20. Dezember 2019

Fußball (2) – Ultras, eine linke Vereinnahmung

Jonas Schick / 22 Kommentare

Carl Zeiss Jena, Werder Bremen, Hamburger SV, FSV Mainz 05 usw. – die Liste der Fankurven, die von Ultra-Gruppen auf links gewendet wurden, ist lang.

Der Einfluß antifaschistischer Strukturen auf das Geschehen in den deutschen Stadien nimmt seit geraumer Zeit zu – eine Subkultur, die in Deutschland als zuvorderst »unpolitisches« Phänomen entstand, hat sich zur Speerspitze »der Arbeit gegen rechte Strukturen und Diskriminierung im Stadion« und zum Kämpfer gegen »Sexismus, Homophobie, Antisemitismus, Nationalismus, Rassismus oder Antiziganismus« gewandelt.

Was ist Ultra? Möchte man diese heterogene Bewegung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner herunterbrechen, so bezeichnet »Ultra« eine Gruppe fanatischer Anhänger eines Fußballclubs (mittlerweile auch bei anderen Sportarten anzutreffen), die durch einen hohen Organisationsgrad – im Vergleich zu anderen Fangruppen läßt sich bei den Ultras ein hohes Maß an Arbeitsteilung feststellen – charakterisiert wird. Das äußert sich beispielsweise im koordinierten Anstimmen von Fangesängen mittels Megaphone durch »Capos« oder in der Konzeption und Durchführung aufwendiger Choreographien – ein klassisches Stilmittel, das hierbei in der Öffentlichkeit mit »Ultras« in Verbindung gebracht wird, ist das Abbrennen von Pyrotechnik.

Es gab einzelne dezidiert linke Gruppen vor diesem Trend, von denen manche einen nicht überraschen sollten: Ultrà St. Pauli oder Diablos Leutzsch – Ultras Chemie Leipzig rekrutieren sich aus regional fest verankerten linksextremen Strukturen. Daß aber mittlerweile bei Mannschaften wie dem Hamburger SV oder dem 1. FC Magdeburg antifaschistisch orientierte Gruppen auf dem Vormarsch sind, zeigt nachdrücklich die Sprachlosigkeit bzw. Unfähigkeit tendenziell rechts eingestellter Fanstrukturen, sich dem Phänomen des Zugriffs von links zu erwehren.

Das ist unter anderem auf den »unpolitischen« Gründungsmythos der deutschen Ultras zurückzuführen. Während im Ursprungsland der Ultra-Bewegung, Italien, die jeweiligen Gruppen von ihrer Entstehung ab von den turbulenten bis gewalttätigen politischen Konflikten der 1960er- bis 1980er-Jahre beeinflußt waren, wurden beim Aufkommen der ersten deutschen Gruppen in den 1990ern meistens nur die Ausdrucksformen und Organisationsstrukturen der italienischen Vorbilder adaptiert. Die sattgefressene Bundesrepublik bot zu diesem Zeitpunkt nur kargen Nährboden für ausgeprägte politische Positionierungen im Stadion, die über adoleszente Provokationen hinausgingen.

Demgegenüber gehört es in Italien zur Normalität, daß kommunistische/sozialistische und faschistische Ultra-Gruppen das Bild der Stadien prägen. Bekannteste Vertreter der Rechten sind die »Irriducibili« (die Unbeugsamen) von S.S. Lazio Rom, die »Brigate Gialloblu« (früher) und die »Curva Sud« (heute) von Hellas Verona oder die »Boys S.A.N.« von Inter Mailand. Auf der Linken sind die »Curva Nord« von AS Livorno oder das »Collettivo Autonomo Viola« (mittlerweile aufgelöst) von AC Florenz hervorzuheben. Indessen drängt es die politischen Kurven in die Extreme – Mäßigung ist nicht die prävalenteste Tugend der Fanszenen. Ein Phänomen, das auch in den »Politischen Kurven« Deutschlands zu beobachten ist.

Zurück zum »Unpolitischen« als Illusion der Harmoniewahrung innerhalb der Fanszenen: Das vordergründige politische Desinteresse und die damit verbundene Naivität vieler deutscher Ultragruppen öffnete antifaschistischen Interessen insofern die Tore, als der eigene Kompaß für die Identifikation politischer Vereinnahmungsversuche stark verkümmert war und in großen Teilen noch immer ist. Das kommt insbesondere bei der Tolerierung und Übernahme von passiv-aggressiven Etikettierungen wie »Kurve ohne Rassismus« und ähnlichen linksliberalen Derivaten zum Tragen.

Was von vielen »unpolitischen« Akteuren innerhalb der Szenen als unbedenkliche Selbstverständlichkeit wahrgenommen wird, ist der erste und nicht zu unterschätzende Schritt zur linksdominierten Tribüne. Wenn die von Antifas in Beschlag genommene Südtribüne von Darmstadt, unter dem Eigenname »Block1898« firmierend, folgendes verlautbart, »Auch auf der Südtribüne gilt – Kein Platz für Rassismus! Das hat nichts (sic!) politischen Vorgaben, sondern mit gesundem Menschenverstand, den Werten und der Historie unseres Vereins zu tun«, und dabei auf den »unpolitischen« Charakter dieser Positionierung verweist, dann ist das pure Augenwischerei und politische U-Boot Taktik.

