13. Januar 2021

Gesprächsgräben als soziale Übung

Caroline Sommerfeld / 68 Kommentare

Letzten Sommer versuchte ich, aktuell auf die „Coronakrise“ bezogen, die „Kunst der Krisenkommunikation“ mit Schulz von Thun zu beschreiben.

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

Wir hätten es in der Tat, schrieb ich damals, mit einem neuen und geradezu exemplarischen Schulz-von-Thunschen Diffamierungsquadrat zu tun. Ein genauso tiefer, genauso beziehungszerstörender Graben wie der zwischen „rechts“ und „links“ sei in unglaublicher Geschwindigkeit zwischen "Coronagläubigen“ und „Coronaleugnern“ entstanden.

Im Februarheft der Sezession wird ein Artikel von mir erscheinen, in dem ich an einer Stelle sage:

Die Lagerspaltung immer wieder zu unterlaufen und zu probieren, noch mit den vernageltsten „Zeugen Coronas“ oder den verängstigtsten Impfgegnern ohne Polemik ins Gespräch zu kommen, schult die eigene Menschenkenntnis. Wer sich in dieser sozialen Praxis übt, verstellt dem Teile-und-herrsche-Prinzip den Weg.

Gräben scheinen den Weg fast unpassierbar zu machen. Denn daß die Übung gegen das Divide-et-impera der Meinungseliten etwas ausrichten kann, sagt nicht, daß sie nicht so gut wie unmöglich ist.

Erster Graben -- „Das muß jeder selber wissen“: Die meisten Leute waren es bis vor einem Jahr gewohnt, diese argumentative Prämisse des Liberalismus regelmäßig in Anschlag zu bringen. Wo es Meinungsverschiedenheiten, Differenzen in Lebensführung und Entscheidungsfindung gab, kam in einem Gespräch nach einer Weile garantiert von einem der Teilnehmer der Satz „Das muß jeder selber wissen“.

Jemand lädt dieser Tage mehrere Freunde ein. Einer entschuldigt sich mehr oder minder gewunden: Er hat Angst vor Ansteckung. Darauf „Das muß jeder selber wissen“ zu sagen und auf den Gast zu verzichten, liegt nahe. Man wird ihn kaum durch gutes Zureden schnell mal entängstigen können. Hier aber ergibt sich ein sozialpsychologisches Problem.

Dem Satz liegt zugrunde, daß autonome Subjekte freie Entscheidungen getroffen haben. Sie ihnen mit Verweis auf ideologische Verstrickung („Der hat nur Angst, weil er an das Mainstreamnarrativ glaubt“) abzusprechen, ignoriert ihren Status als autonome Subjekte, den man selbst sehr wohl für sich in Anspruch nehmen möchte (man würde sich wohl nicht damit zufriedengeben, wenn der andere einem mit gleicher Münze heimzahlte: „Der hat nur keine Angst, weil er in einer verschwörungstheoretischen Parallelwelt lebt, in der es keine Pandemie gibt“). Man würde sich bisweilen sogar wünschen, daß die eigenen Entscheidungen (z.B. gegen Test oder Impfung) ebenfalls im Schutze der liberalen Prämisse „Das muß jeder selber wissen“ stünden.

Zwei weitere Beispiele mögen das Problem noch deutlicher machen: Ein Mann wird von seiner Lebensgefährtin mit Besuchsverbot belegt, da er zuvor eine Gruppe Freunde getroffen hat. Eine junge Frau muß sich auf Geheiß ihrer Herkunftsfamilie entscheiden, entweder ihren Freund weiterhin zu treffen oder ihre Eltern und Geschwister. Sogleich empört auszurufen, wie irrational und erpresserisch diese Entscheidungen seien, übertüncht das zugrundeliegende Problem. Denn auch hier müßte man gemäß der liberalen Prämisse zugestehen, daß das nun einmal „jeder selber wissen muß“ und die entsprechenden Angehörigen haben nun einmal Angst.

Meine Schlußfolgerung wäre: Die Prämisse ist von vornherein geheuchelt gewesen. Nur in Zeiten banaler Meinungsdifferenzen, die kaum mehr als Lifestyle-Unterschiede markiert haben, ließ sie sich unproblematisch vertreten. Wenn es drauf ankommt, wird an der gutgemeinten Gesprächsbeendigungsphrase erst das moralische Dilemma erkennbar. Denn keiner der beteiligten Erwachsenen ist hier autonomes Subjekt seiner Entscheidungen. Zuzubilligen, daß der fernbleibende Gast, die abweisende Geliebte oder die hin- und hergerissene Frau irgendetwas „selber entscheiden“ würden, verkennt die tiefsitzende zwischenmenschliche Verstrickung.

Also: Erst dann, wenn die Phrase im Gespräch kommt, oder man selbst den Drang verspürt, damit auf den Lippen das Gespräch achselzuckend aufzugeben, fängt die soziale Übung an. Sie fängt dann an, wenn die liberale Gesellschaft, um mit Manfred Kleine-Hartlage zu sprechen, an ein Ende gekommen ist.

Zweiter Graben -- Höre von einem Bekannten, er lasse sich selbstverständlich impfen. Wo fange ich an zu argumentieren? Vor einiger Zeit, als in Österreich der nationale Kindergarten mit der „Corona-Ampel“ konditioniert wurde (inzwischen steht sie eh überall dauerhaft auf „rot“), erfand ich mein eigenes Ampelsystem der Kommunikation mit Andersdenkenden. Es handelt sich um eine Abstufung vorausgesetzter Überzeugungen und daraus abgeleiteter Zugeständnisse, die man dem Gesprächspartner machen muß.

