doch aus REIN politischen Gründen eingeführt wurde, hätten Länder wie Griechenland nie den Euro bekommen dürfen). Als dann die Union wieder unter Merkel ans Ruder kam, merkte man bereits, hoppla, da ändert sich nichts mehr und als dann auch noch die erste GroKo durch schwarz-gelb abgelöst wurde und das Alibi "die roten sind ja mit dabei" nicht mehr zählte und man deutlich erkannte, dass eine A. Merkel eigentlich viel lieber mit der SPD weiter regiert hätte, allerspätestens dann wurde einem so langsam klar, da verschiebt sich etwas nicht in Richtung "Mitte", wie von der Regierung und den Medien vorgegaukelt wurde, sondern Richtung LINKS!

Die AfD wurde nicht umsonst bereits VOR 2015 gegründet (2013) und ist keine spontane Sache gewesen, sondern das Ergebnis bereits längerer Unzufriedenheit!

Es ist also keine Späterweckung - es ist das Reifen der Erkenntnis, dass sich die Parameter verschoben haben, das "Overton"-Fenster etc. oder wie auch immer man es nennen will und man selber eben nicht so flexibel "pivotiert" hat sondern eigentlich noch ziemlich gleiche Positionen hat, wie früher. Unsereiner brauchte auch kein 2015, um zu sehen, was da alles den Bach runter geht - das begann ja alles viel früher!

Die Zeitschrift Sezession gibt es ja auch schon deutlich länger (Heft 1 war evtl. für mich so etwas wie ein "Erweckungserlebnis" aber auch doch eher ein Erkenntniserlebnis, dass man nicht ganz alleine auf weiter Flur mit seinen Meinungen steht).

Ich persönlich habe wahrlich KEIN 2015 gebraucht um konservativ-liberal zu sein! Ich empfinde es sogar als UNVERSCHÄMTHEIT, so etwas in den Raum zu stellen. Hätten bereits 2013 zur BT-Wahl ein paar mehr von den damals 18 Jährigen die AfD gewählt, sähe es ggf. anders aus (AfD damals knapp gescheitert, offiziell 4,7%), aber da waren zum Teil ja die linken Piraten (immerhin 2,2%) noch hipper für die "netzaffine" Jugend oder man ging aus Faulheit und Desinteresse erst gar nicht zur Wahl (Man sieht: Generationen-Bashing kann ich bei Bedarf auch ;) )-

Das einzige was dadurch (2015) passierte ist, dass einem das, was man früher als Altersmilde bezeichnet hätte, mehr und mehr abhanden kommt. Das gilt auch und vor allem gegenüber jugendlichen Klugscheißern.

PS:
@Maiordomus, Ihre Beiträge in diesem Strang sind sehr gut!

Ellen Kositza
26. November 2019 10:50

@zeitschnur. Zu Ihrer Nebenbemerkung an mich: Ja, Sie haben recht.

Waldgaenger aus Schwaben
26. November 2019 11:04

@RMH

Sie haben vollkommen recht. Ihre Beschreibung könnte von mir sein.
Bis 1990 habe ich CSU gewählt. Dann fiel die CDU/CSU beim Schutz des ungeborenen Lebens um, weil Kohl die Stimmen der Frauen aus der ex-DDR nicht verlieren wollte.
Danach wählte ich Klein-Parteien aus dem christlich-konservatien Umfeld. Die damaligen Rechtsparteien waren für mich unwählbar, weil ich auch zu viele "schmierige Altnazis" noch persönlich erleben musste.

Seit 2013 bin hauptsächlich AfD-Wähler. Da braucht mich niemand einen "Späterweckten" nennen. Das Umfallen der CDU/CSU beim Schutz des des ungeborenen Lebens erweckte mich schon vor 30 Jahren. Seitdem ist mir klar, dass diese Partei für den Machterhalt jede Position aufgeben wird.

nom de guerre
26. November 2019 11:30

@ zeitschnur
Zustimmung in fast allen Punkten, nur würde ich die Gehirnwäschegeneigtheit nicht auf Materialisten und ihre Kinder beschränken. Diese besteht in der bundesrepublikanischen Gesellschaft zum Beispiel auch bei Kirchentagschristen bzw. überhaupt bei Menschen, die für sich in Anspruch nehmen, „bewusst zu leben“ und platten Konsummaterialismus weit von sich weisen würden.

