10. Dezember 2019

Gerechtigkeit für Peter Handke

Götz Kubitschek / 79 Kommentare

Wie das wimmelt, in diesem Bienenstock oder Ameisenhaufen »Feuilleton«:

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Da wird einer »seit Jahren gehandelt« als Anwärter auf den Literaturnobelpreis, und kaum hat er ihn, soll »dieser größte Sieg seine größte Niederlage« sein (heißt es im Cicero).

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Vor dem Einsatz als Offizier der Bundeswehr in Sarajewo gründliche Lektüre der Winterlichen Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina und des Sommerlichen Nachtrags aus der Feder Peter Handkes. Auf Grund dessen und nur deshalb war ich mit anderen Augen in der Republika Srpska unterwegs, um Bestandsaufnahme zu machen und »mit allen Seiten zu sprechen«, so kurz nach diesem furchtbaren Krieg.

Die Lektüre war ja erst nach anfänglichem Zögern (Gerechtigkeit für »Serbien«? Ausgerechnet!) gelungen, dann aber zur schlagähnlichen literarischen Aufklärung darüber geworden, daß da tatsächlich wieder ein ganzes Volk zur düsteren Projektionsfläche hinter den moralisch glänzenden Waffentaten der Guten gemacht worden war!

Handke: Seite für Seite dagegen, Zeile für Zeile ein suggestives Zerschlagen einer ungerechten Großerzählung, einer eindeutigen Deutung, und so war mir, gottlob, vor den Einsatzfahrten bis nach Srbinje, Miljevina oder Kalinovik hinein »der Feind« abhanden gekommen.

Dann: Handkes Bericht Unter Tränen fragend (2000), in dem er Nachträgliche Aufzeichnungen von zwei Jugoslawien-Durchquerungen im Krieg zusammenfaßte: kein literarischer Schock mehr, sondern erwartbar aus dieser Feder. Handke hatte seine beiden »Durchquerungen« im März und im April 1999 unternommen, also in jenem Frühjahr, als die NATO Serbien bereits bombardierte. Das »westliche Verteidigungsbündnis« war zu einem »westlichen Angriffsbündnis« geworden, einem moralisch aufgeladenen Akteur, der »Luftschläge« austeilte, ohne daß jemand zurückschlagen konnte.

Uns Deutschen bescherte die Rechtfertigungsrede des Außenministers Joschka Fischer eine Debatte über die Frage, ob im Namen der »Lehren aus dem Holocaust« ein Angriffskrieg mit deutscher Beteiligung erlaubt sei.

Wie so oft in Deutschland ist diese Debatte nicht sachlich, sondern ihrerseits moralisch geführt worden, also enggeführt, aufgeladen, eingesperrt in einen Gesinnungskorridor. Diejenigen, die das abgrundnahe Argument anführten, man könne mit der zivilreligiösen Parole »Nie wieder Holocaust« sehr profane Ziele verfolgen, wurden »niedergeschrien« von denen, die einen geringeren Kriegsgrund als den, einen dräuenden Holocaust zu verhindern, nicht in Betracht ziehen wollten.

Und so sind die Fragen von damals bis heute nicht beantwortet: Durften wir Deutsche uns an einem Angriffskrieg beteiligen, weil wir meinten, damit einen Völkermord im Kosovo verhindern zu helfen? Durften wir von nun an für moralisch aufgeladene und damit der Diskussion entzogene Ziele lügen?

Durften wir als diejenigen, die »aus der Geschichte gelernt haben«, die Angelegenheit anderer auch kriegerisch zu unserer Sache machen? War dieses Intervenieren überhaupt »unsere« Sache, oder anders: Waren wir überhaupt souverän zu entscheiden, woran wir uns als Deutsche beteiligen wollten und woran nicht oder sind wir als Nation nur die Erfüllungsgehilfen einer Weltmacht, die das internationale Recht nicht interessiert, wenn sie souverän entscheidet, wo sie Krieg führen will und wo nicht? Warum beteiligten und beteiligen wir Deutsche uns an solchen US-geführten Kriegen, die (um mit Carl Schmitt zu sprechen) eigentlich keine Kriege mehr sind, sondern Polizeiaktionen, Erziehungsaktionen gegen »schlechte« Nationen, in denen »schlechte« Menschen leben, die »gute« Menschen sein könnten, wären sie nicht in ihrer »schlechten« Nation eingesperrt?

Warum beteiligen wir Deutsche uns nach all unserer historischen Erfahrung an weltanschaulichen Kriegen? Wollen wir – auf Kosten neuer, aktuellerer Schuldiger – endlich auf der Seite der Guten kämpfen?

Das ist wohl der Kern: Wollen wir den uns anerzogenen Selbsthaß dadurch in den Griff bekommen, daß wir uns den neuen, den nächsten Feind als den hassenswerten Feind einreden lassen und ihn von da an aus ganzem Herzen und sehr selbstbewußt mithassen? Müssen wir uns, die wir so eindeutig auf die Seite des ganz Bösen gestellt worden sind, nun eindeutig auf die Seite des völkergemeinschaftlichen ganz Guten schlagen, um in uns und sichtbar für die Staatengemeinschaft eine weitere Form (wieviele noch?) der Wiedergutmachung zu leisten? Oder sollten mit solchen Eindeutigkeiten nicht gerade wir besonders vorsichtig sein?

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Handke ist der prominenteste Autor des Auslands, der sich gegen die einhellige Verdammung der Serben als den eigentlichen Kriegstreibern, Kriegsverbrechern und Bösen des jugoslawischen Bürgerkriegs wandte. Dieses Nicht-Mitmachen beschreibt Handke zunächst als eine Art Instinkt:

Ein Teil von ihm (Handke beschreibt gern und stets sein intellektuelles Innenleben), ein Teil von ihm wollte »diesem Krieg und dieser Kriegsberichterstattung nicht trauen. Allzuschnell nämlich waren für die sogenannte Weltöffentlichkeit auch in diesem Krieg die Rollen des Angreifers und des Angegriffenen, der reinen Opfer und der nackten Bösewichte, festgelegt und fixgeschrieben worden.«

An einer anderen Stelle schreibt Handke von einem »unverwüstlichen und geradezu beneidenswert selbstbewußten Haß gegen alles Serbische«, den er bei Korrespondenten großer Zeitungen in Paris und anderswo staunend bemerkt habe. Und er leitet daraus einen Mechanismus ab, der sich – wir Deutsche wissen das! – beim Blick auf ein Volk oder eine politische Gruppe festfressen kann wie die Kolben in einem Auto:

Es sei beim Blick auf die Serben zu einer »Voraus-Schuldzuweisung« gekommen, und solche auf eine seltsame Weise »festgelegten« oder (Handke präzisiert dieses Wort) »starrgestellten« Zuschreibungen führten stets dazu, daß es zu »vielfach vorgestanzten Guck-Löchern auf das Land« komme, bis in die Bildsprache und Bildinterpretation hinein.

Wir wissen das, wir kennen das. Wir wissen, wie dieses Festlegen und Starrstellen der Deutschen nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg betrieben wurde: die Deutschen – starrgestellt auf ihre Rolle als Völkermörder, Kriegstreiber, Rassisten, Antisemiten, Wegschauer, Duckmäuser, als widerlegte Nation, als im Kern böses Volk, als Volk, das von sich selbst, also von seinen bösen, gefährlichen, stets virulenten Charaktereigenschaften befreit werden müsse, die Deutschen als Volk, das umerzogen werden müsse, sprich: seine Identität wenigstens in Teilen aufzugeben und die Neugestaltung dieser Identität fremden Kräften zu überlassen habe.

Zu dieser Identität gehört die Gründungserzählung, also: der Gründungsmythos Auschwitz, und wie wir Deutschen nach dem Krieg (seltsamerweise mit voller Wucht erst sehr weit nach dem Krieg) auf die Rolle der Schuldigen und Grausamen festgelegt worden sind, wurden »die Serben« seit 1992 und bis in die Kriegsverbrecherprozesse von Den Haag hinein auf die Rolle der Schuldigen und Grausamen der jugoslawischen Erbfolgekriege festgelegt, wenn auch in anderer Dimension als »die Deutschen«.

Der Deutschen Auschwitz ist den Serben Srebrenica, die nationalsozialistischen KZs sind die serbischen Lager in der Republika Srpska, und daraus wurde abgeleitet, daß – so leid es uns tue und so schwer es uns falle – die deutsche Beteiligung am Angriffskrieg auf Serbien unumgänglich sei: eine (»Hände an Stacheldraht«, »Auschwitz«) historische Pflicht der Guten gegen das Böse.

Die Guten gegen die Bösen, das heißt auch immer: die Schönen gegen die Häßlichen, die Ehrlichen gegen die Lügner, die Edlen gegen die Verschlagenen. Mit häßlichen, bösen, grausamen Lügnern aber kann man keinen Frieden machen: Man muß sie entweder ausrotten oder umerziehen, also: zu anderen Menschen machen.

Daß aufgrund einer solchen Haltung der Gegner kein Gegner mehr ist, sondern ein Verbrecher, zeigt uns die Kriegspropaganda – und ich bin mir sicher, daß diese Kriminalisierung einer der Gründe für Handke war, sich ganz auf die Seite Serbiens, nein besser: der Serben zu werfen – gegen die Rhetorik der Eindeutigkeit.

Es ist eine solche jede Differenzierung und jede politische Vernunft ausblendende Rhetorik in Deutschland nicht nur Rhetorik, sondern tatsächlich tiefe Überzeugung, oder besser: eine der verhängnisvollen Spielarten der von Sloterdijk so bezeichneten »zynischen Vernunft«:

In Deutschland will man gerade in solch moralisch aufgeladenen Fragen belogen, und das heißt: eindeutig eingenordet werden. Dahinter stecken Entlastungsvorgänge, vor allem für das intellektuelle Milieu mit seinen zwei Gesichtern: einem pastoralen Gesicht, das dem Ausdruck nach tatsächlich schwer an der eigenen abstammungsbedingten Teilhabe am Tätervolk leidet und zugleich von der Existenz eines Tätergens überzeugt ist; zum anderen einem zynischen, berechnenden Gesicht, das weiß, wie man aus historischen Schulderzählungen in der Gegenwart politisches und finanzielles Kapital schlagen kann – daß man die Vergangenheit also bewirtschaften kann, und zwar wie! Man kann in einem Land wie Deutschland sozusagen die Preise diktieren!

Entscheidend ist, daß über dem entlastenden Belogen-werden-wollen der realistische Blick auf den Menschen und seine historischen Lagen verlorengeht, ersetzt wird durch passende Behauptungen, und dies ist der Punkt, an dem wir in Deutschland den in seiner Suche nach der Gerechtigkeit für Serbien ungerechten Handke zu lesen beginnen müssen, und zwar existentiell interessiert:

Wenn Außenminister Joschka Fischer Auschwitz zum Gründungsmythos der Bundesrepublik Deutschland erklärte und mit diesem Gründungsmythos die Bombardierung Belgrads und den Einmarsch im Kosovo unter deutscher Beteiligung rechtfertigte, dürfen wir in Deutschland die Auseinandersetzung um ein differenzierteres Geschichtsbild nicht scheuen.

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Nun also: Literaturnobelpreis für Handke. Sprechen wir aber nicht über sein Werk, sondern über diejenigen, die es nach der Bekanntgabe der Ehrung entlang von Maßstäben neu bewerteten, die außerhalb von Werken liegen. Dies ist, das vorweg, legitim, und wir tun es auch: Als die konservative Jüdin Salcia Landmann aus der Schweiz für eine von mir verantwortete Literaturreihe in der Jungen Freiheit Mitte der Neunziger Jahre Werke von Ilja Ehrenburg vorstellen wollte, lehnte ich ab, weil ich seine Mord- und Schändungsaufrufe kannte, mit der er die Rote Armee gegen die Deutschen in Ostpreußen zu treiben half. Daneben war mir sein restliches, womöglich literarisch grandioses Werk völlig egal.

Und Hemingway? Suchte krasse Stoffe, verwechselte den Krieg mit Diskobesuchen und brachte Wehrlose um (oder brüstete sich zumindest damit). Steht ungelesen neben den Zeile für Zeile durchgearbeiteten Werken Jüngers.

Gerechtigkeit für Handke (I): Auf spiegel.de durften am 20. Oktober die beiden Schriftsteller Tijan Sila (als Jugendlicher aus dem belagerten Sarajewo geflohen) und Arno Frank (Handke-Leser, fast 50) über die Auswirkung der »existentiellen Kränkung« sprechen, die Sila durch die Verleihung des Nobelpreises an den »Serbenfreund« erlitt. Wir bewegen uns auf folgendem Niveau:

Frank fragt Sila: »Stößt es Dich ab, wenn ich weiterhin Handke lesen möchte?« Sila antwortet großzügig kritisch: »Nein, das ist okay. Was ich aber erwarten würde, das wäre eine Differenzierung.« Darin versucht sich Frank ein paar Dialogteile später, indem er angibt, für ihn seien Handkes Notate und Tagebucheinträge »groß«. Und warum? Frank: »Nenn’s meinetwegen auch Innerlichkeit. Ich gerate da ins Stammeln. Mich hat es berührt auf eine Weise, wie es kaum eine andere Literatur jemals getan hat. Wenn er etwa beschreibt, dass er das Masturbieren abbricht, weil ihm ›die Sehnsucht‹ dazwischenkommt.« Sila ist werkfest: »Das ist aus Der kurze Brief zum langen Abschied, das habe ich erkannt!« Frank winkt den Alltag heran: »Vielleicht, darüber schreibt er aber häufiger. Vermutlich ist er einfach ein Wichser.« Jetzt sind wir im Keller angelangt, und Sila bleibt gleich dort, spult aber nochmal zurück an den Anfang des Gesprächs, stellt die Grundsatzfrage und legt die Bandbreite fest: »Wieso gerade Handke? Was ist es an ihm, das Leute in die Bereitschaft versetzt, dieses krasse Nebeneinander von Werk und Scheiße auszuhalten?« Wenig später blüht er in diesem krassen Nebeneinander von Frage und Antwort geradezu auf: »Sein Frühwerk aber ist groß. Irgendwann gab es einen Riss, und das hat auch mit Serbien zu tun.«

Nach dieser Biographie in zwei Sätzen stehen die beiden minder bedeutenden Autoren noch ein bißchen am geistigen Tresen herum. Sila bitter: »Ich will keinen Boykott. Was mich ärgert, das ist der Preis, diese Anerkennung. Sie signalisiert mir als Überlebendem: Was du aushältst, ist eigentlich wertlos.« Frank tröstend: »Ich hoffe noch immer, dass er den Preis nicht annimmt.«

Gerechtigkeit für Handke (II): Auf perlentaucher.de erschien am 7. November ein Essay des bosnischen Germanisten Vahidin Preljević, Jahrgang 1975. Preljević lehrt in Sarajewo und nimmt in seinem Text »Handkes Serbien« den 8. April unter die Lupe – den Tag, an dem Handke in Belgrad »gleich drei Ehrungen entgegennehmen muss«: Aus der Hand des serbischen Präsidenten Tomislav Nikolić empfängt Handke die Goldene Verdienstmedaille für das, was er aufgrund seines Einsatzes für die serbische Sache an Anfeindungen undsoweiter erlitten habe. Im Stadtparlament erhält Handke dann den Momo-Kapor-Preis (benannt nach einem Maler), und am Abend wird er noch in die Akademie der Republika Srpska berufen.

Vahidin Preljević listet nun zu jedem dieser drei Termine jene Kontaktschulden auf, von denen er meint, daß Handke sie besser nicht hätte anhäufen sollen: Auf einem Foto, das Handke neben Präsident Nikolić zeigt, analysiert Preljević den Bücherschrank im Hintergrund und findet die Werke eines Autors namens Šešelj, der von einem Großserbien träumte und die Kroaten für katholisch verirrte Serben hielt. Und unter Laudatoren und Jury-Mitgliedern des Tages waren, laut Preljević, auch Verfasser serbisch-nationalistischer Pamphlete, und für die Republika Srpska sprachen sogar Aleksa Buha (ehemaliger Außenminister Radovan Karadžićs) und ein Dichter namens Gojko Đogo, von dem es den Mittschnitt eines tatsächlich sehr krassen Telephongesprächs gibt, das er mit eben jenem Karadžić führte – dem Belagerer von Sarajewo und politisch Verantwortlichen für den tausendfachen Mord in Srebrenica und Goražde an bosnischen Männern.

Gut: Die Sache mit dem Bücherschrank ist albern, aber diese enge Verschränkung einer literarischen Suche nach der Gerechtigkeit für ein zum Tätervolk erklärtes Volk (wie Handke sie unternahm) und der Annahme von Ehrungen aus der Hand und im Namen von Männern, die tatsächlich Täter oder Betreiber waren (solche also, die sich an der schmutzigsten Seite des Krieges beteiligten – als Anstifter, Anführer, Vertuscher): Diese Verschränkung von Werk und Politik war ein ganz unliterarischer Schritt, und es ist wichtig, daß Vahidin Preljević in seiner detaillierten Analyse auf dieses stets und im Fall Handkes eben auch sehr problematische Verhältnis hinweist.

Gerechtigkeit für Handke (III): Die stellte der Kolumnist Thomas Fischer am 24. Oktober wiederum im Spiegel her, und zwar indem er konstatierte, daß die Moral eine prächtige Sache sei, vor allem hierzulande: »Es gibt kein Volk auf der weiten Welt, das so oft, so gern und so überzeugt auf der jeweils richtigen Seite steht wie das der Deutschen.« Fischer, Jahrgang 1953, war Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof, und mit seinem Text zieht er die nun plötzlich lautstark über Handke oder die Preisverleihung Empörten (also diejenigen, die Ähnliches oder Vergleichbares nie und nimmer gemacht hätten oder machen würden) vom hohen Roß ihrer nachgereichten Moral herunter. Fischers eigentlich unglaubliche Hiebe ausführlich dokumentiert:

›Sollte jemand, der mit Kriegsverbrechern sympathisiert, einen Nobelpreis bekommen?‹, fragt eine Kolumnistin. Sie meint damit natürlich nicht das Verhältnis zwischen dem Preisträger Kipling und dem Brigadegeneral Reginald Dyer, auch nicht das zwischen dem Preisträger Churchill und dem Marshal of the Royal Airforce Arthur Harris. Beide gehen uns nichts an. Gemeint ist die Sympathie Handkes für Slobodan Milošević. Das ist natürlich eine gute Frage, vor allem in einem Land, in dem schon so mancher Künstler auf 50 langen Jahren goldener Amnesie entschwebt ist. Andererseits könnte man einwenden, daß man sich vielleicht zunächst um die Preise der Kriegsverbrecher als um die Preise derjenigen kümmern sollte, bei denen man vom Verbrechen der Sympathie ausgehen muss.

Die kleine Differenzierung zwischen Kriegsverbrechern und solchen, die (mit ihnen) ›sympathisieren‹, sollte uns moralisch Einwandfreien ein kurzes Innehalten wert sein. Kennen wir in unserer Umgebung Personen, die einmal mit Kriegs- oder sonstigen Verbrechern, Bürgerkriegsanführern, Massakerverantwortlichen sympathisiert haben? Gibt es aktuelle oder verflossene Stalin-, Mao-, Pol Pot-, Rommel-, Ludendorff-Sympathien im erweiterten Familienkreis oder vielleicht im eigenen lieben Tagebuch? Das Sympathisieren ist, wie man im Laufe der Zeit lernt und mit 66 einfach besser weiß als mit 36, eine gefährliche Sache, und man braucht eine Menge klebrige Moral, um sich aus allen Sympathiesümpfen des Lebens nachträglich ans Licht zu ziehen. Am leichtesten geht das, wenn man sich von Anfang an mit den Sachproblemen der Welt nicht allzu sehr befaßt und sich gleich aufs Wesentliche konzentriert, also auf eine lösungsmittelfreie Moral. Keine Angst, ich will natürlich nicht das furchtbare Gedankenverbrechen des ›Relativierens‹ begehen oder Sie dazu anstiften! Ich möchte nur einmal vorsichtig daran erinnern, dass zwischen einem Verbrecher und einem Sympathisanten in der wirklichen Welt ein gewisser Unterschied besteht.

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Bleibt, eine kleine Geschichte zu erzählen, eine, die nicht in jenes Buch aufgenommen wurde, das ich zusammen mit einem anderen Offizier über unseren Bosnieneinsatz geschrieben habe und das unsere »Karrieren« letztlich die Köpfe kostete.

Das, was ich jetzt also zum ersten Mal aufschreibe, habe ich ein paar Mal schon erzählt, wenn das Gespräch auf die Einsatzfahrten durch Bosnien kam, und diese kleine Geschichte, die sich in Srbinje zutrug (das vor dem Krieg Foča hieß und seit 2004 wieder so heißt), ist eigentlich eine ulkige Anekdote – wenn man eine Ungeheuerlichkeit nicht miterzählt, die mir zum Zeitpunkt des Erlebnisses gar nicht bewußt war, sondern erst Monate später, als ich eins und eins zusammenzählte.

Also: Wir waren mit zwei Fahrzeugen nach Srbinje / Foča gefahren, um zu sehen, wie es um die bosnisch-serbischen Flüchtlinge stünde, die zu Tausenden aus den serbischen Vierteln Sarajewos, aber auch aus bosnisch oder kroatisch eroberten serbischen Dörfern in diese Stadt geflohen waren, aus der wiederum die muslimischen Bosniaken von serbischen Truppen vertrieben worden waren – in die Flucht getrieben, in Internierungslagern festgehalten, etliche gefoltert, viele vergewaltigt, manche umgebracht.

Ich betrat damals an einem klirrendkalten Tag Ende Januar 1998 mit meinem Fahrer und einer Dolmetscherin das Schulgebäude, um mich über die in solchen Regionen überlebenswichtige Minenkunde zu informieren, die mittels simpler Berichte, Comics, Opferphotos (Kinder mit zerfetzten Beinen oder Händen) sehr eindringlich unterrichtet wurde.

Der Klassenraum: überfüllt, vollgestopft mit Schülern aller Altersstufen, ohne Heizung, und so saßen alle in ihren Jacken und mit ihren Pudelmützen auf dem Kopf in den Bänken und auf den Fensterbrettern. Die Lehrerin: jung, blond, eingepackt wie auf einer winterlichen Reise.

