Susanne Kerckhoff: Berliner Briefe. Ein Briefroman

Ich möchte meiner in der Sezession 98 (Oktober 2020) abgedruckten Buchbesprechung einige Worte voranstellen:

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Als es vor eini­ger Zeit einen “Skan­dal” aus­mach­te, weil die AfD zu einem Par­tei­tag bestimm­ten Jour­na­lis­ten kei­ne Akkre­di­tie­rung gewähr­te, lach­ten wir hier grim­mig. Ich habe Jahr­zehn­te kul­tur­jour­na­lis­ti­scher Arbeit hin­ter mir und bin Aus­schluß von Anfang an gewöhnt.

Unge­fähr fünf­zehn Jah­re hat­te ich für die Jun­ge Frei­heit neue Kino­fil­me vor­ge­stellt. Daß ich bar­sche Brie­fe (im Vor­hin­ein, nicht auf­grund etwa böser Bespre­chun­gen!) von Film­ver­lei­hen bekam, daß Kino­be­trei­ber mich beim Ein­tra­gen in die Pres­se­lis­te (“JF? Brau­chen wir nicht.”) scharf angin­gen: Alltag.

Im Buch­ge­schäft ist es nicht anders. Wie wir auf Buch­mes­sen beim simp­len Besuch ver­schie­de­ner Ver­lags­stän­de “ver­jagt” wur­den (ich zuletzt von Jut­ta Dit­furth – net­ter Ver­such), hat­te ich mehr­fach dokumentiert.

Buch­re­zen­sio­nen sind noch mal ein eige­nes Ter­rain. Wir selbst, der Ver­lag Antai­os, sind schon vor vie­len Jah­ren davon abge­kom­men, jeder Bit­te um ein Rezen­si­ons­ex­em­plar nach­zu­kom­men. In den Anfangs­jah­ren unse­res Ver­lags ver­san­de­ten zahl­rei­che Antai­os-Exem­pla­re in den Redak­tio­nen der Groß­feuil­le­tons. Man bestell­te dort neu­gie­rig Buch für Buch, man las ver­mut­lich mit Gewinn – und besprach natür­lich nicht.

Ich hand­ha­be das als Redak­teu­rin anders. Wenn ich einen Ver­lag um ein Rezen­si­ons­ex­em­plar bit­te, habe ich mich zuvor gründ­lich über des­sen Rele­vanz für uns infor­miert. Dann wird es in neun­zehn von zwan­zig Fäl­len auch bespro­chen. Man soll­te wis­sen: Was die Leit­feuil­le­tons die­ser Repu­blik angeht, ist seit vie­len Jah­ren die Kla­ge viru­lent, daß rezen­si­ons­tech­nisch (anders als etwa in US-Medi­en) nahe­zu aus­schließ­lich gelob­hu­delt wird.

Jour­na­lis­ten sind oft auch Schrift­stel­ler, und so haben wir es mit einer gro­ßen kul­tu­rel­len Echo­kam­mer zu tun, in der die eine Krä­he der ande­ren kein Auge aus­ha­cken will. Ich bin nicht wirk­lich drin in die­sem Lite­ra­tur­be­trieb, aber die weni­gen Sachen und (Günstlings-)Verhältnisse, von denen ich weiß, rei­chen mir. In der Sezes­si­on wer­den Bücher unbe­se­hen von sol­chen Abhän­gig­kei­ten bespro­chen. Es gibt kein unver­dien­tes Süß­holz, es gibt kei­ne unver­dien­te Häme. Wir arbei­ten hart an der jewei­li­gen Sache.

Über den Dau­men gepeilt, lie­fern uns rund Drei­vier­tel der deutsch­spra­chi­gen Ver­la­ge kei­ne Bespre­chungs­ex­em­pla­re mehr. Nicht, weil wir so oft Ver­ris­se bräch­ten. (Ich erin­ne­re nur dar­an, wie panisch der Schöff­ling-Ver­lag reagiert hat­te, nach­dem wir einen Roman sei­nes dama­li­gen Autors Bernd Wag­ner lob­ten: “Woher haben die das Buch?? Von uns sicher nicht!”)

Es sind Grün­de jen­seits des Jour­na­lis­ti­schen. War­um erzäh­le ich das? Aus Gele­gen­heit: Ges­tern kam ein Pres­se­be­leg zurück, den ich an den recht jun­gen, all­seits hoch­ge­prie­se­nen “Ver­lag Das kul­tu­rel­le Gedächt­nis” gesandt hat­te. Ein­ge­schnappt klang die Auf­schrift der bei­geleg­ten Karte:

Guten Tag, es steht Ihnen natür­lich frei, unse­re Bücher zu bespre­chen [uff!, EK], an Bele­gen Ihres Maga­zins besteht hin­ge­gen kei­ner­lei Inter­es­se. Mit freund­li­chem Gruß, Peter Graf.