Wird dieser Behauptung Glauben geschenkt, so geht man der vorgeblichen Ideologielosigkeit der tonangebenden, linksliberalen Paradigmen auf den Leim, die den herrschenden Zeitgeist konstituieren. Der wahrscheinlich von nicht wenigen im »Block1898« geschätzte Karl Marx (zumindest aus der linken »Lifestylepflege« heraus) konstatierte diesbezüglich im »Kommunistischen Manifest« treffend: »Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse.«

Und ergänzt man diese Sentenz noch um Marxens Analysen in der »Deutschen Ideologie«, wird das Politische im »Unpolitischen« der Darmstädter Verlautbarung vollends augenscheinlich. Demnach ist jede herrschende Klasse dazu genötigt, »ihr Interesse als das gemeinschaftliche Interesse aller Mitglieder der Gesellschaft darzustellen, d. h. ideell ausgedrückt: ihren Gedanken die Form der Allgemeinheit zu geben, sie als die einzig vernünftigen, allgemein gültigen darzustellen«. Wenn die Darmstädter den »gesunden Menschverstand« ins Spiel bringen, exekutieren sie ebenjenen von Marx beschriebenen Prozeß mustergültig.

Für die jeweiligen Fankurven zieht die Etablierung dieses Ausschlußkriterium der »Kurve ohne Rassismus« derweil mehrere folgenschwere Konsequenzen nach sich: Zuallererst wird die linke Rassismusdefinition übernommen, die schon in der Erkenntnis des »Anderen« und des »Eigenen« eine latente Diskriminierungsdynamik identifiziert und diese als zu bekämpfend markiert. Daraus resultiert zwangsläufig die implizite Verbannung aller Gruppen im organisierten Fanbereich, die rechts der Mitte zu verorten sind.

Es muß sich nicht einmal offen politisch positioniert werden – selbst das Tragen der deutschen Nationalfarben wird, wenn die Antirassismusdynamik ins Rollen gekommen ist, zum Vergehen gegen den neuen Leitspruch gewertet. Erschwerend kommt außerdem hinzu, daß sich die Vereinsoffiziellen nun mit hoher Wahrscheinlichkeit zu diesem mindestens linksliberalen Credo bekennen und seine Implementation befürworten werden; gefolgt vom DFB und seinen verlängerten, sozialpädagogischen Armen, den Fanprojekten.

Diese informelle Blockbildung entsteht, da die Übernahme antirassistischer Leitsprüche keinen oppositionellen Akt wider das Establishment verkörpert, sondern vielmehr die Einpassung in den vorherrschenden gesellschaftlichen Konsens darstellt (siehe oben bzw. Marx). Wer nun seine Kurve nachträglich aus dem Klammergriff linker Ideologeme befreien und aktiv gegen die Vereinnahmung von links stemmen möchte, der sieht sich der breiten Front der »Zivilgesellschaft« gegenüber – er wird seitens der Presse, der Verbände, des Vereins im Einklang mit den Sponsoren und von den Fanprojekten mit allen Mitteln diskreditiert werden.

Ferner ist die Befreiung insofern ein schweres Unterfangen, als das Revidieren der Transformation zur »Stimmung statt Rassismus«-Kurve als Angriff auf die »Vernunft« verstanden wird und einer Positionierung außerhalb der »Menschheitsfamilie« gleichkommt. Daraus folgt die Brandmarkung zum »Unmenschen« durch die Träger des »gesunden Menschenverstandes«. Es ist also angeraten, die Transformation schon in ihrer Entstehungsphase aufzuhalten und nicht erst in Aktionismus zu verfallen, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist.

An dieser Stelle stellt sich nun die Frage, warum eine kritische Betrachtung dieser Prozesse Not tut bzw. warum die Politisierung der deutschen Fußballfankultur von links ein Thema ist, mit dem es sich von rechter Seite aus lohnt, zu beschäftigen. Das hat mehrere Gründe, die sich in zwei Bereiche unterteilen lassen:

Bereich Nr. 1: die Fanszenen im Allgemeinen

  • Für viele Fanszenen liegt insofern ein Eigeninteresse an der Sichtbarmachung der Unterwanderungsprozesse vor, als durch die linke Vereinnahmung nicht selten ein tiefgreifender Konflikt in den Kurven entsteht und ehemals tragende Teile der Fanszene als »problematische« Subjekte am besten gleich aus dem ganzen Stadion verbannt werden.
  • Außerdem gibt es trotz des linken Übergewichts immer noch ein paar wenige rechte oder mindesten nach rechts tendierende Fanszenen, die einem zunehmenden Rechtfertigungsdruck ausgesetzt sind, dem sie sich nach allem, was die letzten Jahre in Fußballdeutschland zu beobachten ist, nur ungenügend zu erwehren wissen.
  • Darüber hinaus hält mit dem antifaschistischen Vormarsch die von Benedikt Kaiser in seinem kaplaken Blick nach links beschriebene konformistische Rebellion auf den Rängen Einzug, wodurch das Opponieren gegen den »modernen Fußball«, das für die Ultra-Bewegung einen – wenn nicht den essentiellen Aspekt ihres Selbstverständnisses ausmacht(e), zur blutleeren Folklore verkommt.
  • Hier bietet die Analyse von rechts die Möglichkeit, zuallererst die Mechanismen zur erkennen, qua derer eine Übernahme vollzogen wird; daran anschließend schafft sie das Verständnis dafür, welche Probleme sich aus der antifaschistischen Metamorphose ergeben und gibt zu guter Letzt Handlungsempfehlungen an die Hand, mit denen man die linken Vorstöße eindämmt und schlußendlich zurückdrängt.

