Organismus oder Konstrukt? – Der falsche Gegensatz

von Gunnar Thümen
PDF der Druckfassung aus Sezession 88/Februar 2019

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Nein, Max H. Böhm war nicht voll­ends zufrie­den. Anders als Carl Schmitt, der Die moder­ne Nati­on als ein »sehr gutes Buch« emp­fand, war Böhm mit eini­gen The­sen des Wer­kes nicht ein­ver­stan­den. Hat­te doch der Ver­fas­ser, der Sozio­lo­ge Heinz O. Zieg­ler, die Ver­su­che, Nati­on und Volk anhand von objek­ti­ven, »seins­haf­ten« Fak­to­ren zu bestim­men, ver­wor­fen und die kon­struk­ti­vis­ti­schen, ins­be­son­de­re die macht­po­li­ti­schen Ele­men­te, die in bei­den Erschei­nun­gen ste­cken, betont.

Böhm dage­gen woll­te nicht so weit gehen, son­dern näher­te sich etwas spä­ter in sei­nem Haupt­werkt Das eigen­stän­di­ge Volk mit­hil­fe der Begrif­fe »das Völ­ki­sche«, »das Volk­haf­te«, »das Natio­na­le« und »das Volk­li­che« dem Phä­no­men »Volk« an.

Ob Zieg­ler der ers­te deutsch­spra­chi­ge Autor war, der die Posi­ti­on des Kon­struk­ti­vis­mus in Zusam­men­hang mit sozia­len Grup­pen ver­trat, kann hier nicht ent­schie­den wer­den. Sein Werk nahm aber die Fra­ge vor­weg, bei deren Beant­wor­tung sich heu­te Poli­ti­ker, Jour­na­lis­ten und Wis­sen­schaft­ler unver­söhn­lich gegen­über­ste­hen: Wie­viel Kon­struk­ti­on steckt im Volk?

Die Stoß­rich­tung in der öffent­li­chen Dis­kus­si­on ist dabei ein­deu­tig. Es ver­geht kaum eine Woche, in der Ver­tre­ter des Main­streams nicht beto­nen, wie halt- und sub­stanz­los das gan­ze Welt­bild der neu erwach­sen­den poli­ti­schen Kon­kur­renz von rechts sei.

Die AfD hän­ge einer ver­al­te­ten, wis­sen­schaft­lich längst wider­leg­ten Vor­stel­lung von Kul­tur an, die deut­sche Kul­tur beschrän­ke sich ohne­hin nur auf die deut­sche Spra­che, und mit Bio­lo­gie habe Volk rein gar nichts zu tun.

Kurz: Die­je­ni­gen, die sich für den Erhalt des Vol­kes ein­set­zen, wür­den einem Phan­tom nach­ja­gen, einer nur gedank­lich erschlos­se­nen sozia­len Struk­tur, der kei­ne objek­ti­ve Rea­li­tät zukomme.

Für die meta­po­li­ti­sche Arbeit inter­es­san­ter als die­se durch­sich­ti­gen Ver­su­che, den poli­ti­schen Geg­ner als wirk­lich­keits­frem­den Ideo­lo­gen zu dis­kre­di­tie­ren, sind die unter die­ser Ober­flä­che herr­schen­den kon­struk­ti­vis­ti­schen Theo­rien der Anthro­po­lo­gie und Sozio­lo­gie, aus denen sich die eta­blier­ten Poli­ti­ker (bruch­stück­haft) bedienen.

Unum­strit­te­ner Pio­nier die­ser Rich­tung ist der ehe­mals in Bos­ton leh­ren­de nor­we­gi­sche Anthro­po­lo­ge Fre­drik Barth, des­sen Ein­lei­tung zum Sam­mel­band Eth­nic Groups and Bounda­ries: The Social Orga­niz­a­ti­on of Cul­tu­ral Dif­fe­rence im Jahr 1969 eine neue Epo­che in der Eth­no­lo­gie einleitete.

Aus­gangs­punkt sei­ner Unter­su­chung war die durch­aus legi­ti­me Fra­ge, was denn ein Volk aus­ma­che und was die geschicht­li­che Ana­ly­se­ein­heit »Volk« sei, wenn davon aus­ge­gan­gen wer­den kön­ne, daß sich Kul­tur im Lau­fe der Zeit ändere.

