Wenn Liberale zur Rettung des liberalen Weltbildes zu Illiberalen werden

von Eva-Maria Michels
PDF der Druckfassung aus Sezession 93/Dezember 2019

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Kopf­tuch­ver­bot, ja oder nein? Um die­se Fra­ge her­um ist in der AfD und in AfD-nahen Krei­sen eine hei­ße Dis­kus­si­on ent­brannt, seit der Aache­ner Rats­herr Mar­kus Mohr den Beschluß des AfD-Lan­des­ver­bands Nord­rhein-West­fa­len zu einem Kopf­tuch­ver­bot auf sei­ner FB-Sei­te kritisierte.

Ins­be­son­de­re das bür­ger­lich-libe­ra­le Lager, das die­se Maß­nah­me seit lan­gem for­dert, ist auf­ge­bracht und sieht in Mohr einen Islam-Appea­ser und ‑Apo­lo­ge­ten. Für die Bür­ger­li­chen ist die Bekämp­fung des Islam im Namen von Demo­kra­tie, des Grund­ge­set­zes, Rechts­staat­lich­keit, Gleich­heit, Men­schen­rech­ten und indi­vi­du­el­ler Frei­heit, kurz den soge­nann­ten west­li­chen Wer­ten, die vor­ders­te Auf­ga­be von Staat und Gesellschaft.

Die Rea­li­tät ist für sie binär: hier der »gute«, das heißt fort­schritt­li­che und libe­ra­le Wes­ten, dort die »böse«, das heißt reak­tio­nä­re und rück­stän­di­ge isla­mi­sche Welt. Doch die bür­ger­li­che Wahr­neh­mung ver­wech­selt Ursa­che und Wir­kung: Es ist nicht der Islam, der Euro­pa in die Sack­gas­se geführt hat, son­dern es sind die »west­li­chen Werte«.

Nicht die isla­mi­sche Zivi­li­sa­ti­on ist objek­tiv stark und des­halb eine Gefahr, son­dern sie ist nur im Ver­gleich zur euro­päi­schen Schwä­che stark. Euro­pa ist schwach, seit die »west­li­chen Wer­te« das Gemein­we­sen unter­wan­dert und Euro­pas kul­tu­rel­le und zivi­li­sa­to­ri­sche Basis, das Chris­ten­tum, zer­stört bzw. per­ver­tiert haben.

Selbst­ver­wirk­li­chung und Hedo­nis­mus sind an die Stel­le von Ver­ant­wor­tung und Maß­hal­ten getre­ten, bil­li­ger Kon­sum hat Kul­tur und Bil­dung abge­löst, der Wunsch nach abso­lu­ter Gleich­heit ver­leug­net objek­ti­ve Unter­schie­de, Wahr­heit wird rela­tiv und ver­han­del­bar, das Fest­hal­ten an ihr gilt als dis­kri­mi­nie­rend und extre­mis­tisch, der Wohl­fahrts­staat ver­wan­delt Nächs­ten­lie­be in Ferns­ten­lie­be, Men­schen­rech­te und Demo­kra­tie sind als Zivil­re­li­gi­on an die Stel­le des Chris­ten­tums getreten.

»West­li­che Wer­te« sind ein eman­zi­pa­to­ri­sches, lin­kes Kon­zept, das das Wer­te­ge­rüst der Gesell­schaft auf den Kopf gestellt hat: Was einst »gut« war, ist nun »böse«, und was »böse« war, gilt nun als »gut«, oder zumin­dest als für jeman­den ande­res »gut« und somit gutzuheißen.

Jede Reli­gi­on, die solch einen Wer­tere­la­ti­vis­mus ablehnt, muß zwangs­läu­fig mit »west­li­chen Wer­ten« in Kon­flikt gera­ten, um ihre Glau­bens­dog­men zu schüt­zen. Das Ziel hin­ter der Wer­te­ver­keh­rung durch »west­li­che Wer­te« ist die Eman­zi­pa­ti­on des Men­schen von der natür­li­chen Ord­nung, von sei­ner Natur und von Gott.