Es ist also durchaus sinnvoll, ein Gespräch mit dem oben erwähnten Bekannten nicht mit "dunkelroten" Triggerphrasen zu beginnen, etwa daß Viren noch niemals nachgewiesen worden seien und die Impfung die Biowaffe wäre. In meinem Ampelsystem befindet er sich im „grünen“ Mainstreambereich.

Ich muß ihm also, wenn ich überhaupt Gehör finden will, zugestehen, daß es eine gesundheitliche Gefahr gibt, daß Impfungen vernünftig sein können, in diesem Falle jedoch diese und jene Bedenken berechtigt sind hinsichtlich Entwicklungsgeschwindigkeit, Nebenwirkungen und, ja, auch politischem Druck auf „Verweigerer“. Auch die Gefahr der Zweiklassengesellschaft gehört noch in den grünen Bereich.

Im „gelben“ Bereich gibt es eine grundlegende Skepsis gegenüber den Maßnahmen der Regierung, aber durchaus Bereitschaft, Maske zu tragen, sich testen zu lassen oder „Verschwörungstheorien“ von der Hand zu weisen. Für Leute im „roten Bereich“ ist es fast unmöglich geworden, mit Andersdenkenden überhaupt noch zu reden – sie können und wollen sich nicht verbiegen und müssen denen „die Wahrheit sagen“. Mit ihnen zu reden fällt mir leicht, rasch stellt sich aber eine gewisse Schalheit der Kommunikation ein: Es fehlt der Widerpart, die Blase ist allzu spürbar.

Das Ampelsystem als Gesprächsleitfaden taugt für die Grobsortierung, damit die Übung nicht von vornherein mißlingt. In der Praxis gibt es da nämlich den Elefanten. Der Sozialpsychologe Jonathan Haidt hat mit dieser Metapher beschrieben, daß der Mensch nur als dirigierender Reiter auf einem großen Gefühls-Tier sitzt, d.h. jede vernünftige Begründung grundsätzlich nach dem Bauchgefühl kommt.

Oder mit dem konservativen Philosophen Alasdair McIntyre ausgedrückt „daß in moralischen Argumenten das offene Geltendmachen von Grundsätzen nur als Maske für das Ausdrücken persönlicher Vorlieben dient“.

Rationale Argumentation ist in der Corona- noch unmöglicher geworden als in der Flüchtlings-Krise. Das aber – so meine These – ist nicht etwa ein Grund, mehr Vernunft und „Aufklärung“ in die Debatten bringen zu wollen, sondern ein Grund anzunehmen, daß sie zumindest im Kern außerhalb der Zugänglichkeit gegenüber Argumenten angesiedelt sind.

Argumente sind, je höher der soziale Druck steigt, nur die Maske für Gefühle. Ihr Beweiswert kann hoch sein, ihr Überzeugungswert dagegen gleich Null. Man kann mithin die Leute nicht aus ihren jeweiligen Ampelfarben herausdiskutieren, sondern sollte diese nur als Hilfe für die soziale Übung ansehen.

Dritter Graben -- Debatten, wie sie (so oder so ähnlich) mit Leuten wie meinem impffreudigen Bekannten ablaufen, weisen auf noch einen weiteren Gesprächsgraben hin:

A:“Ich lasse mich natürlich impfen.“

B:“Dann gehörst du also im Gegensatz zu mir in Zukunft zu den Privilegierten.“

A:“Du kannst dich doch auch impfen lassen!?“

B:“Es geht darum, daß ich im Falle der Verweigerung nicht mit Repressionen rechnen muß, das nennt man Meinungsfreiheit.“

A:“Durch Impfverweigerung gefährdest du aber die Mehrheit, deshalb darf es darüber keine 'Meinungsfreiheit' geben.“

B:“Dann ist die Demokratie hiermit beendet.“

A:“Dadurch wird sie überhaupt erst gerettet.“

B:“Was du da rettest, verdient den Namen Demokratie nicht, das ist Diktatur.“

A:“Ja, ja, schwurbel du ruhig weiter von 'Diktatur' ...“

Wie im Falle der „Muß-jeder-selber-wissen“-Phrase zeigt sich auch hier: Nur in unbelasteten Meinungsdiskursen funktioniert „unsere Demokratie“. Sobald sie der Belastungsprobe realer Differenzen, die mehr als nur gesprächsweise verfochtene Meinungen darstellen, ausgesetzt ist, erweist sie sich als nicht tragfähig. Bereits in der Migrationsfrage stießen wir auf diese Schwäche: Kritiker landeten blitzschnell außerhalb des Verfassungsbogens auf dem Haufen der „Demokratiefeinde“.

Durch eine Meinung, also einen Sprechakt, eine Substanz (in beiden Fällen den „Volkskörper“: die bunte Bevölkerung auf deutschem Boden im einen Falle, die kollektive Gesundheit derselben im zweiten Falle) zu „gefährden“, stellt einen Kategoriensprung dar. Es geht nicht darum, ob er logisch zulässig ist, sondern was durch ihn erkennbar wird: „Meinungsfreiheit“ hat es seit jeher nur in der geschützten Werkstätte des „herrschaftsfreien Diskurses“ gegeben, also in einer Illusionsblase.

Friedemann Schulz von Thun hat 1981 den genialen Begriff „Beziehungsohr“ geprägt. Die soziale Übung hat es mit Körpern zu tun, mit Gefühlen und Verstrickung – affektives Theater. Sie findet zumeist in Gesprächen statt, aber Argumente sind nur der Rollentext. Fällt der Vorhang des „autonomen Subjekts“, der „rationalen Argumente“ und der „freien Meinung“, betritt man den Raum, in dem die realen Gräben verlaufen.

