15. Oktober 2020

Susanne Kerckhoff: Berliner Briefe. Ein Briefroman

Ellen Kositza / 23 Kommentare

Ich möchte meiner in der Sezession 98 (Oktober 2020) abgedruckten Buchbesprechung einige Worte voranstellen:

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Als es vor einiger Zeit einen "Skandal" ausmachte, weil die AfD zu einem Parteitag bestimmten Journalisten keine Akkreditierung gewährte, lachten wir hier grimmig. Ich habe Jahrzehnte kulturjournalistischer Arbeit hinter mir und bin Ausschluß von Anfang an gewöhnt.

Ungefähr fünfzehn Jahre hatte ich für die Junge Freiheit neue Kinofilme vorgestellt. Daß ich barsche Briefe (im Vorhinein, nicht aufgrund etwa böser Besprechungen!) von Filmverleihen bekam, daß Kinobetreiber mich beim Eintragen in die Presseliste ("JF? Brauchen wir nicht.") scharf angingen: Alltag.

Im Buchgeschäft ist es nicht anders. Wie wir auf Buchmessen beim simplen Besuch verschiedener Verlagsstände "verjagt" wurden (ich zuletzt von Jutta Ditfurth - netter Versuch), hatte ich mehrfach dokumentiert.

Buchrezensionen sind noch mal ein eigenes Terrain. Wir selbst, der Verlag Antaios, sind schon vor vielen Jahren davon abgekommen, jeder Bitte um ein Rezensionsexemplar nachzukommen. In den Anfangsjahren unseres Verlags versandeten zahlreiche Antaios-Exemplare in den Redaktionen der Großfeuilletons. Man bestellte dort neugierig Buch für Buch, man las vermutlich mit Gewinn - und besprach natürlich nicht.

Ich handhabe das als Redakteurin anders. Wenn ich einen Verlag um ein Rezensionsexemplar bitte, habe ich mich zuvor gründlich über dessen Relevanz für uns informiert. Dann wird es in neunzehn von zwanzig Fällen auch besprochen. Man sollte wissen: Was die Leitfeuilletons dieser Republik angeht, ist seit vielen Jahren die Klage virulent, daß rezensionstechnisch (anders als etwa in US-Medien) nahezu ausschließlich gelobhudelt wird.

Journalisten sind oft auch Schriftsteller, und so haben wir es mit einer großen kulturelle Echokammer zu tun, in der die eine Krähe der anderen kein Auge aushacken will. Ich bin nicht wirklich drin in diesem Literaturbetrieb, aber die wenigen Sachen und (Günstlings-)Verhältnisse, von denen ich weiß, reichen mir. In der Sezession werden Bücher unbesehen von solchen Abhängigkeiten besprochen. Es gibt kein unverdientes Süßholz, es gibt keine unverdiente Häme. Wir arbeiten hart an der jeweiligen Sache.

Über den Daumen gepeilt, liefern uns rund Dreiviertel der deutschsprachigen Verlage keine Besprechungsexemplare mehr. Nicht, weil wir so oft Verrisse brächten. (Ich erinnere nur daran, wie panisch der Schöffling-Verlag reagiert hatte, nachdem wir einen Roman seines damaligen Autors Bernd Wagner lobten: "Woher haben die das Buch?? Von uns sicher nicht!")

Es sind Gründe jenseits des Journalistischen. Warum erzähle ich das? Aus Gelegenheit: Gestern kam ein Pressebeleg zurück, den ich an den recht jungen, allseits hochgepriesenen "Verlag Das kulturelle Gedächtnis" gesandt hatte. Eingeschnappt klang die Aufschrift der beigelegten Karte:

Guten Tag, es steht Ihnen natürlich frei, unsere Bücher zu besprechen [uff!, EK], an Belegen Ihres Magazins besteht hingegen keinerlei Interesse. Mit freundlichem Gruß, Peter Graf.

Nun denn. Es steht den Leuten in diesem Lande selbstverständlich allerlei frei. Wir, Antaios, pflegen jedenfalls nicht, beleidigt zu reagieren, wenn sich jemand ernsthaft mit unseren Bücher auseinandersetzt. Hier nun meine Besprechung.