Der Mensch soll nicht mehr das Geschöpf sein, dem der Schöp­fer, Gott, einen Platz inner­halb der natür­li­chen Ord­nung zuge­wie­sen hat, son­dern er soll durch die Ver­ab­so­lu­tie­rung sei­ner indi­vi­du­el­len Frei­heit selbst zum Schöp­fer wer­den. Die­ser sich selbst ver­göt­zen­de neue Schöp­fer-Mensch dul­det kei­ne Schran­ken mehr und setzt sich über eta­blier­te mora­lisch-sitt­li­che Gren­zen hinweg.

Die Fol­ge ist die Auf­lö­sung der natür­li­chen Ord­nung und aller ihr unter­ge­ord­ne­ten Ord­nungs­sys­te­me. Eine Abwärts­spi­ra­le mit revo­lu­tio­nä­rer Zer­stö­rungs­kraft setzt sich dadurch in einer Gesell­schaft, die den »west­li­chen Wer­ten« hul­digt, in Bewegung:

  • Die Eman­zi­pa­ti­on der Frau führt zu sin­ken­den Gebur­ten­zah­len und zur Fami­li­en­auf­lö­sung, weil die Frau nicht mehr ihre bio­lo­gi­sche Rol­le als Mut­ter anneh­men will. Die Kin­der sind auf sich selbst gestellt, in ihrer emo­tio­na­len Ent­wick­lung beein­träch­tigt, als Erwach­se­ne haben sie Bin­dungs­schwie­rig­kei­ten, was die Fami­lie als Insti­tu­ti­on wei­ter schwächt und die Gebur­ten­ra­te wei­ter senkt;
  • durch den Kampf der Femi­nis­tin­nen wer­den die Män­ner in ihrer männ­li­chen Iden­ti­tät ver­un­si­chert. Auch dadurch wird die Fami­lie geschwächt und die Gebur­ten­ra­te reduziert.
  • LGBT und Gen­der dekon­stru­ie­ren bio­lo­gi­sche Rea­li­tä­ten und ver­hin­dern die Her­aus­bil­dung einer gesun­den Geschlech­ter­iden­ti­tät, ins­be­son­de­re bei Kin­dern und Jugend­li­chen. Die Insti­tu­ti­on Fami­lie wird geschwächt, die Gebur­ten­ra­te reduziert.
  • Spaß und Ver­gnü­gen wer­den zu Lebens­zie­len erho­ben und machen aus dem Men­schen zugleich einen Kon­sum­no­ma­den und ein aus­tausch­ba­res Kon­sum­pro­dukt. Über­mä­ßi­ger sexu­el­ler und Güter­kon­sum und Kurz­zeit­be­frie­di­gun­gen über­la­gern den Wunsch nach Fami­lie und Kin­dern, wodurch wie­der­um die Fami­lie geschwächt und die Gebur­ten­ra­te redu­ziert wird.
  • Das Bil­dungs­sys­tem wird im Namen von Demo­kra­tie und Selbst­be­stim­mung regel­recht mas­sa­kriert. Dadurch wird die his­to­ri­sche Kon­ti­nui­tät zwi­schen den Genera­tio­nen und der Geschich­te eines Vol­kes unter­bro­chen. Es gibt kei­ne posi­ti­ven Iden­ti­fi­ka­ti­ons­mög­lich­kei­ten mehr, der Mensch wird dekul­tu­ra­li­siert und ent­wur­zelt. Er ist allein.
  • Der Wohl­fahrts­staat über­nimmt die Rol­le des Erzie­hers und pro­pa­giert »west­li­che Wer­te«. Geschwäch­te Fami­li­en haben dem kei­nen Wider­stand ent­ge­gen­zu­set­zen. Dadurch wird der fami­liä­re Ein­fluß wei­ter zurück­ge­drängt, die vom Staat pro­pa­gier­ten »west­li­chen Wer­te« boo­ten fami­liä­re Tra­di­ti­on, Reli­gi­on, Bil­dung aus. Der Mensch kann der Dekul­tu­ra­li­sie­rung und Ent­wur­ze­lung nicht ent­flie­hen und ist allein.

