Fußball (2) – Ultras, eine linke Vereinnahmung

Carl Zeiss Jena, Werder Bremen, Hamburger SV, FSV Mainz 05 usw. – die Liste der Fankurven, die von Ultra-Gruppen auf links gewendet wurden, ist lang.

Der Ein­fluß anti­fa­schis­ti­scher Struk­tu­ren auf das Gesche­hen in den deut­schen Sta­di­en nimmt seit gerau­mer Zeit zu – eine Sub­kul­tur, die in Deutsch­land als zuvor­derst »unpo­li­ti­sches« Phä­no­men ent­stand, hat sich zur Speer­spit­ze »der Arbeit gegen rech­te Struk­tu­ren und Dis­kri­mi­nie­rung im Sta­di­on« und zum Kämp­fer gegen »Sexis­mus, Homo­pho­bie, Anti­se­mi­tis­mus, Natio­na­lis­mus, Ras­sis­mus oder Anti­zi­ga­nis­mus« gewandelt.

Was ist Ultra? Möch­te man die­se hete­ro­ge­ne Bewe­gung auf den kleins­ten gemein­sa­men Nen­ner her­un­ter­bre­chen, so bezeich­net »Ultra« eine Grup­pe fana­ti­scher Anhän­ger eines Fuß­ball­clubs (mitt­ler­wei­le auch bei ande­ren Sport­ar­ten anzu­tref­fen), die durch einen hohen Orga­ni­sa­ti­ons­grad – im Ver­gleich zu ande­ren Fan­grup­pen läßt sich bei den Ultras ein hohes Maß an Arbeits­tei­lung fest­stel­len – cha­rak­te­ri­siert wird. Das äußert sich bei­spiels­wei­se im koor­di­nier­ten Anstim­men von Fan­ge­sän­gen mit­tels Mega­pho­ne durch »Capos« oder in der Kon­zep­ti­on und Durch­füh­rung auf­wen­di­ger Cho­reo­gra­phien – ein klas­si­sches Stil­mit­tel, das hier­bei in der Öffent­lich­keit mit »Ultras« in Ver­bin­dung gebracht wird, ist das Abbren­nen von Pyrotechnik.

Es gab ein­zel­ne dezi­diert lin­ke Grup­pen vor die­sem Trend, von denen man­che einen nicht über­ra­schen soll­ten: Ultrà St. Pau­li oder Dia­b­los Leutzsch – Ultras Che­mie Leip­zig rekru­tie­ren sich aus regio­nal fest ver­an­ker­ten links­ex­tre­men Struk­tu­ren. Daß aber mitt­ler­wei­le bei Mann­schaf­ten wie dem Ham­bur­ger SV oder dem 1. FC Mag­de­burg anti­fa­schis­tisch ori­en­tier­te Grup­pen auf dem Vor­marsch sind, zeigt nach­drück­lich die Sprach­lo­sig­keit bzw. Unfä­hig­keit ten­den­zi­ell rechts ein­ge­stell­ter Fan­struk­tu­ren, sich dem Phä­no­men des Zugriffs von links zu erwehren. 

Das ist unter ande­rem auf den »unpo­li­ti­schen« Grün­dungs­my­thos der deut­schen Ultras zurück­zu­füh­ren. Wäh­rend im Ursprungs­land der Ultra-Bewe­gung, Ita­li­en, die jewei­li­gen Grup­pen von ihrer Ent­ste­hung ab von den tur­bu­len­ten bis gewalt­tä­ti­gen poli­ti­schen Kon­flik­ten der 1960er- bis 1980er-Jah­re beein­flußt waren, wur­den beim Auf­kom­men der ers­ten deut­schen Grup­pen in den 1990ern meis­tens nur die Aus­drucks­for­men und Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tu­ren der ita­lie­ni­schen Vor­bil­der adap­tiert. Die satt­ge­fres­se­ne Bun­des­re­pu­blik bot zu die­sem Zeit­punkt nur kar­gen Nähr­bo­den für aus­ge­präg­te poli­ti­sche Posi­tio­nie­run­gen im Sta­di­on, die über ado­les­zen­te Pro­vo­ka­tio­nen hinausgingen.

Dem­ge­gen­über gehört es in Ita­li­en zur Nor­ma­li­tät, daß kommunistische/sozialistische und faschis­ti­sche Ultra-Grup­pen das Bild der Sta­di­en prä­gen. Bekann­tes­te Ver­tre­ter der Rech­ten sind die »Irri­du­ci­bi­li« (die Unbeug­sa­men) von S.S. Lazio Rom, die »Bri­ga­te Giall­oblu« (frü­her) und die »Cur­va Sud« (heu­te) von Hel­las Vero­na oder die »Boys S.A.N.« von Inter Mai­land. Auf der Lin­ken sind die »Cur­va Nord« von AS Livor­no oder das »Col­let­tivo Auto­no­mo Vio­la« (mitt­ler­wei­le auf­ge­löst) von AC Flo­renz her­vor­zu­he­ben. Indes­sen drängt es die poli­ti­schen Kur­ven in die Extre­me – Mäßi­gung ist nicht die prä­va­len­tes­te Tugend der Fan­sze­nen. Ein Phä­no­men, das auch in den »Poli­ti­schen Kur­ven« Deutsch­lands zu beob­ach­ten ist.

Zurück zum »Unpo­li­ti­schen« als Illu­si­on der Har­mo­nie­wah­rung inner­halb der Fan­sze­nen: Das vor­der­grün­di­ge poli­ti­sche Des­in­ter­es­se und die damit ver­bun­de­ne Nai­vi­tät vie­ler deut­scher Ultra­grup­pen öff­ne­te anti­fa­schis­ti­schen Inter­es­sen inso­fern die Tore, als der eige­ne Kompaß für die Iden­ti­fi­ka­ti­on poli­ti­scher Ver­ein­nah­mungs­ver­su­che stark ver­küm­mert war und in gro­ßen Tei­len noch immer ist. Das kommt ins­be­son­de­re bei der Tole­rie­rung und Über­nah­me von pas­siv-aggres­si­ven Eti­ket­tie­run­gen wie »Kur­ve ohne Ras­sis­mus« und ähn­li­chen links­li­be­ra­len Deri­va­ten zum Tragen.

