Von Lethen lernen – ein Autorenporträt

PDF der Druckfassung aus Sezession 84/Juni 2018

Müß­te ich unter Hel­mut Lethens Büchern eines wäh­len, dann wäre das nicht sein Haupt­werk Ver­hal­tens­leh­ren der Käl­te, wor­in er die Topoi der Gefühl­lo­sig­keit und Fros­tig­keit in den »Lebens­ver­su­chen nach dem Krieg« sys­te­misch nach­zeich­net. Es wäre auch nicht sein lehr­rei­ches Buch über Gott­fried Benn, das bewußt kei­ne Bio­gra­phie sein will, son­dern ein sze­ni­scher Ein­fühl­ver­such in einen her­me­tisch sich abson­dern­den Paradigmenmenschen.
Schließ­lich wäre es auch nicht sein neu­es­tes Werk Die Staats­rä­te, selbst wenn man es als lobens­wer­tes Gesprächs­an­ge­bot an den poli­ti­schen Geg­ner miß­ver­ste­hen kann. Nein, mei­ne Wahl fie­le ohne zu zögern auf das schma­le auto­bio­gra­phi­sche Bänd­chen Suche nach dem Hand­ora­kel, und ich möch­te sogleich hin­zu­fü­gen, daß man es exakt als sol­ches lesen müs­se, näm­lich als ein eige­nes Hand­ora­kel! Vor allem die Rech­te täte gut dar­an, die­ses erz­lin­ke Bre­vier genau­es­tens unter die Lupe zu neh­men. Aber von vorn:

Ver­hal­tens­leh­ren der Kälte

Mit die­sem Buch, das eine Aus­wei­tung der in sei­ner Dis­ser­ta­ti­on von 1970 gezo­ge­nen Kampf­zo­ne dar­stellt, hat­te der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Lethen eine Art heim­li­chen Klas­si­ker der 1990er Jah­re geschrie­ben – das Buch zir­ku­lier­te in den uni­ver­si­tä­ren Krei­sen und wur­de wie eine codier­te Schrift unter Ein­ge­weih­ten her­um­ge­reicht. Lethen reagier­te damit auf ein selt­sam stei­gen­des und klan­des­ti­nes Inter­es­se am kon­ser­va­ti­ven Den­ken, das man bis dato als erle­digt betrach­tet hatte.

Heu­te liest man die­ses Buch im schi­zo­phre­nen Ges­tus: Einer­seits fragt man sich, was die dama­li­ge Welt der­art in Auf­re­gung ver­setz­te, ande­rer­seits sagt ein Werk, das sich so eng an poli­ti­sche Zeit­er­schei­nun­gen knüpft, heu­te etwas ande­res als damals. Es steht unver­wech­sel­bar in einer bestimm­ten Tra­di­ti­on, deren offi­zi­el­ler Leucht­turm Klaus The­we­leits volu­mi­nö­se Män­ner­phan­ta­sien war.

The­we­leit über­setz­te damit den Auf­trag der 68er – die Nazi-Jagd – ins Aka­de­mi­sche: Plötz­lich waren alle Nazis (was wir heu­te wie­der kon­ser­va­tiv nen­nen), und Nazis­mus war zu- dem extrem sexu­ell auf­ge­la­den – eigent­lich alles arme, trieb­ge­stau­te, in der Kind­heit mal­trä­tier­te und see­len­ver­pan­zer­te Schwei­ne: Täter-Opfer- Täter-»Dialektik«.