Er hin­ter­frag­te damit die bis dato in der Anthro­po­lo­gie vor­herr­schen­de Gleich­set­zung von Volk und Kul­tur und stell­te als Ergeb­nis eini­ger Feld­stu­di­en fol­gen­de Hypo­the­se auf: Die Ein­heit »Volk« beruht nicht (so sehr) auf einer gemein­sa­men Kul­tur, son­dern auf »sozia­ler Orga­ni­sa­ti­on«, d. h. auf einem Pro­zeß der »Dicho­to­mi­sie­rung«, der das Eige­ne vom Frem­den trennt.

Ent­schei­den­des Mit­tel für die Grenz­zie­hung ist die auf Inter­ak­ti­on mit den Frem­den basie­ren­de Zuschrei­bung und Selbst­iden­ti­fi­ka­ti­on. Dem­zu­fol­ge ist Volk kei­ne dis­kre­te, anhand von objek­ti­ven, pri­mor­dia­len Merk­ma­len bestimm­ba­re Grö­ße, son­dern es sind viel­mehr sub­jek­ti­ve Bestim­mungs- und Iden­ti­fi­zie­rungs­pro­zes­se ent­schei­dend, im Rah­men derer sich eine Grup­pe von Indi­vi­du­en als ein bestimm­tes Volk bezeichnet.

Erst wenn die­ser Schritt erfolgt ist, sind die Vor­aus­set­zun­gen für eine von den Volk­zu­ge­hö­ri­gen geteil­te Kul­tur geschaf­fen. Wur­de tra­di­tio­nell die gemein­sa­me Kul­tur als bestim­mend für ein Volk ange­se­hen, geht rea­li­ter die Dicho­to­mi­sie­rung der Kul­tur vor. Gemein­sa­me Kul­tur sei das Ergeb­nis und nicht die Ursa­che des Abgrenzungsprozesses.

Die Wis­sen­schafts­ge­mein­de nahm die­sen Gedan­ken begeis­tert auf und stell­te in den fol­gen­den Jah­ren unzäh­li­ge Volks­theo­rien auf, in denen der Fak­tor »Kul­tur« zuneh­mend an Bedeu­tung ver­lor. Auf gro­ße Wider­hall stieß in die­sem Zusam­men­hang ein wei­te­rer von Barth zur Dis­kus­si­on gestell­ter Gedan­ke: der des stra­te­gisch han­deln­den Indi­vi­du­ums, wel­ches – je nach his­to­ri­scher Situa­ti­on und je nach­dem, ob es oppor­tun ist – die Iden­ti­tät wechselt.

Durch ein sol­ches Ver­hal­ten, das Barth in den Feld­stu­di­en beob­ach­tet zu haben glaub­te, konn­ten die Wis­sen­schaft­ler zu ihrer Erleich­te­rung nun auch aus­schlie­ßen, daß kul­tu­rel­le Dif­fe­ren­zen eine bio­lo­gi­sche Grund­la­ge haben könnten.

Denn wenn Indi­vi­du­en tat­säch­lich in der Lage sind, die Gren­zen eines Vol­kes zu über­schrei­ten und die Volks­zu­ge­hö­rig­keit zu wäh­len, kann es sich unmög­lich beim Volk um eine bio­lo­gi­sche Ein­heit mit »unver­än­der­ba­rem Wesen« handeln.

Als gemein­sa­mer Nen­ner der ver­schie­de­nen kon­struk­ti­vis­ti­schen Theo­rien schäl­te sich der Ansatz her­aus, daß Eth­ni­zi­tät oder volk­li­che Iden­ti­tät nicht mehr etwas ist, das man fest und unver­än­der­lich besitzt, son­dern etwas, das durch ratio­nal agie­ren­de Akteu­re (aus Macht­in­ter­es­se) mit­tels Zuschrei­bung oder Mobi­li­sie­rung situa­tiv kon­stru­iert wird.

Völ­ker stel­len dem­nach kei­ne rea­len, d. h. fest­ste­hen­den geschicht­li­chen Ein­hei­ten dar, son­dern sind instru­men­ta­li­sier­bar, form­bar und flu­id. Ist das überzeugend?