Was von vie­len »unpo­li­ti­schen« Akteu­ren inner­halb der Sze­nen als unbe­denk­li­che Selbst­ver­ständ­lich­keit wahr­ge­nom­men wird, ist der ers­te und nicht zu unter­schät­zen­de Schritt zur links­do­mi­nier­ten Tri­bü­ne. Wenn die von Anti­fas in Beschlag genom­me­ne Süd­tri­bü­ne von Darm­stadt, unter dem Eigen­na­me »Block1898« fir­mie­rend, fol­gen­des ver­laut­bart, »Auch auf der Süd­tri­bü­ne gilt – Kein Platz für Ras­sis­mus! Das hat nichts (sic!) poli­ti­schen Vor­ga­ben, son­dern mit gesun­dem Men­schen­ver­stand, den Wer­ten und der His­to­rie unse­res Ver­eins zu tun«, und dabei auf den »unpo­li­ti­schen« Cha­rak­ter die­ser Posi­tio­nie­rung ver­weist, dann ist das pure Augen­wi­sche­rei und poli­ti­sche U‑Boot Taktik.

Wird die­ser Behaup­tung Glau­ben geschenkt, so geht man der vor­geb­li­chen Ideo­lo­gie­lo­sig­keit der ton­an­ge­ben­den, links­li­be­ra­len Para­dig­men auf den Leim, die den herr­schen­den Zeit­geist kon­sti­tu­ie­ren. Der wahr­schein­lich von nicht weni­gen im »Block1898« geschätz­te Karl Marx (zumin­dest aus der lin­ken »Life­sty­le­pfle­ge« her­aus) kon­sta­tier­te dies­be­züg­lich im »Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fest« tref­fend: »Die herr­schen­den Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herr­schen­den Klasse.«

Und ergänzt man die­se Sen­tenz noch um Mar­xens Ana­ly­sen in der »Deut­schen Ideo­lo­gie«, wird das Poli­ti­sche im »Unpo­li­ti­schen« der Darm­städ­ter Ver­laut­ba­rung voll­ends augen­schein­lich. Dem­nach ist jede herr­schen­de Klas­se dazu genö­tigt, »ihr Inter­es­se als das gemein­schaft­li­che Inter­es­se aller Mit­glie­der der Gesell­schaft dar­zu­stel­len, d. h. ideell aus­ge­drückt: ihren Gedan­ken die Form der All­ge­mein­heit zu geben, sie als die ein­zig ver­nünf­ti­gen, all­ge­mein gül­ti­gen dar­zu­stel­len«. Wenn die Darm­städ­ter den »gesun­den Mensch­ver­stand« ins Spiel brin­gen, exe­ku­tie­ren sie eben­je­nen von Marx beschrie­be­nen Pro­zeß mustergültig.

Für die jewei­li­gen Fan­kur­ven zieht die Eta­blie­rung die­ses Aus­schluß­kri­te­ri­um der »Kur­ve ohne Ras­sis­mus« der­weil meh­re­re fol­gen­schwe­re Kon­se­quen­zen nach sich: Zual­ler­erst wird die lin­ke Ras­sis­mus­de­fi­ni­ti­on über­nom­men, die schon in der Erkennt­nis des »Ande­ren« und des »Eige­nen« eine laten­te Dis­kri­mi­nie­rungs­dy­na­mik iden­ti­fi­ziert und die­se als zu bekämp­fend mar­kiert. Dar­aus resul­tiert zwangs­läu­fig die impli­zi­te Ver­ban­nung aller Grup­pen im orga­ni­sier­ten Fan­be­reich, die rechts der Mit­te zu ver­or­ten sind.

Es muß sich nicht ein­mal offen poli­tisch posi­tio­niert wer­den – selbst das Tra­gen der deut­schen Natio­nal­far­ben wird, wenn die Anti­ras­sis­mus­dy­na­mik ins Rol­len gekom­men ist, zum Ver­ge­hen gegen den neu­en Leit­spruch gewer­tet. Erschwe­rend kommt außer­dem hin­zu, daß sich die Ver­eins­of­fi­zi­el­len nun mit hoher Wahr­schein­lich­keit zu die­sem min­des­tens links­li­be­ra­len Cre­do beken­nen und sei­ne Imple­men­ta­ti­on befür­wor­ten wer­den; gefolgt vom DFB und sei­nen ver­län­ger­ten, sozi­al­päd­ago­gi­schen Armen, den Fanprojekten.

Die­se infor­mel­le Block­bil­dung ent­steht, da die Über­nah­me anti­ras­sis­ti­scher Leit­sprü­che kei­nen oppo­si­tio­nel­len Akt wider das Estab­lish­ment ver­kör­pert, son­dern viel­mehr die Ein­pas­sung in den vor­herr­schen­den gesell­schaft­li­chen Kon­sens dar­stellt (sie­he oben bzw. Marx). Wer nun sei­ne Kur­ve nach­träg­lich aus dem Klam­mer­griff lin­ker Ideo­lo­ge­me befrei­en und aktiv gegen die Ver­ein­nah­mung von links stem­men möch­te, der sieht sich der brei­ten Front der »Zivil­ge­sell­schaft« gegen­über – er wird sei­tens der Pres­se, der Ver­bän­de, des Ver­eins im Ein­klang mit den Spon­so­ren und von den Fan­pro­jek­ten mit allen Mit­teln dis­kre­di­tiert werden.

Fer­ner ist die Befrei­ung inso­fern ein schwe­res Unter­fan­gen, als das Revi­die­ren der Trans­for­ma­ti­on zur »Stim­mung statt Rassismus«-Kurve als Angriff auf die »Ver­nunft« ver­stan­den wird und einer Posi­tio­nie­rung außer­halb der »Mensch­heits­fa­mi­lie« gleich­kommt. Dar­aus folgt die Brand­mar­kung zum »Unmen­schen« durch die Trä­ger des »gesun­den Men­schen­ver­stan­des«. Es ist also ange­ra­ten, die Trans­for­ma­ti­on schon in ihrer Ent­ste­hungs­pha­se auf­zu­hal­ten und nicht erst in Aktio­nis­mus zu ver­fal­len, wenn das Kind bereits in den Brun­nen gefal­len ist.

