31. Januar 2020

Thesenpapier zur Bildung

Heino Bosselmann / 20 Kommentare

Notizbuchabschrift: Worauf kommt es in der Bildung an?

Heino Bosselmann

Heino Bosselmann studierte in Leipzig Deutsch, Geschichte und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien.

  • Sezession

Hauptproblem:

Die Rettung der Schule ist über eine evolutionär, also nur wieder reformerisch umgebaute Bildungspolitik nicht mehr denkbar, weil ihre Struktur und ihre Grundvereinbarungen mittlerweile völlig in Frage stehen. Dramatischerweise versprächen nur sehr prinzipielle und quasirevolutionäre Veränderungen eine Besserung.

Ob das innerhalb des mystifizierten Föderalismus möglich ist, bleibt zu bezweifeln. Regelungen der Kultusministerkonferenz orientierten sich bislang aus vermeintlichen Gerechtigkeitsgründen jedenfalls am Standard der bildungsschwächsten Bundesländer.

Um überhaupt wirksam Pädagogik, Erziehungswissenschaft oder Bildungsforschung zu betreiben, bedarf es einer klärenden philosophischen, vorzugsweise anthropologischen Diskussion, aus der heraus politische Ziele formuliert würden. Es muß klar sein, was man für den Menschen will und überhaupt welchen Menschen man will.

Eine Pädagogik ohne Menschenbild erscheint sinnlos; stets ist sie bestimmt von anthropologischen Positionierungen und daher immens politisch. Wird dies demokratisch diskutiert und nicht dezisionistisch gesetzt, sind nur Einigungen denkbar, die Mittelmaß oder gar Minimalismus rechtfertigen. Selbstverständlich gibt es eine linke und eine rechte Pädagogik und dazwischen allerlei unklare Vorstellungen; alle jedoch folgen politischen Zielen, also Zwecken, die anthropologisch abgeleitet werden.

Schule sollte keine ungedeckten Schecks mehr ausstellen, indem sie verspricht, was sie derzeit weder unterrichtlich noch erzieherisch halten kann; sie sollte sich mit dem bescheiden, was ihre Pflicht ist, nämlich Heranwachsende in schwieriger Zeit und mit Blick auf eine turbulente Zukunft wissens- und praxisorientiert auszubilden und so zu erziehen, daß die jungen Menschen lebenstauglich werden und Standfestigkeit entwickeln. Beides ist gerade selten – umfassendes Wissen und innere Festigkeit. Es wird in der Dramatik künftiger Auseinandersetzungen sehr nötig sein!

Weniger Propaganda, mehr sachliche Redlichkeit. Dazu gehört, politische und scheinmoralische Programme und Kampagnen – Erziehung zur verphrast verstandenen Demokratie, Toleranz, Weltoffenheit usw. usf. – aus der Schule weitgehend herauszuhalten. Die Schule kann nicht die sozialpädagogische Anstalt der Gesellschaft sein, sollte weder politischen Utopien folgen noch trösten noch gar unter ihrem Dach soziale Mißstände heilen wollen; sie sollte kein Paradiesgärtlein erträumter Gerechtigkeit und totalitärer Teilhabe von allen und jedem inszenieren, sondern müßte stattdessen ihr Ziel allein auf Bildung und Erziehung in der Fortführung bewährter europäischer und nationaler Traditionen erkennen. Verschüttet wurden diese – wiederum aus politischen Gründen – erst innerhalb der letzten Jahrzehnte; sie können freigelegt, neu rezipiert und auf moderne Weise aktiviert werden.

Ein Ansatz:

Inhalt vor Methode. Wesentlich ist die Sicherung grundlegenden Wissens und das Qualifizieren für Positionierungen, Handlungen und Entscheidungen, mithin das Was, dem das Wie zu folgen hat, was bedeutet: Notwendigkeit gründlicher und fachlich fundierter Ausbildung, aufeinander aufbauend, systematisch, vor- und rückbezogen, nachvollziehbar, sicher eingeübt, anwendungsbereit, also vielfach probiert und wiederholt, anschlußfähig und erweiterbar, gestützt auf adressatenbezogene Lehrwerke, für die die Bildungsgeschichte durchaus beeindruckende Beispiele bereithielte.

Beispielhaft nur eine Bezugsebene: Lesebücher, früher der Eingang in literarische Kenntnisse und Befähigungen, halten deutsche Lehrbuchverlage überhaupt nicht mehr bereit, in der fatalen didaktisch-methodischen Fehlwahrnehmung, literarische Stoffe könnten „exemplarisch“ oder gar „integral“ irgendwie mitbehandelt werden. Nein, es bräuchte weiterhin im Fachbereich Deutsch je einen elementarsprachlichen („Muttersprache“ im Sinne des Beherrschens von Orthographie und Grammatik), stilistischen („Ausdrucksunterricht“) und literarischen Zweig („Lesen/Literatur/Literaturgeschichte“), die über die gesamte Schulzeit hinweg im Wochenstundenplan parallel laufen müßten und selbstverständlich jeweils aufeinander bezogen, ja idealerweise inhaltlich miteinander abgestimmt werden könnten.

Der DDR-Deutschunterricht hatte das – bei aller ideologischen Überfrachtung – genau so versucht, mindestens mit dem Erfolg einer von den Absolventen der zehnklassigen „polytechnischen“ Oberschule sehr gut beherrschten Elementar- und Schriftsprache sowie einer weitgehenden Literarisierung der Gesellschaft.

Die Struktur:

Kategorisierung und Selektion der Schüler und Auszubildenden nach Leistungsvermögen, Befähigung, Motivation und Haltung, und zwar bereits nach der vierten Klassenstufe. Eine Variante: Einführung bzw. völlige Reorganisation eines dreigliedrigen Schulsystems, dessen unterschiedliche Bildungsgänge aber in sich solide verfahren. Rein arbeitsbegrifflich:

Die Hauptschule bereitet auf Berufe – Nicht „Jobs“! – in Handwerk und Industrie vor, was u. a. eine anwendungsbereite Ausbildung in Mathematik, Geometrie, Naturwissenschaften einschließt. Sie darf keine Resteschule sein!

Die Realschule orientiert stärker auf „Realien“ und zudem auf qualifizierte Sprachlichkeit, um auf Berufsbilder in der Verwaltung, in Banken und Versicherungen, aber ebenso im mittleren Management von Unternehmen vorzubereiten, während die Gymnasien, so man diese nicht mehr ableitbare Bezeichnung der verlorenen humanistischen Bildung beibehalten möchte, dem Erwerb einer echten und qualifizierten Hochschulreife vorbehalten blieben und wieder mit einem anspruchsvollen Abitur abschließen, das gleichzeitig als echte Reifeprüfung für jugendliche Persönlichkeiten gelten kann.

Wer über das Abitur verfügt, sollte ein junger Erwachsener mit Urteilsvermögen sein, der sich selbst leiten und daher künftig auch andere führen kann. – Gesamtschulen erscheinen denkbar, wenn sie in sich zu differenzieren vermögen oder wenn sie ggf. die Möglichkeit bieten, später zu selektieren, indem sie etwa eine gymnasiale Oberstufe anbieten.

