14. Dezember 2020

Schule – real und digital

Heino Bosselmann / 23 Kommentare

In manchen Bundesländern spricht man von Schulschließungen bis Mitte Februar, bis zum Ende der Winterferien also. Was soll aus den Schülern werden?

Heino Bosselmann

Heino Bosselmann studierte in Leipzig Deutsch, Geschichte und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien.

  • Sezession

Denn: Wo normaler Unterricht ein Problem ist, da ist es digitaler erst recht. Im Klassenraum hängt alles an der Lehrerpersönlichkeit, mithin an ihrer im Wortsinn unmittelbaren Präsenz. Fehlt sie, läuft es schlechter und meistens gar nicht.

Dies als Vorbemerkung, weil vermeintliche Sachverständige bereits suggerieren, digitaler Unterricht wäre nicht nur gleichwertig, sondern, technisch nur richtig verstöpselt, sogar besser gestaltbar als der normale, der aber in sich schon eine hohe menschliche Qualifikation über alle Fachkompetenz hinaus verlangt.

Wir neigen dazu, Technik, zumal das Faszinosum der digitalen, nicht mehr nur als Werkzeug zu erkennen und rein praktisch zu nutzen, sondern sie zu fetischisieren. Sie wird verklärt und damit Kult. Apple hat das bis in die glatte Sterilästhetik seiner Geräte hinein exzellent „verkörpert“. Offenbar kennen nicht nur Künstler, sondern ebenso Ingenieure und Informatiker den Pygmalion-Effekt – ganz passenderweise, generieren sie doch in den Bann ziehende virtuelle (Ersatz-)Welten, in die man sich verliert, hingerissen und genarrt. Insbesondere Heranwachsende, mit den bekannten problematischen Folgen.

Nur kann Technik allein eben nichts, sondern umgekehrt muß weiterhin gelten: Wir können Technik. Wenn wir es denn können und wenn wir aus einer tragfähigen Idee heraus zielgerichtet arbeiten. Genau diese Grundlage soll aber für den Unterricht kaum mehr gelten, geht es dort allzu häufig nurmehr ums bloße Machen.

Man nennt das dann „Projekte“. Und man findet es „innovativ“. Weil „inhaltliche Relevanz“ und „redliches Arbeiten“ eben nicht so hip klingen. Aber der Begriff "Medien" klingt hip, nur sind die lediglich Mittler; sie vermitteln Inhalte und sind als solches nicht selbst Inhalt, sondern Mittel zum Zweck.

Grundsätzlich gilt: Nicht die Technik, nicht die Mittel, sondern der Lehrer hat zu führen; die Mittel ordnet er sich gemäß der Zielstellung zu. – Diese banale Selbstverständlichkeit der jahrtausendealten Bildungsgeschichte wollen linke und grüne Reformer zwar seit Jahrzehnten revidiert wissen, aber wo sie damit Erfolg haben, ist guter Unterricht nicht mehr möglich.

Allerdings kann nur führen, wer dazu vom persönlichen Wesen her geeignet ist: leidenschafts- und daher durchsetzungsfähig, zugewandt, sensuell hellwach, fachlich versiert, charismatisch, gleichzeitig aber ausgestattet mit Herzensbildung. Ob es ein Lehrer gut mit ihnen meint, dafür haben alle Schüler (und gerade die vermeintlich "schwächeren") ein intuitiv sicheres Sensorium. Nur wenn dies der Fall ist, nur wenn sie sich angenommen wissen, vermag er die Aufmerksamkeit von Kindern und Jugendlichen zu binden.

Darüber hinaus ist zweierlei für eine erfolgreiche Vermittlung vorauszusetzen: Zum einen müssen Lehrer überhaupt einen kommunikativen Zustand herzustellen verstehen, zum anderen sollten sie plausibel machen können, warum das von ihnen Gebotene für die Schüler relevant sein sollte.

Erst wenn beides gewährleistet ist, Kommunikationsbereitschaft und innere Aufgeschlossenheit gegenüber dem Unterrichtsgegenstand, kann ein Prozeß gelingen, der Schüler bildet und erzieht. Nötig sind diese Sicherstellungen schon deswegen, weil Lehrer und Schüler in der Schule pflichtgemäß zusammenkommen. Diese treffen aus Gründen der Schulpflicht im Klassenraum ein, jene erfüllen pflichtig einen Arbeitsvertrag.

