1. August 2018

Die Zerstörung kultureller Identität im Namen der »Diversität«

Michael Wiesberg

PDF der Druckfassung aus Sezession 85/August 2018

Michael Wiesberg

Michael Wiesberg ist Lektor und freier Publizist.

  • Sezession

Ende 1992 veröffentlichte der damalige Zeit-Redakteur Dieter E. Zimmer einen Artikel, in dem er über die »sinnlose Erweiterung des Kulturbegriffs« nachdachte. Der bezeichnende Titel dieses Artikels lautet: »Kultur ist alles. Alles ist Kultur«.

Zimmer führte diese Erweiterung auf den »antibürgerlichen« und »antielitären« Impuls zurück, der die 68er-Bewegung bestimmte. Hinter der Dehnung des Kulturbegriffes steckten indes nicht nur antibürgerliche Ressentiments, sondern auch handfeste finanzielle Interessen. Warum, so die Frage der »anarchofidelen Erst-Jugend um 1968« (Botho Strauß), sollten nur die etablierten Kulturinstitutionen (Opern, Theater, Museen etc.) »Staatsknete« erhalten und nicht auch die »Subkultur« unterhalb dessen, was in bürgerlichen Kreisen als Ausdruck von Kultur galt? »Subkultur«, das waren damals zum Beispiel die freie Theaterszene (auch »Off-Theater« genannt), Musikkapellen, die in Garagen oder stillgelegten Fabriken probten oder auch der »Malkindergarten in der alten Backstube«, wie
Zimmer schreibt.

Tatsächlich regnet seit 1968 mehr und mehr »Staatsknete« über derartigen Projekten ab, mit der Folge, daß der Kulturbegriff bis heute immer weiter gedehnt wurde. Was als Versuch begann, für die eigene Klientel Fördermittel einzuwerben, hat mittlerweile eine ganz eigene Dynamik angenommen. Im Zuge dieser Dehnung des Kulturbegriffes ist es nämlich zu einem dialektischen Umschlag gekommen; mittlerweile bedient sich der deutsche Staat der ganzen bunten Vielfalt der von ihm ausgebauten kulturellen Landschaft, um seine ganz eigenen Projekte zu fördern.
Kultur wird immer mehr Mittel zum Zweck, was zur Folge hat, daß künstlerisch-qualitative Maßstäbe kaum mehr eine Bedeutung haben. Vielmehr ist die transportierte Botschaft das Ziel: Kultur sei, so steht es auf den Netzseiten der Bundesregierung unter »Kultureller Bildung und Integration« (Stand März 2018) zu lesen, »ein Integrationsmotor, die Teilhabe an Kunst und Kultur wichtiger Baustein einer zeitgemäßen Einwanderungsgesellschaft«. »Kulturelle Integration« sei als »Kern- und Querschnittsaufgabe in der Organisationsstruktur« der vom Bund »geförderten Kultureinrichtungen zu verankern«.

Ein »Netzwerk Kulturelle Bildung und Integration« soll die »Diversitätsentwicklung in Kunst- und Kulturinstitutionen« vorantreiben.
Mit anderen Worten: Der Staat formatiert die Kultur und ihre Träger mit seinen Förderprogrammen nach seinen Interessen. Das wird in dem Kapitel »Kultur« des weithin ungelesenen, desungeachtet aber weiterhin gültigen »Nationalen Aktionsplans Integration« (Stand Dezember 2011), der »grand strategy« der Umformung Deutschlands in ein Eldorado der »Diversität«, auch unmißverständlich zum Ausdruck gebracht.

»Kunst und Kultur«, so steht hier zu lesen, »bieten besondere Chancen zur Integration«; die »interkulturelle Öffnung« sei eine »gesamtgesellschaftliche Aufgabe«. Die »Kulturpolitik der Länder« sei »bereits heute konsequent international ausgerichtet«. Die »Internationalisierung« sei ein wichtiger, »wenn auch nicht ausreichende[r] Baustein auch für die interkulturelle Öffnung der Kultur«. Mit welchem Nachdruck hier vorgegangen wird, zeigen Passagen wie die folgende: »Über Zielvereinbarungen mit freien Kultureinrichtungen wird die Öffnung gegenüber Migrantinnen und Migranten vorangetrieben …

Gegenüber den Leitungen von Landeskultureinrichtungen werden interkulturelle Öffnung und Diversity-Management eingefordert, bei der Umsetzung erhalten sie Unterstützung.« Um ein »gesellschaftliches Mainstreaming des Themas Diversity« herbeizuführen, »müssen Modellprojekte« auch »außerhalb ihrer Nischen Aufmerksamkeit und damit Relevanz erlangen«. Auch Kultureinrichtungen wie beispielsweise Museen sind gehalten, »die Geschichte von Migration und Integration darzustellen und einem breiten Publikum zugänglich zu machen«.