Die allein politischen Wunschvorstellungen folgende Inklusionskampagne ist gescheitert. Abgesehen davon, daß insbesondere lernbehinderten und stark verhaltensgestörten Kindern in sonderpädagogischen Einrichtungen wirksamer als in Regelschulen geholfen werden könnte, so wie das über Jahrzehnte sehr erfolgreich geschah, führte die administrativ durchgesetzte Ausrichtung auf Mitbeschulung aller Kinder mit „Handicaps“ zu einer allgemeinen Reduzierung der Anforderungen und Erwartungen im Sinne eines Abgleichs nach unten und damit zur Vernachlässigung der Leistungsstarken und Talentierten.

Während das System für die Schwächeren und Schwächsten unter enormem Kräfte- und Ressourcenverschleiß alles leisten möchte, leistet es für die Begabten nahezu nichts und meint so eine Gleichbehandlung zu realisieren, die unrealistisch ist und letztlich zu Lasten sowohl der Limitierten als auch der Talentierten ging. Statt Inklusion braucht es eine Ausdifferenzierung, die verschiedenen Anforderungsniveaus gerecht wird. Binnendifferenziert zu beschulen ist so illusionär wie inklusiv zu unterrichten.

Anzuraten: Einführung von Kopfnoten, um Gewinne an oder Defizite in der persönlichen Haltung klar abzubilden.

Lehrerzentrierter Unterricht als favorisierte Form, mindestens bis zur Absicherung einer denkerischen und Befähigungsbasis, Revidieren der derzeit so inflationiert wie ergebnisarm praktizierten „freier Unterrichtsformen“, die nicht funktionieren können, wenn vorher keine kognitiven und sprachlichen Grundlagen und kaum anwendungsbereites Wissen gesichert sind, weg von leeren „Kompetenzen“ und unsinnigen Methoden bloßen Machens; kein wirres Durcheinander von vermeintlich „reformpädagogischen“ oder „innovativen“ Anleihen, sondern deren Gebrauch im Sinne eines jeweils kohärenten Konzepts, das Methoden als schlüssig und ergebnisdienlich erkennen läßt.

Nur im Beispiel: Die Waldorfschule, was immer man von ihr ggf. anthroposophiekritisch halten mag, ist Gestalt gewordene Methode, gründend auf einem Jahrhundert innerer Erfahrung, weitergeführt von eigenen Instituten. Diese Schule ist aus ihrer Konzeption heraus gewachsen und um ihre ideelle Inspiration herum aufgebaut, also organisch in sich schlüssig; sie macht nicht irgendwas, sie gestaltet aus ihrer Idee heraus, und es gestalten den Unterricht idealerweise Idealisten. Man kann sich ihre „Reformpädagogik“ nicht teilweise ausleihen und dann auf Effekte hoffen. Gleiches trifft auf Jenaplan- bzw. Werkstattschul-, Montessoripädagogik u. a. zu.

Weiter zum Unterricht: Vom Anschaulichen zum Abstrakten, vom Einzelnen zum Allgemeinen, vom Einfachen zum Komplexen, vom Spiel zur Arbeit, vom Bild zum Begriff, vom Simplen zum Anspruchsvollen, dabei aber getragen von der mystischen Einsicht, daß im vermeintlichen Einfachen und Primitiven das Große und Ganze bereits enthalten ist.

Vorzug von hohen und starken Einheiten Deutsch, Mathematik, Naturwissenschaften, gründliches Erlernen der Muttersprache über intensives leises und lautes Lesen sowie das Schreiben von Hand, wobei mittels Fibel alle Buchstaben in der ersten Klasse bereits kennengelernt werden sollten, ebenso wie alle Grundrechenarten. Bewertungen von Anfang an zur Entwicklung des Willens zur Leistung und zur Stimulierung gesunden Ehrgeizes.

Computergestützte und digital basierte Systeme sollten als Werkzeuge, nicht als Fetische gelten, was bedeutet: Kennenlernen der Programme und „Tools“ in genauer Ausrichtung auf den jeweils praxisorientierten Gebrauch. Für die Oberstufe: Ausbildung nicht nur zur Handhabung einer Internetrecherche, sondern zur Kritik ihrer Ergebnisse in Einordnung der Informationsquelle.

Kanonisierung: Sicherung der Kenntnis nicht unbedingt zahlreicher, aber besonders grundlegender oder signifikanter Werke von Literatur, Kunst und Musik, Vergleich verschiedener Kulturkreise und Religionen, Identifizierung mit der eigenen abendländischen Identität in ihren Grundlagen, Mythen, Leistungen und Tragödien, Entwicklung einer Perspektive für das Eigene im kritisch-toleranten Abgleich mit dem anderen, Favorisierung von Verschiedenheit statt Entwicklung einer vermeintlich „weltbürgerlichen“ Uniformität, Stolz und Achtung gegenüber der Leistung früherer Generationen.

„Polytechnische Ausbildung“: Werken, Handwerk, Entwicklung von Anschaulichkeit, Fertigkeiten eben gerade der Hand, verbunden mit dem Auge und dem Denken, dem Ausprobieren, dem Korrigieren, dem Gestalten, dem Erlebnis von handwerklicher und maschineller Fertigung, der Möglichkeit von Erlebnis und Bewährung mit dem Handwerkszeug, der Maschine oder dem Fahrzeug, Übertragung des in der elementaren Bildung (Mathematik, Naturwissenschaften, Deutsch) Erlernten auf die Arbeit im Sinne der schöpferischen Herstellung eines selbst verantworteten Produkts, Ausbildung eines Arbeitsethos, Absolvieren relevanter Praktika, die Chancen und Grenzen des eigenen Könnens kennenlernen und erweitern lassen, Erleben, daß Übung tatsächlich den Meister macht, Einsicht darin, daß Lehrjahre keine Herrenjahre sind und daß sich nur der etwas leisten sollte, der selbst etwas zu leisten versteht. Deutschen Sprichwort: Meister ist, der was ersann. Geselle ist, wer was kann. Lehrling ist jedermann.

Politik und Welt-Anschauung: Entwicklung von Urteilskraft, Überwindung bloßen Meinens zugunsten von sicherem Wissen kraft Erkenntnisgewinn und genauer Orientierung innerhalb der vielfältigen Medien auf der Grundlage aufmerksamen Lesens und bedachtsamen Sprechens bzw. Schreibens, Befähigung zur Kritik von Meinungen, Texten, Auffassungen, Positionen, Religionen und Ideologien, stets aus möglichst tiefer Kenntnis heraus, ohne die nun mal keine Argumentation, Erörterung oder gar zugkräftige Kritik möglich bzw. gar erlaubt ist, Geschichtsunterricht als umfassendes Programm der Beschäftigung mit verschiedenen jeweils zeitgemäßen bzw. die Zeiten überdauernden Entwürfen, umfassendes Pensum an Geschichte als dem Fundus an menschlichen Ideen, Entwürfen, Wünschen, Hoffnungen, Tragödien schlechthin – in der Gesamtheit von Gesellschafts-, Alltags-, Politik-, Geistes- und Kunstgeschichte. Geschichte zu kennen ermöglicht es, sich vergleichen zu können und am großen Beispiel zu lernen und zu wachsen.

Ausbildung von Haltungen durch den Erziehungsprozeß: Entwicklung von Wachheit, Aufgeschlossenheit, Zugewandtheit, Sensualität und Sensibilität, Wißbegier, Neugierde, Ausdauer. Konzentrationsvermögen, Stetigkeit.

