Leben nämlich! Knut Hamsun zum 150.

pdf der Druckfassung aus Sezession 31 /August 2009

sez_nr31Debatten um die Qualität eines Literaturnobelpreisträgers sind die Regel. Daß der Geehrte erst späterhin zu einem Umstrittenen, ja Verfemten wird, ist der Ausnahmefall. Knut Hamsun steht für diese Ausnahme. 1945 hat die Welt, nicht nur die literarische, mit ihm gebrochen. Fürs erste jedenfalls. Zuvor hatten sie sich alle überschlagen mit Huldigungen des Romanciers aus dem hohen Norden.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Tho­mas Mann (der spä­ter harsch die Grün­dung einer lite­ra­ri­schen Ham­sun-Gesell­schaft zurück­wies) befand, der Nobel­preis sei »nie einem Wür­di­ge­ren« ver­lie­hen wor­den, Maxim Gor­ki nann­te Ham­suns Dich­tung eine »Hei­li­ge Schrift des Men­schen«, und Ste­fan Zweig schrieb tref­fend: »Knut Ham­sun bedeu­tet die edels­te Form der Männ­lich­keit, näm­lich Zart­heit, die aus gro­ßer Kraft quillt, Lei­den­schaft, die sich hin­ter har­ter Herbheit ver­birgt, eine reins­te und unlern­ba­re Ein­heit aus Hin­ge­bung und Scham, wie es jedem wahr­haf­ten männ­li­chen Kunst­werk inne­woh­nen muß.« Unter ande­ren Her­mann Hes­se und Joa­chim Fernau nann­ten Ham­sun als Lieb­lings­schrift­stel­ler. Spä­tes­tens 1945, nach sei­nem berüch­tig­ten Nekro­log auf Adolf Hit­ler, durf­te man Ham­sun frag­los als Nar­ren bezeichnen.


Ham­sun wur­de am 4. August 1859 als Knud Peder­sen in Lom gebo­ren, inne­res Nor­we­gen. Sein Vater war Schnei­der, die schwer­mü­ti­ge Mut­ter brach­te sie­ben Kin­der zur Welt. Als Knud drei war, ver­ließ die Fami­lie den seit Genera­tio­nen ange­stamm­ten Hof und zog gen Nor­den, an den Polar­kreis. Der Jun­ge wuchs zeit­wei­se bei einem ver­haß­ten, prü­geln­den Onkel auf, eine Schu­le besuch­te er nur weni­ge Mona­te – aufs gesam­te Leben gerech­net. So sehr es ihn in den fol­gen­den Jahr­zehn­ten sei­nes Lebens zur Grün­dung, zum Nie­der­las­sen an einem Ort trieb, so rast­los war sein Leben auf der ande­ren Sei­te. Zwei­mal zog es ihn für län­ge­re Zeit nach Ame­ri­ka, er leb­te in Paris, reis­te viel durch Deutsch­land, Ruß­land (drei Län­der, die er lieb­te) und die Tür­kei. Ordent­lich gepack­te Kof­fer waren ihm noch im Alter ein Greu­el, mit einem zusam­men­ge­schnür­ten Bün­del begab er sich auf Fahrt.
Sein Bemü­hen um schrift­stel­le­ri­schen Erfolg glich dem Tau­sen­der Möch­te­gern-Autoren heu­te: Aller­or­ten warb er um Unter­stüt­zung und kas­sier­te über Jah­re nur Ableh­nun­gen. Mit angriffs­lus­ti­gen Kul­tur­ar­ti­keln und bis­si­gen Vor­trags­ver­an­stal­tun­gen schlug er sich durch. Als ein Blatt 1889 sei­ne Erzäh­lung Hun­ger – gespeist aus Ham­suns bit­ter­ar­mer, todes­na­her Zeit in Oslo – abdruck­te, war der Durch­bruch geschafft. Der enig­ma­ti­sche, ja hal­lu­zi­na­to­ri­sche Kurz­ro­man kur­sier­te bald über die Lan­des­gren­zen hin­weg. In Deutsch­land übri­gens ver­kauf­te er sich am bes­ten. (Auch in Ruß­land und Ame­ri­ka las man Ham­sun gern, woge­gen die Bri­ten nie viel von dem noto­ri­schen Eng­land-Has­ser hielten.)
