Sezession
1. Januar 2006

Das Gesamtdeutsche Institut in seiner Zeit

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 12 /Januar 2006

sez_nr_12von Detlef Kühn

Nach der Wiedervereinigung im Jahre 1990 wurden in Deutschland zahlreiche Behörden „abgewickelt.“ Die meisten gehörten zum Apparat der gerade untergegangenen DDR. Einige Ausnahmen gab es allerdings auch in der alten Bundesrepublik. Sie hatten durch den ruhmlosen Abgang der DDR ebenfalls ihre Funktion verloren. Die Ständige Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in Ost-Berlin, eine nachgeordnete Behörde aus dem Geschäftsbereich des Bundeskanzleramts, hatte am 3. Oktober 1990 ihre Ansprechpartner in der DDR eingebüßt. Weitgehend funktionslos war nunmehr auch das Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen, das bis 1969 Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen hieß. Es wurde im Januar 1991 abgeschafft und organisatorisch vom Bundesministerium des Innern übernommen. Seine einzige nachgeordnete Behörde mit dem komplizierten Namen „Gesamtdeutsches Institut – Bundesanstalt für gesamtdeutsche Aufgaben“ ereilte das Schicksal am 31. 12. 1991. Seine rund 250 Mitarbeiter in Bonn und Berlin wurden zum großen Teil von der Bundeszentrale für politische Bildung und vom Bundesarchiv, andere auch vom Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR oder vom Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und anderen Behörden übernommen.

Schon 1991 und gelegentlich auch später konnte man angesichts von Problemen mit den Folgen der Wiedervereinigung hören, es wäre besser gewesen, das Gesamtdeutsche Institut nicht so schnell aufzulösen, sondern den in ihm versammelten Sachverstand weiter zu nutzen, um das Zusammenwachsen der beiden so lange von einander getrennt gewesenen Teile Deutschlands zu erleichtern. Daß in keiner anderen Behörde der Bundesrepublik Deutschland so viel Wissen über die DDR konzentriert war wie im Gesamtdeutschen Institut, ist ebenso richtig wie selbstverständlich. Fast alle Mitarbeiter, vom Sachbearbeiter bis zum Präsidenten, hatten sich ihr ganzes berufliches Leben lang mit den Verhältnissen in der SBZ / DDR und den Problemen und Folgen der deutschlandpolitischen Entwicklung nach dem Kriege beschäftigt. Dieses Potential ungenutzt zu lassen, wäre in der Tat ein schwerer Fehler gewesen. Dennoch war ich als langjähriger Präsident des Gesamtdeutschen Instituts damals wie heute der Auffassung, daß es falsch gewesen wäre, nach der Wiedervereinigung künstlich nach weiteren Aufgaben zu suchen. Ich befürchtete, meine Behörde hätte dann, ohne die Dinge mangels Kompetenzen konkret beeinflussen zu können, nur als Sündenbock für alle Fehler gedient, die im Einigungsprozeß mehr oder weniger unvermeidlich waren.
An Fehlern hat es in der Tat nicht gefehlt. Viele waren auch auf mangelnden Sachverstand bei den handelnden Politikern und Beamten zurückzuführen, die meistens sogar glaubten, fachliche Beratung nicht nötig zu haben oder bestimmte Lösungen aus rein politischen Gründen, ohne Rücksicht auf die Folgen, favorisieren zu müssen. Im übrigen sind die gravierendsten Fehlentscheidungen bereits 1990 erfolgt, zu einer Zeit, als das Gesamtdeutsche Institut noch intakt, aber im Wiedervereinigungsprozeß mit seinem Sachverstand kaum gefragt war. Daran ändert auch nichts, daß viele Mitarbeiter nach der Auflösung des Gesamtdeutschen Instituts in ihren neuen Behörden auf der Basis ihrer Kenntnisse und Erfahrungen durchaus sachgerecht wirken konnten.


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