Innerhalb eines solchen Nötigungszustandes ist Aufgeschlossenheit nicht einfach so vorauszusetzen oder zu erzwingen; sie muß vielmehr mit Geschick und Einfühlung erst hergestellt werden. Das ist nur über Unmittelbarkeit, also möglichst demaskiert, mithin über den persönlichen Ausdruck, gerade den nonverbalen, in Mimik und Körpersprache möglich.

Diese Eingangsvoraussetzungen sind über die für einen Fernunterricht benötigten technischen Medien viel schwieriger sicherzustellen, denn es fehlt die Unmittelbarkeit. Eine Unterrichtsstunde ist eine sehr sensible, geradezu intime Angelegenheit, in deren Verlauf viele Seelendinge mit virtuosem Geschick jongliert und balanciert werden müssen.

Dies geschieht heute gerade in der Ganztagsschule mehr denn je innerhalb eines Streßfeldes, das Schüler und Lehrer kirre macht: Es ist laut, Konflikte sind zu klären, Formalien abzuarbeiten, ständig besteht Gesprächsbedarf, dauernd gilt es zu selektieren, was nun wichtig ist und was warten muß. In der sogenannten Corona-Krise kommt das Exerzieren der verschiedenen Hygiene-Maßnahmen hinzu.

Distanzunterricht löst dieses Reizfeld zwar auf, setzt den Schüler aber zu Hause anderen Ablenkungen aus, die seine Konzentration ohne Gegenlenkung durch den Lehrer noch mehr erschweren, zumal der Schüler vor dem PC oder Tablet an einem nervösen Medium sitzt, das ihn ohnehin hippelig werden läßt. Heranwachsende laufen schon in ihrer Freizeit Gefahr, von den „Screens“ geradezu verschluckt zu werden. Dieses Risiko wächst mit digitalem Unterricht noch.

Die seit den Siebzigern in immer neuen Wellen über die Schulen hereinbrechenden linken Reformkampagnen waren grundsätzlich von der Tendenz, Inhalte zu reduzieren, also den Primat des Substantiellen durch jenen der Methode zu ersetzen. Die Marginalisierung des Inhaltlichen ging einher mit der Inflationierung der Bewertung und dem Verzicht auf Leistung.

Deren einstige Bedeutung nehmen nunmehr Nachteilsausgleiche, Förderbedarfe und -verträge ein. Nirgendwo gibt es außerhalb von Kliniken so viele Diagnosen und Diagnostiker wie in der Schule. Faulheilt, unangemessenes Benehmen und kognitive sowie sprachliche Limitierungen werden durchweg pathologisiert und einerseits euphemistisch, andererseits alarmierend mit pseudomedizinischen und -psychologischen Begriffen belegt.

So wird suggeriert, das Kind, das Elternhaus und letztlich auch die Schule könnten nichts daran ändern, es sei denn mit sonderpädagogischen und psychologischen Mitteln gemäß der Inklusion, dem neuen Heilsbegriff für herzustellende Gerechtigkeit in Gleichheit. Wer verhaltensgestört ist, benötigt in jedem zweiten Fall gar intensivpädagogische Hilfe, so der Verband Bildung und Erziehung.

Jede Unterrichtsvermittlung hätte, so die moderne pädagogische Überzeugung, unbedingt freud- und lustvoll zu geschehen, womit aber ignoriert wird, daß die eigentliche Freude erst dort beginnt, wo es anspruchsvoll wird, und daß nur das angestrengt erworbene Vermögen, etwas richtig gut zu können, stolz macht, echtes Interesse weckt und damit Lust auf mehr. Dies allerdings setzt die Grunderfahrung voraus, daß sich interessante Räume nur nach gründlicher Orientierung und mit tieferer Erkenntnis öffnen.

Aber ganz entgegen diesen ur-menschlichen Beweggründen degenerierten insbesondere die nichtgymnasialen Sekundarschulen zu einem unverbindlichen sozialpädagogisch grundiertem Unterhaltungsangebot. Der trügerisch eingängige Modebegriff der "Kompetenzen" vermittelte zudem die Illusion, man könne schon etwas, wenn man nur trendige Methoden und „Tools“ beherrschte. Methoden ohne Inhalte einzuüben, das, so der einstige Vorsitzende des Lehrerverbandes Josef Kraus, wäre jedoch wie ein Stricken ohne Wolle.