Bereich Nr. 2: Fußball als metapolitisches Feld

  • Die metapolitische Bedeutung dessen, was sich jedes Wochenende in den Stadien abspielt, ist nicht zu unterschätzen. Überläßt man linken Gruppen dort das Feld, verliert man einen gewichtigen politischen Vorraum, der als Folge nicht nur brach liegt, sondern zur Mobilisierung gegen das eigene Anliegen genutzt wird.
  • Die von Choreographien und Spruchbändern transportierten Botschaften erreichen Hunderttausende in den Stadien, tragen sich über das Internet weiter und werden im Zweifelsfall noch von den Fernsehkameras eingefangen und landen so noch einmal bei Millionen vor den Bildschirmen. Kurven, die nach rechts tendieren und eine dementsprechende Außendarstellung praktizieren, setzen weitreichende Impulse.
  • Schlagendes Beispiel für diese Dynamik war die jüngste Spruchbandaktion Cottbuser Anhänger gegen die Demonstration von »Ende Gelände« in der Lausitz, was breit rezipiert wurde und als Katalysator für das eigene Mobilisierungspotential fungierte. Außerdem bedeutet ein politischer Rückhalt in den Fußballkurven eine nachhaltige Verankerung in der Bevölkerung, die unmittelbar erfahren wird und nicht außerhalb des Horizonts des eigenen Erlebens stattfindet.
  • Erst wenn sich ein weites Netz, das beispielsweise Bürgertreffpunkte, Kneipen, Burschenschaften, Vereine und einzelne Fußballszenen einschließt, bildet – also kurzum eine Verankerung im »normalen« Leben erfolgt – ist ein außerparlamentarisches Vorfeld geschaffen, das sich als solches auch wirklich bezeichnen kann und resilient gegenüber Störangriffen von außen ist. Bedauerlicherweise wurde die Subkultur der Fußballszenen von unserem Milieu bisher eher stiefmütterlich behandelt.

Um diesen Mißstand zu beseitigen, werden auf den vorliegenden Text zwei weitere folgen, wovon der erste die Mechanismen und insbesondere die Folgen der linken Übernahme ausleuchtet und der zweite praktische Strategien herausarbeitet, mit denen dem grassierenden Antifaproblem Einhalt geboten und eine Bildung konstruktiver rechter Kurven unterstützt wird. Diese beiden Texte zielen auch speziell darauf ab, den involvierten Akteuren den Blick zu schärfen und ihnen die theoretische Unterstützung zur praktischen Umsetzung mit auf den Weg zu geben.

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In Teil 1 seiner Serie zum eigentlichen Volkssport Fußball widmete sich Schick dem Fußball als milliardenschwerem Geschäft. Hier einsehen!



Kommentare (22)

Maiordomus

20. Dezember 2019 12:55

Wer sich an "rechten" Fussballfans gütlich tun will, ergötze sich an den youtube-Präsentationen der Anhänger von Lazio Roma. Ich glaube nicht, dass die Fans von Lazio Roma über die Hintergründe des ungarischen Freiheitskampfes im Bild sind. Es ist ein bisschen ein rechtes Pendant zur Begeisterung vieler Junglinker für den "Commandante" Che Guevara. Ein Bedürfnis nach Heldentum.

Immerhin war nun mal der ungarische Aufstand ein mit Schweiss, Blut und Tränen bezahlter, mit nichts anderem in Nachkriegs- Europa vergleichbarer Kampf um Volksfreiheit. Der Beginn desselben, worüber 33 Jahre niemand reden durfte, der 23. Oktober, markiert den zunehmend national betonten ungarischen Nationafeiertag.

Politisch interessant und nicht einfach als faschistisch abzutun ist das Kampflied der Lazio-Fans, "Avanti Ragazzi di Buda", der Lobpreis der ungarischen Freiheitshelden von 1956. Hier würde sich nun aber lohnen, den heute in Ungarn gepflegten und gängigen Kult dieser Vorgänge besser kennenzulernen. Dzu gibt es auf youtube eindrückliches Material.

Über Jahrzehnte tobte ein Kampf um die Deutungshoheit jenes Freiheitskampfes. Wie das Bildmaterial drückend beweist, handelte es sich um einen im emotionalen und auch politischen Kern nationalistisch aufgewühlten Freiheitskampf eines ethnisch homogenen, total unterdrückten Volkes, das aber mit Imre Nagy einen nationalkommunistichen Regierungschef hatte. War das nun eine nationalkommunistische Revolution oder eine faschistische Konterrevolution, wie noch ein Roman des Schweizer Schriftsteller Walter Matthias Diggelmann in der DDR für die damalige Lesart umgeschrieben werden musste? Klar bleibt: ohne den Übertritt auch von kommunistischen, 1958 hingerichteten "Verrätern" ins nationale Lager wären jene "Ereignisse", wie Chinesen zum Beispiel ihre unterdrückte Konterrevolution von 1989 ebenfalls nennen, nicht möglich geworden. Netto aber handelt es sich ohne wenn und aber um den einzigen neueren Freiheitskampf eines europäischen Volkes, in dem nicht nur vieles, sondern fast alles riskiert wurde. Es ging innenpolitisch für viele um Leben und Tod, aussenpolitisch um das Risiko eines 3. Weltkrieges. Natürlich spielte dabei Radio Freies Europa und der CIA eine nicht kleine Rolle, wiewohl Eisenhower am Ende nichts riskieren wollte.

Auch nicht zu vergleichen mit dem Schwejk-Widerstand der Tschechen 1968 und der weichen deutschen Gutmenschenrevolution von 1989, auf deren Verlauf heute auch ein Egon Krentz selber ein Kränzchen windet. Dabei war es trotzdem die Losung "Deutschland einig Vaterland", welche die Illusionen um einen sogenannt demokratisch sozialistischen zweiten deutschen Staat hinwegfegte.