-- -- --

Wenn ein Buch wie Susanne Kerckhoffs Berliner Briefe in der renommierten SWR-Besten­liste als Erstplatzierung über 100 Punkte erhält, ist das für gewöhnlich ein Qualitätsurteil jenseits von Geschmacksfragen. Kaum ein Großfeuilleton ließ sich diesen (teil)fiktiven Briefroman entgehen. Er wurde hochgerühmt – durchweg.

Meine erste Lektüre endete mit einem Kopfschütteln. Was war das, wenn nicht, ja: weibische Befindlichkeitsliteratur, opportun gerade für schöngeistige Zeitgeistritter von heute? Eine privatistische, antifaschistische, noch dazu leicht verlogene Inventur (dazu gleich) der 1940er Jahre, verschriftlicht von einer davongekommenen Frau, die betont, es selbst beizeiten besser gewußt zu haben? Ich traute meinen Augen nicht.

Ich bin skeptisch, wo offenkundig reflexartig geurteilt wird. Ich vermutete den einfältigen, typischen »Antifa«-Reflex hinter all den Lobhudeleien. Dann hinterfragte ich auch meinen eigenen Reflex. Bin ich voreingenommen gegen solcherart Widerstandslektüre? Hm. Ich mag Franz Fühmann und Brigitte Reimann, obwohl sie deutliche Avancen ans DDR-Regime machten. Ich mag sogar auf irrationale Weise Peter Hacks, Maxie Wander und Johannes R. Becher – teils. Ich las die Kerckhoff also voller Skrupel erneut.

Es handelt sich um dreizehn nicht datierte Briefe, die ein deutsches Kerckhoff-Alter-Ego namens »Helene« an einen (offenkundig jüdischen und im Exil lebenden) »Hans« schreibt. 1947 hatte Susanne Kerckhoff (1918 – 1950, geendet durch Suizid, Halbschwester des DDR-Philosophen Wolfgang Harich) diesen Roman veröffentlicht. Die dreizehn Briefe bleiben ohne Antwort. Sie suggerieren aber einen Austausch. »Helene« tut, als antworte sie auf Hansens Briefe, indem sie Argumente, Antworten, Anwürfe von ihm aufgreift. Das ist fast nie plausibel. »Helene« nämlich erzählt und erklärt ihr Leben, als wisse »Hans« rein gar nichts von ihr – aber zugleich rekurriert sie auf gemeinsame Bekannte. »Helenes« Klagebriefen – und das sind sie – haftet daher wenig Authentizität an. Es ist ein Agendasetting und kein Dialog. »Hans« ist eine Luftnummer!

Kerckhoff / »Helene« schafft sich als unterlegene (nämlich trotz allem: deutsche) Überlegende Luft und Diskurshoheit. Sie ­vermaledeit die »zynischen Phrasen« des Verlierervolks, dem sie nur widerwillig angehört. Die Masse, dieses bei weitem nicht entnazifizierte »Pack« [sic!], dieses »Giftzeug« traue sich sogar, Stalin anzuklagen und »Rußland mit Hitler-Deutschland in einen Diktaturtopf« (»Helene« wagt sich metaphorisch durchgängig weit vor) zu werfen!

Kerckhoff / »Helene« deutet solche Grummeleien als Äußerungen »Unterlegener, die sich gegen die moralische Diskriminierung wehren und durch ihre Art des Wehrens sich noch schärfer ins Unrecht setzen.« Das explizit »antifaschistische« »Wir« der Briefeschreiberin bezieht sich auf die wenigen guten Sozialisten und Kommunisten. »Ideologisch sind wir an der Macht«, schreibt sie, jedoch als vom Volk ungeliebte Elite: »Es mag sich anders anhören, wenn Du Radio hörst, aber in Wahrheit sind wir eine ziemlich schwache Gruppe.« Kommt uns Radiohörern von heute das bekannt vor?