@ RMH
Sie haben Recht, das Problem war schon lange vor 2015 sichtbar (für denjenigen, der Anlass hatte, sich mit der bundesdeutschen Landwirtschaftspolitik zu befassen, schon in den 80ern sehr deutlich) – aber spätestens im Herbst 2015, und da spreche ich jetzt für mich, war es endgültig nicht mehr möglich, sich weiter etwas vorzumachen. Das meinte ich weiter oben mit weltanschaulichen Kompromissen, die sich als untauglich erwiesen haben. Union und FDP erschienen mir sehr lange als das kleinste Übel, ohne eine Alternative, die Aussicht auf Erfolg gehabt hätte.

zeitschnur
26. November 2019 12:43

@ nom de guerre

Kirchentagschristen zähle ich zu den Materialisten. Inzwischen auch die Katholikentagschristen. Ich finde es erschütternd, wie selbst hinter so mancher fundamentalistischen Frömmigkeitsbewegung eigentlich krasse materialistische Einstellungen verborgen sind, etwa die - um den Bogen zwischen beiden Großkonfessionen in Deutschland zu spannen - im Ernst "Gottes Wort" mit einem Buch zu identifizieren oder den Verlautbarungen des Lehramtes in Rom. Da ist keine Ehrfurcht vor Gott (erst recht keine Liebe zu ihm), sondern der Drang, andere zur Ehrfurcht vor der eigenen angemeaßten Gottesgewalt zu bringen. Das sind larvierte materialistische Einstellungen, weil sie nicht mit einer lebendigen Geistbeseelung rechnen und alles in Lehrsätze und Gesetze zu pressen meinen müssen. Es fehlen Freiheit und Liebe, die beiden Tugenden, die GAR nicht materialistisch begründet werden können, und dies aus systematischen Gründen. Alles deterministische und utilitaristische Denken ist Konsequenz solcher innerer Haltungen und unvereinbar mit einer echten Geistbeseelung. In den Händen solcher Fundamentalreligiöser werden selbst Begriffe wie "Erkenntnis" oder "Gebet" zu entwerteten Zerrbildern. Sie toppen jeden areligiösen Materialisten noch, und mir sind letztere dann lieber als Erstere - letztere lügen wenigstens nicht so dreist.
Erneut Verweis auf Leopold Zieglers treffendem Aufsatz "Gotterfahrung oder Konfession?" http://www.leopold-ziegler-stiftung.de/werke/6/gotterlebnis-oder-konfession

Die "linke" Fortentwicklung des Christentums ist aus mS nur eine konsequente Folge dieser fundamentalistischen Einstellungen. Ich weiß, dass mancher sich über diese meine Sicht wundern wird, aber es soll ein Impuls sein. Neulich fand hier schon eine interessante Debatte zu dem Thema statt (v.a. mit @ Maiordomus und einigen anderen). Ich weiß bloß nicht mehr wo - ich glaube unter Herrn Bosselmanns letztem Beitrag.

Anders gesagt: wenn die Jugend nicht erfährt von den Älteren (die dafür Zeugen sein sollten), dass es eine Unabsehbarkeit geistiger Führung (von Gott her) im Leben des Menschen gibt, ist sie noch anfälliger für Manipulation und Fanatismus als es ohnehin schon in der Jugend liegt, dem leichter zu erliegen. Was immer sie denkt und tut, wird von keinem Vertrauen getragen.

Phil
26. November 2019 14:10

@RMH
"Wer bspw. bei fff mitläuft, ist angepasst!"

Es erscheint paradox, aber FFF-Mitläufer (ich nehme Pioniere und Idealisten mal aus) sind tatsächlich ein Paradebeispiel für eine angepasste Jugend – und damit für zukünftige leicht lenkbare Bürger.
Der Unangepasste ist hier ausnahmsweise der scheinbar Brave, der freitags allein im Klassenzimmer sitzt (so Strebertum und Überkorrektheit oder gar Angst vor Autoritäten nicht seine Motive sind).