West­eu­ro­pas und Deutsch­lands Gesell­schaft befin­det sich aktu­ell in die­ser destruk­ti­ven Abwärts­spi­ra­le, in die sie sich frei­wil­lig und ohne Zwang hin­ein­ma­nö­vriert hat. Alle Insti­tu­tio­nen, die als gesell­schaft­li­cher Kitt fun­gier­ten wie die Nati­on, die Kir­chen und die sozia­len Stän­de, sind ein Trüm­mer­hau­fen, die Mas­se der Men­schen ist fami­li­är und kul­tu­rell ent­wur­zelt und stol­pert kin­der­los ver­grei­send und ziel­los durchs Leben.

Die­se mora­li­sche Schwä­che der west­li­chen Gesell­schaft wird immer stär­ker auch von einer demo­gra­phi­schen über­schat­tet. Lin­ke und Libe­ra­le sehen jedoch die­se Pro­ble­ma­tik nicht. Für sie ist die Zer­stö­rung der alten Struk­tu­ren und Ban­de ein Zei­chen von Fort­schritt und Freiheit.

In der Beur­tei­lung des Islam unter­schei­den sich Lin­ke und Libe­ra­le jedoch. Wäh­rend für Lin­ke der Islam in allen sei­nen Schat­tie­run­gen mul­ti­kul­tu­rel­le Folk­lo­re ist, deren unan­ge­neh­me Fol­gen mit der Lösung der »sozia­len Fra­ge« von selbst ver­schwin­den wer­den, stö­ren sich Libe­ra­le dar­an, daß sich die Mus­li­me nicht den »west­li­chen Wer­ten« unter­wer­fen wollen.

An die Uni­ver­sa­li­tät die­ser »west­li­chen Wer­te« glau­ben bei­de mit dem reli­giö­sen Eifer von Mis­sio­na­ren. Sie ste­hen damit in der Tra­di­ti­on der anti­kle­ri­ka­len Lin­ken des 19. Jahr­hun­derts, die einer­seits als Impe­ria­lis­ten den »Wil­den« Afri­kas und Asi­ens die Zivi­li­sa­ti­on brin­gen woll­ten und ande­rer­seits zu Hau­se gegen Katho­li­zis­mus und tra­di­tio­nel­le Volks­fröm­mig­keit einen gna­den­lo­sen Kul­tur­kampf führten.

Den Beginn der zivi­li­sier­ten Mensch­heits­ge­schich­te datie­ren sowohl Libe­ra­le wie auch Lin­ke auf 1789. Mit Aus­nah­me der grie­chisch-römi­schen Anti­ke ist alles ande­re Fins­ter­nis und kul­tu­rel­le Wüs­te. Sich selbst aber füh­len sie dazu beru­fen, Licht in die dunk­le Welt aus Igno­ranz und Unwis­sen zu brin­gen und im Sin­ne ihrer Ideo­lo­gie zu herrschen.

Libe­ra­le und Lin­ke haben damit ein sehr eli­tä­res Welt­bild und sind reli­giö­se Fana­ti­ker ohne Gott. An des­sen Platz set­zen sie den mensch­li­chen Ver­stand und die »Weis­heit« ihres lai­zis­ti­schen Staa­tes, des­sen Geset­ze die obers­te mora­li­sche und gesetz­li­che Instanz für alle Men­schen sein müssen.

Für Reli­gi­on ist grund­sätz­lich kein Platz in ihrem Welt­bild. Reli­giö­se Dog­men und Tra­di­tio­nen sind in ihren Augen etwas für geis­tig min­der­be­mit­tel­te Hin­ter­welt­ler, die noch nicht in den Genuß der Auf­klä­rung gekom­men sind. Die­se Art von radi­ka­lem Lai­zis­mus hal­ten Libe­ra­le und Lin­ke für wert­neu­tral und tolerant.

Sie wol­len nicht wahr­ha­ben, daß die Nega­ti­on des Glau­bens eben­falls ein Glau­bens­be­kennt­nis ist und daß sie dem Staat tota­li­tä­re Befug­nis­se über den Men­schen ein­räu­men. Die­ses tota­li­tä­re Staats­ver­ständ­nis steht dem tra­di­tio­nel­ler Rech­ter dia­me­tral entgegen.