»Ehre allen Tapferen, aus welchem Lager sie immer kommen!«, feuert Kerckhoff / »Helene« an einer Stelle pathetisch. Ein Strohfeuer. Sie meinte es nicht so. Es geht ihr, die sich (interessanterweise zehn Jahre, bevor ihr Gegenbild Ayn Rand Atlas shrugged verfaßte) wiederholt als tapfere »Atlasameise« unter vielen anderen »Atlasameisen« bezeichnet, stets um ihre eigene Linie: »Die Deutschen sollten ins ›Haus der offenen Türen gehen‹, ins Haus der Kultur der Sowjet­union.«

Kerckhoff ist 1948 in die SED eingetreten. »Helene« schreibt 1947, sie könne kein Parteimitglied werden, weil »Enttäuschungen mich dort mehr martern würden als irgendwo anders. Aber die ganze Sehnsucht meiner Jugend, die ich heute noch bejahe, umarmt die SED mit einem sehr zärtlichen Kummer.« Am Ende des letzten Briefes schwört »Helene«, nun keine Christin mehr zu sein. »Mich bewegt allein das Golgatha meiner Mitmenschen.« Insofern antizipierte Kerckhoffs suizidaler Untergang, falls man es so hart sagen darf, den allgemeinen Verfall ihres Landes knapp vier Jahrzehnte hernach.

Im ansonsten überaus kundigen Nachwort des Verlagsleiters Peter Graf, der in diesem aufschlußreichen Dokument zurecht eine spezifisch »weibliche moralische Rigorosität« anklingen sieht, merkt er außerdem an, daß Kerckhoff einem Ränkespiel »alter weißer Männer« zum Opfer gefallen sei. Vielleicht, Gott sei mit ihr, war sie einfach schwach.

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Susanne Kerckhoff: Berliner Briefe. Ein Briefroman, Berlin: Verlag Das kulturelle Gedächtnis 2020. 111 S., 20 €, kann man hier bestellen.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


Kommentare (23)

Gustav Grambauer

16. Oktober 2020 09:36

Hatte den Namen Kerckhoff nie gehört, sehe mich aber in die Zeit- und Seelenlage hineinversetzt, die am Beispiel der Seghers hier beleuchtet wird.

Die Seghers hat sich 1951 "Joiza - die Tochter der Delegierten" als nachträgliches Geschenk an das MfS zu dessen Gründung abgequält. Nach vier Jahren kulturoplitischer Kaltstellung und geschnitten von der Mehrzahl ehemaliger Exilfreunde im von den Hotel-Lux-Kadern geprägten Klima sah sie nur mit diesem Geschenk einen Ausweg für sich, hat diesen Titel sogar zu ihrem offenbar wohlkalkulierten Eintrittsbillett in die SED-Apparatnomenklatur gemacht.

- G. G.

Gustav Grambauer

16. Oktober 2020 09:38

"Fühmann ..."

Es wimmelte damals von Kinderkonspirationsbüchern, das wg. seines Erscheinungsjahres (erst 1960) für mich bemerkenswerteste ist dessen "Suche nach dem wunderbunten Vögelchen", später (1964) von Losansky verfilmt, mit den - für die Vor-53-Zeit typischen - kontrastären Verkitschungs-Elementen.

Sehe diese Titel das sowjetische Literaturgenre aus der Zeit des Großen Terrors nachträglich in der DDR wiederbelebend, in dem unentwegt "Agenten, Saboteure, kleinbürgerlich-reaktionäre Elemente und Diversanten" von Kindern gejagt und Kinder auf die Parteidisziplin der Eltern getrimmt worden waren.

F. hat später auf beeindruckende Weise zur Integrität gefunden, die S. nicht. M. E. ist dies der Grund dafür, daß heute von Mainz aus ein neuer Seghers-Kult aufgezogen wird. In der original-möblierten Seghers-Wohnung hat mir Frau Melchert voriges Jahr u. a. mit Stolz erzählt, welch großer Seghers-Fan ZDF-Intendant Frey sei.

