1. Februar 2019

Volk – ein deutscher Begriff

Gastbeitrag

von Dr.Dr. Thor von Waldstein
PDF der Druckfassung aus Sezession 88/ Februar 2019

 Gastbeitrag

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  • Sezession

Nach den bereits im Mittelalter erhobenen Ansprüchen des Volkes auf Mündigkeit dauert es bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, bis sich in Deutschland aus der bleiernen Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg langsam das heranzubilden beginnt, was später als Nationalbewußtsein bezeichnet werden wird. Noch 1768 hatte Lessing seinen Landsleuten, mit einem Seitenblick auf die vorrevolutionären Entwicklungen in Frankreich, ins Stammbuch geschrieben: »Wir Deutsche sind noch keine Nation«.

Gleichwohl begann sich der Begriff des Volkes allmählich zu politisieren. Zu einem Äquivalent dessen, was man in Frankreich als nation und in Großbritannien als nation verstand, wurde Volk in Deutschland zuerst im Laufe des 19. Jahrhunderts, aber gegen Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte sich »Volk« zu einem aktionistischen Zukunftsbegriff, mit dem die Deutschen vor allem zweierlei verbanden:

- das über den eigenen Tellerrand der Familie, Sippe und Region
hinausweisende Bewußtsein, das gemeinsame Schicksal eines Volkes zu teilen,

- und den aus diesem Bewußtsein sich heranbildenden Willen, über sich selbst zu bestimmen.

Friedrich Schiller beschwor die Deutschen, sich im Wege einer Nationalerziehung als Kulturnation heranzubilden und einen gemeinschaftlichen Geist zu begründen. Schon 1782 definierte er das, was er später in seinen Dramen so wirkmächtig in Szene zu setzen wußte: »Nationalgeist eines Volkes nenne ich die Ähnlichkeit und Übereinstimmung seiner Meinungen und Neigungen bei Gegenständen, worüber eine andere Nation anders meint und empfindet. […] wenn wir es erlebten, eine Nationalbühne zu haben, so würden wir auch eine Nation.« Und an dieser Nationwerdung hatte Schiller keine Zweifel: »Jedes Volk hat seinen Tag in der Geschichte, doch der Tag der Deutschen ist die Ernte der ganzen Zeit.«

Die kopernikanische Wende bei der Entwicklung des Volksbegriffes vollzieht schließlich Johann Gottfried Herder. Er löste den Begriff aus seiner früheren Bedeutung, bei der man das Volk vor allem mit Unterschicht, willenloser Gefolgschaft oder nicht selbstbestimmender Bevölkerung in Verbindung gebracht hatte. Herder ist der eigentliche weltanschauliche Entdecker der soziologischen Größe Volk, die er zu einer gemeinschaftlichen, mit Sprache, Seele und Charakter begabten Individualität aufwertet.

Sein Lebenswerk widmete er der Titanenaufgabe, die Deutschen von ihrer chronischen geistigen Zerrissenheit und politischen Zwietracht zu befreien.
Aus der Selbstbesinnung auf den eigenen Wert, auf das reiche geschichtliche und geistige Erbe der Deutschen, sollte die politische Kraft heranwachsen, mit der das deutsche Volk die Stürme der kommenden Zeit bestehen würde. Geprägt von der Montesquieuschen Philosophie beschwört Herder die Notwendigkeit eines esprit général, eines gemeinschaftlichen Geistes, durch den das Volk und sein Charakter geprägt werde.