Weil der konventionelle Unterricht in Ermangelung elementarer Grundlagenbildung und klarer Systematik sowie in Vernachlässigung festigenden Übens und Wiederholens mittlerweile eines tragfähigen Fundamentes entbehrt, ist seine digitale Auslagerung um so schwieriger.

Wo lägen Alternativen? Lesen etwa könnten Schüler immer. Nur gibt es kaum mehr Lesebücher, weil die maßgebliche Bildungsforschung meint, man könne alles, auch Literatur, integral behandeln. Die Schulbuchverlage bieten daher für den Deutschunterricht kaum Lesebücher an. Aber es gibt noch Bibliotheken, die zu verwaisen drohen. Ferner: In den Mathematikbüchern, die immer noch fachdidaktisch beeindruckend geschickte Aufgabensammlungen bieten, wäre ohne PC selbständig weiterzuarbeiten und auch mal um Lösungen von komplizierteren „Sternchen“-Problemen zu ringen; nur bedarf es dazu enormer Selbstdisziplin. Wer auf normalem Kästchenpapier rechnet oder in einem Geometrieheft Grundkonstruktionen übt, alles nicht digital, sondern mit der Hand, qualifiziert sich wirklich. So wie der Wirklichkeit, dem tatsächlich Anzuschauenden, dem Basteln und Werkeln, dem Zeichnen, dem Künstlerischen, gerade jetzt der Vorzug zu geben ist.

Innerhalb des naturwissenschaftlichen Unterrichts ließen sich Herbarien erstellen, Skizzen anfertigen, Alltagsexperimente durchführen und protokollieren. Und zu all dem könnten Schüler ein Tagebuch schreiben, für das der Deutschunterricht durchaus eine Klassenarbeitsnote erteilen könnte. Gern mit der Maßgabe, daß es handschriftlich abzufassen sei. –

Simpel zum Schluß: Wer selbstreflektiert ist, was man von Schülern der Sekundarstufe erwarten darf, der trainiere sich, froh darüber, gerade nicht in einer Ganztagsschule interniert zu sein: Rauf aufs Fahrrad, raus zum Laufen, Ausdauer und und Kraft entwickeln, Natur und Landschaft durchqueren, Kontemplation bei Bewegung, während das Leben per Dekret mal wieder abgeschaltet wird. Das wäre soziale Distanzierung im Sinne eigener Entwicklung und Entfaltung. Mit Hölderlin: "Komm! ins Offene, Freund!"


Heino Bosselmann

Heino Bosselmann studierte in Leipzig Deutsch, Geschichte und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien.

  • Sezession

Kommentare (23)

Gracchus

14. Dezember 2020 23:21

Die Anforderungen, die Herr Bosselmann an Lehrer stellt, teile ich -als Ideale - wie viele dürften diesen realiter genügen? Es würde ja ausreichen, danach zu streben: Denn, wie's im Faust heisst, wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen. Was mich leider zu der Abschweifung veranlasst, wie's denn überhaupt mit Idealen aussieht. Sei's von Lehrern, Ärzten oder Anwälten? Oder Wissenschaftlern? Gibt's so etwas noch? 

Ich kann mir Digital-Unterricht nicht wirklich vorstellen. Wie Bosselmann neige ich eher dazu, darin ein Verödungsform zu sehen. Genau aus den Gründen, die Bosselmann nennt. Parallele: Gerichtsverhandlungen per Video sind möglich, jedenfalls nach ZPO (wie das nach StPO ist?); bei vielen Gerichten happert's an der Ausstattung, und fast alle Richter haben mir gesagt, längere Termine mit Beweisaufnahme würden sie nur ungern damit machen.

 

 

 

Lotta Vorbeck

15. Dezember 2020 01:33

@Heino Bosselmann

"... Und zu all dem könnten Schüler ein Tagebuch schreiben, für das der Deutschunterricht durchaus eine Klassenarbeitsnote erteilen könnte. Gern mit der Maßgabe, daß es handschriftlich abzufassen sei."

---

Handschriftlich?

Nachbars Zwillinge, derzeit in der vierten Klasse beschult, kennen keine Handschrift mehr. Um sich schriftlich auszudrücken, malen sie ungelenk einzelne Druckbuchstaben auf's Papier.