Hier beginnt das Kunststück, das Beziehungsohr der Leute zu erreichen, die Argumente fein auszutarieren, das Gespräch nicht abbrechen zu lassen, sich keiner Illusion mehr hinzugeben, die bisher die „demokratische“ Scheinkommunikation am Laufen gehalten hat.


Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.


Kommentare (68)

Waldgaenger aus Schwaben

13. Januar 2021 08:42

Wir sollten in der Tat das Leitbild vom mündigen Bürger nicht vorschnell aufgeben.

Wer sich impfen lässt, geht ein Risiko ein, wer nicht auch. Der mündige Bürger muss beide Risiken kennen und sich dann unter Betrachtung seiner eigenen Riskiopräferenzen und Lebensumstände entscheiden. Konkret rate ich zwanzigjährigen, gesunden Menschen von der Impfung ab, weil das Risiko langfristiger Nebenwirkungen das Risiko einer schwer oder tödlich verlaufenden COVID-19 Infektion übersteigt. Das Argument, andere durch Impfungen zu schützen ist recht wackelig, weil Geimpfte eventuell weiter ansteckend sind und von  zwanzigjährigen, gesunden Menschen nicht verlangt werden kann, zu Gunsten impfunwilliger und alter Menschen ein Risiko einzugehen. 

Bei Achtzigjährigen ist es eher andersrum. Kurzfristige Nebenwirkungen sind aufgrund  der massenhaften und, von wenigen Ausnahmen abgesehen,  problemlos verlaufenen Impfungen sehr selten zu erwarten. 

Wer irgendwo dazwischen ist, muss halt intensiv abwägen und dann entscheiden. Ja. das muss jeder selbst wissen. Und das sage ich so auch jedem, der mich frägt: "Lässt Du Dich impfen"

Die Antwort B:“Dann gehörst du also im Gegensatz zu mir in Zukunft zu den Privilegierten.“ ist konfrontativ und nicht geeignet Gräben zu überbrücken. 

RMH

13. Januar 2021 09:39

Frau Sommerfeld,

geraten Sie gerade etwa in die Konsensfalle?

Offener Dissens und dennoch, wo nötig und erforderlich, anständig und konstruktiv miteinander umgehen, ist der richtige konservative Weg, der heutzutage (Schlagworte "Distanzierung", "Cancel Culture" etc.) von den linkstotalitären Gesinnungsterroristen mit erkennbarer Absicht mit allen möglichen Scheinargumenten vernagelt wird, um auszugrenzen und um die "schwarzen Schafe" sichtbar zu machen.

Nur keine Harmoniesucht! Abstraktions- und Differenzierungsvermögen sollten die  bewährten Tugenden sein und das wäre dann auch wahre Empathie, im Gegensatz zur heutigen missbräuchlichen Verwendung des Begriffs.

In Abwandlung eines Sinnspruches (zum Alkohol):

Auf den Liberalismus! Den Ursprung und die Lösung aller Probleme!

Kommentar Sommerfeld:
Konsensfalle? "Das muß jeder selber wissen" ist Konsensfalle - die sachliche Differenz läßt sich nur austragen, wenn man den darunterliegenden Emotivismus zu reiten versteht.

Maiordomus

13. Januar 2021 10:16

@Sommerfeld. Ihr Artikel verdient es, weiterverschickt zu werden, wobei ich aber ganz oben "Sezession" diesmal weggelassen habe. Weil nämlich ein andermal auch gute Argumente wegen diesem Titel von den Empfängern nicht gelesen wurde. Die Aussage "Das muss jeder selber wissen" ist alles andere als eine Konsensfalle. Würde übrigens @RMH den Liberalismus nicht mit dem Alkohol verwechseln; was heute als derselbe verkauft wird, ist höchst relativ. Nach meinen Forschungen galt etwa die Forderung nach Verfolgung von Masturbation und Homosexualität generationenlang als "liberal-aufgeklärt", während zum Beispiel in katholischen Ländern der Schwerpunkt in dieser Frage noch stärker auf jenseitige Bestrafung gelegt wurde, weswegen das päpstliche Rom zur Zeit der Unfehlbarkeit ein Exilort liberaler deutscher Homosexueller wie Karl Heinrich Ulrichs (begraben in Aquila) war. Heute gilt ja auch die Sperrung von Twitter und youtube als Ausbund von Liberalität, falls Sie es gerade mitgekriegt haben. 

Heinrich Loewe

13. Januar 2021 10:42

Ich kann @RMH nur beipflichten in der Verteidigung des Liberalismus, der freiheitlichen Gesellschaft. Ja, diese enthält, auch in den Diskursen, nicht auflösbare Inkonsistenzen. Die muß man aushalten. So ist das Leben.

Mir wird bei der sezession zu oft der Liberalismus verächtlich gemacht. Und zwar offenbar von Leuten, die nie etwas anderes erlebt haben (konkret: Wessis)

Es scheint, hier liegt eine Verwechselung vor. Der eigentlich zu kritisierende Umstand liegt darin, daß die Kulturmarxisten die freiheitliche Gesellschaft unterwandert und zersetzt haben und nun ihrerseits totalitär werden. Das eigentliche Problem ist, daß die freiheitliche Gesellschaft nicht verteidigt wurde.

Warum wurde sie nicht verteidigt? Weil der Gegner für die Macht praktisch über Leichen geht (der Zweck heiligt die Mittel), und die Konservativen ethische Standards haben. Nur: Dann verliert man halt.

Es scheint auch ein eklatanter Mangel an Gegneranalyse vorzuliegen. Saul Alinsky’s „Rules for Radicals“ wurde, soweit ich sehe, noch nichtmal in Deutsche übertragen. Wenn es noch nicht zu spät ist, dann ist hier noch eine Menge Arbeit.