Nun denn. Es steht den Leu­ten in die­sem Lan­de selbst­ver­ständ­lich aller­lei frei. Wir, Antai­os, pfle­gen jeden­falls nicht, belei­digt zu reagie­ren, wenn sich jemand ernst­haft mit unse­ren Bücher aus­ein­an­der­setzt. Hier nun mei­ne Besprechung.

– – –

Wenn ein Buch wie Susan­ne Kerck­hoffs Ber­li­ner Brie­fe in der renom­mier­ten SWR-Bes­ten­­lis­te als Erst­plat­zie­rung über 100 Punk­te erhält, ist das für gewöhn­lich ein Qua­li­täts­ur­teil jen­seits von Geschmacks­fra­gen. Kaum ein Groß­feuil­le­ton ließ sich die­sen (teil)fiktiven Brief­ro­man ent­ge­hen. Er wur­de hoch­ge­rühmt – durchweg.

Mei­ne ers­te Lek­tü­re ende­te mit einem Kopf­schüt­teln. Was war das, wenn nicht, ja: wei­bi­sche Befind­lich­keits­li­te­ra­tur, oppor­tun gera­de für schön­geis­ti­ge Zeit­geis­t­rit­ter von heu­te? Eine pri­va­tis­ti­sche, anti­fa­schis­ti­sche, noch dazu leicht ver­lo­ge­ne Inven­tur (dazu gleich) der 1940er Jah­re, ver­schrift­licht von einer davon­ge­kom­me­nen Frau, die betont, es selbst bei­zei­ten bes­ser gewußt zu haben? Ich trau­te mei­nen Augen nicht.

Ich bin skep­tisch, wo offen­kun­dig reflex­ar­tig geur­teilt wird. Ich ver­mu­te­te den ein­fäl­ti­gen, typi­schen »Antifa«-Reflex hin­ter all den Lob­hu­de­lei­en. Dann hin­ter­frag­te ich auch mei­nen eige­nen Reflex. Bin ich vor­ein­ge­nom­men gegen sol­cher­art Wider­stands­lek­tü­re? Hm. Ich mag Franz Füh­mann und Bri­git­te Rei­mann, obwohl sie deut­li­che Avan­cen ans DDR-Regime mach­ten. Ich mag sogar auf irra­tio­na­le Wei­se Peter Hacks, Maxie Wan­der und Johan­nes R. Becher – teils. Ich las die Kerck­hoff also vol­ler Skru­pel erneut.

Es han­delt sich um drei­zehn nicht datier­te Brie­fe, die ein deut­sches Kerck­hoff-Alter-Ego namens »Hele­ne« an einen (offen­kun­dig jüdi­schen und im Exil leben­den) »Hans« schreibt. 1947 hat­te Susan­ne Kerck­hoff (1918 – 1950, geen­det durch Sui­zid, Halb­schwes­ter des DDR-Phi­lo­so­phen Wolf­gang Harich) die­sen Roman ver­öf­fent­licht. Die drei­zehn Brie­fe blei­ben ohne Ant­wort. Sie sug­ge­rie­ren aber einen Aus­tausch. »Hele­ne« tut, als ant­wor­te sie auf Han­sens Brie­fe, indem sie Argu­men­te, Ant­wor­ten, Anwür­fe von ihm auf­greift. Das ist fast nie plau­si­bel. »Hele­ne« näm­lich erzählt und erklärt ihr Leben, als wis­se »Hans« rein gar nichts von ihr – aber zugleich rekur­riert sie auf gemein­sa­me Bekann­te. »Hele­nes« Kla­ge­brie­fen – und das sind sie – haf­tet daher wenig Authen­ti­zi­tät an. Es ist ein Agen­da­set­ting und kein Dia­log. »Hans« ist eine Luftnummer!

Kerck­hoff / »Hele­ne« schafft sich als unter­le­ge­ne (näm­lich trotz allem: deut­sche) Über­le­gen­de Luft und Dis­kur­s­ho­heit. Sie ­ver­ma­le­deit die »zyni­schen Phra­sen« des Ver­lie­rer­volks, dem sie nur wider­wil­lig ange­hört. Die Mas­se, die­ses bei wei­tem nicht ent­na­zi­fi­zier­te »Pack« [sic!], die­ses »Gift­zeug« traue sich sogar, Sta­lin anzu­kla­gen und »Ruß­land mit Hit­ler-Deutsch­land in einen Dik­ta­tur­topf« (»Hele­ne« wagt sich meta­pho­risch durch­gän­gig weit vor) zu werfen!