Zu Harich hat Prof. Prokop am intensivsten geforscht.

Grüße!

- G. G.

Monika

16. Oktober 2020 10:47

Wenn es um die „Berliner Briefe“ von Susanne Kerckhoff geht, sollte ein Hinweis auf die mehr als beeindruckende Ines Geipel nicht fehlen, die in ihrem Buch „Die Welt ist eine Schachtel“ über diese Schriftstellerin „differenziert“ schreibt. Siehe auch ihren Beitrag in der NZZ.

“Der Jubel ist vom Westen gemacht“.

https://www.nzz.ch/feuilleton/susanne-kerckhoff-endlich-werden-ihre-buecher-gelesen-ld.1565103

An Maxie Wanders „Leben wäre eine prima Alternative“ erinnere ich mich mit leichter Beklemmung. Dieses Buch war meine erste Erfahrung mit der sog. Befindlichkeitsliteratur. Jeglicher metaphysische Trost wurde weggefegt durch peinliche Indiskretionen.

Aber selbst Theologen schreiben angesichts des Todes jetzt über Befindlichkeiten. Ich nenne das Buch hier nicht. Autor ist mein einst sehr verehrter Ethik-Professor. 

Niekisch

16. Oktober 2020 11:01

"»Ideologisch sind wir an der Macht«, schreibt sie, jedoch als vom Volk ungeliebte Elite: »Es mag sich anders anhören, wenn Du Radio hörst, aber in Wahrheit sind wir eine ziemlich schwache Gruppe.« Kommt uns Radiohörern von heute das bekannt vor?"

Nicht nur den Radiohörern, die hören, sondern auch allen, die sich umsehen und nahezu an allen Orten. Eine an sich schwache Gruppe darf sich solange stark fühlen, wie sie die Schaltstellen krakenartig besetzt hält und nach außen hin verteidigen kann. Also: den Fangarmen der Krake ausweichen, sich in ihr Nervenzentrum einschleichen und sie mit ihren eigenen Begriffen betäuben und lähmen. 

Solution

16. Oktober 2020 11:25

"Antifaschistische" Literatur, in allen Abstufungen und egal wie talentiert, habe ich seit langem über. Genug is genug. 

Andreas Walter

16. Oktober 2020 15:20

“[Richard] Sorge's body was not cremated because of wartime fuel shortages.“

Erstaunlich, was man so alles entdeckt, wenn man sich mit dem Namen Susanne Kerckhoff nur mal kurz beschäftigt.

Eine Propagandistin (und [Selbst-]Mörderin), die selbst zum Opfer von Propaganda wurde.

Für nix. Wobei das Gerücht geht, dass sie wie ihre Stiefmutter auch geehrt werden soll.

Der Rummel, die Propaganda derzeit um sie ist deswegen lediglich das Vorspiel dazu.

Ein paar persönliche Fragen hätte ich trotzdem, wäre sie heute noch am Leben.

 

 

Nath

16. Oktober 2020 15:31

@Solution '"Antifaschistische" Literatur, in allen Abstufungen und egal wie talentiert, habe ich seit langem über. Genug is genug."

Das psychologische Phänomen, das Sie beschreiben, ist äußerst bedenkenswert und geht weit über den universal eingeforderten Antifaschismus hinaus. Wird die Bosheit eines Bösewichtes verabsolutiert und ins Quasi-Theologische gesteigert, ist es für denjenigen, welcher die Idee eines solchen negativen Absoluten prinzipiell ablehnt, schwierig, nicht insgeheim eine t e i l w e i s e  Sympathie für den oder die Gebrandmarkten zu empfinden, und sei es nur, weil man eine grundsätzliche Abneigung gegen Moraltrompeterei besitzt. Ein historisches Beispiel, wie man es besser machen kann: Vyasa, der Autor des Mahabharata, lässt für den dortigen dämonischen Anti-Helden Duryodhana ein gewisses Verständnis durchblicken. Ihm wird von den "Guten", den das Göttliche verkörpernden Pandavas, übelst mitgespielt; auch werden seine sympathischen Charakterzüge  hervorgehoben. Frage: waren die Inder, ungeachtet aller Frömmigkeit, vor dreitausend Jahren vielleicht weiter als wir, was Reflexionsniveau und Differenzierungsvermögen anbetrifft?