RMH

15. Dezember 2020 06:43

Immerhin: Die Krise zeigt, dass es keinerlei Grund für eine verbeamtete Lehrerschaft gibt. Die Verbeamtung wird im wesentlichen damit gerechtfertigt, dass Lehrer als Beamte "dienen" und nicht "streiken" und so die Beschulung gewährleistet werden kann. Die Corona-Krise zeigt eindrucksvoll, dass bereits eine gar nicht mal so große Minderheit von Lehrern dem Ideal des dienenden Beamten nicht genügen muss (und sich in Atteste und Krankmeldungen flüchtet), und schon ist es einfacher, den Laden zu zuschließen. Fernunterricht sehe ich nicht so negativ wie manch anderer. Auch hier kommt es darauf an, was daraus gemacht wird. Was ich als Vater von noch schulpflichtigen Kindern aber klar feststellen darf, ist der Umstand, dass man als Eltern sehr gefordert ist, dahinter her zu sein, dass die Damen und Herren Schüler auch tatsächlich etwas tun und die Arbeitsaufträge sorgfältig erledigen und nicht einfach hinschlampen, um sich wieder anderen multi-medialen Beschäftigungen zuzuwenden. Das war bereits vor dem Fernunterricht so, wird aber dadurch noch intensiver. Die Eltern sind mehr in der Pflicht. Das Potential von Kindern, deren Eltern das nicht leisten können, droht damit noch mehr verloren zu gehen als bislang. Man ist bei diesem Land aber mittlerweile fast geneigt, hartherzig zu sagen: Was soll´s?

RMH

15. Dezember 2020 06:48

Zweiter Teil:

Ich kann nicht nachvollziehen, warum die Schließung von Schulen das sog. "Infektionsgeschehen" positiv, im Sinne von weniger Infektionen, beeinflussen soll, wenn gleichzeitig die Masse der Arbeitnehmer und Selbständigen gerade nicht im Homeoffice ist, sondern normal arbeitet, zumindest in den Branchen, die nicht von den Zwangsschließungen betroffen sind. Da kommt keiner auch nur auf die Idee: lasst doch mal besser alle zu Hause bleiben. Die Müllabfuhr findet statt und die Schutzbekleidung der Müllwerker sind Sicherheitsschuhe, Schürze, Handschuhe und KEINE Maske ... (dies nur als konkretes, praktisches Beispiel zur Verdeutlichung).

Der gesamte Lockdown ist komplett unstimmig.

 

Maiordomus

15. Dezember 2020 09:56

"Der Lehrer hat zu führen."  Lieber Kollege Bosselmann, was ist aber, wenn Jungen über Jahre gar nie einen Lehrer sehen, nämlich nur Lehrerinnen. Diese Situation ist zumal auf den unteren Schulstufen vielerorts schon heute nicht selten, Selbstverständlich kann auch eine Lehrerin führen, wenn es offenbar ja Merkel auf politischer Ebene auch kann, bis hin zu Rückrufen von Wahlen. Pädagogisch ist für die Jungen die Situation trotzdem suboptimal. 

Laurenz

15. Dezember 2020 11:58

@HB

Mag Ihre Bildungs-Analysen. Auch diesmal wird das meiste stimmen. Was Sie, HB, allerdings in Ihrer verwöhnten Bildungswelt vergessen, ist, daß es nicht nur Lehrern und Schülern so geht, sondern auch ganz normalen Erwachsenen in ihrem Arbeitsleben. Aber bei letzteren fragt keiner danach.

Im Heimbüro ist die Leistung eines Arbeitnehmers sicherlich auf etwa 70% reduziert. Aber Firmen sparen Gebäude-Kosten und die Arbeitnehmer Fahrtwege. 

Hier ist auch der Haken von Lehrern, die in der freien Wirtschaft arbeiten. Von letzterem haben Lehrer meist keine Ahnung, wollen aber immer noch alle belehren. Echte Lehrer sind Klugscheißer. Ich wäre besser auch Lehrer geworden. Für Geographie, Sport, Geschichte und Musik hätte es sicherlich gereicht.

Politisch betrachtet, fällt es mir schwer, Mitgefühl oder gar Mitleid zu entwickeln. Die Bürger und schließlich auch ihre Kinder müssen das ertragen, was sie gewählt haben. Und Sie, HB, können Sich die Finger wund schreiben, solange es nicht schmerzt, erfolgt kein Einsehen. Insofern ist die linke Entwicklung folgerichtig, sie wird weiter fortschreiten, bis der Krug auf seinem immer weiteren Weg zum Brunnen bricht.

anatol broder

15. Dezember 2020 12:23

das handgefertigte tagebuch wird heute unter dem namen bujo gefeiert. herbarien und melodien sind dort auch willkommen.