An die­ser Stel­le stellt sich nun die Fra­ge, war­um eine kri­ti­sche Betrach­tung die­ser Pro­zes­se Not tut bzw. war­um die Poli­ti­sie­rung der deut­schen Fuß­ballf­an­kul­tur von links ein The­ma ist, mit dem es sich von rech­ter Sei­te aus lohnt, zu beschäf­ti­gen. Das hat meh­re­re Grün­de, die sich in zwei Berei­che unter­tei­len lassen:

Bereich Nr. 1: die Fan­sze­nen im Allgemeinen

  • Für vie­le Fan­sze­nen liegt inso­fern ein Eigen­in­ter­es­se an der Sicht­bar­ma­chung der Unter­wan­de­rungs­pro­zes­se vor, als durch die lin­ke Ver­ein­nah­mung nicht sel­ten ein tief­grei­fen­der Kon­flikt in den Kur­ven ent­steht und ehe­mals tra­gen­de Tei­le der Fan­sze­ne als »pro­ble­ma­ti­sche« Sub­jek­te am bes­ten gleich aus dem gan­zen Sta­di­on ver­bannt werden.
  • Außer­dem gibt es trotz des lin­ken Über­ge­wichts immer noch ein paar weni­ge rech­te oder min­des­ten nach rechts ten­die­ren­de Fan­sze­nen, die einem zuneh­men­den Recht­fer­ti­gungs­druck aus­ge­setzt sind, dem sie sich nach allem, was die letz­ten Jah­re in Fuß­ball­deutsch­land zu beob­ach­ten ist, nur unge­nü­gend zu erweh­ren wissen.
  • Dar­über hin­aus hält mit dem anti­fa­schis­ti­schen Vor­marsch die von Bene­dikt Kai­ser in sei­nem kapla­ken Blick nach links beschrie­be­ne kon­for­mis­ti­sche Rebel­li­on auf den Rän­gen Ein­zug, wodurch das Oppo­nie­ren gegen den »moder­nen Fuß­ball«, das für die Ultra-Bewe­gung einen – wenn nicht den essen­ti­el­len Aspekt ihres Selbst­ver­ständ­nis­ses ausmacht(e), zur blut­lee­ren Folk­lo­re verkommt.
  • Hier bie­tet die Ana­ly­se von rechts die Mög­lich­keit, zual­ler­erst die Mecha­nis­men zur erken­nen, qua derer eine Über­nah­me voll­zo­gen wird; dar­an anschlie­ßend schafft sie das Ver­ständ­nis dafür, wel­che Pro­ble­me sich aus der anti­fa­schis­ti­schen Meta­mor­pho­se erge­ben und gibt zu guter Letzt Hand­lungs­emp­feh­lun­gen an die Hand, mit denen man die lin­ken Vor­stö­ße ein­dämmt und schlu­ßend­lich zurückdrängt.

Bereich Nr. 2: Fuß­ball als meta­po­li­ti­sches Feld

  • Die meta­po­li­ti­sche Bedeu­tung des­sen, was sich jedes Wochen­en­de in den Sta­di­en abspielt, ist nicht zu unter­schät­zen. Über­läßt man lin­ken Grup­pen dort das Feld, ver­liert man einen gewich­ti­gen poli­ti­schen Vor­raum, der als Fol­ge nicht nur brach liegt, son­dern zur Mobi­li­sie­rung gegen das eige­ne Anlie­gen genutzt wird.
  • Die von Cho­reo­gra­phien und Spruch­bän­dern trans­por­tier­ten Bot­schaf­ten errei­chen Hun­dert­tau­sen­de in den Sta­di­en, tra­gen sich über das Inter­net wei­ter und wer­den im Zwei­fels­fall noch von den Fern­seh­ka­me­ras ein­ge­fan­gen und lan­den so noch ein­mal bei Mil­lio­nen vor den Bild­schir­men. Kur­ven, die nach rechts ten­die­ren und eine dem­entspre­chen­de Außen­dar­stel­lung prak­ti­zie­ren, set­zen weit­rei­chen­de Impulse.
  • Schla­gen­des Bei­spiel für die­se Dyna­mik war die jüngs­te Spruch­band­ak­ti­on Cott­bu­ser Anhän­ger gegen die Demons­tra­ti­on von »Ende Gelän­de« in der Lau­sitz, was breit rezi­piert wur­de und als Kata­ly­sa­tor für das eige­ne Mobi­li­sie­rungs­po­ten­ti­al fun­gier­te. Außer­dem bedeu­tet ein poli­ti­scher Rück­halt in den Fuß­ball­kur­ven eine nach­hal­ti­ge Ver­an­ke­rung in der Bevöl­ke­rung, die unmit­tel­bar erfah­ren wird und nicht außer­halb des Hori­zonts des eige­nen Erle­bens stattfindet.
  • Erst wenn sich ein wei­tes Netz, das bei­spiels­wei­se Bür­ger­treff­punk­te, Knei­pen, Bur­schen­schaf­ten, Ver­ei­ne und ein­zel­ne Fuß­ball­sze­nen ein­schließt, bil­det – also kurz­um eine Ver­an­ke­rung im »nor­ma­len« Leben erfolgt – ist ein außer­par­la­men­ta­ri­sches Vor­feld geschaf­fen, das sich als sol­ches auch wirk­lich bezeich­nen kann und resi­li­ent gegen­über Stör­an­grif­fen von außen ist. Bedau­er­li­cher­wei­se wur­de die Sub­kul­tur der Fuß­ball­sze­nen von unse­rem Milieu bis­her eher stief­müt­ter­lich behandelt.

Um die­sen Miß­stand zu besei­ti­gen, wer­den auf den vor­lie­gen­den Text zwei wei­te­re fol­gen, wovon der ers­te die Mecha­nis­men und ins­be­son­de­re die Fol­gen der lin­ken Über­nah­me aus­leuch­tet und der zwei­te prak­ti­sche Stra­te­gien her­aus­ar­bei­tet, mit denen dem gras­sie­ren­den Antifa­pro­blem Ein­halt gebo­ten und eine Bil­dung kon­struk­ti­ver rech­ter Kur­ven unter­stützt wird. Die­se bei­den Tex­te zie­len auch spe­zi­ell dar­auf ab, den invol­vier­ten Akteu­ren den Blick zu schär­fen und ihnen die theo­re­ti­sche Unter­stüt­zung zur prak­ti­schen Umset­zung mit auf den Weg zu geben.