Herders Volksbegriff ist also nicht zuletzt spirituell begründet, weswegen es nicht verwundern kann, daß er der Sprache eines Volkes besondere Bedeutung beimißt. Die Sprache verkörpere den Charakter einer Nation, sie sei das Organon seiner Seelenkräfte und das wesentliche Mittel seiner Bildung:

    »Wer in derselben Sprache erzogen ward, wer sein Herz in sie schütten, seine Seele in ihr ausdrücken lernt, der gehört zum Volk dieser Sprache […] Mittelst der Sprache wird eine Nation erzogen und gebildet; mittelst der Sprache wird sie ordnungs- und ehrliebend, folgsam, gesittet, umgänglich, berühmt, fleißig und mächtig. Wer die Sprache seiner Nation verachtet […] wird ihres Geistes […] gefährlichster Mörder.«

Der traurigen Einzelmenschphilosophie eines Jeremy Bentham, wonach das oberste Staatsziel in der Schaffung einer »greatest happiness of the greatest number« bestehe, wirft Herder den großartigen Satz entgegen: »Jede Nation hat ihren Mittelpunkt der Glückseligkeit in sich, wie jede Kugel ihren Schwerpunkt.« Für Herder sind alle Nationen nur Zweige am Stamm der Menschheit, jede Nation verkörpere nur eine »Facette in einer numinosen, geordneten Mannigfaltigkeit«.
Europa sei ein »große(r) Garten, in dem Völker, wie Gewächse erwuchsen«:

    »Die Natur hat Völker durch Sprache, Sitten, Gebräuche, oft durch Berge, Meere, Ströme und Wüsten getrennt […] Die Verschiedenheit […] sollte ein Riegel gegen die anmaßende Verkettung der Völker, ein Damm gegen fremde Überschwemmungen werden: denn dem Haushalter der Welt war daran gelegen, daß […] jedes Volk und Geschlecht sein Gepräge, seinen Charakter erhielt. Völker sollen nebeneinander, nicht durch- und übereinanderdrückend wohnen.«

Herder ist daher nicht nur eine Schlüsselfigur der deutschen Geistesgeschichte, er ist darüberhinaus der Vater des Ethnopluralismus, der philosophische Schöpfer der »Welt der tausend Völker« als diametraler Gegenbegriff zur one world: »Unmöglich kann der Mensch als wie Meeresschleim mit allem zusammenfließen, unmöglich alles im gleichen Grade lieben. – Er schadet damit dem Guten so sehr als dem Bösen und verliert zuletzt ganz sein Urteil und seinen Standpunkt.«

Insonderheit die osteuropäischen Völker, bei deren Nationwerdung die Sprache eine besondere Rolle spielte, verdanken Johann Gottfried Herder viel, nicht zuletzt das eindrucksvolle Renouveau der Idee der Nation nach der historischen Wende 1989/91. Die stets frischen Blumen an seinem Denkmal in Riga symbolisieren, daß sein geistiges Erbe in Osteuropa nicht vergessen ist.

Waren auf diese Weise die philosophischen Grundlagen der Volk- und Nationwerdung geschaffen, sollten im Folgenden die Französische Revolution 1789 und die historischen Abläufe in Europa bis zum Wiener Kongreß 1815 entscheidend für die weitere Entwicklung dessen werden, was wir nach dieser geschichtlichen Epoche unter einem Volk zu verstehen haben. In Deutschland löste die Zäsur von 1806, die Niederlage Preußens gegen Napoleon in Jena, und der Untergang des Alten Reiches, eine Ideenbeschleunigung der besonderen Art aus: Der Name, der zur Kennzeichnung dieses Phänomens an erster Stelle genannt werden muß, lautet Johann Gottlieb Fichte. Ganz von der Geisteswelt des Genfer Philosophen Jean-Jacques Rousseau geprägt, löste sich Fichte unter dem Eindruck der napoleonischen Kriege von seinem individualistischen, allein in den Antipoden Ich und Nicht-Ich gefangenen Tunnelblick eines wurzellosen Weltbürgertums.

Aufbauend auf dem von Herder entwickelten Zusammenhang zwischen Nation und Sprache hielt er im Winter 1807/08 in dem von den Franzosen besetzten Berlin seine berühmten »Reden an die deutsche Nation«. Darin verweist er darauf, daß jeder Mensch einem Volke entstamme, ihm verdanke der Einzelne die Entwicklung »zu dem, was er jetzt ist«. Der Nationalcharakter eines Volkes, sein inneres Leben, sein Geist und seine Sprache ließen sich nicht allein rationalistisch erfassen, sondern setzten einen vernunftunabhängigen Wesensgrund voraus.

