8. Mai 1945 – Literatur zur Katastrophe

Der 8. Mai ist kein Tag der Befreiung. Als Tag der nationalen Katastrophe war er Kulminationspunkt der totalen Niederlage, aber auch Auftakt zu neuem Leid.

Wir haben Lite­ra­tur­hin­wei­se zusam­men­ge­stellt, die Sub­stanz für die blei­ben­de geschichts­po­li­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung bie­ten – der 8. Mai droht ja als bun­des­wei­ter »Fei­er­tag« – und das Schick­sal unse­res Vol­kes aus ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven beleuchten. 

Erik Leh­nert

1. Hans Graf von Lehn­dorff: Ost­preu­ßi­sches Tage­buch. Auf­zeich­nun­gen eines Arz­tes aus den Jah­ren 1945–1947 (zuerst 1960, bis heu­te lie­fer­bar) – Lehn­dorff erleb­te als zivi­ler Arzt die Schlacht um Königs­berg und blieb dort, als die Rus­sen die Stadt erobert hat­ten. Anschlie­ßend schlug er sich durch Ost­preu­ßen und muß­te auf der Suche nach Ver­wand­ten, erfah­ren, daß sei­ne Mut­ter und der ein­zi­ge noch nicht gefal­le­ne Bru­der von den Sowjets ermor­det wor­den waren. Das Elend und die Gewalt, vor allem gegen­über den Frau­en, erst durch die Rus­sen, dann durch die Polen, machen Ost­preu­ßen zur Höl­le auf Erden, die er mit stoi­schem christ­li­chen Glau­ben erträgt und hilft, soweit es in sei­ner Macht steht. Ein bewe­gen­des Zeug­nis des­sen, was unse­re Vor­fah­ren ertra­gen mußten.

2. Wil­helm Tie­ke: Das Ende zwi­schen Oder und Elbe. Der Kampf um Ber­lin 1945 (1981, nur anti­qua­risch) – Der End­kampf um Ber­lin, begin­nend mit der Schlacht auf den See­lower Höhen, der größ­ten Schlacht auf deut­schem Boden, muß uns heu­te, ange­sichts der Opfer­zah­len, wie ein Wahn­sinn vor­kom­men. Hin­zu kommt die Unüber­sicht­lich­keit der Kampf­hand­lun­gen, bei denen es oft­mals kei­ne lin­ke und rech­te Gren­ze mehr gab.Tieke, als Sol­dat der Waf­fen-SS selbst betei­ligt, erhellt die­ses Cha­os und zeigt durch Augen­zeu­gen­be­rich­te und Tage­bü­cher ver­schie­de­ner Ein­hei­ten, die er kunst­voll mit­ein­an­der kom­bi­niert, daß die dro­hen­de „Befrei­ung“ durch die Sowjets als das weit­aus größ­te Übel zu sol­da­ti­schen Höchst­leis­tun­gen moti­vier­te. Die Hoff­nung auf die West­al­li­ier­ten stell­te sich als trü­ge­risch heraus.

3. Micha­el Klonovsky/Jan von Flo­cken: Sta­lins Lager in Deutsch­land 1945 – 1950. Doku­men­ta­ti­on, Zeu­gen­be­rich­te (1991, nur anti­qua­risch)– Kurz nach der Wen­de in der DDR gin­gen die bei­den Autoren dar­an, ein tot­ge­schwie­ge­nes Kapi­tel der „Befrei­ung“ zu erfor­schen. In den soge­nann­ten Spe­zi­al­la­gern, oft­mals wur­den die Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger ein­fach umge­wid­met, inter­nier­ten die sowje­ti­schen Besat­zer wahl­los alle die­je­ni­gen, die ihnen irgend­wie ver­däch­tig vorkamen.Dazu gehör­ten neben ehe­ma­li­gen NS-Funk­tio­nä­ren vor allem Wehr­wolf-ver­däch­tig­te Jugend­li­che und bür­ger­li­che Reprä­sen­tan­ten. Die Opfer­zah­len waren durch kata­stro­pha­le hygie­ni­sche Zustän­de hoch, wer aus dem Lager ent­las­sen wur­de, muß­te schwei­gen. Das pro­mi­nen­tes­te Opfer war der Schau­spie­ler Hein­rich George.