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In Teil 1 sei­ner Serie zum eigent­li­chen Volks­sport Fuß­ball wid­me­te sich Schick dem Fuß­ball als mil­li­ar­den­schwe­rem Geschäft. Hier ein­se­hen!

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Kommentare (22)

Maiordomus

20. Dezember 2019 12:55

Wer sich an "rechten" Fussballfans gütlich tun will, ergötze sich an den youtube-Präsentationen der Anhänger von Lazio Roma. Ich glaube nicht, dass die Fans von Lazio Roma über die Hintergründe des ungarischen Freiheitskampfes im Bild sind. Es ist ein bisschen ein rechtes Pendant zur Begeisterung vieler Junglinker für den "Commandante" Che Guevara. Ein Bedürfnis nach Heldentum.

Immerhin war nun mal der ungarische Aufstand ein mit Schweiss, Blut und Tränen bezahlter, mit nichts anderem in Nachkriegs- Europa vergleichbarer Kampf um Volksfreiheit. Der Beginn desselben, worüber 33 Jahre niemand reden durfte, der 23. Oktober, markiert den zunehmend national betonten ungarischen Nationafeiertag.

Politisch interessant und nicht einfach als faschistisch abzutun ist das Kampflied der Lazio-Fans, "Avanti Ragazzi di Buda", der Lobpreis der ungarischen Freiheitshelden von 1956. Hier würde sich nun aber lohnen, den heute in Ungarn gepflegten und gängigen Kult dieser Vorgänge besser kennenzulernen. Dzu gibt es auf youtube eindrückliches Material.

Über Jahrzehnte tobte ein Kampf um die Deutungshoheit jenes Freiheitskampfes. Wie das Bildmaterial drückend beweist, handelte es sich um einen im emotionalen und auch politischen Kern nationalistisch aufgewühlten Freiheitskampf eines ethnisch homogenen, total unterdrückten Volkes, das aber mit Imre Nagy einen nationalkommunistichen Regierungschef hatte. War das nun eine nationalkommunistische Revolution oder eine faschistische Konterrevolution, wie noch ein Roman des Schweizer Schriftsteller Walter Matthias Diggelmann in der DDR für die damalige Lesart umgeschrieben werden musste? Klar bleibt: ohne den Übertritt auch von kommunistischen, 1958 hingerichteten "Verrätern" ins nationale Lager wären jene "Ereignisse", wie Chinesen zum Beispiel ihre unterdrückte Konterrevolution von 1989 ebenfalls nennen, nicht möglich geworden. Netto aber handelt es sich ohne wenn und aber um den einzigen neueren Freiheitskampf eines europäischen Volkes, in dem nicht nur vieles, sondern fast alles riskiert wurde. Es ging innenpolitisch für viele um Leben und Tod, aussenpolitisch um das Risiko eines 3. Weltkrieges. Natürlich spielte dabei Radio Freies Europa und der CIA eine nicht kleine Rolle, wiewohl Eisenhower am Ende nichts riskieren wollte.

Auch nicht zu vergleichen mit dem Schwejk-Widerstand der Tschechen 1968 und der weichen deutschen Gutmenschenrevolution von 1989, auf deren Verlauf heute auch ein Egon Krentz selber ein Kränzchen windet. Dabei war es trotzdem die Losung "Deutschland einig Vaterland", welche die Illusionen um einen sogenannt demokratisch sozialistischen zweiten deutschen Staat hinwegfegte.

1972 erklärte mir der ungarische Film- und Theaterautor Istvan Bekefy, jüdischer Kommunist, aber auch Schweiz-Fan, es seien 1956 überall die "Horty"-Faschisten aus ihren Löchern gekrochen, und der Mob sei für einen wie ihn tatsächlich gefährlich gewesen. Im gleichen Jahr 1956 bezeichnete noch der kommunistische Bürgermeister von Neuhausen am Rheinfall die Ungarn-Flüchtlinge als "Horty"-Pack. Bekefy konnte ich aber nicht widersprechen, dass die Masse sich auch in einem "wahren Freiheitskampf" in einen Mob verwandeln kann. Unvergesslich umgekehrt aufgehängte Geheimpolizisten, die nach Vorbild Mussolini und Claretta Petacci präsentiert wurden. Es gab auch eine auf zahlreichen westlichen Illustrierten auf dem Titelblatt abgebildete ungarische "Greta", die aber statt mti dem alternativen Nobelpreis mit einem kühlen Grab ausgestattet wurde. Heldentum ist nun mal nicht in einem Bahnwagen erster Klasse zu erringen.

Avanti Ragazzi di Buda! Es wäre das am meisten politische Kampflied von Fussballfans in Europa, wenn die Gröler nur eine Ahnung hätten, um was es da ging. Es kann sein, dass sie zwar wirklich keine Ahnung haben, es aber irgendwie im Bauch spüren. Die Voraussetzungen für einen Freiheitskampf wie in Ungarn 1956 sind heute nirgends in Europa gegeben, und es wird diese wohl auch nie wieder geben. Aber es handelt sich um die historische Erklärung, warum Ungarn sich politisch anders verhält als Deutschland und wohl auch Italien. Da können die Lazio-Fans singen und grölen, solange sie wollen!

