Weihnachtsempfehlungen (2): Potsdam, Konservatismus, Kelch

Unsere drei Kategorien, Jahr für Jahr: gut, wahr, schön. Kositza machte den Auftakt, nun Lehnert, danach Kaiser, Sommerfeld, Wirzinger und Kubitschek.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Schö­nes – Lud­wig Sternaux: Pots­dam. Ein Buch der Erin­ne­rung, Nach­wort von Klaus Bel­lin, Foto­gra­fien von Max Baur, Ber­lin: Die Mark Bran­den­burg 2020, 244 Sei­ten, 18 €

Wer wis­sen will, war­um die Welt ein­mal zu uns auf­ge­schaut hat, soll­te nach Pots­dam fah­ren. Die Stadt hat in den letz­ten Jahr­zehn­ten stel­len­wei­se wie­der die Gestalt ange­nom­men, für die sie einst gerühmt wur­de. Fast alle preu­ßi­schen Köni­ge haben sich hier durch reprä­sen­ta­ti­ve Bau­ten ver­ewigt, deren ein­zig­ar­ti­ge Har­mo­nie Pots­dam zu einem Denk­mal preu­ßi­schen Geis­tes mach­ten. Die­se Pracht war auch nach der Abdan­kung des letz­ten Königs noch zu bewun­dern. Der Jour­na­list und Pots­dam-Ver­eh­rer hat Lud­wig Sternaux hat sich in den frü­hen 1920er Jah­ren vol­ler Melan­cho­lie auf den Weg gemacht, um das alte Pots­dam zu erkun­den, das dann im Zwei­ten Welt­krieg unter­ging. Sein Spa­zier­gang durch die Stra­ßen und die Geschich­te liegt end­lich in einer neu­en Aus­ga­be vor, die durch die berühm­ten Auf­nah­men von Max Baur kon­ge­ni­al ergänzt wird.

Pots­dam hier bestel­len.

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Gutes – Roger Scrut­on: Bekennt­nis­se eines Häre­ti­kers. Zwölf kon­ser­va­ti­ve Streif­zü­ge, Lüdinghausen/Berlin: Manu­scrip­tum 2019 (Edi­ti­on Son­der­we­ge), 238 Sei­ten, 26 €

Mit Roger Scrut­on, der Anfang des Jah­res starb, hat die Rech­te einen ihrer wich­tigs­ten phi­lo­so­phi­schen Köp­fe ver­lo­ren. Das ist in Zei­ten, in denen alles nach Sinn­ge­bung lechzt, ein exis­ten­ti­el­les Pro­blem, des­sen sich lei­der nur weni­ge bewußt sind. Glück­li­cher­wei­se leben Phi­lo­so­phen, so sie sich nicht wie Sokra­tes auf das Gespräch beschrän­ken, in ihren Büchern wei­ter. Das letz­te Buch, das von Scrut­on in deut­scher Über­set­zung erschien, ent­hält zwölf Essays, die einen wei­ten Kreis kon­ser­va­ti­ver Gedan­ken abschrei­ten: von der Archi­tek­tur geht es über den Staat und die heik­le Fra­ge der Ster­be­hil­fe bis zum alko­ho­li­schen Genuß und zur vogel­mor­den­den Kat­ze. Auf sei­nen Erkun­dun­gen folgt man dem Autor gern, weil er über den nöti­gen Humor ver­fügt, der einem auch die schlech­ten Erkennt­nis­se erträg­lich macht.

Bekennt­nis­se hier bestel­len. 

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Wah­res – Michail Prischwin: Der irdi­sche Kelch. Das Jahr neun­zehn des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts, aus dem Rus­si­schen von Eve­li­ne Pas­set. Mit Nach­wor­ten von Eve­li­ne Pas­set und Ilma Raku­sa, Ber­lin: Gug­golz 2015, 171 S., 20 €

Prischwin (1873–1954) ist eine Ent­de­ckung, die dem Leser eine Viel­zahl von Ein­sich­ten beschert. Manch einer kennt ihn noch als Autor von Natur- und Tier­ge­schich­ten, mit denen er in der Sta­lin­zeit erfolg­reich war. Erst nach dem Ende des Kom­mu­nis­mus kam der eigent­li­che Prischwin zum Vor­schein, ein glü­hen­der Anti­kom­mu­nist, der mit Tier­ge­schich­ten über­leb­te und heim­lich Zeug­nis von der Unmensch­lich­keit des Mensch­heits­ex­pe­ri­ments ableg­te. Der irdi­sche Kelch, das ist Russ­land im zwei­ten Jahr der bol­sche­wis­ti­schen Revo­lu­ti­on: Ter­ror, Hun­ger, Absur­di­tä­ten kenn­zeich­nen das Leben der Land­be­völ­ke­rung. Rund um ein dürf­ti­ges dörf­li­ches „Muse­um des Guts­le­bens“ beschreibt Prischwin gal­gen­hu­mo­rig die Ver­wer­fun­gen des Kom­mu­nis­mus, die in eine Art End­zeit mün­den. Klar, daß das Buch zu Leb­zei­ten nicht erschei­nen konnte.