1972 erklärte mir der ungarische Film- und Theaterautor Istvan Bekefy, jüdischer Kommunist, aber auch Schweiz-Fan, es seien 1956 überall die "Horty"-Faschisten aus ihren Löchern gekrochen, und der Mob sei für einen wie ihn tatsächlich gefährlich gewesen. Im gleichen Jahr 1956 bezeichnete noch der kommunistische Bürgermeister von Neuhausen am Rheinfall die Ungarn-Flüchtlinge als "Horty"-Pack. Bekefy konnte ich aber nicht widersprechen, dass die Masse sich auch in einem "wahren Freiheitskampf" in einen Mob verwandeln kann. Unvergesslich umgekehrt aufgehängte Geheimpolizisten, die nach Vorbild Mussolini und Claretta Petacci präsentiert wurden. Es gab auch eine auf zahlreichen westlichen Illustrierten auf dem Titelblatt abgebildete ungarische "Greta", die aber statt mti dem alternativen Nobelpreis mit einem kühlen Grab ausgestattet wurde. Heldentum ist nun mal nicht in einem Bahnwagen erster Klasse zu erringen.

Avanti Ragazzi di Buda! Es wäre das am meisten politische Kampflied von Fussballfans in Europa, wenn die Gröler nur eine Ahnung hätten, um was es da ging. Es kann sein, dass sie zwar wirklich keine Ahnung haben, es aber irgendwie im Bauch spüren. Die Voraussetzungen für einen Freiheitskampf wie in Ungarn 1956 sind heute nirgends in Europa gegeben, und es wird diese wohl auch nie wieder geben. Aber es handelt sich um die historische Erklärung, warum Ungarn sich politisch anders verhält als Deutschland und wohl auch Italien. Da können die Lazio-Fans singen und grölen, solange sie wollen!

Stefanie

20. Dezember 2019 13:04

Zur Illustration, was es bedeutet in so einem "antirassistischen " Umfeld Fußball spielen zu müssen, hier eine Betrachtung zu einem B-Jugendspiel zwischen Hertha BSC und dem
VfB Auerbach.

https://seidwalkwordpresscom.wordpress.com/2019/12/18/die-unertraegliche-leichtigkeit-des-rassismus/

tearjerker

20. Dezember 2019 13:08

Ich bin gespannt auf die nächsten 2 Beiträge zum Thema. Die Analyse beschreibt aber eher den Zustand von vor 15 Jahren. Das Kind ist bereits komplett in den Brunnen gefallen und schlimmer wird’s nicht mehr. Fussball bietet im Wochentakt die grösste Bühne für Selbstrepräsentation und in den Kurven der 100%er auch für territoriales Auftreten mit eigenen Farben und Gesängen. Der Staat ist bereits seit 3 Jahrzehnten dabei dieses Feld zu besetzen und kontrolliert mit Hilfe des Verbandes den gesamten Rahmen der Veranstaltung und was zugelassen wird und was nicht. Selbst der S04-Chef riskiert bereits mit flapsigen Bemerkungen abseits des Spielfeldes seine Reputation und kann massiv unter Druck gesetzt werden. Szenen wie in den 80igern in der DDR, in Jugoslawien 1990 oder in Südamerika wird es wohl vorerst nicht geben. Trotzdem existieren bereits alternative rechte Strukturen innerhalb der Fanszenen. Diese sind aber eher in bei den Hools zu suchen, die bei den grossen Clubs zu grossen Teilen dem Milieu angehören (Dresden, Hamburg, Dortmund, Frankfurt). Dort wird auch ein Beispiel dafür gegeben, worauf es ankommt, nämlich eigene Strukturen und Gewaltfähigkeit. Man sollte zudem die linken Ultras nicht überschätzen. Ungeachtet ihres teils unermüdlichen Engagements taugen diese nicht viel und sie werden bei einem Meinungsumschwung einfach überlaufen. Wer die Konsensbemühungen von Verband und Vereinen unterlaufen möchte sollte auf jeden Fall die Klubs mit schlechtem Leumund unterstützen: Lok, BFC, Chemnitz, Offenbach, Mannheim, Lautern, Rostock, Essen. Achja, die rechtesten Leute habe ich im Umfeld des FC Bayern kennengelernt. Sport frei!

Nordlicht

20. Dezember 2019 13:08

Sind die Fußball-Unternehmen relevant für die Stärkung der Nationalen Sache? Meiner Ansicht nach nicht.

Denn, wie im Teil 1 im August richtig formuliert:
"Die Mannschaften sind in den oberen Ligen ein Sammelsurium an Söldnern, die aus allen Ecken der Welt rekrutiert bzw. zusammengekauft werden ..."

Das hat nichts mIt Heimat, Identität oder nationaler Selbstbestimmung zu tun. Ich kann mich einer Deutschen Nationalmannschaft identifizieren; ob Bayern München oder Borussia Dortmund, ob Hertha oder VW Wolfsburg gewinnen oder nicht, das geht mir weit am Herzen vorbei.