Ich stellte mich vor, die Dolmetscherin übersetzte, die Lehrerin lachte auf und sagte ein paar Worte zu ihren Schülern. Ich ließ mir das übersetzen: Ich sei also zwar ein deutscher Offizier, aber früher sei meine Familie »eine von uns« gewesen, das höre man an meinem Namen.

Ich deutete auf meinen Fahrer und erklärte, daß also auch der Obergefreite Igicz »einer von uns« sei, und die Dolmetscherin übersetzte ins Gelächter der Kinder und vor allem das der Lehrerin hinein diesen glücklichen Umstand plötzlicher Nähe. Es klopfte, und als kurz danach mein Stabsunteroffizier Koschinski und der tatsächlich erst kurz nach der Wende spätausgesiedelte Feldwebel Sludjek vor der Klasse standen, gab es kein Halten mehr.

Der Lehrer aus dem Nebenraum, vom Lärm angelockt, trat ein, sah unsere deutschen Uniformen, wirkte zornig, lachte aber nach den Erläuterungsversuchen der Lehrerin mit, erst recht natürlich, als mein anderer Obergefreiter mit einer Meldung für mich ins Zimmer trat: Er, das Resultat einer Nacht, die ein schwarzer US-Soldat mit einer Deutschen verbracht hatte, war soldatisch sehr begabte und seinem Vater "wie aus dem Gesicht geschnitten", trug aber den Mädchennamen seiner Mutter: Baumann.

Nun schüttelte der Lehrer, ein Mathematiker, wie ich erfuhr, den Kopf über diesen für ihn unfaßbaren Zustand der deutschen Armee, und dann lud er mich und seine Kollegin auf einen Schnaps in sein ebenfalls kaltes und außerdem halb abgedunkeltes Büro ein. Wir tranken im Stehen, gaben uns die Hand, und ich erhielt eine Einladung zu einem Stadtrundgang, die ich für einen zweiten Besuch im voraus annahm.

Denn natürlich war ich über die Kriegsgeschichte Srbinje / Fočas informiert, auch über die brutale Vertreibung der Moslems und die Zerstörung der Moscheen. Nur hatte es sich gezeigt, daß es nicht sinnvoll war, gleich beim ersten Treffen derlei Dinge anzusprechen.

Ich kam dann aber während meiner Einsatzzeit nie wieder nach Srbinje / Foča zurück. Es ergab sich nicht mehr, wir erhielten plötzlich andere Schwerpunkte zugewiesen. Aber kurz vor dem Ende meines Einsatzes wurde ich noch von zwei Offizieren einer »Fernmeldeeinheit« sehr präzise und ausführlich über meinen Schul-Besuch in Srbinje / Foča befragt.

Fünf Monate nach meinem Schnäpschen, am 15. Juni 1998, wurde der Mathematiklehrer Milorad Krnojelac von Soldaten des deutschen Kommandos Spezialkräfte (KSK) gestellt, gefangengenommen und nach Den Haag an das Kriegsverbrechertribunal überstellt. Er hatte von 1992 bis 1993 ein Gefangenenlager in Srbinje / Foča geleitet. Unter seiner Aufsicht und Duldung waren hunderte Muslime gefoltert und vergewaltigt worden.

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Gerechtigkeit für Serbien, Gerechtigkeit für Deutschland, wie könnte das gehen? Leicht zu leben, leicht zu nehmen, leicht daherzuerzählen – damit muß man aufhören. Wie unstatthaft leicht es nämlich ist, wie unangemessen breitbeinig man plötzlich steht, wenn die Zuweisungen von Schuld und Unschuld, gut und böse so eindeutig ausfallen, so entlastend nahegelegt werden! Die eine Seite ist dann ganz und gar schwarz anpinselt, die andere weiß übertüncht.

So ist es zwar immer, weil es so am einfachsten ist. Aber so ist es nie richtig. Das hat Handke verstanden, und das hat ihn dazu gebracht, die Kehrseite der Medaille zu zeigen. Vermute ich. Hoffe ich


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.


Kommentare (79)

Lotta Vorbeck
10. Dezember 2019 15:43

Chapeau!

Ein grandioser Kubitschek-Artikel!

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Ohne Bewertung, ergänzend zum Kapitel VII:

https://www.icty.org/x/cases/krnojelac/cis/en/cis_krnojelac_en.pdf

cso
10. Dezember 2019 16:23

Sauber, vielen Dank!

Gracchus
10. Dezember 2019 16:33

Danke, lieber Herr Kubitschek! Danke, weil ich mich angesichts der Bernig-Empfehlung und Ihres hierbei erwähnten Bosnien-Aufenthalts gefragt habe, wie Sie die Debatte um Handke wahrnehmen, welche mir wieder vorkommt, als wäre ich im falschen Film. Ich werde es mir nachher in Ruhe durchlesen.

Maiordomus
10. Dezember 2019 16:41

Ein grundlegender Artikel, Herr Kubitschek. Die Gerechtigkeit für Serbien hätte ich aber nicht ausdrücklich mit der Gerechtigkeit für Deutschland parallelisiert. Jeder, der diesen Artikel liest, sieht darin ohnehin den politischen Hauptimpuls für Ihren Beitrag. Die Explizitheit schwächt die Parteinahme für den Poeten - was er in erster Linie bleibt - eher ab.

Über dies alles hinaus scheint mir Handke auch von der literarhistorischen mutmasslichen Einschätzung her der bedeutendste deutschsprachige Nobelpreisträger seit Hermann Hesse (1946), wobei ich aber Böll und Grass trotz Überdruss nach drei bis fünf Büchern durchaus respektiere; in Nelly Sachs eine Art Celan-Ersatz sehe. Volllständig abgelehnt, zumal wegen Verlogenheit, wird von den Banater Schwaben Herta Müller, die meines Erachtens kaum den Anspruch erheben kann, zu den 100 sprachmächtigsten deutschsprachigen Autorinnen gezählt zu werden. Einen ausgesprochenen Widerwillen löste in ihrer eigenen Heimat Elfried Jelinek aus, Verfasserin blütenreiner K....-Literatur. Vom erzählerischen Können, politische Umstrittenheit hin oder her, wöre in der Frauenabteilung Christa Wolf ihrerseits nicht unverdient gewesen. Von dieser Auffassung konnte mich weder der vernichtende Nachruf von Peter von Matt noch meine durchaus antikommunistische Grundhaltung abbringen.

PS. Zur Grösse Handkes, dem einzigen und vielleicht letzten Superstar der deutschen Literatur, gehört, dass er einem absoluten Aussenseiter aus dem Suhrkamp-Verlag, dem in Niederbipp (Kanton Bern) wohnhaft gewesenen Gerhard Meier" reichte der grossherzige Handke einen seiner bedeutenden Literaturpreise weiter. Damit setzte der Österreicher ein Zeichen für literarische Qualität, die sich nicht extra noch durch Gesinnung ausweisen muss. Gerhard Meier, vor mehr als 12 Jahren verstorben, galt übrigens als kulturell "russophil", näher bei Tolstoi als bei Dostojweskij oder Solschenizyn. Bei Handke selber bleibt ja klar: Er hat den Preis t r o t z seiner Benützung der Meinungsfreiheit erhalten. Es war sogar wohl nur möglich, weil gleichzeitig noch eine politisch korrekte Polin, die Eveline Hasler ihres Landes, ebenfalls und zur Entlastung der Preisverleiher ausgezeichnet wurde. Dass ich im Moment ihren Namen nicht "abrufen" kann, dürfte daraus zurückzuführen sein, dass ihr Bekanntheitsgrad in Resteuropa ausserhalb Polens im Vergleich zu Peter Handke wohl unter 5% liegt. Da ich bisher noch nichts gelesen habe von ihr, schliesse ich nicht aus, dass sie mich im Gegensatz zu Herta Müller nicht enttäuscht; so wie ich meine Landsfrau Eveline Hasler, Biographin der letzten Hexe Westeuropas, durchaus zu schätzen weiss.

Der_Juergen
10. Dezember 2019 16:46

Einer der eindrücklichsten Artikel, die in den vergangenen Monaten auf "Sezession" erschienen sind. Wer die haarsträubenden Lügen, mit denen die Nato ihre Aggression gegen Serbien rechtfertigte, verfolgt hat, kann der Forderung nach Gerechtigkeit für die Serben nur nachdrücklich unterstützen. Im Jugoslawienkrieg haben alle Seiten Verbrechen begangen, und die Serben als alleinige Sündenböcke zu brandmarken, ist Heuchelei und Geschichtsfälschung übelster Sorte. Aber das ist man in Deutschland ja gewohnt.

RafaelBoban
10. Dezember 2019 17:13

Der Vergleich zwischen Deutschland und Serbien ist sehr merkwürdig, da die Serben ja als die „Guten“ im 2.Weltkrieg dastehen. Eher sind Kroaten die ewigen Bösen gemeinsam mit den Deutschen, gerade wenn man bedenkt, das neben Kroaten vor allem Deutsche und Ungarn unter serbischen Terror gelitten haben. Etwa 70.000 Deutsche wurden in Lagern gehalten und fast soviel deutsche Kinder wurde in serbische Familien gegeben um die Serben „aufzuhellen“ genetische gesehen haben diese am meisten türkische und nordafrikanische Anteile. Das Schicksal der Volksdeutsche wäre auch ein interessantes Thema für Sezession...

Zu Handke, ich kenne seine Romane nicht, aber seine politischen Schriften und Meinungen sind voll von Jugonostalgie, im typisch Titoistischen Duktus gehalten ohne wirkliche historische Kenntnisse außerhalb dieses Jugoslawien Diskurses. Jugoslawien, das Alpha und Omega, symbolisiert in Serbien. Keine Ahnung was an dieser Meinung so besonders sein soll, gibt doch genügend Jugoslawien-Fans zu meinem Bedauern.

Ein gebuertiger Hesse
10. Dezember 2019 18:25

Großartig in diesem Text zu Handke, gerade hier, die "kleine Geschichte" am Ende: sie öffnet einen Abgrund an Komplexität und echtem Involviertsein dort, wo die Dinge etwas kosten und alles satte Bescheidwissen über den Haufen geworfen wird. Eine wichtige Setzung.

Handke sollte das Ganze zu lesen bekommen, vielleicht findet sich ja ein Weg.

tearjerker
10. Dezember 2019 19:24

„(...),daß diese Kriminalisierung einer der Gründe für Handke war, sich ganz auf die Seite Serbiens, nein besser: der Serben zu werfen – gegen die Rhetorik der Eindeutigkeit.“ Ich hatte seinerzeit den Eindruck, dass Handke einfach die Chance ergriff einen „dissidenten“ Standpunkt einzunehmen und damit weitgehend risikolos dem eigenen Ego zu schmeicheln, sich gleichzeitig unter Verweis auf seinen Jugo-Slowenien-Familienhintergrund in Solidarität zu üben und von seinem Deutschsein distanzieren zu können. Das verband er mit der üblichen, von links beklatschten Kritik der US-Politik und der Gegnerschaft zur altbekannten Serbien-muss-sterbien-Rhetorik. Alles folgerichtig, denn Publikum wie Kollegenschaft hatte man ja zweieinhalb Jahrzehnte zuvor schon zu Armleuchtern erklärt. Nützte alles nichts, trotzdem Nobelpreis. ‚Gerechtigkeit für Serbien‘ ist lesenswert, auch wenn das Thema niemanden hinterm Ofen hervorlockt. Gleiches gilt auch für den angeblichen Gründungsmythos der Bundesrepublik. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der diesen glaubhaft im zu seinem Selbstverständnis zählte. Hier tun doch nur alle so als ob, so wie Sila/Frank einen Literatur-Diskurs larpen.

Amos
10. Dezember 2019 21:25

Sehr geehrter Herr Kubitschek,
ein wichtiger Artikel!
In der Tat scheint in der Erinnerungskultur, einzige Bedingung der Willkommenskultur, eine Art Dialektik des Bösen zu schlummern.
Die anfängliche Absicht, das Wachhalten der Erinnerung dessen, was der Mensch seinesgleichen anzutun imstande ist, kann ja nur als richtig bezeichnet werden.
Aber: Abgrund und Nullpunkt als Gründungsformel ex negatio, das absolute Böse als letzter Halt einer in stetem Rutschen begriffenen, gott- und orientierungslosen Zivilisation beginnen ein Eigenleben. Man hat das Gefühl, als strebten sie magisch dorthin zurück. Der Abiss blickt bereits in diejenigen hinein, die sich seinem Bann ergeben haben. Die okkulten Aktionen der Figuren vom ZPS zeugen davon. Man liebt den Schatten der Singularität, weil dort alle Maßstäbe verschwimmen, alles an Bedeutung verliert, auch das eigene Böse.

Das Bild der Erstarrung: Lots Frau kommt nicht los vom Blick zurück. Es wird nicht verstanden, dass die Welt neue Lagen und neue Gefahren hat entstehen lassen. Man meint aus der Geschichte etwas über das eigene Herz lernen zu können. Oder man ist mit der Vergangenheit aus der Zeit gefallen und versteht das Leben, alle Veränderung und die aktuellen Verwerfungen allein als Aufforderung für nachholende Bewährungsprobenrollenspiele. Augsburger "gegen rechts"- Demonstarnaten, Tölpel, die im Namen des alten Bösen ins neue hineinstolpern. Trottel, die das Leben in der Volkshochschule meinen gelernt zu haben.

Dann die wahrscheinlich aus Berechnung Handelnden, aus vollem Herzen Anklage Streuenden, Schuld vorwiegend als Schlüssel zur Macht Betrachtenden („Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden, Ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden“). Der Schatten des Monströsen wird zur Bedeckung eigener Verantwortung und eigenen Versagens gerne gesucht. Was bedeutet der gebrochene Amtseid denn schon im Angesicht historischer Schuld? Ihnen voran ging tatsächlich Jockel F. in den Neunzigern, er hat ihnen vorgemacht, dass unter Berufung auf die Vergangenheit alles zu rechtfertigen, und damit dem in diesem Sinne Tüchtigen, ALLES möglich sein wird.

Maiordomus
10. Dezember 2019 22:19

Ich habe mir meine endgültige Meinung über Handkes Aussagen zu Serbien mangels gründlichem Studium (über wenige Textpassatgen hinaus) noch nicht gebildet, mit Ausnahme, dass es sich bis jetzt noch nicht um die mir bekanntgewordenen 50 dümmsten Aussagen von Autoren und Kulturschaffenden zum gegenwärtigen politischen Leben auf der nördlichen Halbkugel der Erde handeln müsste. Wenn allfällige politische Irrtümer, die ich zumal im Einzelfall bei Handke nicht ausschliesse, ein Hauptkriterium für die Verleihung von Literaturpreisen sind oder werden, dann könnte man dieselben gleich einstellen.

Lotta Vorbeck
11. Dezember 2019 00:50

@RafaelBoban - 10. Dezember 2019 - 05:13 PM

"Der Vergleich zwischen Deutschland und Serbien ist sehr merkwürdig, da die Serben ja als die „Guten“ im 2.Weltkrieg dastehen. Eher sind Kroaten die ewigen Bösen gemeinsam mit den Deutschen, gerade wenn man bedenkt, das neben Kroaten vor allem Deutsche und Ungarn unter serbischen Terror gelitten haben. ..."

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Es bedurfte eines von Britannien inszenierten und orchestrierten Putsches, um das Königreich Serbien auf die Seite der Kriegsgegner des Deutschen Reiches zu holen.

Ratwolf
11. Dezember 2019 03:38

Als die NATO eine Rakete direkt in die chinesische Botschaft gedonnert hatte und die Medien von einen Versehen sprachen, wurde mir klar, das gelogen wurde, auf dass sich die Balken bogen. Alle weiteren Verlautbarungen der Medien wurden unter dem Vorbehalt der Propaganda wahrgenommen und gefiltert.

Es war für mich ein Paradigmenwechsel.

Mit Serbien hat sich die NATO in eine Richtung bewegt, welche vorausehrbar keine Zustimmung der breiten Massen bekommen würde.

Über Handke habe ich in der Schule Gedichtinterpretationen schreiben müssen. Seine Lyrik gefiel mir.
Er wurde damals von den selben linken Lehrern begeistert verbreitet, welche sich dann in den Chor der Belgrad-Bombardierer eingereiht haben.

Das erzeugt zunächst einmal eine Spannung, welche nach Auflösung sucht. Irgend etwas stimmt hier nicht.

Die Wandlung vom protestierenden Linken zum kritischen Rechten ist nicht wirklich eine Wandlung. Alles ist gleich geblieben. Die Welt hat sich verändert. Es ist gelungen, die Linken zu instrumentalisieren und für die Dinge, gegen welche sie gekämpft haben, nun einzuspannen. Dahinter steckt die Arbeit von Spezialisten und Medienprofis.

Die NATO ist ein Schrotthaufen. Nicht nur materiell, sondern vor allen Dingen inhaltlich.

Eine Zeit lang kann man mittels psychologischer und medialer Kriegsführung die Menschen beeinflussen. Auf lange Sicht, sind die Menschen nicht so blöd. Besonders, wenn es ihnen schlecht geht oder sie massive Nachteile haben.

Es gibt Parallelen von Serbien zu Deutschland.
In beiden Ländern wurde ein Irrer aufgebaut, um das Land dann anzugreifen, zu besetzen und zu beherrschen.

Nachdem Deutschland nach dem Krieg eingereiht wurde, mussten die Deutschen natürlich dabei helfen, weitere Länder "einzureihen".

Dazu wurde eine metaphysische pseudo-Schuld konstruiert, welche mit Verantwortung und Dokumentation nichts mehr zu tun hatte (NATO-Fischer: "Nie wieder Auschwitz").

Die Serben sind längste selber auf den Weg in die Zwangsjacke EU, mit welcher sie gefügig gemacht werden.

RMH
11. Dezember 2019 08:23

"Gerechtigkeit für Peter Handke"

Der Titel für sich alleine genommen ist mir persönlich zu hochtrabend und eigentlich auch unangemessen, da Handke mit den erlittenen "Ungerechtigkeiten" besser umgehen und leben kann, als mit einer vermeintlichen "Gerechtigkeit", die ihn in den Sog des Vergessens und der Nichtbeachtung gespült hätte. Handke ergreift Solidarität, wo es zwar einem weh tun kann, aber wo man nicht verbrennen kann. Handke ist der "böhse Onkel" der Literatur (auch wenn er schon länger auf dem Markt ist, als die Band Böhse Onkelz) und man kann beide, also Handke und die böhsen Onkelz, durchaus ein Stück weit miteinander vergleichen, um beide wird der Mythos des Tabubrechers, des politisch nicht ganz Korrekten erzeugt und beiden hat es wirtschaftlich und von der Schaffung einer Fanbasis her betrachtet, nicht geschadet. Im Gegenteil, wobei ich mich zu der gewagte These aufschwinge und meine, dass es die Onkelz vermutlich auch ohne ihren Skandalanfang vermutlich geschafft hätten und Handke, irgendwann mal und recht früh, spätestens in den 90ern, bereits ins Vergessen geraten wäre, wenn er nicht damals den intensiven Flirt mit Serbien gestartet und wohlfeil inszeniert hätte, einschließlich mit am Ende dann z.T. degoutanten Auftritten mit serbischen Potentaten (was haben die schon mit dem serbischen Volk an und für sich zu tun? Das serbische Volk hatte keine guten Führer - aber auch in diesem Punkt darf man keinen Vergleich zu Deutschland ziehen, denn Deutschland hatte z.T. noch viel schlechtere).

Schaut man auf das Werk beider von mir willkürlich Verglichenen, stellt man fest, dass da eigentlich im Kern wenig ernsthaft Skandalöses zu finden ist (ja sogar eher Mainstream und politisch Korrektes, insbesondere bei Handke - die Jury des Nobelpreiskomitees ist ja nicht blöde), dafür viel Egomanie, Kult um sich selber, aber auch ganz solides Handwerk (bei Handke: hervorragendes Handwerk!) und vor allem sehr gutes Können. Beide, Handke und die Onkelz, also wahrlich kein Grund für Aufreger oder Diskussionen und an und für sich auch schon gar kein Grund, sie irgendwie zu thematisieren (warum sollte sich ausgerechnet die neue Rechte um so einen Typen wie Handke kümmern? Der würde bestimmt nicht nach Schnellroda kommen und eine Lesung halten) und daher - und der Artikel von G.K. wird ja durch meine gerade geäußerten Punkte nicht schlecht (eher im Gegenteil!) - möchte ich darauf hinweisen, dass aus meiner Sicht der Kubitschek-Text treffender mit
"Gerechtigkeit für Deutschland"
überschrieben worden wäre. Aber dann wären bei vielen evtl. wieder die Schubladen aufgegangen. Der Leseanreiz (insbesondere für andere als die ohnehin schon treuen Leser) und die Wirkung der eigentlichen Aussage wird über die Einbettung oder den Aufhänger Handke aber gut transportiert.

Rein von der Sache her möchte ich mich mithin auch Maiordomus anschließen, der geschrieben hat:

"Die Gerechtigkeit für Serbien hätte ich aber nicht ausdrücklich mit der Gerechtigkeit für Deutschland parallelisiert. ... Die Explizitheit schwächt die Parteinahme für den Poeten - was er in erster Linie bleibt - eher ab."

Ich sehe es auch so, Handke ist für mich nicht das Hauptthema und ich sehe keine echte Parteinahme für Handke in dem Text - und nach meinen Geschmack ist das auch gut so.

Um Serbien als Nation brauchen wir uns - denke ich - nicht so viele Sorgen zu machen, wie um die deutsche. Serbien ging ja zunächst und ganz am Anfang auch gar nicht als Serbien in die Auseinandersetzung sondern als Jugoslawien. Serbien wurde durch das Nato-Bombardement als Nation nicht gebrochen, eher hat es als Trotzreaktion das serbische Nationalgefühl gestärkt. (Wieder-) Geburt der Nationen des Balkans durch Feuer, Bomben und Gewalt.

Deutschland wurde dagegen nicht nur gebrochen, sondern durch den Wolf gedreht und die Hackepeter-Stückchen gleichmäßig verteilt der Verwesung ausgesetzt - und das beste, das Mett wollte und will auch noch zum großen Teil verwesen. Handke selber ist Teil des Verwesungsprozesses und zu jedem Verrotten, gehören die schönen Pilze und Pflanzen, die darauf gedeihen. Das Bild will ich jetzt nicht über strapazieren und der Vergleich hinkt auch, wie die meisten.