 

Nath

16. Oktober 2020 16:10

Teil 2

Der Anti-Faschismus (bzw. Antihitlerismus) ist nur die moderne Spielart des zoroastristischen theologischen Dualismus, der zuerst in das Judentum (das in seiner Anfangszeit die Konzeption des Widersachers oder Satan noch nicht hat) einsickerte und der ein Außerhalb besagter moralischer Dichotomie nicht zulässt: Wer nicht für Ahura Mazda (Jahwe) ist, steht automatisch auf seiten Ahrimans (Satans) und umgekehrt, es gibt nichts dazwischen. Vor allem in der jüdischen und der frühchristlichen Apokalyptik tritt dieses Tertium-non-Datur-Denken in aller Schärfe hervor, hat aber auch in den Jahrtausenden danach, vor allem in seinen verweltlichen Formen, nie wirklich zu existieren aufgehört. Es kann kein Zufall sein, dass auch unsere Zeit wieder eine besondere Affinität zu endzeitlichen Kontrastbildungen enthüllt. Das "Urböse" aber ist und bleibt der Nazismus mit Hitler als negativem Avatar. Wer sich nicht zum Antifaschismus bekennt, muss logischerweise ein Faschist und Rassist sein. Ansonsten sind die Woke-Linken ja zu allen dekonstruktivistischen Höllenfahrten bereit, aber was diese Sache angeht, sind sie rigoroser und substanzgläubiger als ein Jesuit vergangener Zeiten. Vielleicht wird eine zukünftige Generation einmal schärfer über derartige intellektuelle Hanswurstiaden urteilen, als wir Heutigen uns das vorzustellen vermögen

Niekisch

16. Oktober 2020 18:22

"Das "Urböse" aber ist und bleibt der Nazismus mit Hitler als negativem Avatar."

@ Nath 16:10: Deswegen wurde er schon zu Anfang der 30iger Jahre als zu schlachtender Kapores- Hahn abgebildet und Jakob Taubes gab Hans -Dietrich Sander zu bedenken, dass mit dem NS die Grenze der erlaubten Völkerhändel überschritten sei. Ein eigener Heilsweg sei dem deutschen Volk nicht gestattet.

Niekisch

16. Oktober 2020 18:57

"“[Richard] Sorge's body was not cremated because of wartime fuel shortages.“"

@ Andreas Walter 15:20: Können Sie dafür einen gerichtsfesten Beweis liefern?

RMH

17. Oktober 2020 10:59

@Nath,

im NS gibt es auch einen klaren solchen Dualismus - dort ist der Jude des Element des Fremden und Bösen. Von daher: Der Hitlerismus wird leider auch nicht besser, nur weil es seit 45 einen Antihitlerismus gibt, der diesen fast schon spiegelt. Beides ist im Grunde für jeden ästhetisch denkenden und fühlenden Menschen schlicht ekelhaft.

Zum Artikel:

Das besprochene Buch werde ich bestimmt nicht lesen, basta!

Maiordomus

17. Oktober 2020 11:03

@Niekisch. Die Kritiker der 30er Jahre, zu denen auch Röpke gehörte und zahlreiche Opfer des 30.Juli, sind in keiner Weise mit heutigen Antifaschisten vergleichbar. Auf sie hätte man wirklich hören sollen, auch auf jüdische Kritiker wie Willi Schlamm. 

brueckenbauer

17. Oktober 2020 12:04

Brigitte Reimanns "Ankunft im Alltag" habe ich immer gerne gelesen. Könnte allerdings großenteils auch im Dritten Reich geschrieben sein - ein Beispiel dafür, wie die DDR halten wollte, was im Dritten Reich (nach ihrer Auffassung) bloß versprochen worden war. "Literatur der Arbeitswelt" hatte keine exakten ideologischen Grenzen (im Westen war sie vor allem Sache der Katholiken)..