Kerck­hoff / »Hele­ne« deu­tet sol­che Grum­me­lei­en als Äuße­run­gen »Unter­le­ge­ner, die sich gegen die mora­li­sche Dis­kri­mi­nie­rung weh­ren und durch ihre Art des Weh­rens sich noch schär­fer ins Unrecht set­zen.« Das expli­zit »anti­fa­schis­ti­sche« »Wir« der Brie­fe­schrei­be­rin bezieht sich auf die weni­gen guten Sozia­lis­ten und Kom­mu­nis­ten. »Ideo­lo­gisch sind wir an der Macht«, schreibt sie, jedoch als vom Volk unge­lieb­te Eli­te: »Es mag sich anders anhö­ren, wenn Du Radio hörst, aber in Wahr­heit sind wir eine ziem­lich schwa­che Grup­pe.« Kommt uns Radio­hö­rern von heu­te das bekannt vor?

»Ehre allen Tap­fe­ren, aus wel­chem Lager sie immer kom­men!«, feu­ert Kerck­hoff / »Hele­ne« an einer Stel­le pathe­tisch. Ein Stroh­feu­er. Sie mein­te es nicht so. Es geht ihr, die sich (inter­es­san­ter­wei­se zehn Jah­re, bevor ihr Gegen­bild Ayn Rand Atlas shrug­ged ver­faß­te) wie­der­holt als tap­fe­re »Atlas­amei­se« unter vie­len ande­ren »Atlas­amei­sen« bezeich­net, stets um ihre eige­ne Linie: »Die Deut­schen soll­ten ins ›Haus der offe­nen Türen gehen‹, ins Haus der Kul­tur der Sowjetunion.«

Kerck­hoff ist 1948 in die SED ein­ge­tre­ten. »Hele­ne« schreibt 1947, sie kön­ne kein Par­tei­mit­glied wer­den, weil »Ent­täu­schun­gen mich dort mehr mar­tern wür­den als irgend­wo anders. Aber die gan­ze Sehn­sucht mei­ner Jugend, die ich heu­te noch beja­he, umarmt die SED mit einem sehr zärt­li­chen Kum­mer.« Am Ende des letz­ten Brie­fes schwört »Hele­ne«, nun kei­ne Chris­tin mehr zu sein. »Mich bewegt allein das Gol­ga­tha mei­ner Mit­men­schen.« Inso­fern anti­zi­pier­te Kerck­hoffs sui­zi­da­ler Unter­gang, falls man es so hart sagen darf, den all­ge­mei­nen Ver­fall ihres Lan­des knapp vier Jahr­zehn­te hernach.

Im ansons­ten über­aus kun­di­gen Nach­wort des Ver­lags­lei­ters Peter Graf, der in die­sem auf­schluß­rei­chen Doku­ment zurecht eine spe­zi­fisch »weib­li­che mora­li­sche Rigo­ro­si­tät« anklin­gen sieht, merkt er außer­dem an, daß Kerck­hoff einem Rän­ke­spiel »alter wei­ßer Män­ner« zum Opfer gefal­len sei. Viel­leicht, Gott sei mit ihr, war sie ein­fach schwach.

– – –

Susan­ne Kerck­hoff: Ber­li­ner Brie­fe. Ein Brief­ro­man, Ber­lin: Ver­lag Das kul­tu­rel­le Gedächt­nis 2020. 111 S., 20 €, kann man hier bestel­len.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (24)

Gustav Grambauer

16. Oktober 2020 09:38

"Fühmann ..."

Es wimmelte damals von Kinderkonspirationsbüchern, das wg. seines Erscheinungsjahres (erst 1960) für mich bemerkenswerteste ist dessen "Suche nach dem wunderbunten Vögelchen", später (1964) von Losansky verfilmt, mit den - für die Vor-53-Zeit typischen - kontrastären Verkitschungs-Elementen.

Sehe diese Titel das sowjetische Literaturgenre aus der Zeit des Großen Terrors nachträglich in der DDR wiederbelebend, in dem unentwegt "Agenten, Saboteure, kleinbürgerlich-reaktionäre Elemente und Diversanten" von Kindern gejagt und Kinder auf die Parteidisziplin der Eltern getrimmt worden waren.