Kennenlernen und Erproben der eigenen Talente, Konfrontation mit den eigenen Grenzen, Erfahrungen sammeln für das, was im Leben die eigene Sache sein mag

Ruhige Fokussierung auf die Aufgabe bzw. die Person, Empathie als Grundbefähigung, das Fühlen, Denken und Handeln eines anderen Menschen nachzuvollziehen oder kritisch zu reflektieren, Erlernen inneren Vertiefung – in die Anschauung, in die Gedanken, in das Spiel, in das Erkennen, idealerweise in die Arbeit.

Entwicklung von Respekt gegenüber Arbeit, Alter, Lebensleistung, Verbindlichkeit, Ehrlichkeit, Befähigung zur Selbstkritik, Herzensbildung.

Freiheit als Befähigung zum Nein, zum Trotzdem, notfalls zum Als-ob, Freiheit auch als Distanzierung, Abständigkeit, Kühle, Courage und Mut zur Abgrenzung.

Erleben, daß Haltung nahezu alles zu kompensieren vermag, gerade Niederlagen, Rückschläge und sogar das Scheitern.

Tugenden:

Bescheidenheit und Demut, Maßhalten, Entwicklung stiller innerer Größe, Wissen um die unausbleibliche eigene Schuld, Werteempfinden gegenüber Ressourcen und Dingen, Aufmerksamkeit, Anstrengungsbereitschaft, Selbstüberwindung, Mitgefühl – auch mit dem Mitgeschöpf und der Natur, Hilfsbereitschaft, Widerstand gegenüber Bosheit, Mißgunst, Häme, Neid, Toleranz im Sinne des Verständnisses dafür, daß jeder seine Art entwickeln muß, mit seinem Selbst und dem Leben zurechtzukommen.

Einsicht darin, daß die Menschen ihrem Wesen, ihrem Charakter, ihre Befähigungen und Willen nach verschieden sind und sich einen jeweils eigenen Platz erarbeiten. - Werde, der du bist.

Befähigungen:

Gelassenheit, Skepsis gegenüber Wahrnehmungen, Urteilsvermögen, das auch im Vermögen besteht, eigene Urteile zu revidieren

Basis:

Ausdauer und Kraft, ruhiger Lebensernst, Abhärtung, Beweglichkeit, Durchhaltevermögen, Widerstandskraft (Resilienz), gleichfalls aber Kenntnis der eigenen Grenzen und der legitimen Selbstbedürfnisse, dazu erfordert: Sport, der erlebbar macht, wie man an seine Grenzen geht und diese überwindet. Wehrfähigkeit? Vormilitärische und militärische Ausbildung sind intensive Schulungen des eigenen Selbst, weil das Militärische mit dem Kampf und dem Tod, dem Bestehen (oder Versagen) im Risiko und in quasi radikaler Kontingenz, dem Opfer, dem Sieg oder der Niederlagen, also durchweg mit Extremen konfrontiert und zudem befähigen wird zu Kameradschaft und Uneigennützigkeit, zu Unterordnung unter ein Ziel oder den Befehl einerseits, andererseits zur Entschlossenheit, zur Führung und zur Übernahme von Verantwortung. Im Kampf, auch im nur geübten, lernt man sich und den anderen kennen.

Bedingungen von Bildung überhaupt: Zeit und Muße, Geduld, Langfristigkeit und Nachhaltigkeit, Besinnung, Abwechslung von intensiver Anspannung mit befreiender Entspannung. Aufgabe des Prinzips der Ganztagsschule, um zu einer kindgerechten Rhythmisierung des jungen Lebens zurückzufinden, den Lehrern wieder Zeit für verantwortungsvolle Unterrichtsvorbereitungen und ebenso für ihren seelischen Ausgleich zu ermöglichen, zumal die enormen Krankenstände zum nicht geringen Teil in Streß- und Überlastungssyndromen begründet sind.

Problem der Lehrerbildung:

Namentlich die geisteswissenschaftliche Lehrerausbildung der letzten Jahrzehnte litt an ähnlichen kulturellen Bestandverlusten wie jene der Schüler, was etwa zur Folge hatte, daß nicht wenige künftige Lehrern durchaus Schwierigkeiten im verstehenden, also bspw. sinnentnehmenden Lesen oder im fehlerfreien und stilistisch angemessen Schreiben haben.

Ebenso fehlt es an Allgemeinbildung, der Kenntnis übergreifender Zusammenhänge und überhaupt Belesenheit. Abschlüsse – auch von Lehrern – sind über Jahrzehnte entwertet worden und sagen kaum etwas über deren fachliche Befähigung aus. – Das ist nicht die Schuld der Absolventen und Referendare selbst, gingen sie doch durch eine Schule, die für derzeit zwanzig Prozent funktionale Analphabeten unter allen Neunkläßlern verantwortlich ist.

Wer es aus einem solchen Sekundarschulmilieu aufs Gymnasium schafft, liegt zwar über dem Schnitt, aber es fehlt selbst ihm an Grundlagen. Insofern sich auf dem Gymnasium über fünfzig Prozent der Schüler wiederfinden, stellt es eher eine Gesamtschule als eine leistungsorientierte Oberschule dar. Ja, das Gymnasium streßt, wie es heißt; aber es streßt, weil es zu sehr quantifiziert und weniger qualifiziert. Überfordert sind jene, die zu keinem anderen Kapitel deutscher Bildungsgeschichte sehr gute Abiturienten gewesen wären. Sie gehörten an eine Schulart mittleren oder unteren Anforderungsniveaus. Leider entschließen sich eher schwächere Abiturienten dazu, Lehrer werden zu wollen.

Ist derzeit guter Unterricht möglich?

Nur durch Lehrer, die aus eigenem Verantwortungsgefühl arbeiten, was einschließt, daß sie dann eher trotz als durch das System Gutes bewirken werden. Ihrer Verantwortung obliegt, sich der Talente und der still Suchenden anzunehmen, diese behutsam anzuregen und zu ermutigen, ihnen Fenster zu öffnen und Richtungen zu weisen und sie neben dem Unterricht zu versorgen, ihnen gewissermaßen tiefere Blicke zu ermöglichen oder einfach die passende Lektüre mitzubringen, an der sie Gedanken, Geschmack und Urteilsvermögen ausbilden können.


Heino Bosselmann

Heino Bosselmann studierte in Leipzig Deutsch, Geschichte und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien.

  • Sezession

Kommentare (20)

micfra

31. Januar 2020 11:12

Sie sollten dazu, eventuell mit Frau Sommerfeld, das mal in Buchform fassen. Ich bin jedenfalls beeindruckt von dieser Zusammenschau! Danke.

AfDHSKind

31. Januar 2020 11:32

Einige Ergänzungen, zunächst zum Sportunterricht. Der aktuelle Sportunterricht ist als Trainingsprogramm schlichtweg grauenhaft. Das liegt daran, dass man sich jahrzehntelang darauf verlassen konnte, dass eine Grundlagenfitness vorhanden ist. Sie wurde im Sportverein oder im freien Spiel auf der Wiese ausgebildet.

Das änderte sich mit dem Auftreten einer gelben Elektromaus in den 90ern. Seitdem sind immer mehr Konsolen und Bespaßungsmöglichkeiten aufgekommen, welche die Jugend an ihr Bett oder das Sofa fesseln. Sie sind kaum noch an der frischen Luft anzutreffen. Den endgültigen Todesstoß versetzte dann das Smartphone, das den Hybrid zwischen Gebrauchsgegenstand und Spielekonsole bildet, wobei ersteres die Rechtfertigung dafür liefert, es ständig bei sich zu tragen.