Dabei verfällt Fichte bisweilen wieder seinem alten Rousseau’schen Denkstil, wenn er jetzt – quasi auf der philosophischen Überholspur – Menschheit mit Deutschheit verwechselt und seinem eigenen Volk eine Überlegenheit über andere Völker zusprechen will, die auf der Grundlage des Herderschen Ethnopluralismus für das Selbstbewußtsein und die Selbstbehauptung eines Volkes überhaupt nicht erforderlich ist. Denn das Selbstwertgefühl, die Selbstachtung eines Volkes beruht auf der rückhaltlosen Bejahung des Eigenen, die Kritikfähigkeit gegenüber dem Weg der eigenen Nation nicht ausschließt.

Und diese Bejahung des Eigenen leitet ihre Kraft gerade nicht aus einem ressentimentgeladenen Blick auf das Fremde ab. Diese nicht zu übersehenden Webfehler im Denken Fichtes führten dazu, daß Hegel ihn später als philosophischen Jakobiner bezeichnen sollte. Bernard Willms wollte in seiner fulminanten Fichte-Dissertation gar eine »immanent terroristische Struktur des Fichteschen Denkens« entdeckt haben.

Diese herbe Kritik ändert freilich nichts daran, daß die Reden an die deutsche Nation zu einem Schlüsseltext der deutschen Erhebung gegen Napoleon wurden.
Kurze Zeit später prägte Novalis die Formel von der »Nation als Makroanthropos und potenziertes Individuum« und der staatsrechtliche Kopf der deutschen Romantik, Adam Müller, definierte ein Volk als

    »die erhabene Gemeinschaft einer langen Reihe von vergangenen, jetzt lebenden und noch kommenden Geschlechtern, die alle in einem großen, innigen Verbande zu Leben und Tod zusammenhängen, von denen jedes einzelne, und in jedem einzelnen Geschlechte wieder jedes einzelne Individuum, den gemeinsamen Bund verbürgt und mit seiner gesamten Existenz wieder von ihm verbürgt wird; welche schöne und unsterbliche Gemeinschaft sich den Augen und Sinnen darstellt in gemeinschaftlicher Sprache, in gemeinschaftlichen Sitten und Gesetzen, in tausend segensreichen Instituten […]«

Trotz der Restaurationszeit nach dem Wiener Kongreß und den Karlsbader Zensurbeschlüssen von 1819ff. sind die Geister, die durch die Epoche von 1789 bis 1815 geweckt wurden, nicht mehr in die Flasche des ancien régime zurückzubringen. Das Volk, das sich zunächst nur als etwas Natürliches, Gewachsenes empfunden hatte, mausert sich unter dem seit der Aufklärung herrschenden Primat des Willens zu einer Nation als etwas bewußt Gebildetes. Das Volk ist, die Nation wird.

Joseph Görres betont 1819 die Wichtigkeit der Generationenfolge in einem Volk, bei der es maßgeblich darauf ankomme, »daß der Väter Geist noch ruhe auf den Enkeln, und nicht etwa ein neues Volk, Bastarde der benachbarten Völkerschaften, eingewandert und […] einen anderen Tempel aufgebaut«. Und Wilhelm von Humboldt faßt 1827 den voluntaristischen Aspekt noch einmal wie folgt zusammen: »Eine Nation wird erst wahrhaft zu einer, wann der Gedanke es zu wollen in ihr reift, das Gefühl sie beseelt, eine solche und solche zu sein.«