Maiordomus

20. Dezember 2019 13:59

Hinweis auf das Lied der Lazio-Fans

Das Lied der Lazio-Fans "Avanti ragazzi di Buda" in deutscher Version ist schon seit etwa zwei Jahren als Variante der deutschen Identitären, in Form von gepflegtem "Variété identitaire" auf youtube zu geniessen; mit einem finster blickenden romantisierenden teutschen Jüngling und der jenseits ihrer überschmickten Lippen schönen halbverhungerten Madame Envie, oder wie sie heisst, zu sehen und zu hören. Man muss dabei ein bisschen an Heinrich Heines Resignation über die nach Meinung des Dichters damals nicht gegebene Möglichkeit einer Revolution in Deutschland denken. In einem italienischen Fussball-Stadion würden sich die beiden Softies wohl total verloren fühlen. Trotzdem spürt man, dass sie sich stärker mit den einstigen Ungarn identifizieren als zum Beispiel einige der Rabauken von Lazio, die das Andenken der Ungarn mit dem Faschistengruss in Richtung kommunistische Engführung in der Interpretation der ungarischen Revolution besudeln.

Laurenz

20. Dezember 2019 14:10

Werter Herr Schick, wieder mal bestechende Logik in Ihrem Artikel, schön zu lesen.

An dieser Stelle habe ich eine Frage. Wie agieren denn die Ultra-Gruppen verschiedener Vereine untereinander? Wie soll das mit der üblichen abrahamitischen Ausgrenzung funktionieren? Als echter Linker müßte man doch dem gegnerischen Verein zujubeln, wenn dieser gegen die eigene Mannschaft gewinnt?

Ich will nicht in Abrede stellen, daß Fußball ein Milliarden-Geschäft ist.
Aber mit Verlaub, die Vereine sind lächerliche Objekte, die Profi-Fußball-Anhänger sind lächerliche Subjekte.

Ich verstehe, daß manche Kommunen ihren Namen zugunsten ehemals heimischer Klubs hergeben, denn wer wüßte sonst, daß Gelsenkirchen oder Mönchen-Gladbach überhaupt existieren oder auf einer Landkarte zu finden sind. München, Leipzig, Frankfurt, Hamburg und Berlin hingegen, könnten Geld dafür nehmen, daß man gewerblich ihre Namen nutzt.
Ehrlicher wäre es aber, wenn Aldi gegen die Commerzbank und Siemens gegen Bayer spielt.
Die Mannschaften, sprich die modernen Gladiatoren, werden auf einem modernen Sklavenmarkt gehandelt, sind vollkommen austauschbar. Auch die National-Mannschaften sind zu International-Mannschaften mutiert, und Dank wertloser Pässe, völlig austauschbar. Die Identifikation mit Vereinen ist völlig inhaltsleer, wie wäre es mit einer Taubenzüchter-Verein-Ultra-Gruppe? Auch wenn die Ultras billigere Karten erhalten, so sind Stadionbesucher, wie auch die Ultras strunzhohl. Bei einem besseren Organisationsgrad würde man Geld nehmen können, anstatt Jahresabos für den Stadionbesuch zu bezahlen.

Interessant, daß panem & circenses heute nach 2.000 Jahren noch besser funktioniert als bei den Römern ehedem. Daß dem so so ist, kann nur mit dem Christentum erklärt werden, welches den Menschen als Spezies degeneriert.

Caroline Sommerfeld

20. Dezember 2019 14:28

In meine Klasse ging ein St.-Pauli-Fan, der eines Tages in Riesenlettern mit Edding auf seinen Schultisch schrieb: "Nie wieder Krieg - nie wieder Faschismus - nie wieder zweite Liga!" Ich wußte, damals etwa 16, nicht, ob ich mich empören sollte wegen des Herunterspielens der Verbrechen von Kriegen und Faschismus, oder ob ich die Phrasenhaftigkeit der ersten beiden Bestandteile des Slogans endlich durchschaut hatte. Sechzehnjährige sind unausgegoren.

Maiordomus

20. Dezember 2019 15:50

@Schick. Sie verweisen auf italienische Strukturen,so auf den Verein SS. Lazio. Gegnerischen Mannschaften kann von den "Irreducibili" feindselig begegnet werden. Es gibt im Einelfall aber fraternità, brotherhood mit der gegnerischen Mannschaft; zum Beispiel bei Lazio Roma - Ferencvaros Budapest; dabei wurde/wird das Kampflied "Avanti ragazzi du Buda" gemeinsam gesungen.

Insofern sie die Gewaltfähigkeit als für die Durchsetzung einer Fanmasse wesentliches Kriterium charakterisieren, treffen Canettis Analysen für Massen für die Fanmobilisierung wohl nicht bloss der Ultras voll zu: 1. Die Masse will wachsen; 2. Innerhalb der Masse herrscht Gleichheit; 3. Die Masse benötigt ein Ziel, was die Dichte innerhalb der Gleichförmigkeit befördert. 4; Die Masse drängt zur Entladung; sie will gewinnen; in sublimierter oder im Extremfall auch nicht sublimierter Form drängt die Masse auf die Vernichtung, eigentlich Tötung des Feindes.

Im Fussball aber ist es im Gegensatz zum Krieg noch möglich, n i c h t hinzugehen, wie oben verschiedene politisch motivierte Muffel für sich selber durchblicken lassen. Wohingegen für den Krieg das meist unvollständig zitierte, um den wesentlichen Schlusssatz verkürzte Zitat von Bertolt Brecht gilt: "Stellt euch vor, es ist Krieg und keiner geht hin. Dann a b e r k o m m t d e r K ri e g z u
e u c h!"

Grobschlosser

20. Dezember 2019 18:47

ein politisch denkender Fan kauft keine überteuerten Eintrittskarten um sich dann vom Lautsprecher die Welt erklären zu lassen .

Der Profifußball ist seit ca. 30 Jahren ein Projekt der brd - Elite - wird aber von den Fans finanziert ; der schnüffelnde "Fanbetreuer" ist das Problem - erteilt man solchen Leuten Hausverbot lässt sich das Problem der vs gesteuerten "Fankultur" eindämmen .