Barths blei­ben­des Ver­dienst ist es sicher­lich, auf die Bedeu­tung der Grenz­zie­hung für das Bestehen von Völ­kern hin­ge­wie­sen zu haben. Volk hat immer auch eine iden­ti­fi­ka­ti­ve Sei­te. Frag­lich ist aber, ob das zwangs­läu­fig mit der heu­te modi­schen Aus­sa­ge ver­bun­den sein muß, Volk kom­me kei­ne Rea­li­tät zu.

Oder anders gefragt: Ist die dahin­ter­ste­hen­de – unaus­ge­spro­che­ne – Annah­me sach­ge­recht, Volk kön­ne nur real sein, wenn es als bio­lo­gi­sche Ein­heit real ist? Der Akt der Zuschrei­bung selbst ist zunächst viel weni­ger belie­big, als es auf den ers­ten Blick erscheint.

Wird die Eigen­zu­schrei­bung eines Ein­zel­nen zu einem bestimm­ten Volk nicht von der Mehr­heit die­ses Vol­kes geteilt, ist sie bedeu­tungs­los; wird die Selbst­iden­ti­fi­ka­ti­on eines Vol­kes nicht von ande­ren Völ­kern geteilt, besteht zumin­dest die Gefahr ihrer Bedeutungslosigkeit.

Erst die Aner­ken­nung durch ande­re, die Über­ein­stim­mung von Selbst­iden­ti­fi­ka­ti­on und Fremd­zu­schrei­bung, ver­leiht der Zuschrei­bung die Bedeu­tung, die Barth ihr zukom­men läßt. Kol­lek­ti­ve Inten­tio­na­li­tät ist die unbe­ding­te Vor­aus­set­zung für sta­tus func­tions, wie John R. Sear­le zurecht sagt.

Der sub­jek­ti­ve Akt der Zuschrei­bung bedarf mit­hin einer Objek­ti­vie­rung, d. h. sie muß zur geteil­ten Wirk­lich­keit, zu einem Fakt gewor­den sein, der nicht ohne wei­te­res aus der Welt zu schaf­fen ist. Die­se Erkennt­nis führt zu den Merk­ma­len, die die Akteu­re der Zuschrei­bung zugrun­de legen, denn ohne iden­ti­sche – oder zumin­dest ohne eine gro­ße Schnitt­men­ge zwi­schen den – Kri­te­ri­en für Volks­zu­ge­hö­rig­keit gäbe es kei­ne Deckung bei den Zuschreibungen.

Die Ant­wort auf die Fra­ge nach den her­an­ge­zo­ge­nen Kri­te­ri­en lie­fern Arbei­ten von Wis­sen­schaft­lern, die sich der Grö­ße »Volk« psy­cho­lo­gisch nähern. Ihr Unter­su­chungs­ge­gen­stand ist weni­ger die Fra­ge, wie unter­schied­lich ver­schie­de­ne Völ­ker die Welt wahr­neh­men und in ihr han­deln, als viel­mehr der uni­ver­sal­men­sch­li­che kogni­ti­ven Pro­zeß der Kate­go­ri­sie­run­gen, durch den die Welt als eine Ansamm­lung von Völ­kern inter­pre­tiert und struk­tu­riert wird.

Die­ser »eth­ni­sche Essen­tia­lis­mus« ist ins­be­son­de­re mit dem Namen des Anthro­po­lo­gen Fran­ces­co Gil-White ver­bun­den, der auf­bau­end auf der Arbeit des Psy­cho­lo­gen Law­rence Hirsch­feld und sei­nen eige­nen Feld­stu­di­en zu dem Schluß kam, daß als Fol­ge der Evo­lu­ti­on das mensch­li­che Gehirn »Volk« wie eine bio­lo­gi­sche Spe­zi­es verarbeitet.

Dies sei zwar onto­lo­gisch falsch, füh­re epis­te­mo­lo­gisch aber zu der rich­ti­gen Erkennt­nis, wel­ches Ver­hal­ten »adap­ti­ve Vor­tei­le« erzie­le. Aus­ge­löst wer­de die­ser Pro­zeß immer dann, wenn eine Grup­pe durch (1) gemein­sa­me Mar­ker (Spra­che, Klei­dung, Haut­far­be usw.), (2) Ähn­lich­keit von Eltern und Nach­kom­men sowie (3) Grup­pen-Endo­ga­mie gekenn­zeich­net sei.