Der irdi­sche Kelch hier bestel­len. 

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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Kommentare (9)

Maiordomus

3. Dezember 2020 18:24

Kompliment für erlesene Auswahl. Da meine Adresse bekannt ist und ich mit dem elektronischen Transport Mühe habe, mögen auch als Anregung für andere die Titel 2 und 3, Scruton und Prischwin, als bestellt gelten. 

anatol broder

3. Dezember 2020 19:43

danke für die empfehlungen.

leider durften infantile zeitgenossen beim wiederaufbau von potsdam mitreden. beispielsweise hat man an der fassade der nikolaikirche (schinkel, 1830) ihren namen in comic sans ausgeführt. das hätte max baur nicht gefallen.

was scruton zum alkoholischen genuß schreibt, würde mich schon interessieren. vielleicht können lehnert und kubitschek am ende des nächsten gemeinsamen videos darauf eingehen.

prischwins buch ist pure lyrik. ich lese das im original, stellenweise laut wie zwölf stühle (ilf und petrow, 1928).

Volksdeutscher

3. Dezember 2020 22:04

"Erst nach dem Ende des Kommunismus kam der eigentliche Prischwin zum Vorschein, ein glühender Antikommunist, der mit Tiergeschichten überlebte und heimlich Zeugnis von der Unmenschlichkeit des Menschheitsexperiments ablegte."

Ein ihm im Geiste nahverwandter Schriftsteller dürfte Michail Michailowitsch Soschtschenko gewesen sein. Wie er in seinen Erzählungen das Leben der Russen im kommunistischen System darstellt, ist russischer Humor vom Besten.

Maiordomus

4. Dezember 2020 08:03

@Soschtschenkos Satiren waren schon ab den Fünfzigerjahren deutsch zu lesen, so das prächtige Bändchen "Schlaf schneller, Genosse!". Für mich die erste Schilderung des Alltags in der damaligen Sowjetunion. 

Solution

4. Dezember 2020 09:54

 

Schön, daß hier Prischwin aus der Versenkung geholt wird. Kann wirklich empfohlen werden.

Überwiegend in der Zwischenkriegszeit sind außerhalb recht viele Bücher über den Alltag in der Sowjetunion erschienen.

Kaum jemand kennt beispielsweise noch die Bücher von Natascha Gorjanowa, P. N. Krasnow, Alexandra Rachmanowa oder gar das Buch "Der verratene Sozialismus" von Karl I. Albrecht. 

 

Einsiedler

4. Dezember 2020 12:22

@Solution:   Das Buch  von Karl Albrecht "Der verratene Sozialismus"  fand ich letztlich auf einem Flohmarkt (mit Bibliotheksstempel  eines Stalags) 

 

Ansonsten vielen  Dank für die Empfehlungen.  Prischwin kannte ich noch nicht. 

 

H. M. Richter

4. Dezember 2020 14:03

Wennschon dennschon: Wer Prischwins Kelch bestellt, möge seine unlängst ebenfalls bei Guggolz erschienenen Tagebücher lohnenswerterweise gleich mitbestellen:

https://www.guggolz-verlag.de/tagebuecher-1917-1920

***

Soschtschenko wurde in der DDR, wo er durchaus breit verlegt wurde, übrigens vor allem wichtig mit seinem - arg an Pawlow angelehnten - 1980 bei Reclam in Leipzig erschienenen, kongenial von Marga Erb übersetzten Buch "Schlüssel des Glücks".  Auf diese Weise konnte wenigstens indirekt Bekanntschaft geschlossen werden mit der Lehre Freuds, von dem dort bis dato überhaupt noch nichts erschienen war.

"Ich schreibe mein Buch", schrieb Soschtschenko seinerzeit, "im Hinblick auf die Gegenwart. Ich setze es einer Bombe gleich, der es bestimmt ist, im Lager des Gegners zu explodieren, um die schmählichen Ideen zu vernichten, die überall ausgestreut sind." 

KlausD.

4. Dezember 2020 15:31

@H. M. Richter  4. Dezember 2020 14:03

"Soschtschenko  ... in der DDR"

Dann darf aber auch "Die Kuh im Propeller" nicht fehlen. Hier vorgetragen von Manfred Krug 1965 in der Reihe Lyrik - Jazz - Prosa und auf Schallplatte veröffentlicht.

https://www.youtube.com/watch?v=YYIPSkfWPX0

"Agitiert nur, agitiert nur ... es entwickelt sich ... die Bauern lächelten sehr finster" ... 

Maiordomus

17. Dezember 2020 11:40

Prischwin habe ich nicht nur bestellt, sondern mit höchster Beeindruckung bereits gelesen. Kommentierte diesen Eindruck dann in der Serie 5 der Weihnachtsempfehlung von Frau W. und auch anlässlich der mit vielen Kommentaren versehenen grossen Oppositionsdebatte von und um Götz Kubitschek ab 15. Dezember. Prischwin hat dazu fürwahr etwas zu sagen! Er hatte es schwerer zeitlebens als mutmasslich fast alle von uns.