Rech­te erken­nen eine natür­li­che Ord­nung an, in der es eine ver­ti­ka­le Hier­ar­chie gibt. Sie ver­wei­gern sich jeder Gott­spie­le­rei und sehen den Sinn von Herr­schaft in der Bewah­rung der natür­li­chen Ord­nung, damit sich jeder Mensch ent­spre­chend sei­ner Fähig­kei­ten ent­fal­ten kann.

Für Rech­te ist es nicht Auf­ga­be des Staa­tes, das Wer­te­sys­tem der Men­schen zu beein­flus­sen, dar­über zu herr­schen oder durch gestal­te­ri­sche Ein­grif­fe eine ande­re Ord­nung als die sich natür­lich erge­ben­de zu schaf­fen. Sei­ne Auf­ga­be besteht ein­zig dar­in sicher­zu­stel­len, daß die indi­vi­du­el­le Frei­heit eines Men­schen dort auf­hört, wo die eines ande­ren Men­schen anfängt.

Indem sich der libe­ra­le Ord­nungs­staat (auf die his­to­ri­sche Mon­ar­chie gehe ich nicht ein) auf die Durch­set­zung die­ses ele­men­ta­ren Rechts beschränkt, ist er im Gegen­satz zum libe­ral-lai­zis­ti­schen Staat neu­tral. Er kon­kur­riert nicht mit Reli­gio­nen und über­läßt die Rege­lung zivil­recht­li­cher Ange­le­gen­hei­ten wei­test­ge­hend den ein­zel­nen Kon­fes­sio­nen und ihren Gesetzen.

Auf die­se Wei­se ent­spannt er Kon­flik­te, die der libe­ral-lai­zis­ti­sche Staat über­haupt erst schafft. Libe­ra­le Lai­zis­ten und das Gros der Deut­schen ver­ste­hen nicht, was Glau­be für einen reli­giö­sen Men­schen bedeu­tet. Weil Gesell­schaft und Staats­kir­chen die »west­li­chen Wer­te« umarmt haben, herrscht ein im gro­ßen und gan­zen stö­rungs­frei­er Waf­fen­still­stand zwi­schen Chris­ten­tum und »west­li­chen Werten«.

Es gibt nur noch sehr ver­ein­zelt Chris­ten, die die mora­li­sche Über­le­gen­heit der »west­li­chen Wer­te« in Fra­ge stel­len und die mora­li­sche Legi­ti­mi­tät des Staa­tes ins­be­son­de­re in ethi­schen Fra­gen anzwei­feln. Doch sie wer­den, wie im Fal­le von Abtrei­bungs­geg­nern, als reli­giö­se Spin­ner und Extre­mis­ten aus der Gemein­schaft der »Guten« aus­ge­sperrt oder wie im Fal­le der christ­lich-men­no­ni­ti­schen Fami­li­en, die ihre Kin­der durch Home­schoo­ling vor staat­li­cher (Sexualaufklärungs-)Propaganda schüt­zen wol­len, mit der gan­zen Här­te des Geset­zes bestraft.

Es ist bezeich­nend, daß in die­sem Fall nicht der Angriff auf die im Grund­ge­setz garan­tier­te elter­li­che Erzie­hungs- und Glau­bens­frei­heit die Libe­ra­len erzürnt, son­dern der ethi­sche Non­kon­for­mis­mus der Eltern, die reli­giö­s­ethi­sche Gebo­te höher schät­zen als staatliche.

Es sind die Mus­li­me, die den libe­ra­len Gesin­nungs­staat wirk­lich her­aus­for­dern, denn sie sind mehr­heit­lich nicht bereit, Kom­pro­mis­se mit den »west­li­chen Wer­ten« zu Las­ten ihrer reli­giö­sen Dog­men und Tra­di­tio­nen ein­zu­ge­hen. Auf­grund ihres reli­giö­sen Analpha­be­ten­tums inter­pre­tie­ren Libe­ra­le dies als Bös­wil­lig­keit, als Wunsch nach einer »Extra­wurst«, als Inte­gra­ti­ons­ver­wei­ge­rung, Macht­de­mons­tra­ti­on oder als Unter­drü­ckung von Frauen.

