8. Mai 2020

8. Mai 1945 – Literatur zur Katastrophe

Redaktion / 1 Kommentar

Der 8. Mai ist kein Tag der Befreiung. Als Tag der nationalen Katastrophe war er Kulminationspunkt der totalen Niederlage, aber auch Auftakt zu neuem Leid.

  • Sezession

Wir haben Literaturhinweise zusammengestellt, die Substanz für die bleibende geschichtspolitische Auseinandersetzung bieten – der 8. Mai droht ja als bundesweiter »Feiertag« – und das Schicksal unseres Volkes aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. 

Erik Lehnert

1. Hans Graf von Lehndorff: Ostpreußisches Tagebuch. Aufzeichnungen eines Arztes aus den Jahren 1945–1947 (zuerst 1960, bis heute lieferbar) – Lehndorff erlebte als ziviler Arzt die Schlacht um Königsberg und blieb dort, als die Russen die Stadt erobert hatten. Anschließend schlug er sich durch Ostpreußen und mußte auf der Suche nach Verwandten, erfahren, daß seine Mutter und der einzige noch nicht gefallene Bruder von den Sowjets ermordet worden waren. Das Elend und die Gewalt, vor allem gegenüber den Frauen, erst durch die Russen, dann durch die Polen, machen Ostpreußen zur Hölle auf Erden, die er mit stoischem christlichen Glauben erträgt und hilft, soweit es in seiner Macht steht. Ein bewegendes Zeugnis dessen, was unsere Vorfahren ertragen mußten.

2. Wilhelm Tieke: Das Ende zwischen Oder und Elbe. Der Kampf um Berlin 1945 (1981, nur antiquarisch) – Der Endkampf um Berlin, beginnend mit der Schlacht auf den Seelower Höhen, der größten Schlacht auf deutschem Boden, muß uns heute, angesichts der Opferzahlen, wie ein Wahnsinn vorkommen. Hinzu kommt die Unübersichtlichkeit der Kampfhandlungen, bei denen es oftmals keine linke und rechte Grenze mehr gab.Tieke, als Soldat der Waffen-SS selbst beteiligt, erhellt dieses Chaos und zeigt durch Augenzeugenberichte und Tagebücher verschiedener Einheiten, die er kunstvoll miteinander kombiniert, daß die drohende „Befreiung“ durch die Sowjets als das weitaus größte Übel zu soldatischen Höchstleistungen motivierte. Die Hoffnung auf die Westalliierten stellte sich als trügerisch heraus.

3. Michael Klonovsky/Jan von Flocken: Stalins Lager in Deutschland 1945 – 1950. Dokumentation, Zeugenberichte (1991, nur antiquarisch)– Kurz nach der Wende in der DDR gingen die beiden Autoren daran, ein totgeschwiegenes Kapitel der „Befreiung“ zu erforschen. In den sogenannten Speziallagern, oftmals wurden die Konzentrationslager einfach umgewidmet, internierten die sowjetischen Besatzer wahllos alle diejenigen, die ihnen irgendwie verdächtig vorkamen.Dazu gehörten neben ehemaligen NS-Funktionären vor allem Wehrwolf-verdächtigte Jugendliche und bürgerliche Repräsentanten. Die Opferzahlen waren durch katastrophale hygienische Zustände hoch, wer aus dem Lager entlassen wurde, mußte schweigen. Das prominenteste Opfer war der Schauspieler Heinrich George.

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Ellen Kositza

1. Ingeborg Jacobs: Freiwild. Das Schicksal deutscher Frauen 1945 (2008, lieferbar) – Die ZDF-Autorin läßt Frauen aus Berlin, Mecklenburg und den deutschen Ostgebieten ihre je persönliche Geschichten vom Kriegsende erzählen. Auch wenn Jacobs von rund zweieinhalb Millionen vergewaltigten Frauen spricht – darunter allein 130.000 in Berlin – und damit die Schätzungen von Franz W. Seidler und A. de Zayas leicht übersteigt, liegt ihrer atemberaubenden Dokumentation keinerlei politische Stoßrichtung zugrunde.

2. Ingeborg Jacobs: Wolfskind. Die unglaubliche Lebensgeschichte des ostpreußischen Mädchens Liesabeth Otto (2010, lieferbar) – Ein wahrer und in der Tat unglaublicher Bericht: Liesabeth ist bei Kriegsende sieben Jahre, die Mutter ist tot, der Vater vermißt. Von Ostpreußen gelangt sie nach Litauen und schlägt sich jahrelang ohne Obdach durch das Leben. Ihre Nahrung: Brennesseln, Lindenblätter, mal eine tote Katze. Es folgen Kindergefängnis und Gulag. Ingeborg Jacobs hat die alte Frau mehrfach in Ostpreußen besucht, wo sie bis zu ihrem Tod lebte – oft wegen ihrer Abstammung als „Faschistin“ beschimpft. Liesabeth Otto klagt nicht.