Solution

20. Dezember 2019 20:24

Die kommerziellen Vereine, die Medien und der Staat haben gemeinsam die rechte Fußballszene in Italien mit Verboten, Einschränkungen und Hetze stark eingeschränkt. Hierzu liegt eine gute Studie von Dr. Mark Dyal aus den USA vor: "Hated & Proud" (Arktos).

Warum sollte das System ausgerechnet im Fußball, der eine der besten Propagandamaschinen für die multikulturelle Gesellschaft ist, rechte Propaganda und Strukturen erlauben?

Gustav Grambauer

21. Dezember 2019 09:20

Laßt euch mal auf das Programm Mechanistischer Daseinskampf der Tiere gegen andere Tiere konditionieren. Aber heult nicht, wenn ihr ihn verliert. (Es steht fest, daß ihr ihn, gegen den Gegner wie gegen euch selbst, verlieren werdet). Simma bei Sezession oder bei "Alle machen mit"?! Das Brecht-Zitat "... dann aber kommt der Krieg zu euch" ist der typische Clou des Manipulateurs Brecht, auf keine knackigere Formel kann man und konnte kein anderer die Raffinesse der Massenmobilisierung mit Einkomponierung der gesamten marxistischen Ideologie bringen. Die Muffel (Maiordomus) müssen sie nur noch verstehen, auch verstehen, daß in dem Wort Mobilisierung das Wort "Mob" drinsteckt.

Wie raffiniert und zugleich wie unintelligent von Herrn Schick, die "Vorfeldwirkung" so sehr zu betonen. Aber alles, was "Vorfeld" heißt, ist eine Riesen-Honigfalle. "Vorfeld" dient in Wahrheit dazu, die psychischen Energien an die Götzen zu binden. Diese Energien würden sich ohne Fußball viel bessere, hochwertigere, höhere Kanäle suchen und hätten schon allein ohne die sonntägliche - vom System zynisch institutionalisierte - Aggressionsabfuhr im Stadion auch viel mehr Wumms. Wenn man etwas bewirken will, dann sollte man, um einmal ein Bild zu geben, keinen Reifen aufumpen, der ein Loch hat. Oder um ein noch besseres Bild zu geben: Fußball ist kein Akkupunkturpunkt, schon gar nicht zur Heilung von irgendwem oder irgendetwas und erst recht nicht am sozialen Organismus.

- G. G.

Laurenz

21. Dezember 2019 09:22

@Maiordomus ...

Zitat- "Stellt euch vor, es ist Krieg und keiner geht hin.- Zitatende.

Der Spruch war schon immer gelogen. Der Wahrliegt näher ... "Stellt euch vor, es ist Krieg und keiner kann weg."

Martin Heinrich

21. Dezember 2019 10:52

Bei den Profi-Fußballvereinen ist der Drops doch längst gelutscht. Wie sollte man bei einem Mainz05 identitär agieren, wenn die Mannschaft 2019/20 zu mehr als 50 % aus Nafris und Vorderorientalen besteht? Nicht Kontra geben! Nein! Den Trend verstärken! Noch mehr Neger und Moslems in die Mannschaft holen, bis sich auch der dumpfeste "USM"ler (UltraSzeneMainz) fragt, was an dem Verein überhaupt noch meenzerisch ist ...

WoRa

21. Dezember 2019 15:19

@Laurenz
@Nordlicht
Leider muss ich hier Laurenz Recht geben: Auch die Identifikation mit der Deutschen Nationalmannschaft (sie soll ja wohl nur noch "Mannschaft" heißen) ist mir inzwischen nicht mehr möglich: Ich sehe hier Menschen über den Platz laufen, welche mir maximal fremd sind und genauso gut in der Nationalmannschaft von Gambia spielen könnten. Ich hoffe, es erweist sich langfristig als falscher Weg, Fußballspielern vorrangig wohl deshalb den deutschen Pass zu geben, weil sie geschickte Pässe schlagen können. Oder andersrum: Lieber bei einer Weltmeisterschaft verlieren, dafür aber weiterhin mitfiebern können.

Ratwolf

21. Dezember 2019 22:12

Klingt logisch. Im Byzanz gab es ja auch die Zirkusparteien. Jeder hatte seinen Verein mit seiner Farbe, und alle waren irgendwie (gegeneinander) beschäftigt.
Diese Sicht mag an meiner persönlichen Abneigung gegen Massenereignisse liegen.
Welche Chancen haben die "Rechten". Wäre toll, wenn sich die Massen aus den Stadien dann in die Städte ergießen würden, und für mehr Freiheit demonstrieren würden.

Zu was Massen in der Lage sind. wenn die entsprechend vorkonditioniert wurden, kann man an Bildern und Filmen von der iranischen (schiitischen) Revolution sehen. Eine große Kraft der Menge kann man da sehen.

Atz

22. Dezember 2019 00:21

Ein Beispiel gefällig wie diese Leute kämpfen
https://www.boell.de/de/2018/04/04/linksgruen-versifft-handreichung-zum-umgang-mit-rechtspopulistischen-parteien-und

Eine aus Steuergeldern bezahlte parteinahe Stiftung gibt Argumentationshilfe zur extremen Ausgrenzung und zum Mobbing einer im Bundestag vertretenen Partei. Klar gegen Art 3 GG. Klar der Missbrauch einer Stiftung zur politischen Agitation gegen Teile des parteipolitischen Spektrums.