Lethen hebt sich dage­gen posi­tiv ab. Sein Ton ist ruhig und gelas­sen, er ver­sucht das offen­sicht­lich Ideo­lo­gi­sche zu ver­mei­den, auch wenn sei­ne Befun­de ähn­lich lau­ten – viel­leicht ist da sogar was dran? Er kon­sta­tiert anhand der kur­zen Epo­che der »Sach­lich­keit« in Lite­ra­tur und Kunst eben jenen Ein­bruch der Käl­te, der zu Ver­pan­ze­run­gen – hier steht Wil­helm Reich Pate – führt und sich in einer »kal­ten per­so­na«, in der »Krea­tur« und dem »Radar-Men­schen« realisiert.
Das zieht sich quer durch alle Schu­len, von Brecht über Jün­ger bis Schmitt. Die Reak­tio­nen sind nach der Kon­tin­gen­z­er­fah­rung des Krie­ges, den Nach­kriegs­un­ru­hen und den Unge­wiß­hei­ten Wei­mars ver­ständ­lich. Sie führ­ten zur Renais­sance von »Ver­hal­tens­leh­ren«. Davon gibt es eine Men­ge, und Lethen nimmt sie alle auseinander.
Das Buch sprengt den lite­ra­tur­theo­re­ti­schen Rah­men und greift weit, kennt­nis­reich und anstren­gend in den Gedan­ken­sprün­gen (es wird viel ange­deu­tet) ins His­to­ri­sche, Psy­cho­lo­gi­sche, vor allem aber Phi­lo­so­phi­sche über. Gera­de letz­te­res ist beein­dru­ckend: Lethen denkt genu­in, anders als The­we­leit, und produktiv.

Der Sound der Väter. Gott­fried Benn und sei­ne Zeit
Von Lethens Staats­rä­te (als dem Abschluß sei­nes schma­len Œuvre) ist Rück­schau mög­lich: Sie offen­bart uns den Sound der Väter als Tran­sit­sta­di­um, das einer­seits die oft schwam­mi­gen The­sen der Ver­hal­tens­leh­ren kon­kre­ti­sie­ren will, zugleich aber die losen Fäden auf­nimmt, die The­we­leit im Kasus Benn lie­gen gelas­sen hat­te, ande­rer­seits aber die Idee der Staats­rä­te – die ima­gi­na­ti­ve Kon­fron­ta­ti­on sich frem­der, aber his­to­risch ähn­lich situ­ier­ter Geis­ter – vor­weg­nimmt: Benn wird nicht nur vor den his­to­ri­schen Hin­ter­grund gestellt, son­dern in sze­nisch kon­stru­ier­ten Kapi­teln anhand von Bil­dern, Ges­ten, Tönen, Emp­fin­dun­gen, Kon­stel­la­tio­nen und Situa­tio­nen, die nicht sel­ten aus dem geschicht­li­chen Kon­text gelöst wer­den, gegen sei­ne Zeit­ge­nos­sen abge­setzt und verkörpert.

So infor­ma­tiv und beein­dru­ckend die Ein­zel­er­kennt­nis­se sein kön­nen, so mono­ton ist der sich dahin­ter ver­ber­gen­de Grund­ge­dan­ke, den zu wie­der­ho­len das Stil­emp­fin­den sich sträubt.
Lethen setzt damit sein Pro­jekt, die kli­ma­to­po­lo­gi­sche Kar­tie­rung der Jah­re zwi­schen den Krie­gen, die er in den Ver­hal­tens­leh­ren exem­pla­risch andach­te, fort. Benn hat ihn schon immer fas­zi­niert. Nicht nur des­sen kli­ni­scher Blick und die damit ver­bun­de­ne Käl­te fes­seln Lethen (zwi­schen Bewun­de­rung und Abscheu), son­dern auch die Mög­lich­keit, Ein­blick in eine gesell­schaft­li­che Kom­ple­xi­tät zu geben, für die heu­ti­gen­tags schlicht und ein­fach die Cha­rak­te­re feh­len. In Exkur­se ein­ge­teil­te Kapi­tel beleuch­ten, mit­un­ter sehr asso­zia­tiv, die Medi­zin­sphä­re, den Krieg, den Kolo­nia­lis­mus, die Emi­gra­ti­on, die Ero­tik, Aka­de­mia und vie­les mehr. Die Fas­zi­na­ti­on des Lin­ken am Rech­ten ver­leiht dem Expe­ri­ment eine exzen­tri­sche Note – man erfährt über beide.