Unter dem Strich zeigt mit diesem Text aber einer, dass er sein Handwerkszeug auch hervorragend beherrscht und etwas zu sagen hat. Gerade deshalb war es wichtig, ihn nicht nur den Abonnenten der Zeitschrift Sezession vorzubehalten, sondern ihn hier zu veröffentlichen.

Franz Bettinger
11. Dezember 2019 09:30

Ich erinnere mich an die beiden entscheidenden Reden, die zum Thema 'Krieg gegen Serbien' im Bundestag gehalten wurden. Die erste von G. Gysi (gegen die Kriegsbeteiligung der BRiD - auf Grund unserer Verfassung), die zweite von J. Fischer (für den Krieg - aufgrund von Moral). Danach war die die längste Zeit Grüner gewesen. Die Grünen waren zu Kriegstreibern geworden, ja schlimmer, sie waren Kriegs-Partei geworden. Die Grünen hatten und haben bis heute diesen Krieg zu verantworten.

Natürlich hatten Deutsche in Jugoslawien nichts verloren. Natürlich war der br-deutsche Krieg gegen die Serben ein Verbrechen; ebenso das schändliche Einsperren Milosovics in Denhag! Keine Frage! Und ausgerechnet wir Deutschen haben diesen Bock geschossen - ausgerechnet unter der Ägide der Grünen Peaceniks. Das werde ich der Bagage nie vergessen. Ich wüsste zu gern, wie direkt die Order aus den USA kam, oder ob die Grünen sui generis so einen Scheiß zu beantworten hatten.

Die ganze unverständliche deutsche Politik geht seit 1945 immer wieder auf die Frage zurück: Wie souverän sind wir eigentlich? Und wenn wir nicht souverän sind, sind wir dann auch nicht schuldig? - Wird die Geschichte Kohl, Fischer, Scharping, Schröder und Merkel…) einst dann von Schuld freisprechen?

KlausD.
11. Dezember 2019 09:40

Vielleicht ist es gestattet, abweichend zwar vom Thema, aber immerhin passend zum Motto „Gerechtigkeit für“, auf einen weiteren Autor aufmerksam zu machen.
Gewissermaßen aus aktuellem Anlaß, denn das Interview mit ihm erschien erst kürzlich am 8.12. auf Nuoviso. Die Sprache ist von Billy Six, einem deutschen Journalisten, der über 100 Tage in einem venezolanischem Gefängnis festgehalten wurde.
Besonders interessant und bedeutsam ist, neben seiner Tätigkeit in Venezuela und dem Gefängnisaufenthalt, das Verhalten der deutschen Behörden in seinem Fall sowie die Umstände seiner Freilassung.
Man sollte sich unbedingt die anderthalb Stunden Zeit dafür nehmen – sie sind es wert!

https://nuoviso.tv/home/stoner/journalist-zweiter-klasse-billy-six-im-gespraech-mit-frank-stoner/

Mauerbluemchen
11. Dezember 2019 09:44

Ja, so ist das mit dem wilden Südosten, wo weise Leute einem früh schon bescheiden: Wer mit dem Teufel im Reigen tanzen will, kommt notwendig dabei um.

Es nicht nur das Problem der Milorads Krnojelace, solche aus jahrtausendealter Erfahrung erwachsenen Lehren, mit lässiger Geste zu verwerfen, sondern vor allem auch das der wertewestlicher Bescheidwisser*nnen. Es wird in der besten-aller-welten nur so bessergewußt, ausgedrückt, geäußert und gemeint, daß die Wände wackeln. Alles in der irrigen Meinung, nur die Doofen (die Krnojelace eben) würden belangt, nicht aber das postmoderne Schweinchen Schlau mit seinem geölten Mundwerk.

Dabei wird doch jeder Mensch bereits für jedes einzelne Wort streng gerichtet ... wer Glück hat - wieder eine balkanische Weisheit - den straft Gott hinieden und nicht erst in der Ewigkeit. So kann es geschehen, daß in der Schlußbilanz manch ein Krnojelac sogar viel besser dasteht als die Heerscharen posaunender Besserwisser*nnen.

Maiordomus
11. Dezember 2019 09:47

@Rotwolf. Handke kann nichts für die linken Lehrer, die einst von ihm begeistert waren. Analog dazu würde es nichts helfen, den frühvollendeten Georg Büchner aussen vor zu lassen, nur weil er im Heiligenkalender der Linken Platz findet mit so Sprüchen wie "Friede den Hütten, Krieg den Palästen!", an welche Losung die heute einschlägigen Kulturfunktionäre und Zensoren sich natürlich längst nicht mehr halten. @RMH. "überstrapazieren" schreibt man unbedingt aneinander.

Sie sehen aber richtig, dass Serbien in Sachen Nationalgefühl durch Bombenhagel und Niederlage nichts an nationaler Identität verloren, sondern eher gewonnen hat. Dies bringt die europaweiten Vorbeter als Verächter des Nationalen zur Weissglut. Und selbstverständlich benötigt auch Handke, wiewohl er ein erfolgreicher und keineswegs ungefeierter Schriftsteller ist (gilt auch für Salman Rushdie, der soeben ein ausgezeichnetes Buch zum Motiv "Don Quijote heute" veröffentlicht hat), Gerechtigkeit. Darunter verstehen wir einem Autor gegenüber schlicht eine sachliche Haltung gegenüber dem, was tatsächlich im Text steht. Siehe zum Beispiel den Umgang mit Martin Heidegger. Was in seinem Hauptwerk "Sein und Zeit" zum Beispiel über das alltägliche Selbstsein und das "man" geschrieben steht, ist längst "antifaschistischer" als alles, was das Ressentiment gegen ihn auskotzt. Will man ihn streng wissenschaftlich beziehungsweise wirklich philosophisch kritisieren, müsste man, wenn schon, auf seine Widersprüche hinweisen. Selber verwende ich mich seit Jahren, auf der Basis von 24 Bänden neuer Gesamtausgabe und 56 Bänden Briefe, für mehr Gerechtigkeit gegenüber dem auch Handke noch haushoch übelegenen bedeutendsten Schweizer Autor Jean-Jacques Rousseau, dem die ihn aufgrund einiger Schlagworte instrumentalisierenden Anhänger genau so geschadet haben wie die notorischen Gegner. Vor allem stimmt, wie in vielen anderen Fällen, nicht, was jeweils über einen in den Schulbüchern steht.

Zu den Autoren, die trotz einer vielfach unglücklichen Anhängerschaft mehr Gerechtigkeit verdienen würden, gehört auch Ernst Jünger, wiewohl man sich über ihn, analog zu Handke, nicht allzu viele Sorgen machen muss. Zu den heute verkanntesten Denkern Europas, mit dem geringsten Ausmass von Verständnis für seine bedeutenden Schriften, gehört meines Erachtens Rolf Peter Sieferle, wenn man nur schon denkt, wie sich ein Herfried Münkler über ihn geäussert hat und wie ein Buch von ihm aus einer Bestenliste entfernt wurde, eine Massnahme auf dem Niveau der Reichsschrifttumskammer. Sowohl unbekannte Autoren wie auch grosse und berühmte Schriftsteller verdienen, zum Wohle dessen, was im Wort Sache wird, Gerechtigkeit.

Jakob
11. Dezember 2019 10:07

Ich denke, Fischer wurde von den USA für seine Kriegstreiberei belohnt. Er ist doch jetzt dort drüben...
Der Angriffskrieg auf Serbien wurde auch mit gefälschten Fotos von angeblichen Gräueltaten gerechtfertigt. Natürlich gab es serbische Kriegsverbrechen, aber wenn welche dazu erfunden werden müssen, ist es schon bemerkenswert.
Für einen Angriffskrieg auf Deutschland hätte man keine Greueltaten erfunden müssen, es gab sie. Auch war es damals kein illegaler Angriffskrieg auf Deutschland. Wegen dieser fundamentalen Unterschiede mag ich die von G.K. aufgezeigten angeblichen Parallelen zwischen Serbien und Deutschland nicht. Ich weiß, die Parallelen waren auf die stereotypen und Festschreibung als Tätervolk bezogen. Aber bei mir verursacht es trotzdem ein unangenehmes Gefühl.

Ein ganz anderer Gedanke:
Vor langer Zeit las ich eine (damals) linke Theorie, dass die frühzeitige Annerkennung Kroatiens als eigenen Staat durch Deutschland den Krieg stark begünstigt hätte. Da könnte was dran sein.

Franz Bettinger
11. Dezember 2019 10:17

@Kubitschek: Von Hemingway halte ich - unabhängig seines fiesen Charakters - zwei Erzählungen (nur 2) für lesenswert: Der alte Mann und das Meer und Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber. Beides stilistisch bemerkenswert (schnörkellos).

Verdammt schwer zu sagen, ob man - wenn man Handke wäre - den Nobelpreis annehmen würde. Um Geld geht es nicht. (Ich denke, davon hat P. H. genug.) Es geht darum, sich in die Ahnenreihe von Nobelpreisträgern einzureihen, oder nicht. Ich hatte ja schon gehofft, Bob Dylon würde den Friedens-NP ablehnen. Hat er nicht getan. Wenn es häufiger Preis-Ablehner gäbe, würde die Ahnenreihe der Ablehner womöglich berühmter werden als die andere.

@Richter Thomas Fischer: Wie diesem Mann der Name Rommel in eine Reihe mit Kriegsverbrechern wie Stalin, Mao und Pol Pot rutschen kann, ist mir unerklärlich.

Der_Juergen
11. Dezember 2019 10:37

@Franz Bettinger

"Und wenn wir nicht souverän sind, sind dann nicht schuldig? Wird die Geschichte Kohl, Fischer, Scharping, Schröder und Merkel einst von Schuld freisprechen?"

Nein, das wird sie nicht. Als Fischer unter Hinweis auf den bekannten Mythos zum Krieg gegen Serbien trommelte, stand kein US-Soldat hinter ihm und drückte ihm die Pistole in den Nacken. Merkel hat ihren Nero-Befehl nicht aus Furcht vor Folter und Tod erteilt. Vasallen wie diese können ihren Befehlshaber den Gehorsam verweigern, ohne mehr als ihren Machtverlust und ihre Absetzung befürchten zu müssen.

Die wahren Machthaber gingen in beiden Fällen davon aus, dass ihre Marionetten brav spuren würden. Dass die Medien vor den Wahlen von 1998 so positiv über SPD und Grüne berichteten und damit deren Sieg möglich machten, lag zweifellos daran, dass die Aggression gegen Jugoslawien damals in Washington bereits beschlossen war und eine linke Regierung, welche den Angriffskrieg mittrug, in Deutschland weitaus weniger Widerstand befürchten musste als ein von der Union geführte.

Bundeskanzler, oder Aussenminister, wird in diesem Staat ohnehin nur, wer als erprobter Knecht gilt, der nicht plötzlich aufmucken wird. Voraussichtlich ist die Zugehörigkeit zu einer Loge und/oder einer oder mehreren transatlantischen Organisationen dafür Bedingung.

@RMH
Hut ab vor ihrer zweiten Wortmeldung, die auch sprachlich hervorragend ist.

zeitschnur
11. Dezember 2019 11:01

Diesen Artikel habe ich mit großer Anteilnahme gelesen. Vielen Dank!

Der_Juergen
11. Dezember 2019 11:08

@Jakob

Sie schreiben: "Für einen Angriffskrieg auf Deutschland hätte man keine Greueltaten erfunden müssen, es gab sie. Auch war es damals kein illegaler Angriffskrieg auf Deutschland."

Wie Sie bestimmt wissen, haben England und Frankreich dem Deutschen Reich anfang September 1939 den Krieg erklärt und nicht umgekehrt, und begründet wurde dieser Schritt nicht mit "Greueltaten" wie 1999 der Angriff auf Jugoslawien, sondern mit dem deutschen Einmarsch in Polen. Dass dieser von den Polen mit britischer Rückendeckung selber provoziert worden war, ist hinlänglich belegt. Lesen Sie z. B. Stefan Scheil, "Polen 1939". Ob die britisch-französische Kriegserklärung nun legal oder illegal ist, sei dahingestellt (nach welchen Kriterien soll man das beurteilen?).

Maiordomus
11. Dezember 2019 11:49

@Bettinger. Bob Dylan hat dummerweise den Literaturnobelpreis erhalten, nicht den Friedensnobelpreis. Der bedeutendste und glaubwürdigste Preis-Ablehner war Jean Paul Sartre, der dafür unbeschadet seiner politischen Irrtümer Respektierung verdient.

Handke, dem rund 30 Jahre lang Übergangenen, hätte die Annahmeverweigerung gerade im Sinn von "Gerechtigkeit" wirklich nichts gebracht, weder natürlich finanziell noch erst recht rufmässig. Meines Wissens wurde Friedrich Dürrenmatt, weil er zumal als Dramatiker Welterfolg hatte, wegen permanenter Verhöhnung von Nobelpreisträgern nie berücksichtigt. Dürrenmatt hat klar mehr Millionen verdient als Handke. Einen vergleichbaren Palast mit Museum (hoch über Neuenburg, sehr besuchenswert) sowie die Stiftung eines nationalen Literaturarchivs - Vermächtnis von Dürrenmatt - könnte isch Handke mutmasslich mit dem, was er sich erschrieben hat, wohl kaum nicht leisten. Handke-Bücher sind auch kommerziell mehr oder weniger das Gegenteil der Bestseller von Stephen King, der sich spätestens mit "Doktor Sleep" und der von ihm geförderten, gegen Kubrick gerichteten Filmfassung, als Kolportage- und Schundautor des unteren Niveaus bestätigt hat.

Lotta Vorbeck
11. Dezember 2019 12:10

Die RT-Moderatorin Jasmin Kosubek reiste im Frühsommer 2019 nach Serbien, um dort durch Uranmunition verursachten aktuell noch immer virulenten Kriegsfolgeschäden (wie der Kontamination von Trinkwasserressourcen) nachzugehen. Nahe des während des Kosovo-Krieges durch eine lasergelenkte Bombe zerstörten Fernsehturmes*** befragte Kosubek Passanten. Leute, die den Krieg erlebt hatten, äußerten sich eindeutig pro serbisch. Junge, serbische Nachgeborene äußerten sich pro EU/NATO ...

Nahezu 250 Brücken, sowie 250 Tunnel wurden entlang des Streckenverlaufes neu errichtet. Eine Ausweichstelle und ein Bahnhof sind Teil eines Tunnels. Eine innerhalb eines der Tunnel errichtete Brückenkonstruktion ermöglicht die Querung eines Höhlensees. 25 Jahre lang hatte man unter Tito daran gebaut, nämlich an jener Bahnstrecke, die als die am anspruchsvollsten trassierte Europas gilt und Belgrad mit dem Adriahafen Bar verbindet. Über einige, wenige Streckenkilometer berührt die Trasse den äußersten Zipfel Bosniens. Just in dieser Gegend unterbrach während des Krieges um das Amselfeld ein SFOR-Truppenteil unter Beteiligung des von der Bunten Wehr gestellten Kontingents die Strecke. Im Verlaufe dieser dieser Aktion, so ist's an mehreren Stellen nachzulesen, tötete ein NATO-Scharfschütze einen bosnischen Bahnarbeiter. Der 70jährige Bahnarbeiter erhielt einen Treffer in den Rücken, heißt es.

*** https://de.wikipedia.org/wiki/Fernsehturm_Avala#Zerstörung_des_Turms

heinrichbrueck
11. Dezember 2019 14:51

"Vasallen wie diese können ihren Befehlshaber den Gehorsam verweigern, ohne mehr als ihren Machtverlust und ihre Absetzung befürchten zu müssen."

Wäre da der kleine Widerspruch nicht, schließlich sind die Gefolgsleute gebrieft. Falls jemand doch aufmucken sollte, wird er ersetzt (siehe Bundespräsident Wulff). Abgesehen davon, haben diese Leute keine Macht (Oder regiert jetzt in Finnland ein halbes Kind?). Und wozu die Geschichte fähig ist, zeigen manche Konditionierungen sogar hier; wenn "unangenehme Gefühle" auftauchen, sollte Deutschland unschuldig gewesen sein. Kinder wachsen in eine umgeschriebene Geschichte hinein, und fragen nur in den seltensten Fällen weiter. Staatlich souverän? Es wäre wohl ein bißchen wie in dem Science Fiction Roman 'Dunkles Universum' (Daniel F. Galouye), als die Höhlenbewohner befreit werden. Es ist auch keine Frage von Intelligenz oder Dummheit, denn die Intelligenten machen die gleichen Fehler.

Republikfluechtling
11. Dezember 2019 17:31

Der Artikel spricht mir aus dem Herzen, zumal ich zu ähnlicher Zeit unter der gleichen Feldpostnummer die gleichen Orte „besuchen“ durfte. Auch die neugierigen Gewehrkollegen „Fernmelder“ sind mir in fragwürdiger Erinnerung. Ich hatte mich seinerzeit nicht der Lektüre Handkes befleissigt, sondern Robert Kaplans „Balkan Ghosts“ und weitere Werke gelesen, die eher den historischen Kontext beleuchten. Da ich das Glück hatte, zudem in allen drei (serbisch, kroatisch, muslimisch) kontrollierten Gebieten unterwegs zu sein meinte ich damals ein hinreichend differenziertes Bild der fürwahr komplexen Situation vor Ort gewonnen zu haben. Hinreichend genug jedenfalls, um den nachfolgenden NATO-Einsatz gegen Serbien als das zu beurteilen, was es war.

Die von einem Kameraden coram publico an einen höheren Repräsentanten des EinsFüKdo gestellte Frage, wie man sich als Offizier bei einem völkerrechtswidrigen Befehl zur Bombardierung eines Bodenziels ohne Kriegserklärung verhalten solle, wurde lapidar mit „Ich wüsste nicht, dass wir mit Jugoslawien nach 1945 einen Friedensvertrag geschlossen hätten“ beantwortet. Insofern ist m.E. der Begriff „mit Kriegsverbrechern sympathisieren“ durchaus differenziert zu betrachten.

Dies und das moralingetränkte Gewäsch des nun nicht mehr Turnschuhe, sondern Dreiteiler tragenden Steineschmeissers und Albright-Speichelleckers waren Schlüsselmomente, meine „Karriere“ als Zenturio der Auxiliartruppen zu beenden.

Mit Handke versucht man sich nun eines Querdenkers zu entledigen, der den Tabubruch nicht scheut. Ihm dürfte das Geifern der Systempresse powidl sein - was juckt es die deutsche Eiche...

RafaelBoban
11. Dezember 2019 18:59

@ Rafael

Das Problem an dieser Theorie ist, nur das Serbien bzw. Jugoslawien schon angegriffen hat, bevor Kroatien anerkannt wurde.

Nochmal zu Handke, er kann ja eine Position haben aber, historisch und politisch ist er Ahnungslos. Die Aussage von ihm sinngemäß „Jugoslawien wurde als Reaktion gegen das 3. Reich gegründet ist an Unwissenheit nicht zu überbieten!

Seine ganze Argumentation ist geprägt von Faschismus vs. Antifaschismus und von solch einer Jugoslawien-Nostalgie, dass es nicht mehr Ernst zu nehmen ist.

Das genau der selbe Duktus mit dem mich, wohlgemerkt linke Lehrer nervten und provozierten. Ein einziger rechter Theologe war Pro Kroatien. Deswegen soll mir keiner erzählen, dass Handke irgendeine besonders gefährliche Meinung vertritt. Alle Kommunisten und Anti-Deutschen lieben Serbien und Jugoslawien (was für sie dasselbe ist).

RafaelBoban
11. Dezember 2019 19:03

@ Lotta Vorbeck

Naja schon, aber Serbien war immer Liebling von Großbritannien und Frankreich siehe SHS-Staat und die Außenpolitik beider Länder in den 90ern.

MARCEL
11. Dezember 2019 21:03

Kurz zu den Serben: Zum Narrativ gehört die Vorstellung des "himmlischen Volkes", dass in den Niederlagen das Irdische mit dem Himmlischen vertauscht (Kosovo Mythos). Das verbindet sie mit uns Deutschen, die tiefe Prägung durch Niederlagen. Nur wurden diese in der serbischen Überlieferung spirituell gedeutet.
(ich persönlich habe in serbisch-orthodoxen Klöstern viel Gastfreundschaft erfahren)

Hartwig aus LG8
11. Dezember 2019 21:11

Wer heute auf DLF in der Sendung Büchermarkt das dümmliche Gekicher der Moderatorin während ihres Gespräches mit dem nur marginal intelligenterem Hubert Winkels bzgl. Handke gehört hat, der muss den Nobelpreis für Handke schon aus Prinzip begrüßen. - Eine affektive und unsachliche Regung, gewiss, und dennoch ...

Gracchus
12. Dezember 2019 00:12

Ich bin absolut einverstanden. Ich habe Handke vor allem in meiner Jugend verschlungen, er hat einige schöne Sachen geschrieben, die ich heute immer noch gut finde, über den Nobelpreis habe ich mich gefreut. Darum geht es aber nicht. Sondern darum, dass Handkes Anklägern - zu erwähnen sind da noch der schier besessene Peter Maas und eine gewisse Alida Brenner und Jagoda Marinic und die unvermeidliche Stokowski, natürlich unterstützt von Feuilleton-Redaktionen - nichts zu dumm ist, um Handke moralisch am Zeug zu flicken. Ohne Grundlage. Ohne anscheinend - wie Fischer, also der Jurist, richtig sieht - zwischen Täter und Symphatisanten zu unterscheiden, wobei Handke nichts geleugnet, nichts gerechtfertigt hat. So, als hätten Handkes Schreibereien das Kriegsgeschehen massgeblich beeinflusst. Man mag Handkes Jugoslawien-Sicht - diejenige des Träumers vom neunten Land - kritisch sehen, mit seiner Kritik an der einseitigen Berichterstattung hat er recht getan.

@Maiordomus: Schön, dass Sie Gerhard Meier erwähnen. Ich hatte ihn hier auch mal erwähnt. Die Amrainer-Tetralogie gehört für mich zum Schönsten, was im 20. Jhd. in dt. Sprache geschrieben worden ist. Handke hat mich noch auf andere mir wichtige Autoren gebracht, wie Walker Percy, Hermann Lenz, Jan Skacel oder Tomas Tranströmer.

zeitschnur
12. Dezember 2019 10:16

@ RafaelBoban

Im Artikel geht es um "Gerechtigkeit für Handke", eine durchaus abwägende Gedankenfolge. Es ist gar nicht so klar, je nachdem man was über wen weiß oder wie man ihn wahrnimmt, wer hier für was verantwortlich ist.