Techniken für Sportarten vorzustellen, reicht nicht mehr, um Verbesserungen hervorzurufen, daher auch der aktuelle Umfang des Unterrichts nicht. Fehlen die Verbesserungen, damit auch die Erfolgserlebnisse, erhält man Erwachsene, die zeitlebens Sport für Mord halten und stärkt den Mythos, Sportlichkeit sei angeboren. Man sollte möglichst jeden Tag mit den Schülern Sport treiben, Ausdauer, Zirkeltraining, damit erst die Grundlagen neu geschaffen werden. In einer von fünf Trainingseinheiten kann man immer noch Fußball spielen.

Zum Kanon: Ja, gerne! Und bitte nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ. Die Grundlagen müssen festgelegt sein, sodass überall ein Basiswissen vorhanden ist. Das kann dadurch ergänzt werden, dass man eine Liste vorlegt, aus der jeder Schüler nach Neigung weitere Werke auswählen kann. Wir haben schließlich auch unsere Neigungen...überproportional oft scheint das hier die Antike zu sein (-was ich gut verstehen kann-).
50 Werke sollte ein Abiturient schon in petto haben. Auf 8 Jahre der weiterführende Schule aufgeteilt, sind das 6,25 Bücher im Jahr. Also alle 2 Monate ein Buch! Das ist definitiv zumutbar.

Wir haben langsam einen Überfluss von Zettelakademikern. Sie haben ein Zertifikat, das ihnen bescheinigt, dass sie Akademiker seien, aber sie sind es nicht. Sie haben keine Allgemeinbildung, verschmähen Bücher und meiden Kultur. Diese Zustände müssen konsequent beendet werden. Es entwertet nicht nur die Abschlüsse, sondern die Universität und das Streben nach Wissen generell.

Daher plädiere ich zusätzlich für ein verpflichtendes Latinum für alle Abiturienten. Idealerweise lebt das Graecum dann auch wieder auf.
Einerseits gibt es kein weiteres Fach, was zugleich Allgemeinbildung, Sprachkompetenz und logisches Denken schult, andererseits haben Altsprachen die angenehme Eigenschaft, das falsche Klientel von vornherein abzuschrecken.

Vera

31. Januar 2020 12:32

Hier sind viele gute Gedanken zusammengetragen, vor allem die Schwerpunkte auf Charakterbildung, sportlicher Erziehung und die Erwähnung der alternativen Schulformen, besonders der Waldorfpädagogik, die sich ja selbst als eine „Erziehung zur Freiheit“ versteht. Diese Erziehung zur Freiheit darf nicht vernachlässigt werden, denn die Institution Schule birgt immer die Gefahr, die künftigen Generationen einem bestehenden Gesellschaftssystem anpassen und dafür zurechtbiegen zu wollen. Dabei sollte doch eigentlich im Vordergrund stehen, daß der einzelne Mensch bestmöglich seine Anlagen entfalten und sie zum Wohle der Gemeinschaft einbringen kann. Die Frage stellt sich, inwiefern eine „Institution Schule“ überhaupt dazu in der Lage ist oder war. Wer zu einem Schulsystem wie vor 100 oder 150 Jahren zurückkehren möchte, sollte sich Hesses „Unterm Rad“ zu Gemüte führen. Wurden nicht Generationen von Schülern lateinpaukend ihrer Jugend beraubt? Und wer von uns hat nach 13 langen Jahren nicht das Gefühl gehabt, in all der Zeit doch so einiges an „echtem Leben“, in einem kahlen Schulraum sitzend, verpaßt zu haben? War das Abitur nicht wie eine unglaubliche Befreiung von einem ungeheuren Druck, der zentnerschwer auf uns lastete? Gäbe es nicht auch andere, individuelle Wege, zu der Bildung zu gelangen, die uns zu vollständigen Menschen macht? Ich würde mir vielmehr ein Bildungssystem wünschen, das mehr Raum zur Gestaltung zuläßt. Ich möchte meine Kinder keiner Institution überlassen, die sie zu perfekten kleinen Staatsbürgern, welchen Staates auch immer, formt und zurechtstutzt. Die DDR-Erziehung ist dabei bestes Negativbeispiel. Mag sie auch Leistung hervorgebracht haben, so doch auf Kosten der inneren Werte. Und der Freiheit!
Und was die Lehrerbildung anbetrifft: das Problem ist nicht die Ausbildung der Lehrer. Sondern wer sich dafür entscheidet, Lehrer zu sein. Ich halte das Lehrersein für eine Befähigung, die man hat oder eben nicht hat. Und es gehört ein besonderer, gefestigter Charakter und eine große Liebe zu dieser Berufung, zu den jungen Menschen dazu. Dies kann man nicht erlernen.

TheBlackCat

31. Januar 2020 15:48

Dazu passt auch die neuerliche Meldung, dass Alice Weidel gemeinsam mit Martin Hess für den Landesvorsitz der AfD Baden-Württemberg kandidieren möchte:
https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.afd-landesvorsitz-in-baden-wuerttemberg-martin-hess-und-alice-weidel-wollen-gemeinsam-kandidieren.6515b09a-f377-4ac8-95e4-8d568a52a011.html

Martin Hess wird in der Presse mit folgenden Worten zitiert: „Wir wollen den Landesverband, der aufgrund der aktuellen Personalquerelen an der Spitze heillos zerstritten ist, befrieden und einen“

Das ist natürlich absoluter Blödsinn.
Alice Weidel hat sich zwar in letzter Zeit gegenüber dem Flügel versöhnlich gezeigt. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Weidel den Kurs Jörg Meuthens mitträgt. Und dieser Kurs heißt: Regierungsbildung mit der CDU um jeden Preis Und dafür soll sich AfD rhetorisch an Mainstream anpassen und auf Straßenprotest und sonstige auffälligen Aktivitäten, die die CDU abschrecken könnten, verzichten. Oder wie Frau Weidel vor wenigen Wochen erklärte:

„Die AfD will als freiheitliche Kraft in den Parlamenten wirken und mit guter Arbeit die Bürger von ihrem Weg überzeugen. Mit markigen Sprüchen und martialischem Auftreten vor Sendeanstalten aufzutreten, halte ich für eine politische Sackgasse.“

(Quelle: https://jungefreiheit.de/politik/deutschland/2020/anti-swr-demo-afd-lokalpolitiker-sorgt-fuer-unmut-in-partei/)
Man kann Weidels und Meuthens Kurs auch als vorsätzliche Schwächung der AfD betrachten, die betrieben wird in der Hoffnung, eine sedierte und für die Meinungshoheit des Establishments weit weniger gefährliche AfD wäre für die CDU als Koalitionspartner erträglicher.

Letztendlich geht es also darum, die AfD-Baden-Württemberg mit dem Kurs des – nachwievor von dem „gemäßigten“, Altpartei-nahen Flügels dominierten – Bundesvorstandes gleichzuschalten, einen Kurs, der mit dem „Flügel“-Kurs einer sozial-patriotischen Bewegungspartei nicht vereinbar ist.