Den autochthonen Deutschen soll dieser Prozeß der kulturellen Reeducation als Zugewinn von »kulturellem Kapital durch Migration« schmackhaft gemacht werden. Diese Auskünfte finden sich auf den Netzseiten von »Kulturelle Bildung online«, die unter anderem durch das Bundesministerium für Forschung und Bildung gefördert werden.
Dort wird im Zusammenhang mit dem »1. InterKulturBarometer – Zentrale Ergebnisse zum Thema Kunst, Kultur und Migration« hervorgehoben, daß Migration in den letzten Jahrzehnten dazu beigetragen habe, den »Kulturbegriff in Deutschland« zu erweitern. Migrationsgruppen verträten »einen breiteren Kulturbegriff, der zum Beispiel das menschliche Miteinander und das Alltagsleben« mit einbeziehe. Noch sei es nicht gelungen, so wird mit Blick auf die Ergebnisse des »1. InterKulturBarometers« bedauernd festgestellt, einen kulturellen »›Kapitaltransfer‹ des erweiterten kulturellen Interessensspektrums der migrantischen Bevölkerungsgruppen aus nichteuropäischen Herkunftsländern auf weitere Teile der deutschstämmigen Bevölkerung zu übertragen«.

Mit anderen Worten: Es bedarf weiterer energischer Maßnahmen, damit sich die Deutschen den Verheißungen einer »diversitären Kultur« öffnen.
Schon 1992 konstatierte Dieter E. Zimmer, daß mit Blick auf den Kulturbegriff »die Dämme gebrochen« seien und wir uns mitten in einer »Inflation der Kulturen« wiederfänden.
Was diese »Inflation« an Desorientierung auslöst, machte die ehemalige Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz, deutlich, die behauptete, daß eine »spezifisch deutsche Kultur« »schlicht nicht identifizierbar« sei. Özoguz hat den Deutschen mit dieser Äußerung abgesprochen, ihr Gemeinwesen über
Jahrhunderte hinweg in einer unverwechselbaren Art und Weise geprägt zu haben.

Es spricht für sich, daß Özuguz dennoch als Mitverfasserin der 15 Thesen der »Initiative kulturelle Integration« genannt wird. Das Projekt, das auf eine Anregung verschiedener Bundesministerien, der Kulturstaatsministerin Grütters und der damaligen Integrationsbeauftragten Özuguz zurückgeht, will aufzeigen, welchen Beitrag Kultur zur Integration leisten kann.

Diese »15 Thesen« machen vor allem eines deutlich: Nachdem der Kulturbegriff bis zur Unkenntlichkeit ge- bzw. zerdehnt und dekonstruiert worden ist, kann er nun um so bequemer für die Diversitätspropaganda instrumentalisiert werden.

Die Durchsetzung von »Diversität« ist vor allem ein Projekt der europäischen Eliten. Mit dem Europamotto »In Vielfalt geeint« – die Anlehnung an den Wahlspruch der USA »E pluribus unum« (Aus vielen eines) ist offensichtlich – sollte zunächst über die Kultur der Verschiedenheit so etwas wie eine europäische Identität geschaffen werden.

Mit der migrationspolitischen Aufladung von »Diversität« werden nun aber völlig andere Ziele verfolgt. »Diversity« ist ein Kampfbegriff der feministischen und antirassistischen Bürgerrechtsbewegungen der USA der 1960er Jahre, dessen Forderungen erst Eingang in die Regierungspolitik der USA fanden und dann in der EU kontextualisiert rezipiert wurden.
Der Begriff steht für die Herstellung von Chancengleichheit von Gruppen, die sich aufgrund bestimmter Merkmale (Diversity-Kerndimensionen), wie Rasse, Geschlecht, Hautfarbe, nationale Herkunft, Alter, Behinderung oder Religion, benachteiligt fühlen. Die Diversity-Kerndimensionen haben im Jahr 2000 Eingang in die EU-Grundrechtecharta gefunden und gelten als »Querschnittsthema«.