Von die­sem fein­ner­vi­gen Ich-Erzäh­ler woll­te man mehr hören! Noch bevor Hun­ger als Buch ver­legt wur­de, erschien sein Pam­phlet Aus dem Geis­tes­le­ben des moder­nen Ame­ri­ka. Das Werk geriet so hämisch, daß Ham­sun des­sen Neu­auf­la­ge unter­band. Ame­ri­ka ste­he »unter dem Des­po­tis­mus der Frei­heit – ein Des­po­tis­mus, der umso uner­träg­li­cher ist, als er von einem selbst­ge­rech­ten, unin­tel­li­gen­ten Volk aus­ge­übt wird.« Ver­ab­scheu­ens­wert waren ihm die ame­ri­ka­ni­sche Spra­che, die Frau­en dort (man darf sagen, Ham­sun nahm die Cha­rak­te­re der hun­dert Jah­re spä­ter pro­du­zier­ten US-Serie Despe­ra­te House­wi­ves vor­weg!), der Kult ums Geld und um die Skla­ven­be­frei­ung – das Buch war eine rei­ne Pro­vo­ka­ti­on. Es erreg­te Auf­se­hen, unter ande­rem schätz­ten es August Strind­berg und John Updi­ke sehr.

Ham­sun wur­de zu einem Salon­lö­wen, er misch­te sich – teils bar­fü­ßig – unter Tref­fen des groß­städ­ti­schen Kul­tur­bür­ger­tums in Oslo, war mit sei­nem nietz­schea­ni­schen Habi­tus gern­ge­se­he­ner Gast bei intel­lek­tu­el­len Zir­keln: »Ich genie­ße es, rück­sichts­los zu sein, so daß anstän­di­ge Leu­te mich mit offe­nem Mund anstar­ren!« Das Stadt­le­ben zog ihn an und stieß ihn zugleich ab, schon damals nann­te er die ihm bekann­ten Metro­po­len wie Min­nea­po­lis, Chi­ca­go und Paris »leuch­ten­de Schei­ter­hau­fen der Kultur.«
Ham­sun genoß sei­ne Rol­le als Wider­borst, als Außen­sei­ter, die im Grun­de gar kei­ne »Rol­le« war: Zwi­schen Schein und Sein paß­te kein Blatt. Die Empör­ten mit dem offe­nen Mund (also: das Auf­se­hen, nach dem er lechz­te) hat­te er in Wahr­heit gründ­lich satt. Allein, Ham­sun konn­te nicht anders. Er teil­te – so char­mant er bei Sym­pa­thie sein konn­te – nach allen Sei­ten aus, ohne Rück­sicht auf Ver­lus­te. Es konn­te Kri­ti­ker und Gön­ner tref­fen, selbst alte Freun­de blie­ben von sei­ner pole­mi­schen Zun­ge nicht ver­schont. Gesell­schaft­li­che Fett­näpf­chen spür­te er gera­de­zu auf, Ver­är­ge­rung zu ent­fes­seln gehör­te zeit sei­nes Lebens zu sei­nem täg­lich Brot. Dem Chef einer bedeu­tungs­lo­sen Jour­na­lis­tin riet er mit­tels hart­nä­ckig­bö­ser Brie­fe, »einen Spa­ten zu neh­men« und die­ses »Kuh­magd­ta­lent« aus dem Blatt zu schau­feln. Er leg­te sich mit Ibsen an und mit Fri­dt­jof Nan­sen. Über die aus sei­ner Sicht grund­lo­se Ver­eh­rung alter (gera­de kunst­schaf­fen­der) Men­schen erreg­te er sich als Nach­wuchs­dich­ter eben­so­sehr wie spä­ter, als er selbst schon die sech­zig über­schrit­ten hat­te. Die Jugend, nicht die Grei­se, das war die Zukunft!