Lethen ist nicht nur ein Ein­füh­lungs­meis­ter, er gibt sich auch selbst preis. Denn das fast schon genüß­li­che Aus­wei­den inti­mer Details, die den Eis-Men­schen Benn plötz­lich ganz nackt und schutz­los prä­sen­tie­ren, ver­weist natür­lich auch auf einen Wil­len zur Destruk­ti­on des so gelieb­ten Gegen­stan­des. Es ist ein wil­lent­li­ches Spiel mit der Gefahr, eine Suche »nach Hand­lungs­an­wei­sun­gen«, die gera­de dann, als sie hät­te erfolg­reich sein kön­nen – etwa in der Bewun­de­rung der Wider­rufs­ver­wei­ge­rung und der Negie­rung des Scham­zwan­ges, die star­ke Cha­rak­te­re aus­zeich­net und »ein­zig­ar­ti­ge Töne« schafft –, erschro­cken zurück­zieht und in den opa­ken »Sound der Väter« flieht: »Das Benn-Buch erschließt die Rück­sei­te der Ver­hal­tens­leh­ren der Käl­te, in denen die Per­so­nen von engel­haf­ter Trans­pa­renz blie­ben, um den machia­vel­lis­ti­schen Direk­ti­ven ohne den Wider­stand sprö­der oder sump­fi­ger Lei­ber Fol­ge zu leis­ten« (Hel­mut Lethen an den Verfasser).

Suche nach dem Handorakel

Daß Lethen ein Leben lang nach einem Hand­ora­kel – also einer sen­ten­zi­el­len Lebens­an­wei­sung – sucht, beschreibt die­sen Men­schen und Typus vor­erst zur Genü­ge: Unsi­cher­heit ist sein Habi­tus, und das über­setzt sich im lin­ken Denk­sche­ma zwangs­läu­fig in Selbst­kri­tik. So gese­hen wird Lethens gesam­tes Schaf­fen als ver­kapp­te Auto­bio­gra­phie deut­lich, und die Ver­hal­tens­leh­ren sind letzt­lich nur das frü­he Ergeb­nis der Selbstbesinnung.

Der Leser hat ja längst geahnt, daß sei­ne »Nei­gung, aus Büchern Ver­hal­tens­leh­ren zu machen, Schrif­ten als ima­gi­nä­res Reser­voir von Bewe­gungs­im­pul­sen zu begrei­fen«, am Grun­de der lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­chen Arbei­ten liegt – die Ver­hal­tens­leh­ren waren ein Durch­gang durch mög­li­che (aber letzt­lich abge­lehn­te) Lebens­ent­wür­fe, ein Sich­mes­sen an diesen.

Das ist ein Schei­tern, kei­ne Fra­ge. Lethen gesteht es sich ein. Das Schei­tern des 68ers und füh­ren­den Ver­tre­ters der KPD (AO), so ange­nehm iro­nisch und fast spie­le­risch er es auch prä­sen­tiert, ist sym­pto­ma­tisch und gestat­tet daher ver­all­ge­mei­ne­rungs­wür­di­ge Kon­klu­sio­nen, mehr noch, es spricht lau­te und deut­li­che War­nun­gen auch an den rech­ten Akti­vis­mus aus und soll­te von der Rechts­in­tel­li­gen­zi­ja auf­merk­sam stu­diert werden.

Lethens Schei­tern – und damit das einer gan­zen Gene­ra­ti­on revo­lu­ti­ons­wü­ti­ger Ratio­na­li­sie­rungs­rit­ter – ver­steckt er in net­te Anek­do­ten zu Beginn und zu Ende sei­nes Ora­kels. Zuerst führt er uns auf eine Kon­fe­renz zur Geschich­te der wil­den Jah­re, wo er das links­las­ti­ge Publi­kum mit einer gewag­ten The­se scho­ckie­ren will (»Die Leis­tung der mar­xis­tisch-mao­is­ti­schen Appa­ra­te bestand dar­in, die frei flot­tie­ren­den Umstur­z­en­er­gien in ihr ober­ir­di­sches Bewe­gungs­sys­tem ein­zu­bin­den« – Erläu­te­rung folgt), um selbst erschro­cken fest­zu­stel­len, daß aus­ge­rech­net ein Ver­tre­ter des Ver­fas­sungs­schut­zes ihm recht geben wird.