Schon bei Hegel zerfließen die Begriffe Volk und Nation ins Ununterscheidbare. Hegel exekutiert die Romantik und deren pflanzenhafte Ideenwelt, denkt die Totalität des Politischen konsequent zu Ende und ist deswegen der philosophische Ahnherr dessen, was man seither als deutschen Staat bezeichnet. Bei ihm ist der Staat nicht nur Mittel und Geist des Volkes, sondern der Staat figuriert als die Wirklichkeit des Volkes selbst: »Das Volk, das den Staat ganz durchdrungen hat und ihn in diesem Sinne ›beherrscht‹, wird zugleich vom Prinzip der Staatlichkeit durchdrungen und in diesem Sinne abhängig vom Staat […] Wie ein neuer Leviathan droht der Hegelsche Staat die ursprünglich volkhaften Kräfte, aus denen er sich entfaltet hat, zu überdecken und zu erdrücken.« (Ernst Rudolf Huber).

Die vermittelnden Gewalten in einem Volk, die Stände, Genossenschaften, Gemeinden, Familien, usw. werden mehr und mehr entmachtet, um – analog dem französischen Muster mit dem Wasserkopf Paris – die Zentralgewalt eines Staates zu begründen, der mehr und mehr zur Triebfeder des sozialen Apparats, zum einzigen und notwendigen Agens des öffentlichen Lebens wird. Immer mehr Bürger gelangen zu der fatalen Ansicht, keine einigermaßen wichtige Angelegenheit könne zu einem guten Ende geführt werden, ohne daß sich der Staat in diese Angelegenheit einmische. Der heutige omnipräsente Staat, der schon im Kreißsaal Steuernummern an die Neugeborenen vergibt, der die Bestattung der Verstorbenen bis ins Detail regelt und der zwischen diesen beiden Zeitpunkten kaum eine Lebenssituation des Individuums ausläßt, ohne zuvor seine Interventions- respektive Umverteilungswut ausgetobt zu haben, ist also ein unmittelbares Produkt der Geisteswelt von Georg Wilhelm Friedrich Hegel, dem Apostel der säkularisierten Staatsvergottung.

Konsequenterweise lehnt Hegel daher auch den Gedanken der Volkssouveränität ab. In seinem rechtsphilosophischen Gedankengebäude ist Souverän nicht das Volk, sondern der Staat als die angebliche »Wirklichkeit der sittlichen Idee.« Es ist das Verdienst von Leopold von Ranke, dieser Hegelschen Überbetonung des Staates, bei der alle intermediären Instanzen – von dem einzelnen bis zum Volk – ihrer ursprünglichen Rechte und Machtfülle beraubt werden, Widerstand geboten zu haben. In seinen genialen Jugendschriften aus den 1830er Jahren bündelt Ranke die Ideenwelt der vergangenen vier Jahrzehnte und erinnert – gegen Hegel – daran, daß die Völker und Nationen vor dem Staat da waren und irgendeines etatistischen Begründungsnarrativs nicht bedürfen: »Die Nationen haben eine Tendenz, Staat zu sein; doch wüßte ich keine einzige, die es wirklich wäre. […] Der Staat ist seiner Natur nach bei weitem enger geschlossen als die Nation; er ist eine Modification wie des menschlichen so auch des nationalen Seins.«

Und auch die Anmaßungen eines hypertrophen Humanismus, der die Rechte des einzelnen gegen die Rechte der Nation in Stellung bringen will, werden durch Ranke in einem klassischen Satz zurückgewiesen: »Die Idee der Menschheit, Gott gab ihr Ausdruck in den verschiedenen Völkern.« Bisweilen scheint es, als habe Ranke die ortlose Gesinnung des Industrienomaden des 21. Jahrhunderts vorausgeahnt, bei der der schöne Satz »Ubi patria, ibi bene« – »Wo mein Vaterland ist, geht es mir gut« einfach in sein Gegenteil verkehrt wurde: »Ubi bene, ibi patria« – »Wo es mir gut geht, (da) ist mein Vaterland.«

1836 formuliert Ranke:

    »Unser Vaterland ist mit uns, in uns. Deutschland lebt in uns, wir stellen es dar, mögen wir wollen oder nicht, in jedem Lande, dahin wir uns verfügen, unter jeder Zone. Wir beruhen darauf von Anfang an und können uns nicht emancipiren. Dieses geheime Etwas, das den Geringsten erfüllt, wie den Vornehmsten, – diese geistige Luft, die wir aus- und einathmen, – geht aller Verfassung vorher, belebt und erfüllt alle ihre Formen.«

Wie die Folgeentwicklung bis 1848 / 49 zeigen sollte, fehlte es dem Volk zwar weiter an konkreter Souveränität zur Macht, als werdende politische Größe war es aber nicht mehr übersehbar. In der – später gescheiterten – Frankfurter Reichsverfassung vom 28. März 1849 wurden »Grundrechte des deutschen Volkes« verbrieft und selbst der Kaiser sollte bei seinem Eid auf die Verfassung schwören, daß er die »Rechte des deutschen Volkes« schirmen werde. »Volk« war also spätestens nach 1848 keine Objektbezeichnung, sondern ein aktiver Kampfbegriff, der mit der Anmeldung von Machtansprüchen verbunden war. Freudig rief Ferdinand von Freiligrath 1858 den Deutschen zu: »Noch gestern, Brüder, wart ihr nur ein Haufen; ein Volk, o Brüder, seid ihr heut.«

Es blieb Ferdinand Lassalle, dem »politischen Kopf der deutschen Sozialdemokratie« (Hermann Heller), vorbehalten, dieses geistige Klima zu nutzen, um ein »Recht des Volksgeistes auf seine eigene geschichtliche Entwicklung und Selbstverwirklichung« zu fordern. In bewußter Abkehr von der monoökonomistisch-internationalistischen Geschichtsdeutung von Marx und Engels verklammerte er die Begriffe Nation und Demokratie und machte klar, daß die angestrebten Rechte der Arbeiter nur in einem unabhängigen Nationalstaat zu verwirklichen seien.

»Der Begriff der Demokratie«, schrieb er 1859, bedeute

»nichts anderes […] als: Autonomie, Selbstgesetzgebung des Volkes nach innen. Woher aber sollte dieses Recht […] kommen, wie sollte es nur gedacht werden können, wenn ihm nicht zuvor das Recht auf Autonomie nach außen, auf freie, vom Ausland unabhängige Selbstgestaltung eines Volkslebens vorausginge! Das Prinzip der freien unabhängigen Nationalitäten ist also die Basis und Quelle, die Mutter und Wurzel des Begriffs der Demokratie überhaupt.«

Das war dezidiert gegen die Position des deutschen Bürgertums gemünzt, das im Vormärz und auch noch nach 1848 versucht hatte, den Status als Nation für sich zu monopolisieren und die breiten Unterschichten von der Teilhabe auszuschließen. Diese Position eines volksgebundenen Sozialismus im weiteren auszubauen und zu vertiefen, blieb ihm indes verwehrt.

Lassalle, der Hegel der deutschen Arbeiterbewegung, starb 1864 im Alter von nur 39 Jahren. Der heute ganz zu Unrecht weitgehend vergessene Hermann Heller knüpfte an diese Lassalle’schen Positionen an und strebte danach, den Gegensatz zwischen Sozialismus und Nation aufzulösen, und die bürgerliche Weimarer Gesellschaft in eine »nationale Volksgemeinschaft« bzw. eine »nationale sozialistische Kulturgemeinschaft« umzugestalten.

Voraussetzung jeder Staatsbildung sei »die Betätigung eines gemeinsamen Willensgehaltes, der fähig ist, die ewig antagonistische gesellschaftliche Vielheit zur staatlichen Einheit zu integrieren.« Heller erachtet soziale Homogenität zur Wahrung der politischen Einheit eines Volkes als unverzichtbar. Die stärksten und dauerndsten menschlichen Vergemeinschaftungen beruhten nicht auf organisatorischer, zweckbewußter Interessenverbindung, sondern hätten einen organischen naturhaften Kern. Die wichtigsten naturhaften Bindungen, welche die Menschen ohne ihr Zutun zusammenführen und von anderen absondern, seien »die Abstammung und die Landschaft.