F. hat später auf beeindruckende Weise zur Integrität gefunden, die S. nicht. M. E. ist dies der Grund dafür, daß heute von Mainz aus ein neuer Seghers-Kult aufgezogen wird. In der original-möblierten Seghers-Wohnung hat mir Frau Melchert voriges Jahr u. a. mit Stolz erzählt, welch großer Seghers-Fan ZDF-Intendant Frey sei.

Zu Harich hat Prof. Prokop am intensivsten geforscht.

Grüße!

- G. G.

Monika

16. Oktober 2020 10:47

Wenn es um die „Berliner Briefe“ von Susanne Kerckhoff geht, sollte ein Hinweis auf die mehr als beeindruckende Ines Geipel nicht fehlen, die in ihrem Buch „Die Welt ist eine Schachtel“ über diese Schriftstellerin „differenziert“ schreibt. Siehe auch ihren Beitrag in der NZZ.

“Der Jubel ist vom Westen gemacht“.

https://www.nzz.ch/feuilleton/susanne-kerckhoff-endlich-werden-ihre-buecher-gelesen-ld.1565103

An Maxie Wanders „Leben wäre eine prima Alternative“ erinnere ich mich mit leichter Beklemmung. Dieses Buch war meine erste Erfahrung mit der sog. Befindlichkeitsliteratur. Jeglicher metaphysische Trost wurde weggefegt durch peinliche Indiskretionen.

Aber selbst Theologen schreiben angesichts des Todes jetzt über Befindlichkeiten. Ich nenne das Buch hier nicht. Autor ist mein einst sehr verehrter Ethik-Professor. 

Niekisch

16. Oktober 2020 11:01

"»Ideologisch sind wir an der Macht«, schreibt sie, jedoch als vom Volk ungeliebte Elite: »Es mag sich anders anhören, wenn Du Radio hörst, aber in Wahrheit sind wir eine ziemlich schwache Gruppe.« Kommt uns Radiohörern von heute das bekannt vor?"

Nicht nur den Radiohörern, die hören, sondern auch allen, die sich umsehen und nahezu an allen Orten. Eine an sich schwache Gruppe darf sich solange stark fühlen, wie sie die Schaltstellen krakenartig besetzt hält und nach außen hin verteidigen kann. Also: den Fangarmen der Krake ausweichen, sich in ihr Nervenzentrum einschleichen und sie mit ihren eigenen Begriffen betäuben und lähmen. 

Solution

16. Oktober 2020 11:25

"Antifaschistische" Literatur, in allen Abstufungen und egal wie talentiert, habe ich seit langem über. Genug is genug. 

Andreas Walter

16. Oktober 2020 15:20

“[Richard] Sorge's body was not cremated because of wartime fuel shortages.“

Erstaunlich, was man so alles entdeckt, wenn man sich mit dem Namen Susanne Kerckhoff nur mal kurz beschäftigt.

Eine Propagandistin (und [Selbst-]Mörderin), die selbst zum Opfer von Propaganda wurde.

Für nix. Wobei das Gerücht geht, dass sie wie ihre Stiefmutter auch geehrt werden soll.

Der Rummel, die Propaganda derzeit um sie ist deswegen lediglich das Vorspiel dazu.

Ein paar persönliche Fragen hätte ich trotzdem, wäre sie heute noch am Leben.

 

 

Nath

16. Oktober 2020 15:31

@Solution '"Antifaschistische" Literatur, in allen Abstufungen und egal wie talentiert, habe ich seit langem über. Genug is genug."

Das psychologische Phänomen, das Sie beschreiben, ist äußerst bedenkenswert und geht weit über den universal eingeforderten Antifaschismus hinaus. Wird die Bosheit eines Bösewichtes verabsolutiert und ins Quasi-Theologische gesteigert, ist es für denjenigen, welcher die Idee eines solchen negativen Absoluten prinzipiell ablehnt, schwierig, nicht insgeheim eine t e i l w e i s e  Sympathie für den oder die Gebrandmarkten zu empfinden, und sei es nur, weil man eine grundsätzliche Abneigung gegen Moraltrompeterei besitzt. Ein historisches Beispiel, wie man es besser machen kann: Vyasa, der Autor des Mahabharata, lässt für den dortigen dämonischen Anti-Helden Duryodhana ein gewisses Verständnis durchblicken. Ihm wird von den "Guten", den das Göttliche verkörpernden Pandavas, übelst mitgespielt; auch werden seine sympathischen Charakterzüge  hervorgehoben. Frage: waren die Inder, ungeachtet aller Frömmigkeit, vor dreitausend Jahren vielleicht weiter als wir, was Reflexionsniveau und Differenzierungsvermögen anbetrifft?