Damit erhält der Begriff Vielfalt eine ganz andere Prägung. Der Ende 2008 verstorbene US-Politologe Samuel Huntington verstand unter Prägung die Gesamtheit der Werte, Einstellungen, Glaubensüberzeugungen und Orientierungen, die für eine Kultur und für das nationale Selbstverständnis konstitutiv sind und damit die entscheidende Quelle unseres Wohlstandes darstellen. Die allmähliche, staatlich betriebene Auflösung dessen, was an dieser Prägung spezifisch deutsch (oder auch europäisch) ist, soll hier zum Anlaß genommen werden, einen der zentralen Konfliktmomente der Gegenwart, nämlich die Auseinandersetzung um das Kulturverständnis und damit dessen, was kulturelle Identität im Kern ausmacht, in den Fokus der Betrachtung zu rücken.

Huntington wird in diesem Zusammenhang nicht ohne Grund zitiert. Er war es bekanntlich, der vor gut einem Vierteljahrhundert einen globalen Kampf der Kulturen prognostizierte: Die kulturellen Muster und die damit verbundenen Traditionen und Wertvorstellungen, mit denen sich der Westen, China, Rußland und die arabische Welt gegenüberstünden, würden in absehbarer Zeit in einen globalen Konflikt einmünden.

Huntington hat in mancherlei Hinsicht gegenüber den Globalisierungsoptimisten vom Anfang der 1990er Jahre recht behalten. Allerdings hat er die Rolle, die Kultur in diesem Konflikt einnimmt, zunächst zu sehr auf einen »Kampf der Kulturen« verengt. Da zumindest mit Blick auf Europa oder die USA kaum mehr umrissen werden kann, was unter Kultur genau zu verstehen ist, geht es in dem globalen Konflikt um Kultur mittlerweile darum, wie Kultur zu definieren und was aus diesen Definitionen abzuleiten ist.

Das hat Huntington gut zehn Jahre, nachdem sein Artikel »The Clash of civilisations?« in der Zeitschrift Foreign Affairs publiziert worden war, auch erkannt. In dem 2004 publizierten Buch Who are we? Die Krise der amerikanischen Identität konstatiert er unter anderem, daß im Zuge der Entstehung einer globalen Weltwirtschaft »viele Eliten supranationale Identitäten entwickelten und ihre nationale Identität« nur noch geringschätzten.

Die »Theorien des Multikulturalismus« und die Idee, »daß Vielfalt und nicht Einheit oder Gemeinschaft der wichtigste Wert Amerikas sein sollte«, habe zur »Dekonstruktion« und »Fragmentierung der Identität« und zum »Aufstieg von subnationalen Identitäten« geführt. Harsch geht Huntington mit den Intellektuellen ins Gericht, die er mit Rückgriff auf Julien Bendas La Trahison des clercs (1927) wissen läßt: »Der Verrat der heutigen Intellektuellen ist ein anderer. Sie geben die Verpflichtung gegenüber ihrer Nation und ihren Landsleuten auf und behaupten, es sei von moralisch höherem Wert, wenn man sich mit der
Menschheit identifiziere.«

In Anschluß an Huntington sieht der Soziologe und Kulturwissenschaftler Andreas Reckwitz in seinem Buch Die Gesellschaft der Singularitäten (2017; siehe Kositza in Sezession 83, 2018) in diesem Prozeß »zwei Formen der Kulturalisierung am Werk«, nämlich eine kosmopolitisch ausgerichtete, die er »Hyperkultur« nennt, und eine »Modellierung von Kultur als historische Gemeinschaften«, die er als »Kulturessenzialismus« kennzeichnet. Mit Blick auf den »Kulturessenzialismus« identifiziert er verschiedene Spielarten, die vom Konzept der Identitätsgemeinschaft über den Fundamentalismus bis hin zum Nationalismus reichen. (En passant: In diesem Zusammenhang wird gern Johann Gottfried Herder zitiert, der die Vorstellung voneinander abgegrenzter, ethnisch und sozial homogener Kulturen vertreten hat. Allerdings findet sich, darauf wies zum Beispiel der Erziehungswissenschaftler Phillip Knobloch hin, bei Herder bereits die Denkfigur der »Auflösung der Kulturen« zugunsten einer »universalen Weltkultur«. Herder sah aber mit dieser Entwicklung die Geschichte an
ihr Ende gekommen, weil kulturelle Besonderheiten verschwänden. Das sind grosso modo auch die Linien der Auseinandersetzung zwischen Francis Fukuyama und Samuel Huntington, für die die Stichworte »Ende der Geschichte« und »Kampf der Kulturen» stehen mögen.)