Beide bilden auch natürliche Grundlagen der Nation.« Entfalle diese Bindungskraft, dieser Wille zur nationalen Vergemeinschaftung, könne sich das Volk im Staat nicht mehr wiedererkennen und sich mit dessen Repräsentanten nicht mehr identifizieren; dann werde die bis dahin parlierende zur »diktierenden Partei«: »In diesem Augenblick ist die Einheit gespalten, sind Bürgerkrieg, Diktatur, Fremdherrschaft als Möglichkeiten gesetzt.«

Jenseits abwegiger »sentimentaler Abstraktionen« sieht Heller den Hegelschen Nationalstaat als wesentliche Voraussetzung für jegliche Umsetzung sozialistischer Politikinhalte. Gelänge es nicht, die »liberale Staatsangst […], die noch so vielen Sozialisten in den Knochen sitzt«, zu überwinden, und die »ideologische Plattform einer gleichen und einheitlichen Menschengesellschaft« hinter sich zu lassen, bleibe der Sozialismus in der Ideenwelt seines Hauptgegners, des Kapitalismus, befangen und beraube sich schon von daher selbst jeglicher politischer Anziehungskraft auf die Arbeiterschaft.

Diese für die Nation zu gewinnen, sei das Alpha und Omega einer erfolgreichen linken Politik: »Uns (deutschen Sozialisten) ist die Nation kein Durchgangspunkt zu einem kulturlosen Menschenbrei, sondern die schicksalsgebundene Lebensform, in der wir an den übernationalen Zwecken der Menschheit allein mitarbeiten können und wollen.« Auch Heller, dem »Vater der Politischen Wissenschaft in Deutschland« (Hans Mommsen), blieb es verwehrt, sein geistiges Werk zu vollenden. Als Jude und SPD-Mitglied erlag er im Madrider Exil im November 1933 im Alter von nur 42 Jahren den Folgen eines Herzleidens, das er sich als Frontsoldat des Ersten Weltkrieges zugezogen hatte.

In Hellers Heimat urteilten die Gerichte ab 1933 erstmals unter der Formel »Im Namen des deutschen Volkes«. Im Kaiserreich und in Weimar waren diese noch »Im Namen des Reiches« ergangen. Daneben galten unter Hitler, obgleich durch eine Vielzahl von Verordnungen und Gesetzen überlappt und entkernt, kurioserweise die Verfassung des verhaßten Vorgängerstaates, die Weimarer Reichsverfassung, und die danach verbrieften Grundrechte des Volkes formell weiter.

Wie die nachfolgenden Jahre zeigen sollten, wurde der Volksbegriff indes nach und nach rassebiologisch ausgehöhlt, wobei die vermeintliche Überlegenheit der Rassentheorie kennzeichnenderweise gerade in argumentativer Abgrenzung zu »romantisch« geprägten Volksvorstellungen des 19. Jahrhunderts erwiesen werden sollte. Vor dem Hintergrund der Programmatik der NSDAP war dieser Abschied vom ethnischen Volksbegriff nur konsequent: »Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist …« (Punkt 4).

Bürger jüdischen Glaubens, die oft auf eine generationenlange Zugehörigkeit zum deutschen Volk verweisen und an derer deutschen Identität keine vernünftigen Zweifel bestehen konnten, waren danach über Nacht aus dem deutschen Volk ausgebürgert. Das Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz von 1913, dem der ethnische Volksbegriff zugrunde lag, wurde durch das Gesetz zur Änderung des Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz vom 15. Mai 1935 (RGBl 1935 I, S. 593) in Teilbereichen außer Kraft gesetzt und im übrigen durch eine klassische Blankettnorm ersetzt, die der Willkür Tür und Tor öffnete: »Über die Verleihung der deutschen Staatsangehörigkeit entscheiden die Einbürgerungsbehörden nach pflichgemäßen Ermessen. Ein Anspruch auf Einbürgerung besteht nicht.«