 

Nath

16. Oktober 2020 16:10

Teil 2

Der Anti-Faschismus (bzw. Antihitlerismus) ist nur die moderne Spielart des zoroastristischen theologischen Dualismus, der zuerst in das Judentum (das in seiner Anfangszeit die Konzeption des Widersachers oder Satan noch nicht hat) einsickerte und der ein Außerhalb besagter moralischer Dichotomie nicht zulässt: Wer nicht für Ahura Mazda (Jahwe) ist, steht automatisch auf seiten Ahrimans (Satans) und umgekehrt, es gibt nichts dazwischen. Vor allem in der jüdischen und der frühchristlichen Apokalyptik tritt dieses Tertium-non-Datur-Denken in aller Schärfe hervor, hat aber auch in den Jahrtausenden danach, vor allem in seinen verweltlichen Formen, nie wirklich zu existieren aufgehört. Es kann kein Zufall sein, dass auch unsere Zeit wieder eine besondere Affinität zu endzeitlichen Kontrastbildungen enthüllt. Das "Urböse" aber ist und bleibt der Nazismus mit Hitler als negativem Avatar. Wer sich nicht zum Antifaschismus bekennt, muss logischerweise ein Faschist und Rassist sein. Ansonsten sind die Woke-Linken ja zu allen dekonstruktivistischen Höllenfahrten bereit, aber was diese Sache angeht, sind sie rigoroser und substanzgläubiger als ein Jesuit vergangener Zeiten. Vielleicht wird eine zukünftige Generation einmal schärfer über derartige intellektuelle Hanswurstiaden urteilen, als wir Heutigen uns das vorzustellen vermögen

Niekisch

16. Oktober 2020 18:22

"Das "Urböse" aber ist und bleibt der Nazismus mit Hitler als negativem Avatar."

@ Nath 16:10: Deswegen wurde er schon zu Anfang der 30iger Jahre als zu schlachtender Kapores- Hahn abgebildet und Jakob Taubes gab Hans -Dietrich Sander zu bedenken, dass mit dem NS die Grenze der erlaubten Völkerhändel überschritten sei. Ein eigener Heilsweg sei dem deutschen Volk nicht gestattet.

Niekisch

16. Oktober 2020 18:57

"“[Richard] Sorge's body was not cremated because of wartime fuel shortages.“"

@ Andreas Walter 15:20: Können Sie dafür einen gerichtsfesten Beweis liefern?

RMH

17. Oktober 2020 10:59

@Nath,

im NS gibt es auch einen klaren solchen Dualismus - dort ist der Jude des Element des Fremden und Bösen. Von daher: Der Hitlerismus wird leider auch nicht besser, nur weil es seit 45 einen Antihitlerismus gibt, der diesen fast schon spiegelt. Beides ist im Grunde für jeden ästhetisch denkenden und fühlenden Menschen schlicht ekelhaft.

Zum Artikel:

Das besprochene Buch werde ich bestimmt nicht lesen, basta!

Maiordomus

17. Oktober 2020 11:03

@Niekisch. Die Kritiker der 30er Jahre, zu denen auch Röpke gehörte und zahlreiche Opfer des 30.Juli, sind in keiner Weise mit heutigen Antifaschisten vergleichbar. Auf sie hätte man wirklich hören sollen, auch auf jüdische Kritiker wie Willi Schlamm. 

brueckenbauer

17. Oktober 2020 12:04

Brigitte Reimanns "Ankunft im Alltag" habe ich immer gerne gelesen. Könnte allerdings großenteils auch im Dritten Reich geschrieben sein - ein Beispiel dafür, wie die DDR halten wollte, was im Dritten Reich (nach ihrer Auffassung) bloß versprochen worden war. "Literatur der Arbeitswelt" hatte keine exakten ideologischen Grenzen (im Westen war sie vor allem Sache der Katholiken)..

Die Kerckhoff andererseits markiert das Elend der Linksbourgeoisie als einer Klasse, für die "Arbeit" nicht zählt und die sich daher in "Haltung" flüchtet.

Niekisch

17. Oktober 2020 13:11

@ Maiordomus11:03: Sie schreiben versehentlich 30. Juli statt 30.6. 1934 oder wohl gemeint 20.Juli 1944. Ich stimme insofern gerne zu, als gerade auch jüdische Kritiker deutsche Patrioten waren, während die heutige Antifa rein inernationalistisch, nihilistisch und geradezu doloses Werkzeug ist. 