Diese Art Strategien werden auch angewendet um Fussballvereine systematisch umzukrempeln. Gewiss nicht demokratisch oder dem normativen Individualismus verpflichtet. Ziel ist Uniformierung und Ausgrenzung andersdenkender.

E. Canetti versteht Masse weniger als Menschenmenge wie Le Bon usw., sondern vielmehr als eine Art Wachstumsgefühl in uns, das Gefühl von Vielheit. Insofern kann man ihn nicht so ganz direkt auf Fussball münzen.

Cugel

22. Dezember 2019 00:39

Habe vor einigen Jahren mal einen 98-Fan getroffen, um die 50, treuer Anhänger seit Jugendtagen, als der Verein noch niedrigklassig spielte. Da die 98er unlängst aufgestiegen waren, boten sie sich als Gesprächsthema an. Da aber klagte mir der gute Mann sein Leid. Er habe keine rechte Freude mehr an der Sache. Über lange Jahre sei man eine kleine, eingeschworene Gemeinschaft gewesen, nun aber seien plötzlich Hinz und Kunz Darmstadt-Fans, die meisten davon ohne Ahnung von Fußball und Verein. In diesem Zusammenhang erwähnte er auch die lokalen Utras. Das seien planlose Jugendliche, die auf dicke Hose machten, durchweg arme Würstchen und mit den Italienern nicht zu vergleichen. Er erwähnte nicht ihre linke Ausrichtung; ich nahm ihn als unpolitischen Menschen wahr. Da es ihn sichtlich frustrierte, wechselte ich das Thema.

H. M. Richter

22. Dezember 2019 16:46

Was von mir bereits nach Schicks Fußball-Beitrag (1) festgestellt wurde, kann erneut gesagt werden: Fußball ist auch nicht mehr das, was es mal war ...

Diese alte Fernsehwerbung bringt es nach wie vor recht gut auf den Punkt:
https://www.youtube.com/watch?v=Q_IRAkHH8TY

Eine wie auch immer geartete 'linke Fankultur' war in der DDR aus verständlichen Gründen vollkommen ausgeschlossen.

Gestern hörte ich an einem Stammtisch, an dem die Geschichte des DDR-Fußballs wenn nicht lückenlos, so doch in wesentlichen Zügen bis in die 50er Jahre gekannt wird, eine Erzählung, die ich bisher noch nicht kannte, die mir aber derart exemplarisch vorkommt, daß sie hier wiedergegeben werden soll.

Nach dem Mauerfall war der Berliner Bahnhof Friedrichstraße bekanntlich geteilt in einen Ost- und einen Westberliner Teil. Auf einen der Ostberliner Bahnsteige konnte man nun ab August 1963, dem Start der Fußball-Bundesliga, durch eine Wand hören, wie die Westberliner Hertha-Anhänger bei den Spieltagen ihrer Mannschaft beim Umsteigen in Richtung Olympiastadion den Klassiker des Fußball-Sprechgesangs riefen, um nicht zu sagen brüllten: »Ha Ho He - Hertha BSC«. Dies sprach sich herum, und von Spieltag zu Spieltag begannen sich nun auf der Ostberliner Seite des Bahnhofs mehr und mehr Leute, vor allem Jugendliche zu versammeln, die, kaum war der Schlachtruf der Westberliner Hertha-Fans durch die Bahnhofswand zu hören, ebenfalls ohrenbetäubend antworteten: »Ha Ho He - Hertha BSC«.

Man konnte einander nicht sehen, aber hören ...

Schließlich unterbanden die Ostberliner Sicherheitsorgane dieses Treiben auf ihrem Territorium.

Bis der November 1989 kam und Hertha BSC zwei Tage nach dem gerade erfolgten Mauerfall für alle ihre Ost-Anhänger freien Eintritt beim Spiel gegen Wattenscheid im Olympia-Stadion gewährten:
https://www.youtube.com/watch?v=PDiq9a9nrik

So kamen dann auch an diesem Tag mehr als 50.000 Zuschauer zu einer Zweitliga-Partie ...

Es war die Zeit, als von den Medien lebhaft ein sog. 'Rechtsruck' in den Stadien beklagt wurde, wie hier bei der Hertha.
https://www.youtube.com/watch?v=u-R8o0zxFMg

Als dann später linksextreme Kräfte in den Folgejahrzehnten, wie von Schick oben erwähnt, mehr und mehr in Fußballvereine eindrangen und diese nicht selten unter Gewaltanwendung gegenüber anderen Anhängern des selben Vereins teilweise gänzlich übernahmen, hörte und sah man dagegen darüber in der offiziellen Berichterstattung nichts ...

Fußball ist wirklich nicht mehr das, was es mal war. Aber die Situation wie sie ist, muß - und wird - nicht so bleiben wie sie ist. Auch nicht im deutschen Fußball. Denn auch hier gilt das Brecht-Wort: »Weil die Dinge sind, wie sie sind, werden die Dinge nicht so bleiben wie sie sind.«

Jan

22. Dezember 2019 17:41

Der Anti-Rassismus der Ultras ist gut fürs Geschäft und deswegen ist dagegen auch kein Kraut gewachsen. Die europäischen Vereine verkaufen Übertragungsrechte und Fan-Artikel in die ganze Welt, vor allem nach Asien und Afrika. Da kommt es natürlich schlecht, wenn von den Rängen Schmährufe wie "Neger", "Kaffer" oder "Schlitzauge" schallen. Also wird das Ultra-Treiben von Vereinsführungen und Verbänden gefördert. Und, ehrlich gefragt, wollen wir in die Zeiten von vor 25 Jahren zurück? Als ich in den 90ern noch regelmäßig zum HSV gegangen bin, gehörten Urwaldrufe, Bananenwürfe und diverse rassistische Ausdrücke bei bestimmten Leuten in der Kurve zum festen Repertoire. Der Verein (wie alle anderen außer St. Pauli) ignorierte das verklemmt und verdruckst, ebenso die schweigende Mehrheit in der Kurve. Einmal stellte ich so einen Rufer zur Rede, der einen dunkelhäutigen gegnerischen Spieler lautstark als "Scheiß Kaffer" beschimpfte. Daraufhin blaffte er mich nur an: "Du kommst wohl von 'ner höheren Schule". Diese geballte Dumpfheit und Primitivität gemischt mit Rassismus, Hass und Verachtung war einfach nur häßlich und abstoßend. Kein Mensch mit Würde und Anstand konnte sowas gut finden.