 

Gustav Grambauer

15. Dezember 2020 13:44

Um - bei aller Zustimmung zu Herrn Bosselmann hier - meinen neulichen Hinweis auf Heidegger als einen der größten Scharlatane des 20. Jahrhunderts noch auf das Bildungssystem anzuwenden (bzw. vielmehr: Kuschelpädagogik auf Basis von "Ich bin o. k. - du bis o. k." ist nichts anderes als das Heidggersche "Seyn", wie es nun mal - erwartbar, wen wundert`s - von den Ganz-entspannt-im-Hier-und-Jetzt-Schlampen an unseren Schulen praktisch umgesetzt wird):

https://www.bueso.de/aktualitaet-schillers-aesthetischer-erziehung-fuer-schueler-heute

(Ich stehe der BüSo nicht nahe, habe große Vorbehalte gegen sie - aber wo sie recht haben, haben sie recht.)

Wer glaubt, Heidegger sei geeignet als Pate für die KR, sollte einmal den Gedanken an sich heranlassen, wie intensiv und systematisch Heidegger insbesondere von den Great-Reset- / Elite-Masse- / Anywhere-Ideologen rezipiert und von dorther Fünfjahrplan für Fünfjahrplan mit der Härte von Hardlinern "umgesetzt" wurde und wird.

Die spannende Frage wäre, wie Heidegger heute zur Post- und Post-Postmoderne stünde bzw. ob er vielleicht nicht lediglich mit der klassischen Moderne abrechnen wollte. Jedenfalls der wirkungsmächtigste Multiplikator Heideggers, der Anthropotechniker (sic!) Sloterdijk, sieht uns alle noch viel zu wenig im "Training" für die Post- und Post-Postmoderne (in welchen er womöglich auch gar kein "Gestell" mehr sieht), wovon sich jeder mit einer kurzen Recherche zu den Stichworten "sloterdijk digitalisierung" überzeugen kann.

- G. G.

Heino Bosselmann

15. Dezember 2020 14:34

@Gustav Grambauer: Haben Sie herzlichen Dank für Ihr aufmerksames Interesse. Ohne Lektüre des umfangreichen BüSo-Materials merke ich unmaßgeblich an: Inwiefern nun namentlich Martin Heidegger zum geschilderten Bildungsproblem in Beziehung zu setzen wäre, erschließt sich mir zunächst nicht, aber zum einen werde ich den verlinkten Text lesen, zum anderen jedoch hier nicht philosophieren, weil das aus der engeren Thematik herausführte. - Beste Grüße.

Gustav Grambauer

15. Dezember 2020 16:05

Heino Bosselmann

I

"Inwiefern nun namentlich Martin Heidegger zum geschilderten Bildungsproblem in Beziehung zu setzen wäre, erschließt sich mir zunächst nicht."

Manche sagen ja, es sei Heideggers epochales Verdienst gewesen, die Philosophie wieder aus der Vereinahmung durch die Selbstverständigungsmechanismen der Polis herausgeführt zu haben. Für mich hingegen ist bei ihm alles von der Polis her gedacht, deren Oligarchien eben auch ihre Countergangs, in dem Fall die Existentialisten-Nihilisten, brauchen, nominelle oder soweit Juden auch nicht-nominelle Nazis (sogar mit der Kreide das "Antitotalitarismus" im Maul), und deren Saat ja 1968 auch prima aufgegangen ist:

"... das Problem heute ist doch, daß Kinder und Jugendliche immer mehr zum Opfer eines schleichenden Heideggerschen Existentialismus werden. Die wenigsten Kinder in der Schule werden wissen, wer Heidegger war, und das ist vielleicht auch gut so. Aber nach 30 Jahren Paradigmenwandel (1998, d. h. 1968, - G. G.), wenn die Jugendlichen von allen Bezügen zur Menschheitsgeschichte abgeschnitten sind, sind es heute diese Techno-Freaks oder die Inlineskater, die da geistlos durch die Landschaft sausen, die eigentlich das Heideggersche 'Geworfensein' in die Geschichte repräsentieren. Sie sehen sich nicht mehr als Teil der endlosen Kette der Menschheitsgeschichte, sondern als Leute, die im Sinne Heideggers 'von nichts zu nichts' gehen."

- G. G.

Gustav Grambauer

15. Dezember 2020 16:06

II

Er hat gewußt, was er geistig in welche Köpfe hinein sät, wenn er seine subhumanen Scheußlichkeiten wie z. B.