Die Kerckhoff andererseits markiert das Elend der Linksbourgeoisie als einer Klasse, für die "Arbeit" nicht zählt und die sich daher in "Haltung" flüchtet.

Niekisch

17. Oktober 2020 13:11

@ Maiordomus11:03: Sie schreiben versehentlich 30. Juli statt 30.6. 1934 oder wohl gemeint 20.Juli 1944. Ich stimme insofern gerne zu, als gerade auch jüdische Kritiker deutsche Patrioten waren, während die heutige Antifa rein inernationalistisch, nihilistisch und geradezu doloses Werkzeug ist. 

Woraus schließen Sie, ich könne das anders sehen?

@ Andreas Walter 16.10:15:20: Meine Anfrage hat sich erledigt. Ein Beleg findet sich bei Whymant, Robert, Richard Sorge, Der Mann mit den drei Gesichtern, 1. Auflage 1999, S. 446. Meissner, Hans-Otto, Der Fall Sorge, S. 350, erörterte noch Zweifel bzgl. des weiteren Schicksals von Richard Sorge.  

 

Andreas Walter

17. Oktober 2020 14:57

Ergänzend zu Susanne Kerckhoff muss man wissen, dass sie ohne Vater aufgezogen wurde, aufgewachsen ist, also eine Vatertochter war (das weibliche Pendant zum Muttersohn).

Als Rebellin ohne Grenzen wird sie auch von den Tantrikern daher recht gut beschrieben, in ihrem Fall als Abwehr- oder Trotztochter:

https://www.tantra.de/664/papatoechter/

Viele berühmte aber auch berüchtigte Frauen sind übrigens von diesem Phänomen betroffen, keine oder aber eine problematische oder unzureichende Beziehung zum Vater gehabt zu haben oder zu haben. Darum ist auch speziell der linke Flügel der Welt geradezu durchsetzt von Personen, egal ob Frauen oder Männer, die regelmässig durch die Jahrhunderte mit ihrem Verhalten entweder die Welt oder zumindest sich selbst in tiefe Krisen stürzen. Elitäre konservative Gruppen sind allerdings auch überdurchschnittlich stark davon betroffen, auch aus Mangel an Zeit oder sogar Desinteresse für die Kinder durch den (Alpha-)Vater. Erst bei ganz reichen Leuten dreht sich das wieder rum, hat Papa so viel Zeit wie er will für seinen Nachwuchs. Aus dem Grund ist auch Gott in vielen Religionen übrigens keine "Frau", sondern ein "Mann", und auch "Mama's Baby, Papa's Maybe" darum eher ein Problem des heissen, “nackten“, “wilden“ "Südens" (Äquators), samt dadurch auch seiner höheren Neigung zu Gewalt und Leidenschaft, Sehnsucht und Sex (Ödipus und Elektra lassen Grüßen).

 

Andreas Walter

17. Oktober 2020 16:01

P.S.: Wobei Elektra nicht stimmt, passender wäre eigentlich Lilith. Das Phänomen Elektra gibt es zwar auch, ist aber überaus selten. In dem Punkt gebe ich Freud an seiner Kritik von Jung deswegen sogar recht. Elektra ist bereits ein Korrektiv gegen das Chaos, welches durch Lilith und Ödipus überhaupt erst entsteht beziehungsweise immer wieder weiter getragen wird. Von Mord zu Mord, von Vergewaltigung zu Vergewaltigung, von Krieg zu Krieg, von Kindesmissbrauch und Vernachlässigung, von Verwahrlosung und Verrohung. Die Lieblosigkeit der Welt, die als Erwachsene dann zu Grausamkeit und Rücksichtslosigkeit, zu Gleichgültigkeit und Verdrängung führt. Zu mangelndem Einfühlungsvermögen. Manchmal aber sogar zu Irrsinn und Raserei, zu Wahnsinn und Mord. Oder eben Selbst-mord.