Er ver­trat daher die The­se, welt­weit ver­brei­tet sei ein ange­bo­re­nes, »streng pri­mor­dia­lis­ti­sches« kogni­ti­ves Modell, dem zufol­ge Volk­zu­ge­hö­rig­keit allein an der bio­lo­gi­schen Abstam­mung fest­ge­macht wer­de. Selbst wenn ein weni­ger anspruchs­vol­les kogni­ti­ves Modell ange­nom­men wird, nach wel­chem Volks­zu­ge­hö­rig­keit auch durch Enkul­tu­ra­ti­on in beson­de­ren Fäl­len mög­lich ist, bleibt es dabei: Im Lau­fe der mensch­li­chen Evo­lu­ti­on hat sich eine eth­ni­sche Psy­cho­lo­gie her­aus­ge­bil­det, in der Abstam­mung die wesent­li­che Rol­le spielt.

Stellt sich nun eine Grup­pe von Indi­vi­du­en als eine ver­ti­kal repro­du­zie­ren­de Ein­heit dar, wird die­se Selbst­dar­stel­lung von ande­ren Grup­pen akzep­tiert und zieht schließ­lich die­se Selbst- und Fremd­zu­schrei­bung kon­gru­en­tes Han­deln nach sich, ist durch die angeb­lich sub­jek­ti­ve Wen­de in Fol­ge von Barth wenig gewonnen.

Es macht dann kaum noch einen Unter­schied, ob die Men­schen nun in bezug auf das Volk so han­deln, als ob oder weil es sich um eine Abstim­mungs­ge­mein­schaft han­delt. Für die Han­deln­den ist Volk wegen der ange­bo­re­nen Psy­cho­lo­gie real. Dadurch, daß sie ange­bo­ren ist, ist fer­ner die rela­ti­ve Kon­stanz des Kri­te­ri­ums im Zeit­ab­lauf gewährleistet.

Andern­falls wäre die mensch­li­che Grö­ße »Volk« stän­dig neu zu ver­han­deln; sie könn­te qua­si über Nacht aus der Welt ver­schwin­den oder ex nihi­lo ent­ste­hen – ein offen­sicht­lich unrea­lis­ti­scher Zustand. Nun ist es aus evo­lu­ti­ons­theo­re­ti­scher Sicht unwahr­schein­lich, daß sich eine sol­che Psy­cho­lo­gie qua­si im luft­lee­ren Raum her­aus­ge­bil­det haben sollte.

Der Vor­wurf, es han­de­le sich dabei um eine Spie­le­rei der Natur, ohne jeg­li­che Ver­bin­dung zur mate­ri­el­len oder kul­tu­rel­len Welt, ist nicht über­zeu­gend. Viel­mehr ist davon aus­zu­ge­hen, daß es die Struk­tur die­ser Welt war, in der die eth­ni­sche Psy­cho­lo­gie als vor­teil­haf­te Ver­hal­tens­wei­se selek­tiert wur­de (womit nicht gesagt wer­den soll, es gebe kei­ne Rück­wir­kung auf die Umweltstruktur).

Ergän­zend zur psy­cho­lo­gi­schen Ebe­ne bedarf es also auch einer Ana­ly­se die­ser Struk­tu­ren, um das Phä­no­men »Volk« zu ver­ste­hen. Hier­zu bie­tet sich beson­ders der Theo­rie­strang inner­halb der Anthro­po­lo­gie an, der die Wei­ter­ga­be von kul­tu­rel­len Eigen­schaf­ten zwi­schen den Genera­tio­nen zu erklä­ren versucht.

Die­se For­schungs­rich­tung, die mit L. L. Caval­li-Sfor­za, Mark Feld­man, Rob Boyd oder Peter J. Richer­son ihre wohl bekann­tes­ten Ver­tre­ter und mit dem Max-Planck-Insti­tut für evo­lu­tio­nä­re Anthro­po­lo­gie in Leip­zig auch in Deutsch­land eine gewich­ti­ge Ver­tre­tung besitzt, führt gewis­ser­ma­ßen den Weg Arnold Geh­lens, den er mit sei­nem Werk Der Mensch. Sei­ne Natur und sei­ne Stel­lung in der Welt in den 1940er Jah­ren ein­ge­schla­gen hat, im Zeit­al­ter des Genoms fort.