Heiß­blü­ti­ge Men­schen wie Ham­sun nann­te man sei­ner­zeit (er selbst tat dies!) »Neur­asthe­ni­ker«, was mit »Ner­ven­schwä­che« nur schwach über­setzt ist. Ham­sun konn­te aus vol­lem Her­zen lie­ben und has­sen. Ein Dazwi­schen gab es kaum. Das Laue, Mit­tel­mä­ßi­ge war nicht sein Ter­rain. Lei­den­schaft­lich­keit könn­te man das nen­nen – oder aber, kri­tisch gewen­det, Maß­lo­sig­keit. So war er in den Fra­gen des Lebens, in der Poli­tik, der Ethik. Als Schrift­stel­ler (wie er die­se Berufs­be­zeich­nung haß­te! Bau­er sei er, beton­te er immer wie­der) hat­te er einen völ­lig ande­ren Blick auf sei­ne Figu­ren und die Umstän­de, in denen sie befan­gen waren. Der Ham­s­un­sche Blick auf den Men­schen ist hier ein güti­ger, ein mil­der. Hier fin­den wir kein Schwarz, kein Weiß, son­dern wan­del­ba­re, wider­sprüch­li­che Grau­stu­fen mensch­li­chen Daseins. Der Mensch in Ham­suns Roma­nen ist eitel, mani­pu­lier­bar, gel­tungs­süch­tig – und doch hat er ein Herz, ein Gemüt, ist am Ende weich und erlö­sungs­be­dürf­tig. In all sei­nen welt­rei­sen­den Kar­rie­re­men­schen, den Groß­tu­ern, Klatsch­tan­ten und Kinds­tö­te­rin­nen (ein The­ma, das Ham­sun über Jahr­zehn­te beschäf­tig­te) schuf Ham­sun gül­ti­ge »Meta­phern unse­rer Zivi­li­sa­ti­on« (Ingo Schulze).

Nichts und nie­mand ist letzt­lich, was es, was er scheint; Brü­che und Wider­sprü­che prä­gen den Lauf der Din­ge sowie das Han­deln der Men­schen. Unkraut und nahr­haf­tes Gemü­se: Bei­des sprießt aus der Erde, so soll es sein. Ham­suns lie­ben­der Blick weist bei­dem sei­nen Platz zu. Nicht den »gerech­ten«, son­dern einen schick­sal­haf­ten. Wie lieb sind ihm am Ende die­se viel­fäl­tig törich­ten Men­schen aus den ver­schla­fe­nen Fischer­dör­fern, aus den Land­nes­tern! Wie­viel lie­ber als die aus­ge­pflanz­ten, aus­tausch­ba­ren Frücht­chen, die dem hek­ti­schen, erden­t­ho­be­nen Leben der Städ­te frönen!
