26. Januar 2020

Netzfundstücke (39) – Sander, Linke Lektüren, Reich

Jonas Schick / 43 Kommentare

»Die Deutschen brauchen das Reich. Europa braucht das Reich. Die Welt braucht das Reich … Reich oder Chaos! Tertium non datur.«

Vor drei Jahren, in der Nacht vom 24. auf den 25. Januar 2017, verstarb der Publizist Hans-Dietrich Sander im Alter von 88 Jahren nach langer, schwerer Krankheit in Fürstenwalde an der Spree, wo er in den letzten Jahren seines Lebens ein verwildertes Grundstück in einem Neubaugebiet wieder urbar machte. »Radikal und weltoffen«, so charakterisierte sich Sander einmal selbst. Insbesondere mit der Radikalität hatte er sich gut getroffen: Sander war grundsätzlich, stur konsequent und ging mit seinem Denken an die Wurzel.

Günter Maschke beschrieb ihn 2017 wie folgt: »Sander war der ewige Hitlerjunge. Er konnte ein furchtbarer Moralisierer sein: am liebsten hätte er uns zu jahrzehntelangem Knäckebrotessen verdonnert.« Es verwundert daher nicht, daß Armin Mohler ihn einst als „unbequemsten Vertreter der Neuen Rechten“ bezeichnete.

Die Auflösung aller Dinge – Zur geschichtlichen Lage des Judentums in den Metamorphosen der Moderne, das durchaus als sein Hauptwerk gelten kann, steht exemplarisch für den radikalen Wesenszug Sanders: Wer außer dem gebürtigen Mecklenburger hätte die »deutsch-jüdische Frage« nach 1945 »unter dem Gesichtspunkt der politischen Eschatologie« noch einmal mit einer derartigen Kompromißlosigkeit stellen können?

Sanders radikale Verve kam ferner in seinem Streben nach einer »Reichsrenaissance« zum Ausdruck: Die von ihm ab 1990 herausgegebenen Staatsbriefe benannten sich nicht von ungefähr nach den Erlassen, Sendschreiben und Berichten des Stauferkaisers Friedrich II. und verfolgten die Absicht, die nationale Aufbruchsstimmung der deutschen Wende in eine erneute Reichsgründung zu kanalisieren. Dieses Hoffen auf eine Wiederaufblühen deutscher Größe wurde jedoch bitter enttäuscht.

Sander folgerte in seiner unbeirrbaren Haltung daraus, daß die von den Alliierten lizenzierte Wiedervereinigung von vornherein nur »die Endlösung der deutschen Frage« bezweckt habe. Ganz in konservativ-revolutionärer Manier sah er nur in einem »schnellen Ende« des bestehenden Deutschlands und der »restlosen Implosion des status quo« die Voraussetzung für die Genese einer neuen Reichsherrlichkeit.

Wer dem wirkmächtigen Autor nachspüren möchte, der sollte am besten mit den zahlreichen Nachrufen anläßlich seines Todes beginnen. Ob hier in der österreichischen Zeitschrift Neue Ordnung – für die Sander bis zum Ende seines Lebens regelmäßig schrieb –, hier Johannes Poensgen in der Blauen Narzisse oder hier ein aktueller Nachruf von Daniell Pföhringer in der Compact, die Würdigungen halten alle die wesentlichen Literaturverweise für eine ausgiebige Sander-Lektüre bereit.

Außerdem faßt Martin Lichtmesz Beitrag aus dem Staatspolitischen Handbuch, Band 3: Vordenker (hier erhältlich) die wesentlichen Wegmarken Sanders Leben und Wirken zusammen. Indessen gibt der Arnshaugk Verlag aus Neustadt an der Orla Sanders Schriften als komprimierte Werksausgabe heraus, die sowohl seine Aufsätze als auch seine Bücher einschließt.

Bisher sind Der ghibellinische Kuß (hier verfügbar), Das verborgene Volk (hier verfügbar), Politik und Polis (hier verfügbar) und Das tragische Interludium (hier verfügbar) erschienen. Bleibt mit einem Zitat des SPD-Politikers Peter Glotz aus seinem Buch Die deutsche Rechte bezüglich Hans-Dietrich Sanders zu enden, das die nie zum Tragen gekommene Wirkmacht, des »nationalen Dissidenten« aus einer erschrockenen Gegnerperspektive unterstreicht:

Man könnte über diesen ›nationalen Dissidenten‹ achselzuckend hinweggehen, wenn nicht ein bestimmter Ton aufmerksam machen würde – ein Ton, der junge Deutsche in der Geschichte immer wieder beeindruckt hat. Konsequent, hochmütig und rücksichtslos (...) Was verhütet werden muß, ist, daß diese stilisierte Einsamkeit, diese ›Kleistsche Radikalität‹ wieder Anhänger findet. Schon ein paar Tausend wären zu viel für die zivile, parlamentarische Bundesrepublik.


Ausgehend von Sander, der mit Marx seine politische Karriere begann, sei auf das Vortragsvideo »Linke Lektüren – eine Anleitung« der letzten Winterakademie von Benedikt Kaiser hingewiesen:

Kaisers »neurechter« Streifzug durch linke Literatur verfolgte das Primärziel »Lernen«: Linke Lektüre, so der Chemnitzer Politikwissenschaftler, dient nicht der theoretischen Selbstunterhaltung, sondern langfristig dazu, Realitäten zu verändern, die aber erst substantiell verstanden und durchblickt werden müssen.

Die linken Analysen und Denker, die bei diesem Unterfangen hilfreich sind, werden bei seinem Vortrag kursorisch aufgegriffen.


Um weiter in Sanders Kosmos zu verweilen und den Lektüreaufruf der jüngsten Akademie hochzuhalten, lohnt ein Blick auf die »Reichsidee« und die dahinterliegenden Konzepte. Speziell bei der Gruppe der »Jungkonservativen« innerhalb der »Konservativen Revolution« (KR) erfuhr sich dieser traditionalistische Staatsansatz reger Beliebtheit. Die Reichsdiskussion war zum Ende der Weimarer Republik derart euphorisch und virulent geführt worden, daß die NSDAP bzw. Hitler dazu gezwungen waren, ihr totalitäres System – zumindest dem Namen nach – in die deutsche Reichstradition zu stellen.

Als eines der wesentlichen Werke in diesem Kontext ist Arthur Moeller van den Brucks Das dritte Reich (als Faksimile hier erhältlich) zu nennen, was in seiner entworfenen Programmatik und revolutionären Stoßrichtung als eine für die KR exemplarische Schrift gelten kann. Sebastian Maaß kenntnisreiche ideengeschichtliche Studie im leider verschiedenen Regin-Verlag Kämpfer um ein drittes Reich. Arthur Moeller van den Bruck und sein Kreis (hier erhältlich) empfiehlt sich durchaus als Vorlektüre, insofern als sie einen Überblick über die Weltanschauung des konservativen Kulturkritikers sowie sein Wirken und das der von ihm beeinflußten Denker in seinem Umfeld gibt.

Ferner ist auf Wilhelm Stapels Der christliche Staatsmann: Eine Theologie des Nationalismus (hier erhältlich) hinzuweisen, in dem er schon im Vorwort die Unentrinnbarkeit der Deutschen vor der Reichsidee herausstrich:

(…) das Reich ist kein subjektiver Wunschtraum, keine Flucht in die Illusion, sondern eine uralte politische Realität metaphysischer Art, der wir untreu geworden sind. Wer solche Dinge nicht zu schauen vermag, der sei nicht vorlaut. Wenn Israel von Jahwe abfiel, strafte Gott Israel. Wenn wir vom Reich abfallen, straft uns Gott, wie die deutsche Geschichte zeigt. Das ist das deutsche Testament.

Weiterhin beschäftigte sich der DNVP-Politiker Georg Quabbe mit Reichsutopien: Seine Schrift Das letzte Reich. Wandel und Wesen der Utopie erschien in der Reihe »Berliner Schriften zur Ideologienkunde« des Instituts für Staatspolitik als Nachdruck (hier erhältlich). Der zum Abschluß empfohlene Autor ist Ernst H. Kantorowicz, der dem George-Kreis entstammt, und dessen Kaiser Friedrich der Zweite (hier erhältlich) Hans-Dietrich Sanders Faszination gegenüber dem Stauferkaiser maßgeblich beeinflußte.

Wer verstehen möchte, warum der Regent mit dem Namenszusatz »Stupor Mundi« (Staunen der Welt) für Sander »den deutschen Reichsgedanken, die ghibellinische Idee, in maximaler Reinheit« verkörperte, der muß Kantorowicz lesen.