"Der Mensch ist gegen seinen Willen in die Welt geworfen und sein Sein ist ein Sein zum Tode"

oder

"Die Grundbefindlichkeit des Menschen ist die Angst"

oder

"So viel Überwindung einem die Nazis abfordern, es ist immer noch besser, als diese schleichende Vergiftung, der wir in den letzten Jahrzehnten unter dem Schlagwort 'Kultur' und 'Geist' ausgesetzt waren"

abgesondert hat.

- G. G.

Gustav Grambauer

15. Dezember 2020 17:44

"Und zu all dem könnten Schüler ein Tagebuch schreiben"

Solche Tagebücher sind hier in der Schweiz offiziell, sie gründen auf einem eigens dafür erschaffenen kleinen Wissenschaftszweig, heißen Lernjournale,

https://arbowis.ch/images/downloads/material-zu-lehren-kompakt-2-2011/5_Lernjournal.pdf

wurden im Rahmen der Aktionsforschung

https://de.wikipedia.org/wiki/Aktionsforschung

entwickelt, basieren auf dem Menschenbild der Humankybernetik bzw. der Verhaltenstherapie, außerdem auf dem Selbstreflexions- sowie dem Kompetenz-Popanz

https://www.nzz.ch/meinung/debatte/das-verschwinden-des-wissens-1.18383545?reduced=true

und werden - außer von einigen "Herzchen" - kaum als hilfreich und umso mehr als lästiges Stöckchen-Spring-Ritual empfunden, zumal sie a) enorm überformalisiert sind (wer hätte das jetzt erwartet ...) und b) die Aufnötigung des Niederschreibens der "emotionalen Befindlichkeit" ("Wie habe ich mich heute beim Lernen gefühlt?") beinhalten. Damit wird - von Ideologen, die genau wissen, was sie zun - in übergriffiger Art darüber hinweggetrampelt, daß das "Lehrperson"-Schüler-Verhältnis (sprich spitz und kurz "Lirrpirssonn") ein asymmetrisches Machtverhältnis ist, in welchem sich der Schüler besser nicht noch zusätzlich dadurch der "Lehrperson" ausliefert, daß ihr sein intimstes Innerstes offenbart.

Sehe gerade, daß sich Lernjournale sogar in die Erwachsenenpädagogik (sic!) einschleichen:

https://www.methodenwuerfel.ch/wp-content/uploads/2015/08/Beispiel_Lernjournal.pdf

- G. G.

RMH

15. Dezember 2020 18:19

@G.G,

den Aufsatz der Frau Beckmesser-Zepp-LaRouche braucht nun wahrlich keiner zu lesen, um die Bedeutung von Schiller zu erkennen.

Ich mache jetzt einmal ein bisschen Eigenwerbung, indem ich daran erinnere, dass ich in diesem Jahr in diesem Blog schon häufiger auf die Bedeutung des Freiheitsbegriffs bei Schiller gerade in den aktuellen Zeiten der Repression hingewiesen habe. "Über die ästhetische Erziehung des Menschen" von Schiller gehört für mich - und sicher für viele andere auch - zum Lesekanon für jeden Deutschen.

Lotta Vorbeck

15. Dezember 2020 19:12

@Laurenz - 15. Dezember 2020 - 11:58 AM

"... Und Sie, HB, können Sich die Finger wund schreiben, solange es nicht schmerzt, erfolgt kein Einsehen. Insofern ist die linke Entwicklung folgerichtig, sie wird weiter fortschreiten, bis der Krug auf seinem immer weiteren Weg zum Brunnen bricht."

---

D' accord!

Und so wie der größte Teil der BRD-Insassen mental gestrickt ist, schlappen diese dann, wenn der Krug zerbrochen ist, im Wir-schaffen-das-Modus, eben allein mit dem Henkel des Kruges in der Hand weiterhin zum Brunnen.

Imagine

15. Dezember 2020 21:18

1/4

Bosselmann beobachtet und beschreibt exzellent die Zustände an deutschen Schulen.
Nur fehlt regelmäßig die Analyse und Reflexion, warum sich dies so entwickelt hat und warum die Warnungen vor dieser Entwicklung ignoriert wurden und werden.