Es kommt ihnen nicht in den Sinn, daß west­li­che Geset­ze und Gewohn­hei­ten Mus­li­me in einen exis­ten­ti­el­len Kon­flikt um ihr See­len­heil brin­gen oder daß mus­li­mi­sche Eltern um das See­len­heil ihrer Töch­ter fürch­ten, wenn die­se sich dem west­li­chen Lebens­stil anpassen.

Für die meis­ten Mus­li­me wie­der­um ist der Athe­is­mus des libe­ra­len Lebens­stils etwas Unvor­stell­ba­res, das in ihrem theo­zen­tri­schen Welt­bild so nicht vor­ge­se­hen ist. Und so inter­pre­tie­ren sie den Athe­is­mus und die weit­ver­brei­te­te Blas­phe­mie vie­ler Euro­pä­er als Beweis für die Schlech­tig­keit der Chris­ten, vor der sie der Koran warnt.

So wie die Mus­li­me mit die­sen »bösen« Men­schen nichts zu tun haben wol­len, so reagie­ren die Libe­ra­len immer kom­pro­miß­lo­ser auf den mus­li­mi­schen Rück­zug in eine Par­al­lel­ge­sell­schaft. Das Kopf­tuch­ver­bot ist dafür ein Bei­spiel. Es heizt unnö­tig den Kon­flikt an für ein Glau­bens­be­kennt­nis, das kein Sicher­heits­pro­blem für Staat und Gesell­schaft dar­stellt. (Bur­ka und Nikab sind etwas ande­res als der Hid­schab. Doch die Ver­brei­tung die­ser Klei­dungs­stü­cke ist eben­so Fol­ge der Glo­ba­li­sie­rung wie die der Jeans. Tra­di­tio­nell sind Bur­ka und Nikab nur auf der Ara­bi­schen Halb­in­sel bei Wah­ha­bi­ten ver­brei­tet. Wenn sie woan­ders getra­gen wer­den, ist dies ein poli­ti­scher Akt.)

Ob Eltern wün­schen, daß sich ihre Toch­ter das Haar ver­hüllt, oder ob das ein jun­ges Mäd­chen wünscht, geht den Staat genau­so­we­nig etwas an, wie das fami­liä­re Fas­ten im Rama­dan oder die Wei­ge­rung, Schwei­ne­fleisch zu essen. Es sind reli­giö­se Tra­di­tio­nen und Gebote.

Über ihre Rich­tig­keit kön­nen nur die Gläu­bi­gen ent­schei­den. Selbst wenn man­che Tra­di­tio­nen auf Druck der Eltern durch­ge­setzt wer­den, ist dies ihr gutes Recht, denn die Erzie­hung obliegt ihnen und nicht dem Staat. Doch im Fal­le des Kopf­tuchs sind es häu­fig, ins­be­son­de­re ab der Puber­tät, mus­li­mi­sche Mäd­chen selbst, die durch das Tra­gen sowohl ihren Glau­ben als auch ihre Oppo­si­ti­on zur west­li­chen Wer­te-Gemein­schaft aus­drü­cken wollen.

Es waren die sozi­al­li­be­ra­len Koali­tio­nen und die bür­ger­lich-libe­ra­le Koali­ti­on seit Anfang der 70er Jah­re, die für die heu­ti­gen Pro­ble­me zwi­schen deut­scher Mehr­heits­ge­sell­schaft und mus­li­mi­schen Ein­wan­de­rern ver­ant­wort­lich sind. Anstatt die Gast­ar­bei­ter aus der Tür­kei nach dem Anwer­be­s­top 1973 in ihre Hei­mat zurück­zu­schi­cken, erlaub­ten sie ihnen ab 1974, Ehe­frau und Kin­der nachzuholen.