Die NS-Phraseologie bespielte zwar zwölf Jahre lang unablässig die Klaviatur neu kreierter Volksbegriffe, von »Ein Volk, ein Reich, ein Führer« bis zu »Du bist nichts, Dein Volk ist alles«, vom Volksempfänger bis zum Volkswagen, vom Völkischen Beobachter bis zur Volksaufklärung und vom Volksgerichtshof bis zum Volkssturm. Wenn es aber darauf ankam, etwa wenn man Beamter oder Soldat bleiben oder werden wollte, wenn man heiraten wollte, wenn man eine Gaststättenkonzession beantragte, usw., dann mußte der »Volksgenosse« zur richtigen Rasse gehören und konnte seinen Identitätsnachweis als deutscher Staatsbürger aus Weimarer Tagen gleich in der Tasche stecken lassen.

Der Volksbegriff wurde im Nationalsozialismus freilich nicht nur durch den Begriff der Rasse, sondern auch durch den Begriff der Masse unterwandert. Adolf Hitler hatte Gustave le Bons Psychologie der Massen sorgfältig studiert; seine ungeheuren Erfolge als politischer Redner vor und nach 1933 verleiteten ihn zu der Annahme, das Volk sei allein Knetmasse in den Händen seiner Führung. Schwanke diese Führung oder trete sonst ein unvorhergesehener Fall ein, verhalte sich das Volk wie eine verrücktgewordene Hühnerschar.

In einer Geheimrede vom 10. November 1938 vor einem kleinen Kreis von Parteigrößen bezeichnete Hitler die Deutschen explizit als »Hühnervolk« und machte mit diesem zoologischen Vokabular deutlich, daß er das Volk nicht als aktiven Träger staatlicher Souveränität, sondern vor allem als sozialpsychologisch-passive Verschiebegröße betrachtete. Im Lichte dieser doppelten Mißachtung des Volkes durch den Nationalsozialismus kann man es nur als tragisch bezeichnen, daß die deutsche Linke nach 1945 nicht willens und / oder fähig war, an die vorzitierte Lassalle-Hellersche Symbiose aus Sozialismus und Nation anzuknüpfen.

Sozialismus, hatte Hermann Heller definiert, bedeute »nicht das Ende, sondern die Vollendung der nationalen Gemeinschaft«; aber über diese für die Deutschen so wichtigen Gedankenansätze schien die historische Entwicklung hinweggegangen. Umsonst ermahnte der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher seine Genossen, diese beiden, seit Mitte des 19. Jahrhunderts wirkmächtigsten Politikfelder – gerade im Lichte des desaströsen Scheiterns der nationalsozialistischen Ideologie – wieder zusammenzudenken. Seine Partei wollte aber auf Gedeih und Verderb an der Macht im fremdbestimmten Westdeutschland teilhaben und ergab sich daher nach Schumachers Tod im Jahre 1952 mehr und mehr einem internationalistischen Sozialismus.

Zu allem Überfluß wurde das SPD-Programm nach dem Godesberger Parteitag von 1959 mit liberalindividualistischen, dezidiert nationfeindlichen Elementen vermengt. Wer sich diese inhaltlichen Irrwege vergegenwärtigt, versteht auch, woher die heutige ausgeprägte Feindschaft der deutschen Linken zum eigenen Volk stammt (vgl. dazu zuletzt den im Dezember 2018 im Bundestag durch die Fraktion Die Linke vorgelegten Gesetzentwurf, wonach sämtliche, allein den Deutschen vorbehaltenen Grundrechte des Grundgesetzes, u. a. Versammlungs-, Vereinigungs- und Berufsfreiheit sowie Recht auf Freizügigkeit [Artt. 8, 9, 12 und 11 GG], in »Grundrechte für alle« einplaniert werden sollen).


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