Kommentare (43)

Maiordomus

26. Januar 2020 20:54

"Tretet weg vom Herde", kann man hier wohl nur mit George raunen. Arthur Moeller van den Bruck ist mir aus der Sicht der Forschungen über Paracelsus und Meister Eckhart schon vor Jahrzehnten aufgefallen mit seinem Buch "Verschwärmte Deutsche", Minden 1906, 1934 neu aufgelegt im Band "Das Ewige Reich - Die Deutschen", 2. Band, Breslau 1934: zu diesen "verschwärmten" Deutschen wurden Meister Eckhart, Paracelsus, Boehme und Novalis in Anspruch genommen. Die Forschungsqualität dieser Ausführungen ist nicht ernst zu nehmen, ganz im Gegensatz zu den fast gleichzeitigen und noch etwas späteren Arbeiten von Will Erich Peuckert, der über die Paracelsus-Forschung hinaus noch mit bedeutsamen Studien über Kopernikus, Kepler, Sebastian Franck, die schlesischen Überlieferungen und die Volkskunde des Proletariats hervorgetreten ist. Moeller van den Bruck steht auch als Vorläufer der dilettantischen und rein ideologisch orientierten Meister-Eckhart-Rezeption von Alfred Rosenberg sozusagen auf dem Abfall-Berg der deutschen sog. Konservativen Revolution. Ich glaube mich aufgrund jahrzehntelanger Beschäftigung mit obigen Themen zu diesem nun mal leider nicht gerade schmeichelhaften Urteil berechtigt.

Solution

27. Januar 2020 00:04

Die "Werksausgabe" von Sander hat leider einen gravierenden Fehler: Originalartikel wurden (nicht von ihm selbst!) "aktualisiert". Das ist mehr als ärgerlich, denn auch diese "Aktualisierungen" sind schnell wieder veraltet und auch in anderer Hinsicht mehr als fragwürdig. Was hat man dem Werk dieses großen Mannes damit angetan! Zu dieser Ansicht fühle ich mich berechtigt, kannte ich ihn persönlich recht gut.

Maiordomus

27. Januar 2020 07:20

Der Wikipedia-Artikel über Hans-Dietrich Sander, der mit Prädikaten wie "rechtsextremistisch" beginnt und mit Holocaust-Leugner oder ähnlich endet, steht für den Dreck, der auf jener Website zumal bei politischen Wertungen fast Schritt auf Schritt festgestellt werden muss. Immerhin bekommt man noch mit, dass Sander einer der bedeutendsten Forscher betr. Carl Schmitt war und sogar einen Brief von Walter Benjamin an den selben öffentlich gemacht hat. Wie wäre es, wenn man Georg Lukacz ständig als stalinistischen linksextremen Massenmord-Befürworter und Picasso sowie Charlie Chaplin jeweils im ersten Satz als linkextreme Stalin-Verehrer (Staline, à ta santé!) hinstellen würde, zu schweigen von Ernst Bloch?

zeitschnur

27. Januar 2020 10:09

@ Maiordomus

"Wie wäre es, wenn man Georg Lukacz ständig als stalinistischen linksextremen Massenmord-Befürworter und Picasso sowie Charlie Chaplin jeweils im ersten Satz als linkextreme Stalin-Verehrer (Staline, à ta santé!) hinstellen würde, zu schweigen von Ernst Bloch?"
_________
Das würde keine Sau interessieren. Wir befinden uns "in den Tagen Noahs": Unser Land geht nämlich an Desinteresse zugrunde, selbst der eigene Untergang ist den Leuten sch...egal. Die Lebensenergie gilt dem "Lass uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot", und das ganze Gehetze gegen "Rechtextreme" ist für die meisten ohnehin nur ein seelischer Dildo, wenn vorher wieder mal schick essen gegangen worden ist, man gepflegte, politisch korrekte, von den Behörden finanzierte Kulturdekonstruktionsveranstaltungen besucht hat, man frei mit einem Gegenstand seiner Wahl gesext hat, etwaige Folgen ohne Hemmungen klinisch sauber beseitigen darf und das einzige, was noch fehlt in diesem Idyll, ein ausgewachsener Feind ist. Auf "Feind" reagiert der animalische Instinkt noch immer, vor allem, wenn das Hirn schon längst ausgeschaltet und das Herz erkaltet ist.
Tut mir leid, aber "paradoxes Intervenieren" funktioniert heute nicht mehr.

Nils Wegner

27. Januar 2020 11:37

@ Maiordomus:
Bleiben Sie mal lieber bei Ihrem Leisten. Sander war eine ganze Menge, aber sicher kein CS-"Forscher"; sein Hinweis auf den von Theodor Wiesengrund unterschlagenen Benjamin-Schmitt-Austausch entsprang keiner "Forschung" über CS, sondern über die Gegenseite. Ich hatte eigentlich bislang den Eindruck gehabt, daß Sie jedes seit 1450 gedruckte Buch bereits gelesen hätten, aber bei den "Werkstatt-Discorsi" von Sander und Schmitt besteht offenbar noch Nachholbedarf. Nur keine Scheu, es lohnt sich! Auch, wenn es darin natürlich vielfach um den ach so furchtbaren "Abfall-Berg der deutschen sog. Konservativen Revolution" geht... Gelächter.

@ Solution:
Diese bedauerliche Vorgehensweise ist dem Herausgeber zu verdanken, mit dem ich bei einer ähnlich gelagerten Thematik bereits aneinandergeraten bin. Anscheinend wird dort leider die Attitüde gepflegt, man habe die allein richtige Sander-Exegese für sich gepachtet. Schade, hätte eine verdienstvolle Buchreihe werden können.

RMH

27. Januar 2020 11:58

@zeitschnur,
ja, die "spätrömische Dekadenz" ...

Zum Artikel:

Sanders Vorstellungen von den Ghibellinen und Guelfen sind streng historisch sicher so nicht haltbar, insbesondere Friedrich der II. ist, vorsichtig ausgedrückt, eine sehr vielschichtige Person. Diese gegensätzlich verstandenen Begriffe wurden bereits früher und vor Sander unter anderem auch von J. Evola verwendet. Wie auch bei diesem, sollte man die Bilder und Prinzipien, die damit zu Ausdruck gebracht werden, betrachten und nicht das historisch Belastbare als Einwand oder als Argument, dieses Ideenwelt einfach vom Tisch zu wischen. Es geht um Gestaltungsprinzipien und Ideen, die eigentlich historisch so nie real waren.

Letztlich ist das Reichsdenken - ohne das jetzt abwertend oder polemisch zu meinen sondern eher positiv - eine Art von Polit-Phantasy und ggf. im Falle Sanders auch z.T. Kriegstrauma-Bewältigung (siehe offenkundiger: Tolkien). Aber auch aus Phantasy kann man Lehren für das Reale ziehen und sehr konkrete Analysen des Jetzt-Zustandes damit betreiben.

In der Realität gibt es m.M.n. kein Endstadium, kein Paradies auf Erden, keine ideale Herrschaft, keine idealen Untertanen, kein ideales Volk - es ist ein stetes wechselseitiges Ringen um auch nur kleinste Gelände-Behauptungen oder -Gewinne.

Maiordomus

27. Januar 2020 12:42

@Warum soll man nicht über Forschungen, die Gegenseite betreffend, nicht auch über Carl Schmitt weiterkommen? Im Gegenteil, etwas vom Bedeutsamsten an der Carl-Schmitt-"Forschung" ist und bleibt der Nachweis, wie stark derselbe sogar auf die "Gegenseite" oft uneingestandermassen Einfluss gewonnen hat. Für Mao und Helmut Schmidt soll Carl Schmitt sogar ein Gesprächsthema gewesen sein, was jedenfalls nicht verwundern würde, wiewohl ich auch dies leider nur vom Hörensagen vernommen habe. Dass man Sanders nicht gerade überschätzen sollte, müssen Sie mir nicht beibringen. Selber habe ich aber via Fussnoten bei Leuten, die keine Spezialforscher für ein Gebiet sind, nichtsdestoweniger schon oft Wertvolles gefunden, wobei ich zugestehe, dass die Sache mit Sanders und Walter Benjamin mir leider nur über die verabscheute und bei jeder Gelegenheit als ungenügend eingeschätzte Wikipedia bekannt war. Insofern betrifft Ihre Mahnung in der Tat eine Aussage, die ich in einer Publikation wohl kaum je so stehen gelassen hätte. Mich ärgert jedoch die Abwertung von Sanders, wie sie bei Wikipedia und anderen beispielhaft geleistet wird! Darüber können wir uns einigen, auch wenn ich @zeitschnur, weiss, dass Bertolt Brecht niemals vorgestellt würde als "deutscher Moskau-Emigrant, der dort die Erschiessung von Kommunisten im Vertrauen auf Stalin gutgeheissen hat", Aussagen über Hinrichtungen im NS-Staat, die mir in Sachen Heidegger bis jetzt nicht bekannt geworden sind, wiewohl vielleicht ebenfalls nicht ganz auszuschliessen.

