15. Dezember 2020

Weihnachtsempfehlungen (5) – Liebe, Dichtkunst, Baltikum

Gastbeitrag / 11 Kommentare

Geschenkempfehlungen zu Weihnachten – wie jedes Jahr aus unserem Kreise. Teil 5: Gutes, Schönes, Wahres der Antaios-Vertrieblerin Sigrid Wirzinger.

 Gastbeitrag

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  • Sezession

Gutes -- Nadine Schneider: Drei Kilometer, Salzburg: Jung und Jung 2019, 152 S., geb., 20 €

Auf dieses Büchlein stieß ich im Sommer nach der Lektüre von Die Unschärfe der Welt (hier von Kositza empfohlen). Etwas früher, 2019 erschienen, mit  ähnlicher Handlung und in einer ähnlichen Zeit angesiedelt, aber ungemein verdichtet.

Rumänien, Spätsommer 1989: Anna, eine junge Frau, wohnt in einem winzigen Dorf an der Temesch, drei Kilometer sind es zur Grenze, zur Freiheit. Hans, ihr Geliebter, redet viel, vom Fliehen, von einer besseren Welt jenseits der drei Kilometer; Misch, der gemeinsame beste Freund, ist schweigsam, hat aber einen Plan. Auf schmalen 152 Seiten spielt sich das Drama ab: bleiben oder gehen? Widerstand oder Flucht? Hans oder Misch? Liebe oder Verrat?

Es liest sich nun aber nicht wie ein Drama, ganz  langsam wird man in die Lebenswelt dieser jungen Frau hineingezogen, die alles mehr oder weniger mit sich geschehen läßt, beobachtet, grübelt, sich nicht entscheiden kann  – und eigentlich keine große Veränderung herbeisehnt:

Ich frage mich, warum uns das nicht reichte. Warum es uns nicht reichte, das wir alle hier waren und an manchen Abenden eine gute Suppe aßen.

Dann aber läßt einem das Schicksal dieser drei jungen Menschen nicht los, entwickelt der Roman eine Sogkraft, bis zu einem fulminanten Ende und dem Zusammenbruch des Regimes  – den allerletzten kitschigen Satz mag man verzeihen, es ist ja immerhin auch eine Liebesgeschichte.

Drei Kilometer hier bestellen.

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Schönes -- Ludwig Reiners/ Albert von Schirnding (Hrsg.): Der ewige Brunnen. Ein Hausbuch deutscher Dichtung, München: C.H. Beck 2007, 19.95 €, geb., über 1600 Gedichte

Letztes  Jahr empfahl ich den Abreißkalender Mit deutschen Gedichten durch das Jahr 2020, damals  ein wenig zu spät, nur dreißig Exemplare ließen sich noch verkaufen, dann war es vergriffen. Dieses Jahr waren wir früher dran mit der Werbung, und über 300 Exemplare sind  bereits verkauft. Ich empfehle also auch dieses Jahr wieder, zuzugreifen (Mit deutschen Gedichten durch das Jahr 2021, hier bestellen), aber der Erfolg zeigt, daß es offensichtlich einen Bedarf an Lyrik gibt, und so will ich auf einen echten Klassiker hinweisen: Der ewige Brunnen. Ein Hausbuch deutscher Dichtung.

1955 gab Ludwig Reiners diese großartige Sammlung deutscher Dichtung heraus, untergliedert in 25 „Büchern“: Das Buch der Liebe, Das Buch der Jugend etc. So findet sich in jedem Kapitel, in jedem „Buch“, das passende Gedicht zur Stimmung oder zum Anlaß. Man kann schmökern, entdecken und wiederentdecken,  und Dank  des guten Registers (nach  Titel und nach Gedichtanfang) und Dichterverzeichnis  auch hervorragend nachschlagen und suchen. Seit 1959 erschien der Band ununterbrochen und unverändert, 2005 erschien eine von Albert  von Schirnding geänderte und erweiterte Ausgabe mit einigen Gedichten aus den letzten fünf Jahrzehnten.

Wer also Purist ist, mag antiquarisch nach einer älteren Ausgabe suchen, wer aber auch mit einem Gedicht von Günter Grass oder Friederike Mayröcker leben kann, sollte hier bestellen – fehlen darf das Hausbuch in keinem Haushalt!

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Wahres -- Norbert Angermann/ Karsten Brüggemann: Geschichte der baltischen Länder, Stuttgart: Reclam 2018, 360 S., 29 €

Durch die Bücher einer meiner Lieblingsautorinnen, die leider in Vergessenheit geratene deutsch-estnische Schriftstellerin Else Hueck-Dehio (jedes junge Mädchen sollte Liebe Renata gelesen haben, jeder junger Mann Er aber zog seine Straße – beide leider nur noch antiquarisch erhältlich), hat sich früh ein Interesse für Estland im Besonderen und das Baltikum im Allgemeinen entwickelt.