Lumi

31. Januar 2020 19:45

Kleinstadt in Niedersachsen, 1988/89, 11. Klasse. Leicht erstaunte, aber doch neutrale Feststellung des Lehrers im Fach Gemeinschaftskunde: "Sie sind der erste Jahrgang hier, für den es nicht nur zwei deutsche Staaten, sondern auch zwei deutsche Nationen gibt."

Das hat mir insofern zu denken gegeben und sich mir daher eingeprägt, als ich damals den Unterschied zwischen Staat und Nation nicht kannte. Und ich war sicher nicht der einzige.

In Schuljahr 1989/90 stand dann Marxismus-Leninismus auf dem Lehrplan. Kein Witz. Lehrbuch "Von Marx zur Sowjetideologie" von Iring Fetscher.

Ansonsten: Sehr schöner Entwurf einer sinnvollen Schule. Auch gute Anmerkungen von AfDHSKind zu Sport und Latein.

In Deutsch mehr Grundlagen, Grammatik, Wortwahl. Weniger Sturm und Drang. Mehr Kleist, weniger Goethe. Zauberlehrling muß aber bleiben. Bildungslücken einfach mit Wilhelm Busch schließen. Nicht jeder kann sich für die Dramen vergangener Jahrhunderte erwärmen. Ich konnte es auch nicht.

Lumi

31. Januar 2020 19:56

Digitalkram: Smartphon und Tablet sind fast reine Konsumgeräte. Daher schtonk. Der PC hat dagegen seine Berechtigung - um Zehnfingersystem und Programmieren zu lernen.

Schreibschrift: In der DDR soll eine halbwegs vernünftige Kursivschrift gelehrt worden sein. Die in der BRD war Murks und wurde seit meiner Schulzeit noch weiter heruntergemurkst.

Isarpreiss

31. Januar 2020 20:00

Dreigliedriges Schulsystem schön und gut, aber um zu verhindern, dass die Hauptschule dabei Resteschule ist, müsste ein viel größerer Anteil eines Jahrgangs auf diese Schule gehen, und nur ein kleiner, vielleicht 10 Prozent, auf das Gymnasium - wie wollen Sie das konkret erreichen?

Die Eltern der Grundschüler tun alles dafür, um ihre Kinder nicht auf die Hauptschule schicken zu müssen. Die Gründe dafür sind vielfältig und auch regional sicher unterschiedlich: sozialer Druck, ehrliche Fürsorge (das Kind soll später mal nicht körperlich arbeiten müssen), hoher Ausländeranteil auf der Hauptschule, eigener Bildungsweg (man will das eigene Kind mindestens in der Schulform sehen, in der man selber war, eher darüber, auf keinen Fall darunter).

Außerdem gilt natürlich auch im Bildungssystem, dass man nicht einfach Bestehendes und über lange Zeit Gewachsenes einreißen sollte, um ein ganzes System am Reißbrett neu zu entwerfen. Das System, wie es ist, ist selbstverständlich wieder verbesserbar - schon eine gesellschaftliche Wende zu einer Wertschätzung des Leistungsgedankens und zur Sinnhaftigkeit eines Bildungskanons würde sich auf die Schulen (und die Universitäten) niederschlagen, und entsprechende Veränderungen etwa in den Unterrichtsmethoden automatisch nach sich ziehen.

Aber im deprimierendsten Punkt haben Sie natürlich Recht: Der typische Lehrer heute liest selber kaum, schaut stattdessen Trash-TV, kleidet sich schlampig und kann keine Rechtschreibung.

Laurenz

31. Januar 2020 23:07

So ehrenwert die Analyse auch sein mag. Das reine Wissen geht nicht verloren, auch wenn noch Mio. von Büchern in den Uni-Bibliotheken noch auf ihren Scan warten. Ich erachte, gegen die Sicht Herrn Bosselmanns, eine oder 2 schlecht erzogene und oberflächlich gebildete Generationen nicht als Katastrophe. Wir können sozialistisch geprägte Jugendliche nicht überzeugen, wie an Frau Merkel bewiesen ist. Geprägter Wahn bleibt ein Leben lang erhalten. Nur das Leben kann erziehen. Die jungen Anywheres müssen selbst spüren, wie es ist, zukünftig für vietnamesische Vorgesetzte arbeiten zu müssen und daß sie es sind, welche die Weltoffenheit bezahlen müssen. Das ist besser als jedes Argument und überzeugender als jeder Artikel.

Gracchus

1. Februar 2020 00:48

Frage mich, was für eine Rolle es spielt, dass es sich um eine Notizbuchabschrift handelt. Soll das Unfertige, Essayistische betont werden? Dann frage ich mich, an wen diese Notizen adressiert sind? Bzw. ob sie nicht besser an Bildungspolitiker adressiert wären, von denen aber wohl die wenigsten SiN lesen. Es liest sich - das ist keine Kritik - wie aus fernen Zeiten, wo zwar das Wünschen schon nicht mehr geholfen hat, aber man noch an so etwas wie soziale Selbstverständigungskurse geglaubt hat, an so etwas wie eine steuerungsfähige soziale Mitte. Und es liest sich - sage ich anerkennend - wie von einem Pädagogen mit Passion geschrieben. Und wieder wird das Steckenpferd "Anthropologie" geritten : Seit dem ich zufällig auf amazon entdeckt habe, dass Herr Bosselmann - wie ich - Cormac McCarthy gut findet, frage ich mich, ob sein pessimistisches Menschenbild nicht aus eben jener Lektüre rührt.

@Vera: Sie nehmen mir die Worte aus dem Mund. Auch ich musste an Hesses "Unterm Rad" denken, und ebenso verfluche ich, zu viel Zeit in kahlen Schulräumen verbracht zu haben, während sich das Leben woanders abspielte. Es gibt ein schönes Interview mit Sloterdijk, wo er sinngemäß sagt, wer die Schulzeit überstanden hat, braucht erst einmal zehn Jahre um sich davon zu erholen.

Wenn ich mir was Wünschen dürfte, wäre es daher einen "schulischen Minimalismus" in einer Gesellschaft, in der einfach auch Lebenserfahrung zählt und Schule nicht so wichtig genommen wird. Neben Konkurrenzdenken würde ich auch Kooperation einüben. Noten gehören für mich daher abgeschafft. Selektieren würde ich nicht bzw. die Grundschule sehr lange ausdehnen, damit jeder mit unterschiedlichen sozialen Schichten Kontakt behält. Daneben kann man individuell fördern. Dafür bliebe Zeit, weil der Grundunterricht zeitlich minimal ausfiele. Natürlich sollten Grundfertigkeiten eingeübt werden, aber das "Wie" geht vor dem "Was": Inhalt also vor allem, wie man lernt, konzentriert zu arbeiten und sich Stoff anzueignen. (Ich sehe keinen Sinn darin sich Massen von Stoff anzueignen, die man dann schnell wieder vergisst.)

Sport/Bewegung würde ich ausdehnen auf täglich mindestens 1 Einheit. Teils orientiert an asiatischen Praktiken wie Qi Gong oder der guten, alten Leichtathletik, aber auch Sachen, wo man sich austoben kann bzw. nach seiner Facon.

Und nachmittags: frei!