heinrichbrueck

27. Januar 2020 14:15

@ zeitschnur
„Der Begriff des Staates setzt den Begriff des Politischen voraus.“ (CS) Natürlich bedarf der Staat Voraussetzungen, ohne die er schließlich nicht wäre. Im Wort Nationalstaat schon angedeutet, die Nation. Das Volk also. Eine Abstammungsgemeinschaft, geschützt durch das Recht. Das Recht, dieses Volk zu schützen, obliegt dem Staat, der nicht über den Gesetzen steht. Damit sind jetzt nicht die Halunkengesetze der Demokratie gemeint, sondern das Recht als Wahrung der deutschen Person. Gesetze sind volkserhaltend, besser: das Recht, wenn Politik dem Geist der Wahrheit dient. Der Staat ist nur ein Begriff, der andere voraussetzt. Es gibt dann nicht „den Begriff des Politischen“ schlechthin, wenn das Recht und die Person auch Begriffe des Politischen sind, gegründet auf dem Fundament der Person. Ist diese Person austauschbar, gelten andere Definitionen. Und ich behaupte jetzt nicht, diese Dinge ganz richtig verstanden zu haben.

zeitschnur

27. Januar 2020 15:25

@ HeinrichBrueck

Auf welchen meiner Kommentare beziehen Sie sich jetzt ganz genau? Ich vermute irgendetwas, das ich früher einmal an anderer Stelle kommentiert habe?

Andreas Walter

27. Januar 2020 15:59

Ich kann's verstehen. Für normale, patriotische Deutsche war das eine grosse Zeit, eine Zeit des Aufbruchs, nach allem, was davor passiert war. Für die Deutschen waren die 20er nicht golden, das waren sie nur für die VSA, und Weimar war ein Sauhaufen. Der Rest ist Propaganda, die wir zwar heute durchschauen, damals aber Hitler zu einem Supermann und Übervater gemacht hat.

Die Nazis waren für Deutschland das, was die Bolschewisten für Russland gewesen sind, nur eben unter anderen Vorzeichen. Die Einen haben Konservative abgeschlachtet und in Sibirien ins GULag gesteckt, die Anderen Aussenseiter und Linke ins KZ beziehungsweise in Zwangsarbeit. “Gut“ und “Böse“ waren in beiden Systemen klar definiert, und was "richtig“ oder “falsch“ ist war ebenso festgelegt. Bei Stalin etwas weniger. Scherenschnitte, "erleichternde" Simplifizierung, Cowboys und Indianer. Keine bleierne Zeit, zähes ringen um jeden Sou. Da wurde durchregiert, wurden ganz grosse Entwürfe gezeichnet und so auch angegangen. Eine tolle Zeit für alle, die vorher Underdogs waren. Nur Underdogs allerdings bringt man auch zum morden.

Doch wie RMH schon sagt: Das echte Paradies gibt es nicht auf Erden, ist immer nur eine zeitweise Illusion, die aber trotzdem Flügel verleiht (verleihen soll). Ähnlich wie die Liebe, die aber auch oft kalt wie ein Sargnagel endet, aufgrund falscher, zu grosser Erwartungen. Man schaue sich nur mal heute Großbritannien an - oder die Sowjetunion, Spanien, Portugal. Oder Rom. Wobei der Siegeszug des Islam gerade eine echte Renaissance erfährt, ebenso wie auch das Reich der Mitte, China. EU, VSA stehen dagegen gerade nicht so gut da, ist vieles auch nur Schau.

Ich frage mich gerade, wie wohl die Stimmung in der Zeit nach 1871 in Deutschland war. Dazu habe ich noch sehr wenige Bilder, Gedanken im Kopf, noch kein Gefühl dafür. Denn das Regnum Teutonicum ist wie Germania Magna auch schon sehr lange her, ist vieles wahrscheinlich auch nur Propaganda, nur eben aus anderen Zeiten. Auch da schliesse ich mich darum RMH an, nicht alles auf die Goldwaage zu legen was so erzählt wird.

heinrichbrueck

27. Januar 2020 16:10

@ zeitschnur
„selbst der eigene Untergang ist den Leuten...“
Volksbashing bringt nichts. Sitzt ein Tier in der Falle, bringt es dem Tier doch auch nicht die Freiheit, wenn der Fallensteller das Tier beschimpft.

zeitschnur

27. Januar 2020 17:55

@ heinrichbrueck

Volksbashing? Unsinn! Man muss sehen, womit man es zu tun hat. Sie können niemanden retten, der nicht gerettet werden will. Darum geht es. Bei Euch Rechten denke ich manchmal, Ihr nehmt dem Volk übel, dass es nicht das zu sein beliebt, was Ihr gerne in es hineinprojizieren wollt.
Man muss schon die Augen aufmachen und sehen, was ist, und wenn man das tut, muss man leider genau das konstatieren, was ich geschrieben habe: es ist den meisten Leuten völlig egal, was aus Deutschland wird. They love - so sagte es Huxley - their servitude und verspotten jeden, der sie befreien würde, ja, sie denunzieren ihn sogar.
Warum also Perlen vor die Säue, @ heinrichbrueck?

zeitschnur

27. Januar 2020 18:08

@ Maiordomus

Ich verstehe Sie, aber das ewige Blabla, wer dies oder jenes war, wer wen kannte, beeinflusst hat, wer dabei böse und wer gut ist, hängen mit zum Halse heraus.
Ich habe die Nase voll von diesen ständigen Moralinbädern. Man muss auch nicht jeden Autor im Sinne dieses Bades beurteilen. Genügt es nicht, wenn einer ihn interessant findet? Über den Rest kann man streiten. Aber so what - das religionslose Zeitalter hat keinen Glauben und damit auch keine echten Interessen mehr, man schwimmt nicht mehr in der Arche auf den Fluten und hofft auf ein Ziel, sondern ersäuft sich selbst in diesem Moralinbad und findet es auch noch gut. Man findet es nur empörend, dass andere sich nicht selbst darin ersäufen...

Ich habe von dem Autor, um den es hier geht, noch nichts richtig gelesen, aber das Zitat von Glotz ist schon interessant:

"Man könnte über diesen ›nationalen Dissidenten‹ achselzuckend hinweggehen, wenn nicht ein bestimmter Ton aufmerksam machen würde – ein Ton, der junge Deutsche in der Geschichte immer wieder beeindruckt hat. Konsequent, hochmütig und rücksichtslos (...) Was verhütet werden muß, ist, daß diese stilisierte Einsamkeit, diese ›Kleistsche Radikalität‹ wieder Anhänger findet. Schon ein paar Tausend wären zu viel für die zivile, parlamentarische Bundesrepublik."

Es ist ein Stoß in das, was Deutsche so sehr charakterisiert: ein Denken bis an die Grenze und in aller Konsequenz. das soll unterdrückt und für immer zerstört werden.
Warum?
Es geht nicht drum, dass der Herr Sanders recht hat oder Schmitt mit Benjamin korrespondiert hat. Es geht darum, dass uns der Abenteuergeist genommen wurde. Schon ein paar Tausende wären zuviel - was heißt das?
Dass diese Zyniker, die so deutschenfeindlich sind, schon Angst vor einer handvoll Abenteuergeister haben und wissen, dass sie, wenn überhaupt von irgendwoher, aus der deutschen Kultur kommen.
Um alles in der Welt nie mehr deutsche Denker!
Und da nun sage ich: Doch, jetzt erst recht.
Aber bitte nicht mit rechten Plattitüden. Es muss schon ein echtes Abenteuer sein.
Und was ich für echt halte, habe ich oft gesagt, auch wenns vielen Christenfressern hier nicht passt.

Laurenz

27. Januar 2020 18:17

Ich habe mir einiges aus dem Vortrag Herrn Kaisers angehört, und erachte die grundsätzliche Methodik, politischen Denksport aufzubereiten, als hervorragend. Da es sich beim politischen Denksport um eine persönliche Leidenschaft, eine persönliche Lebensaufgabe Herrn Kaisers und die seiner "linken und rechten" Kollegen handelt, komme ich als Generalist nicht umhin, zu einer anderen Schlußfolgerung in der wesentlichen Aufarbeitung historischer und gegenwärtiger politischer Denksportler, als Herr Kaiser zu kommen.