Der Vergleich zwischen Deutschland und Serbien bedient natürlich nicht die Wünsche antiserbischer Einstellungen - darum geht es hier ja gerade: auf diesem Niveau dämonisiert eine Seite eine andere, aber es sind Seiten einer und derselben Münze, und die Frage wäre, wessen Kopf auf dieser Münze ist. Die Rollenzuschreibungen an Deutschland und die Deutschen ähneln dabei der an Serbien und die Serben. Die mediale Propaganda hier war durchweg antiserbisch. Und Deutschland hat wie der Vatikan maßgeblich mitgemischt bei der Auflösung Jugoslawiens. Nicht jeder, der das kritisch sieht, ist von "Jugonostalgie" getrieben.

Handkes Position war damals die eines einzelnen gegen eine Meinungsübermacht. Mag sein, dass er gelegentlich übers Ziel hinausschoss, die feige Propagandameute tat dies ständig und erhielt dafür Akklamation aus der internationalen Elite und dem Vatikan. Doppelstandards: die Guten dürfen alles, die Bösen nichts, und Handke gehört seither zu den Bösen. Mist nur, dass er so gut schreiben kann und bereits renommiert war in derselben internationalen Elite. Tja.

Das Kriegsverbrechertribunal in DenHaag war ähnlich verlogen wie die Nürnberger Prozesse: die, die selbst Kriegsverbrecher und Völkerrechtsmissachter sind, sitzen zu Gericht über den ausgewählten Bösewicht, dessen Schuld eben nicht nachgewiesen wurde, der sich aus Misstrauen gegen Juristen (er war selbst einer) selbst verteidigte und wundersamerweise mitten im Prozess plötzlich starb, einem Prozess, der leider nicht zu den von der Nato erwünschten Ergebnissen kam und dann befreit war von dem Druck, den Krieg nachträglich zu rechtfertigen - die Sache ist bis heute nicht geklärt.

In Nürnberg damals fiel die Urteilswillkür auf und die bewusste Ausblendung von Material, das die große und teilweise ursächliche Schuld der Alliierten und willentliche Missachtung juristischer Standards. Erst heute fängt man langsam an, die beiden Weltkriege anders zu beforschen (wobei man es in den angelsächsischen Forschungen schon seit Jahrzehnten kritisch tat und die verheerende Strippenzieherrolle insbesondere Englands und der USA schon längst aufgedeckt worden war — in Deutschland prallten diese Forschungen ab. War man nicht die beste Nation, tat man es nicht unter der schlechtesten. Diese Krankheit haben die Serben zum Glück nicht. Aber vielleicht ist es auch nur das Stockholmsyndrom, das Deutschland so aussehen lässt, wie es aussieht.

Was immer also vor ca. 20 Jahren im einzelnen vorgefallen ist und in dem undurchschaubren Gespinst an Geopolitik, Balkanidiotie ("... keinen meiner preußischen Kerls wert...") und internationalen Komplotten wirksam war und ist: Man muss Handke dafür dankbar sein, dass er in dieser erstickenden und einseitigen sowie krass verlogenen antiserbischen Hetze und Kriegstreiberei daran erinnerte, dass die Dinge nicht immer so sind, wie sie medial dargestellt werden, oder sagen wir: sie sind eigentlich nie so.

Dass Sie diese einzige Stimme inmitten eines Hetzchors nun so behandeln, als sei sie eine Gefahr für die Wahrheit, betreibt dieselbe Umkehr der Dinge, die wir sattsam kennen und Propaganda nennen.
Es ist eine Stimme, @ Boban, EINE gegen Tausende!

Maiordomus
12. Dezember 2019 10:29

@Gracchus. Die Literatur, sofern es diese noch gibt, findet abseits des Lärms statt. Jenseits seiner politischen Äusserungen, die man biographisch verstehen kann und auf die er aufgrund eines authentischen Schmerzempfindens und auch wegen der Meinungsfreiheit ein Anrecht hatte, so wie der greise Gerhart Hauptmann es sich im Alter von 83 Jahren herhausnahm, sich jenseits von Selbstbezichtigungen über Dresden so zu äussern, dass man es noch in Jahrhunderten zur Kenntnis nehmen wird, war Handke angesichts seiner Berühmtheit eine der leisesten Stimmen in der deutschen Literatur, analog Gerhard Meier. Ähnlich leise klingt unter den Lebenden vielleicht noch Volker Mohr, an den aber noch kein Prominenter einen Literaturpreis weitergereicht hat.

Handke ist für heutige Verhältnisse ein wirklich grosser Autor, und es braucht eine gehörige Dosis Ressentiment, ihm einen Rang zu bestreiten. Kein Zweifel, war aber die analytische Fähigkeit zum Beispiel des Kriegsberichterstatters von 1870/71, Theodor Fontane höher. Derselbe schrieb aber ohnehin in einer Qualität, siehe nebst Romanen "Die Wanderungen durch die Mark Brandenburg", welche rund 10 000 in unserer Sprache schreibende Autoren der Gegenwart aufwiegt, sowohl literarisch als sogar in einem bleibenden Orientierungsgehalt. Immerhin erinnert Handke daran, dass es um die Jahrtausendwende überhaupt noch eine deutsche Literatur gab.

PS. Gerhart Hauptmann und Dresden. Vg. Arnold Stadler: Tohuwabohu, Du Mont 2002, die bis heute gültigste Auseinandersetzung in deutscher Sprache mit dem 11. September 2002, mit Rückbezug zum Beispiel auf die Bombardierung Freiburgs im Echo bei Reinhold Schneider, und Dresdens, mit einem erschütternden Text von Nobelpreisträger Hauptmann, dem einstigen Verfasser des "Festspiels in deutschen Reimen", einer Hommage an Fichte aus dem Jahre 1913. Die Textsammlung zum 11. September ist frei von Moralisieren und macht auch nicht den Eindruck von gegenseitigem Aufrechnen. Es geht lediglich um die literarisch dokumentierte Betrachtungsweise des Geschehens aus der Sicht der Letzten Dinge, siehe das letzte Buch des Neuen Testamentes, mit dem sich bekanntlich auch Kant in seiner Schrift "Vom Ende aller Dinge" auseinandergesetzt hat.

Maiordomus
12. Dezember 2019 11:13

PS. Der 11. September war natürlich 2001, aber das Buch von Stadler, eine seiner bedeutendsten, aber kaum beachteten Publikationen, erschien bei Du Mont 2002. Bei den wirklich grossen deutschsprachigen Nobelpreisträgern, unter die Handke sich vielleicht einreiht, Gerhart Hauptmann nie vergessen!

Imagine
12. Dezember 2019 14:49

@zeitschnur …12. Dezember 2019 10:16
„Aber vielleicht ist es auch nur das Stockholmsyndrom, das Deutschland so aussehen lässt, wie es aussieht.“

Hier zeigt sich wieder einmal ihre Wissenschaftsferne, so wie Sie ständig Religion mit Wissenschaft vermischen und deshalb statt Wahrheit nur subjektive Glaubenskonstrukte herauskommen.

Das Stockholm-Syndrom ist ein psychologisches Phänomen, nämlich die irrationale(!!!) Identifikation mit dem Aggressor.

Die transatlantische Parteinahme von Funktionseliten hingegen zahlt sich aus mit Karrieren, hohem Einkommen etc. Man sehe sich Leute aus der „Atlantikbrücke“ wie z.B. Merz, Gabriel, Kleber etc. an. Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Mitgliedern_der_Atlantik-Br%C3%BCcke

So soll Klebers Einkommen 600.000 € betragen.

@zeitschnur, Sie begehen typische Kategorienfehler, die Sie als wissenschaftlich ernstzunehmende Person disqualifizieren.

Jugoslawien gehörte zu den „Blockfreien“ und war nach wie vor ein sozialistisches Land.

Die Sowjetunion und der Ostblock existierten nicht mehr. Gorbatschow hatte kapituliert, und Jelzin hatte Russland zu einem „failed state“ gemacht. In den Jahren von Jelzins Regierungszeit war die Lebenserwartung in Russland um 10 Jahre gesunken. Russland war keine Weltmacht mehr und stand vor der Übernahme durch das US-NATO-Imperium.

Jugoslawien war als sozialistischer Staat ein globalstrategischer Störfaktor imder US-NATO-Strategie nach „full spectrum dominance“ auf dem Planeten.

Die Situation im damaligen Russland ermöglichte dem US-NATO-Imperium den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen Jugoslawien mit anschließender Okkupation und Integrations ins US-NATO-Imperium.

In der heutigen multipolaren Welt sieht es anders aus. China und das durch Putin wiedererstarkte Russland sind machtpolitische Global Players und offene Gegenspieler zum US-NATO-Imperium.

Man muss es Schröder hoch anrechnen, dass er die Wahrheit ausspricht, dass der Krieg gegen Jugoslawien ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg war:
https://www.youtube.com/watch?v=ydLINQBOF1U

RafaelBoban
12. Dezember 2019 18:39

@Zeitschnur

Ich sehe die angebliche Verbindung, zwischen Deutschland und Serbien immer noch nicht wirklich, weder historisch noch kulturell. In jedem Krieg, stand man auf anderen Seiten. In Jugoslawien war der Kampf gegen die Deutschen und ihre Kollaborateure ( natürlich ausschließlich Kroaten) so etwas wie ein Gründungsmythos. Die Serben schaffen irgendwie den merkwürdigen Spagat, Kommunisten und Faschisten (ganz grob theoretisiert) gleichzeitig zu verehren. Die Russen ja auch, alleine das zeigt was für ein anderes Bild von Geschichte dort vorherrschend ist, für Mitteleuropäer sehr merkwürdig. Dieser himmlische Volk und heiliges Kosovo Gedöns, ist auch sehr verstörend. Ich bin natürlich etwas parteiisch, aber das wäre jeder, der Verwandte hätte die in mehreren Generationen unter diesen Leuten gelitten haben. Antiserbisch ist aber ein bisschen zu viel des Guten!

Die eher konservative Presse war vielleicht eher Kroatien wohlgesonnen, die linke Presse eher nicht. Wenn man das Weltweit vergleicht, ist Serbien in Frankreich und Großbritannien etwa schon sehr viel beliebter. Was den Kosovo betrifft, was natürlich getrennt gehört als Konflikt gibt es viel Sympathie mit Serbien, ich sehe das Problem da überhaupt nicht. Albaner sind sehr unbeliebt, ich hab das Gefühl, dass diese bei Linken wie Rechten als Paradebeispiel für Islamisten und Kriminelle gelten. Dabei ist Albanien nicht einmal mehrheitlich muslimisch ( höchstens 50% im Kosovo natürlich überwiegend) der Norden ist sehr katholisch geprägt und im Süden gibt es auch orthodoxe Albaner (wissen viele nicht), einer der größten europäischen Helden war der katholische Albanerfürst Skanderbeg und die Serbische organisierte Kriminalität steht der albanischen Mafia in nichts nach. Die Albaner sind darüberhinaus natürlich vor den Serben im Kosovo gewesen, da sie natürlich das viel ältere Volk sind. Ich kann diese Kosovo-Haltung besonders im Zusammenhang mit der NATO-Intervention verstehen, aber es wundert mich dann noch irgendwie das nur eine Seite thematisiert wird. Keine Seite weiß auch nur irgendwas über die Albaner nur als Beispiel. Es ist einfach eine merkwürdige Diskussion, egal von welcher Seite, es kommt einem vor als ginge es nur um Jugoslawien-vereinfachend gesagt die Serben sind die Guten die wollten das supercoole Jugoslawien erhalten oder die bösen Serben haben das multikulturelle Jugoslawien, durch ihren neu entdeckten Nationalismus zerstört. Bosnien ist natürlich dann, das Vorbild. Als ob dieser Kunststaat ein Paradies war, in dem Milch und Honig geflossen ist!

Das mit dem Vatikan musste ja kommen, die These mit dem Vatikan und den Kroaten geht übrigens auf das Propaganda-Buch „Magnum Crimen“ von Viktor Noval zurück. Novak war Kroate der Priester werden wollte, dann Freimaurer wurde danach Četnik, nach dem Krieg sich mit dem Titoisten versöhnte und zur Begleitung der Prozesse gegen Kroaten dieses Machwerk verfasste- wie glaubhaft so eine Quelle ist muss jeder selbst entscheiden. Aber die Freimaurer scheinen auch eine große Rolle bei serbischen Herrschern und Politikern zu spielen-daher kommt wahrscheinlich die Frankreich und England Connection.

Ganz im Gegenteil ich kann Handke als politischen Kommentar nicht wirklich ernst nehmen, er verfügt über keinerlei Wissen- seine Aussage zur angeblichen Gründung Jugoslawiens wegen Deutschland ist exemplarisch. Vielleicht ist er ein bessere Romancier, dass kann nicht beurteilen. Außerdem hat er seinen Nobelpreis ja bekommen, den Kritikern zum Trotz- deshalb verstehe ich nicht um was für eine Gerechtigkeit hier geworben wird!

links ist wo der daumen rechts ist
12. Dezember 2019 19:10

Groß und geil?

Ich lese Handke und höre Serbien (und NATO und Deutschland und...). Eigenartig.

Schade, daß GKs Weihnachtsbücherempfehlung so eilfertig geschlossen wurde; der Kontrast Kopetzky – Jörg Bernig wäre doch zu verlockend gewesen – und erinnert auch an die frühere Doppelbesprechung Erhart Kästner - Damir Ovčina.
Aber was hat das jetzt wieder mit Handke zu tun? Einiges.

Ich habe Handkes Werk bis zur „Wiederholung“ gerne gelesen (mit einigen Highlights wie der „Stunde der wahren Empfindung“, dem „Nachmittag eines Schriftstellers“ oder der „Geschichte des Bleistifts“); seit damals aber hat sich für mich in seinem Werk nichts Wesentliches mehr getan – nach der „Wiederholung“ die endlose Wiederholung.

Handkes Schreiben ist ein gleichwertiges Miteinander von Denken, Gehen/Spazieren/Reisen und Übersetzen; dabei aber bewegt er sich immer auf dem schmalen Grat eines Hochsensiblen, ein liebender Phänomenologe des Alltags und der Welt, seiner Welt. Wenn man ihn dabei stört oder seine Gegen-Welt zerstört, wird er zum Bosnickel oder Berserker (man denke etwa an die Schlüsselszene im „Chinesen des Schmerzes“).
Das ist auch der Konnex Slowenien – Jugoslawien – Serbien; die Parallele zu Deutschland hat damit prinzipiell nichts zu tun, obwohl sie natürlich gezogen werden kann.
Da lese ich lieber Erhart Kästners „Aufstand der Dinge“ - und denke beim 1000jährigen Byzanz schattenhaft manchmal auch an ein anderes 1000jähriges Reich. Aber Kästner ist jemand, der wieder alles zurücknehmen kann: „Guter Stil hat mit Nächstenliebe zu tun“; Handke hingegen ist bei aller Weltliebe doch letztendlich ein Egomane. Kästner gesteht sich (und seinen Lesern) Müdigkeit und Schlaflosigkeit zu, Handke will immer hellwach sein und ist dann oft nur mürrisch, wenn er unausgeschlafen ist. Achja, zu seinem „Versuch über die Müdigkeit“ schrieb er seinem Lektor: „Klein, aber nicht ungeil.“

Und was hat das jetzt mit den o.a. Kontrasten zu tun?
Wenn wir über die Abgründe der menschlichen Natur, wie sie sich - nicht nur - in Kriegen mit erschreckender Regelmäßigkeit einstellen, schreiben wollen, haben wir in der deutschsprachigen Literatur zwei extreme Gegenpole: Heinrich von Kleist und Johann Peter Hebel.
Handke erahnt dunkel die Kleistsche Gebrochenheit, hat aber nicht den langen Atem Hebels.

Er weiß um die atmosphärischen Vergiftungen und die totalitären Umhüllungen einer allgegenwärtigen Propaganda wie sie etwa Sloterdijk anhand der Ausführungen Brochs und Canettis souverän beschrieben hat, aber auch er entkommt ihnen nicht.
Die Schutzräume eines Erhart Kästner kennt er nicht, dazu ist er zu areligiös, obwohl ihm natürlich allzu oft feierlich zumute ist. Karikaturhaft zugespitzt könnte man sagen, er ist die typisch österr. Mischung aus Aggression/Besserwisserei und Selbstmitleid/“Empfindsamkeit“; darin seinem alten Antipoden Thomas Bernhard nicht unähnlich.
Daß aus dieser Konstellation einer „Ich-Dissolution“ große Literatur entstehen kann, hat zuletzt W.G. Sebald in seinen beiden Aufsatzbänden zur österr. Literatur gezeigt; man vergleiche seinen genialen Text zu Handke und Stifter.

Franz Bettinger
12. Dezember 2019 23:10

@Zeitschnur: Bravo, jeder Satz stimmt! Gerade auch der Fall 'Den Haag gegen Milosevic'. Auch wahr: Wie viele sind in Gefängnissen "plötzlich verstorben“ (ehemals: „auf der Flucht erschossen"? Immer die, die was zu erzählen hätten, würde man sie lassen.

Franz Bettinger
12. Dezember 2019 23:49

@imagine: Das Stockholm-Syndrom ist - wie Nazis und Rechts - keine Definition, auf die irgendwelche Linke ein Patent angemeldet hätten. Das Stockholm-Syndrom ist, was damals abgelaufen ist: eine Sympathie-Entwicklung der Gefangenen für ihre Fänger. Ob das, was sich damals in den Hirnen der Botschaftangehörigen abspielte, rational oder irrational war, wer will das wissen? Es kann sein, dass ich in einem IS-Gefängnis die Terroristen auf einmal ganz anders beurteilen würde (vielleicht als "Soldaten") als im Sessel zu Hause - und nicht unbedingt falscher! Eben nur aus der Perspektive der anderen. Altera pars! Das ist auch genau das, was der verehrte Handke getan hat; und sei es nur als Gegenpol zur Lügenpresse: Aus Prinzip Partei für die Seite zu ergreifen, die nicht zu Wort kommt und deren Bekennerschreiben und Manifeste man unter dem Tisch hält. Warum tut man das wohl?

Maiordomus
13. Dezember 2019 01:05

Zur Gerechtigkeit gegenüber Handke gehört, zu wissen, dass er sich die Verhältnisse nicht aus der Propaganda vergegenwärtigen musste; vielmehr aus einer tiefverletzten biographischer Erfahrung, u.a. über seine Mutter, die sich 1971 das Leben genommen hat, worüber der Autor ein eindrückliches Buch schrieb; zu schweigen davon, dass er seit den 68er Jahren von den Linken hasserfüllt, sogar mit Demonstrationen und Störungen seiner Stücke verfolgt wurde. "Konsumfaschismus" lautete einer der primitiveren Vorwürfe, die er ausser der Standardbeschimpfung als "Narziss" einstecken musste. Martin Walser schliesslich platzte in seiner linksextremen KPD-nahen Phase noch fast vor Neid gegenüber dem ihm literarischer Kreativität wohl doch stärker begnadeten jungen Konkurrenten. Noch was: aus Protest gegen Detuschlands unverantwortliches Verhalten im Jugoslawienkrieg hat Handke, 1973 der jüngste Büchnerpreisträger, den Preis Ende des Jahrhunderts zurückgegeben. Wenn das keine konsequente Haltung gegen eine Gesinnungskamarilla ist, weiss ich auch nichts mehr! Wenn das muss man respektieren, selbst wenn seine Einstellung zu den jugo-slawischen Völkern, die nun mal nach Meinung von Carl Spitteler (Nobelpreis 1919) gemäss dessen berühmtester Rede "Unser Schweizer Standpunkt" (Dezember 1914), "nicht einfach als Pack abetan werden können" (so wenig wie heute die deutsche Opposition). einseitig bis zum Teil stark als parteiisch zu gelten hat. Weil es eine gepachtete politische Wahrheit nicht gibt, ist für mich Handke in Sachen Mut als Gegenteil von Gratismut eine ganz andere Liga als Autoren wie einst Jens, Grass, Rinser und viele andere, die sich an das von William S. Schlamm höhnisch zitierte Motto hielten: "Wenn Exnazis Exnazis Exnazis nennen". Ja, Handke, dem dann der Heinrich-Heine-Preis wieder abgesprochen, zumindest nicht ausbezahlt wurde, hat für Meinungsäusserungen, zu denen er ein existentielles, nicht propagandistisches Verhältnis gewann, Konsequenzen gezogen und Opfer gebracht, die mit fast nichts zu vergleichen sind, was in den fünfziger Jahren als anitkommunistisch und heute (allerdings schon seit der Machtergreifung der 68er im Kulturbereich) als antifaschistisch gilt. Und mit Bernhard @Linksdaumen, müssen Sie mir mit Handke nicht kommen, das ist ein Verhältnis wie Pech und Schwefel, u.a. auch das Verhältnis zu Adalbert Stifter betreffend, den nun mal bedeutendsten "Heimatschriftsteller" Österreichs,; sein Geist ist zum Teil im Stück "Über die Dörfer" von Handke mitenthalten, selbst wenn die Substanz trotz Begabung nicht ausreicht. Der Dramatiker Handke wagte es sogar, sich gegen die Brecht-Ideologie zu stellen; sein Urteil über den literarischen Mainstream, u.a. den historiographischen Quatschkopf Kehlmann oder Herta Müller, ist vernichtend. Und dass er es schon auf dem Höhepunkt der 68er Zeit wagte, "linken Scheiss" (Originalton Handke) mit "rechtem Scheiss" in den gleichen Topf zu werfen, ist genau das, was gerade die antifaschistisch gleichgeschaltete Mehrheits-Kulturszene auf keinen Fall durchgehen lassen kann. Zur literarischen Beurteilung von Handke wäre es freilich nötig, sich mit mindestens 20 seiner Werke, Prosa, Lyrik, Dramatik, Tagebücher auseinanderzusetzen.