Woraus schließen Sie, ich könne das anders sehen?

@ Andreas Walter 16.10:15:20: Meine Anfrage hat sich erledigt. Ein Beleg findet sich bei Whymant, Robert, Richard Sorge, Der Mann mit den drei Gesichtern, 1. Auflage 1999, S. 446. Meissner, Hans-Otto, Der Fall Sorge, S. 350, erörterte noch Zweifel bzgl. des weiteren Schicksals von Richard Sorge.  

 

Andreas Walter

17. Oktober 2020 14:57

Ergänzend zu Susanne Kerckhoff muss man wissen, dass sie ohne Vater aufgezogen wurde, aufgewachsen ist, also eine Vatertochter war (das weibliche Pendant zum Muttersohn).

Als Rebellin ohne Grenzen wird sie auch von den Tantrikern daher recht gut beschrieben, in ihrem Fall als Abwehr- oder Trotztochter:

https://www.tantra.de/664/papatoechter/

Viele berühmte aber auch berüchtigte Frauen sind übrigens von diesem Phänomen betroffen, keine oder aber eine problematische oder unzureichende Beziehung zum Vater gehabt zu haben oder zu haben. Darum ist auch speziell der linke Flügel der Welt geradezu durchsetzt von Personen, egal ob Frauen oder Männer, die regelmässig durch die Jahrhunderte mit ihrem Verhalten entweder die Welt oder zumindest sich selbst in tiefe Krisen stürzen. Elitäre konservative Gruppen sind allerdings auch überdurchschnittlich stark davon betroffen, auch aus Mangel an Zeit oder sogar Desinteresse für die Kinder durch den (Alpha-)Vater. Erst bei ganz reichen Leuten dreht sich das wieder rum, hat Papa so viel Zeit wie er will für seinen Nachwuchs. Aus dem Grund ist auch Gott in vielen Religionen übrigens keine "Frau", sondern ein "Mann", und auch "Mama's Baby, Papa's Maybe" darum eher ein Problem des heissen, “nackten“, “wilden“ "Südens" (Äquators), samt dadurch auch seiner höheren Neigung zu Gewalt und Leidenschaft, Sehnsucht und Sex (Ödipus und Elektra lassen Grüßen).

 

Andreas Walter

17. Oktober 2020 16:01

P.S.: Wobei Elektra nicht stimmt, passender wäre eigentlich Lilith. Das Phänomen Elektra gibt es zwar auch, ist aber überaus selten. In dem Punkt gebe ich Freud an seiner Kritik von Jung deswegen sogar recht. Elektra ist bereits ein Korrektiv gegen das Chaos, welches durch Lilith und Ödipus überhaupt erst entsteht beziehungsweise immer wieder weiter getragen wird. Von Mord zu Mord, von Vergewaltigung zu Vergewaltigung, von Krieg zu Krieg, von Kindesmissbrauch und Vernachlässigung, von Verwahrlosung und Verrohung. Die Lieblosigkeit der Welt, die als Erwachsene dann zu Grausamkeit und Rücksichtslosigkeit, zu Gleichgültigkeit und Verdrängung führt. Zu mangelndem Einfühlungsvermögen. Manchmal aber sogar zu Irrsinn und Raserei, zu Wahnsinn und Mord. Oder eben Selbst-mord.

Gustav Grambauer

17. Oktober 2020 21:48

Monika

"die mehr als beeindruckende Frau Geipel"

Oh, Stich ins Wespennest, ist Ihnen etwa entgangen, daß die Nennen-Sie-ihren-Sohn-Waldemar-Fraktion Frau Geipel, die ja nur deren eigener allerklarster Spiegel ist, nicht erträgt?!

"Im dreissigsten Jahr der deutschen Einheit wird Susanne Kerckhoff in die Bestsellerlisten gehievt. Der Jubel ist gross. Er ist vom Westen gemacht. Leben und Werk der Dichterin Susanne Kerckhoff sind verminter Stoff. Doch mit welchem Gedächtnisdesign wurden Autorin und Text, siebzig Jahre nach ihrem moralischen Mord, nun auf den gesamtdeutschen Buchmarkt gehoben?" - NZZ-Feuilleton / Schlagzeile zu Frau Geipel

Dafür ist Inzwischen klar, daß z. B. Edeltraud Eckert, deren Entdeckung für die Öffentlichkeit Frau Geipel zu verdanken ist, in den Bestsellerlisten keine Chance mehr hat.