RMH

13. Januar 2021 10:50

"Das muss jeder selber wissen" ist im althergebrachten Sinne keine Konsensbrücke, von der man fallen kann, sondern durchaus Respekt vor dem anderen. Es mag die Einladung sein, dass man den entsprechenden Punkt nicht weiter vertieft, um dann bei anderen Punkten ggf. konsensual zusammenzuarbeiten, aber das Kernproblem der heutigen Zeit ist ja, dass diese Herangehensweise nicht mehr akzeptiert wird. Jeder hat auf Linie zu sein, wer auch nur punktuell abweicht, den trifft der Bann. Es herrscht damit Konsenszwang, bei gleichzeitig geheucheltem "Pluralismus" - ein Widerspruch mithin. Sezession ist die Ablehnung des Konsenszwanges.

Monika

13. Januar 2021 11:20

Den Satz „Das muss jeder selber wissen/entscheiden“, habe ich schon immer gehasst. Im besten und im schlimmsten Falle bedeutet das Gleich-gültigkeit. Denn es gibt Situationen im Leben, in denen ich etwas nicht selber weiß oder entscheiden kann. Da brauche ich jemanden, dem ich vertrauen kann und keinen Besserwisser. Traue ich Personen wie Merkel, Lauterbach, Drosten, Söder, Sahin ? Das kann nun wirklich jeder selbst entscheiden 😳. Ich jedenfalls vertraue meinem 90-jährigem, sehr netten Nachbarn mehr. Ein paar „ungewöhnliche“ Gedanken zum Neuen Jahr von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz: „Mit der Eucharistie Corona überleben, entweder auf dieser Seite des Lebens oder auf der anderen, endlich vollkommenen.“

https://www.vaticannews.va/de/kirche/news/2020-12/radio-vatikan-silvester-betrachtung-gerl-falkovitz-2020-corona.html

Gustav Grambauer

13. Januar 2021 11:40

"Meine Schlußfolgerung wäre: Die Prämisse ist von vornherein geheuchelt gewesen."

I

Diese Heuchelei hatte (Präteritum!) eine festzementierte, ja, institutionalisierte ideologische Basis, deren Kafkaeske am offensichtlichsten innerhalb hoheitlicher Strukturen zutage getreten war. Ihr zugrundeliegendes Dilemma war für die breitere deutsche Öffentlichkeit erstmals mit den Frauen an Bord der Gorch Fock aufgebrochen, welche keine Befehle ausführen sondern in ihrer BRD-Sozialkundeunterricht-Gehirnwäsche erstmal "alles ausdiskutieren" wollten, für die Weltöffentlichkeit erstmals letztes Jahr mit dem Absurdum der Kundgebungen der knienden Polizisten.

Daß der Staat hier lediglich harmlose, lustige kleine Welpenspiele gestattet, sehen wir daran, daß er solche Spielchen nur auf der Ebene der Exekutive zuläßt. Er war und ist weit entfernt davon, auch die Judikative diese kleinen Neckereien mitvollziehen zu lassen. Ein Mem im Kommunikationssumpf lautet ja, daß "Werten" duduauaböse ist. Die Judikative lebt aber nicht nur vom Werten (Deutschland: z. B. § 244 StPO) sondern sogar vom Urteilen (z. B. § 260 StPO), und ich sehe nicht, daß irgendein Staat der Welt jemals Tendenzen gezeigt hätte, das richterliche Werten und Urteilen preiszugeben.

- G. G.

Gustav Grambauer

13. Januar 2021 11:41

II

Es ist ein zusätzlicher Beleg der Heuchelei im akademischen Kommunikationssumpf, daß keiner oder die allerwenigsten von dorther ihre Anregungen jemals in die Judikative hineingetragen haben. Habe z. B. noch nie vermerken dürfen, daß von dorther der Urteillstil

https://de.wikipedia.org/wiki/urteilsstil

jemals als solcher "kritisch hinterfragt" worden wäre.

(Hier

https://www.flensburgerhefte-shop.de/hefte-und-buecher/einzelansicht.html?tt_products[backPID]=26&tt_products[begin_at]=110&tt_products[product]=39&cHash=86a55ee30a0b80ed1c46793e54742c3b

finden sich - als goldener Mittelweg zwischen diktatorischem Staatsterror und symbolpolitischer Demutsschimäre für die Kamera - einige Vorstöße z. B. in Richtung einer Urteilsfindung im Strafprozeß an einem ritterlichen Runden Tisch gemeinsam (!) mit dem Angeklagten; sie kommen aber - gerade - nicht aus der Kommunikationsindustrie.)

Erlaube mir jenseits des Themas mal eine soziologische Überlegung wenn es gestattet ist: habe die Kommunikationsindustrie, von deren Ausmaßen und Abgründen sich nur die wenigsten einen Begriff machen, immer als Überlaufbecken bzw. großangelegten Beschäftigungspopanz für die Akademikerschwemme und als Zuchtinstrument z. B. für die administrative Intelligenzija, die ja oft genug z. B. entsprechende "Workshops" aufgenötigt bekam, angesehen. (Spreche aus Erfahrung, habe für meinen Teil alle solchen "Workshops" gesprengt, bis ich jeweils - kalkuliert - rausgeworfen wurde.)

- G. G.