Gustav Grambauer

17. Oktober 2020 21:48

Monika

"die mehr als beeindruckende Frau Geipel"

Oh, Stich ins Wespennest, ist Ihnen etwa entgangen, daß die Nennen-Sie-ihren-Sohn-Waldemar-Fraktion Frau Geipel, die ja nur deren eigener allerklarster Spiegel ist, nicht erträgt?!

"Im dreissigsten Jahr der deutschen Einheit wird Susanne Kerckhoff in die Bestsellerlisten gehievt. Der Jubel ist gross. Er ist vom Westen gemacht. Leben und Werk der Dichterin Susanne Kerckhoff sind verminter Stoff. Doch mit welchem Gedächtnisdesign wurden Autorin und Text, siebzig Jahre nach ihrem moralischen Mord, nun auf den gesamtdeutschen Buchmarkt gehoben?" - NZZ-Feuilleton / Schlagzeile zu Frau Geipel

Dafür ist Inzwischen klar, daß z. B. Edeltraud Eckert, deren Entdeckung für die Öffentlichkeit Frau Geipel zu verdanken ist, in den Bestsellerlisten keine Chance mehr hat.

- G. G.

Gustav Grambauer

17. Oktober 2020 21:49

"Kämpfte gegen die Legende vom roten Antifaschismus und zerbrach - Susanne Kerckhoff" - erneut NZZ-Feuilleton

Maiordomus

"Die Kritiker der 30er Jahre, zu denen auch Röpke gehörte und zahlreiche Opfer des 20. Juli, sind in keiner Weise mit heutigen Antifaschisten vergleichbar." 

"Was ist Liebe? Was ist Antifaschismus? Was ist Faschismus? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?"

Hier auf Seite 21 unten steht sternenklar die m. E. tiefgründigste Faschismusdefinition: 

"Der Faschismus wird durch die Träger des dämonischen Strukturtyps der Psyche hervorgebracht und ist von sich aus eine Kultur der Selbststeuerung einer nicht bis zur wahren Menschlichkeit herangereiften Masse-'Elite'-Gesellschaft bzw. irgendwelcher gesellschaftlichen Gruppen in ihr. Es ist unmöglich, das Wesen des Faschismus als System der Menschenfeindlichkeit zu verstehen, ohne das Wesen des Menschen zu verstehen, d. h. ohne jene Merkmale zu identifizieren, die einen wahrhaften Menschen von einer menschenähnlichen Person (sic!, - G. G.) unterscheiden, die sich nicht zu einem wahrhaften Menschen entwickeln konnte; wie auch, ohne jene Merkmale zu identifizieren, die die Art 'Homo sapiens' mit allen seinen Rassen von anderen (sic!, - G. G.) Tierarten in der Biosphäre der Erde unterscheidet."

- G. G.

Laurenz

18. Oktober 2020 12:14

Falls es wen interessiert, der Druck-Relotius schreibt über CS & Anhang 

https://www.spiegel.de/kultur/helmut-lethen-und-caroline-sommerfeld-er-ist-links-sie-ist-rechts-wie-geht-das-in-einer-ehe-a-00000000-0002-0001-0000-000173548979

Gracchus

18. Oktober 2020 13:24

@Nath

Natürlich können wir von indischer Mythologie und Philosophie bestimmt viel lernen. Ihr Beispiel scheint mir aber nicht so glücklich. Das Böse ist weder im Juden- noch Christentum absolut. Satan, was von seiner Herkunft her so viel wie Ankläger (in einem Gerichtsprozess) bedeutet, ist eher der Widersacher der Menschen. Er befindet sich nicht auf einer Ebene mit Gott, so als könnte er ihm gefährlich werden und vom Thron stürzen. Die Stellen im AT, wo Satan auftritt, sind rar, dafür finden wir lauter ambivalente Protagonisten, Gott inbegriffen (so wie er dargestellt wird), und das setzt sich im NT fort, Jesus Christus und Maria ausgenommen. Fatal hat sich vielmehr die monströse Lehre von der ewigen Verdammnis ausgewirkt.