3. Sigrid Schuster-Schmah: Wir sehen uns bestimmt bald wieder. Ein Kinderschicksal aus Schlesien (1999, nur antiquarisch) – Wilma ist elf, als die erste Bombe fällt. Sie erzählt, wie der Krieg in ihre schlesische Heimat kam, von der Angst, dem Hunger, der Flucht und dem Neuanfang in Westfalen. Ein hervorragendes Buch für Kinder und Jugendliche.

4. Willi Fährmann: Das Jahr der Wölfe (1962) – Im Jahr 1944/45 muß die ostpreußische Familie Bienmann vor der heranrückenden Front fliehen. Der 12-jährige Konrad erlebt die bittere Wahrheit des Krieges: brennende Dörfer, Tiefflieger, Artilleriefeuer. Fährmann war einer der großen deutschen Jugendbuchschriftsteller.

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Benedikt Kaiser

1. Wolfgang Gückelhorn/Kurt Kleemann: Die Rheinwiesenlager 1945 in Remagen und Sinzig (2013, nur antiquarisch) – Während man den Fokus aus naheliegenden Gründen oft auf die Vertreibung aus dem deutschen Osten legt, unterschlägt man bisweilen, daß der 8. Mai der Auftakt zu einer Reihe von Verbrechen der Westalliierten wurde. Die sog. Rheinwiesenlager der US-Army im heutigen Rheinland-Pfalz müssen dazu gerechnet werden, die von mehreren Millionen Gefangenen durchlaufen wurden. Bis zu 750.000 (!) von ihnen, so der kanadische Forscher James Bacque, starben. Massenelend, Folter, Hunger und Leid – die Autoren werten Archive und Dokumente aus und veranschaulichen Horrorzustände, die heute längst vergessen scheinen.

2. Stefan Heym: Schwarzenberg (1990, lieferbar) – Ein ungewöhnlicher Roman über ungewöhnliche, aber reale Verhältnisse. Als am 8. Mai 1945 die deutsche Kapitulation bekanntgegeben wurde, hatten sich die Alliierten auch in Sachsen über temporäre Interessenzonen verständigt. Die Mulde sollte Grenze zwischen Westallierten und Sowjettruppen darstellen – doch es gab jenseits der »bekannteren« Mulde bei Leipzig noch die Zwickauer. Und dort, im Erzgebirgischen, entstand ab Mai 1945 für sechs Wochen eine herrschaftsfreie Zone – keiner der Alliierten wußte um seine Zuständigkeit. Heym schildert die Wochen des Interregnums in der »Freien Republik Schwarzenberg« so plastisch wie verhältnismäßig »unideologisch« – in der DDR konnte dieser 1984 verfaßte Roman daher nicht erscheinen.

3. Stanislaw Kokoška: Prag im Mai 1945. Die Geschichte eines Aufstandes (2009, lieferbar) – Der 8. Mai 1945 verdichtet auch die Problematik rund um die sogenannte Wlassow-Armee, meist Antibolschewisten aller Couleur der Russischen Befreiungsarmee (ROA), die sich ab 1941 der Wehrmacht und dann der Waffen-SS als Partner gegen Stalin empfahlen. Aufgrund des rigiden antislawischen Rassismus der Hitleristen wurden sie mindestens abschätzig behandelt, zum Teil interniert und erst nach der Kriegswende zunehmend bewaffnet und an der Front eingesetzt, zuletzt in Böhmen. In Prag eskalierten am 7. Mai und 8. Mai die Kämpfe zwischen Waffen-SS und tschechischen Aufständischen; Wlassow und seine Soldaten entschieden sich in einer Situation der Ausweglosigkeit zum Lagerwechsel und richteten die Waffen gegen die Deutschen. Als man gewahr wurde, daß weder Tschechen noch die heranrückende Rote Armee ein Übereinkommen finden wollten, zog Wlassow mit seiner Truppe hoffnungsvoll den Amerikanern im Raum Pilsen entgegen. Von diesen wurden die etwa 20.000 Russen entwaffnet, inhaftiert, umstandslos an die Sowjetarmee überstellt und fast ausnahmslos hingerichtet, ihre Anführer in Moskau gehängt. Der 8. Mai in Ostmitteleuropa – auch dort ein Tag der gnadenlosen Abrechnung.


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Kommentare (1)

Wahrheitssucher

8. Mai 2020 15:43

Vorab jeder Lektüre-Möglichkeit: Glückwunsch der Redaktion für diese Sammlung hervorragendster Beiträge! Allerbeste, Punktgenaue, unverzichtbare Arbeit!

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