1. Dezember 2019

Trianon, oder: Hundert Jahre Krieg in Osteuropa

Redaktion

Im Gespräch mit Mária Schmidt
PDF der Druckfassung aus Sezession 93/Dezember 2019

  • Sezession

Sezession: Werte Frau Schmidt, in Ihrem Essay über die Jahre 1918 bis 1923 und die »Geburt einer neuen Welt« (Budapest/ Stuttgart 2019) bezeichnen Sie die Pariser Vorortverträge (uns Deutsche betraf der Versailler Vertrag) als »verfehltes Friedenswerk«. Sie rechnen weder Frankreich noch England recht eigentlich zu den Siegern. Diese Perspektive ist hochinteressant.

Schmidt: Im Ersten Weltkrieg entstand ähnlich wie später im Zweiten eine Pattsituation zwischen den Mittelmächten und den Mächten der Entente. Briten und Franzosen waren nicht einmal im Bündnis mit den Russen imstande, einen
Sieg über die Deutschen und deren Verbündete zu erringen. Das Ausscheiden Russlands aus dem Krieg – übrigens als Folge einer der erfolgreichsten deutschen Geheimdienstoperationen aller Zeiten – hätte sie eigentlich zu einem einvernehmlichen Friedensschluß drängen sollen.
Hätten Engländer und Franzosen das begriffen, dann wäre ihnen nicht in den Sinn gekommen, dem Kontinent dieses »Friedenswerk« aufzuzwingen. Sie hätten nämlich leicht einsehen können, daß sie gar nicht in der Lage sind, der Einhaltung ihres Diktats Geltung zu verschaffen.

Sezession: Wir sollten entlang dieser Interpretationslinie gleich weit über den Ersten Weltkrieg hinausgehen. Sie sprechen von einem hundertjährigen Krieg und bezeichnen damit das »kurze Jahrhundert« zwischen 1914 und 1989. Warum ist dieser Zeitraum für Sie eine Epoche?

Schmidt: Wenn wir aus der heutigen Perspektive zurückschauen, sehen wir eindeutig, daß das 20. Jahrhundert in Europa die Epoche eines hundertjährigen Kriegs war. Am Ausgang des Ersten Weltbrands traten die Bolschewiken 1917 mit einem vollständig neuartigen Versprechen von der Weltrevolution an. Das war eine Herausforderung, welcher die Amerikaner erst 1990 Herr werden konnten. Alle drei miteinander zusammenhängenden Weltkriege wurden um die Entscheidung jener Frage geführt, wer der Herrscher über Europa sein wird. Sollte Großbritannien seinen Einfluß und das damit einhergehende Kräftegleichgewicht bewahren können
oder würde der Kontinent unter die Fuchtel der Deutschen geraten? So lautete die Frage im Ersten Weltkrieg, der noch keine Lösung brachte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg teilten die beiden Siegermächte Sowjetunion und USA Europa und die Welt untereinander auf. Die Amerikaner amerikanisierten, die Sowjets sowjetisierten die ihnen zugeschlagenen Gebiete. Die Entscheidung fiel erst am Ende des dritten, als »Kalter Krieg« bezeichneten Abschnitts. Die Vereinigten Staaten von Amerika besiegten die Sowjetunion,
woraufhin sie auch die östliche Hälfte des europäischen Kontinents vereinen und amerikanisieren konnten.

Sezession: Ist das Ergebnis der amerikanischen Intervention für Europa eine Katastrophe?

Schmidt: Ich betrachte die Intervention der Amerikaner nicht als Katastrophe. Ganz im Gegenteil: Da ich die Sowjetisierung erleben mußte, habe ich eine ausgesprochen positive Meinung zur Amerikanisierung. Franzosen und Briten erhielten durch die amerikanischen Siege einen historischen Aufschub und gingen nicht in dem dramatischen Tempo unter, wie andere Großmächte, zum Beispiel die Habsburger, das Osmanische Reich oder nach 1990 die Sowjetunion. Das Gift aber hat ihre Organe längst erfaßt; spätestens ihr peinliches Ungeschick in der Suez-Krise von 1956 brachte es für alle Welt an den Tag, daß ihre eigenständige Rolle in der großen Politik ein Ende gefunden hat.

Sezession: Dennoch halten Sie die historischen Schnitte 1918 und 1945 für typisch westliche Verkürzungen: Weder im einen noch im anderen Jahr war für Mittel- und Osteuropa der Krieg vorbei. Sind diese aus
westlicher Sicht irgendwie »ungeordneten« Nationen in der Lage, eine eigene Geschichte zu erzählen und als »Große Erzählung« durchzusetzen?

Schmidt
: Auch diese Region hatte die Interpretation der Weltkriege aus Sicht der Sieger zu übernehmen, erst recht, weil der Westen seine Legitimation noch immer aus den Siegen in den beiden ersten Weltkriegen ableitet. Wir müssen
aber schon allein deshalb weiter an unserem eigenen Geschichtsbild feilen, weil man an uns gleich beide Weltanschauungen ausprobierte.
Unsere Geschichtsbücher wurden zunächst nach dem Geschmack der Sowjets geschrieben, während die neuere Interpretation nach dem Geschmack des Westens ausfällt. Es ist an der Zeit, daß wir aus unserem eigenen Blickwinkel analysieren, was eigentlich mit uns im 20. Jahrhundert geschehen ist.