In sei­nem nobel­preis­ge­kür­ten Roman Segen der Erde (1917) kommt die­se Welt­sicht beson­ders zum Tra­gen. Ham­sun beschreibt hier das Leben des »Ödland­bau­ers« Isak. Die­ser star­ke Mann mit ver­narb­ten Wund­ma­len an Hän­den und im Gesicht mag ein Phi­lo­soph sein oder aus dem Gefäng­nis kom­men – er sucht einen ein­sa­men Ort. »Einen Ort, der nie­mand gehör­te, der sein war, jetzt kamen die Tage der Arbeit.« Isak rodet und ackert, errich­tet Stein­wäl­le und eine Erd­hüt­te, besorgt auf lan­gen Gän­gen ins Dorf das Nöti­ge: Werk­zeug, Koch­topf, Zie­gen. Bald fin­det er eine Frau. Inger ist kräf­tig, gut und schämt sich nur für ihren klei­nen Makel: eine Hasen­schar­te. Die Welt der bei­den wird aus eige­ner Hän­de Kraft rei­cher, Kin­der wer­den gebo­ren. Als eines wie die Mut­ter eine Hasen­schar­te auf­weist, tötet sie es unter Schock. Sie muß über Jah­re ins Gefäng­nis. Als sie zurück­kehrt, hat sie das moder­ne Leben mit­ge­bracht, nur ein wenig – aber der Wald taug­te ohne­hin nicht mehr, die neue Zeit fernzuhalten …
Daß Ham­sun über drei­ßig Bücher (22 Roma­ne, eini­ge Büh­nen­stü­cke, Erzäh­lungs­bän­de) ver­faß­te, darf nicht dar­über hin­weg­täu­schen, daß er an Schaf­fens­kri­sen litt, die ihn ent­setz­lich plag­ten. Er ver­such­te ihnen mit zahl­rei­chen Umzü­gen zu begeg­nen, in jun­gen Jah­ren mit Alko­hol, dann mit einer lang­wie­ri­gen Psy­cho­ana­ly­se; sei­nem jüngs­ten Bio­gra­phen, dem Nor­we­ger Ingar Slet­ten Kol­lo­en zufol­ge ließ er sich spä­ter sogar ste­ri­li­sie­ren, um sei­ne Ener­gie neu zu bündeln.
Eine ers­te Ehe, der eine Toch­ter ent­wuchs, war bald geschei­tert. 1909 hei­ra­te­te er die Schau­spie­le­rin Marie (obgleich er Thea­ter als Teil der »ver­ant­wor­t­ung­lo­sen Stadt­kul­tur« ver­ach­te­te!), mit der er vier Kin­der zeug­te. Marie war die Dul­de­rin, der ruhen­de Pol der Ehe, sie begeg­ne­te sei­nem Trotz, sei­ner Rast­lo­sig­keit, sei­nem Ruhe­be­dürf­nis (gleich­zei­tig ließ er sich all­zu gern von Kin­dern und Hof­ar­beit ablen­ken!), sei­ner Hypo­chon­drie und sei­ner »Leu­te-Krank­heit« (so nann­te er sei­ne Form der Mis­an­thro­pie) mit sanf­ter Iro­nie. An Tem­pe­ra­ment stand sie ihrem Mann wenig nach. Berich­tet wird (unter etli­chen ähn­lich gela­ger­ten Vor­fäl­len) von einer Anek­do­te, wo sich der eifer­süch­ti­ge Ham­sun in Rage über Maries Auf­ma­chung redet, als sie ihn auf dem Bahn­hof ver­ab­schie­det. Die­se Ohr­rin­ge! Die tra­ge sie doch nur, um irgend­wel­chen jun­gen Offi­zie­ren zu gefal­len! Ham­sun sti­chelt so lan­ge, bis die 22 Jah­re Jün­ge­re sich den Schmuck von den Ohren reißt und auf den Boden schleudert.
Marie Ham­sun reüs­sier­te eben­falls schrift­stel­le­risch. Ihr (in der Tat hin­rei­ßen­der) Fort­set­zungs­ro­man über Die Lan­ge­rud­kin­der erfährt bis heu­te neue Auf­la­gen und ist auch als Hör­buch erhält­lich – was eini­ger­ma­ßen erstaun­lich ist, denn Marie, der man da noch kein »Grei­sen­al­ter« zugu­te hal­ten konn­te, gilt als hart­ge­sot­te­ne Natio­nal­so­zia­lis­tin und war in jenen Jah­ren stän­dig auf Lese­rei­se in Deutsch­land. Ham­sun reg­te sich fürch­ter­lich auf, als eine Rezen­sen­tin den Ver­dacht äußer­te, er habe sich wohl flei­ßig als Co-Autor betätigt.