Ihr Aus­gangs­punkt ist die Plas­ti­zi­tät und Welt­of­fen­heit des Men­schen. Im Gegen­satz zu ande­ren Pri­ma­ten besitzt dem­nach der Mensch die – gene­tisch beding­te – psy­cho­lo­gi­sche Vor­aus­set­zung, die ihn befä­higt, kul­tu­rel­le Leis­tun­gen zu erbringen.

Durch sei­ne kul­tu­rel­len Leis­tun­gen ändert der Mensch die Umwelt, die ihn umgibt, indem er mit der Kul­tur als eine auf Grup­pen­ebe­ne wir­ken­de Erschei­nung eine sozia­le Umwelt (von ihnen cul­tu­ral niche con­struc­tion genannt) schafft, durch die lang­fris­tig ein auf die Gene wir­ken­der (geän­der­ter) Selek­ti­ons­druck aus­ge­übt und der Pro­zeß einer Gen-Kul­tur-Koevo­lu­ti­on ange­sto­ßen wird.

Die Kul­tur wird so zu einem wesent­li­chen Trei­ber der mensch­li­chen Evo­lu­ti­on. Die­se For­scher betrach­ten »Volk« als einen sozia­len Groß­ver­band, des­sen Mit­glie­der der­ar­tig vie­le kul­tu­rel­le Merk­ma­le tei­len, daß der Unter­schied zwi­schen ihnen klei­ner ist als der zu ande­ren sozia­len Groß­ver­bän­den, und die sich als eine sta­bi­le, ein­deu­tig abgrenz­ba­re his­to­ri­sche Ein­heit ver­ste­hen. Auch wenn für sie »Volk« in ers­ter Linie ein kul­tu­rel­les Phä­no­men ist, das sei­nes­glei­chen in der Tier­welt sucht, kämen die­se Wis­sen­schaft­ler nicht auf die Idee zu behaup­ten, »Volk« sei nicht real, und zwar aus zwei Gründen:

 

    1. Kul­tur wird (zumin­dest) auf Grup­pen­ebe­ne ver­erbt. Die Fähig­keit des Men­schen zum sozia­len Ler­nen ermög­licht die Wei­ter­ga­be kul­tu­rel­ler Merk­ma­le von einer Genera­ti­on zur nächs­ten (ver­ti­ka­les sozia­les Ler­nen) sowie die Wei­ter­ga­be inner­halb einer Genera­ti­on (hori­zon­ta­les sozia­les Lernen).
    Im Lau­fe der Mensch­heits­ge­schich­te ent­wi­ckel­te Heu­ris­ti­ken wie die Vor­lie­be, von erfolg­rei­chen Indi­vi­du­en, der Mehr­heit (Kon­for­mi­tät) oder von Glei­chen zu ler­nen, erhöht die Homo­ge­ni­tät inner­halb der Grup­pe. Die Eigen­schaft mensch­li­cher Kul­tur, sich inter­ge­nera­tio­nell zu akku­mu­lie­ren, funk­tio­na­le Abhän­gig­kei­ten ver­schie­de­ner Merk­ma­le sowie Grup­pen­ri­va­li­tät ver­stär­ken die kul­tu­rel­le Clus­te­rung und die Dif­fe­ren­zen zu ande­ren Gruppen.
    So kommt es, daß »[v]iele Wer­te und Über­zeu­gun­gen, wel­che in einer Grup­pe zu einem Zeit­punkt üblich waren, (…) auch den Nach­fah­ren der­sel­ben Grup­pe gemein­sam [sind]« (Rob Boyd / Peter J. Richerson).
    2. Insti­tu­tio­nen kommt eine beson­de­re Bedeu­tung für das Bestehen eines Groß­ver­ban­des zu. Nor­men (Prä­fe­ren­zen, Wer­te, men­ta­le Model­le, Ent­schei­dungs­re­geln oder Glau­bens­sät­ze) stel­len men­ta­le Reprä­sen­ta­tio­nen inner­halb des indi­vi­du­el­len Gehirns dar, die vor­ge­ben, wie man sich selbst und wie ande­re sich zu ver­hal­ten haben.
    Durch sozia­les Ler­nen und Bestra­fung von Abweich­lern nähern sich die Nor­men der Indi­vi­du­en soweit an, daß sie von den Mit­glie­dern einer Grup­pe weit­ge­hend geteilt wer­den und auf Grup­pen­ebe­ne als Insti­tu­tio­nen erschei­nen, die wie­der­um auf die Indi­vi­du­en zurückwirken.
    Das Resul­tat ist ein sich selbst­ver­stär­ken­des, die­ser Grup­pe spe­zi­fi­sches Erwar­tungs- und Ver­hal­tens­gleich­ge­wicht, das die Mit­glie­der ver­an­laßt, vor­nehm­lich mit Mit­glie­dern des eige­nen Ver­ban­des zu inter­agie­ren bzw. zu koope­rie­ren, wodurch sich der Unter­schied zu den Insti­tu­tio­nen ande­rer Ver­bän­de vergrößert.