Lethens Pro­vo­ka­ti­on vor Ort war es, »die Sta­bi­li­sie­rungs­leis­tun­gen von KBW, KPD-AO, KPD/ML und ande­ren Imi­ta­tio­nen der III. Inter­na­tio­na­le« her­vor­zu­he­ben: »daß die Initia­to­ren der ML-Par­tei­en … objek­tiv gese­hen, der Sta­bi­li­sie­rung der Repu­blik gedient haben«, »daß die K- Grup­pen der Bun­des­re­pu­blik objek­tiv gese­hen gut­ge­tan« haben, daß »die Appa­ra­te der ver­schie­de­nen mar­xis­tisch-mao­is­ti­schen Par­tei­en wie Kühl­ag­gre­ga­te funk­tio­niert« haben, daß »mili­tan­te Ener­gien in den Kreis­läu­fen sym­bo­li­scher Prak­ti­ken auf­ge­braucht wor­den« sind, daß »der Appa­rat ein selbst­de­struk­ti­ver Trich­ter war, der Bewe­gungs­en­er­gien im Selbst­lauf von Wie­der­ho­lun­gen im Inne­ren ver­schlang, aber in der unüber­sicht­li­chen Situa­ti­on der 70er Jah­re sta­bi­li­sie­ren­de Wir­kung nach außen hat­te«, daß die Kader »der objek­ti­ven Funk­ti­on der Staats­er­hal­tung dien­ten« und daß es letzt­lich zu einer »Sym­bio­tik der Bezie­hung zwi­schen Pro­test­ak­teu­ren und Mas­sen­me­di­en« kam. Es war alles für die Katz!

Am Ende des Buches erzählt Lethen uns ein wenig ver­schämt und stolz zugleich, daß aus­ge­rech­net Carl Schmitt einen sei­ner ver­nich­ten­den Tex­te mit Wohl­wol­len und sehr inten­siv gele­sen hatte.
Es war ein Hase-und-Igel-Spiel: Die Lin­ke (der Hase) glaub­te, das Tem­po und die Regeln vor­zu­ge­ben, aber »das Sys­tem«, also das Sei­en­de, also das Immer­schon-Das­ei­en­de, also das Kon­ser­va­ti­ve, das Schmitt nur sym­bo­li­siert, war immer schon da und hat­te alles auf­ge­saugt, und aus­ge­rech­net der Ver­fas­sungs­schutz­mann als Feind­ver­tre­ter muß­te ihm das bestä­ti­gen. Es gab ein biß­chen Tumult und Kra­wall und Cha­os und Auf­re­gung, aber die Welt zog wei­ter ruhig ihre unaus­re­chen­ba­re Bahn.

Statt »auf die Geschichts­zeit pro­ji­zier­te Erwar­tun­gen, die Hoff­nung auf Umsturz«, »erschließt sich ein Reich der Erfah­rung« und die­se – »die Stun­de der Empi­rie« – kommt dann zwangs­läu­fig als Über­ra­schung, aus der man nur noch die­sen Leit­satz gene­rie­ren kann: »Pro­gno­sen und Ereig­nis­se hal­ten sich in getrenn­ten Sphä­ren auf. Im Stru­del des Ereig­nis­ses scheint plötz­lich alles kontingent.«

Die­ses Schei­tern – und das zeich­net Lethen unbe­dingt aus – ist trotz des pes­si­mis­ti­schen und resi­gna­ti­ven Zuges auch ein iro­ni­sches und vor allem pro­duk­ti­ves. Schon des­we­gen soll­te die­ses Büch­lein, des­sen tiefs­ter Wert über die ideo­lo­gi­schen Gren­zen hin­weg im stra­te­gisch-tak­ti­schen Bereich und in der Auf­for­de­rung zur Außen­sicht der eige­nen Bewe­gung liegt, zum Vade­me­cum des poli­tisch akti­ven Men­schen wer­den, der das eige­ne Ver­sa­gen mög­lichst ver­hin­dern will.
Und selbst wenn es das nicht wäre, müß­te man es emp­feh­len. Es läßt die see­li­sche Ver­fas­sung einer Gene­ra­ti­on begrei­fen, einer Gene­ra­ti­on, die uns nach­hal­tig geprägt, geformt und ver­formt hat, wir ler­nen die See­len­qua­len ken­nen und ver­ste­hen, die Beses­sen­heit von d e r Geschich­te: »War das Gift (des Nazis­mus) in den Kin­der­kör­per gesi­ckert?«, fragt sich noch der alte Mann.