Damit begann die Mas­sen­im­mi­gra­ti­on. Im Welt­bild der are­li­giö­sen Lin­ken und Libe­ra­len stell­te der Islam der Tür­ken kein Assi­mi­la­ti­ons­pro­blem dar. Sie glaub­ten, daß sich die Mus­li­me, wenn sie sich erst ein­mal ein­ge­lebt hät­ten, genau­so ver­hal­ten wür­den wie die süd­eu­ro­päi­schen Ein­wan­de­rer und daß sie über den Kon­sum mit den Deut­schen ver­schmel­zen würden.

Rea­lis­mus hät­te sie etwas Bes­se­res leh­ren müs­sen, denn Assi­mi­la­ti­on geschieht pri­mär nicht über Kon­sum, son­dern über Hei­rat, die jedoch bei unter­schied­li­chen Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­kei­ten nor­ma­ler­wei­se nicht mög­lich ist. Doch sol­che Ein­wän­de wur­den vom Tisch gefegt.

Eine Remi­gra­ti­on der hier leben­den Immi­gran­ten wäre sicher­lich um des Frie­dens wil­len auf die Dau­er sowohl für die Deut­schen als auch für die Immi­gran­ten das Bes­te. Doch selbst wenn man das Rechts­sys­tem umkrem­peln wür­de, hät­te Deutsch­land heu­te weder genü­gend Poli­zis­ten und Sol­da­ten, um eine sol­che Aus­sied­lung im gro­ßen Umfang durch­zu­füh­ren, noch wäre die Bevöl­ke­rung mora­lisch bereit, häß­li­che Fern­seh­bil­der, die so etwas zwangs­läu­fig mit sich bräch­te, zu ertragen.

Grund­ge­setz und Rechts­staat­lich­keit, mit deren Hil­fe die bür­ger­lich­li­be­ra­len Islam­kri­ti­ker heu­te Deutsch­land vor dem Islam ret­ten möch­ten, waren iro­ni­scher­wei­se die Instru­men­te, mit denen der Islam in Deutsch­land ein­ge­bür­gert wur­de. Der Fami­li­en­nach­zug geschah über das Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­prin­zip im Namen des grund­ge­setz­lich ver­an­ker­ten Schut­zes von Ehe und Familie.

Die­ses Prin­zip, das die per­sön­li­chen Rech­te höher bewer­tet als die Rech­te des Staa­tes, die­se im öffent­li­chen Inter­es­se zu beschnei­den, hat­te mög­li­cher­wei­se eine gewis­se Berech­ti­gung in der Anfangs­zeit der Bun­des­re­pu­blik, als Deutsch­land noch ein eth­nisch homo­ge­ner Staat auf der kul­tu­rel­len Basis des Chris­ten­tums war.

Damals wur­de Ver­gleich­ba­res mit Ver­gleich­ba­rem ins Ver­hält­nis gesetzt. Doch seit das Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­prin­zip im Sin­ne des libe­ra­len Gleich­heits­prin­zips Unglei­ches gleich behan­delt, ist die Jus­tiz in eine Schief­la­ge gera­ten, die sich immer stär­ker von Natur­recht und Gerech­tig­keit ent­fernt und den Staat in einen zahn­lo­sen Tiger verwandelt.

Durch die Umwand­lung der Armen­hil­fe in die Pro­zeß­kos­ten­hil­fe 1981 leg­te die links­li­be­ra­le Koali­ti­on unter Schmidt schließ­lich den Grund­stein der Asyl­in­dus­trie. Dank der libe­ra­len Aus­le­gung des Gleich­heits­prin­zips kön­nen sich seit­her nicht nur Inlän­der, son­dern auch Aus­län­der auf Kos­ten des Steu­er­zah­lers durch sämt­li­che Rechts­in­stan­zen kla­gen – für Anwäl­te auf der Suche nach Ein­kom­mens­mög­lich­kei­ten ein Manna.

Die per­ma­nen­te Über­las­tung der Gerich­te führt zu lang­wie­ri­gen Pro­zes­sen, wodurch Abschie­bun­gen von aus­rei­se­pflich­ti­gen Aus­län­dern prak­tisch nicht mehr mög­lich sind. Die gesetz­li­che Schaf­fung von ver­schie­de­nen lega­len Auf­ent­halts­sta­tu­ten seit den 80er Jah­ren tut ein übri­ges, Abschie­bun­gen zu verunmöglichen.