- G. G.

Gustav Grambauer

17. Oktober 2020 21:49

"Kämpfte gegen die Legende vom roten Antifaschismus und zerbrach - Susanne Kerckhoff" - erneut NZZ-Feuilleton

Maiordomus

"Die Kritiker der 30er Jahre, zu denen auch Röpke gehörte und zahlreiche Opfer des 20. Juli, sind in keiner Weise mit heutigen Antifaschisten vergleichbar." 

"Was ist Liebe? Was ist Antifaschismus? Was ist Faschismus? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?"

Hier auf Seite 21 unten steht sternenklar die m. E. tiefgründigste Faschismusdefinition: 

"Der Faschismus wird durch die Träger des dämonischen Strukturtyps der Psyche hervorgebracht und ist von sich aus eine Kultur der Selbststeuerung einer nicht bis zur wahren Menschlichkeit herangereiften Masse-'Elite'-Gesellschaft bzw. irgendwelcher gesellschaftlichen Gruppen in ihr. Es ist unmöglich, das Wesen des Faschismus als System der Menschenfeindlichkeit zu verstehen, ohne das Wesen des Menschen zu verstehen, d. h. ohne jene Merkmale zu identifizieren, die einen wahrhaften Menschen von einer menschenähnlichen Person (sic!, - G. G.) unterscheiden, die sich nicht zu einem wahrhaften Menschen entwickeln konnte; wie auch, ohne jene Merkmale zu identifizieren, die die Art 'Homo sapiens' mit allen seinen Rassen von anderen (sic!, - G. G.) Tierarten in der Biosphäre der Erde unterscheidet."

- G. G.

Laurenz

18. Oktober 2020 12:14

Falls es wen interessiert, der Druck-Relotius schreibt über CS & Anhang 

https://www.spiegel.de/kultur/helmut-lethen-und-caroline-sommerfeld-er-ist-links-sie-ist-rechts-wie-geht-das-in-einer-ehe-a-00000000-0002-0001-0000-000173548979

Gracchus

18. Oktober 2020 13:24

@Nath

Natürlich können wir von indischer Mythologie und Philosophie bestimmt viel lernen. Ihr Beispiel scheint mir aber nicht so glücklich. Das Böse ist weder im Juden- noch Christentum absolut. Satan, was von seiner Herkunft her so viel wie Ankläger (in einem Gerichtsprozess) bedeutet, ist eher der Widersacher der Menschen. Er befindet sich nicht auf einer Ebene mit Gott, so als könnte er ihm gefährlich werden und vom Thron stürzen. Die Stellen im AT, wo Satan auftritt, sind rar, dafür finden wir lauter ambivalente Protagonisten, Gott inbegriffen (so wie er dargestellt wird), und das setzt sich im NT fort, Jesus Christus und Maria ausgenommen. Fatal hat sich vielmehr die monströse Lehre von der ewigen Verdammnis ausgewirkt.

Ich wiederhole, was ich in Anlehnung an russische Denker bereits mehrfach gesagt habe, weil für mich der Gedanke eine starke Evidenz trägt: Der Böse tritt heute im Gewand des Ethischen auf. Einerseits als diabolus, weil er ethische Massstäbe verwirrt, dann als Satan (= Ankläger). Beides trifft auf den linken Mainstream zu.

 

Gracchus

18. Oktober 2020 13:32

Die Rezension hat etwas erheiternd Boshaftes, indem sie die Vorstellung eines Andachtsbüchleins für die Frömmigkeitsübungen linksintellektueller Feuilletonisten hervorruft. Eine Leseprobe konnte ich nicht finden; so auch nicht einen Eindruck gewinnen, wie Kerckhoff sprachlich arbeitet. 

Andreas Walter

18. Oktober 2020 17:08

Das Wort und die Nutzung des Wortes Faschist ist der reine Ausdruck einer Projektion des eigenen, eines Schattens.

Wer das Wort Faschist abwertend gegenüber jemand anderen oder gegenüber anderen benutzt stellt sich damit nämlich automatisch über andere Menschen und wird in dem Moment selbst einer. Zum Herrenmensch also, der andere Menschen als Untermenschen und damit als Unmenschen, also als Nichtmenschen (oder Halbmenschen) bezeichnet. Als Vieh oder wie das Vieh.

Was darum besonders Absurd wirkt, wenn das ausgerechnet “Gutmenschen“ oder angebliche Sozialisten oder Antifaschisten machen. Oder womöglich auch angebliche Christen, Kommunisten und andere Gleichmacher, Gleichschalter, “Nächstenlieber“.