Persönlich war ich schon seit 2005 nicht mehr im Stadion. Die zunehmende Kommerzialisierung und der ständig steigende Ausländer- bzw. Multi-Kulti-Anteil in den Mannschaften, die immer austauschbarer wurden, störten mich zunehmend. Schuld war auch das Kippen der alten Ausländerregel (nicht mehr als zwei Ausländer in der Startelf) durch den EU-Gerichtshof im Jahr 1995. Wenn man heute im Europapokal z.B. gegen englische oder französische Vereine spielt und es stehen fast nur noch Afrikaner, Latinos und Araber auf dem Platz, ist das extrem irritierend. Ich kam mir irgendwann vor wie ein Idiot, der nur noch einem Wappen, einem Label zujubelt und im Stadion mit Schal und Mütze den Kasper macht, um eine verkaufsfördernde Kulisse abzugeben.

Auch schaue ich schon seit vielen Jahren im Fernsehen keinen Fußball mehr. Ich sehe die Sache mittlerweile ähnlich wie Kommentator Laurenz hier. Mein Fan-tum war irgendwie sinn- und bedeutungslos. Was unterschied meinen Verein von den anderen Vereinen außer den Vereinsfarben und dem Standort des Stadions? In den 70ern wäre es unvorstellbar gewesen, die Mannschaften von Bayern und Gladbach untereinander auszutauschen. Zu stark prägten die echten Rheinländer Voigts, Heynckes und Netzer sowie die echten Bayern wie Beckenbauer, Breitner, Müller, Schwarzenbeck oder Maier den Charakter und das Image ihrer Vereine. Heute würde ein Austausch niemand wirklich bemerken, denn die Spieler könnten überall spielen. Nichts an Bayern und Gladbach ist noch Bayern oder Gladbach, außer dem Standort der Spielstätte und der Geschäftsstelle. Es sind pure Markenlabel, "Brandnames" und "Trademarks". Die Fußballvereine gehören zu den ersten Opfern des Globalismus.

Wahrscheinlich würde mir der ganze aufgesetzte und ebenfalls ins Extrem verrutschte Anti-Rassismus der Ultras in den heutigen Stadien gewaltig auf die Nerven gehen, aber davon abgesehen kann auf der anderen Seite niemand wirklich bedauern, dass der dumpfe "Neger raus"-Rassismus von damals aus den Stadien verschwunden ist.

Gustav Grambauer

23. Dezember 2019 04:51

H. M. Richter

Für Unkundige sollten Sie noch dazu sagen, daß "Die alte Dame" (Hertha) genetisch im tiefsten Berliner Osten, genauer gesagt im Gleimviertel, urständet. Der Verein war 1892 in der Zionskirchstraße gegründet worden, wo er auch lange Zeit sein Vereinslokal hatte, die Vereinsgründung wurde im Berliner Stadthaus am Molkenmarkt registiert und er trug seine Heimspiele auf dem Exer der Alexandriner aus, dem späteren Cantian-Stadion, - klar -, nahe der Schönhauser Allee. Der Oberclou ist folgender: wie kam Erich Mielke später für den Club seiner Schergen auf die drei Buchstaben BFC? Antwort: er wollte die Pawlowsche Prägung des Berliner Ostens auf Hertha psychologisch ausnutzen und im gleichen Zuge dessen Beziehung zur echten Hertha "zersetzen", Hertha hatte nämlich zeitweise Hertha BFC (!!!) geheißen (was für ein Sinnbild für Fußball und linke Vereinnahmung / Verein-Nahmung ...).

- G. G.

Andreas Walter

23. Dezember 2019 09:58

Nur zur Info (ist ja auch nur wieder eine weitere Provokation, die Absicht ist klar):

https://www.zeit.de/gesellschaft/2019-12/rechtsextremismus-neue-rechte-identitaere-afd-voelkische-bewegungen

Auch er wird noch früh genug merken, dass wir nicht das Problem sind, nie waren, sondern nur ein willkommenes Ablenkungsmanöver. Sobald wir als Feind weg sind werden sie sich gegenseitig zerfleischen. Ich spüre doch wie sie leiden, seit dem auch Höcke ihnen nicht mehr die Wange hinhält. Hat Gandhi nicht sogar das Britische Weltreich so besiegt? Oder war es eh bereits am Ende? Vielleicht ja sogar beides. Die Zeit(!) arbeitet für uns.

Maiordomus

23. Dezember 2019 10:32

@Jan. Stell dir vor, es ist Fussball, und keiner geht hin. Allerdings ist das Hinschauen heute das Geschäft der Geschäftemacher. Verweigerung funktioniert vielleicht, wenigstens für das eigene Ethos, nur beim Krieg leider nicht, wie es Brecht ausdrücklich gesagt hat.

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