So kommt es, daß kul­tu­rell unter­schied­li­che Ver­hal­tens­wei­sen von sozia­len Grup­pen (die Völ­ker) inner­halb der­sel­ben Umwelt bestehen kön­nen, die aus der Ver­gan­gen­heit kom­mend in die Zukunft vor­ge­tra­gen wer­den. »Kul­tu­rel­le oder insti­tu­tio­nel­le Inno­va­to­ren« haben mit die­ser Tat­sa­che bei ihren Refor­men zu rechnen.

Sie kön­nen sie zwar ver­wün­schen, sicher aber nicht weg­wün­schen. Daß »Volk« dar­über hin­aus auch eine bio­lo­gi­sche Sei­te hat, hat etwa Andre­as Von­der­ach bereits in Sezes­si­on 52Wir selbst – anthro­po­lo­gisch«) dar­ge­legt. An die­ser Stel­le kam es nur dar­auf an, im Zusam­men­hang mit dem mensch­li­chen Phä­no­men »Volk« zu zei­gen, wie offen­sicht­lich falsch es ist, »von Men­schen gemacht« mit »ima­gi­när« gleich­zu­set­zen, nur weil etwas nicht direkt bio­lo­gisch im engen Sin­ne ist.

Mensch­li­che Rea­li­tät erschöpft sich nicht in bio­lo­gi­scher Rea­li­tät. Bio­lo­gie ist kei­ne Vor­aus­set­zung dafür, daß sozia­le Grup­pen im all­ge­mei­nen und Volk im beson­de­ren real sind. Dem wider­spricht nicht, daß Zuschrei­bung bzw. Iden­ti­fi­ka­ti­on eine gro­ße Rol­le für das Bestehen eines Vol­kes besit­zen und daß poli­ti­sche Macht­grup­pen sie häu­fig für Mobi­li­sie­rungs­zwe­cke nutzen.

»Rea­li­tät« und »Kon­struk­ti­on« erwei­sen sich so als fal­scher Gegen­satz. Und Fre­drik Barth? Wie reagier­te Barth auf sei­nen Erfolg? Er, der 2016 ver­stor­ben ist, zog anläß­lich des 25. Jah­res­ta­ges des Erschei­nens sei­nes Auf­sat­zes ein eher bit­te­res Fazit und erteil­te sei­nen Epi­go­nen eine schwe­re Abfuhr.

Die Bedeu­tung der sub­jek­ti­ven Sei­te des Vol­kes zu beto­nen hei­ße nicht, der gemein­sa­men Kul­tur kom­me in die­sem Zusam­men­hang kei­ner­lei Bedeu­tung zu. Im Gegenteil:

(…) zen­tra­le und kul­tu­rell geschätz­te Insti­tu­tio­nen und Akti­vi­tä­ten in einem Volk sind mög­li­cher­wei­se tief in den Erhalt der Abgren­zung involviert (…)

Die Fra­ge, inwie­weit Barth selbst zu die­sem Miß­ver­ständ­nis bei­getra­gen haben könn­te, braucht hier nicht beant­wor­tet zu wer­den. Es reicht fest­zu­hal­ten, daß der geis­ti­ge Groß­va­ter der heu­te gebets­müh­len­ar­tig vor­ge­tra­gen Argu­men­te der Volks­leug­ner eben die­sen Argu­men­ten bereits vor fast 25 Jah­ren den Boden ent­zo­gen hat.

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