Genauso idiotisch und Unfug ist darum auch das Wort Darmentleerer als Versuch einer Beleidigung und Erniedrigung eines anderen Darmentleerers. Sinnlos, aber ebenso amüsant.

Müssig, über so einen Unsinn daher überhaupt zu diskutieren.

Auch, dass die (strategische) Rehabilitierung von Susanne Kerckhoff als Regimeopfer einen Doppelzweck verfolgt sollte hier jedem darum klar sein. Was dem Ganzen jedoch noch eine weitere, eine zusätzliche bittere Note verleiht ist, dass ich nicht weiß, was sie wirklich geglaubt, gewusst hat. Was da also tatsächlich lief, zwischen ihr und wer weiß wie vielen anderen Interessengruppen, die wie jetzt auch immer agieren, agitieren und propagieren, mitmischen und mauscheln.

Nath

19. Oktober 2020 18:20

@Gracchus "Das Böse ist weder im Juden- noch Christentum absolut."

Sicherlich nicht absolut im hegelschen oder vedantischen Sinne, wohl aber im Sinne einer an sich selbst existierenden contradictio zum Göttlichen. Andernfalls hätte sich im Christentum die Idee des Schlechten als Privation, als seinsmäßiger M a n g e l durchgesetzt, wozu es Ansätze gab, ein Konzept aber, das sich niemals durchsetzen konnte. Nicht umsonst wird in der christlichen Dogmatik von Beginn an die Positivität der Sünde betont, und dies gilt erst recht für den Urgrund alles Bösen. Sie haben recht, das impliziert nicht automatisch einen Gut-Böse-Dualismus, bei welchem sich Gott und Satan als Antipoden gegenüberstehen, deshalb wies ich ja auf den persischen Einfluss auf das Judentum hin (ab 540). Das alte Judentum kommt durchaus ohne Satan aus - hier wird das Böse allein im sündigen Menschen verortet. Man kommt aber nicht an der religionsgeschichtlichen Tatsache vorbei, dass es in den darauffolgenden Jahrhunderten mehr und mehr von der menschlichen Sphäre wegrückt und zu einer kosmischen Macht hinaufgesteigert wird. Seinen Höhepunkt erreicht diese Entwicklung schließlich in der Apokalyptik der Zeitenwende und der mit ihr verbundenen Endzeiterwartung. Hier trennt sich dann - so glaubten sie - "die Spreu vom Weizen".

 

Gracchus

21. Oktober 2020 00:25

@Nath

"Andernfalls hätte sich im Christentum die Idee des Schlechten als Privation, als seinsmäßiger M a n g e l durchgesetzt [...]" Hat sie das nicht? Erstmals habe ich von dieser Idee in christlichen Kontexten gehört, und Robert Spaemann, der sich sicherlich als orthodox begriffen hat, hat in der Weise die Erbsünde bestimmt. Ohne mich ausgiebig damit befasst zu haben, würde ich sagen, dass es im Christentum mehrere Konzepte des Bösen gibt, und ich vermute, dass es auch in Spielarten des Hinduismus Vorstellungen vom Bösen und böse Geister gibt. Ich verstehe daher Ihren Punkt nicht. Was die Linke angeht, scheint da momentan ein kryptoreligiöser Manichäismus zu walten, und leider können die Linken ihre kryptoreligösen und metaphysischen Annahmen nicht reflektieren.

Solution

22. Oktober 2020 12:17

Einige von Antaios hier mehr oder weniger angepriesene Bücher haben eine antifaschistische Schlagseite. Ein Beispiel: Das Buch "Niemandszeit" von Bernig ist aus historischer Sicht eine einzige Katastrophe. Ein unglaubhaftes Märchen voller unerträglicher Klischees mit dem typischen NS-Bashing. Da hilft auch nicht der lobenswerte Ansatz, über die Schrecken der Vergangenheit die Völker zu versöhnen. Die Tschechin Olga Barényi ("Prager Totentanz") wäre hierzu eine Alternative aus eigenem Erleben. Nicht zuletzt muß hier der Tscheche Lukás Beer genannt werden, der quellenbasiert zu interessanten Ergebnissen gekommen ist. Man sollte bei allen Bemühungen um Versöhnung nie vergessen, daß man dies nicht auf Kosten der Vorfahren tun sollte. Dies gilt gerade auch für die NS-Zeit, deren Zeitzeugen sich nicht mehr gegen nachgeborene Besserwisser wehren können. 

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