Zu Geld­din­gen pfleg­te Ham­sun ein eigen­tüm­li­ches Ver­hält­nis. Zum einen war er spar- und genüg­sam. Als Schreib­pa­pier nutz­te er abge­ris­se­ne Kalen­der­blät­ter, Hotel­rech­nun­gen und Rest­platz auf gebrauch­ten Brief­um­schlä­gen; in ordent­li­chen Brie­fen füg­te er oft an, der Adres­sat möge das »sno­bis­ti­sche Brief­pa­pier« ent­schul­di­gen. Sei­nen Arbeits­tisch pfleg­te er aus Holz­bö­cken und einem Brett zusam­men­zu­stel­len, als Kis­sen dien­te ihm sein Man­tel. Den Kin­dern schnitt er die Haa­re selbst – gele­gent­lich eine blu­ti­ge Ange­le­gen­heit, da er schon in mitt­le­ren Jah­ren an Hän­de­zit­tern litt. In finan­zi­ell geseg­ne­ten Zei­ten gab er das Geld mit vol­len Hän­den aus, spen­dier­te aus­ufern­de Trink­ge­la­ge, unter­stütz­te groß­zü­gig Nach­wuchs­schrift­stel­ler und ande­re Hilfesuchende.
Das Nobel­preis­geld floß fast voll­stän­dig in den Aus­bau sei­nes Gutes zu einem (wenn auch unkon­ven­tio­nell bewirt­schaf­te­ten) Mus­ter­be­trieb. Prei­se und Ehrun­gen bedeu­te­ten ihm wenig. Den nor­we­gi­schen Olafs­rit­ter-Orden lehn­te er als »Hum­bug« ab. Die Ehren­dok­tor­wür­de der Uni­ver­si­tät Köln lehn­te er eben­so ab wie und die Aus­zah­lung des Frank­fur­ter Goe­the­prei­ses 1934: »Man kann doch schließ­lich von einem Land in Ver­hält­nis­sen, wie sie gegen­wär­tig in Deutsch­land herr­schen, nicht zehn­tau­send Mark anneh­men! Das wäre Blut­geld!« Ham­sun war der Ansicht, Deutsch­land, die­se von ihm blind­lings gelieb­te Nati­on, bräuch­te gera­de jetzt jede Mark selbst.
1943 schick­te er die Medail­le, die er mit dem Nobel­preis erhal­ten hat­te, an Joseph Goe­b­bels: »Ich ken­ne nie­man­den, Herr Minis­ter, der sich auf so idea­lis­ti­sche und uner­müd­li­che Wei­se (…) für Euro­pa und die Mensch­heit ein­ge­setzt hat wie Sie. Ver­zei­hen Sie mir, daß ich Ihnen mei­ne Medail­le schi­cke. Sie ist ziem­lich nutz­los für Sie, aber ich habe nichts ande­res, das ich schi­cken könn­te.« Hier war die poli­ti­sche Ver­blen­dung des noto­ri­schen Trotz­kopfs schon weit gedie­hen. Als John Land­quist, Ham­suns Bio­graph zu Leb­zei­ten, behaup­te­te, daß Ham­sun sich aus poli­ti­schen Fra­gen grund­sätz­lich her­aus­hal­te, war das damals schon nicht wirk­lich wahr.
Über­haupt, die­se Bio­gra­phen! Sie waren ihm läs­tig wie die neu­gie­ri­gen Jour­na­lis­ten und jene Leser, die mit ihm auf­wen­di­ge Brief­freund­schaf­ten begin­nen woll­ten. »Es wun­dert mich, daß sich einer hin­set­zen und vie­le, vie­le Bän­de lesen mag, um noch einen zu schrei­ben. War­um nicht lie­ber hin­aus ins Leben gehen und dar­über schrei­ben? Denn man soll nicht glau­ben, daß Bücher auch Leben sei­en.« Die zahl­rei­chen Schil­de­run­gen sei­nes Lebens und Rezen­sio­nen sei­ner Bücher pfleg­te er kaum zu lesen.