Ich wiederhole, was ich in Anlehnung an russische Denker bereits mehrfach gesagt habe, weil für mich der Gedanke eine starke Evidenz trägt: Der Böse tritt heute im Gewand des Ethischen auf. Einerseits als diabolus, weil er ethische Massstäbe verwirrt, dann als Satan (= Ankläger). Beides trifft auf den linken Mainstream zu.

 

Gracchus

18. Oktober 2020 13:32

Die Rezension hat etwas erheiternd Boshaftes, indem sie die Vorstellung eines Andachtsbüchleins für die Frömmigkeitsübungen linksintellektueller Feuilletonisten hervorruft. Eine Leseprobe konnte ich nicht finden; so auch nicht einen Eindruck gewinnen, wie Kerckhoff sprachlich arbeitet. 

Andreas Walter

18. Oktober 2020 17:08

Das Wort und die Nutzung des Wortes Faschist ist der reine Ausdruck einer Projektion des eigenen, eines Schattens.

Wer das Wort Faschist abwertend gegenüber jemand anderen oder gegenüber anderen benutzt stellt sich damit nämlich automatisch über andere Menschen und wird in dem Moment selbst einer. Zum Herrenmensch also, der andere Menschen als Untermenschen und damit als Unmenschen, also als Nichtmenschen (oder Halbmenschen) bezeichnet. Als Vieh oder wie das Vieh.

Was darum besonders Absurd wirkt, wenn das ausgerechnet “Gutmenschen“ oder angebliche Sozialisten oder Antifaschisten machen. Oder womöglich auch angebliche Christen, Kommunisten und andere Gleichmacher, Gleichschalter, “Nächstenlieber“.

Genauso idiotisch und Unfug ist darum auch das Wort Darmentleerer als Versuch einer Beleidigung und Erniedrigung eines anderen Darmentleerers. Sinnlos, aber ebenso amüsant.

Müssig, über so einen Unsinn daher überhaupt zu diskutieren.

Auch, dass die (strategische) Rehabilitierung von Susanne Kerckhoff als Regimeopfer einen Doppelzweck verfolgt sollte hier jedem darum klar sein. Was dem Ganzen jedoch noch eine weitere, eine zusätzliche bittere Note verleiht ist, dass ich nicht weiß, was sie wirklich geglaubt, gewusst hat. Was da also tatsächlich lief, zwischen ihr und wer weiß wie vielen anderen Interessengruppen, die wie jetzt auch immer agieren, agitieren und propagieren, mitmischen und mauscheln.

Nath

19. Oktober 2020 18:20

@Gracchus "Das Böse ist weder im Juden- noch Christentum absolut."

Sicherlich nicht absolut im hegelschen oder vedantischen Sinne, wohl aber im Sinne einer an sich selbst existierenden contradictio zum Göttlichen. Andernfalls hätte sich im Christentum die Idee des Schlechten als Privation, als seinsmäßiger M a n g e l durchgesetzt, wozu es Ansätze gab, ein Konzept aber, das sich niemals durchsetzen konnte. Nicht umsonst wird in der christlichen Dogmatik von Beginn an die Positivität der Sünde betont, und dies gilt erst recht für den Urgrund alles Bösen. Sie haben recht, das impliziert nicht automatisch einen Gut-Böse-Dualismus, bei welchem sich Gott und Satan als Antipoden gegenüberstehen, deshalb wies ich ja auf den persischen Einfluss auf das Judentum hin (ab 540). Das alte Judentum kommt durchaus ohne Satan aus - hier wird das Böse allein im sündigen Menschen verortet. Man kommt aber nicht an der religionsgeschichtlichen Tatsache vorbei, dass es in den darauffolgenden Jahrhunderten mehr und mehr von der menschlichen Sphäre wegrückt und zu einer kosmischen Macht hinaufgesteigert wird. Seinen Höhepunkt erreicht diese Entwicklung schließlich in der Apokalyptik der Zeitenwende und der mit ihr verbundenen Endzeiterwartung. Hier trennt sich dann - so glaubten sie - "die Spreu vom Weizen".