Man lernt eini­ge iko­ni­sche Bücher die­ser Jahr­gän­ge ken­nen, bekommt inti­me Ein­bli­cke in die spe­zi­fi­schen Denk­vor­gän­ge. Es ist zudem ein Repe­ti­to­ri­um der jün­ge­ren Geschich­te, das Namen und Ereig­nis­se, wenn auch in loser Fol­ge, reka­pi­tu­liert, und nicht zuletzt ist es ein Muse­um eines Duk­tus’, der die Lek­tü­re Lethens mit­un­ter erschwert und der gera­de dabei ist, auf ewig hin­ter dem Hori­zont zu ver­schwin­den: jene Spra­che der Sozio­lo­gen, Lite­ra­ten und Theo­re­ti­ker, die sich an Ador­no, Peter Weiß, Mar­cu­se, Bloch, Haber­mas und The­we­leit – jeder auf sei­ne Art ein Sprach­künst­ler und Sprach­blen­der – ori­en­tier­ten und deren Schrif­ten wie Mor­se­si­gna­le unter eli­tä­ren Ein­ge­weih­ten gele­sen wer­den müssen.
Und wenn man die emi­nen­ten Leh­ren die­ses gewich­ti­gen Büch­leins ver­in­ner­licht hat, dann darf man auch ein wenig tri­um­phie­ren und Zei­len wie die­se genie­ßen: »Wie blau­äu­gig ist es, davon aus­zu­ge­hen, eine Gene­ra­ti­on hät­te sich völ­lig von der vor­her­ge­hen­den gelöst? Man kann sich offen­bar nicht dadurch von ihr abspal­ten, indem man sie mora­lisch verurteilt.«

Die Staats­rä­te
Lethens letz­tes Buch beweist, daß der im Hand­ora­kel ange­deu­te­te Bruch ernst gemeint war. Die akze­le­rie­ren­de Geschich­te der letz­ten Jah­re kommt ihm zu Hil­fe. Das Hand­ora­kel schien der Ein­tritt in die Ren­te zu sein. Die Fron­ten wur­den 2015 aller­dings neu gezo­gen – auch in den Ehen und Fami­li­en. Der Schau­kel­stuhl muß bis auf wei­te­res warten.
Die Staats­rä­te sind eine Hin-Rich­tung im dop­pel­ten Sin­ne. Sie sind auch an eine ande­re Leser­schaft gerich­tet, den Rech­ten als sol­chen, und sie ver­su­chen an vier exem­pla­ri­schen Fäl­len – Carl Schmitt, Sau­er­bruch, Gründ­gens und Furtwäng­ler – die Über­lebt­heit natio­nal­kon­ser­va­ti­ven Seins nach­zu­wei­sen. Ins­be­son­de­re Schmitt soll als Gali­ons­fi­gur sach­lich- fach­lich, aber auch ethisch-mensch­lich begra­ben werden.
Sie sind aber auch der letzt­gül­ti­ge Beweis von Lethens Spe­zia­li­sie­rung. Das Buch wur­de in den meis­ten Medi­en groß ange­kün­digt als fina­le Abrech­nung, tat­säch­lich ist es ledig­lich eine Varia­ti­on des Lebensthemas.