Gustav Grambauer

13. Januar 2021 11:41

III

Beide Pools wurden bisher sorgsam ideologisch gehätschelt und gepflegt. Nun wird aber vor unseren Augen die Kommunikationsindustrie gerade komplett mit Null multipliziert. (Kleiner Einschub: man hört z. B. auch nichts mehr von den "Deeskalationsteams" der Polizei usw., sind die bereits alle aufgelöst worden?) Nicht nur sind jetzt bei den ideologischen Mündeln dieser Industrie, der Kaste der mittleren und höheren Angestellten, alle Wochenendbetreuungen mit "Team-Building-Workshops mit Rollenspielen", "GfK-Rosenberg-Seminaren im Wolf-Giraffen-Ganzkörper-Plüschanzug" und ähnlicher gequirlter Sch... "flächendeckend" zusammengestrichen worden. Viel mehr noch: jetzt durch "Home-Office" sind sich diese Millionen "Werktätigen" daheim selbst überlassen, nicht nur die roten Schulungen, die gesamte betriebliche "Ganztagsbetreuung" ergo Konditionierung und Kollektiverziehung ist für sie abrupt weggefallen. Dressuraffen brauchen aber ihre Zirkusluft, die bis anhin in der Betriebskantine einigermaßen domestizierte Negativität will sich ja weiterhin irgendwie ausleben. Sie wird sich andere Kanäle, andere Manegen suchen. Hat sich schon mal jemand mal das darin liegende Maidan-Potential klar gemacht - wobei nicht unwahrscheinlich ist, daß die bisher gehätschelten (anders gesagt: kulturmarxistisch am kunstvollsten dressierten) Akademiker aus den Überlaufpools mit Realisieren ihrer neuen Lage als hungernde, frierende Parias bereits als Farbrevolutionszünder eingeplant sind?

- G. G.

Franz Bettinger

13. Januar 2021 11:45

Ich habe noch nicht herausgefunden, was den einen zum Dissidenten macht und den anderen zum Allesfresser und Alles-Mitmacher. Bildung und Intelligenz sind es mMn nicht. Was ist es? Feigheit, Opportunismus, Angst? 

Ein gebuertiger Hesse

13. Januar 2021 11:57

Und die Lektion von der Geschicht? Nach einem Dammbruch, wie wir (oder die USA) ihn gerade erleben, muß man alles selbst machen. Auf den anderen zugehen, auch wenn der als "mündiger Bürger", so er die aktuelle Weltversklavung aus Grippe-Angst billigt, abgewirtschaftet hat, oder ihm konfrontativ und frech eine verbale Salve verpassen. Und es ist gerade gut, daß einem die Entscheidung niemand abnimmt. Die Selbstverantwortung im Moment ist es, die einen immer vitaler auf die eigenen Füße stellt.

Ein Song zur Stunde, auch wenn er von einem von der Gegenseite kommt: https://www.youtube.com/watch?v=M3Bz0d2xm7U

"There ain't no help, the calvary stayed home. There ain't no one hearing the bugle blowing. We take care of our own."

Kommentar Sommerfeld:
den Ausdruck "Selbstverantwortung im Moment" werde ich mir merken! Nebenbei: Steiner nennt etwas ziemlich ähnliches "ethischen Individualismus" - wohlgemerkt nicht "Liberalismus".

Maiordomus

13. Januar 2021 11:59

Einer der grössten mir bekannten Gelehrten meines Landes (88), hervorragender Philologe und Historiker, liess sich gestern morgen zwar noch vor meinem Telefonanruf impfen, bekam aber auf mindestens drei Fragen, die er im Gegensatz zu anderen Alten nun mal zu stellen kompetent war, keine befriedigende Antwort.  Dass er nicht unverrichteter Dinge wieder nach Hause ging, hängt mit kurzfristigen Aktivitäten im Gegensatz zu einer eher bescheidenen längerfristigen Lebenserwartung zusammen. Es war eine Ermessensfrage wirklich nach "Es muss es am Ende schon ein jeder selber wissen"; immerhin fragte er die anwesenden Medizinalpersonen, ein immerhin personaler Faktor, ethisch nicht unwichtig in Richtung der docilitas des hl. Thomas von Aquin, einer Untertugend der Klugheit. 

quarz

13. Januar 2021 12:03

"Argumente sind, je höher der soziale Druck steigt, nur die Maske für Gefühle"

Zweifellos werden sie in der Regel auch deshalb vorgetragen, weil der Vortragende dadurch eine Position stärken will, der er sich verbunden fühlt. Das liegt in der Natur der Sache, ist per se auch nicht bedenklich und geschieht meist ganz unmaskiert. Ob sie nur deshalb vorgebracht werden, das hängt von der Ernsthaftigkeit der Attitüde ab.

Immerhin ist ein Argument seiner Funktion nach ein Angebot, sich der objektiven Überprüfung des eigenen subjektiven Standpunktes zu stellen. Opponenten sind eingeladen, einen Fehler im Argument zu finden.

Hier ist nun die Spreu vom Weizen zu trennen. Manche sind bereit zur Revision ihrer Position, wenn sich ihr Argument als brüchig erweist. Andere flüchten aus der Argumentation, sobald absehbar ist, dass ihr Argument scheitert (Taxi-Cab Fallacy). Letzteres offenbart, dass bei den Betreffenden von Anfang an keine ehrliche Bereitschaft zum logischen Test ihrer Position vorhanden war und sie nur am sozialen Bonus-Effekt der rationalen Attitüde interessiert waren, der sich im Erfolgsfall einstellt. 

Ein gebuertiger Hesse

13. Januar 2021 12:22

@ Bettinger

"Ich habe noch nicht herausgefunden, was den einen zum Dissidenten macht und den anderen zum Allesfresser und Alles-Mitmacher."