Ehrlich gesagt gab es in den letzten 100 Jahren, etwa seit dem Verstummen von Kafka und Robert Walser, in Deutschland/Österreich/Schweiz keinen Autor vom Format eines Kleist und eines Johann Peter Hebel, welche als Massstäbe setzende Autoren für die deutsche Literatur die Grammatik des Erzählens grundgelegt haben, im Vergleich zu denen auch ein Thomas Mann, eine Abschattung von Fontane, eher langweilig bleibt. Und im Vergleich zum nunmehr von Salman Rushdie abermals aufgegriffenen Don Quijote oder gar Shakespeares Sonette hat die deutsche Literatur der letzten 40 Jahre erbärmlich mageres Gewicht. Zu schweigen vom Theater vieler städtischen professionellen Bühnen, wo sozialistische, kommunistische und antifaschistische Meuten Handke schon vor 40 bis 50 Jahren das Leben sauer gemacht haben, wie einer neueren Handke-Biographie zu entnehmen ist.

Für die mehr politische Debatte in diesen Spalten nicht zu vergessen ist schliesslich, dass Handke immerhin zwei leibliche sloweniche Onkel, die für seine Lebensgeschichte wichtig wurden, an der Ostfront auf der Krim verloren hat, wohin sie nicht mit Kriegsbegeisterung, sondern klar gezwungenermassen einberufen wurden. Mit ein Grund für Handke, seine Sympathien der slawischen Seite zuzuwenden. Selber habe ich übrigens nichts dagegen, dass sich viele hier manchmal etwas einseitig deutschfreundlich äussern. Das letztere Adjektiv war im Kulturleben der Schweiz, in der Westschweiz stärker als in der Deutschschweiz, über sehr lange ein Schimpfwort. Und selbst die zwei temperamentvollsten konservativen Publizisten der Schweiz vor 100 bis 120 Jahren, Ulrich Dürrenmatt und Johann Baptist Rusch, beide zwar Antisemiten, halten in ihren populären Zeitungen das antideutsche Feindbild aufzubauen. Noch genial die Warnung von Dürrenmatts Grossvater 1902 an Kaiser Wilhelm II: Wenn er mit seinem Machtprotzen einschliesslich Rüstungspolitik so weitermache, gebe es in Deutschland bald einen "Holocaust". Mit anderen Worten: Wenn Schriftsteller polemisieren, dann überschlagen sie sich nicht in Sachlichkeit, wiewohl geniale Typen bei dieser Gelegenheit manchmal zu Propheten werden. Der Prophet hört den Katarakt aus der Ferne, formulierte mal sinngemäss Clemens Brentano, in meinem literarischen Heiligenkalender noch höher eingeschätzt als Peter Handke.

Maiordomus
13. Dezember 2019 09:09

Korr. "Ulrich Dürrenmatt (Grossvater von Friedrich) und Johann Baptist Rusch, beide zwar Antisemiten, h a l f e n, als temperamentvolle wortgewaltige Konservative, das antideutsche Feindbild in der Schweiz aufzubauen." Dies half allerdings teilweise der Stärkung der eigenen, auf Freiheit ujd Unabhängigkeit bedachten Identität. Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer verstanden sich hingegen noch um 1870 als Teil der deutschen Kulturnation. Alfred Huggenberger betonte die alemannische Identität, was man ihm posthum ungerecht als "Nazi" angerechnet. Für mich selber sind die Gemeinsamkeiten via die demokratischen Gemeindeverfassungen im Hotzenwald und die spirituelle Einheit der Deutschschweiz mit dem Bistum Konstanz wichtig, teilte auch nie das anti-österreichische Feindbild.

Meine obigen Ausführungen, Handke betreffend, betonten, dass in nationalen Fragen, bei slawischen Repräsentanten selbstverstöndlich, gerne etwas parteiisch geurteilt wird. Wenn es nicht gleich in Chauvinismus ausartet, muss man, trotz Fragwürdigkeit dieses Denkens (von Franz von Baader aus konsservativer Sicht grundlegend kritisiert), ein gewisses Verständnis haben.

Die von mir relativ gelobte Handke-Biographie (in der literarischen Analyse weit unter den Erwartungen), stammt von Malte Herwig: Peter Handke, Meister der Dämmerung, Eine Biographie. Deutsche Verlagsanstalt 2011. Man muss dieses Buch gelesen haben, will man verstehen, warum der linke Mainstream im Feuilletons sowohl politisch wie kulturpolitisch Handke ablehnt, in nicht wenigen Fällen direkt hasserfüllt und stets von Neid und Ressentiments begleitet, siehe Martin Walser.

Handke bleibt auch der am ernstesten zu nehmende Autor, der darauf hingewiesen hat, dass ehrgeizige, in der Tat narzisstische Regisseure heute vielfach überhaupt keinen Respekt mehr haben vor dem Text eines Autors. Über viele Aufführungen seiner Stücke musste musste sich der Dichter masslos ärgern, ging vielfach gar nicht mehr hin.

Atz
13. Dezember 2019 11:37

Was machen eigentlich Fischer, Scharping und die anderen heute? Gibt es die noch? Rudolf Scharping war in Ungnade bei der SPD gefallen und wird mit seinem Hufeisenplan in den Antikriegslitaneien der Linken verewigt.

Josef Fischer lässt sich Kolumnen von der Agentur Project-Syndicate des George Soros schreiben, die dann in europäischen und südamerikanischen Qualitätszeitungen kostenfrei erscheinen dürfen. Seltsam militärisch für einen Grünen.
https://www.project-syndicate.org/columnist/joschka-fischer

"Trump’s nationalist shift under the slogan of “America first” has suddenly forced Europe to confront the question of its own sovereignty, which means becoming an independent technological power with the ability to act decisively as a united front."

Jetzt ist Fischer noch Lobbyist von BMW und Siemens, hört man. Bei ihm klingt alles rechter als die aktuelle CDU, was er da so macht. Der Kommentar von Götz Kubitschek dagegen erinnert an die Position von einem linken, natoskeptischen Professor an meiner Hochschule 1998, der die Wahrheit nicht zu pachten gedachte, aber die NATO-Propaganda gekonnt zerlegte. Darum waren wir dankbar, dass es ihn gab.

Danke für diesen Artikel.

zeitschnur
13. Dezember 2019 12:09

@ Imagine

Ich mag ja einige Unfähigkeiten haben, aber Sie sind gewiss nicht der, der sie zutreffend diagnostizieren kann, denn Sie sollten erst mal lesen und verstehen lernen. Es bringt nichts, sich von Halbgelesenem triggern zu lassen.

"Das Stockholm-Syndrom ist ein psychologisches Phänomen, nämlich die irrationale(!!!) Identifikation mit dem Aggressor."

Exakt, verehrter Imagine - genau das meinte ich, Sie widersprechen mir mit absurder Kritik und wiederholen dann in Ihren Worten als Korrektur genau das, was ich auch meinte.

Keep cool! Ich versuche noch, selbst zu denken und dies manchmal anders als in den Loipen, wenn es sich gibt.

zeitschnur
13. Dezember 2019 12:17

@ Boban

Es geht nicht drum, wer mit wem kollaboriert hat im 2. WK, sondern um Rollenzuschreibungen in großräumigen Strategiespielen derer, die alleine Interesse an den Kriegen, Auflösungen, Verschmelzungen etc. haben.
In der Politik geschieht nichts aus Zufall!
Die Rollenzuschreibung an bestimmte Länder, der "Bösewicht" zu sein - das war hier den Vergleichspunkt. Dieses "Alle gegen Einen", wobei diese "Alle" tatsächlich so wahnsinnig sind zu glauben, der "Eine" könne sie bedrohen, ihm werden numinose Kräfte zugeschrieben. Dass dies hinsichtlich Serbiens geschah, wird alleine daran deutlich, dass Joschka Fischer allen Ernstes behauptete, es spiele sich durch die bösen Serben so etwas ab wie das, was unter dem NS geschah. Wer da immer noch keine Parallele bzw die offenkundige Parallelisierung sieht - dem kann ich dann auch nicht mehr helfen. Es sieht halt jeder immer nur das, was er sehen will. Ausnahmen gibt es, aber sie sind rar.

Dass dabei natürlich nicht die alte Aufstellung aus dem 2. WK durchgehalten werden muss, ist klar: Herrschaftsstrategien basieren ja nicht auf Prinzipientreue, sondern bedeuten IMMER die Heiligung unheiliger Zwecke durch unheilige Mittel.

Nemesis
13. Dezember 2019 20:15

@imagine
"@zeitschnur: Hier zeigt sich wieder einmal ihre Wissenschafts- ferne, so wie Sie ständig Religion mit Wissenschaft vermischen und deshalb statt Wahrheit nur subjektive Glaubenskonstrukte herauskommen."

Sie glauben ernsthaft, daß Sie Wahrheit produzieren, nur weil Sie wissenschaftlich arbeiten (oder denken) würden?
Dann unterliegen Sie aber ganz offensichtlich und heftigst dem, was Sie @zeitschnur vorwerfen: einem Glaubenskonstrukt.

Zur Wahrheit gehört immer auch Bedeutung und nicht nur eine Fixierung auf logische Kategorien.
Denken Sie mal 2 Minuten Ergebnisoffen darüber nach.
Dann müßte Ihnen doch klar sein, daß Sie da offensichtlich einem Irrglauben aufsitzen, wenn Sie meinen, Sie würden "Wahrheit" produzieren.
Von "Wahrheit" im naturwissenschaftlichen Kontext mal ganz zu schweigen.

Maiordomus
14. Dezember 2019 10:48

@Nemesis, Was heisst schon "Wahrheit" im naturwissenschaftlichen Kontext? Da müssten wir wissenschaftshistorisch die Arbeitsweise von Kepler und Newton mal genauer anschauen, von Einstein am 9. November in der Frankfurter Zeitung überaus verständlich erläutert. Es handelt sich hochgradig immer noch um eine Art Platonismus. Der Rest steht in "Logik der Forschung" von Popper, auch wenn natürlich in diesen Fragen die Debatte nie zu Ende ist. Die meisten im Bereich der Naturwissenschaften noch kompetent Ausgebildeten, heute nicht zuletzt auch viele Meteorologen, haben Schwächen im Bereich Erkenntnistheorie und Theoriebildung sowie Metamathematik. Deswegen verfallen sie schnell mal in einen mehr oder weniger primitiven Materialismus, immerhin von Marx/Engels "Vulgärmaterialismus" genannt.

Aber viel wichtiger auch gerade in diesem Zusammenhang scheint mir der heute in der Neuen Zürcher Zeitung veröffentlichte Artikel von René Zeyer "Achtung Faschismus" zu sein mit dem bis jetzt exaktesten Nachweis, dass die primitivsten Strukturen pseudowissenschaftlichen Denkens im Umfeld des Nationalsozialismus und seiner Vorläufer unterdessen bei der deutschen Linken bzw. beim publizistischen zeitgeisthörigen Mainstream angekommen sind: Danach verfügen Wähler von Trump, der SVP sowie anderer rechtspopulistischer Parteien gemäss der "Framing"-Forscherin und Spiegel-Bestsellerautorin über eine spezielle Hirnstruktur, vergleichbar mit alten "Untermenschen"-Theorien: "Trump-Wähler, allgemein Wähler im rechten Spektrum, haben eine grössere Amygdala, also einen grösseren Bereich im Gehirn, der Angst und Stress und Aggression berechnet." Diese Amygdala Theorie, aus der "Hirnforschung", die übrigens meines Erachtens in der Regel hauptsächlich von erkenntnistheoretisch Unbedarften als Erklärung aller Dinge zitiert wird, ersetzt die alten kraniometrichen Theorien, mit denen früher u.a. die überlegenen von den unterlegenen Menschenrassen unterschieden wurden. Das Wichtigste scheint mir, dass die wirklich idiotischen Bestandteile der nationalsozialistischen "Weltanschauung" nun unterdessen eine Metamorphose zur kampftauglichen Pseudowissenschaft mit dem Zweck der politischen Eliminierung des Gegners bei Spiegel u. Co, speziell beim Faschismus als Antifaschismus, angekommen sind. Das ist nun meines Erachtens wirklich mehr als nur "Vogelschiss"; es hat auch nichts zu tun mit der Analyse der realen Dummheiten, die es natürlich auch auf der Rechten gibt. Zu den bedeutendsten Errungenschaften der Psychologie der Massen zähle ich persönlich das von mir auch schon mal zitierte "Erhaltungsgesetz der Dummheit" von Jacques Maritain, welches lautet: "Dummheit bleibt erhalten. Sie wechselt aber koordiniert mit dem Wechsel der Mehrheitsmeinungen das Lager."

zeitschnur
14. Dezember 2019 14:40

@ Amos

Kultur ist immer Erinnerungskultur. Unser Problem heute ist, dass es keine de-fragmentierten Erinnerungen mehr gibt. Man sagte ja im 17./18. Jh, der Übergang von der hieroglypischen (Bild-)Schrift zur Buchstaben-Lautschrift habe die Fähigkeit der Kultur, sich zu erinnern, vernichtet. Man glaubt, was aufgeschrieben ist in Alphabetentexten sei nun in sichere Erinnerung gegossen. Aber das haben Leute wie Warburton etwa bestritten: es ist umgekehrt. je alphabetisierter ein Volk, desto weniger erinnert es lebendig, was es ausmacht.

Der Prozess der Selbstvergessenheit schreitet also bei uns - will man diesen Theorien folgen - schon seit Jahrhunderten voran. Es gibt zwar Klugscheißer, die alles genau wissen, weil sie irgendwelche Quellen studiert haben (und die Borniertesten findet man durchweg unter Naturwissenschaftlern, denen zunehmend völlig abhanden gekommen ist, dass alle Wissenschaft theoriegeleitet ist und darum nicht "wahr", sondern nur wahrscheinlich (im besten Fall) oder irgendwie funktionsfähig (wenn es um Technik geht), dabei nicht begreifend, dass das Funktionieren einer Maschine noch kein Beweis für die Richtigkeit der zugrunde liegenden Theorien sein muss - ich stimme hier @ Nemesis zu (Pax!), aber woher kommt die beständige Auseinandersetzung darüber, was wirklich "richtig" erinnert wird?

Wenn die Gelehrten des Barock eine Wende von der Bildschrift zur Buchstabenschrift als Anlass der Erinnerungsverfalls ansahen, kann man das heute noch viel mehr wegen der Wende zur Digitalisierung sagen, die letztendlich aus Erinnerung binär aufgedröselte "Information" macht. Aus einer komplexen *wav-Audiodatei gewissermaßen eine Oberflächen-MP3.

Der Vatikan trieb es schon mit der beginnenden Neuzeit auf das Unfehlbarkeitsdogma hin: in Trient wurde die Irrtumsfreiheit der Hl. Schrift definiert, im 19. Jh die Infallibilität von Lehrsätzen, die der Papst ex cathedra proklamiert. D.h.: der Schrifttext ist "wahr" als Erinnerungsbuch in einem diskursiven Sinn. Die Dogmen sind wahr, weil sie das feststellen, was sowieso "immer schon geglaubt wurde".

Der Zeitgenosse, gerade auch der fromme christliche, dreht hohl bei der Vorstellung, dass das in diesem Sinn als "wahr" Bezeichnete so doch nur eine verzerrte Erinnerung sein könnte, weil durch die kirchliche Engführung bereits diese einzige Alternative nahgelegt wurde: wenn der Text nicht in DIESEM Sinne wahr ist, ist er definitiv falsch. Prima. Jeder, der nach einer differenzierten Auffassung suchte, geriet unter den Verdacht des "Modernismus" (extrem seit Pius X.) und der "Bibelkritik" (v.a. auf protestantischer Seite) oder aber der "Wissenschaftsfeindlichkeit" (aufseiten der bornierten Vulärmaterialisten).
Wir kennen also nur noch das Schema: wahr/falsch der Aussagenlogik.

Diese Methode wurde allem übergestülpt, im 20. Jh dann auf eine suggestive und immer wieder totalitäre Weise hinsichtlich der Erinnerung eines Volkes, als seines Selbstverständnisses und seiner essentiellen, die eigenen Geschichte komplex erinnernden Gedächtnisleistung. Die Geschichtswissenschaft geriet in eine Dauerlähmung und lavierte zwischen Fronten des "Wahren" und "Falschen". Gerade wir Deutschen haben es mit einer Manichäisierung der Geschichtswissenschaft zu tun.

Zurück bleibt die Frage: Wie kann überhaupt eine Kultur ohne lebendige, NICHTdogmatische Erinnerung überleben?
Ich fürchte: gar nicht.
Digitalisierung heißt per se: De-Kultivierung. Und: Totalitarismus, 1 - 0, schwarz-weiß, mehr ist da nicht.
Das ist gewollt.
Und es schießt nicht nur gegen Deutschland, sondern gegen jede Kultur dieser Welt.
Es gibt nur noch "Narrative", wobei die Guten die "Wahrheit" innehaben (die mit der "1"), und die Bösen es sind, die sich auf erfundene "Narrative" stützen (die mit der "0"). Die "Narrative" sind fast dasselbe wie "Fake news". Eine Art "Legenden" oder "Ammenmärchen".
Wer die "Wahrheit" spricht, wird seitens der Mächtigen dazu autorisiert, auch wenn er Scheiße labert, lügt oder strohdummes Zeug aus geöltem Großmaul von sich gibt.

Es gibt zwar alle möglichen Erinnerungsfragmente, aber keine lebendige "Erinnerung am Stück" mehr. Die Problematik wurde ebenfalls schon vor ca. 1000 Jahren hierzulande spürbar, als die Kirche mit der Eucharistie als einer echten Erinnerungsfeier nichts mehr anzufangen wusste und daraus ein pseudomystisches Konstrukt machte, das dann mit vollem Recht von Luther kritisiert wurde - eben weil Jesus eine "anamnesis", eine "commemoratio" geboten hatte, ein lebendiges Erinnern der bereits als Erinnerungskultur vorhandenen Pessachfeier (Exodus) im Hinblick auf ihn, auf den hin diese alte Haggada zugelaufen war und durch ihn den Sinnzusammenhang erhalten hat, der erinnert wurde, um sich eines Tages zu ereignen.
Dies wurde nach 1000 Jahren Christentum nicht mehr verstanden und konnte (wollte) nicht mehr geleistet werden.
Mit einem gewissen Recht sagen daher manche, dass unser Kultur bereits vor ca. 1000 Jahren ihren Zenit überschritten hat und seither niedergeht.

Noch ein Wort zu diesen Dünnbrettbohrerargumenten, die einer oben ausbreitet von wegen, theoretische Kommentare hätten keine Wirkung: Doch, mein Lieber, wenn überhaupt haben NUR solche Kommentare eine Wirkung! Wie sagte einst meine Mathematiklehrerin: Erst denken, dann handeln! Aktionismus wird zu nichts aber auch gar nichts führen. Und bevor Sie Probleme lösen, sollten Sie die Probleme überhaupt erst einmal verstanden haben, und das ist die derzeit schwerste Aufgabe, eben weil wir schon so lange keine Erinnerungskultur mehr haben!

Nemesis
14. Dezember 2019 15:49

@Maiordamus
Ja, es ist wahr: Ohne Beschäftigung mit Erkenntnistheorie (oder zumindest Nachdenken darüber) degradiert Wissenschaft zu einer - aus meiner Sicht - reinen Methodikveranstaltung. Diese kann zwar immer noch mächtig sein (im Sinne von Technologieentwicklung), aber mit Wissenschaft hat es eben nichts mehr zu tun.

Exakt das, was Sie beispielhaft am Fall der"Amygdalaforschung" aufführen, ist der eigentliche Grund gewesen, weshalb ich diesem Unsinn von @Imagine, Wissenschaft produziere "Wahrheit" meine Gegenrede entgegengesetzt habe.
Mir ist unverständlich, wie Leute, die sich als Wissenschaftler bezeichnen, solchen Unsinn wirklich glauben können. Selbst wenn man das inhaltlich nicht durchdenken kann (oder will), so sollte doch schon alleine eine Betrachtung der Begrifflichkeiten klar machen, daß es im wissenschaftlichen Prozeß gar nicht um "Wahrheiten" gehen kann. Denn wenn eine Annäherung an einen beobachteten Prozeß in eine (theoretisch) ausformulierte Erkenntnisstufe mündet,
so wird das ja nicht umsonst Theorie genannt. Theorie - und nicht "Wahrheit". Und das aus gutem Grund.
Also allein über die Begrifflichkeiten müßte doch klar sein (oder werden), daß da Unterschiede bestehen müssen.

Schräg wird es dann, wenn diese beiden Ebenen vermischt werden. Es zerstört nicht nur die Wissenschaft, sondern es hat noch sehr viel weiterreichende, katastrophale Implikationen, denn wer der Überzeugung ist, er besitze sie - die Wahrheit - wird andere Erkenntnissysteme i.d.R. nicht nur ablehnen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, daß sie dann bekämpft und zerstört werden.

Ihr exemplarisch am Fall der "Amygdalaforschung" Aufgeführtes zeigt es. Da schließt sich dann der Kreis.

Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zu der Überzeugung, daß die Grundlage der großen (westlichen) Totalitarismen genau darin ihren geistigen Grund und Vorläufer zu haben scheinen:
Erdung des wissenschaftlichen Prinzips durch Erhebung des alleinigen "Wahrheitsanspruch" überführt dieses - eigentlich notwendig - offene System in ein hermetisch abgeschlossenes System (Ideologie). In Folge davon werden andere Erkentnissysteme ebenfalls geerdet. Die fatale Folge: Die einzige Tür, die dann noch offen ist, ist jene, die in einen ausschließlich reinen (vulgär) Materialismus führt. Nicht das Materialismus per se schlecht oder zu vermeiden wäre. Das geht ja schon deshalb nicht, weil wir ja auch Materie sind. Es sind die Ausschließlichkeiten.

Danke für Ihre weiterführenden Anregungen, werde ich mir anschauen. Hier noch eine kleine Rückflanke meinerseits:
Alfred North Whitehead, Paul K. Feyerabend und David Berlinski (von ihm findet man auf youtube etliche Beiträge.
Selbst wenn man nicht mit ihm übereinstimmen will, so lohnt sich - aus meiner Sicht - unbedingt die Auseinandersetzung mit seinen Argumenten. Jedenfalls sind es keine dummen Argumente, die der Mann da auf den Tisch packt.)

"Erhaltungsgesetz der Dummheit" von Jacques Maritain, welches lautet: "Dummheit bleibt erhalten. Sie wechselt aber koordiniert mit dem Wechsel der Mehrheitsmeinungen das Lager."

Ich bin mir da nicht so ganz sicher, ob es sich um eine Erhaltungsgröße handelt. Es könnte sich auch um eine extensive Größe handeln...