Stefanie

20. Dezember 2019 13:04

Zur Illustration, was es bedeutet in so einem "antirassistischen " Umfeld Fußball spielen zu müssen, hier eine Betrachtung zu einem B-Jugendspiel zwischen Hertha BSC und dem
VfB Auerbach.

https://seidwalkwordpresscom.wordpress.com/2019/12/18/die-unertraegliche-leichtigkeit-des-rassismus/

tearjerker

20. Dezember 2019 13:08

Ich bin gespannt auf die nächsten 2 Beiträge zum Thema. Die Analyse beschreibt aber eher den Zustand von vor 15 Jahren. Das Kind ist bereits komplett in den Brunnen gefallen und schlimmer wird’s nicht mehr. Fussball bietet im Wochentakt die grösste Bühne für Selbstrepräsentation und in den Kurven der 100%er auch für territoriales Auftreten mit eigenen Farben und Gesängen. Der Staat ist bereits seit 3 Jahrzehnten dabei dieses Feld zu besetzen und kontrolliert mit Hilfe des Verbandes den gesamten Rahmen der Veranstaltung und was zugelassen wird und was nicht. Selbst der S04-Chef riskiert bereits mit flapsigen Bemerkungen abseits des Spielfeldes seine Reputation und kann massiv unter Druck gesetzt werden. Szenen wie in den 80igern in der DDR, in Jugoslawien 1990 oder in Südamerika wird es wohl vorerst nicht geben. Trotzdem existieren bereits alternative rechte Strukturen innerhalb der Fanszenen. Diese sind aber eher in bei den Hools zu suchen, die bei den grossen Clubs zu grossen Teilen dem Milieu angehören (Dresden, Hamburg, Dortmund, Frankfurt). Dort wird auch ein Beispiel dafür gegeben, worauf es ankommt, nämlich eigene Strukturen und Gewaltfähigkeit. Man sollte zudem die linken Ultras nicht überschätzen. Ungeachtet ihres teils unermüdlichen Engagements taugen diese nicht viel und sie werden bei einem Meinungsumschwung einfach überlaufen. Wer die Konsensbemühungen von Verband und Vereinen unterlaufen möchte sollte auf jeden Fall die Klubs mit schlechtem Leumund unterstützen: Lok, BFC, Chemnitz, Offenbach, Mannheim, Lautern, Rostock, Essen. Achja, die rechtesten Leute habe ich im Umfeld des FC Bayern kennengelernt. Sport frei!

Nordlicht

20. Dezember 2019 13:08

Sind die Fußball-Unternehmen relevant für die Stärkung der Nationalen Sache? Meiner Ansicht nach nicht.

Denn, wie im Teil 1 im August richtig formuliert:
"Die Mannschaften sind in den oberen Ligen ein Sammelsurium an Söldnern, die aus allen Ecken der Welt rekrutiert bzw. zusammengekauft werden ..."

Das hat nichts mIt Heimat, Identität oder nationaler Selbstbestimmung zu tun. Ich kann mich einer Deutschen Nationalmannschaft identifizieren; ob Bayern München oder Borussia Dortmund, ob Hertha oder VW Wolfsburg gewinnen oder nicht, das geht mir weit am Herzen vorbei.

Maiordomus

20. Dezember 2019 13:59

Hinweis auf das Lied der Lazio-Fans

Das Lied der Lazio-Fans "Avanti ragazzi di Buda" in deutscher Version ist schon seit etwa zwei Jahren als Variante der deutschen Identitären, in Form von gepflegtem "Variété identitaire" auf youtube zu geniessen; mit einem finster blickenden romantisierenden teutschen Jüngling und der jenseits ihrer überschmickten Lippen schönen halbverhungerten Madame Envie, oder wie sie heisst, zu sehen und zu hören. Man muss dabei ein bisschen an Heinrich Heines Resignation über die nach Meinung des Dichters damals nicht gegebene Möglichkeit einer Revolution in Deutschland denken. In einem italienischen Fussball-Stadion würden sich die beiden Softies wohl total verloren fühlen. Trotzdem spürt man, dass sie sich stärker mit den einstigen Ungarn identifizieren als zum Beispiel einige der Rabauken von Lazio, die das Andenken der Ungarn mit dem Faschistengruss in Richtung kommunistische Engführung in der Interpretation der ungarischen Revolution besudeln.

Laurenz

20. Dezember 2019 14:10

Werter Herr Schick, wieder mal bestechende Logik in Ihrem Artikel, schön zu lesen.

An dieser Stelle habe ich eine Frage. Wie agieren denn die Ultra-Gruppen verschiedener Vereine untereinander? Wie soll das mit der üblichen abrahamitischen Ausgrenzung funktionieren? Als echter Linker müßte man doch dem gegnerischen Verein zujubeln, wenn dieser gegen die eigene Mannschaft gewinnt?

Ich will nicht in Abrede stellen, daß Fußball ein Milliarden-Geschäft ist.
Aber mit Verlaub, die Vereine sind lächerliche Objekte, die Profi-Fußball-Anhänger sind lächerliche Subjekte.

Ich verstehe, daß manche Kommunen ihren Namen zugunsten ehemals heimischer Klubs hergeben, denn wer wüßte sonst, daß Gelsenkirchen oder Mönchen-Gladbach überhaupt existieren oder auf einer Landkarte zu finden sind. München, Leipzig, Frankfurt, Hamburg und Berlin hingegen, könnten Geld dafür nehmen, daß man gewerblich ihre Namen nutzt.
Ehrlicher wäre es aber, wenn Aldi gegen die Commerzbank und Siemens gegen Bayer spielt.
Die Mannschaften, sprich die modernen Gladiatoren, werden auf einem modernen Sklavenmarkt gehandelt, sind vollkommen austauschbar. Auch die National-Mannschaften sind zu International-Mannschaften mutiert, und Dank wertloser Pässe, völlig austauschbar. Die Identifikation mit Vereinen ist völlig inhaltsleer, wie wäre es mit einer Taubenzüchter-Verein-Ultra-Gruppe? Auch wenn die Ultras billigere Karten erhalten, so sind Stadionbesucher, wie auch die Ultras strunzhohl. Bei einem besseren Organisationsgrad würde man Geld nehmen können, anstatt Jahresabos für den Stadionbesuch zu bezahlen.

Interessant, daß panem & circenses heute nach 2.000 Jahren noch besser funktioniert als bei den Römern ehedem. Daß dem so so ist, kann nur mit dem Christentum erklärt werden, welches den Menschen als Spezies degeneriert.

Caroline Sommerfeld

20. Dezember 2019 14:28

In meine Klasse ging ein St.-Pauli-Fan, der eines Tages in Riesenlettern mit Edding auf seinen Schultisch schrieb: "Nie wieder Krieg - nie wieder Faschismus - nie wieder zweite Liga!" Ich wußte, damals etwa 16, nicht, ob ich mich empören sollte wegen des Herunterspielens der Verbrechen von Kriegen und Faschismus, oder ob ich die Phrasenhaftigkeit der ersten beiden Bestandteile des Slogans endlich durchschaut hatte. Sechzehnjährige sind unausgegoren.