Für mich handelt es sich hierbei quasi um Kunst, um die Kunst des politischen Denkens. Da aber selbst alle berühmten Künstler meist Unfug produzierten und nur wenig Brillantes, müssen für uns normal Sterbliche 100 oder 150 Seiten mit der wesentlichen Essenz aller politischen Denker reichen. Aber die gibt es nicht. Im Bereich der Philosophie, der bildenden Kunst oder der Musik existieren solche zusammenfassenden Werke. Auch Erklärendes wie die TV-Serie "Hundert Meisterwerke" bringen die fast göttliche Tiefe der Kunst in unsere "normalen" Gefilde des einfachen Verständnisses. Es gibt zwar auch Menschen aus dem einfachen Volke, die sich wie der Bayern-König Ludwig an stundenlangen Wagner-Traktaten und -Getöse laben können, aber einer Mehrheit bleibt diese Empfindung verschlossen. Nur bestimmte von Wagner gefundene Klangwelten, wie zB weiche, ultra-helle Violinen werden von allen fast ausnahmslos als magisch empfunden, also verstanden, bieten dementsprechend epochale Relevanz.

Dank Bertolt Brecht wissen wir, "Erst kommt das Fressen, dann die Moral". Diesseits einer politischen Systemfrage und politischen Denkwelten eines jeden Staates oder Macht-Konglomerates sind visionäre Militär- und Ökonomie-Strategen viel entscheidender als politische Denksportler, auch wenn sie wesentlich unbekannter sind, als säkulare Religions-Stifter, wie Karl Marx.

Macht-Strategen, wie Niccolò Machiavelli, Zbigniew Brzeziński und sein historischer Gegenspieler Carl von Clausewitz sind neben einer ganzen Reihe von maritimen Theoretikern, die entscheidenden Denksportler in unserer Geschichte. Nur der militärische Sieg der Roten Armee gegen die Weißgardisten und polnischen Invasoren brachte Karl Marx in die reale Welt. Auch reichte dem gesamten Planeten ein von Herrn Kaiser im Vortrag definierter identitärer Mythos aus, um Karl Marx mehr oder weniger abzuhaken. Wenn es selbst die Deutschen nicht geschafft haben, Karl Marx nachhaltig in der Realität umzusetzen, dann schafft es niemand, wie am Beispiel Venezuela wieder einmal zügig bewiesen wurde.

Daß es gemäß der Dokumentation von Michael Moore den Kubanern gelang, eine bessere medizinische Versorgung als in den USA zu implementieren, hat daher schon nichts mehr mit links und rechts zu tun, viel mehr mit der us amerikanisch-kubanischen taktischen Situation beider Staaten oder vielleicht auch mit der zu teuren Bildung in den USA. Hier muß man indirekt auch @zeitschnur mit Ihrem Beitrag unterstützen. Die Kunst der Propaganda, also die Kunst, eine bestimmte Information in ein breiteres Bewußtsein zu verfrachten, ist entscheidender, als jeglicher politischer Denksport. Hierbei biete ich ein relevantes politisches Ereignis an, die berühmte Balfour-Deklaration, die quasi heute noch gefeiert wird, zB zum hundertjährigen in Israel.

System-Ideen, wie Reich oder Bundesrepublik lenken doch nur vom wesentlichen, dem identitären Sein, ab. Entscheidend ist, daß wir Deutsche sind, und nicht, ob wir in einem Reich oder einer sogenannten Republik leben. Ich kann daher nur alle, die eine andere Haltung vertreten, darum bitten, außerhalb des eigenen Selbstverständnisses, die eigene Position zu überdenken.

Maiordomus

27. Januar 2020 18:55

@heinrichbrueck. Meinen Sie das Folgende wirklich im Ernst? "Damit sind jetzt nicht die Halunkengesetze der Demokratie gemeint, sondern das Recht als Wahrung der deutschen Person. Gesetze sind volkserhaltend, besser: das Recht, wenn Politik dem Geist der Wahrheit dient." Mit solchem rechtsphilosophischem pseudoschmittianischem Unsinn, glaube ich, diskreditieren Sie sich selber und diese Seite. Schon nicht mal der Satz von Augustinus, dass "Friede die Herrschaft der Wahrheit" sei, was zwar ein Reinhold Schneider noch für zitierbar hielt, lässt sich seit Machiavelli und Hobbes als politologische Basis für das Recht nicht aufrechterhalten. Eher schon geht es in der Politik um den politischen Willen eines durch Checks und Balances noch kontrollierten Souveräns, der sich freilich - jenseits eines auf päpstliche oder sonstige Unfehlbarkeit definierten Wahrheitsbegriffs - um Konsens bemühen muss, was nun mal auch auf demokratischem Wege gewonnene Kompromisse als Basis eines friedlichen Zusammenlebens nicht ausschliesst. Solche Sätze kann eigentlich nur kreieren, wer sich nie, zum Beispiel mal zum Anfangen auf kommunaler Ebene, mit praktischer Politik um Lösungen praktischer Probleme des Zusammenlebens bemüht hat. Oder meinen Sie es ganz anders?

Halenberg

27. Januar 2020 21:46

@Wegner
Ein bisschen mehr Gelassenheit und weniger Hochmut waere schoen, so macht der Kommentarstrang doch keinen Spass. Und bitte mehr Respekt vor alten Weisen.
Eine gewisse Duennhaeutigkeit ist mir auch schon bei einem anderen SiN Autor aufgefallen.

Gracchus

27. Januar 2020 22:00

Ich bekenne ein gewisses Faible für abseitiges Denken. Die Reichs-Idee scheint dem Deutschen tatsächlich gemäßer, in der Zeit, in der Sander publizierte, aber abseitig (wenn man nicht annimmt, dass sich diese Idee verschwiemelt in der EU Bahn bricht), so dass ich @RMHs Einschätzung teile, dass es sich um fantasy handelt. Die "Auflösung der Dinge" scheint - ich hab's ja nicht gelesen - an ein hier erwähntes Buch von Erhardt Kästner anzuklingen, prima vista nicht falsch, entspricht meinem Gefühl der Ortlosigkeit innerhalb der BRD. Aber ist hierfür das Hervorkramen antijudaistischer Ladenhüter wirklich notwendig? In Tateinheit eines mysteriösen Schicksalstauschs zwischen Deutschen und Juden?

RMH

27. Januar 2020 22:52

"wenn man nicht annimmt, dass sich diese Idee verschwiemelt in der EU Bahn bricht."

@Gracchus,
da treffen Sie schon einen richtigen und wichtigen Punkt, Pudels Kern wäre aber wohl zu weit gehend. Natürlich wird das Narrativ des völkerüberwindenden Imperiums (REICH) auch für die EU verwendet, je nach Ziel in entsprechender Dosierung. Aus Deutschland gibt's dann bspw. Karls-Preise in Aachen etc.

Um nur etwas richtig zu stellen: Ich werde mich mit dem Werks des guten Herrn H.D. Sander, der in früheren Zeiten als "Reichs-Didi" von den Neo-Nazis verballhornt wurde (was alleine für sich betrachtet ja schon fast einer Auszeichnung nahe kommt, wenn diese Kreise dem Denken nicht folgen können) noch genauer beschäftigen, denn die Reichsidee ist ein Mythos, den ich bislang schon von den verschiedensten Seiten zu ergründen versucht habe (dazu muss man nur einmal an einigen Orten gewesen sein, dann kann es einen packen - Burg Trifels ist trotz der Touristenmassen einer davon) und wer weis, evtl. wars bislang ein Schleichen um den heißen Brei. Nur so viel: Wer in Kategorien von Reichen und Imperien oder auch nur eines Reichs denkt, der kann nicht mehr rein völkisch oder nationalstaatlich im Sinne jede Nation ihren eigenen, kleinen Staat denken. So etwas wie "Ethnopluralismus" erscheint mir aus einer Perspektive eines HEILIGEN römischen Reiches dann auch eher als kleinteiliges, kulturmarxistisches Sektierertum. Ob und wie H.D. Sander hier die Kurve gekriegt hat, so dass er bei der neuen Rechten zu einer Art Hausheiligen werden konnte (gerade eben auch neben Ethnopluralisten), dürfte spannend sein, heraus zu finden - insbesondere, ob er dabei stringent ist (Bücher sind auf dem Einkaufzettel).