Aber ist es nicht nachgerade herrlich, daß man das immer noch nicht recht weiß? Und bringt es einen nicht, über das Geheimnis, das Nicht-wissen-Können auf den anderen hin, erst so recht in Beziehung zum eigenen und dem Menschsein des anderen? Irgendwie liebe ich diese Ungewißheit, so unvorteilhaft sie im gegebenen Moment auch sein mag.

Abgesehen davon dürfte das einfach eine Frage des Charakters sein. Aber was entscheidet über diesen, die Sterne? Es läßt sich leicht vorstellen, daß bestimmte Dissidenten von Natur aus, die früher einmal links waren, wenn sie heute lebten, schon längst auf unserer Seite wären. Um einen Erstbesten zu nennen: https://de.wikipedia.org/wiki/Luis_Bu%C3%B1uel

tearjerker

13. Januar 2021 13:01

Der Soziologen-Slang ist mir zu verkopft. Man kann und sollte nicht davon ausgehen, mit anderen Leuten als denjenigen im eigenen Einflussbereich über kontroverse Themen sprechen zu können. Das war für meine Altvorderen noch selbstverständlich, die nur im kleinsten Kreis persönliche Standpunkte offenbarten. So verringerte man die Angreifbarkeit von Aussen. Bis vor einem Jahr schienen nur noch Organisationen wie die Camorra und die sympathische libanesische Grossfamilie von nebenan das zu beherzigen.  Die gegenwärtigen Umstände könnten eine Umorientierung zu den alten Formen hervorrufen. Aus der weiblichen „ich hab niemanden zum Reden“-Perspektive ist das natürlich ein Horror.

@Bettinger: Was macht einen zum Dissidenten? Wenn man Geduld hat, die Zeit. Ansonsten z.B.: Ohne Maske in den Supermarkt gehen, auf facebook eine Trump-Fanseite liken, als Maurer auf der Baustelle lieber Martini als Bier trinken, an Nelson Mandelas kriminelle Vergangenheit erinnern, Obama für einen Feind des Westens halten, Alinsky gelesen haben.

Monika

13. Januar 2021 13:45

Bekanntlich unterscheidet Schulz von Thun 4 Ebenen der Kommunikation:1. Sachinhalt ( darüber streiten die sog. Experten wie Virologen) 2. Der Appell ( das Feld übernimmt derzeit die Politik, Impfaufforderung usw.) 3. Beziehungsebene ( fühle ich mich respektiert oder kritisiert, das erfährt jeder in seinem persönlichen Umfeld). 4. Selbstoffenbarung ( was gebe ich über mich preis, über meine Werte und Ängste). Ich halte es für unglücklich, in „Coronagläubige“ und „Coronaleugner“ zu trennen. Dadurch werden die Ebenen 3 und 4 völlig ausgeblendet. Was zu den derzeitigen Kommunikationsirritationen  führt. Da macht jeder seine Erfahrungen. Gute wie schlechte. Die Kommunikation zu meinen Kindern ist etwa deutlich besser geworden. Eine alte Freundin hat sich mit Panikattacken zurückgezogen. Eine Nichte wartet nur drauf, dass das Leben wie gewohnt weitergeht und jammert über die Kinder zuhause.Meine Schwester hatte Corona und ist ganz wild  auf die nächste Fernreise.Bleibt abzuwarten, wie sich alles entwickelt.

https://www.studienkreis.de/deutsch/vier-ohren-vier-seiten-modell/

Augustinus

13. Januar 2021 14:52

Heute war ein Telekom-Techniker bei mir zu Besuch um eine Internetstörung zu beheben.

Der Mann versteht seinen Job und kann ein Messgerät anschließen. Das heißt aber nicht, dass er weiß wie DSL funktioniert. Ich vermute, dass es in Deutschland nur rund 1000 Leute gibt, die die theoretischen Grundlagen der Physik und Mathematik des DSL komplett verstehen.

Ähnlich verhält es sich mit Corona. Der Normal-Bürger, der sich nicht mit Mikrobiologie oder Virologie beschäftigt, ist zur Meinungsbildung auf Sekundärinformationen angewiesen.

Offen gestanden verstehe ich Ihren Artikel nicht. Er ist geschraubt, verworren und nebulös.

Ein gebuertiger Hesse

13. Januar 2021 15:00

@ Sommerfeld

'den Ausdruck "Selbstverantwortung im Moment" werde ich mir merken! Nebenbei: Steiner nennt etwas ziemlich ähnliches "ethischen Individualismus" - wohlgemerkt nicht "Liberalismus".'

Danke, was werde wiederum ich nachschlagen. Vielleicht - nee, sogar wahrscheinlich, da uns die Entwicklung da draußen nicht gerade hinterher läuft - ist es für die hier Denkenden an der Zeit, Steiner neu zu bergen, inhaltlich fruchtbar zu machen für das niedergeschlagene Heute.

Marc_Aurel

13. Januar 2021 15:18

Das Kernproblem: es gibt eine offizielle, von oben vorgegebene Marschrichtung, eine Agenda und diese wird durchgepeitscht, Basta! Die Überwindung von Gräben, das Finden von Kompromissen im Diskurs, eine Akzeptanz und Integration der Andersdenkenden, ist gar nicht erwünscht, im Gegenteil: seitens des politisch-medialen Komplexes wird alles Mögliche getan, um Abweichler mindestens zu diffamieren, heute meist gleich zu kriminalisieren – das erklärte Ziel ist die Mundtotmachung – die falschen Meinungen sollen weg und fertig.