Denn davor, dass all die „Reformen“ in den Bereichen Schule und Universitäten zum Abbau und Niedergang unseres zuvor erstklassigen Bildungsystems führen (müssen), haben namhafte Intellektuelle und Wissenschaftler seit 60 Jahren gewarnt und wissenschaftlich fundierte Kritik geübt.

Erinnert sei beispielsweise an:
T.W. Adorno: Theorie der Halbbildung (1959)
Werner Hofmann; Abschied vom Bürgertum (1970)
Klaus Mollenhauer Vergessene Zusammenhänge. (1983)
Wulff D. Rehfus: Bildungsnot.(1995)
Konrad Paul Liessmann: Theorie der Unbildung. (2006)

An kritischer wissenschaftliche Forschung und Theorie mangelte es nicht. Nur haben sich andere Interessen durchgesetzt.

Das bürgerliche Bildungsideal mit der „Erziehung zur Mündigkeit“ ist längst aufgegeben worden. So wie sich die Gesellschaft entwickelt hat, ist der mündige Bürger sogar zu einem Störfaktor geworden.

 

Imagine

15. Dezember 2020 21:18

2/4

Warum hat sich das Bildungswesen so entwickelt?

Um diese Frage zu beantworten, sollte man diese Entwicklung im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Gesamtentwicklung betrachten.

Warum verlagern Unternehmen ihre Fabriken in Entwicklungsländer?
Warum werden massenhaft billige Arbeitskräfte (z.B. zur Fleischverarbeitung) aus  unterentwickelten Ländern geholt, wo es doch Millionen von deutschen Arbeitslosen gibt?

Warum erfolgt ein millionenfacher Import von kulturfremden Analphabeten und Niedrigqualifizierten?

Es ist doch klar, dass dadurch Deutschland Schritt für Schritt immer mehr in Richtung eines Dritte-Welt-Landes geht und sich das alte Deutschland damit abschafft.

Der Motor dieser Entwicklung ist der profitgetriebene marktwirtschaftliche Kapitalismus.

Im Bildungswesen verlaufen die Prozesse nach der gleichen Systemlogik wie in Politik und Wirtschaft, es erfolgt ein Wandel zu einem marktkonformen Bildungswesen.

Die Schulen produzieren die Absolventen, welche das System braucht, nämlich massenhaft Ungebildete und zu kritischem Denken unfähige Menschen,  bei denen ein immer größerer Teil im Billiglohnsektor, in Hartz IV und im Prekariat landet.

 

Imagine

15. Dezember 2020 21:19

3/4

Menschliche Arbeit wird immer mehr durch Maschinen ersetzt. Immer mehr Menschen werden zu „Überflüssigen“, die der Arbeitsmarkt nicht braucht, weil der deren Arbeitskraft nicht profitabel verwertet werden kann.

Schulen und Hochschule bilden – ökonomisch betrachtet – eine Art Warteschlange, die Millionen von jungen Menschen absorbiert und sie so dem Arbeitsmarkt fernhält.

Man lässt die Hälfte der Bevölkerung Abitur machen und studieren. Das spart gewaltig an Staatsausgaben. Denn für den Staat sind Studierende viel billiger als Sozialhilfeempfänger.

Durch die Digitalisierung werden Schulen und Hochschulen in Zukunft noch billiger, dann kann man den teuren Präsenzunterricht reduzieren. Dass ein Großteil der Hochschulabsolventen später in niedrig bezahlten Bullshit-Jobs oder immer mehr bei HartzIV landet, akzeptiert man als „Arbeitsmarkt-Phänomen“.

Marktkonform wandelt sich auch das Angebot von Schulbildung. Es entstehen immer mehr Privatschulen. Wer es sich leisten kann, schickt seine Kinder auf Privatschulen anstatt auf abgewirtschaftete öffentliche Schulen, wo die Kinder aus Immigrantenfamilien und aus dem Prekariat die Mehrheit bilden.

 

Imagine

15. Dezember 2020 21:21

4/4
So wie in den USA vereinzelte hochbegabte Kinder aus dem Slum-Milieu hervorragende Schulabschlüsse schaffen, so wird es ähnlich bei Kindern aus Immigranten- und Unterschichtsfamilien sein. Diese unterstützt man dann im Studium großzügig mit Stipendien und gibt ihnen Aufstiegschancen in der Politik, in den Massenmedien, in der Unterhaltungsindustrie, im Sport, im Wissenschaftssystem etc. Das ist zwar nur eine kleine Minderheit, aber sie stellen als Aufsteiger wichtige systemkonforme Influencer und Testimonials für politische und wirtschaftliche Botschaften dar.