Evtl. gibt es dazu ja noch einen Kommentar von echten Kennern des Werkes von H.D. Sander.

Lotta Vorbeck

27. Januar 2020 23:11

@zeitschnur - 27. Januar 2020 - 05:55 PM

"Volksbashing? Unsinn! Man muss sehen, womit man es zu tun hat. Sie können niemanden retten, der nicht gerettet werden will. Darum geht es. Bei Euch Rechten denke ich manchmal, Ihr nehmt dem Volk übel, dass es nicht das zu sein beliebt, was Ihr gerne in es hineinprojizieren wollt."

~~~ ~~~ ~~~ ~~~ ~~~

Die ärgsten Feinde der Freiheit sind glückliche Sklaven.

Man höre im Alltag einfach mal zu, bei im ÖPNV, in Wartezimmern von Arztpraxen, in der Kasssenschlange des Lebensmittel-Discounters, im Friseursalon, zwischen den Regalreihen des Baumarktes oder auch beim von der örtlichen Feuerwehr veranstalteten Fackelzug geführten Gesprächen, um zu erfahren, was den Leuten wichtig ist. Saturierten, MSMgesteuerten BRDlern Perlen hinterher tragen? - Nein danke!

zeitschnur

27. Januar 2020 23:23

@ Gracchus

Bei der Gelegenheit fällt mir ein, dass der vormalige, als konservativ geltende Bischof Rudolf Graber von Regensburg zu Beginn des 3. Reiches in den "Werkblättern" des Bundes Neudeutschland eingehender über das Thema "Reich" schrieb, offenbar erhoffend, dass der NS-Staat die Reichsidee wiederbeleben würde. Es ging dabei nicht um einen Nationalstaat, sondern das alte röm. Reich deutscher Nation, das wesentlich mehr umfasste. Insbesondere der Aufsatz "Deutsche Sendung – Zu Idee und Geschichte des Sacrum Imperium" (Werkblätter Herbst 1933/Dezember/Januar 1933/34) befasste sich hier letztendlich mit einer europäische Idee unter deutscher Führung.
Nach dem Krieg war diese Hoffnung zwar hinsichtlich des NS-Staates (dem Anschein nach) obsolet, nicht aber die Idee selbst. Bischof Graber war schnell wieder obenauf und knüpfte die Hoffnung an die entstehende Europäische Gemeinschaft, die offenbar, wenn man Oliver Janich glauben will, der allerdings gute Quellen hat, bereits die Nazis verfolgt und vorangetrieben hatten. Jedenfalls gibt der Artikelband Grabers "Ein Bischof spricht über Europa" von 1978 darüber beredtes Zeugnis.
Man kann daraus gewisse Schlüsse ziehen.

Gracchus

27. Januar 2020 23:39

@RMH: Da ich Ihre abgewogenen Kommentare schätze, bin ich auf Ihre Lektüre-Eindrücke gespannt, falls diese zu schildern sich hier im Forum irgendwann Gelegenheit bietet. Und Sie haben recht: Die Reichs-Idee übersteigt die Nationalstaaterei. Ich bin dieser Idee überhaupt nicht abgeneigt, im Gegenteil. Skeptisch stimmt, mit welcher (typisch deutschen?) ideologischen Verbissenheit Sander diese Idee verfolgt hat - und anscheinend enttäuscht war, dass sich die Wirklichkeit nicht danach richtet und der furor teutonicus nicht erwacht. Absolut humorlos. Wenn jemand wie Rolf Schilling vom Holden Reich träumt, gibt der zu, dass es ein Traum ist und bleiben wird. Und dann, wie ich schon sagte, die antijüdische Stossrichtung bei Sander.

heinrichbrueck

28. Januar 2020 00:44

@ Maiordomus
„...wenn Politik dem Geist der Wahrheit dient“ / - Sie meinen diese Stelle?
Hat die Politik dem Volk zu dienen? Ja, stimmt schon, welche Wahrheit soll es sein?
Die Halunkengesetze bewirken die Umvolkung. Ein Genozid. Wer schützt das Überlebensrecht der europäischen (oder weißen) Völker? Worüber reden wir eigentlich? Das Waffenarsenal der Demokratie, oder das völkerdezimierende Instrumentarium der westlichen Wertegemeinschaft, haben ihre wahre Realität gezeigt. Der Deutschenhaß nimmt uns Deutschen alles. Schritt für Schritt, konkret in der Realität. Wo bleibt das Recht? Wo der demokratische Weg, der ohne drastischere Maßnahmen, die Werkzeuge lieferte, dieses Prozeß dauerhaft umzukehren? Mich interessiert eine praktische Lösung dieses Krieges. Der Austragungsort mag geistiger Natur sein; aber welcher Gott soll gewinnen? In einer relativ wahrheitsuntauglichen Zeit, in der die Bildung dem negativen Ziel zum Opfer fiel, die Familie zerstört werden soll und damit die Axt an die Wurzel der Völker gelegt wurde, fehlt ein aufhaltendes Recht. Wer schützt dieses Recht (in einer Demokratie)? Und wie soll sich der politische Wille eines Volkes bilden können, wenn die Herrschaft des Volkes nicht politische Herrschaft werden kann? Ein solches Volk ist nicht frei.

Imagine

28. Januar 2020 01:30

Der Vortrag von Benedikt Kaiser „Linke Lektüren – eine Anleitung“ wäre eine gute Grundlage für einen Diskurs. Denn er gäbe die Möglichkeit, einige Punkte anzusprechen und klarzustellen, die immer wieder falsch dargestellt werden. Es gibt ja wohl kaum einen Bereich, bei dem so viel Unkenntnis sowie realitätsferne Vorurteile existieren, wie beim „Marxismus“.

Es gibt DEN Marxismus nicht. Vor allem gilt es zu unterscheiden zwischen Marxismus als wissenschaftliche Methode der Gesellschaftsanalyse und Marxismus als Dieseitsreligion und Herrschaftsideologie.

Es gibt den Marxismus des 19. Jahrhunderts, begründet durch Marx und Engels, weitergeführt von Luxemburg, Lenin, Trotzki et al.. Das Ziel war die revolutionäre Umgestaltung. Die „Arbeiterklasse“ sollte das „revolutionäre Subjekt sein.

Bekanntlich ist die Arbeiterbewegung 1914 mit der Zustimmung der SPD zum imperialistischen Krieg undden Kriegskrediten sowie zur „Burgfriedenspolitik“ gescheitert. Die deutsche Revolution von 1918 endete blutig und erfolglos, weil die SPD diese nicht mittrug, sondern im Gegenteil die Revolutionäre bekämpfte.

In keinem Industriestaat hat war jemals eine Arbeiterrevolution erfolgreich.

Im 20. Jahrhundert gab es daher neue Entwicklungen: Neo-Marxismus, Freudo-Marxismus und Post-Marxismus.

Die besten Denker haben sich schon lange vom klassischen Marxismus und dessen Revolutionstheorie verbschiedet. Adorno und Horkheimer vertraten die Position, dass der Kapitalismus zwar in der Theorie noch kritisierbar war, aber in der Praxis wurde er als unüberwindbar angesehen. So wie es bei Pohrt zu lesen ist: „Kapitalismus Forever!“.

Die zentrale Kritik am Kapitalismus von Seiten der Denker war doch gar nicht, dass er eine ungerechte Aneignungswirtschaft ist, sondern seine negativen Auswirkungen auf die Individuen und die Gesellschaft. Kapitalismus bedeutet Krisen, Konkurrenzkampf bis hin zu Kriegen und Verbrecherherrschaft. Der Kapitalismus zerstört die christlich-humanistischen Grundlagen und Traditionen und führt zu kultureller Dekadenz und Barbarei. Marx selbst war ein entschiedener Gegner der „Gleichmacherei“.

Eine entscheidende sozialwissenschaftliche Erkenntnis des 20. Jahrhunderts ist, dass eine „Revolution von unten“ nicht mehr möglich ist. Ossip K. Flechtheim hat dies klar formuliert.

Aber nach wie vor hoffen politische Aktivisten – links wie rechts- auf revolutionäre Massenbewegungen. Auf Seiten der Linken setzt man – abgesehen von ein paar Sektierergruppen – zwar nicht mehr auf revolutionäre Arbeitermassen, aber man versucht weiterhin, Massen zu mobilisieren. Bei den nationalen Rechten ist das ähnlich. Die hoffen, dass das Volk aufsteht und ein revolutionärer Sturm losbricht.

Dies wird jedoch nicht eintreten.

Eine Gemeinsamkeit der gegenwärtigen politischen Aktivisten – ob nun „links“ oder „rechts“ – ist, dass sie wissenschaftsfern und quasi religiös „aus dem Bauch“, also auf Basis subjektiver Evidenz, agieren und nicht auf Grundlage von wissenschaftlich fundierten, rationalen Konzepten handeln. Deshalb ist das Ganze auch so diffus und konfus.