Andrenio

1. Februar 2020 06:53

Die Realität unseres Bildungswesens soll als bekannt vorausgesetzt werden. Den Wunschkatalog hat Bosselmann aufgestellt.
Nun geht es um die Verwirklichung.
Für eine Privatschule ohne staatliche Unterstützung für 100 Schüler mit Finanzierung der Immobilie und ein bescheidenes Auskommen der Lehrer/Betreuer, Schnäppchen beim Kauf der Immobilie vorausgesetzt, würde ca. 10 Millionen Anfangskapital voraussetzen. Das Schulgeld läge dann bei € 1.500 im Monat.

1. Keine Bank finanziert sowas,
2. Kein Multimillionär stiftet sowas.
3. Welche Durchschnittsfamilie kann sich das leisten?

Folgende Konstellation läge in Reichweite:

1. Auswahl Bundesland mit höchstem Leistungsniveau (Sachsen).
2. Erwerb Immobilie und Ausbau für Internatsunterbringung in Schulnähe.
3. Nachschulische Komplettbetreuung mit Lehrern, die zusammen leben mit den Schülern, vor allem auch am Wochenende.

Damit wird zwar ein Negativum eingekauft, nämlich das der staatlichen Indoktrination während der Regelbeschulung, aber man spart die Kosten für Lehrerbesoldung und Schulbetrieb.

Hierfür bräuchte es eine Anfangsfinanzierung von 1 Million für 20 Schüler in der ersten Phase. Die monatlichen Kosten lägen unter € 1.000 und für Schüler aus bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnissen könnte man sicher Stipendiengeber finden, wenn die Leistung stimmt.

Das wäre alles zu stemmen. Wo sind aber die berufenen Pädagogen à la Bosselmann?

Utz

1. Februar 2020 10:35

>>Dreigliedriges Schulsystem schön und gut, aber um zu verhindern, dass die Hauptschule dabei Resteschule ist, müsste ein viel größerer Anteil eines Jahrgangs auf diese Schule gehen, und nur ein kleiner, vielleicht 10 Prozent, auf das Gymnasium - wie wollen Sie das konkret erreichen?

Die Eltern der Grundschüler tun alles dafür, um ihre Kinder nicht auf die Hauptschule schicken zu müssen. <<

Das sehe ich auch so, das ist der Knackpunkt. Man kann den Eltern zwar erklären, daß ein Akademiker, z.B. ein Historiker, der dann als Taxifahrer sein Geld verdient, auch nicht besser dran ist, als ein Handwerker in einer gefragten Branche, aber Eltern, die sich in der 4. Klasse für eine Schulart entscheiden, erwarten ja nicht, daß ihr Sprößling zu denen gehört, die keinen Erfolg haben.

Ihr Ansatz Herr Bosselmann, den Kindern praktische Arbeit erfahrbar werden zu lassen, ist zwar besser als das was bisher stattfindet, aber ich befürchte das wird nicht reichen. In unserer Gesellschaft ist der erfolgreiche Fliesenlegen leider immer noch weniger angesehen als der erfolglose Haltungsjournalist, der sich mit Gelegenheitsjobs mühsam über Wasser hält. Bevor man Ihre Reformen angehen könnte, müßte man meines Erachtens sehr viel Energie und Geld investieren, um am Image einzelner Berufe, bzw. Lebensgestaltungsmöglichkeiten etwas zu ändern.

Maiordomus

1. Februar 2020 11:27

@ Lumi Es müssen in der Tat nicht bloss Dramen vergangener Jahrhunderte sein. Wer bestreitet schon, dass Gerhart Hauptmann und Bertolt Brecht nicht auch langweilige Stücke geschrieben hätten, letzterer sogar mit einer Theorie zur Entschuldigung dafür? Wer aber nicht in Jahrtausenden denken kann, ist objektiv nicht gebildet, selbst wenn er es vielleicht zum amerikanischen Präsidenten oder zum Führer des deutschen Volkes bringen mag. In dem Punkt kann man muslimischen Gelehrten ebenso gut recht geben wie den wohl durchschnittlich klügeren Chinesen. Homer, heute von Kurt Steinmann meisterhaft in heutiges Deutsch gebracht, ohne das Original zu veräppeln, tut es auch, nicht zu vergessen Euripides. Oder die Orestie von Aischylos, unlängst mal in Darmstadt inszeniert. Wer es nicht glaubt, soll mal bei Sigmund Freud "rückfragen". Wer mit Shakespeare nichts anfangen kann, gehört als absolut dumm nicht an eine höhere Schule. Haben Sie schon mal eine gute Inszenierung, zur Not sogar eine mittelmässige, von Molière gesehen? Natürlich ist das schon nicht Dschungelcamp. Zu denken geben mir sodann diejenigen, die nicht mal den 1. und 2. Hauptsatz der Thermodynamik verstehen, dafür "gegen den Klimawandel" demonstrieren. Da gäbe es, weil die Voraussetzungen höherer Bildung nicht erfüllend, noch Sparpotential.

Monika

1. Februar 2020 11:42

Nachdem der Bademeister im Beitrag „Wie wollen wir pflegen“ etwas vorschnell Schluss gemacht hat, hat mir @ Maiordomus‘ Wunsch nach einem „qualifizierten Beitrag von Frauen“ keine Ruhe gelassen.
Deshalb an dieser Stelle ein kleiner Beitrag, der durchaus mit Bildung zu tun hat.
Ich „engagiere“ mich seit über 20 Jahren in der katholischen Frauenarbeit unserer Gemeinde ( eher gutbürgerliches Wohnviertel). Ich konnte entsprechend Feldstudien betreiben, wie es in unserem Viertel zu Ende geht. Am Anfang waren es so ca. 35 ältere Frauen ( zumeist sog. besser situierte Hausfrauen, belesen und mit Abonnement fürs Theater) . Übrig geblieben sind noch 4 Frauen, die jetzt alle über 90 Jahre alt sind. Die Männer dieser Frauen sind jetzt auch schon mindestens 10 Jahre tot. Fast alle Frauen dieser Generation ( ab Jg. 30) haben sich bis zum Schluss um ihre Männer gekümmert und sie zu Hause gepflegt.
Die verwitweten Frauen selbst wollen bis zum Schluss selbstbestimmt zu Hause wohnen bleiben und kriegen das in der Regel auch gut organisiert. Wenn das Alter dann beschwerlich wird, meist sind es die letzten 2 Jahre, wird das organisiert mit polnischen Pflegekräften, Sozialdienst etc. Am Schluss will man etwa noch in das bestimmte , katholische Heim, das einen guten Ruf hat.
Fazit: In dieser Generation geht es, wenn man nicht arm , kinderlos oder ungebildet ist, doch noch recht gut zu Ende. Auch sind die Frauen recht gut vernetzt und waren lange unternehmungslustig. Mir wurde in der langen Zeit nur ein Fall bekannt, wo ein altes, krankes, kinderloses Paar in die Schweiz fuhr, um „sich umbringen zu lassen“, wie es die Damen des Frauenkreises entrüstet erzählt haben.
Während wir früher mit den Frauen Bildungsveranstaltungen gemacht haben ( Literatur, Musik), kommen die letzten Frauen noch zum Gebet und anschließendem Kaffee zusammen. Da wird auch noch viel gelacht und geweint. Nur zweimal im Jahr kommt noch der Pfarrer. Es kommt zu einem guten Ende.
Wie es mit der nächsten ( meiner) Generation zu Ende geht, darüber kann und muss man nachdenken.
Den in diesem Forum überrepräsentierten Männern kann ich nur empfehlen: Seid nach der Pensionierung oder Verrentung nett zu euren Frauen, sucht euch ein Steckenpferd, geht mit eurer Frau zum Sport, trefft euch mit alten Freunden, besucht die Kinder und Enkel, bleibt aktiv, solange es geht.
Und - verliert nicht den Humor !