Ja, wo endet schon der Bereich der Gesell­schafts- und Kul­tur­kri­tik, wo wer­den Ein­las­sun­gen poli­tisch? Als man ihn 1916 auf­grund sei­ner zahl­rei­chen Stel­lung­nah­men gegen Kinds­tö­tun­gen – er ver­ach­te­te auch die gewollt Kin­der­lo­sen und die »Agi­ta­to­ren und Agi­ta­to­rin­nen ohne Inter­es­se an der Fami­lie« – um einen Bei­trag zur sozia­len, also aus­bil­dungs­mä­ßi­gen Bes­ser­stel­lung von jun­gen Mäd­chen bat, ant­wor­te­te er den »Klas­sen­kämp­fern«: »Glau­ben Sie wirk­lich, daß der Umgang mit Buch­sta­ben den Men­schen glück­li­cher macht? (…) Die Kon­se­quenz wäre ja, daß die­je­ni­gen, die am bes­ten mit den Buch­sta­ben umge­hen kön­nen, auch am bes­ten im Leben daste­hen – das Gegen­teil trifft aber zu, sehen Sie sich die Pro­fes­so­ren an oder mei­net­we­gen die Redak­teu­re. Es gibt noch so unend­lich vie­les, was eigent­lich zur Kennt­nis der Buch­sta­ben dazu­ge­hört: der Cha­rak­ter, das Herz, das Gemüt – .« 1917 wand­te sich Ham­sun (der Sub­stan­ti­ve groß zu schrei­ben pfleg­te) gegen die neue nor­we­gi­sche Ortho­gra­phie, die ihm eine unan­ge­brach­te »Demo­kra­ti­sie­rung der Spra­che« bedeu­te­te. »Die Spra­che will ihrer Natur ent­spre­chend immer stei­gen, sie will geadelt wer­den. – Demo­kra­ti­sche Spra­che, was heißt das? Das ist das Maul. Nein, wir wol­len kei­ne Kunst demo­kra­ti­sie­ren, am wenigs­ten vor allem die Dichtkunst.«
Ham­sun setz­te sich vehe­ment für die Unab­hän­gig­keit Nor­we­gens (das erst 1905 natio­na­le Sou­ve­rä­ni­tät erlang­te) von der schwe­di­schen Kro­ne ein. Bedin­gungs­los »deutsch­ge­sinnt« war er seit je, im Ers­ten Welt­krieg gab er Ame­ri­ka wegen Waf­fen­lie­fe­run­gen an Eng­land die Schuld an Eska­la­ti­on und Aus­gang des Kriegs.
1935 setz­te sich der alte Dich­ter für die Rück­kehr des Saar­lands zu Deutsch­land ein. Ein­deu­tig bezog er auch Stel­lung zur Dan­zig-Fra­ge (»Die Polen sind in Ord­nung – in Polen …«) sowie zu den bro­deln­den Dis­kus­sio­nen um Kom­mu­nis­mus und Sozia­lis­mus – bei­des haß­te er lei­den­schaft­lich. Sein bri­ti­scher Bio­graph Robert Fer­gu­son (inter­es­sant, daß aus­ge­rech­net ein Eng­län­der die viel­leicht ein­fühl­sams­te Lebens­be­schrei­bung Ham­suns unter­nom­men hat!) beschreibt das poli­ti­sche Bedürf­nis Ham­suns tref­fend: »Kom­pli­ziert, wie Ham­sun war, sehn­te er sich nach ein­fa­chen Lösungen.«
Als die Deut­schen 1940 Nar­vik besetz­ten und Eng­land damit um Stun­den zuvor­ka­men, herrsch­te im Lan­de eine fast durch­ge­hen­de pro­bri­ti­sche Ein­stel­lung. In die­sen Jah­ren ver­öf­fent­lich­te Ham­sun Dut­zen­de Auf­ru­fe an sein Volk, die deut­sche Beset­zung wäh­rend des Krie­ges zu akzep­tie­ren. Die­se Auf­for­de­run­gen bil­de­ten spä­ter die Grund­la­ge für die Ankla­ge des Dich­ters wegen lan­des­ver­rä­te­ri­scher Aktivitäten.