Sezession: Sie sprechen davon, daß für das östliche Europa der Erste Weltkrieg noch nicht vorbei sei. Wie ist das zu verstehen?

Schmidt: Der Erste Weltkrieg nahm Ungarn nicht nur zwei Drittel seines Territoriums und
führte drei Millionen Ungarn in die Fremdherrschaft, obendrein wurden mit der Zerschlagung des Habsburgerreichs aus unserer multiethnischen Region homogene Nationalstaaten kreiert.(Mit Ausnahme der künstlich zusammengezimmerten Staaten Tschechoslowakei und Jugoslawien, die aber bei der ersten sich bietenden Gelegenheit ebenfalls in ihre nationalstaatlichen Teile zerfielen.) Während die westliche Hälfte Europas vor dem Ersten Weltkrieg aus mehr oderweniger homogenen Nationalstaaten bestand, haben diese Länder in der Zwischenzeit einen multiethnischen Charakter angenommen, welchen sie im Zuge der Migrationskrise nun auch uns aufzwingen wollen. Denn obgleich wir uns längst im 21. Jahrhundert befinden, glauben sie noch immer, Osteuropa warte nur darauf, daß man ihm sagt, was zu tun sei. Gleichzeitig sollten wir die französisch-britische Aufteilung des Nahen Ostens von 1916 im Auge behalten, denn die damals gezogenen Grenzen teilten ethnologische, Stammes- und Glaubensgemeinschaften, was Konflikte heraufbeschwor, die bis zum heutigen Tage nicht zur Ruhe kommen. Ebenso erleben wir bis zum heutigen Tage die Folgen des Zerfalls des Osmanischen Reichs.

Sezession: Nochmals zu diesen drei Wellen der Implementierung US-demokratischer Ordnungen in Europa: Der Begriff der »Befreiung« trifft dabei für 1918 gar nicht, für 1945 teilweise zu, und ganz unterschiedlich von Nation zu Nation. Trifft er für 1989/1990 ganz und gar zu? Sie schreiben ja auch von oktroyierten Herrschafts- und Kulturformen.

Schmidt: In Ungarn sprach nach dem Ersten Weltkrieg niemand von einer Befreiung, erst nach dem Zweiten Weltkrieg war es Pflicht, von der Sowjetunion als »Befreier« zu sprechen. Mit dem Ende des Sowjetreichs ist diese Begriffszuordnung nur noch unter Kommunisten geläufig.
Denn es ist schon richtig, daß die Sowjetarmee die Nazi-Besatzer aus Ungarn drängte, aber nur, um sich selbst für die nächsten 45 Jahre hier einzurichten. Im Verlauf der antikommunistischen Revolutionen von 1989/90 hat die ungarische
Nation für sich gleichzeitig Freiheit und Unabhängigkeit erstritten. Wir brauchten dafür keine Helfer, haben uns vielmehr selbst aus jenem Rahmen befreit oder besser herauslöst, der uns aufgezwungen worden war. Immerhin war die Rolle der USA dieses Mal positiv für uns, denn wir sehnten uns nach dem, was uns die Amerikaner bieten konnten: Freiheit, Unabhängigkeit
und Demokratie.

Sezession
: Vielleicht müssen wir die militärische Intervention von der kulturellen Amerikanisierung scheiden. Sie kennen die
steile These von Arthur Moeller van den Bruck: »Am Liberalismus gehen die Völker zugrunde«, behauptete er. Ist das so, oder
gibt es Organisationsformen des Liberalismus, die dafür sorgen, daß er die Substanz des Volkes und des Staates nicht angreift?

Schmidt: Ich halte die Kultur für wichtiger als militärische Erfolge. Der Frieden läßt sich schwerer gewinnen; damit das gelingt, ist die Kultur unabdingbar wichtig. Die Sowjets haben in einem knappen halben Jahrhundert auf diesem Terrain ein totales Fiasko erlitten. Dabei finden die Spitzenleistungen der russischen Kultur unsere größte Bewunderung. Wir aber wollten Jeans tragen und lange Haare, wir wollten amerikanische, also westliche Musik hören, vor allem aber amerikanische Filme sehen. Wir lernten Englisch, und das Russisch erlernten wir selbst ungeachtet der Tatsache nicht, daß es Pflicht gewesen wäre.
Der Liberalismus verfügt wie jede Ideologie über großartige Seiten. Der wahrscheinlich als größte Blütezeit in der Geschichte Ungarns zu betrachtende zweite Teil des 19. Jahrhunderts ist mit dem klassischen Liberalismus verbunden.
Aber nichts sollte überbewertet werden. Vor dem heutigen Neoliberalismus oder Postliberalismus sollte bewahrt bleiben, was sich über die Zeiten bewährt hat. Meinungsfreiheit, die Freiheit des Glaubens und des Gedankens, die Gleichheit vor
dem Gesetz, etc. Alles andere sollten wir hinter uns lassen, weil es sich nicht bewährt hat. Entweder verfügen die Nationen und die Staaten über eine Widerstands- und Selbstreinigungskraft, die es ihnen erlaubt, sich neuerlich zu erschaffen, oder sie besitzen diese Kraft nicht, und dann kann ihnen nichts mehr helfen. Uns Ungarn ist es bislang immer wieder aufs neue geglückt – es ist nicht ausgeschlossen, daß wir in Sachen Neuanfang Weltmeister sind. 


  • Sezession

Kommentare (0)