zeitschnur

1. Februar 2020 17:57

Das wäre das Programm für das "Danach", wenn diese schlimme Ära ihr Ende erreicht hat.
Damit man, sobald das unselige Spinnennetz verbildender Schulpolitik endgültig gerissen sein wird, sofort weitermachen kann mit nun ordentlichen und fundierten Schulen. Die Orientierung an erfolgreichen Privatschulen ist dabei nicht die schlechteste Idee.
Der Begriff "Selektion" gefällt mir allerdings nicht, auch wenn ich verstanden habe, dass Sie ihn nicht so seelenlos meinen, wie er klingt.
Die Übergänge würde ich doch fließen lassen zwischen Schultypen, die sich an Begabungstypen orientieren.
Zugleich müsste man dieses verdammte monopolkapitalistische Wirtschaftssystem abschaffen, für immer zur Hölle schicken, damit sich das Wirtschaftsleben endlich erholen kann. Was spricht gegen eine freie Welt vieler kleiner Betriebe, die nicht vom Staat und Innungen schikaniert werden dürfen, für die dann auch wieder Kontinuität und handwerkliche Kunst notwendig wären. Solange nur auf Verschleiß und Umsatz und Papierzeugnisse gesetzt wird, wie derzeit noch, geht automatisch auch die Bildung flöten.

Ja, vielleicht wäre es gar nicht schlecht, jetzt schon Programme zu durchdenken, für einen Wiederaufbau nach diesem geistigen Krieg, mit dem wir inzwischen seit Jahrzehnten überzogen werden.

Nemesis

1. Februar 2020 20:19

„Die Schule kann nicht die sozialpädagogische Anstalt der Gesellschaft sein,...“

Fakt ist aber: sie ist es.
Es ist zwar legitim zu definieren, was sein oder nicht sein sollte.
Umso härter dann aber der Aufschlag in der Realität.

„Statt Inklusion braucht es eine Ausdifferenzierung, die verschiedenen Anforderungsniveaus gerecht wird.“

Eine kategorische Ablehnung, die ich kategorisch ablehne.
Inklusion an sich ist für mich nicht das Problem ist. Der Grad ist es.
Eine vollständige Abspaltung von z.B. behinderten Kindern, hat eine Sichtweise zur Voraussetzung, daß diese nicht nur Nichts zum Lernerfolg der Nichtbehinderten beitragen könnten, sondern diesen geradezu verhindere.
Falsch.
Was aber auch klar ist:
1. Das kann nicht alleine den Lehrern aufgebürdet werden.
2. Es macht nur dann Sinn, wenn es auch Zeiten gibt, in denen wiederum eine Trennung stattfindet.
Nicht Entweder-Oder. Sowohl als Auch.

Weitere Attribute:

1. Ausbildung einer Fehlerkultur.
Wir haben so gut wie keine oder – bestenfalls - eine pervers schlechte Fehlerkultur. Das liegt u.a. am Benotungssystem. Fehler werden als das gelernt, was unter allen Umständen zu vermeiden ist, denn – logischerweise – sind sie mit schlechten Noten korreliert.
Im Ergebnis führt das zu folgendem Verhalten:
a. Lieber auf der sicheren Seite bleiben: Es wird nichts Neues ausprobiert.
b. Fehler nicht zugeben können, weil mit Bestrafung verbunden.

2. Schule: Benotung für korrekte Antworten auf Fragen, die man nie gestellt hat.
Einfach mal umdrehen. Fragestellungen gehen der Beantwortung voraus. Entscheidende Erkenntnisse wurden durch entscheidende Fragestellungen initiiert. Unser gesamtes Bildungssystem ist fast ausschließlich auf Antworten fokussiert.
Das Ergebnis ist dann halt das, was wir haben.

3. Improvisationsfähigkeit.

Grundsätzlich:
Wenn in einer Gesellschaft nur noch derjenige im Vorteil ist, der den Anderen abzockt oder über den Tisch zieht, Wetten platziert und gewinnt, es schafft einen Ball in einen Korb oder ein Tor
zu bringen, vor einem Mikrofon oder einer Kamera herumhampeln kann, oder - an die Konservativen gerichtet - möglichst gute Noten zu bekommen, braucht man sich auch nicht wundern, wenn bestimmte Eigenschaften in der Schule nichts mehr bedeuten.
Das Eine koppelt eben auf das Andere zurück.

Was ist denn genau Wissen und Erkenntnis?
Was bedeudet es für den Einzelnen?
Welche Wege gibt es, auf denen der Einzelne zu diesem kommen kann?

Ist es Zufall, daß bei Ihnen – neben sehr vielen - durchaus guten Attributen - Begriffe wie Faszination, Begeisterung, Freude, Spaß, Abenteuer nicht vorkommen?

Ein einfacher oder erweiterter Rollback solls richten?
I doubt.

Maiordomus

2. Februar 2020 05:32

@Monika. Beiträge wie der Ihrige oben scheinen mir, über das elementar Bedenkliche hinaus, auf eine ganz andere Art als hier herkömmlich noch von politischer und meinetwegen "metapolitischer" Bedeutung zu sein. Weil hier von Bildung die Rede ist, hätten Sie im Zusammenhang mit der Bewältigung des Alters vielleicht Philemon und Baucis noch einbringen können: eine Ehe-Geschichte, die ich mit 16 Jahren im Lateinunterricht des humanistischen Gymnasiums bei der Übersetzung von Ovids "Metamorphosen" kennenlernen durfte. Solche tiefsinnigen und doch schlicht allgemeinverständlichen mythologischen Erzählungen könnten aber auch für einen Kreis älterer Leute, wie Sie diesen beschreiben, ebenso substanziell werden wie ein Bibeltext, der einige vielleicht noch allzu sehr an vielfach misslungenen einstigen Religionsunterricht erinnert. Wobei die Bibel, siehe die noch beachtlichen "Psalmen" des von mir oben als Dramatiker relativierten Bertolt Brecht (in Wirklichkeit ein genialer Lyriker sowie Hebel-geprägter Erzähler mit noch ein paar gelungenen dramatischen Stücken), natürlich für Europäer (meinetwegen Europäerinnen), die diesen Namen verdienen, elementares Bildungsgut wäre und auch bleibt. Alles andere wäre, wie ich zwar ziemlich arrogant als Sechzehnjähriger etwas bildungsstolz in einem Schüleraufsatz schrieb, "Rückfall in vorzeitlichen Kannibalismus". Von Brecht gibt es aber immerhin noch eine bemerkenswerte Antwort auf die Frage, welches für ihn das wichtigste Buch sei: "Sie werden lachen: die Bibel." (Zit. aus: Arnold Stadler: Tohuwabohu, Heiliges und Profanes nach dem 11. September 2001 und darüber hinaus, S. 29.)