Fazit:
Das Bildungssystem ist - so schlecht es auch aus der Perspektive eines pädagogischen Idealismus sein mag – völlig funktional zu den Zwecken und Zielen von Marktwirtschaft und Kapitalismus.

 

limes

15. Dezember 2020 21:32

@ Gustav Grambauer (15. Dezember 2020 17:44): »Damit wird - von Ideologen, die genau wissen, was sie zun - in übergriffiger Art darüber hinweggetrampelt, daß das "Lehrperson"-Schüler-Verhältnis (sprich spitz und kurz "Lirrpirssonn") ein asymmetrisches Machtverhältnis ist, in welchem sich der Schüler besser nicht noch zusätzlich dadurch der "Lehrperson" ausliefert, daß ihr sein intimstes Innerstes offenbart.«

Fünf Sterne (von fünf) von mir für einen exquisiten Kommentar!

Abgesehen von derlei übergriffigen schulischen Ansprüchen der heutigen Zeit, habe ich nie das Bedürfnis verspürt, Tagebuch zu führen. Wozu auch das intimste Innerste dokumentieren? Die eigenen Kinder, die die einzigen legitimen Leser eines solchen Nachlasses wären, werden nur durch die erlebte Beziehung geprägt; man erspare ihnen Post-mortem-Lektionen.

Alles Erlebte wird mit der Zeit vom gesunden Gehirn angemessen verarbeitet. Was auf der »Bio-Festplatte« bleibt, ist ebenso wenig objektiv wie jede aktuelle, unausweichlich perspektivische Wahrnehmung. Das Erlebte wird von der Bio-Festplatte subjektiv bereinigt, und das ist gut so.

Früher fotografierte ich sehr gerne. Das war, bevor die Achtsamkeit für den Moment durch allgegenwärtige »Klicks« verlorenging, und bevor ästhetische und künstlerische Fotos billige Massenware wurden.

Wahrheitssucher

15. Dezember 2020 22:49

@ limes

„Früher fotografierte ich sehr gerne. Das war, bevor die Achtsamkeit für den Moment durch allgegenwärtige »Klicks« verlorenging, und bevor ästhetische und künstlerische Fotos billige Massenware wurden.“

Wer oder was will oder kann sie hindern, wie bisher nach ihren eigenen Maximen weiter zu machen?

Laurenz

15. Dezember 2020 23:08

 

@Gustav Grambauer

Wissen Sie oder sonstwer, wie viele Bücher von Heidegger jemals verkauft wurden?

Laurenz

16. Dezember 2020 03:12

@limes

Habe Tagebuch-Schreiberlinge oft bedauert. Denn das Tagebuch hielt vor allem Negatives in der formulierten Erinnerung am Leben.

Bei bekannten Personen mag das ja ganz witzig für Historiker sein.

Andererseits kann das Tagebuch bei der Rekapitulation des eigenen Lebens unterstützend wirken. Denn wenn wir nicht im Fieber- oder Alkohol-Delirium waren, ist sowieso jede Sekunde unseres Lebens abgespeichert. Es ist nur schwierig, die Erinnerung hinter dem Filter des Vergessens hervorzukramen.

Und ich weiß auch nicht, ob man die eigenen Kinder, bis auf wichtige Entscheidungen vielleicht, mit einem anderen Leben befrachten sollte.

RMH

16. Dezember 2020 07:07

"Habe Tagebuch-Schreiberlinge oft bedauert."

Kann ich nicht nachvollziehen. Schreibe zwar selber keines, aber ich denke, der "Trick" beim Tagebuch ist es, gerade nicht irgendwelche Seelenblähungen in Worten abzulassen sondern es in einer Art Kunstform zu schreiben, in der man bspw. als Regeln festlegt, dass man keine Probleme damit haben darf, wenn andere das Niedergeschriebene lesen und das man sich kurz fassen sollte. Es müssen dabei dann ja nicht Kunstwerke, wie beim passionierten Tagebuchschreiber Ernst Jünger dabei heraus kommen. Aber einer Tätigkeit des Geistes im Zeitalter des Geistlosen kann man nicht ablehnend gegenüber stehen.

@G.G.,

das "Fass" Heidegger sollte in der Tat, wenn auch meiner Meinung nach an anderer Stelle, einmal ganz gründlich aufgemacht werden ... nächstes Jahr hat H. seinen 45. Todestag.

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