Eine Reise dorthin ergab sich bislang nicht, und wird wohl auch so schnell nicht möglich sein, so muß dieser Band als Ersatz und Vorbereitung dienen. Es ist mir zwar schleierhaft, wie man ein Geschichtsbuch ohne zumindest eine Übersichtskarte herausgeben kann, aber abgesehen von dem Manko ist es eine lohnende und interessante Lektüre, beginnend mit dem  Mittelalter, und endend mit der Lage der baltischen Staaten heute.

Besonders hervorzuheben ist der Augenmerk auf die ethnischen und sprachlichen Besonderheiten in den ersten Kapiteln und die natürlich für den deutschen Leser wichtige Geschichte der Deutschen im Baltikum.

Geschichte der baltischen Länder hier bestellen.


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  • Sezession

Kommentare (11)

Gerald

15. Dezember 2020 22:04

Frau Wirzinger, vielen Dank, dass sie mich an den vor Jahren mehrmals gelesenen Roman „Liebe Renata“ erinnern. Er erreichte bei mir dasselbe wie bei Ihnen: ein anhaltendes Interesse am Baltikum, und dessen Menschenschlag, Landschaft, Geschichte. Der Roman selber zog mich in seinen Bann; das Werden einer jungen Frau in einer versunkenen Welt, vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Verwerfungen, wie sie damals überall stattfanden. Einzigartig die Beschreibung einer zarten Liebe, die wachsende Spannung zwischen dem Sehnen und dem Wollen der Jugend und nicht korrumpierbarer Prinzipientreue.

Danke auch für das Erwähnen des anderen Romans „Er aber zog seine Straße“, in welchem, wie ich erfuhr, eine wichtige Nebenfigur aus Renata weiterentwickelt wird: Herbert Haller. Ein in der gewachsenen Ständegesellschaft typisch gelangweilter Dandy, der dann in den sich anbahnenden Unruhen seine Aufgabe findet. Frei von jeglicher Abenteurerlust, ganz nüchtern: „Für mich … ist es Erfüllung. Für mich ist es endlich der große Einsatz.“ Antiquarisch entdeckt und gekauft, ich freu mich drauf. Und so hat auch das von Ihnen, Frau Wirzinger, vorgestellte Werk zur Geschichte der baltischen Staaten mich neugierig gemacht. Steht oben auf der Liste.

Maiordomus

16. Dezember 2020 09:35

@Wirzinger. Legen Sie mir es nicht als Eitelkeit aus, dass ich den Verleger Jochen Jung und den brillanten, auch in Sachen Jünger hochkompetenten Albert von Schirnding hier als persönliche Weggefährten nennen darf, auch im Zusammenhang mit dem kritischen Germanisten und Rechtschreibereform-Opponenten Friedrich Denk und dem vielleicht letzten wirklich grossen Bücherpreisträger Arnold Stadler. Ja, "warum es uns nicht reichte", siehe auch die genannte zwar nicht sinnlose Opposition, das steht auf einem anderen Blatt. Ich merke aber, Frau Wirzinger, dass Sie massgeblich zur Gediegenheit des Verlages beitragen und erkläre, nachdem der letzte diesbezügliche Hinweis bereits gefruchtet hat, diese beiden Bücher von zwei der gebildetsten Männer als bestellt. Nadine Schneider ist natürlich mit ihrem Verleger mitgemeint! 

Der_Juergen

16. Dezember 2020 10:05

Ich war zweimal für je ein paar Tage in Estland und habe dort Menschen kennengelernt, mit denen ich bis heute befreundet bin. Litauen habe ich einmal kurz besucht; Lettland wollte ich dieses Jahr kennenlernen, aber aus den bekannten Gründen kam es nicht dazu. Jedenfalls habe ich mich schon als Jugendlicher für diesen Teil Europas interessiert, Darum werde ich das erwähnte Geschichtsbuch mit Sicherheit bestellen und lesen.

Ich benutze die Gelegenheit, Frau Sigrid Wirzinger, bei der ich schon so viele Bücher bestellt habe, für ihre zuverlässige und wertvolle Mitarbeit bei Sezession und Antaios zu danken.

 

Maiordomus

16. Dezember 2020 10:57

Arnold Stadler war natürlich "Büchner-Preisträger", wie auch Hebelpreisträger (wie vor ihm Alfred Huggenberger, Elias Canetti und Peter von Matt) und erst mit Verspätung, weil nicht gerade korrekt genug, Bodenseeliteraturpreisträger. 

t.gygax

16. Dezember 2020 11:00

Sehr schön, dass Sie an Else  Hueck-Dehio erinnern. Deren Bücher sind in dem heutigen Sumpf eine wahre Wohltat. Sie hat übrigens auch ein wunderschönes Kinderbuch geschrieben "Indianersommer", das kann man auch heute noch mit Gewinn lesen -und vorlesen!

starhemberg

16. Dezember 2020 14:42

Sehr geehrte Frau Wirzinger, vielen Dank für Ihre interessanten Empfehlungen, vor allem aber auch vielen Dank für den guten Job, den Sie bei Antaios machen. Ich wünsche Ihnen schöne Feiertage und einen guten Rutsch! 