Dieser Modus Operandi der Konsensherstellung züchtet einen sehr unangenehmen Menschenschlag heran: eine Art fanatische Normopathen/moralische Blockwarte. Diese sind i.d.R. davon überzeugt besonders ethisch, offen und aufgeklärt zu sein, in Wahrheit sind es stocksteife Untertanen, leidlich verdeckt totalitär, meist humorlos, intellektueller Habitus. Diese scannen ihr Umfeld ständig nach pawlowschen Stichworten, um bei Bedarf als selbsternannter „MythBuster“ das „Nazigequatsche“ und die „Verschwörungstheorien“ zu entlarven und abzuwürgen, außer Wahrheitspresse wird nichts gelesen oder angeschaut.

Meiner Erfahrung nach, ist es wirklich sehr schwer mit diesen Menschen über politische Themen zu sprechen, das geht nur sehr behutsam, in kleinen Dosen, mit viel Geduld und man muss sich jeden Satz 3 Mal überlegen. Aufweichung möglich, aber zäh und energieaufwendig. Warum die ihr Brett vor dem Kopf beharrlich festhalten, weiß ich nicht, vielleicht sozialer Druck.

Imagine

13. Januar 2021 15:24

@Franz Bettinger  13. Januar 2021 11:45
„Ich habe noch nicht herausgefunden, was den einen zum Dissidenten macht und den anderen zum Allesfresser und Alles-Mitmacher. Bildung und Intelligenz sind es mMn nicht. Was ist es? Feigheit, Opportunismus, Angst?“

Eine gute Frage.

Die Antwort finden wir in der Entwicklungspsychologie, aber sie ist komplex und kompliziert.

Jeder Mensch kommt mit „Eigensinn“ auf die Welt.

Wie wird das Kind zu Anpassung und Konformismus dressiert? Und wie geht das Subjekt mit dieser Dressur um und bewahrt seinen Eigensinn?

M.E. spielt Intelligenz neben psychischer Stärke eine entscheidende Rolle.

Dissidenz ist nicht per se gut. Man denke an Kriminelle, Ausbeuter, Rassisten, antisoziale Persönlichkeiten, Sozialschmarotzer, Perverse, Sadisten etc.

Der Eigensinn des Subjekt muss sich verbinden mit Gemeinsinn und Vernunft.

Dazu braucht es Erziehung und eine entsprechende Umwelt.

Der kategorische Imperativ gibt hierbei die Maxime.

Wahrheitssucher

13. Januar 2021 15:41

 

@ Franz Bettinger

„Ich habe noch nicht herausgefunden, was den einen zum Dissidenten macht und den anderen zum Allesfresser und Alles-Mitmacher. Bildung und Intelligenz sind es mMn nicht. Was ist es? Feigheit, Opportunismus, Angst?“

Es ist die Mischung aus Aufgeklärtheit und Misstrauen versus Unaufgeklärtheit und Vertrauen.

nom de guerre

13. Januar 2021 15:56

@ Franz Bettinger

"Ich habe noch nicht herausgefunden, was den einen zum Dissidenten macht und den anderen zum Allesfresser und Alles-Mitmacher. Bildung und Intelligenz sind es mMn nicht. Was ist es? Feigheit, Opportunismus, Angst?"

Stimme Ihnen zu, mit Bildung und Intelligenz hat es m.E. nichts zu tun. Eher schon - bei den Mitmachern - mit einem ausgeprägten Bedürfnis, auf der richtigen Seite zu stehen. Oder einem sehr großen Vertrauen darauf, dass Autoritäten es "gut mit uns meinen"; oder zumindest nicht so schlecht, wie es der Fall sein muss, wenn das offizielle Narrativ nicht stimmt. Dieses Vertrauen wäre allerdings bei den vielen coronakonformen Linken, für die eigentlich jede Ausübung von Autorität "faschistisch" ist, etwas merkwürdig.

Dietrichs Bern

13. Januar 2021 16:20

@ Heinrich Loewe: Ja, die Verurteilung des Liberalismus ist mir hier auch zu einseitig.

Genauso müsste man dann den Staat als Prinzip ablehnen, mit der Begründung das dieser immer und unweigerlich in der Diktatur endet.

Ich glaube das Hauptproblem von Diktatur ablehnenden Denkrichtungen wie Konservativen und Liberalen, Libertären ist ein Hang zur Naivität ("ach komm, lass sie doch") und ein Hang dazu, die eigenen Prinzipien von Anstand, Selbstverantwortung und Menschlichkeit auf die Gegenseite zu übertragen, selbst wenn das offensichtlich nicht so ist.

Diktatur bejahende Denkrichtungen wie die Linke, starten deshalb jedes Rennen mir Meilenvorsprung.

 

Waldgaenger aus Schwaben

13. Januar 2021 17:04

@Marc_Aurel

Um die 80% der Deutschen finden es richtig, dass Trump der Twitter account gesperrt wurde. Wer das nicht glauben kann: hier. Sogar Merkel hatte ein Problem damit, wahrscheinlich kannte sie die Umfrage nicht sonst hätte sie geschwiegen.

Was soll man da noch sagen?

 

Du Land des hohen ernsteren Genius!

Du Land der Liebe! bin ich der deine schon,

Oft zürnt ich weinend, daß du immer

Blöde die eigene Seele leugnest.

(Hölderlin Gesang des Deutschen)

 

Über Politik diskutiere ich nur noch ungern, wenn jemand fragt, hartnäckig fragt, dann läuft das etwa so :

F: Was sagst du zu Trump und dem Sturm auf's Kapitol?

A: Na ja

F: Also ich finde das ganz furchtbar.

A: Ich kann dir gerne ein paar links dazu schicken, alternative Medien und so.

F: Nein, danke.

A: Kein Problem. Gut, dass wir darüber gesprochen haben. Das Wetter finde ich toll, endlich mal wieder Schnee.