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Ellen Kositza

1. Inge­borg Jacobs: Frei­wild. Das Schick­sal deut­scher Frau­en 1945 (2008, lie­fer­bar) – Die ZDF-Autorin läßt Frau­en aus Ber­lin, Meck­len­burg und den deut­schen Ost­ge­bie­ten ihre je per­sön­li­che Geschich­ten vom Kriegs­en­de erzäh­len. Auch wenn Jacobs von rund zwei­ein­halb Mil­lio­nen ver­ge­wal­tig­ten Frau­en spricht – dar­un­ter allein 130.000 in Ber­lin – und damit die Schät­zun­gen von Franz W. Seid­ler und A. de Zayas leicht über­steigt, liegt ihrer atem­be­rau­ben­den Doku­men­ta­ti­on kei­ner­lei poli­ti­sche Stoß­rich­tung zugrunde.

2. Inge­borg Jacobs: Wolfs­kind. Die unglaub­li­che Lebens­ge­schich­te des ost­preu­ßi­schen Mäd­chens Lies­a­beth Otto (2010, lie­fer­bar) – Ein wah­rer und in der Tat unglaub­li­cher Bericht: Lies­a­beth ist bei Kriegs­en­de sie­ben Jah­re, die Mut­ter ist tot, der Vater ver­mißt. Von Ost­preu­ßen gelangt sie nach Litau­en und schlägt sich jah­re­lang ohne Obdach durch das Leben. Ihre Nah­rung: Bren­nes­seln, Lin­den­blät­ter, mal eine tote Kat­ze. Es fol­gen Kin­der­ge­fäng­nis und Gulag. Inge­borg Jacobs hat die alte Frau mehr­fach in Ost­preu­ßen besucht, wo sie bis zu ihrem Tod leb­te – oft wegen ihrer Abstam­mung als „Faschis­tin“ beschimpft. Lies­a­beth Otto klagt nicht.

3. Sig­rid Schus­ter-Schmah: Wir sehen uns bestimmt bald wie­der. Ein Kin­der­schick­sal aus Schle­si­en (1999, nur anti­qua­risch) – Wil­ma ist elf, als die ers­te Bom­be fällt. Sie erzählt, wie der Krieg in ihre schle­si­sche Hei­mat kam, von der Angst, dem Hun­ger, der Flucht und dem Neu­an­fang in West­fa­len. Ein her­vor­ra­gen­des Buch für Kin­der und Jugendliche.

4. Wil­li Fähr­mann: Das Jahr der Wöl­fe (1962) – Im Jahr 1944/45 muß die ost­preu­ßi­sche Fami­lie Bien­mann vor der her­an­rü­cken­den Front flie­hen. Der 12-jäh­ri­ge Kon­rad erlebt die bit­te­re Wahr­heit des Krie­ges: bren­nen­de Dör­fer, Tief­flie­ger, Artil­le­rie­feu­er. Fähr­mann war einer der gro­ßen deut­schen Jugendbuchschriftsteller.

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Bene­dikt Kaiser

1. Wolf­gang Gückelhorn/Kurt Klee­mann: Die Rhein­wie­sen­la­ger 1945 in Rema­gen und Sin­zig (2013, nur anti­qua­risch) – Wäh­rend man den Fokus aus nahe­lie­gen­den Grün­den oft auf die Ver­trei­bung aus dem deut­schen Osten legt, unter­schlägt man bis­wei­len, daß der 8. Mai der Auf­takt zu einer Rei­he von Ver­bre­chen der West­al­li­ier­ten wur­de. Die sog. Rhein­wie­sen­la­ger der US-Army im heu­ti­gen Rhein­land-Pfalz müs­sen dazu gerech­net wer­den, die von meh­re­ren Mil­lio­nen Gefan­ge­nen durch­lau­fen wur­den. Bis zu 750.000 (!) von ihnen, so der kana­di­sche For­scher James Bac­que, star­ben. Mas­sen­elend, Fol­ter, Hun­ger und Leid – die Autoren wer­ten Archi­ve und Doku­men­te aus und ver­an­schau­li­chen Hor­ror­zu­stän­de, die heu­te längst ver­ges­sen scheinen.