Maiordomus

20. Dezember 2019 15:50

@Schick. Sie verweisen auf italienische Strukturen,so auf den Verein SS. Lazio. Gegnerischen Mannschaften kann von den "Irreducibili" feindselig begegnet werden. Es gibt im Einelfall aber fraternità, brotherhood mit der gegnerischen Mannschaft; zum Beispiel bei Lazio Roma - Ferencvaros Budapest; dabei wurde/wird das Kampflied "Avanti ragazzi du Buda" gemeinsam gesungen.

Insofern sie die Gewaltfähigkeit als für die Durchsetzung einer Fanmasse wesentliches Kriterium charakterisieren, treffen Canettis Analysen für Massen für die Fanmobilisierung wohl nicht bloss der Ultras voll zu: 1. Die Masse will wachsen; 2. Innerhalb der Masse herrscht Gleichheit; 3. Die Masse benötigt ein Ziel, was die Dichte innerhalb der Gleichförmigkeit befördert. 4; Die Masse drängt zur Entladung; sie will gewinnen; in sublimierter oder im Extremfall auch nicht sublimierter Form drängt die Masse auf die Vernichtung, eigentlich Tötung des Feindes.

Im Fussball aber ist es im Gegensatz zum Krieg noch möglich, n i c h t hinzugehen, wie oben verschiedene politisch motivierte Muffel für sich selber durchblicken lassen. Wohingegen für den Krieg das meist unvollständig zitierte, um den wesentlichen Schlusssatz verkürzte Zitat von Bertolt Brecht gilt: "Stellt euch vor, es ist Krieg und keiner geht hin. Dann a b e r k o m m t d e r K ri e g z u
e u c h!"

Grobschlosser

20. Dezember 2019 18:47

ein politisch denkender Fan kauft keine überteuerten Eintrittskarten um sich dann vom Lautsprecher die Welt erklären zu lassen .

Der Profifußball ist seit ca. 30 Jahren ein Projekt der brd - Elite - wird aber von den Fans finanziert ; der schnüffelnde "Fanbetreuer" ist das Problem - erteilt man solchen Leuten Hausverbot lässt sich das Problem der vs gesteuerten "Fankultur" eindämmen .

Solution

20. Dezember 2019 20:24

Die kommerziellen Vereine, die Medien und der Staat haben gemeinsam die rechte Fußballszene in Italien mit Verboten, Einschränkungen und Hetze stark eingeschränkt. Hierzu liegt eine gute Studie von Dr. Mark Dyal aus den USA vor: "Hated & Proud" (Arktos).

Warum sollte das System ausgerechnet im Fußball, der eine der besten Propagandamaschinen für die multikulturelle Gesellschaft ist, rechte Propaganda und Strukturen erlauben?

Gustav Grambauer

21. Dezember 2019 09:20

Laßt euch mal auf das Programm Mechanistischer Daseinskampf der Tiere gegen andere Tiere konditionieren. Aber heult nicht, wenn ihr ihn verliert. (Es steht fest, daß ihr ihn, gegen den Gegner wie gegen euch selbst, verlieren werdet). Simma bei Sezession oder bei "Alle machen mit"?! Das Brecht-Zitat "... dann aber kommt der Krieg zu euch" ist der typische Clou des Manipulateurs Brecht, auf keine knackigere Formel kann man und konnte kein anderer die Raffinesse der Massenmobilisierung mit Einkomponierung der gesamten marxistischen Ideologie bringen. Die Muffel (Maiordomus) müssen sie nur noch verstehen, auch verstehen, daß in dem Wort Mobilisierung das Wort "Mob" drinsteckt.

Wie raffiniert und zugleich wie unintelligent von Herrn Schick, die "Vorfeldwirkung" so sehr zu betonen. Aber alles, was "Vorfeld" heißt, ist eine Riesen-Honigfalle. "Vorfeld" dient in Wahrheit dazu, die psychischen Energien an die Götzen zu binden. Diese Energien würden sich ohne Fußball viel bessere, hochwertigere, höhere Kanäle suchen und hätten schon allein ohne die sonntägliche - vom System zynisch institutionalisierte - Aggressionsabfuhr im Stadion auch viel mehr Wumms. Wenn man etwas bewirken will, dann sollte man, um einmal ein Bild zu geben, keinen Reifen aufumpen, der ein Loch hat. Oder um ein noch besseres Bild zu geben: Fußball ist kein Akkupunkturpunkt, schon gar nicht zur Heilung von irgendwem oder irgendetwas und erst recht nicht am sozialen Organismus.

- G. G.

Laurenz

21. Dezember 2019 09:22

@Maiordomus ...

Zitat- "Stellt euch vor, es ist Krieg und keiner geht hin.- Zitatende.

Der Spruch war schon immer gelogen. Der Wahrliegt näher ... "Stellt euch vor, es ist Krieg und keiner kann weg."

Martin Heinrich

21. Dezember 2019 10:52

Bei den Profi-Fußballvereinen ist der Drops doch längst gelutscht. Wie sollte man bei einem Mainz05 identitär agieren, wenn die Mannschaft 2019/20 zu mehr als 50 % aus Nafris und Vorderorientalen besteht? Nicht Kontra geben! Nein! Den Trend verstärken! Noch mehr Neger und Moslems in die Mannschaft holen, bis sich auch der dumpfeste "USM"ler (UltraSzeneMainz) fragt, was an dem Verein überhaupt noch meenzerisch ist ...

WoRa

21. Dezember 2019 15:19

@Laurenz
@Nordlicht
Leider muss ich hier Laurenz Recht geben: Auch die Identifikation mit der Deutschen Nationalmannschaft (sie soll ja wohl nur noch "Mannschaft" heißen) ist mir inzwischen nicht mehr möglich: Ich sehe hier Menschen über den Platz laufen, welche mir maximal fremd sind und genauso gut in der Nationalmannschaft von Gambia spielen könnten. Ich hoffe, es erweist sich langfristig als falscher Weg, Fußballspielern vorrangig wohl deshalb den deutschen Pass zu geben, weil sie geschickte Pässe schlagen können. Oder andersrum: Lieber bei einer Weltmeisterschaft verlieren, dafür aber weiterhin mitfiebern können.