Monika

2. Februar 2020 10:09

@ Maiordomus
Ja, wie wir das Alter bewältigen, das hängt ganz entscheidend auch von unserer Bildung und Erziehung ab.
Hier habe ich sehr viel von den zunächst älteren und jetzt alten Frauen unserer Gemeinde gelernt. Vielleicht hätte ich das aufschreiben sollen und Bilder von den wirklich beeindruckenden Frauen ( darunter Frauen aus Ost- und Westpreußen) machen sollen. Zu spät.
Themen über die zwei Jahrzehnte ( monatlich) waren etwa:
Maria und Martha in der Interpretation Meister Eckharts ( Schlussfrage an die Frauen: Wer fühlt sich eher als Martha, wer als Maria), Die sieben Todsünden, Gedichtlesungen, etwa Herman Hesses Stufen, von Hesse selbst gelesen ( vom Band), Diavorträge über Kirchenbauten, Reinhold Schneiders VATERUNSER, Gertrud von le Fort „Hymnen an die Kirche“, im Mai wurden Mailieder gesungen, am Klavier begleitet von einer alten Latein- und Griechischlehrerin. Deren letzter „Auftritt“ war heikel, da sie demenzbedingt auch mal ein Weihnachtslied im Mai spielte. Auch Herbstgedichte wurden rezitiert und die alten Damen kannten viele Gedichte. Aber auch Themen wie der Unterschied zwischen Christentum und Islam standen auf dem Program. Unmöglich, die Themen alle aufzuzählen. Aus erwachsenenpädagogischer Sicht waren die Verantstaltungen „teilnehmerorientiert“ und das war in diesem Falle reine Freude.
Das ist nun alles zu Ende gegangen und man erzählt nun vom baldigen Tod, von zunehmender Einsamkeit und wer nun wieder gestorben ist. So einige Beerdigunge habe ich miterlebt.
Traurig finde ich, dass es diese Gemeinsamkeit wirklich weiser Frauen nun nicht mehr gibt.
Die Frauen meiner Generation treffen sich jedenfalls nicht mehr regelmäßig und gemeinsam zu Bildungsthemen.

Nemesis

2. Februar 2020 11:49

@Gracchus
"Und nachmittags: frei!"

Sollte ich jemals in die Politik gehen und Chef werden,
ernenne ich Sie zum Bildungsminister - und zwar für alle Bundesländer gleichzeitig!

(Bevor Sie jetzt aber übereilt kündigen:
Die Wahrscheinlichkeit, daß das passiert, geht asymptotisch gegen Null. (Weil ich nämlich nicht in die Politik gehe...))

:))

zeitschnur

2. Februar 2020 12:18

Also, Ihr gepflegter bildungsbürgerlicher Diskurs in Ehren, @ Maiordomus und @ Monika, aber hat man sich nicht in älteren Zeiten zu Recht über diese sterile "Was ich schwarz auf weiß besitz, kann ich getrost nach Hause tragen"- "Bildung" geärgert, die dann zum gemeinschaftlichen rezitierten des Gelernten und "Gesammelten" führt, aber niemals zu einem echten Verstehen, Erkennen und Weiterschreiten? Solche Szenerien oberschichtlicher Dianachmittage, Literaturzirkel und sonstiger Kränzchen inklusive brav und technisch einigermaßen sauber gespielter Streichquartette ohne Feuer und Leidenschaft, habe auch ich jahrelang beruflich veranstaltet.
Es ist symptomatisch, dass @ Monika schreibt, im Gegensatz zu diesen fidelen Senioren-Alumni-Stündchen denke man jetzt eher an den bevorstehenden Tod, als sei das eine Verschlechterung.
Ich hatte unter meinen zu betreuenden Leuten einen Witwer, seines Zeichens evangelischer Pfarrer und Romanschriftsteller, der bis zuletzt an seiner Schreibmaschine saß, d.h. fast bis zuletzt, sich dann viel ans Fenster setzte und erklärte: "Das Wirkliche kommt erst."
Irgendwann lag er viel und verließ das Zimmer kaum mehr. Und einsam war er auch, aber er wollte das auch, ja: er brauchte es. Warum?
"Das Wirkliche kommt erst."
Darauf bereitete er sich vor, und das wollten fidele BildungsbürgerInnen in vorgerücktem Alter natürlich nicht mehr so gerne hören. Warum, um alles in der Welt, hat der Alte nun kein Interesse mehr an Goethe, Beethovensonaten und Diavorträgen und schreibt nichts mehr?
"Das Wirkliche kommt erst."

Was ist also unser Leben?
Die pharisäische Kombination von Bildung und Frömmigkeitritual im Äußerlichen, oder ein innerer Weg, der bei der armen Witwe in den Evangelienerzählungen offenbar mehr gelungen ist, als bei unserem belesenen Gelehrten, der gut sichtbar auch ein gepflegtes Opfer in den Opferstock drapieren kann, das doch seelenlos ist und bleibt, geschweige denn Geist hätte?
Ob der alte Simeon wohl gebildet war? Worauf hatte er gehofft? Darauf, dass er im Alter von seinen Lektüren zehren könnte? O nein! Er hoffte darauf, dass er den Christus sehen würde. Und die alte Prophetin Hanna? War die gebildet? Nota bene: im damaligen judentum durften Frauen keine Bildung erlangen, v.a. keine Torahbildung. Worauf hat sie eigentlich gehofft, und was hat sie weissagen können? Jüdische Dichtung und Musik, Philo, oder gar Ovidmetamorphosen und platonische Dialoge?
O nein - sie hoffte auf dasselbe wie Simeon und konnte wie er in Frieden sterben.

Was ist also unser Leben?
Das Herumsummen im Fliegenglas unserer "Bildung", von der niemand am Ende etwas abbeißen kann, bzgl auch derer das letzte Hemd keine Taschen hat, weil sie äußerlich und veräußert ist wie das Sammeln von materiellen Gütern? Warum wissen unsere Goetheleser das nicht (er wusste es auch!)?

Oder ist unser Leben eine Vorbereitung auf das Wirkliche, das erst noch kommt?

Monika

2. Februar 2020 21:22

Liebe Zeitschnur
Was Sie etwas despektierlich einen bildungsbürgerlichen Diskurs oder Kränzchen nennen, war neudeutsch formuliert die „Bespassung“ älterer katholischer Damen mit Bildungshintergrund zwecks Gemeinschaftserlebnis und lecker Kaffee und Kuchen im Anschluss. Genannt Gesprächskreis.
Eben gerade kein Frontalunterricht mit bildungsbürgerlichen Inhalten.
Fidel waren die Damen und das Wirkliche war bereits schon da. Sauber gespielt waren die vorgetragenen Musikstücke auch nicht. Das gab das alte Klavier nicht her.
Warum die Damen am Schluss kein Interesse mehr an den Vorträgen hatten ? Ganz einfach. Die Hälfte schlief altersbedingt einfach nach gewisser Zeit ein und man musste sie da „abholen, wo sie standen“. Oder fast lagen.
Da wurde nicht mit dem Rohrstock auf den Tisch geklopft und gebrüllt: „Aufwachen“.
Auch denken die Verbliebenen Frauen nicht an das Wirkliche, was noch kommt. Sondern sie hoffen, dass sie schnell und ohne Schmerzen sterben können. Wer will das nicht, möglichst lebenssatt ?
Spekulationen über das Danach ? War nie ein großes Thema. Die eine Dame hofft, ihren geliebten Mann wieder zu sehen, eine andere ( die einzig Geschiedene) will das gerade nicht.
Das Leben ist eben keine Vorbereitung, sondern in jeder Minute wirklich!

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