Es wird keinen klärenden Diskurs geben. Weil die Gesellschaft sich bereits psychologisch, sozial und politisch-kulturell im Bürgerkrieg-Modus befindet

Franz Bettinger

28. Januar 2020 09:48

@Alle Perlen vor die Säue Werfer: Dann behaltet sie doch, eure Perlen! Betrachtet euch im Spiegel eurer Eitelkeiten und sinkt mit euren Perlen ins Grab! Ja, ja, wen kümmert schon das Diesseits, wenn er ein Jenseits hat. Nun, ich hab kein Jenseits. Aber eine gute Vergangenheit, die hatte ich. Auch was wert.

Imagine

28. Januar 2020 10:39

@Laurenz 27. Januar 2020 18:17
„Dank Bertolt Brecht wissen wir, "Erst kommt das Fressen, dann die Moral". Diesseits einer politischen Systemfrage und politischen Denkwelten eines jeden Staates oder Macht-Konglomerates sind visionäre Militär- und Ökonomie-Strategen viel entscheidender als politische Denksportler, auch wenn sie wesentlich unbekannter sind, als säkulare Religions-Stifter, wie Karl Marx.“

Das Tier kennt keine Moral.

Es ist der sozialdarwinistische Mensch, der dem Tier näher steht als dem menschlichen Menschen. Für den ersteren Menschen zählt erst „das Fressen“ und dann die Moral.

Es ist die anti-soziale Verbrecherlogik, die Brecht seinen Protagonisten aussprechen lässt.

Die Sozialdarwinisten machen daraus eine anthropologische Konstante: Der Mensch als ein ewiges Tier. Das ist deren Menschenbild.

Dagegen setzt der deutsche Idealismus den menschlichen Menschen, der von Werten geleitet moralisch handelt. Jener, der die Treue zu den Werten über „das Fressen“ (= Geld, Vermögen, Karriere, „das private Eigene“) stellt.

Der moralische Mensch, das ist der stolze Ehrenmann, der die Verteidigung und die Bewahrung seiner Werte und seiner Ehre sowie Identität über „das Fressen“ und sogar sein Leben stellt.

Im Menschenbild von sozialdarwinistischen Rechten ist der Mensch hingegen ein ewiges Tier und die Vorstellung von „Love and Peace“ zwischen den Menschen halten sie für eine realitätsferne Utopie.

Deshalb verstehen diese Rechten auch nicht die 68-er-Bewegung. Und das „Imagine“ eines John Lennon ruft bei ihnen Affekte von Abwehr und sogar Hass auf diese 68-er-Linken hervor.

Maiordomus

28. Januar 2020 11:39

@heinrichbrueck. Der Begriff "Herrschaft des Volkes" bleibt, wie mir nach Analyse von 700 Jahren demokratischer Traditionen im Alpenraum, in Stadtrepubliken wie Genf sowie Oberitalien und in den Hotzenwälder Kommunen klar geworden ist, eine auf Missverständnis konkreter demokratischer Ordnungen beruhende untaugliche Abstraktion, mit welcher die Möglichkeiten und Chancen demokratischer Entscheidungsfindung freier Gemeinschaften gerade nicht verstanden werden. Die Frage "Wer soll herrschen?" ist die immer wieder falsch gestellte Frage nach der Souveränität, im Sinne von Tocqueville eine fausse idée claire. Man glaubt, wenn endlich die Richtigen an der Macht seien, wäre das Problem gelöst, auch eine bei Marxisten weitverbreitete gefährliche bis kriminelle Illusion. Von nationalen Revolutionen ist ebenfalls ein für allemal wohl nichts zu halten.

Das Beste, was man mit demokratischen Entscheiden noch hinkriegen kann, wäre das Vermeiden grösserer Fehler, siehe das bisher eindrücklich erfolgreiche Brexit-Referendum, und natürlich die Abwahl untauglicher Regierungen. "Wer soll herrschen?" ist eigentlich keine Frage für Denkende, denen Freiheit und Gerechtigkeit ein Anliegen ist. Und ich bleibe beim Eindruck, dass @heinrichbrueck Ihre obigen, gemeint ganz oben, Formulierungen über "demkratische Halunkengesetze" als Denken über politische Verfasstheit völlig untauglich sind, dass es also auch nichts helfen könnte, wenn Sie regieren dürften und sozusagen endgültig recht haben und recht behalten wollten. Die Meinung, man könne eine Volk retten, war meines Erachtens schon zur Zeit des angeblichen Vaterlandsretters (in der Schweiz) Klaus von Flüe (1481) eine Wahnvorstellung, was unter anderen dem Philosophen Troxler, einem der Väter der demokratischen und vor allem föderalistischen (dabei noch die Juden ausschliessenden) Schweizerischen Bundesverfassung von 1848, aufgefallen ist. Das Beste war, zum Beispiel 1481, dass man sich zur Vermeidung eines Bürgerkrieges doch noch mal zusammenraufen konnte , um es nicht aufs äusserste ankommen lassen.

Das Beste aber, was ich seit langem auf dieser Seite gelesen habe, war, auch im Gegensatz zu einigen seiner früheren nicht immer in gleicher Art weisen Kommentare, die neueste Auslassung von Kubitschek über den gestrigen Ausschwitz-Gedenktag, zu welchem ich etwa den Roman "Jakob der Lügner" von Jurek Becker noch zu den bisher besten Beiträgen in der deutschen Literatur finde, gerade weil in dieser Sache das Lügen flächendeckend konstitutiv und im Einzelfall sogar rettend wurde..

Und ebenso gut war, dass Kubitschek die mehr als 40 auf dem Fusse folgenden Wortmeldungen als Privatmeinungen gelten liess und glücklicherweise nicht druckte. Zu den wichtigsten ethischen Maximen zum Thema des gestrigen Tages könnte gehören, nie eine Äusserung zu diesem Thema zu tun, die man nicht selber überprüfen konnte. Ich hatte schon ein paar Male diese Chance, bin dabei nicht wenig erschrocken, werde dies aber hier nicht referieren, gerade weil ich Kubitscheks weisen Entscheid als Aufruf zur Besinnung an alle, also auch an mich selber, unterstütze. In diesem Zusammenhang muss ich dann auch gleich wieder an das lehrreiche Schweigen des späten Gerd-Klaus Kaltenbrunner denken, wiewohl, dies ist hier mein letztes Wort, Schweigen nicht die letzte Antwort auf die Geschichte sein kann und sein darf. Dabei ist aber, @heinrickbrueck, sogenannte geschichtliche Wahrheit immer Konsens-Objektivität (im Sinne von: Geschichtsbegriff und Geschichtsinteresse v. Hermann Lübbe, 2. Auflage, Schwabe 2012) und also nie "Herrschaft der Wahrheit", an die noch ein Dogmatiker des gerechten Staates wie Kirchenvater Aurelius Augustinus in seinem berühmten Buch über die Civitas Dei noch geglaubt hat. Was Sander oder meinetwegen ein kleiner Geist wie Arthur Moeller van den Bruck unter "Reich" verstehen, sollte die mit "Civitas Dei" verwechselt werden. Die Vergänglichkeit irdischer Reiche sollte jenseits billiger Resignation, welcher hier meines Erachtens niemand das Wort redet, akzeptiert werden. An die Wiederherstellung eines Deutschen Reiches kann wohl in diesem Jahrhundert, mutmasslich auch später (dafür sind die Lebenden nicht mehr zuständig) nicht mehr gedacht werden. Hingegen sollte, so weit es nur geht, eine die gröbsten und dümmsten Fehler vermeidende Politik angestrebt werden. Unter den Publizisten, die ich nicht der deutschen oder deutschnationalen Rechten zurechnen würde, habe ich Leute Thilo Sarazin, Hans-Georg Massen und mit wenigen Vorbehalten (auch er äussert sich über Auschwitz leider zwar provozierend, aber unpräzis) Henrik M. Broder im Verdacht, heute zu den vergleichsweise besonnenen und vernünftigen Stimmen in diesem Lande (und darüber hinaus) zu gehören.

Laurenz

28. Januar 2020 11:41