Ratwolf

21. Dezember 2019 22:12

Klingt logisch. Im Byzanz gab es ja auch die Zirkusparteien. Jeder hatte seinen Verein mit seiner Farbe, und alle waren irgendwie (gegeneinander) beschäftigt.
Diese Sicht mag an meiner persönlichen Abneigung gegen Massenereignisse liegen.
Welche Chancen haben die "Rechten". Wäre toll, wenn sich die Massen aus den Stadien dann in die Städte ergießen würden, und für mehr Freiheit demonstrieren würden.

Zu was Massen in der Lage sind. wenn die entsprechend vorkonditioniert wurden, kann man an Bildern und Filmen von der iranischen (schiitischen) Revolution sehen. Eine große Kraft der Menge kann man da sehen.

Atz

22. Dezember 2019 00:21

Ein Beispiel gefällig wie diese Leute kämpfen
https://www.boell.de/de/2018/04/04/linksgruen-versifft-handreichung-zum-umgang-mit-rechtspopulistischen-parteien-und

Eine aus Steuergeldern bezahlte parteinahe Stiftung gibt Argumentationshilfe zur extremen Ausgrenzung und zum Mobbing einer im Bundestag vertretenen Partei. Klar gegen Art 3 GG. Klar der Missbrauch einer Stiftung zur politischen Agitation gegen Teile des parteipolitischen Spektrums.

Diese Art Strategien werden auch angewendet um Fussballvereine systematisch umzukrempeln. Gewiss nicht demokratisch oder dem normativen Individualismus verpflichtet. Ziel ist Uniformierung und Ausgrenzung andersdenkender.

E. Canetti versteht Masse weniger als Menschenmenge wie Le Bon usw., sondern vielmehr als eine Art Wachstumsgefühl in uns, das Gefühl von Vielheit. Insofern kann man ihn nicht so ganz direkt auf Fussball münzen.

Cugel

22. Dezember 2019 00:39

Habe vor einigen Jahren mal einen 98-Fan getroffen, um die 50, treuer Anhänger seit Jugendtagen, als der Verein noch niedrigklassig spielte. Da die 98er unlängst aufgestiegen waren, boten sie sich als Gesprächsthema an. Da aber klagte mir der gute Mann sein Leid. Er habe keine rechte Freude mehr an der Sache. Über lange Jahre sei man eine kleine, eingeschworene Gemeinschaft gewesen, nun aber seien plötzlich Hinz und Kunz Darmstadt-Fans, die meisten davon ohne Ahnung von Fußball und Verein. In diesem Zusammenhang erwähnte er auch die lokalen Utras. Das seien planlose Jugendliche, die auf dicke Hose machten, durchweg arme Würstchen und mit den Italienern nicht zu vergleichen. Er erwähnte nicht ihre linke Ausrichtung; ich nahm ihn als unpolitischen Menschen wahr. Da es ihn sichtlich frustrierte, wechselte ich das Thema.

H. M. Richter

22. Dezember 2019 16:46

Was von mir bereits nach Schicks Fußball-Beitrag (1) festgestellt wurde, kann erneut gesagt werden: Fußball ist auch nicht mehr das, was es mal war ...

Diese alte Fernsehwerbung bringt es nach wie vor recht gut auf den Punkt:
https://www.youtube.com/watch?v=Q_IRAkHH8TY

Eine wie auch immer geartete 'linke Fankultur' war in der DDR aus verständlichen Gründen vollkommen ausgeschlossen.

Gestern hörte ich an einem Stammtisch, an dem die Geschichte des DDR-Fußballs wenn nicht lückenlos, so doch in wesentlichen Zügen bis in die 50er Jahre gekannt wird, eine Erzählung, die ich bisher noch nicht kannte, die mir aber derart exemplarisch vorkommt, daß sie hier wiedergegeben werden soll.

Nach dem Mauerfall war der Berliner Bahnhof Friedrichstraße bekanntlich geteilt in einen Ost- und einen Westberliner Teil. Auf einen der Ostberliner Bahnsteige konnte man nun ab August 1963, dem Start der Fußball-Bundesliga, durch eine Wand hören, wie die Westberliner Hertha-Anhänger bei den Spieltagen ihrer Mannschaft beim Umsteigen in Richtung Olympiastadion den Klassiker des Fußball-Sprechgesangs riefen, um nicht zu sagen brüllten: »Ha Ho He - Hertha BSC«. Dies sprach sich herum, und von Spieltag zu Spieltag begannen sich nun auf der Ostberliner Seite des Bahnhofs mehr und mehr Leute, vor allem Jugendliche zu versammeln, die, kaum war der Schlachtruf der Westberliner Hertha-Fans durch die Bahnhofswand zu hören, ebenfalls ohrenbetäubend antworteten: »Ha Ho He - Hertha BSC«.

Man konnte einander nicht sehen, aber hören ...

Schließlich unterbanden die Ostberliner Sicherheitsorgane dieses Treiben auf ihrem Territorium.

Bis der November 1989 kam und Hertha BSC zwei Tage nach dem gerade erfolgten Mauerfall für alle ihre Ost-Anhänger freien Eintritt beim Spiel gegen Wattenscheid im Olympia-Stadion gewährten:
https://www.youtube.com/watch?v=PDiq9a9nrik

So kamen dann auch an diesem Tag mehr als 50.000 Zuschauer zu einer Zweitliga-Partie ...

Es war die Zeit, als von den Medien lebhaft ein sog. 'Rechtsruck' in den Stadien beklagt wurde, wie hier bei der Hertha.
https://www.youtube.com/watch?v=u-R8o0zxFMg

Als dann später linksextreme Kräfte in den Folgejahrzehnten, wie von Schick oben erwähnt, mehr und mehr in Fußballvereine eindrangen und diese nicht selten unter Gewaltanwendung gegenüber anderen Anhängern des selben Vereins teilweise gänzlich übernahmen, hörte und sah man dagegen darüber in der offiziellen Berichterstattung nichts ...