Die seit den 70er Jah­ren par­al­lel dazu statt­fin­den­de Aus­deh­nung des ega­li­tä­ren Wohl­fahrts­staats, eben­falls ein sozi­al­de­mo­kra­tisch-libe­ral-bür­ger­li­ches Kon­strukt, auf Per­so­nen­grup­pen, die nie­mals einen Bei­trag dazu geleis­tet haben, sorgt dafür, daß der Ansturm von Glücks­rit­tern aus dem Süden ste­tig zunimmt.

Es ist die Kom­bi­na­ti­on der »west­li­chen Wer­te« Gleich­heit, Ver­hält­nis­mä­ßig­keit und Wohl­fahrts­staat­lich­keit, kurz der sozia­le Rechts­staat, der der Toten­grä­ber des deut­schen Staats­we­sens ist. Frau Mer­kels Ein­wan­de­rungs­po­li­tik seit 2015 treibt die Prin­zi­pi­en des sozia­len­Rechts­staa­tes ledig­lich auf die Spitze.

Wenn libe­ra­le Islam­kri­ti­ker nun die Ach­tung des Grund­ge­set­zes und des Rechts­staa­tes zur Lösung des Ein­wan­de­rungs­pro­blems for­dern, dann trei­ben sie den Teu­fel mit dem Beel­ze­bub aus. Nicht die Ein­hal­tung des Grund­ge­set­zes und sozia­ler rechts­staat­li­cher Prin­zi­pi­en ist erstre­bens­wert, son­dern eine Anpas­sung der Geset­ze an die Rea­li­tät, damit Unglei­ches ungleich behan­delt wird.

Dazu müß­te es eine radi­ka­le Jus­tiz­re­form geben, um den Juris­ten die Mög­lich­keit zu neh­men, poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen zu kon­ter­ka­rie­ren oder durch ihre Recht­spre­chung voll­ende­te Tat­sa­chen zu Las­ten der Bür­ger zu schaffen.

Fazit: Die vor­ders­te Auf­ga­be zur Ret­tung Deutsch­lands und West­eu­ro­pas im all­ge­mei­nen besteht im Zurück­drän­gen des Ein­flus­ses der »west­li­chen Wer­te« und in der Ver­hin­de­rung eines Kul­tur­kamp­fes mit dem Islam. In sei­nem aktu­el­len mora­li­schen Zustand kann der Wes­ten die­sen Kampf näm­lich nur verlieren.

Die Geschich­te lehrt kul­tur- und reli­gi­ons­un­ab­hän­gig, daß Zivi­li­sa­tio­nen immer aus­schließ­lich dank der reli­giö­sen Pra­xis über­le­ben. Ver­schwin­det sie, ver­schwin­det die Zivi­li­sa­ti­on. Die »west­li­chen Werte«-Anhänger wer­den sich, wie es Hou­el­le­be­qc in Unter­wer­fung vor­aus­sagt, den neu­en Her­ren erge­ben, sobald eine mate­ria­lis­ti­sche Kos­ten-Nut­zen-Rech­nung dies nahelegt.

Will Euro­pa über­le­ben, muß es zu sei­nen christ­li­chen Wur­zeln zurück­fin­den. Nur dar­aus wird es die Kraft schöp­fen kön­nen, einem expan­die­ren­den Islam die Stirn zu bie­ten. Es ist illu­so­risch zu glau­ben, daß der Staat einen Refor­m­is­lam schaffen
könne.

Grund­sätz­lich hat der Staat in reli­giö­sen Ange­le­gen­hei­ten kei­ne Auto­ri­tät, weil Staat und Reli­gi­on unter­schied­li­che Domä­nen sind. Wenn der Staat nun libe­ra­le mus­li­mi­sche Theo­lo­gen för­dern will, bleibt das für den rea­len Islam fol­gen­los, da die­se Reform­theo­lo­gen nur für sich selbst spre­chen und inner­halb der Umma kei­ner­lei Auto­ri­tät haben.