2. Ste­fan Heym: Schwar­zen­berg (1990, lie­fer­bar) – Ein unge­wöhn­li­cher Roman über unge­wöhn­li­che, aber rea­le Ver­hält­nis­se. Als am 8. Mai 1945 die deut­sche Kapi­tu­la­ti­on bekannt­ge­ge­ben wur­de, hat­ten sich die Alli­ier­ten auch in Sach­sen über tem­po­rä­re Inter­es­sen­zo­nen ver­stän­digt. Die Mul­de soll­te Gren­ze zwi­schen West­al­lier­ten und Sowjet­trup­pen dar­stel­len – doch es gab jen­seits der »bekann­te­ren« Mul­de bei Leip­zig noch die Zwi­ckau­er. Und dort, im Erz­ge­bir­gi­schen, ent­stand ab Mai 1945 für sechs Wochen eine herr­schafts­freie Zone – kei­ner der Alli­ier­ten wuß­te um sei­ne Zustän­dig­keit. Heym schil­dert die Wochen des Inter­regn­ums in der »Frei­en Repu­blik Schwar­zen­berg« so plas­tisch wie ver­hält­nis­mä­ßig »unideo­lo­gisch« – in der DDR konn­te die­ser 1984 ver­faß­te Roman daher nicht erscheinen.

3. Sta­nis­law Kokoš­ka: Prag im Mai 1945. Die Geschich­te eines Auf­stan­des (2009, lie­fer­bar) – Der 8. Mai 1945 ver­dich­tet auch die Pro­ble­ma­tik rund um die soge­nann­te Wlas­sow-Armee, meist Anti­bol­sche­wis­ten aller Cou­leur der Rus­si­schen Befrei­ungs­ar­mee (ROA), die sich ab 1941 der Wehr­macht und dann der Waf­fen-SS als Part­ner gegen Sta­lin emp­fah­len. Auf­grund des rigi­den antis­la­wi­schen Ras­sis­mus der Hit­le­ris­ten wur­den sie min­des­tens abschät­zig behan­delt, zum Teil inter­niert und erst nach der Kriegs­wen­de zuneh­mend bewaff­net und an der Front ein­ge­setzt, zuletzt in Böh­men. In Prag eska­lier­ten am 7. Mai und 8. Mai die Kämp­fe zwi­schen Waf­fen-SS und tsche­chi­schen Auf­stän­di­schen; Wlas­sow und sei­ne Sol­da­ten ent­schie­den sich in einer Situa­ti­on der Aus­weg­lo­sig­keit zum Lager­wech­sel und rich­te­ten die Waf­fen gegen die Deut­schen. Als man gewahr wur­de, daß weder Tsche­chen noch die her­an­rü­cken­de Rote Armee ein Über­ein­kom­men fin­den woll­ten, zog Wlas­sow mit sei­ner Trup­pe hoff­nungs­voll den Ame­ri­ka­nern im Raum Pil­sen ent­ge­gen. Von die­sen wur­den die etwa 20.000 Rus­sen ent­waff­net, inhaf­tiert, umstands­los an die Sowjet­ar­mee über­stellt und fast aus­nahms­los hin­ge­rich­tet, ihre Anfüh­rer in Mos­kau gehängt. Der 8. Mai in Ost­mit­tel­eu­ro­pa – auch dort ein Tag der gna­den­lo­sen Abrechnung.

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Kommentare (1)

Wahrheitssucher

8. Mai 2020 15:43

Vorab jeder Lektüre-Möglichkeit: Glückwunsch der Redaktion für diese Sammlung hervorragendster Beiträge! Allerbeste, Punktgenaue, unverzichtbare Arbeit!

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