Fußball ist wirklich nicht mehr das, was es mal war. Aber die Situation wie sie ist, muß - und wird - nicht so bleiben wie sie ist. Auch nicht im deutschen Fußball. Denn auch hier gilt das Brecht-Wort: »Weil die Dinge sind, wie sie sind, werden die Dinge nicht so bleiben wie sie sind.«

Jan

22. Dezember 2019 17:41

Der Anti-Rassismus der Ultras ist gut fürs Geschäft und deswegen ist dagegen auch kein Kraut gewachsen. Die europäischen Vereine verkaufen Übertragungsrechte und Fan-Artikel in die ganze Welt, vor allem nach Asien und Afrika. Da kommt es natürlich schlecht, wenn von den Rängen Schmährufe wie "Neger", "Kaffer" oder "Schlitzauge" schallen. Also wird das Ultra-Treiben von Vereinsführungen und Verbänden gefördert. Und, ehrlich gefragt, wollen wir in die Zeiten von vor 25 Jahren zurück? Als ich in den 90ern noch regelmäßig zum HSV gegangen bin, gehörten Urwaldrufe, Bananenwürfe und diverse rassistische Ausdrücke bei bestimmten Leuten in der Kurve zum festen Repertoire. Der Verein (wie alle anderen außer St. Pauli) ignorierte das verklemmt und verdruckst, ebenso die schweigende Mehrheit in der Kurve. Einmal stellte ich so einen Rufer zur Rede, der einen dunkelhäutigen gegnerischen Spieler lautstark als "Scheiß Kaffer" beschimpfte. Daraufhin blaffte er mich nur an: "Du kommst wohl von 'ner höheren Schule". Diese geballte Dumpfheit und Primitivität gemischt mit Rassismus, Hass und Verachtung war einfach nur häßlich und abstoßend. Kein Mensch mit Würde und Anstand konnte sowas gut finden.

Persönlich war ich schon seit 2005 nicht mehr im Stadion. Die zunehmende Kommerzialisierung und der ständig steigende Ausländer- bzw. Multi-Kulti-Anteil in den Mannschaften, die immer austauschbarer wurden, störten mich zunehmend. Schuld war auch das Kippen der alten Ausländerregel (nicht mehr als zwei Ausländer in der Startelf) durch den EU-Gerichtshof im Jahr 1995. Wenn man heute im Europapokal z.B. gegen englische oder französische Vereine spielt und es stehen fast nur noch Afrikaner, Latinos und Araber auf dem Platz, ist das extrem irritierend. Ich kam mir irgendwann vor wie ein Idiot, der nur noch einem Wappen, einem Label zujubelt und im Stadion mit Schal und Mütze den Kasper macht, um eine verkaufsfördernde Kulisse abzugeben.

Auch schaue ich schon seit vielen Jahren im Fernsehen keinen Fußball mehr. Ich sehe die Sache mittlerweile ähnlich wie Kommentator Laurenz hier. Mein Fan-tum war irgendwie sinn- und bedeutungslos. Was unterschied meinen Verein von den anderen Vereinen außer den Vereinsfarben und dem Standort des Stadions? In den 70ern wäre es unvorstellbar gewesen, die Mannschaften von Bayern und Gladbach untereinander auszutauschen. Zu stark prägten die echten Rheinländer Voigts, Heynckes und Netzer sowie die echten Bayern wie Beckenbauer, Breitner, Müller, Schwarzenbeck oder Maier den Charakter und das Image ihrer Vereine. Heute würde ein Austausch niemand wirklich bemerken, denn die Spieler könnten überall spielen. Nichts an Bayern und Gladbach ist noch Bayern oder Gladbach, außer dem Standort der Spielstätte und der Geschäftsstelle. Es sind pure Markenlabel, "Brandnames" und "Trademarks". Die Fußballvereine gehören zu den ersten Opfern des Globalismus.

Wahrscheinlich würde mir der ganze aufgesetzte und ebenfalls ins Extrem verrutschte Anti-Rassismus der Ultras in den heutigen Stadien gewaltig auf die Nerven gehen, aber davon abgesehen kann auf der anderen Seite niemand wirklich bedauern, dass der dumpfe "Neger raus"-Rassismus von damals aus den Stadien verschwunden ist.

Gustav Grambauer

23. Dezember 2019 04:51

H. M. Richter

Für Unkundige sollten Sie noch dazu sagen, daß "Die alte Dame" (Hertha) genetisch im tiefsten Berliner Osten, genauer gesagt im Gleimviertel, urständet. Der Verein war 1892 in der Zionskirchstraße gegründet worden, wo er auch lange Zeit sein Vereinslokal hatte, die Vereinsgründung wurde im Berliner Stadthaus am Molkenmarkt registiert und er trug seine Heimspiele auf dem Exer der Alexandriner aus, dem späteren Cantian-Stadion, - klar -, nahe der Schönhauser Allee. Der Oberclou ist folgender: wie kam Erich Mielke später für den Club seiner Schergen auf die drei Buchstaben BFC? Antwort: er wollte die Pawlowsche Prägung des Berliner Ostens auf Hertha psychologisch ausnutzen und im gleichen Zuge dessen Beziehung zur echten Hertha "zersetzen", Hertha hatte nämlich zeitweise Hertha BFC (!!!) geheißen (was für ein Sinnbild für Fußball und linke Vereinnahmung / Verein-Nahmung ...).

- G. G.

Andreas Walter

23. Dezember 2019 09:58

Nur zur Info (ist ja auch nur wieder eine weitere Provokation, die Absicht ist klar):

https://www.zeit.de/gesellschaft/2019-12/rechtsextremismus-neue-rechte-identitaere-afd-voelkische-bewegungen

Auch er wird noch früh genug merken, dass wir nicht das Problem sind, nie waren, sondern nur ein willkommenes Ablenkungsmanöver. Sobald wir als Feind weg sind werden sie sich gegenseitig zerfleischen. Ich spüre doch wie sie leiden, seit dem auch Höcke ihnen nicht mehr die Wange hinhält. Hat Gandhi nicht sogar das Britische Weltreich so besiegt? Oder war es eh bereits am Ende? Vielleicht ja sogar beides. Die Zeit(!) arbeitet für uns.

Maiordomus

23. Dezember 2019 10:32

@Jan. Stell dir vor, es ist Fussball, und keiner geht hin. Allerdings ist das Hinschauen heute das Geschäft der Geschäftemacher. Verweigerung funktioniert vielleicht, wenigstens für das eigene Ethos, nur beim Krieg leider nicht, wie es Brecht ausdrücklich gesagt hat.

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