Doch zugleich setzt der Staat dadurch völ­lig fal­sche Akzen­te, weil er sich der Mög­lich­keit beraubt, den ech­ten Islam in gere­gel­te Bah­nen zu kana­li­sie­ren und den Kul­tur­kampf zu ver­mei­den. Eine Ent­ideo­lo­gi­sie­rung der Lehr­plä­ne in den Schu­len soll­te ein ers­ter Schritt sein, um sowohl den destruk­ti­ven Ein­fluß der »west­li­chen Wer­te« zurück­zu­drän­gen als auch das Ver­hält­nis zu »nor­ma­len« Mus­li­men zu entspannen.

Par­al­lel dazu soll­te der Staat in reli­giö­sen Fra­gen den Mus­li­men Frei­heit las­sen, aber den poli­ti­schen Islam kom­pro­miß­los bekämp­fen. Der Staat soll­te mus­li­mi­sche Gebets­räu­me, die für die kul­ti­sche Hand­lung not­wen­dig sind, groß­zü­gig zulas­sen und ver­su­chen, die Frei­tags­pre­dig­ten zu kon­trol­lie­ren, wie das in zahl­rei­chen mus­li­mi­schen Staa­ten die Regie­run­gen auch tun.

Pre­di­gern aus dem Aus­land soll­te er die Ein­rei­se ver­wei­gern. Der Bau von Moscheen müß­te er grund­sätz­lich ver­bie­ten. Moscheen sind näm­lich im Gegen­satz zu Gebets­räu­men poli­ti­sche Insti­tu­tio­nen, mit denen der poli­ti­sche Teil des Islam auf alle Zei­ten eine Land­nah­me markiert.

Die Ver­hin­de­rung von Mosche­en­eu­bau­ten könn­te eine wei­te­re sym­bo­li­sche Land­nah­me stop­pen, ohne die Gläu­bi­gen in ihrer reli­giö­sen Pra­xis zu beein­träch­ti­gen. Es ist libe­ra­le Nai­vi­tät zu glau­ben, daß ein Mus­lim, nur weil er sich west­lich klei­det oder benimmt, für die Staats­si­cher­heit unge­fähr­lich ist, und eine Mus­li­ma auf­grund ihres Kopf­tuchs eine Ter­ro­ris­tin ist.

Die Rea­li­tät dürf­te eher das Gegen­teil sein. Es ist Stra­te­gie der Mus­lim­brü­der, sich äußer­lich anzu­pas­sen und so den Staat zu unter­wan­dern. Genau dies muß ver­hin­dert wer­den. Dazu ist eine Reform des Staats­bür­ger­ge­set­zes unab­kömm­lich. Nur »ur«deutsche Staats­bür­ger soll­ten mit sen­si­blen Daten in Kon­takt kom­men kön­nen oder in der Bun­des­wehr die­nen dür­fen. Isra­el prak­ti­ziert die­se ver­nünf­ti­ge »Sicher­heits­apart­heit«.

Eben­falls unab­kömm­lich ist es, die Geld­flüs­se aus dem Aus­land an NGOs zu unter­bin­den. Dies soll­te sowohl für die Geld­flüs­se von Soros und Kon­sor­ten an »west­li­che Werte«-NGOs gel­ten, als auch für wah­ha­bi­ti­sche Wohl­tä­tig­keits­or­ga­ni­sa­tio­nen wie Qatar Cha­ri­ty, die ver­su­chen, über Finanz­sprit­zen an Moschee­ver­ei­ne in Euro­pa die ideo­lo­gi­sche Kon­trol­le zu erlangen.

Es muß sehr emp­find­li­che Stra­fen geben für die­je­ni­gen, die sol­che Gel­der akzep­tie­ren. Anders kann der Staat sei­ne Auto­ri­tät nicht zurück­ge­win­nen. Der drit­te Punkt betrifft den Wohl­fahrts­staat. Er muß schritt­wei­se zurück­ge­baut wer­den, um die Men­schen zu zwin­gen, wie­der Ver­ant­wor­tung für ihr Leben zu übernehmen.

Eine Abkehr von Hedo­nis­mus und west­li­chen Wer­ten wäre mit­tel- bis lang­fris­tig eine logi­sche Folge.

 Gastbeitrag

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