Rautenklause

16. Dezember 2020 17:40

Teil 1:

Ich gieße mal Wasser in den Wein (und hoffe auf Gnade):

"Der Reiners" in der heutigen Form "kann weg"! Was ist geschehen? Der alte "ewige Brunnen" war in der Zusammenstellung der Gedichte ein Meisterstück des ehemaligen Starautors des C.H. Beck Verlages (Mohler lobte nicht nur seine Bismarck Biographie über den grünen Klee). Hier wurden nicht (nur) "die üblichen Verdächtigen" versammelt, sondern eben auch unbekanntere und in Vergessenheit geratene Dichter: große und kleine Sprachkunstwerke thematisch zusammengestellt: Liebe und Tod, Vaterland und Krieg und viele andere Teile des Lebens jeweils als ein Kapitel. Großartig!

Rautenklause

16. Dezember 2020 17:41

Teil 2:

Der neue Herausgeber Albert von Schirnding - bekannt auch durch eigenwillige Ernst Jünger Interpretationen - scheute sich in der "Neuauflage" nicht, den Klassiker auszuschlachten und nach seinem Gusto neu zu gestalten. Das neue Vorwort ist zumindest ehrlich: etwas 400 Gedichte wurden ausgetauscht, gewisse Autoren "haben in einem Hausbuch deutscher Dichtung nichts mehr zu suchen", Rubriken wurden umbenannt und verändert - so wurde aus dem Kapitel "Buch des Vaterlandes" ein wachsweiches "Kennst Du das Land", aus dem "Buch des Kampfes" ein niemand belästigendes "Buch des Mutes und der Tapferkeit". Schirnding gibt ganz offen zu "daß in seltenen (?) Fällen seine Abneigung [...] bei der Entfernung [...] von Stücken mitgesprochen hat". Wer also nicht mehr opportun war, wurde neudeutsch "gecancelt" (Miegel, Dwinger etc.).Kann man machen (und einen weiteren seelenlosen Conradyklon verlegen), aber dann bitte nicht unter eingeführtem Namen.

Den "alten Reiners" gibt es für wenig Geld im Antiquariat - vielleicht kann der Verlag einige Exemplare erstehen und dem interessierten Publikum weiterverkaufen. Es lohnt sich!

Maiordomus

16. Dezember 2020 21:15

@Rautenklause. Das mit Reiners, den ich im Original wegleitend fand, weiss ich erst durch sie. 

Seydlitz

16. Dezember 2020 21:40

Kann Rautenklause nur zustimmen. Der "Reiners" ist eine wurderbare Zusammenstellung. Diese in einer Neuauflage um Gedichte zu erweitern, die erst nach dem Tod des Autors (1957) entstanden sind, wäre nicht zu beanstanden, im Gegenteil. Aber hier haben wir es mal wieder mit "Vergangenheitsbewältigung" zu tun. Vom einzig echten "Reiners" stehen bei ZVAB derzeit 23 Exemplare zum Verkauf.

Seine zweibändige Bismarck Biographie (geht nur bis zur Reichsgründung, da Reiners verstarb, bevor er sein Werk weiterführen konnte) ist glänzend geschrieben und ebenfalls seit ewigen Zeiten nicht mehr aufgelegt worden. Wäre auch was für Antaios...

@ Der-Juergen

Thema Baltikum:  Leider ebenfalls nur noch antiquarisch zu erhalten sind die Werke eines bedeutenden baltendeutschen Schriftstellers, Werner Bergengruen.

"Schnaps mit Sakuska- Baltisches Lesebuch" ist eine Zusammenstellung seiner Texte (autobiographisches und belletristisches, darunter auch das gesamte Buch "Der Tod von Reval") die seine baltische Heimat schildern - natürlich aus dem Blickwinkel der deutschen Oberschicht, die bis in die frühen zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts Lettland und Estland prägte.

Bergengruen lebte ab 1946 etliche Jahre in der Schweiz und publizierte im Züricher Arche-Verlag - würde mich nicht wundern, wenn Maiordomus auch zu ihm etliches zu sagen hätte. Das Werk gibt es ebenfalls auf ZVAB, wie auch sein wurderbares Buch "Der letzte Rittmeister".

 

 

 

Maiordomus

17. Dezember 2020 11:11

Erlaubte mir, bei der einen nachfolgenden Strang bildenden Debatte um Kubitscheks Vorstellungen von Opposition im Anschluss an die Empfehlungsreihe von Weihnachtsbüchern meiner Begeisterung für Michael Prischwins Meisterwerk von Untergrundliteratur, exemplarisch für alle Zeiten, Ausdruck zu geben: "Der irdische Kelch*, beim Guggolz-Verlag, eine wirklich tolle Empfehlung bei SiN und dort bestellbar. Der grossartigste Satz: "Unter Freiheit verstehe ich die Möglichkeit, bei sich zu bleiben...." Hocherfreulich auch der Bezug auf die in Zürich wirkende zumal lyrische aber hochpolitisch kluge Schriftstellerin Ilma Rakusa., die eines der Nachworte zum Buch von Prischwin verfasst hat. Hätte Prischwin nur geschrieben wie gewisse Schwätzer hier "Dieses Regime ist kriminell", seine Wirkung, zwar nur langfristig, als Oppositioneller wäre in die Binsen gegangen. 

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