Gracchus
14. Dezember 2019 17:07

Interessant, dass Sie @Maiordomus und @Links meine all time favorites nennen: Kleist und Hebel, Kafka und Walser - und W. G. Sebald, der Handke einiges verdankt, würde ich auch dazuzählen.

Maiordomus
14. Dezember 2019 17:12

@Nemesis. Ihre Ausführungen scheinen mir sehr sorgfältig überlegt. Dass der Unsinn mit der Amygdala-"Forschung" von einer Akademikerin mit Doktortitel und Verfasserin eines Framing-Manuals für die ARD verzapft wurde, und zwar gemäss NZZ in einem Interview mit dem Deutschlandfunk, gibt sehr zu denken. Mit diesem Beitrag mit dem Titel "Achtung, Faschismus" erfüllt diese Zeitung endlich wieder mal die ihr von Altverfassungsschützer Massen nachgesagte Funktion als "Westfernsehen" im heutigen deutschsprachigen Medienbetrieb.

Nemesis
14. Dezember 2019 20:37

@zeitschnur
Pax zurück.
(Wird von mir auch nicht in Frage gestellt, auch wenn es zwischen uns immer mal wieder funkt. Ist gut so..)
:))

"Digitalisierung heißt per se: De-Kultivierung. Und: Totalitarismus, 1 - 0, schwarz-weiß, mehr ist da nicht."

Ja, sehe ich genauso. Das ist der Fluch einer rein binären Logik.
Im Grunde genommen, müßte man eine dreiwertige Logik einführen: 1 (wahr) - 0 (falsch) - 3. Zustand: unentscheidbar (temporär oder auch prinzipiell (Heisenberg etc.))
Oder wieder mehr Analog...

Und weil ich schon dabei bin zu schreiben:
Jetzt bekommen Sie von mir auch gleich wieder eine Gegenrede, denn: Das Leben braucht Konstanten!
:)))

"Noch ein Wort zu diesen Dünnbrettbohrerargumenten, die einer oben ausbreitet von wegen, theoretische Kommentare hätten keine Wirkung: Doch, mein Lieber, wenn überhaupt haben NUR solche Kommentare eine Wirkung! Wie sagte einst meine Mathematiklehrerin: Erst denken, dann handeln! Aktionismus wird zu nichts aber auch gar nichts führen. .."

Ein entschiedenes Sowohl-als-Auch.
Manchmal ist das Eine wichtig, manchmal das Andere.
Wir Alle können froh sein, daß unsere Systeme (Körper) bei manchen Vorkommnissen nicht erst lange analysieren oder denken. Sondern handeln. Sonst wären wir Alle schon längst nicht mehr am Leben.
Es kann in der einen Situation zum Überleben führen.
In einer Anderen zum Grauen.
Das Gleiche gilt fürs Denken.
It depends.
Sie wissen doch: Alles hat seine Zeit...

@Maiordomus
Ja, ich habe gerade den Artikel gelesen und kann nur bestätigen, daß er eine hervorragende Analyse ist.
Danke.

Gustav Grambauer
14. Dezember 2019 22:02

Franz Bettinger

"Wird die Geschichte Kohl, Fischer, Scharping, Schröder und Merkel ...) einst dann von Schuld freisprechen?"

Für mich war damals interessant zu studieren, wie in Scharping als Kriegsminister mit seiner berüchtigten Bundestagsrede schon äußerlich ein völlig anderer Typ als noch am Tag zuvor zu sehen war. Zuvor ein blasser, unsicherer, geradezu verklemmter Bürokrat mit lächerlichem Zickenbärtchen, auf einmal ein aggressiv-suggestiver Testosteronausschwitzer mit Charisma und demagogischer Schärfe, so daß sozusagen die Luft gefror wenn er am Rednerpult mit weit ausholender Gestik losdonnerte. Dies war sicher nicht annähernd mit Rhetorik-Kursen und Solariumsbesuchen zu erklären, denn auch seine Gesichtszüge waren entgleist. Vielmehr ist der Krieg für Befehlshaber eine energievampiristische Initiation, wofür GFM Hindenburg das Analogon gebracht hat, er wäre für ihn eine Badekur.

Schröder geht mit der Bombardierung Serbiens im politischen bzw. publizistischen Alltagsrumnmel - aber auch nur dort - immer in die Offensive, sagt dort immer sinngemäß, er habe "abwägen müssen und sich für humanitäres Handeln entschieden".

Hier ab 34:00

https://www.youtube.com/watch?v=StFZmsRk1xU

sagt er, den Faden spinnend über die ihm zu verdankende Absenz der BRD am zweiten Irak-Krieg, von der jeder weiß, daß sie nur eine förmliche war, und dabei dramaturgisch-trickreich mit seiner (angeblichen) Verhinderung des Auslöschens von Menschenleben einleitend: "Die Beteiligung der Bundeswehr an den Kampfeinsätzen im Kosovo und in Afghanistan waren die schwierigsten Entscheidungen in meinem ganzen politischen Leben".

Wer glaubt ihm das?! Es handelt sich um ein für spätere Generationen bestimmtes persönlich gehaltenes und lebensbilanzierendes Porträt, für das er sich Reinhold Beckmann anvertraut hat, welcher, zum Niedersachsen-Filz zugehörig, S. gleich 1998 die Anstellung bei der ARD verdankte. Schröder verrät sich damit, daß während der ganzen 58 Minuten Hofberichterstattung kein einziges Mal das Wort Serbien fällt. Er weiß also ganz genau Bescheid um diesen größten Schwarzen Fleck auf seiner Biographie.

- G. G.

Imagine
15. Dezember 2019 00:30

Offensichtlich ist nur wenigen bewusst, dass wir uns seit einem halben Jahrhundert in einer Niedergangs- und Dekadenzphase der kapitalistischen Gesellschaften befinden.

In gesellschaftlichen Krisenzeiten entstehen Angst, Unsicherheit und Orientierungslosigkeit. Die Individuen entwickeln realitätsferne subjektive Konstrukte, um die Realität psychisch besser ertragen zu können. Das ist wie mit der Religion. Freud hat die psychischen Mechanismen von Realitätsverdrängung, -umdeutung und –verleugnung beschrieben.

Es gibt individuelle und kollektive Neurosen und Wahnzustände.

Deutschland ist ein Beispiel dafür, wie ein ganzes Volk in einen Wahnzustand geraten ist und erst die Realität akzeptieren konnte, als die alliierten Soldaten unmittelbar vor ihnen standen. Vorher haben sie noch ans Tausendjährige Reich geglaubt und an den Endsieg mit Wunderwaffen.

Die deutschen Eliten haben - nicht zum ersten Mal - ihr Volk verraten und es weiter kämpfen und sterben lassen, obwohl der Krieg niemals zu gewinnen war und spätestens nach Stalingrad klar war, dass dieser Krieg verloren ist.

War das Verhalten der 68-er-Bewegung und ihr Kampf für eine Weltveränderung noch rational begründet, so brach nach dem Scheitern dieser Emanzipationsbewegung die gesellschaftliche Irrationalität voll durch. Überall waren Sekten zu beobachten. Neo-religiöse wie Scientology, die Bhagwan-Bewegung etc. An unsere Uni kamen Anfang der 70-er Jesus People und Hare Krishna-Anhänger und predigten dort in der Mensa.

Daneben bildeten sich politische Sekten. Anarchistische, leninistische, stalinistische, trotzkistische, maoistische Gruppen glaubten an eine Arbeiter- bzw. Volksrevolution und wollten die Massen agitieren. Aber diese wollten lieber konsumieren. Dann gab es noch „Aussteiger“, aus denen nicht selten Sozialparasiten oder Kriminelle wurden. Und dann entstanden noch gab es jene Desperados, die einen völlig irrsinnigen bewaffneten Kampf führen wollten und von Geheimdiensten manipuliert wurden.

Daneben existierten Psycho-Sekten und verschiedenste Esoterik-Anhänger.

Parallel dazu verlief ein Prozess der Wissenschaftszerstörung.

Glauben und Wissen vermischten sich, wie im Mittelalter. Der Wissenschaft wurde die Eignung abgesprochen, Objektivität und Wahrheit hervorzubringen. Der Radikale Konstruktivismus behauptete, dass die Realität im Auge des Betrachters entstehe.

Die Universitäten wurden mit Studentinnen geflutet, die wissenschafts- und theoriefeindlich waren und meinten, das Wissenschaftssystem werde von „verkopften“ Männern beherrscht, während die weibliche und gefühlsmäßige Realitätswahrnehmung „ganzheitlich“ und besser sei.

Waren Männer in der Vergangenheit zu Affektkontrolle („Jungen weinen nicht“) und zu einem rationalen Zugang zur Welt erzogen worden, so sollten sich nun der Realität emotional zuwenden und sich ihren Gefühlen hingeben.

Der Kapitalismus braucht Arbeits- und Konsumidioten. Und genauso funktionieren Bildungsinstitutionen und Massenmedien.

Inzwischen ist aus der westlichen Welt ein Irrenhaus geworden. Psychopathen nehmen Führungspositionen ein und sie denken und verhalten sich wie Kinder, die den kindlichen Narzissmus nicht überwunden haben.

Wenn @zeitschnur schreibt: „Aber vielleicht ist es auch nur das Stockholmsyndrom, das Deutschland so aussehen lässt, wie es aussieht.“, dann manifestiert sich hier eine realitätsferne Wahrnehmung.

Auch wenn ich @zeitschnur gern zugestehe, dass sich Deutschland politisch-psychisch so verhält, als wäre es eine gefangene Geisel und mit dem Tode – durch die herrschenden Mächte – bedroht und @zeitschnur es so gefühlsmäßig erlebt, so ist dies tatsächlich jedoch nichts anderes als eine paranoide, realitätsferne Wahrnehmung.

Dass die Normalbevölkerung in Deutschland heute so in der Merde sitzt, ist von den Deutschen selbstverschuldet.

Zum einen verschuldet durch ihre Eliten, zum anderen durch das Heer der Mitläufer, was von der Trinität aus Feigheit, Faulheit und Dummheit gekennzeichnet ist. Die unterwürfigen Massen sind das Pendant zu ihrer Führung, die nur auf ihren persönlichen Vorteil aus ist, konfliktscheu, rückgratlos und „rechtsnihilistisch“ ist – ein Euphemismus für verbrecherisch.

Deutschland ist keine „Geisel“ der US-Amerikaner. Niemand hat die Deutschen gezwungen, ihre erstklassigen Gymnasien und Universitäten abzuwirtschaften. Die „Wirtschaft“ wollte ein Überangebot von akademisch qualifizierten Arbeitskräften, um deren Löhne zu drücken, und die Politik hat dies widerstandlos umgesetzt.

Die „Wirtschaft“ wollte die Arbeitskraft der Mütter profitabel verwerten und so hat man den Kindern ihre Mütter weggenommen. Und in Folge dessen sind die Familien als schützende Gemeinschaften kaputtgegangen, immer weniger Kinder wurden geboren und Millionen von Kindern wuchsen (wohlstands)verwahrlost mit psychischen Defiziten und Verhaltensstörungen auf. Man wusste aus der wissenschaftlichen Forschung (vgl. René Spitz), dass dies eintreten würde, aber die Profite der Kapitaleigner waren wichtiger als das Wohl der Kinder und des Volkes.

Niemand hat die Deutschen gezwungen, Privat-TV einführen und damit der Massenverblödung durchs Fernsehen Tor und Tür zu öffnen.

Deutschland hatte bei all den verfassungs- und völkerrechtswidrigen Kriegen die Möglichkeiten „nein“ zu sagen. Schröder ist sicherlich beim Jugoslawienkrieg überrumpelt worden. Zudem waren die Kriegsvorbereitungen schon im vollen Gang.

Schröder hat die Teilnahme am illegalen Irak-Krieg verweigert. So wie später Westerwelle beim illegalen Angriffskrieg auf Libyen. Dies zeigt, dass es möglich war, wenn man es wollte.

Heute ist Deutschland ein Volk der Opportunisten, Arschkriecher und Heuchler. Kohl begann mit der offenen Günstlingswirtschaft. Kritische Journalisten finden sich in den Regierungs- und Milliardärsmedien nicht mehr. Die Lehrer funktionieren so regierungskonform und opportunistisch wie im NS-Staat und in der DDR. Die gesamte Gesellschaft ist durch Korruption moralisch zersetzt. Überall Gier und Geiz.

Deutschland wird von fast allen – oben, in der Mitte und unten - wie ein Steinbruch behandelt, wo sich jeder etwas herausbricht ohne Rücksicht aufs das Gemeinwohl.

Es ist eine Gesellschaft entstanden, die in ihrer A-Sozialität, ihrem Irrationalismus und ihrem Verlust einer Orientierung durch die Wissenschaft immer weiter in Richtung auf einen „failed state“ geht.

Imagine
15. Dezember 2019 11:07

Der Prozess der Wissenschaftszerstörung manifestiert sich auch in den Kommentaren. Denn offensichtlich ist der Begriff von Wissenschaft verlorengegangen.

Wissenschaft ist nicht das, was der Wissenschaftsprozess an Output produziert.

Denn dies kann mit Betrug und Fälschung entstanden sein mit dem Ziel, ein falsches Bewusstsein zu schaffen und eine falsche Orientierung zu geben.

Dafür gibt es unzählige Beispiele. Pharmastudien werden gefälscht, um Profit mit einem Medikament zu machen. Der größte Teil der neuen Medikamente sind Pseudo-Innovationen, die man auf den Markt bringt, weil die alten Patente abgelaufen sind. Zum Teil sind diese neuen und angeblich besseren Medikamente jedoch in Wirklichkeit schlechter. Es gibt eine ganze Industrie, die wissenschaftliche Schein-Kongresse und Schein-Fortbildungen abhält mit dem Ziel der Vermarktung von Pharmaka, Lifestyle-Drogen und Medizintechnik. Jeder kritische Mediziner weiß um diese Zusammenhänge. Daraus entsteht das Problem, dass man als Mediziner keinen Studien oder Fachpublikationen mehr trauen kann und nicht mehr weiß, woran man sich orientieren kann. Das war vor 50 Jahren noch völlig anders.

Betrug ist überall. In der Pharma-, Finanz-, Versicherungs-, Nahrungsmittel-, Asyl-, Energie-, Ökoindustrie etc. Selten wird der Betrug so offenkundig, wie im Fall der Automobilindustrie und zudem die Komplizenschaft mit Politik, Medien und Wissenschaft.

Natürlich ist die Behauptung von einem Zusammenhang von Amygdalagröße und Rechtsextremismus pseudo-wissenschaftlicher Unsinn. Jeder echte Wissenschaftler könnte dies sofort als unwissenschaftlich widerlegen.

Der Kern von Wissenschaft besteht darin, Methoden zu entwickeln, um Wissen auf Wahrheit und Richtigkeit zu überprüfen zu können. Nur ist dieser Begriff von Wissenschaft verlorengegangen.

Nicht alle Bereiche des menschlichen Wissens sind der wissenschaftlichen Überprüfung zugänglich. Diese Bereiche fallen dann in die Kategorien Glauben und Nicht-Wissen.

Die Individuen, welche in der Lage sind, bei sich selbst wissenschaftlich geprüftes Wissen von Glauben und Nicht-Wissen zu unterscheiden, sind heutzutage eine große Seltenheit.

Unwissenheit und Dummheit tun nicht weh, im Gegenteil sie führen in schlechten Zeiten zu Wohlbefinden.

Es ist im gesellschaftlichen Dekadenzstadium zur zweiten Natur geworden, die eigene Wahrnehmung so umzudeuten, dass man sich wohler fühlt. Es existiert inzwischen sogar ein „Think-positive!“-Imperativ. Wenn dies nicht ausreicht, dann gibt es noch die psychotropen Substanzen wie Alkohol, Psychopharmaka und illegale Drogen. Zudem Pop-Musik zur Stimmungsmache. Viele lassen sich den ganzen Tag das Gehirn damit penetrieren, damit sie psychisch besser drauf sind.

In den USA, Kanada etc. hat man bereits den Cannabis-Konsum entkriminalisiert. Es scheint, dass Cannabis zukünftig die Volksdroge neben Alkohol werden wird.

Schöne neue kapitalistische Welt.

Maiordomus
15. Dezember 2019 11:21

Weil es irgendwie zu Peter Handke passt und weil das Literarische und Poetische nachhaltiger wirkt als jede politische Stellungnahme, zitiere ich ein Gedicht von Joseph von Eichendorff, dem konservativen Chronisten der christlichen Literatur in Deutschland und biographischem Verehrer der heiligen Hedwig von Schlesien: Was er als raunender Prophet zur geistigen Situation der damaligen Zeit zu sagen hatte:

"Denn eine Zeit wird kommen,
Da macht der Herr ein End,
Da wird den Falschen genommen
Ihr unechtes Regiment.

Denn wie die Erze vom Hammer,
So wird das lockre Geschlecht
Gehaun sein von Not und Jammer
Zu festem Eisen recht.

Da wird Aurora tagen
Hoch über den Wald hinauf,
Da gibts was zu singen und schlagen,
Da wacht, ihr Getreuen, auf."

Den Text habe ich nicht gleich einer historisch-kritischen Ausgabe entnommen. Er wurde von einem Blogger der "Jungen Freiheit" aus Anlass der Wahlen in Grossbritannien zitiert.

Maiordomus
15. Dezember 2019 12:03

@Imagine. Ihre Ausführungen zur Pseudowissenschaft sind leider etwas pauschal formuliert und überzeugen nur diejenigen, die im voraus schon so denken. Was jedoch René Zeyer am Beispiel der wirklich fürchterlichen ARD-"Framing"-Expertin ausgeführt hat, ist, so weit es in einem Zeitungsartikel möglich ist (NZZ v. 14.12. 2019), konkrete Überführung einerseits von unwissenschaftlichem, andererseits brutal totalitärem Denken, das ausser an einschlägige Nationalsozialisten auch an die Psychiatrie in der ehemaligen Sowjetunion und an den Film "A clockwork Orange" von Stanley Kubrick denken lässt.

Franz Bettinger
15. Dezember 2019 12:41

@imagine: zu meiner eigenen Überraschung kann ich Ihrem Kommentar zur Problematik von „Wissenschaftlichkeit" voll und ganz zustimmen, gerade auch Ihren Beispielen aus Medizin und Pharmakologie. Mit dem Verweis darauf, dass Cannabis (das ich bisher für ziemlich harmlos hielt) unter gesellschafts-politischen Aspekten eine neue Rolle zufallen könnte, haben sie mir sogar etwas Neues (und womöglich Richtiges) gesagt. Frau @Zeitschnur hält ja nicht viel von „Wissenschaftlichkeit“. Man kann es ihr kaum verdenken angesichts des massiven Betrugs, dessen sich "die Hure Wissenschaft" seit mindestens 40 Jahren schuldig macht. Jeder echte Wissenschaftler erkennt ihn, den Betrug, vor allem im eigenen Sektor, nicht nur Journalisten und Ärzte, auch Automechaniker und Wurst-Fabrikanten. Und doch gibt's sie, die Wissenschaft, wenn auch gebeutelt, und sie ist durch nichts zu ersetzen - keinesfalls durch Intuitionen oder Glaubenssysteme. Epidemiologie und evidence based science (oder e.b.medicine) sind eigens dafür geschaffene Fächer, um Studien, Statistiken und gar Experimente auf Fälschungen + Fehler zu überprüfen. Leider werden diese Fachgebiete staatlicherseits kaum finanziell unterstützt, z.B. das Cochrane Institut in Freiburg. Es ist außerdem zu befürchten, dass diese (Objektivierungs-) Institute wie die WHO von der Lügen- und Betrugs-Industrie unterwandert werden und ihre Expertisen (NNT, ARR…) dann auch nichts mehr wert sind.

Gracchus
15. Dezember 2019 13:57

@Maiordomus: Aus einem Interview der ZEIT mit Handke, wo dieser sich quasi als literarischer Ethnopluralist empfiehlt:

Handke: [...]Als ich noch ein junger Schriftsteller war, stand in irgendeiner Rezension »Der dunkle Handke«, es hat mir geschmeichelt. Aber das ist lange vorbei. Ich will Licht sein. Aber ich möchte forschen im Schreiben. Ich will nicht amerikanisch aufbereitet schreiben. Die deutsche Sprache hat ihr eigenes Recht, aber auch ihre Schlingen. Wenn man sich ihren Assoziationen, ihren Klängen völlig hingibt, kann man sich leicht verlieren. Nicht wenigen Schriftstellern ist das ja passiert. Andererseits sind wir eben deutschsprachige Schriftsteller, und das muss man auch merken. Wir können nicht schreiben wie die Amerikaner, wie die Franzosen. Hätte Eichendorff schreiben sollen wie Flaubert oder Stendhal?

ZEIT: Eichendorff kann man sich eigentlich in einer anderen Literatur gar nicht vorstellen.

Handke: Ja, der ist herrlich, die deutsche Literatur hat ihre eigenen Geschichten, ihren eigenen Fortgang. Das muss man bewahren. Das müssen Kretins wie ich praktizieren. Und das ist spannend, ist herrlich. 

Gracchus
15. Dezember 2019 14:37

@imagine:

"Offensichtlich ist nur wenigen bewusst, dass wir uns seit einem halben Jahrhundert in einer Niedergangs- und Dekadenzphase der kapitalistischen Gesellschaften befinden." Ich denke, das ist den meisten Foristen hier nur allzu schmerzhaft bewusst!