Laut Reckwitz hätten sich die Gesellschaften des Westens seit den 1980er Jahren »radikal kulturalisiert«; es habe sich das herausgebildet, was er als »Hyperkultur« bezeichnet. Die Hyperkultur habe sich »mit der Globalisierung verbreitet, im alten Westen und anderswo«. Neu ist diese Diagnose nicht; schon Hofmannsthal sprach von einem »System des kosmopolitischen Industrialismus«, der nach dem Ende des Ost-West-Antagonismus voll zur Entfaltung gekommen ist.

Auch der Begriff »Hyperkultur« geht nicht auf Reckwitz zurück, sondern auf den Kulturwissenschaftler Byung-Chul Han, für den das »Hyper« für die heutige kulturelle Konstitution steht. Die Kulturen, so befindet Han, zwischen denen ein »Inter« oder »Trans« bestünde, würden im heideggerschen Sinne
»entgrenzt, entortet, entfernt zur Hyperkultur«.

Reckwitz’ Darstellung dessen, was er unter Hyperkultur versteht, geht letztlich, was deren Konsequenzen angeht, in eine ähnliche Richtung. Leitbilder der Hyperkultur, so konkretisierte Reckwitz in einem Feature des Deutschlandfunks, seien Vielfalt und Kosmopolitismus. Eine Vielfalt von kulturellen Praktiken
und Gütern spielt deshalb eine zentrale Rolle, weil sie zur »kulturellen Ressource« für die Selbstverwirklichung der kosmopolitisch gestimmten Träger der Hyperkultur werden kann. Hiermit ist ein zweites Kriterium der Hyperkultur genannt: Sie ist nicht nur kosmopolitisch ausgerichtet, sondern auch individualistisch.

Die »Güter der kulturellen Märkte« würden als Fundus zur Entfaltung der individuellen Besonderheit angesehen. Entsprechend begrüßten die Träger der Hyperkultur die »globalen Ströme von Gütern, Ideen und Menschen«. Als Antwort auf das »Kulturalisierungsregime« der kosmopolitischen Hyperkultur betont die von Reckwitz so bezeichnete »Internationale der Kulturessenzialisten« die kollektive Identität der Gemeinschaft.

Kultur sei hier das, was eine Gemeinschaft zusammenhalte, was ihre gemeinsame Identität stifte. Das gehe aus der Sicht von Reckwitz nur, wenn man »strikte Grenzen« aufbaue. Dem »Innen der eigenen Kultur« werde ein »scheinbar unverbrüchlicher Wert zugeschrieben«. Die »imagined community«, die »vorgestellte Gemeinschaft«, wie der US-Politologe Benedict Anderson den Begriff Nation definierte, pflege ihr »Selbstbild«, ihre Geschichte und ihren moralischen Kodex«.

Für die Kulturessenzialisten ist die eigene Kultur deshalb keine »Verhandlungssache«, sondern »unhintergehbarer Ausgangspunkt«. Dabei muß, will man der deutschen »Kulturessenz« gerecht werden, mit Blick auf deren Soziogenese auf die Besonderheit des Gegensatzes von Kultur und Zivilisation eingegangen werden.

Dieser Gegensatz entstand, wie vor allem Norbert Elias in seinem Werk Über den Prozeß der Zivilisation (1939) ausführte, aus der Polemik der »deutschen, mittelständischen Intelligenzschicht« gegen die an französischen Leitbildern orientierten Aristokratie. Als »Zivilisation« wurde alles das gebrandmarkt, was die bürgerliche Intelligenz am Adel kritisierte, so unter anderem »Oberflächlichkeit«, »Falschheit« oder »äußere Höflichkeit«.

Demgegenüber galten Grundhaltungen wie »wahre Tugend«, das Vollbringen kulturell bedeutsamer Leistungen oder die Bildung des einzelnen als Ausdruck von
Kultur. Nach Elias entstand also das, was als Wertemuster der deutschen Nationalkultur ihr Gepräge gab, aus einem einzigartigen Engagement des deutschen Bürgertums heraus.
Auch wenn der Soziologe Stefan Breuer Elias in seiner Arbeit über den Ästhetischen Fundamentalismus vorgehalten hat, die um 1914 zur vollen Schärfe gekommene Kultur-Zivilisations-Antithese zu unkritisch auf frühere Zeiten projiziert zu haben, ist ihr Wert als Erklärungsmodell für die Herausbildung eines genuin deutschen Begriffes von Kultur unerläßlich.
Dafür stehen wesentliche Protagonisten aus dem »Pantheon der deutschen Geistesgeschichte« (Clemens Albrecht) wie Kant, Schiller, Pestalozzi, Nietzsche, Wagner oder Thomas Mann. Der Bonner Soziologe Clemens Albrecht sieht in diesem Zusammenhang den Erfolg des herderschen Kulturbegriffes in der Haltung der deutschen Intelligenz gegenüber der Französischen Revolution begründet.