@Imagine .... Ihr deutscher Idealismus, der Name ist Programm, ist eine Vision, die mit irgendeiner Realität nichts zu tun hat. Vielmehr ist es so, daß der sogenannte Humanismus als Religion gebraucht wird, um diejenigen zu mißbrauchen, die an ihn glauben.

Auch die Humanismus-Gläubigen selbst sind eklatante Egoisten, die erst Ihre, Imagine, Sozial-Darwinisten erst erschaffen haben, um sich von ihnen unterscheiden zu können.

Unser Sozialverhalten, soweit vorhanden, basiert auf unserer Existenz als soziale Wesen, was aber liebende und soziale Orka-Rotten nicht davon abhält, andere Wale grausam zu töten.
Und jetzt kommen Sie mir bitte nicht mit @zeitschnurs Göttlichen Funken, der uns von den Orkas unterscheidet. Weder Sie noch ich oder sonstwer erfüllt Nietzsches Anforderungen an ein göttlich inspiriertes Verhalten des Menschen.
Man mag zwar beim Konsum mancher Werke Mozarts eine Idee vom Göttlichen geschenkt bekommen, was aber mit dem Handeln Mozarts, als Mensch, nichts zu tun hat.
Wie sagte Mozart zum Kaiser: "Eure Majestät, ich bin ein ordinärer Mensch, aber meine Musik ist es nicht".

Maiordomus

28. Januar 2020 14:45

Um meine Aussage, so weit sie den Kern trifft, zu vertiefen mit Anschluss an den bedenkenswerten Artikel von Jonas Schick über Sander, das Wichtigste also noch einmal in präzisierter Kürze. Dabei dürfte der Buchtitel von Kirchenvater Augustinus, den wohl wenige im Original gelesen haben, noch übersetzungsbedürftig sein:

"Was Sander oder meinetwegen Arthur Moeller van den Bruck unter 'Reich' verstehen, sollte n i e mit 'Civitas Dei' (auf Deutsch dem 'gottgewollten Staat' MD) verwechselt werden. Die Vergänglichkeit irdischer Reiche sollte jenseits billiger Resignation, welcher hier meines Erachtens niemand das Wort redet, akzeptiert werden. Über die Wiederherstellung eines Deutschen Reiches kann wohl in diesem Jahrhundert, mutmasslich auch später (dafür sind die Lebenden nicht mehr zuständig) nicht mehr spekuliert werden. Hingegen sollte, so weit es nur geht, eine die gröbsten und dümmsten Fehler vermeidende Politik angestrebt werden."

Ja, die Debatte sollte wenn immer möglich vom vorgegebenen, meist mit Sorgfalt und Ehrgeiz geschriebenen Basis-Artikel ausgehen. (Selbst wenn nicht gerade jeder Beitrag in die Tiefe geht wie das neueste Statement von Kubitschek zum 27. Januar. Das dort verordnete Schweigen verdient fruchtbar gemacht zu werden.)

heinrichbrueck

28. Januar 2020 16:16

@ Maiordomus
Was Sie zum Auschwitz-Strang schreiben, dem ist beizupflichten. Es zeigt Größe, eine Kerze anzünden zu können. Ob diejenigen, die Dresden und Hiroshima auf dem Gewissen haben, eine Kerze anzünden werden, darf bezweifelt werden. Die anderen Themen überlasse ich einer gelasseneren Stimmung, wie Zeit vorhanden ist, als Hausaufgabe. Es gibt Dinge auf dieser Welt, mit denen ich keine selbstschädigenden Kompromisse aushandeln werde. Ihre Ethik nehme ich ernst; es kommen noch andere Gesprächsgelegenheiten.

Maiordomus

28. Januar 2020 16:43

@Laurenz. Ihr Mozart-Zitat am Schluss scheint manches wieder gut zu machen, womit einige von hier mit Ihnen nicht einverstanden sind.

Franz Bettinger

28. Januar 2020 17:16

@Maiordomus schreibt: "Der Begriff 'Herrschaft des Volkes' ist eine missverständliche untaugliche Abstraktion, mit der die Chancen demokratischer Entscheidungsfindung freier Gemeinschaften nicht verstanden werden. Die Frage 'Wer soll herrschen?' ist die immer wieder falsch gestellte Frage nach dem Souverän. Wer aber glaubt, wenn endlich die Richtigen an der Macht seien, wäre das Problem gelöst, unterliegt einer gefährlichen Illusion. Das Beste, was man mit demokratischen Entscheidungen hinkriegen kann, ist das Vermeiden der ganz großen Fehler (siehe das Brexit-Referendum) und natürlich die Abwahl völlig untauglicher Regierungen." (Letzteres bleibt leider ohne Beleg.)

Schön, lieber Meister! Aber was nun? Where from here? Das Kritisieren der Demokratie, zumal der Schweizerischen (die ich für die bislang beste halte), bringt uns kein Jota einer Lösung, ja nicht mal einer Verbesserung des Status Quo näher. An dieser anscheinend heiklen Stelle verfallen viele große Kritikaster dann in vornehmes Schweigen und lassen mich rätselnd zurück. Den guten Diktator kann man halt nicht abonnieren. Und wann hätte es ihn denn jemals gegeben? Wer soll herrschen? Sagen Sie's mir.

Laurenz

28. Januar 2020 18:41

@Maiordomus ... Sie wissen doch bestens, daß ich schon weiß, was Sie mir zugrunde legen. Natürlich sind hier Kommentatoren, sogar in der Mehrheit, die nicht mit mir übereinstimmen.

Aber wir schreiben doch auf "dem" rechten Medium Deutschlands.

Wenn wir alle in stalinistischer Manier übereinstimmten und grundsätzlich @Imagine zustimmten, wie sollten wir dann die beste Leistung aus uns herausholen?

Ich bin kein Agent Provocateur. Aber eine "Neue Rechte" Herrn Kaisers kann doch nicht allein darin bestehen, in den alten verstaubten Schubladen der Linken zu kramen. Glaubt hier tatsächlich irgendwer, daß unsere Altvorderen, sagen wir in der Weimarer Zeit, nicht alle ideologischen Zwistigkeiten in den Kneipen deutscher Großstädte schon ausgefochten hätten, oder gar, daß unsere Altvorderen, ob links oder rechts, tatsächlich dümmer waren als wir?
Wenn dem so wäre, hätte es keine hybrid strukturierten Protagonisten, wie Ernst Röhm & Konsorten gegeben.

Eine "Neue Rechte" ist also in der wenig beneidenswerten Situation, sich auch etwas Neues einfallen lassen zu müssen. Das geht aber nur, wenn wir das Alte, manchen Selbst-Verständliches, ja sogar persönliches, in Frage stellen.

Cugel

28. Januar 2020 19:23

@Gracchus

Die "Auflösung der Dinge" scheint - ich hab's ja nicht gelesen - an ein hier erwähntes Buch von Erhardt Kästner anzuklingen, prima vista nicht falsch, entspricht meinem Gefühl der Ortlosigkeit innerhalb der BRD. Aber ist hierfür das Hervorkramen antijudaistischer Ladenhüter wirklich notwendig?"

"Und dann, wie ich schon sagte, die antijüdische Stossrichtung bei Sander."

Mit dem Anschein ist es so eine Sache.
Wenn Sanders Buch, das Sie nicht gelesen haben, eines nicht ist, dann antijudaistisch. Urteilen Sie nach der Lektüre, nicht vorher. Sander war auch kein Antisemit, jedenfalls lese ich das aus seinen mir bekannten Schriften nicht heraus. Er hätte andernfalls wohl kaum Anerkennung aus Israel bekommen, und Jakob Taubes hätte ihm keine internen Dokumente aus dem Frankfurter IfS zukommen lassen. Sander ist bei Schoeps promoviert worden. Schoeps war Jude. Mir ist nicht bekannt, daß er Sander später in die Antisemitenschublade gesteckt hätte. Vielleicht kann Solution etwas dazu sagen.

Cugel

28. Januar 2020 20:02

Jonas Schick:
"Wer dem wirkmächtigen Autor nachspüren möchte, der sollte am besten mit den zahlreichen Nachrufen anläßlich seines Todes beginnen."

Götz Kubitschek vor 1 Jahr:
"Heute vor zwei Jahren starb mit Hans-Dietrich Sander einer der geistig radikalsten, aber faktisch ohnmächtigsten Denker der deutschen Rechten."

Wirkmächtig oder ohnmächtig?
Wie ist Sanders Wirkung einzuschätzen?

Kositza: Sie sind ein wirklich aufmerksamer Leser! Vermutlich beschränkt sich Sanders Tiefenwirkung auf einen sehr beschränkten Kreis. Korrigiere: auf einen kleinen Kreis.

Cugel

28. Januar 2020 20:21

Maiordomus:
"Über die Wiederherstellung eines Deutschen Reiches kann wohl in diesem Jahrhundert, mutmasslich auch später (dafür sind die Lebenden nicht mehr zuständig) nicht mehr spekuliert werden."

Sander war sich dessen bewußt, er war kein Phantast. Sein "Stauferfimmel" (J.K. Poensgen) war langfristig angelegt. Er hat - bei klar erkanntem geistigen Zustand der Deutschen - versucht, eine Möglichkeitsbedingung für die Reichsverwirklichung zu schaffen.

Cugel

28. Januar 2020 20:56

zeitschnur, in Replik auf Maiordomus:
"Das würde keine Sau interessieren. Unser Land geht nämlich an Desinteresse zugrunde, selbst der eigene Untergang ist den Leuten sch...egal."

Käme aufs Forum an. Die meisten Landsmänner würden es sicher nicht einmal mitbekommen, da haben Sie recht. Die Masse las nie das Feuilleton. Bei aller Verdrossenheit über zahlreiche Exemplare des letzten Menschen sollten wir aber die Hoffnung nicht fahren lassen. Es gibt immer noch Viele in diesem Land, die nicht degeneriert und denen der eigene Untergang nicht "sch...egal" ist; sie erkennen den Verfallsprozess bzw. dessen Ausmaß noch nicht. Aus diesen Reihen werden es aber täglich derer mehr, bei denen der Damm zu bröckeln beginnt, vorgegebene Prämissen infragegestellt werden und ein Denkprozeß einsetzt. Ich plädiere nach wie vor fürs Apfelbäumchenpflanzen.

Cugel

28. Januar 2020 21:27

@Imagine
"Bekanntlich ist die Arbeiterbewegung 1914 mit der Zustimmung der SPD zum imperialistischen Krieg und den Kriegskrediten sowie zur „Burgfriedenspolitik“ gescheitert. Die deutsche Revolution von 1918 endete blutig und erfolglos, weil die SPD diese nicht mittrug, sondern im Gegenteil die Revolutionäre bekämpfte."

Angenommen, die SPD wäre 1914 "standhaft" geblieben. Was wären die Folgen gewesen?

limes

28. Januar 2020 21:35

@Laurenz schrieb am 27. Januar 2020 18:17

»Da aber selbst alle berühmten Künstler meist Unfug produzierten und nur wenig Brillantes, müssen für uns normal Sterbliche 100 oder 150 Seiten mit der wesentlichen Essenz aller politischen Denker reichen.«

100 Seiten sind für das Volk entschieden zu viel!

Wahrscheinlich beziehe ich jede Menge Prügel, wenn ich ein »ordinäres« Exempel aus den USA als vorbildlich darstelle. Es ist ein Country-Song, ein Volkslied also. Und darin wird in einem Satz von nur sieben Wörtern grundsätzlich klargestellt, was die wesentliche Essenz der Nation ist:

» We like livin' right, and bein' free «
(aus: Okie From Muskogee, Merle Haggard)

https://youtu.be/n4AgZST_TG8

»Livin’ right« wird kurz und konkret ausgeführt: keine Verweigerung des Wehrdienstes, kein hanky-panky, Einfachheit, Hierarchie, Vaterlandsliebe …

Kriegen wir so etwas auch hin, oder sind wir zu verkopft, die Essenz unsres Volkes in einem simplen, begeisternden Volkslied auszudrücken? Drohen bei uns dem volkstümlichen Barden Prügel von Hausmeistern der Hochkultur und Gouvernanten der Vergeistigung?

Solution

28. Januar 2020 21:59

@ Cugel

Sander war in der Tat kein Antisemit. Er hat die Welt sowieso nicht mit den Augen eines typischen BRD-Rechten gesehen. Seine Herkunft aus der DDR, seine intensive Kenntnis z.B. des literarischen Schaffens dort, haben tiefe Spuren hinterlassen. Sander war eine Art freischwebender Intellektueller, der zudem wenig Sinn und Talent für praktische Dinge hatte. Seine größte Schwäche lag in den Naturwissenschaften, die er sträflich vernachlässigte. Biologische Kenntnisse haben ihn wenig interessiert. Wichtige neue Erkenntnisse der Humanwissenschaften, z.B. in der Genetik oder der Evolutionsbiologie, gab es während seiner Hauptschaffenszeit noch nicht. Den ausschließlichen oder vorrangigen Einsatz für die biologische Erhaltung der Deutschen hat er sogar als übertriebenes "nationales Heck-Heck-Geschrei" bezeichnet. Sander war ein eher abstrakter Intellektueller mit hochfliegenden geistigen Ideen. Insofern waren zahlreiche Juden für ihn konsequenterweise wertvolle Gesprächspartner und Ideenlieferanten, die ihn vielfältig inspiriert haben. Die Juden wurden zwar auch als handelnde Gruppe(n) analysiert, einzelne Individuen, auch jüdische Antisemiten, waren viel interessanter. Der einzelne jüdische Denker wurde generell geschätzt, eine prinzipielle gruppenbezogene Feindschaft lag ihm gänzlich fern. Besonders die Vertreter der "deutsch-jüdischen Symbiose" fanden sein Interesse. Obwohl er sich später für das Recht auf freie Meinungsäußerung der historischen Revisionisten eingesetzt hatte, war die Judenvernichtung für ihn selbstverständlich eine Barbarei. Eines kann man auch mit Sicherheit sagen: Sander war überhaupt kein Freund des Nationalsozialismus. Abschließend hier noch der Hinweis, daß Sander sich natürlich immer weiter entwickelt hat.

Maiordomus

28. Januar 2020 22:27

@An alle, Die Kritik, z.B. an der Restauration des Reichsgedankens und noch anderes, war, wie ich betonte, nie als Vorwand für billige Resignation gedacht. Das mit den neuen Ideen, @Laurenz, wäre mehr als angemessen, wenn Sie und andere, vielleicht noch kompetentere und konkret erfahrenere diese nur mal als praktikables Modell wenigstens vorlegen können. Natürlich braucht man keinen Debattenstalinismus, gerade das wollte ich Ihnen in Sachen Mozart sagen. William S. Schlamm wurde ja mal gefragt, was sein Programm sei: Die Zehn Gebote, das Einmaleins und Mozart! gab er nicht ungeistvoll zur Antwort. Wobei ohne den dritten Punkt, die Musik, wie George Bernard Shaw es mal ausdrückte, "das Leben ein Irrtum" wäre. Konzerte sind heute "um Welten" leider besuchbarer als zum Beispiel die Berufstheater in den Städten, leider auch besuchbarer als Gottesdienste der Bezahlkirchen, von den gesungenen Psalmen in den Klöstern abgesehen.

Gracchus

28. Januar 2020 23:00

@cugel
Ich habe nicht geurteilt, sondern ausgehend von den verlinkten Artikel meine Sympathien und Vorbehalte geäußert (da ich mit Lektüre bis ca. Ende 2023 ausgebucht bin, überlege ich mir 3-mal, etwas Neues anzuschaffen, und wenn mir Ghibellinentum und Reichs-Idee sympathisch sind, so tritt für mich nicht deutlich hervor, ob Sanders Ansatz nicht nur eine restaurative Utopie ist, sondern etwas zum Verständnis und zur Lösung beiträgt), und ich habe bewusst nicht den Begriff "antisemitisch" verwendet, eben antijudaistisch für den Befund, dass die "Juden" Agenten der entortenden Moderne seien (meine Paraphrase), was Thema eines Buches von 1988 ist, also lange nach der Zeit bei Schoeps und dem Kontakt mit Taubes, der im Übrigen Schmitt in Plettenberg besuchte und daher diesbezüglich keine Berührungsängste kannte.

Gracchus

28. Januar 2020 23:05

Den Vortrag Kaisers habe ich mir inzwischen auch angehört und vermag die Einschätzung von @Laurenz, es handele sich um Denksport nicht zu teilen. Vielmehr würde ich mir vertiefende Essays zu insbesondere 2 Themen wünschen:

- Systemstabilisierung durch Opposition
- neoliberale Umverteilung von unten nach oben.

Maiordomus

29. Januar 2020 07:45

@Cugel/Imagine. Ich glaube nicht, dass Politik eine Stärke von @Imagine ist. Dass es in der SPD über Generationen einen patriotischen und überhaupt über alles gesehen vernünftigen Flügel gab, scheint mir ein historischer Befund zu sein. So kann man verstehen, warum Thilo Sarrazin gegen den Parteiausschluss kämpft.

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