Ihren WissenschaftsGLAUBEN in allen Ehren, aber der ist obsolet. So obsolet wie Freuds Religionskritik, wenn man sie verabsolutiert. C. G. Jung war dagegen der Auffassung, dass Religion davor bewahren kann, den weltlichen Götzen Macht, Geld und Sex zu verfallen. Alexander Kluge spricht im Anschluss an Adorno von notwendiger Illusion, z. B. dem Ur-Vertrauen, dass die Welt entgegen der Erfahrung es gut mit einem meine. Ich sage Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, und sehe darin keine Illusion. Ihre rationale Wissenschaft spendet weder Trost noch Kraft. Auch wird sie erst systematisch seit dem Spätmittelalter/ der frühen Neuzeit betrieben, kann für das Fortbestehen der Menschen nicht derart wesentlich sein. Ich stelle mir den säkularen, transzendenzlosen Menschen vor: Für ihn gibt es keine Erfüllung im Jenseits, alles muss sich hier und jetzt erfüllen, man lebt nur einmal, und morgen ist man vielleicht tot. Für das, was Sie als Niedergang beschreiben, sehe ich mehrere Ursachen: Der BRD, kein wirklich souveräner Staat, wurde nach WW II ein gnadenloser Modernisierungskurs verordnet, die gesamte Kultur unter Verdacht gestellt, den NS gefördert zu haben, alles genommen, was ein Widerlager gegen die - um ihre Diktion zu benutzen - kapitalistische Verwertungslogik bilden könnte. Der BRD-Mensch ist einerseits von seinem kulturellen Erbe als auch von jeder Transzendenz abgeschnitten. Ich pauschaliere natürlich. Ich schliesse auch nicht die Augeb davor, dass der Kapitalismus, den Walter Benjamin selbst als Religion beschrieb, sich Religion anverwandelt hat: Einst spirituelle Techniken wie Meditation werden zum Zwecke der Selbstoptimierung umgenutzt (wie z. B. auch japanische Soldaten im 2. Weltkrieg in ZEN-Praktiken unterwiesen wurden).

heinrichbrueck
15. Dezember 2019 19:26

Demokratischer Konstruktionsfehler? Der Witz an der Demokratie ist doch, daß sie funktioniert (siehe Imaginekommentare und sein lächerliches Wissenschaftszertifikat). Wird aber wahrscheinlich erst dann verstanden, wenn es noch 5000 Deutsche gibt. Wer gibt schon gerne zu, reingelegt worden zu sein? Hier wird nur zu oft vergessen, wie Deutschland zur Demokratie bombardiert wurde. Unsere Vorfahren waren nicht dümmer, die wußten Bescheid. Demokraten werfen ihre Stimme in den Mülleimer und wundern sich dann, wenn die gewünschte Hoffnung ausbleibt. Es erfordert ein hohes Maß an persönlicher Wirklichkeitsbeobachtung, den realen Dingen halbwegs auf den Grund spüren zu können. Wer kann schon die Demokratie und die Realität erfassen? Wenn Demokratie ein Prozeß ist, was ich nicht glauben kann, dann ist es ein Prozeß in den Untergang. Schöne neue Anthropologie, wenn das System vorgezogen wird. Die negative Demokratievorstellung ist voraussagbar, so sicher wie das Amen in der Kirche. Meinungsfreiheit und das Ende der Umvolkung? Eine demokratische Wahnvorstellung. Der Teufel könnte die Demokratie beweisen, die Wissenschaft kann es nicht. Und dieser satanischen Wahnvorstellung auf den Leim zu gehen, dürfte Marx als Lehrer oftmals nicht weit sein, wenn immer der Selbsthaß sich im eigenen Volk widerspiegelt, wie die Scheißkommunisten und Klimaretter es täglich beweisen

Nemesis
15. Dezember 2019 21:47

@Imagine
"Freud hat die psychischen Mechanismen von Realitäts-verdrängung, -umdeutung und –verleugnung beschrieben."

Mit Freud haben Sie -ganz instinktsicher- das Paradebeispiel objektiver Wahrheit in der Wissenschaft herausgegriffen.
Bliebe nur noch zu klären:
Hat er das vor, während oder nach seiner Kokserei herausgefunden?

"Der Kern von Wissenschaft besteht darin, Methoden zu entwickeln, um Wissen auf Wahrheit und Richtigkeit zu überprüfen zu können. Nur ist dieser Begriff von Wissenschaft verlorengegangen...Der Wissenschaft wurde die Eignung abgesprochen, Objektivität und Wahrheit hervorzubringen. Der Radikale Konstruktivismus behauptete, dass die Realität im Auge des Betrachters entstehe."

Das Problem liegt nicht daran, was radikale Konstruktivisten oder irgendjemand Anderes behauptet. Das Problem liegt an den experimentell (oder theoretisch) auftretenden Phänomenen, welche einer Deutung bedürfen. Es liegt also durchaus auch in der Wissenschaft selbst begründet.

Wie deuten Sie denn z.B. das Doppelspaltexperiment? Welle-Teilchen-Dualismus? Küpfmüllersche Unbestimmtheitsrelation (Zeit-Bandbreite-Produkt) in der Nachrichtentechnik (um nicht ständig Heisenberg zu bemühen)? etc. etc.

Was heißt denn in diesen Zusammenhängen Objektivität und was heißt Wahrheit? Bei einem völlig vereinfachten, mechanistischem Weltbild haben diese Begriffe durchaus Ihre Berechtigung und
solange man mit einfachen, mechanistischen Denk-und Erklärungsmodellen hantierte, ging das noch gut. Aber es ist eben nicht mehr so einfach. Tieferen Einsichten z.B. in die Komplexität von belebten Systemen offenbaren die Problematik bezüglich dieser vereinfachten Annahmen von Wahrheits- und Richtigkeitsansprüchen. Und nicht nur dort.

Um das zu präzisieren:
Bei dem was ich oben geschrieben habe geht es nicht um eine dummprimitive Relativierung a la: Weil seit Einstein ja doch alles relativ sein soll und weil mir heute gerade danach ist, berechne ich eben F=m/a, ... Die Problematik liegt tiefer, sehr viel tiefer. Sie ist ernsthaft und sie kommt eben nicht nur von außerhalb der Wissenschaft.

"Der Prozess der Wissenschaftszerstörung manifestiert sich auch in den Kommentaren. Denn offensichtlich ist der Begriff von Wissenschaft verlorengegangen. Wissenschaft ist nicht das, was der Wissenschaftsprozess an Output produziert."

Wer hat das denn im Kommentariat behauptet?
Über die Ursache und Auswirkungen von Manipulationen in F&E brauchen wir nicht zu debattieren. Das ist offensichtlich.

Franz Bettinger
15. Dezember 2019 23:09

@Gracchus: Nur ein ewiges Glück ist echtes Glück? Drunter tut man’s nicht? Das Versprechen auf ein Weiterleben im Jenseits oder reinkarniert im Diesseits, also ewiges Glück (bei Wohlverhalten) im Ewigen Hier- oder Da-Sein, das ist der Verkaufs-Schlager aller (!) Religionen. Wie billig! Und deshalb gehöre ich keiner an. Wie anspruchsvoll doch der Mensch ist und schämt sich nicht einmal dafür. Da lob ich mir das Tier.

Maiordomus
16. Dezember 2019 08:31

@Bettinger. Von dem, was Sie hier ausführen - der Rabe bei George Orwell predigt den dummen Viechern vom Kandiszuckerland, in welches die Tiere nach ihrer Schlachtung gelangen - finden Sie in einer ernst zu nehmenden christlichen Philosophie und Theologie, von Paulus über Meister Eckhart, Nikolaus von Cues, Blaise Pascal bis Karl Barth, Karl Rahner und Kurt Marti, eigentlich nichts. Vor allem nicht in der Mystik. Der Zustand "Ruhe in Gott" hat nicht nur nichts mit "Wiedersehen" zu tun - las dieser Tage in einer lächerlichen Todesanzeige eines Seelsorgers von "Wiedersehensfeier" - : dementiert ist in der Totalität der "Gelassenheit" auch jede Vorstellung von Engelskonzerten oder wie im Islam, den einen rundum beglückenden Jungfrauen im Paradiese. Das sind in der Tat demagogische Vereinfachungen der Prediger eines "Platonismus für das Volk" (Friedrich Nietzsche). Das Weitere ist hier nicht auszuführen, es war aber schon Angelus Silesius klar, den ich nun aber nicht gleich zitiere.

Wie unerlöst primitive Vorstellungen vom "Jenseits" sind, bestätigt, wohl unfreiwillig, der Satz von Thomas von Aquin aus der "Summe gegen die Heiden", der Nietzsche mit Recht aufgestossen ist:

"Beati in regno coelisti videbunt poena damnatorum, ut beatitudo illis magis complaceat", zu deutsch: Die Seligen im Himmelreiche werden die Qualen der Verdammten schauen, damit ihnen ihre eigene Seligkeit noch besser gefällt.

Auf diesem Niveau muss man wohl kaum über Religion diskutieren. Falls Sie sich allenfalls als Atheist verstehen, empfehle ich Ihnen das Kapitel über den Nihilismus der chistlichen Mystiker im Standardwerk "Nichts. Abschied von der Angst" (1999) des vor Monatsfrist verstorbenen und am vorletzten Freitag in Freiburg beigesetzten sogenannten Freidenkers Ludger Lütkehaus, dem über diese Fragen hinaus auch noch einiges zum Thema "Geburt" eingefallen ist.

Wie ich schon mal hier ausführte, findet man ein einigermassen wissenschaftliches Verständnis des abendländischen Weltbildes am ehesten bei japanischen Gelehrten, die weder etwas verteidigen müssen und noch viel weniger polemisieren; sie begnügen sich damit, aus Distanz verstehen zu wollen. So S. Ueda im Grundlagenwerk über Meister Eckhart "Die Gottesgeburt in der Seele und der Durchbruch zur Gottheit" und nicht zu unterschätzen Kazo Kitamori, Theologie des Schmerzes Gottes, Göttingen 1972, ein während des 2. Weltkrieges geschriebenes Werk für spirituell interessierte Asiaten zu einem angemessenen Verständnis der westlichen Lehre von den Letzten Dingen. Die japanische Erstausgabe erschien 1946. Das dürfen Sie mit vulgären Vermittlungen in einem herkömmlichen traditionellen Religionsunterricht nicht verwechseln.

zeitschnur
16. Dezember 2019 11:16

@ Imagine

Ihre Tiraden sprühen ja nur so vor Rationalität, es ist bemerkenswert, wie gekonnt Sie sich jede Emotionalität verkneifen.

Wenn Sie meinen Kommentar richtig gelesen hätten, hätte Ihnen das Wörtchen "vielleicht" auffallen müssen. Wissenschaftliche Bildung setzt voraus, dass man nicht "gefühlt" liest, sondern präzise. Ich sagte ja nicht, dass die Strunzdeutschen "totale" Geiseln im Stockholmsyndrom sind. Ich schrieb: vielleicht sind sie es. Dass die mentale Wahnlage unserer Landsleute nicht monokausal erklärt werden kann, habe gerade ich deutlich gemacht.

Ich habe auch nicht bestritten, dass es so etwas wie "Wissenschaft" gibt. Irgendwie fehlt es Ihnen an Lesekompetenz. Warum muss ich nun Ihre Fehllesung klären? Nur muss sich Wissenschaft stets darüber bewusst sein, dass sie nur dann diesen Namen verdient, wenn sie theoriegeleitet und dann auch redlich ist. Beides fehlt heute weitgehend. Es nützt die schönste Theorie nichts (Kopernikus, Darwin, Freud etc.), wenn man sich die empirischen "Beweise dafür erst mühsam zusammenklauben muss bzw Phänomene sogar umfälscht, damit sie passen. Dieser Trend ist älter als die letzten 100 Jahre - das geht seit mindestens 500 Jahren schon so. Es gab zeitgleich wunderbare Forscher und daneben diese verbissene ideologische, so oft alchemistisch oder platonistisch verzweckte "Wissenschaft", auch eine kirchliche Theologie, bei der der Zweck die Mittel heiligte - wie gesagt: neben großen theologisch-philosophischen Werken!
Theoriegeleitet UND redlich!
Das WÄRE echte Wissenschaft. Naturwissenschaften heute sind in aller regel als solche nicht mehr zu bezeichnen, eben weil ihnen entweder eine vernünftige Theorie fehlt oder die empirischen Phänomene erlogen, falsch gemessen, geschönt, verzerrt, erfunden etc. werden, damit die Theorie passt (derzeit massiv im Klimawahn). gerade diese "Wissenschaften", gefolgt von die ihne nacheifernden Sozialwissenscaften, treten mit einer derart bodenlosen Arroganz auf, die auch aus Ihren Worten durchscheint, dass ich die Abgrenzung zum "Opium des Volkes" nicht sehen kann. Pardon: aber Wissenschaft hat auch mit Demut und Nüchternheit zu tun.

Ihre Ausfälle gegen studierende Frauen sind unter der Gürtellinie und ebenfalls rein emotional. es ist zwar richtig, dass durch propaganda viele Frauen verführt werden, sich vor den Karren globalistischer Kräfte spannen lassen und ließen, getriggert durch die "Emanzipation", aber hierzu sei gesagt: deren Verführer sind wiederum nicht Frauen und: Sie verdrängen das Heer an männlichen Idioten und die vielen Frauen, die vollkommen vernünftig sind und einen schweren Stand haben an der Universität. Anstatt sie zu stützen, fallen Sie ihnen mit dümmlichen Pauschaltiraden in den Rücken.

Noch ein Wort zu unseren Landsleuten: Natürlich sind sie mitschuld, weil sie wie eine Herde Bekloppter alles mit sich machen lassen. Aber niemand von uns kann von sich sagen, dass er niemals einer Verführung erlegen wäre. Spätestens seit Edward Bernays, aber in Wahrheit schon seit der Gründung des Jesuitenordens sind gezielt psychologische Manipulationsmethoden entwickelt worden, die von vielen nicht erkannt werden, v.a. wenn man ihnen gleich dazu sagt, dass jedes Misstrauen "Verschwörungstheorien" seien. Mit der Wahnidee, ganz Europa wieder unter römische Knute zu bringen, ging man ab von der blutrünstigen Missionsmethode und manipulierte massenmedial, zunächst durch opulente dogmatische Jesuitentheaterstücke, laterna magica-Sensationen, Imaginations-Exerzitien etc. Diese Manipulatinsmethoden hat man im 20. Jh im Verbund mit der Entwicklung der "Psychologie" als eigener Prüfungsdisziplin weiter entwickelt (in Deutschland erst wegen der Interessen der Wehrmacht unter Hitler als eigenes Studienfach eingeführt).
Die Deutschen sind durch den sogenannten "Schuldkult" tatsächlich manipuliert worden, und wer sich wirklich auskennt mit Wissenschaft, weiß, dass seit mindestens 100 Jahren in der Geschichtswissenschaft unter dem Druck der Kriegsgewinner und Alliierten dafür gesorgt wurde, dass nicht objektiv geforscht werden konnte. Woher soll bitte der normale Deutsche das alles durchschauen?
Dass sie wachsamer hätten sein müssen, gestehe ich Ihnen zu, es stimmt, dass niemand die Dreckssender ansehen muss, mit denen jedes Wohnzimmer seit den 60ern geflutet wird. dass die Deutschen konsumgeil sind, ist auch wahr, aber die Sache muss eben differenziert gesehen werden: Es gibt einerseits tatsächlich die Züge des Stockholmsyndroms (und Deutschland IST nach wie vor Geisel der Alliierten!), andererseits die selbstverschuldete, erneute Unmündigkeit. Kant würde sich im Grabe umdrehen.

zeitschnur
16. Dezember 2019 11:36

@ Gracchus

Eine sehr kluge Beschreibung, die Sie da abgeben. Ich sehe allerdings in der ganzen Komödie einen Stich mitten ins Herz Europas. Die deutschen Länder SIND und waren das Herz Europas. Wenn das erledigt ist, sind auch alle andern Europäer erledigt. F & E haben sich dem Wahn ergeben, wie Churchill es ja offen formuliert hatte, man müsste D vernichten, damit sie beide Frieden hätten. Eine großartige Logik übrigens. Der Dachschaden der anderen sollte auch nicht unterschätz werden ... Heute sind F und E noch kaputter als D, aber bitte: das hat man ja nun gewollt. Ich sehe leider keine Rettung mehr. Wer sich das gesamte Tableau ansieht, hat wirklich keine Rat mehr. Irgendwelches Palaver über Wissenschaft und Wahrheit kann ich da nur noch als ewiggestrig erstarrtes Wegsehen deuten. Es ist ja auch furchtbar, den Dingen ins Auge zu sehen.
Zum Glück können nicht alle Hoffnungen im Vorhinein gesehen werden. Echte Hoffnung gründet allerdings immer auf Glauben, nicht auf "Wissen". Wer klug ist, erkennt, dass es in diesem Leben kein Wissen gibt, das nicht wesentlich doch Glauben ist. @ Nemesis hat dazu einiges erwähnt.

Imagine
16. Dezember 2019 14:58

Der frühe Positivismus vollzog eine scharfe Grenzziehung zwischen Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft: In den Gegenstandsbereich des wissenschaftlich anerkannten Wissens fiel nur das, was beobachtbar und messbar war und dessen Kausalzusammenhänge mit wiederholten und wiederholbaren Experimenten nachgewiesen werden konnten.

Es ist klar, dass diese Voraussetzungen weder im Bereich der Tiefenpsychologie, der Gesellschaftstheorie oder der Atomphysik gegeben sind.

@ Nemesis: „Mit Freud haben Sie -ganz instinktsicher- das Paradebeispiel objektiver Wahrheit in der Wissenschaft herausgegriffen. Bliebe nur noch zu klären: Hat er das vor, während oder nach seiner Kokserei herausgefunden?“

Si tacuissses, mit dieser Aussage disqualifizieren Sie sich für jede anspruchsvolle wissenschaftliche Diskussion.

Denn jedem echten Wissenschaftler ist seit langem klar, dass in der Wissenschaft auch mit Hypothesen und Modellen operiert wird. Und dass es sich bei diesen Hypothesen nur um Annahmen handelt, die nicht den Anspruch auf Wahrheit stellen können, weil sie möglicherweise widerlegt werden oder durch bessere Hypothesen ersetzt werden.

Modelle entsprechen nicht der Wirklichkeit, sie sind Versuche, Wirklichkeit zu erfassen, in der Regel jedoch unterkomplex und kennzeichnend z.B. für tiefenpsychologische Modelle ist, dass sie ständig verändert bzw. weiterentwickelt werden.

Freud war ein echter Wissenschaftler, der sich bewusst war, dass seine tiefenpsychologischen Theoriebildungen hypothetischen und modellhaften Charakter besaßen. Er sprach diesbezüglich von „unserer Mythologie“. Wer sich in der Theorie der Psychoanalyse auskennt, weiß, dass Freud seine Hypothesen und Modelle zum Teil verworfen oder verändert und weiterentwickelt hat.

@ Nemesis: „Das Problem liegt nicht daran, was radikale Konstruktivisten oder irgendjemand Anderes behauptet. Das Problem liegt an den experimentell (oder theoretisch) auftretenden Phänomenen, welche einer Deutung bedürfen. Es liegt also durchaus auch in der Wissenschaft selbst begründet.“

Sie haben es nicht begriffen. Echte Wissenschaft deutet nicht, sondern bildet Hypothesen. Diese unterwirft sie einer kritischen Überprüfung. Das Verfahren ist die dialektische Methodik.

Die dialektische Methodik setzt allerdings eine Entwicklung des Denkens voraus, die bei den Individuen besonderer Bildung bedarf und heute kaum noch vorhanden ist.

Bis vor einem halben Jahrhundert gehörte in (West)Deutschland die Entwicklung des kritischen, dialektischen Denkens noch zum Bildungsprozess eines humanistischen Gymnasiums in der Humboldtschen Tradition.

Dies ist längst vorbei. Die heutigen Gymnasien produzieren massenhaft wissenschaftsferne und studierunfähige Abiturienten. Die heutigen Massenhochschulen sind voller studierunfähiger Studenten und bei den AbsolventInnen handelt es sich seit einem halben Jahrhundert fast ausschließlich um (pseudo)wissenschaftlichen Schrott.

Obsoleszenzproduktion ist in der spätkapitalistischen Dekadenzgesellschaft überall, auch im Bildungs- und Wissenschaftsprozess. Der Normotyp ist ein pseudo-wissenschaftlicher Dilettant.

Das Problem ist allerdings, dass die HochschulabsolventInnen in narzisstischer Verkennung der Wirklichkeit sich selbst für WissenschaftlerInnen halten und den von ihnen produzierten Output für Wissenschaft halten.

Ideologische Konstrukte sind heutzutage nicht mehr von Wissenschaft unterscheidbar. Das betrifft nicht nur die traditionellen ideologischen Bereiche wie Theologie, Ökonomie, Sozialwissenschaften, Psychologie und sonstige „weiche“ Wissenschaften, sondern auch die Naturwissenschaften, wie sich beispielsweise an der Klima-Diskussion aufzeigen lässt.

Die Linken haben ihre Mythen, die Rechten ebenso. Da treffen Gläubige auf Gläubige. Mangels wissenschaftlich-intellektueller Kompetenz und Diskursfähigkeit tendieren die Auseinandersetzungen zwischen den Gläubigen zu physischer Gewalt.

Diese Tendenz lässt sich überall beobachten.

So wird z.B. ein neoliberaler Ideologe und Professor mit physischen Mitteln davon abgehalten, Lehrveranstaltungen durchzuführen, anstatt mit wissenschaftlich-intellektuellen Mitteln dessen Ideologiebildungen zu kritisieren und ihn als wissenschaftsfernen Ideologen zu entlarven.

Natürlich sind die Marktgläubigen im rechten Milieu jetzt empört, wenn einer ihrer pseudo-wissenschaftlichen Markt-Ideologen so angegriffen wird.

Die kapitalistischen Dekadenzgesellschaften befinden sich im Vor-Bürgerkrieg. Das kann nicht gut ausgehen. Enzensberger hat dies schon vor längerer Zeit erkannt und in dem Essay "Aussichten auf den Bürgerkrieg" (1993) darauf hingewiesen.

Imagine
16. Dezember 2019 16:44

@zeitschnur 16. Dezember 2019 11:16
„Ich sagte ja nicht, dass die Strunzdeutschen "totale" Geiseln im Stockholmsyndrom sind. Ich schrieb: vielleicht sind sie es.“

Genau dieses „Vielleicht“ ist das Problem. Eine typische Verhaltensweise von Menschen ohne vernünftige Urteilskraft.

Kositza: Herr Imagine, Sie mäßigen sich bitte! Es geht auch immer eine Nr. kleiner & vor allem höflicher, oder?

Überall trifft man heute auf dieses „Vielleicht“.

Vielleicht entsteht durch den Feminismus eine bessere Gesellschaft. Vielleicht ist es gut, dass Frauen ohne militärische Kenntnisse und Erfahrungen zu Verteidigungsministerinnen werden. Vielleicht tragen die Gender-„Wissenschaften“ zum menschlichen Fortschritt bei.

Vielleicht entsteht durch die Massenimmigration wirklich ein besseres Deutschland, wie Politik und Medien behaupten.