Es gibt die­ses iko­ni­sche Bild, auf dem man den jun­gen Benn über das Mikro­skop gebeugt sieht – dies ist die typi­sche Ges­te Lethens selbst, allein der Objekt­trä­ger wur­de aus­ge­tauscht und statt Benn und Jün­ger erschei­nen nun Sau­er­bruch, Gründ­gens und Furtwäng­ler neben Schmitt im Sicht­be­reich. Lethen ist – ganz wert­frei – ein Mono­the­ma­ti­ker, oder doch ins Posi­ti­ve gewen­det, ein Varia­tio­nist, der seit 45 Jah­ren in meh­re­ren Anläu­fen das glei­che Buch schreibt und die glei­chen Objek­te unter sein Auf­merk­sam­keits­mi­kro­skop schiebt.

Das Para­do­xe dar­an: Er behan­delt sie wie Krank­heits­er­re­ger, wie Kei­me, deren gefähr­li­che anste­cken­de Wir­kung zur Iso­la­ti­on zwingt, deren Fas­zi­na­ti­on ihn aber immer wie­der zur Ver­öf­fent­li­chung und Sicht­bar­ma­chung ver­führt. Dar­über hin­aus hat er ihnen – ins­be­son­de­re Schmitt, Benn und Jün­ger – fast alles zu ver­dan­ken, vom Voka­bu­lar, das er sich nicht sel­ten aus­leiht, über die The­ma­tik und die nicht unori­gi­nel­le Idee, die ange­him­mel­ten ver­teu­fel­ten Grö­ßen durch qua­si-kyni­sche Ver­kör­per­li­chung nach den Kret­schmer­schen Kör­per­bau-Sche­ma­ta vom Pie­des­tal zu sto­ßen, bis hin zu den Kon­stel­la­tio­nen der dra­ma­tis per­so­nae. Noch nicht mal die »Ent­de­ckung der Fik­ti­on als bes­ter Hilfs­kon­struk­ti­on«, die Idee der »fik­ti­ven Kon­fron­ta­ti­on«, der »Geis­ter­ge­sprä­che«, der »Schat­ten­ge­fech­te zwi­schen den Nicht-Reu­mü­ti­gen«, ist neu; auch sie wur­de in der gegen­sei­ti­gen Beäu­gung der drei Dau­er­prot­ago­nis­ten nach dem Krieg bereits vor­ge­führt, etwa im Benn-Buch, und brauch­te »nur« noch auf ande­re Per­so­nen über­tra­gen werden.

Die Kon­zen­tra­ti­on auf ein The­ma trägt ihre intrin­si­schen Vor- und Nach­tei­le in sich: Der Exper­te weiß, wovon er spricht, und Lethens Wis­sens­fun­dus ist beein­dru­ckend, aber sein Fokus ist oft ver­engt, und er muß die sich wie­der­ho­len­de Bot­schaft sti­lis­tisch, ästhe­tisch, dra­ma­tur­gisch, inhalt­lich oder sonst­wie auf­po­lie­ren und radi­ka­li­sie­ren, jeden­falls »neu« und anders prä­sen­tie­ren. All das tat Lethen mit sei­ner Fik­ti­on, die sprach­lich deut­lich abrüs­tet und somit sich auch einer bis­lang negier­ten Leser­schaft öff­nen will, aber manch­mal hilft auch schon der Pri­vat­skan­dal, die gewünsch­te Auf­re­gung zu gene­rie­ren: Lethen ist der Ehe­mann der Antai­os- und Sezes­si­on-Autorin Caro­li­ne Som­mer­feld. Viel­leicht ver­steckt sich hin­ter all­dem ein auf­schluß­rei­ches und ver­all­ge­mei­ne­rungs­wür­di­ges Para­dox: Lethen – als Ver­tre­ter der intel­li­gen­ten Lin­ken – wäre ohne die Klas­si­ker der Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on nie erschie­nen, er wäre ohne die »Ver­stri­ckun­gen« und ohne die Schuld ein glü­hen­der Schmit­tia­ner und ein Ver­eh­rer Ben­ns, Jün­gers und Brechts, ein Bewun­de­rer genui­ner Denk- und Schreib­leis­tung also … doch das gesell­schaft­li­che Tabu zwingt ihn – und wie vie­le noch? – in die Distanz.

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