Phil
26. November 2019 15:28

Übrigens, falls es eine Arroganz gegenüber Renegaten gibt, so muss ich sagen, dass wir alle einmal "erweckt" werden mussten, alle mussten wir uns von den ("Er-")Folgen der Umerziehung emanzipieren.
Ich war mit 15 linksradikal.
Ab 17 dachte ich national.

Wer länger mit dem System mitgegangen ist – na und?
Mag sein, dass, wer später "aufwacht", noch ein bisschen länger im Alten feststeckt. Dem reichen wir die Hand und ziehen ihn raus.

Laurenz
26. November 2019 19:15

@zeitschnur .... lassen Sie Herrn Wessels doch Seine Eindrücke schildern. Sie tun immer so, als kennen Sie jeden, ohne das mit irgendeinem Fakt zu untermauern.
Was Sie tatsächlich den Herren Schick, Wessels und Co. erzählen können, ist die Geschichte unseres Geldes, davon haben die jungen Menschen unserer Ex-Republik keine Ahnung. Sie kennen nur Toiletten-Papier mit Bildern drauf.
Wir kennen das von Herrn Wessels angesprochene Phänomen doch schon lange. Im Westen nichts Neues.
Es gab nur wenige Nationalsozialisten die Kommunisten wurden, aber viele Kommunisten, die Nationalsozialisten wurden.

Weltversteher
27. November 2019 17:53

Bzgl. des Materialismus:
Es ist bezeichnend für unsere Gegenwart, daß "Materialismus" eigentlich nur als "alleiniges Interesse an Besitz und Gütern" verstanden wird.
Das Bewußstsein von einem rein geistigen Hintergrund der materiellen Erscheinungen (bis hin zu den Lebewesen) , ja deren geistiger Primär-Existenz, ist dagegen soweit geschwunden, daß man nicht erkennt, daß dieser Mangel bereits - Materialismus ist.

Gracchus
27. November 2019 23:20

@zeitschnur: Auch wenn ich Wessels Artikel als Aufhänger für Ihre Ausführungen nicht so geeignet halte, stimme ich ihnen doch zu: Mir kommen Land und Leute auch wie geistig sediert vor. Ich mir selber allerdings oft auch. Tatsächlich finde ich doch das Waldgängerische hier interessant. Die Suche nach einer anderen Lebensform, was m. E. über das Politische hinausgeht. Wessels traue ich im Übrigen zu, dass er sich auch anderer Perspektiven auf die Geschichte bewusst ist. Die Situation zwingt quasi zu Koalitionen, die keine Liebesheiraten sind.

Laurenz
28. November 2019 07:50

@Weltversteher .... könnten Sie Ihre Sicht bitte etwas klarer schildern?
Soweit ich Sie verstehe, etwas abgehoben, kann ich Ihnen nicht zustimmen. Unsere Existenz auf diesem Planeten ist nun mal vordergründig materieller Natur und in vielen Zeitaltern war das Fristen dieser Existenz kein Zuckerschlecken. Und überhaupt erschufen im Grunde nur seßhafte Kulturen den Mehrwert, der es ermöglichte, ausgeprägte Kunst zu entwickeln. Musik, Bilder zu produzieren kostet erstmal, selbst Bücher drucken sich nicht von alleine. Teuer wird es, wenn man vor Ort recherchieren muß. Auch spirituelle Seminare sind meist nicht kostenlos, weil auch die Anbieter leben wollen.
Selbst dieses Forum, SiN, auf dem wir unsere Gedanken schildern, ist quer finanziert, und es kostet die Zeit der Redaktion und der Foristen. Und teurer als mit Zeit kann niemand etwas bezahlen.

nom de guerre
28. November 2019 10:46

@ Weltversteher
„Das Bewußstsein von einem rein geistigen Hintergrund der materiellen Erscheinungen (bis hin zu den Lebewesen) , ja deren geistiger Primär-Existenz, ist dagegen soweit geschwunden, daß man nicht erkennt, daß dieser Mangel bereits - Materialismus ist.“

Sie haben Recht, (auch) das ist Materialismus. Aber: War dieses Bewusstsein denn außerhalb esoterischer Zirkel jemals vorhanden? Nach meiner Wahrnehmung müssen sich selbst gläubige Christen tiefschürfend mit ihrem Glauben beschäftigen und das „am Anfang war das Wort“ wirklich ernst nehmen, um zu der von Ihnen nur kurz angerissenen Weltsicht zu gelangen.