Daß der deut­sche Reichs­kom­mis­sar in Nor­we­gen, Josef Ter­bo­ven, sich dik­ta­to­ri­sche Kom­pe­ten­zen anmaß­te und ein dau­er­haf­tes Pro­tek­to­rat über das Land anstreb­te, miß­fiel Ham­sun aller­dings. In die­ser Sache (schon vor­her hat­te er diver­se Tele­gram­me mit Begna­di­gungs­ge­su­chen geschickt) beschwer­te sich Ham­sun 1943 bei Hit­ler per­sön­lich. Die Unter­re­dung ver­lief kühl und ende­te eisig, Hit­ler soll anschlie­ßend gefor­dert haben, »sol­che Leu­te« nicht mehr vor­zu­las­sen. Tore Ham­sun, des Dich­ters ältes­ter Sohn, beschrieb spä­ter aus­führ­lich, inwie­fern sein Vater kein Anhän­ger der NS-Ideo­lo­gie, son­dern schlicht lei­den­schaft­li­cher Deut­schen­freund gewe­sen sei.
Den­noch ver­faß­te Ham­sun 1945 einen pathe­ti­schen Nekro­log auf Hit­ler: »Ich bin des­sen nicht wür­dig, mit lau­ter Stim­me über Adolf Hit­ler zu spre­chen, und zu sen­ti­men­ta­ler Rüh­rung laden sein Leben und sei­ne Taten nicht ein. (…) Er war eine refor­ma­to­ri­sche Gestalt von höchs­tem Rang, und es war sein his­to­ri­sches Schick­sal, in einer Zeit der bei­spiel­lo­ses­ten Roh­heit wir­ken zu müs­sen, die ihn schließ­lich gefällt hat.«
Bei Kriegs­en­de war Ham­sun ein Greis von 86 Jah­ren. Ihm stan­den zwei Jah­re Frei­heits­ent­zug bevor – Haus­ar­rest, Gefäng­nis, Psych­ia­trie. In sei­nen letz­ten – kei­nes­falls ver­bit­ter­ten, ganz und gar daseins­ge­las­se­nen – Roman Auf über­wach­se­nen Pfa­den ließ er sei­ne Erfah­run­gen vor Gericht ein­flie­ßen. Am 19. Febru­ar 1952 starb Knut Ham­sun. Sein Grab befin­det sich auf Gut Nör­holm in der Nähe des süd­nor­we­gi­schen Grimstad. Gewis­ser­ma­ßen kehr­te der Geäch­te­te da zu sei­nen Ursprün­gen zurück: »Ich bin von der Erde mit all mei­nen Wur­zeln. In den Städ­ten lebe ich nur ein künst­li­ches Leben mit Cafés und Geist­rei­chig­kei­ten und aller­lei Hirn­ge­spinst. Aber ich bin von der Erde.« Nicht »eine Pis­to­le mit gelös­tem Schuß und eine Har­fe mit zer­ris­se­nen Sai­ten«, wie er es sich einst aus­mal­te, schmü­cken den Grab­stein, son­dern eine manns­ho­he Ste­le. Sieg­fried Lenz schrieb zu Ham­suns hun­derts­tem Geburts­tag: »Man soll­te ihn eigent­lich die­sen Super­in­tel­lek­tu­el­len zur Pflicht­lek­tü­re emp­feh­len, die heu­te ver­kün­den: Der Roman ist tot. (…) Ham­sun könn­te ihnen etwas zei­gen, was sie wahr­schein­lich nur vom Hören­sa­gen ken­nen: Leben nämlich.«

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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