Sezession
4. August 2009

Leben nämlich! Knut Hamsun zum 150.

Ellen Kositza

pdf der Druckfassung aus Sezession 31 /August 2009

sez_nr31Debatten um die Qualität eines Literaturnobelpreisträgers sind die Regel. Daß der Geehrte erst späterhin zu einem Umstrittenen, ja Verfemten wird, ist der Ausnahmefall. Knut Hamsun steht für diese Ausnahme. 1945 hat die Welt, nicht nur die literarische, mit ihm gebrochen. Fürs erste jedenfalls. Zuvor hatten sie sich alle überschlagen mit Huldigungen des Romanciers aus dem hohen Norden.

Thomas Mann (der später harsch die Gründung einer literarischen Hamsun-Gesellschaft zurückwies) befand, der Nobelpreis sei »nie einem Würdigeren« verliehen worden, Maxim Gorki nannte Hamsuns Dichtung eine »Heilige Schrift des Menschen«, und Stefan Zweig schrieb treffend: »Knut Hamsun bedeutet die edelste Form der Männlichkeit, nämlich Zartheit, die aus großer Kraft quillt, Leidenschaft, die sich hinter harter Herbheit verbirgt, eine reinste und unlernbare Einheit aus Hingebung und Scham, wie es jedem wahrhaften männlichen Kunstwerk innewohnen muß.« Unter anderen Hermann Hesse und Joachim Fernau nannten Hamsun als Lieblingsschriftsteller. Spätestens 1945, nach seinem berüchtigten Nekrolog auf Adolf Hitler, durfte man Hamsun fraglos als Narren bezeichnen.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


Hamsun wurde am 4. August 1859 als Knud Pedersen in Lom geboren, inneres Norwegen. Sein Vater war Schneider, die schwermütige Mutter brachte sieben Kinder zur Welt. Als Knud drei war, verließ die Familie den seit Generationen angestammten Hof und zog gen Norden, an den Polarkreis. Der Junge wuchs zeitweise bei einem verhaßten, prügelnden Onkel auf, eine Schule besuchte er nur wenige Monate – aufs gesamte Leben gerechnet. So sehr es ihn in den folgenden Jahrzehnten seines Lebens zur Gründung, zum Niederlassen an einem Ort trieb, so rastlos war sein Leben auf der anderen Seite. Zweimal zog es ihn für längere Zeit nach Amerika, er lebte in Paris, reiste viel durch Deutschland, Rußland (drei Länder, die er liebte) und die Türkei. Ordentlich gepackte Koffer waren ihm noch im Alter ein Greuel, mit einem zusammengeschnürten Bündel begab er sich auf Fahrt.
Sein Bemühen um schriftstellerischen Erfolg glich dem Tausender Möchtegern-Autoren heute: Allerorten warb er um Unterstützung und kassierte über Jahre nur Ablehnungen. Mit angriffslustigen Kulturartikeln und bissigen Vortragsveranstaltungen schlug er sich durch. Als ein Blatt 1889 seine Erzählung Hunger – gespeist aus Hamsuns bitterarmer, todesnaher Zeit in Oslo – abdruckte, war der Durchbruch geschafft. Der enigmatische, ja halluzinatorische Kurzroman kursierte bald über die Landesgrenzen hinweg. In Deutschland übrigens verkaufte er sich am besten. (Auch in Rußland und Amerika las man Hamsun gern, wogegen die Briten nie viel von dem notorischen England-Hasser hielten.)
Von diesem feinnervigen Ich-Erzähler wollte man mehr hören! Noch bevor Hunger als Buch verlegt wurde, erschien sein Pamphlet Aus dem Geistesleben des modernen Amerika. Das Werk geriet so hämisch, daß Hamsun dessen Neuauflage unterband. Amerika stehe »unter dem Despotismus der Freiheit – ein Despotismus, der umso unerträglicher ist, als er von einem selbstgerechten, unintelligenten Volk ausgeübt wird.« Verabscheuenswert waren ihm die amerikanische Sprache, die Frauen dort (man darf sagen, Hamsun nahm die Charaktere der hundert Jahre später produzierten US-Serie Desperate Housewives vorweg!), der Kult ums Geld und um die Sklavenbefreiung – das Buch war eine reine Provokation. Es erregte Aufsehen, unter anderem schätzten es August Strindberg und John Updike sehr.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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