@ zeitschnur
Vielen Dank für den Verweis auf den Ziegler-Aufsatz, werde ich lesen.

Laurenz
28. November 2019 15:13

@nom de guerre @ Weltversteher .....

Danke für Ihren Beitrag, er macht die Gedanken von Weltversteher erst deutlicher. Da sind wir ja auf SiN genau richtig.

Nur die heidnische Edda mit ihren Skaldenliedern (Schamanismus) und der japanische Shintoismus bieten eine komplett beseelte Sicht auf uns und unsere Umwelt. Hier wird das materielle Sein als Definitions-Ebene grundsätzlich vorausgesetzt und kaum weiter debattiert. Die Darstellung des rein Materiellen wird hier im spirituellen Sein dargestellt.

Don Juan bemerkte in den Werken von Carlos Castaneda, daß sich die Magie in dem Augenblick verflüchtigt, in dem das Unbekannte zum Bekannten verändert. Der Materialismus hat uns auf der Oberfläche dieses Planeten gefangen. Wir können weder die Tiefsee erobern noch in die Erde weiter vordringen, die tiefste Bohrung hat nur gut 12KM erreicht. Und wir sind auch nicht in der Lage, den niedrigen Erdorbit zu verlassen. Nur unser Geist kann die materiellen Grenzen überwinden.

Weltversteher
30. November 2019 22:35

Erst das 19. Jahrhundert hat durch eine Über-Aufladung der zur Blüte gekommenen Naturwissenschaften die Vorstellung populär machen können, die Welt sei zunächst, und überhaupt, Materie. Den falschen Führern folgend, konnte im Fortgang jeglicher geistige Bezug aufgegeben werden. (Damit ist aber mitnichten eine andere Haltung zum Religiösen entstanden, es hat sich nur dessen Inhalt in einen gott- und geisteslosen verwandelt. Auf Glauben fußt es weiterhin, solange an der Entwicklung des Bewußtseins nicht gearbeitet wird.)

Gewiß haben zunächst die esoterischen Zirkel ein Bewußtsein für das primär Geistige pflegen können. Aber auch darüber hinaus fußte die überkommene und insofern ursprüngliche Frömmigkeit bis zu ihrem Verschwinden auf einem durchaus esoterisch zu nennenden Bewußtsein um eine geistige Welt - wenn auch durch irreleitende Lehren fatal abgefälscht.
Auch den "deutschen Idealismus" etwa darf man sich nicht allein als akdemische Spielart für unwesentliche Grenzphänomene im Elfenbeinturm vorstellen, oder als eine Ideologie. Fichte etwa vertraute im freien Reden bewußt darauf, daß ihm die passenden Gedanken aus der geistigen Sphäre, wo sie wesenhaft vorhanden sind, ein-fallen.

Ratwolf
1. Dezember 2019 16:07

@Maiordomus

Mir erscheint es immer wieder ungewöhnlich, wenn ich von einem "Schreckbild Kubitschek" höre.

Wenn ich mir seine öffentlichen Beiträge (*) anschaue, dann sehen ich dort nichts "schreckliches", sondern nur Einsichtiges.

Er kann sich in der Öffentlichkeit gut schlagen.
Die Menschen sind schnell bei ihm.

Die AfD hatte damals seine Antrag abgelehnt.
Klug oder nicht klug ist egal. Die Zeit kann man nicht zurückdrehen. In der Summe der Wirkungen spielt es keine Rolle.
Möglicherweise ist es sogar besser so, wie es jetzt ist!

Die Schande ist es, dass er so keine größere Öffentlichkeitswirksamkeit entfalten kann.

Warum sollte man die besten Waffen, die man hat nicht anwenden? Das ist ineffizient.

Ich meine, man muss mit der AfD reden...

(*)
- Servus TV, Hangar 7
- Interview bei Fr. Kosubek rtdeutsch
- Wortmeldung bei der Podiumsdiskussion mit Tellkamp