Vielleicht ist die „ökologische Wende“ in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem möglich, wie es die Grünen propagieren.

Ein Robert Habeck ist eine Personifikation dieses „Vielleicht“. In der Diskussion mit David Precht betont er immer wieder, dass eine erfolgreiche ökologische Politik in diesem System „denkmöglich“ sei.

„Denkmöglich“ ist jedoch alles. Dass die Deutschen ein „Happy End“ erleben, dass man im Lotto gewinnt, dass es ein Leben nach dem Tode oder eine Wiedergeburt gibt, dass die Erde der Mittelpunkt der Welt ist, dass eine Gesellschaft mit Frauen in Führungspositionen eine bessere werde, dass Trump die USA zu neuer, historischer Blüte führt. Usw. usf.

Deutschland ist keine Geisel der USA. Das „Viellicht“ ist aus der Luft gegriffen. Niemand hat Deutschland gezwungen, sein Bildungssystem zu ruinieren, das Gesundheitswesen zu privatisieren usw. usf. Oder Berufsverbote gegen politische Kritiker durchzusetzen. In keinem westeuropäischen Land gab es damals derartige Berufsverbote.

Nicht aus der Luft gegriffen ist, dass eigentumslose Menschen im herrschenden Wirtschaftssystem lebenslang zur fremdbestimmten Lohnarbeit gezwungen werden. Dieses System macht diese Menschen zu unfreien Menschen, wobei die herrschende Klasse diese in einer geiselähnlichen Situation – sowohl als Lohnarbeiter wie auch als Sozialhilfeempfänger - hält.

Deshalb laufen bei diesen Menschen massenhaft psychologische Prozesse ab, die als „Identifikation mit dem Aggressor“ oder auch „Stockholm-Syndrom“ bekannt sind. Fromm bezeichnet dies als Entwicklung einer masochistischen Struktur, die selbstverständlich einen irrationalen bzw. pseudo-rationalen Charakter besitzt.

Als Masochist und Fatalist lebt es sich in der heutigen Dekadenzgesellschaft psychisch besser.

Zudem einen Joint - und der Tag ist dein Freund!

Caroline Sommerfeld
16. Dezember 2019 17:19

@Imagine: Sie wollen mir doch nicht das Vergnügen bereiten, ein Fall des "Lichtmesz-Sommerfeld-Gesetzes" zu sein, oder? Denn Ihr "vielleicht" ist ein utopisches Möglichkeitsdenken, das Sie @zeitschnur unterstellen. Mit dem Wörtchen "vielleicht" kann man jedoch auch einen Vorbehalt, ein Nie-für-abgeschlossen-Halten des eigenen Denkens markieren. "Vielleicht habe ich ja unrecht" ist eine ganz andere Haltung als "Vielleicht geht das Experiment des großen Austauschs ja gut".

Maiordomus
16. Dezember 2019 17:27

@Imagine. Man bewegt sich, auch im Ton, sehr weit von Peter Handke weg. Die Zeiten, wo er sich Joints genehmigte, liegen vermutlich weit zurück. Sehr eindrücklich und leise seine Kurzlesung auf Deutsch bei der Nobelpreisvergabe, ist auf youtube abrufbar. David Precht und Robert Habeck, von Ihnen oben angesprochen, bewegen sich geistig vielleicht gerade noch im Promille-Bereich von Handke. Hingegen scheint mir die philosophische Debatte um das Glück, wie bei @Gracchus und @ Bettinger kritisch erwogen, noch näher in dessen Bereich.

Bedenkenswert finde ich Handkes Erwägung, dass "das Zuschauen etwas ist, das wir alle brauchen", wie der Dichter es in einem Gespräch mit Peter Hamm ausdrückte, mit überraschender religiöser Wendung des Gesprächs: Was wir eigentlich brauchen, so Handke, "dass uns jemand zuschaut auf eine umfassende Weise, wie man es sich eigentlich von Gott vorstellt". Dabei meint er aber gerade nicht den Orwell-Gott des Big Brother noch, obwohl mal katholischer Internatszögling, dass Gott uns anstelle des Präfekten ständig überwacht, im Gegenteil: "Wenn wir uns gewärtig machten, dass Gott uns umfassend zuschaut, wären wir alle besänftigt." Und Handke fährt fort: "Diese Wendung zu Gott ist, dass man sich innerlich angeschaut sieht." So ähnlich dachte Franz von Baader, auch Verfasser einer "erotischen Philosophie", als er den Satz von Descartes: "Cogito ergo sum" ins Passiv versetzte: "Ich werde gedacht, erkannt (von einer Instanz ausser mir MD), also bin ich."

Es gibt noch anderes bei Hande, was hier zu erörtern wäre, als das übliche Gejammer über die "heutige Dekadenz-Gesellschaft". Die obigen Ausführungen von Handke habe ich in kirchlichen Verlautbarungen der letzten Jahre so nicht vernommen, scheinen mir insofern als auch spirituelle Botschaft heute äusserst bedenkenswert.

Vgl. Langenhorst, Georg: "Ich gönne mir das Wort Gott" - Annäherungen an Gott in der Gegenwartsliteratur, 2. Auflage, Herder 2014. Der Rest des Buches stellt unfreiwillig unter Beweis, dass die allermeisten Autoren und Autorinnen nicht auf diesem Niveau sind, selbst wenn in ihren Texten sowohl gute als auch schlechte Pfarrer vorkommen und im Zusammenhang mit meist ungenügender religiöser Bildung, über Gott und die Welt getalkt wird.

Nemesis
16. Dezember 2019 19:39

@Imagine
"Si tacuissses, mit dieser Aussage disqualifizieren Sie sich für jede anspruchsvolle wissenschaftliche Diskussion."

Entspannen Sie sich.
Wissenschaft überlebt auch Humor.

"Denn jedem echten Wissenschaftler ist seit langem klar, dass in der Wissenschaft auch mit Hypothesen und Modellen operiert wird."

Auch?

"Modelle entsprechen nicht der Wirklichkeit, sie sind Versuche, Wirklichkeit zu erfassen,...."

Genau.
Und warum reden Sie dann ständig von Wahrheit?

"Freud war ein echter Wissenschaftler, der sich bewusst war, dass seine tiefenpsychologischen Theoriebildungen hypothetischen und modellhaften Charakter besaßen. Er sprach diesbezüglich von „unserer Mythologie“.

Penisneid und Ödipuskomplex (und so manch Anderes) war wohl eher "seine Mythologie". Bei Freud beißen Sie bei mir auf Granit.
Jung und Fromm: in Maßen -meinetwegen.
Aber Freud?
Dieses ganze Rumgewühle im Über - Ober - Unter und was weiß ich noch für ein Ich: Halten Sie das ernsthaft für Wissenschaft?

"Sie haben es nicht begriffen. Echte Wissenschaft deutet nicht, sondern bildet Hypothesen. Diese unterwirft sie einer kritischen Überprüfung. Das Verfahren ist die dialektische Methodik."

Und das folgern Sie jetzt genau woraus?
Denken Sie ernsthaft, ich wüßte nichts über Hypothesenbildung und entsprechende Testverfahren?
Apropos Deutung:
Echte Wissenschaft deutet also nicht. Dann ist die Physik also keine echte Wissenschaft? Kopenhagener Deutung?

Ich habe es oben schon mal geschrieben:
Wissenschaft ist mehr als die Fixierung auf logische Kategorien oder Methodiken.

Was glauben Sie, weshalb die Physik solchen unerhörte Erfolge zu verzeichnen hat(te)?
Weil sich die Beteiligten schon im vorraus über irgendwelche Hypothesentestverfahren Gedanken gemacht haben?
Was Sie beschreiben ist das Handwerkszeug der Wissenschaft.
DAS HANDWERKSZEUG.
Darum ging es aber in der ganzen Diskussion gar nicht.

Immerhin haben Sie aufgehört von Wahrheit zu reden.
Jetzt sollten Sie es nur noch verinnerlichen.
Ich wünsche Ihnen das.
Ehrlich gemeint.

Gracchus
16. Dezember 2019 21:18

@Franz Bettinger: Dergleichen habe ich nicht gesagt. Ad hoc würde ich sagen: Jeder zeitliche Glücksmoment ist Vorgeschmack des Ewigen. Oder mit Nietzsche:

"O Mensch! Gib acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht? 
"Ich schlief, ich schlief -, 
Aus tiefem Traum bin ich erwacht: - 
Die Welt ist tief, 
Und tiefer als der Tag gedacht. 
Tief ist ihr Weh -, 
Lust - tiefer noch als Herzeleid: 
Weh spricht: Vergeh! 
Doch alle Lust will Ewigkeit -, 
- will tiefe, tiefe Ewigkeit!"

Das Tier können Sie natürlich loben, es hat dieses Problem nicht, weil es vom Tod nichts weiss.

Franz Bettinger
16. Dezember 2019 23:35

@Gracchus: "Dergleichen habe ich nie gesagt,“ sagen Sie. Wirklich nicht? Lieber Gracchus, Sie schreiben anklagend vom (heutigen) säkularen Menschen ohne Transzendenz (d.h. ohne Religion), für den es keine Erfüllung im Jenseits gebe. Daraus schließe ich, dass Sie selbst religiös sind, an ein Jenseits glauben und dort die Erfüllung (d.h. ihr ewiges Glück) suchen. Liege ich mit meiner Verfranzelung wirklich falsch? (Ach, ist nicht so wichtig. Pax!)

Was mich oft stört, gerade auch bei Christen, ist diese Abgehobenheit vom Tier - nein, ich bin nicht Vegetarier - die Verleugnung unserer Tierhaftigkeit, wo die doch bei jedem Problemchen aggressiv durch alle Knopflöscher drängt und durchscheint. Was weiß man schon von der Seele und dem Fühlen und Denken der Tiere? Weiß die Menschheit wirklich wesentlich mehr als das Tier? Wo kommen wir her, warum sind wir hier, wo gehen wir hin? Das weiß bis heute keiner. Von Göttern, Sonn' und Welten weiß das Tier nichts zu sagen, es kommt aber anders als der Mensch auch nicht immer nur daher um anzuklagen. Es fügt sich still (da sprachlos) und bescheiden in seinen Platz in der Natur.

zeitschnur
16. Dezember 2019 23:41

@ Imagine

Ihrer Beschreibung nach muss es sich bei Ihnen um eine Frau, a Weiberl handeln, richtig?
Lassen wir es gut sein, ich bin müd heit, streichen Sie das "Vielleicht" aus dem Duden, einfach Kuli nehmen, Lineal, Buch aufschlogn und zack weg is ... Wenn die Griane des Wort scho versaut ham, dann muss es gstrichen wern, klare Kante. Sezession auch im Wörterbuch. Kontaminierte deutsche Wörter: schmeiß sie übern Zaun. Sollen sie drüben ihr Unheil anrichten.
Und wissens wos - ich gönn Ihnen Ihren Harnisch. Und des Gschwätz und den Nickel und den Frauenfrust und was da sonst noch so kimmt.
Und sorry a für die vielen Tippfehler oben... Ich weiß scho wie's richtig gehört.
War heut bushcraften, mit meinem Bundeswehr-Kampfmesser, ich kanns sogar selber schleifen, feathersticks schnitzen, batonen, das volle Programm, Sie wissen scho, das Feuer brennt wunderbar, aber Verteidigungsminister bin ich am besten daheim für die Familie.
Servus, machts es gut, der Tag war lang und sonnig. Auch Frauen müssen irgendwann schlafen.
Mit den schönsten Grüßen und Segenswünschen auch an den guten alten Peter, den Handke, den Tapfern.

Maiordomus
17. Dezember 2019 08:43

@Gracchus. Eher gilt "Das Kind weiss vom Tode nichts" (Hölderlin?) als dass das Tier vom Tode nichts wüsste. Schon als Fünfjähriger durfte ich zwar nie bei der Geburt eines Kalbes dabei sein, jedoch im Schlachthaus, wo mein Vater jeweils Montag den grossen Schlachttag hatte, von sicherer Warte aus - etwa 4 Meter über dem Geschehen - die Vorgänge verfolgen. Die Tiere wussten leider oft allzu gut, was auf sie zukam, und in einem Fall ist einer noch jungen Kuh die Flucht gelungen, floh über Feld und Wald, durchschwamm die Aare, bis sie dann von einem Polizisten oder Jagdaufseher erlegt wurde. Wir sollten bei der Einschätzung der Erkenntnismöglichkeiten der Tiere vorsichtig sein. Daran mahnen auch Autoren, welche die ländlichen Verhältnisse kennen, ausser Peter Handke zumal der Bauernsohn aus Rast bei Messkirch, Arnold Stadler.

Imagine
17. Dezember 2019 10:32

@Caroline Sommerfeld 16. Dezember 2019 17:19
„Denn Ihr "vielleicht" ist ein utopisches Möglichkeitsdenken, das Sie @zeitschnur unterstellen. Mit dem Wörtchen "vielleicht" kann man jedoch auch einen Vorbehalt, ein Nie-für-abgeschlossen-Halten des eigenen Denkens markieren. "Vielleicht habe ich ja unrecht" ist eine ganz andere Haltung als "Vielleicht geht das Experiment des großen Austauschs ja gut".“

In beiden Fällen ist es ein Defizit an wissenschaftlich geprüftem und gesichertem Wissens. Denn das „Vielleicht“ ist immer Ausdruck von Nicht-Wissen. Wissensdefizite als Bereitschaft und Offenheit zum Lernen darzustellen, ist ein Re-Framing.

Wessen Handeln große Verantwortlichkeit wegen der Schwere möglicher negativer Konsequenzen besitzt, wird handlungsunfähig, wenn er nicht über sicheres Wissen verfügt. Man denke beispielsweise an einen Ingenieur, der eine Brücke konstruiert, oder an einen Arzt bei einem lebensbedrohlich erkrankten Patienten. Sie alle benötigen zu einer verantwortlichen Berufsausübung ein sicheres wissenschaftliches Fundament. Denn Unwissen und Inkompetenz würde den Tod von Menschen verursachen sowie die Person disqualifizieren.

Anders verhält es sich bei ideologischen Berufen, wie Pfaffen, Lehrern, Philosophen etc. Da gibt es typischerweise auch keine Kunstfehlerhaftung.

Viele Rechte erklären das Verhalten der einheimischen Eliten durch eine von ausländischen Mächten vorgenommene Fremdbestimmung. Das ist ein weit verbreitetes Narrativ. Viele glauben, dass in einem souveränen Deutschland eine andere Politik gemacht werden würde

Vor mir wurde eine Reihe von Argumenten vorgebracht, welche darauf hinweisen, dass dies nicht der Fall ist.

Die Frage, ob Deutschland sich in Geiselhaft der USA bzw. der Alliierten befindet oder nicht, besitzt jedoch große Relevanz für das Verständnis politischer Prozesse.

Denn das „rechte“ Narrativ impliziert, dass die Deutschen Opfer ausländischer Mächte sind. Die Gegenthese ist, dass die Deutschen Opfer ihrer eigenen rücksichtslosen, raffgierigen und räuberischen Eliten sind. Aber dies passt nicht zu einem Gesellschaftsbild, was eine gute, deutsche Volksgemeinschaft zugrunde legt, die Opfer von bösen ausländischen Mächten ist.

zeitschnur
17. Dezember 2019 12:20

@ Imagine

Wie @ Sommerfeld es schrieb, meine ich das: Jedes wissenschaftlich "geprüfte Wissen" ist nur ein "Vielleicht". Es gehört aber Tiefenerkenntnis dazu und vor allem Demut, das zu begreifen. Es ist - pardon - aber da Sie austeilen, müssen Sie auch einstecken - die postmoderne Borniertheit, die aus Ihren Worten spricht, diese Reduktion des Geistes, die Hybris des verblendeten menschen, der meint, er wüsste, was die Wahrheit ist, weil er irgendwo einen Messapparat, den er gebaut hat, augestellt hat als würde der ALLES messen, und niemand zwingt Sie dazu, das sei dazu gesagt. Ihr Vorwurf an andere trifft Sie mehr als scharf selbst. Die Wahrheit geht immer mit dem ALLES um, das menschliche Messgerät mit einer bewussten und freiwilligen Reduktion, die gar nicht anders kann, als Verzerrungen zu erzeugen. Der Gipfel der Verrohung ist eine Wissenschaftshörigkeit, die nicht in frage stellt, dass die Zuhilfenahme von Messinstrumenten bereits deutlich macht, dass keine direkte empirische Wahrnehmung mehr vorliegt.
Das bedeutet allerdings nicht, alles zu "relativieren". Man relativiert die eigene Erkenntnisfähigkeit einerseits überhaupt und andererseits auf einer Zeitachse. Nicht relativ ist aber das Göttliche, das sich selbst und das Geschöpf erkennt. Dazu haben wir aber keinen Zugang, es sei denn dieses Göttliche lässt es uns zu, wann es will und wie es will. Dem Hochmut aber gelingt der Eintritt durch eine enge Pforte sowieso nicht.

@ Bettinger

Damit erledigt sich auch das ewige Hin und Her von der Tierhaftigkeit des Menschen: Sie haben dasselbe strukturelle Problem wie @ Imagine, eiern zwischen einem polarisierten Denken hin und her.
Sie werden anerkennen müssen, dass ein Christ, der denkt wie ich zB, mit diesen Polarisierungen nichts anfangen kann. Jedes Geschöpf hat sein eigenes Fleisch, schreibt Paulus, der Mensch hat ein anderes als das Tier, Fleisch ist aber beides. Für uns ist nicht relevant, welche Aufgaben die Tiere haben, uns sollte interessieren, welche wir haben. Das Verschanzen hinter einem perversen Tierbild gilt nicht, um der Menschlichkeit auszuweichen, ist ein billiger Trick und sollte bis in seine letzten Konsequenzen durchdacht werden. Tun Sie das wirklich?.

Maiordomus
17. Dezember 2019 12:48

@Bettinger. Heinrich Seuse, Dominikanermönch im Inselkloster von Konstanz, Verfasser des Gebetes von Bruder Klaus, über Ihre sogenannte "Abgehobenheit vom Tier bei den Christen":

"Herr ich will geschweigen der Menschheit. denn aller Tierlein und Vögelein und Gottes unscheinbarer Kreaturen Mangel und Trauern, so ich das sah und hörte, ging mir an mein Herz, und so ich ihnen nicht konnte helfen, bat ich den obersten milden Herrn, dass er ihnen helfe." Franz von Assisi schliesslich wollte keinen Baum abschlagen, das Feuer nicht kränken (vgl. Derzu Uzale, der sibirische Schamane im Roman von Arseniew und dem Film von Kurosawa), das Wasser nicht auf der Erde vergeuden: das sind, so Reinhold Schneider, "letzte Folgerungen aus dem von Christus gestifteten Verhältnisses zur Welt. Wie weit sind wir hinter ihnen geblieben." Verhüllter Tag, 1965. Der Thurgauer Seuse oder Süss lebte zwischen 1295 und 1366, wo er in Ulm begraben wurde.

Es bleibt dabei, dass die christliche Religion heute in Deutschland durchschnittlich weniger bekannt zu sein scheint als der Islam, über den natürlich ebenfalls falsche Vorstellungen grassieren.

Imagine
17. Dezember 2019 15:03

@zeitschnur 17. Dezember 2019 12:20
„Wie @ Sommerfeld es schrieb, meine ich das: Jedes wissenschaftlich "geprüfte Wissen" ist nur ein "Vielleicht".“

JEDES?

Mit dieser Meinung/Position haben Sie sich definitiv disqualifiziert für eine Diskussion unter Wissenschaftlern.

Das wird Sie vermutlich nicht jucken, denn sie gehören sowieso nicht zur Scientific Community.

Maiordomus
17. Dezember 2019 17:07

@Gracchus. Der Satz, dass zwar nicht das Tier, wohl aber das Kind vom Tode nichts wisse, ist in der Tat ein Hölderlinzitat, aus "Hyperion, Der Eremit in Griechenland":

"Das Kind ist unsterblich, (...) denn es weiss vom Tode nichts." Ob diese Aussage von der heutigen Gehirnforschung bestätigt würde, weiss ich nicht. (Aber lieber ein weiser Poet ohne Gehirnkenntnisse als eine ARD-"Expertin" mit durchgeknallten diesbezüglichen Theorien, siehe René Zeyer in der NZZ, neuerdings in Deutschland gebührenfrei abrufbar.)

Die Auseinandersetzung mit dem Kind spielt im Gesamtwerk von Peter Handke ursprünglich eine grössere Rolle als die mit Serbien und den slawischen Ländern, die gemäss Carl Spitteler, Rede auf das Jahr 1914, "Unser Schweizer Standpunkt", nicht als "Pack" einzuschätzen seien. Handke ist nun mal ein anderes Kaliber als sagen wir mal der wegen seinem Nazivater stramm "antifaschistische" Sigmar Gabriel, zu dessen Lieblingswörtern "Pack" schon mal gehörte.

PS. Wenn das ZDF jetzt in der Begründung der ständigen Ausladung Höckes von Talk-Shows die Grenzen zwischen dem Demokratischen und eben nicht mehr Demokratischen und Rechtsextremistischen ziehen möchte, wie einer der Bosse gemäss "Junger Freiheit" sich sogar über Höckes Wählerschaft artikulierte (vgl. die Gehirnstörungstheorie von Wehling) , so müsste dieses Kriterium doch erst recht für die genannte Framing-Expertin und Fachfrau von der ARD gelten mit ihrer neokraniometrischen Theorie von der gestörten Gehirnstruktur der Falschwähler. Aber wahrscheinlich wollte sich das ZDF mit dieser Erklärung wohl unfreiwillig vor allem von der ARD abgrenzen. Bei derselben wurde die Theoretikerin der Hirnstörung "Opposition" nun mal nicht zu Unterhaltungszwecken eingesetzt, sondern als Expertin zur Verbesserung der Fernseharbeit.

Realistisch gesehen hat eine Fernseh-Anstalt deutlich mehr Potential, die Demokratie tatsächlich zu gefährden als ein zu einer Talkshow eingeladener Oppositionsführer aus einem relativ kleinen Bundesland. Mit dem gelernten Gymnasiallehrer würde ich mich lieber über Handke und Hölderlin unterhalten als über abstruse bio-physiologische Theorien, Untermenschen unterscheidend, zu denen er sich meines Erachtens und hoffentlich nicht bekennt.

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