Die anfängliche Begeisterung sei schnell in Abscheu vor dem »Tugendterror der Jakobiner« umgeschlagen. Diese Abscheu reichte deshalb tief, weil die Franzosen, die als zivilisiertestes Volk der Erde galten, dennoch nicht vor kollektivem Terror gefeit waren. Namentlich Kant leitete daraus ab, daß auch der »innere Mensch« durch Kultur »moralisiert« werden müsse, die »Zivilisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse« also nicht ausreiche. Herder schließlich bestimmte Kultur als Lebensweise von Völkern. Hier liegt nach Albrecht der Nukleus des »Kulturbegriffs in Deutschland«, der dann den zu diesem Zeitpunkt »imperial auftretenden Zivilisationsidealen« entgegengestellt wurde.

Diese Dichotomie ist, diese These sei hier vertreten, die Tiefendimension dessen, was Reckwitz soziologisch aufgedonnert als »Widerstreit zweier Kulturalisierungsregime« (Hyperkultur vs. Kulturessenzialismus) umschreibt. Ähnlich wie beim französischen Adel, der unter der Etikette »civilisation« mittels der »Verfeinerung grober Sitten« und »gesittetem Verhalten« die eigene Selbstvervollkommnung betrieb und glaubte, damit an der Spitze der zivilisierten Menschheit zu marschieren, so ist es heute das unter dem Signum der hyperkulturellen Leitbilder Kosmopolitismus und Diversität nach Selbstentfaltung strebende Individuum, das sich beliebig Kunst, Ernährung, Reisen, Bildung und Körperkultur zusammenstellt und damit glaubt, den »kulturellen Wert des Einzigartigen«
zu erringen, wie Reckwitz schreibt.

Demgegenüber halten die »Kulturessenzialisten« daran fest, daß Kultur die Lebensweise einer Gesellschaft widerspiegle und damit auch von einer spezifisch geprägten deutschen Kultur die Rede sein könne. Alles dies soll, so wollen es die »Hyperkulturalisten«, einer Art Reeducation in Richtung Diversität unterworfen werden, die implizit die Bahn in Richtung universale Weltkultur bereiten soll.

Daß dieser Weg ein Irrweg ist, der letztlich in der Vernichtung desjenigen »kulturellen Kapitals« münden wird, das die »kulturelle Identität«
der Deutschen ausmacht, hat Rolf Peter Sieferle deutlich gemacht. Unter anderem in der Zeitschrift Tumult wies er darauf hin, daß die Massenzuwanderung von Menschen aus »gescheiterten bzw. nicht entwicklungsfähigen Staaten« die kulturellen Grundlagen der im 19. Jahrhundert entstandenen Nationalstaaten zersetzen und die »Prosperitäts- und Sicherheitszonen« Europas zerstören werde.

Die »homogene Einheit von Staatsvolk, Staatsgebiet und Staatsgewalt« habe »kulturelles Kapital« erzeugt, auf dem »Wohlstand und Sicherheit« Europas beruhe. Massenzuwanderung aus Regionen, die über dieses kulturelle Kapital nicht verfügten, erodiere das Vertrauen in einer Gesellschaft und erzeuge eine »multitribale Gesellschaft«, die nicht funktioniere und daher scheitern müsse.

In seinem Buch Das Migrationsproblem (2017) merkte er an: »Eine solche Gesellschaft, die nicht mehr zur Unterscheidung zwischen sich selbst und den sie auflösenden Kräften fähig ist, lebt moralisch über ihre Verhältnisse.« Sie sei »in normativem Sinne nicht ›nachhaltig‹«. Durch Relativierung zerstöre sie schließlich ihre kulturelle Identität, »die Voraussetzung ihrer Leistungsfähigkeit war. Damit setzt sie sich selbst ein Ende«.
Deutlicher kann nicht zum Ausdruck gebracht werden, welche Dimension der laufende Kulturkampf hat. Es geht buchstäblich ums Ganze.


Michael Wiesberg

Michael Wiesberg ist Lektor und freier Publizist.

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