 

 

heinrichbrueck

13. Januar 2021 17:26

Das muß jeder selber wissen wollen. Lassen sich ältere Zeitgenossen impfen, besteht keine Gefahr der Fortpflanzung einer Schädigung. Ist die Impfung ein gentechnischer Eingriff, sieht die Sache anders aus. Die Mehrheit wird ideologisch gesteuert. Sie bekommen eine Vorstellung eingetrichtert, „Westliche Wertegemeinschaft“, eine BRD-Ideologie, an der sie sich orientieren. Glauben sie dieser Ideologie, steuern sie auch die Bewertung des Informationsfeldes ideologisch. Ist diese Ideologie negativ, führt die Steuerung in den Tod. Eine Ideologie wird sich aber nicht als Todesideologie vorstellen, sondern durch positives Wissen. Der Geschädigte kann das Ziel nicht beurteilen. Er kann seinen Irrtum erst dann erkennen, wenn es vorbei ist.

Eine Ideologie enthält irrationale Momente. Gegen sie rationale Argumente zu setzen, bekämpft den rationalen Teil der Ideologie, verliert aber im Irrationalen. Bleibt die Westliche Umvolkungsgemeinschaft, läßt sich die Impfung nicht neu denken.

Waldgaenger aus Schwaben

13. Januar 2021 17:29

Zum Thema ein Witz aus dem Libanon, den ich vor Jahren las und damals nicht verstand, heute verstehe ich ihn.

Ein Schweizer, ein Somalier und ein Libanese werden gefragt:

Was ist ihre Meinung zu Stromausfällen?

Der Schweizer: Ich weiß was Strom ist, aber was sind Stromausfälle?

Der Somalier: Was ist Strom?

Der Libanese: Ich weiß was Strom ist und ich kenne Stromausfälle. Aber was ist eine Meinung? 

 

Dieter Rose

13. Januar 2021 17:57

Nicht zu vergessen:

die Alles-Wisser.

warum meinen die anderen,

im Besitz der alleinigen Wahrheit

zu sein, immer recht haben zu

müssen?

Marc_Aurel

13. Januar 2021 18:44

@Waldgaenger aus Schwaben

Bei solchen Umfragen sollte man immer vorsichtig sein, denn wie heißt es so schön: traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Ich habe auch schon mal gelesen, das angeblich „80 % der Deutschen“ die Merkel gut finden, kann ich mir aber nur schwer vorstellen, abgesehen davon haben Sie natürlich Recht – die Masse spielt nach wie vor mit.

Diese Art des Dialogs kenne ich. Der Verlauf, den Sie beschreiben, ist am Ende auch die beste Art damit umzugehen, denn es bringt ja nichts, sich an den Beratungsresistenten aufzureiben, dann lieber mit jenen sprechen, bei denen noch nicht Hopfen und Malz verloren ist und die überhaupt ein ernsthaftes Interesse am Thema haben.

anatol broder

13. Januar 2021 19:40

ich verstehe nicht, was sommerfeld übt.

@ bettinger

ist eine der vorgebrachten antworten befriedigend?

Kommentar Sommerfeld: Wenn die bisher unterstellten Kommunikationsgrundlagen "Sachargument" (rational) und "Entscheidungsfreiheit" (liberal) und "Meinungsfreiheit" (demokratisch) derzeit in vielen realen Gesprächen an ihre Grenzen kommen, und wir krachend aneinanderrasseln noch mit den liebsten Angehörigen, dann muß eine andere Art der Kommunikation her. Die gibt's aber nicht fixfertig im Theorieregal, sondern da muß man lange graben (Karl Jaspers nannte das, was ich üben will, "existenzielle Kommunikation") oder in jeder Situation neu rauskriegen, was mit diesem Gesprächspartner geht. Des gebürtigen Hessen Formulierung "Selbstverantwortung im Moment" trifft es schon. Bei der Reformpädagogin Maria Montessori gibt es die "Zone der nächsten Entwicklung", bei ihr bezogen auf das, was ein Kind gerade knapp noch nicht schafft zu lernen, was man ihm aber nahelegen muß als Erzieher. Bezogen auf meine Übung: Zuviel zuzumuten führt zu Blockade, zu wenig in die Konsensfalle. Taktgefühl wäre auch ein möglicher Begriff dafür, geht aber etwas zu weit in Richtung Höflichkeit.

Gotlandfahrer

13. Januar 2021 20:19

1 von 4, da es mich mal wieder bewegt hat:

Werte Frau Sommerfeld,
danke für diese hochinteressante Freilegung der verborgenen Diskurstektonik.

„Fällt der Vorhang des „autonomen Subjekts“, der „rationalen Argumente“ und der „freien Meinung“, betritt man den Raum, in dem die realen Gräben verlaufen.“

Das ist ganz wunderbar plastisch beschrieben!

„Hier beginnt das Kunststück, das Beziehungsohr der Leute zu erreichen, die Argumente fein auszutarieren, das Gespräch nicht abbrechen zu lassen…“

Zuerst las ich „BeziehungsRohr“ und dachte, da es sich ja um die Beschreibung basaler Konflikte handelt, Sie hätten hier schon den Einsatz von Langwaffen vor Augen, blickten sozusagen in den Lauf der Dinge.

Dann aber ließen Sie mich an dieser Stelle leider ratlos zurück. Denn: Ja, aber wie kann so ein Kunststück gelingen? 

Meine hilflose Antwort bislang:  Es wird durch keine Kunst gelingen, denn wo die Mittel der Vernunft - und Kunst, als Alleinstellungsmerkmal des Menschen, ist eine Ausdrucksform der Vernunft, selbst wenn sie „unvernünftig“ sein will -  sich in der Kommunikation als per se überfordert zeigen, weil das, was Kommunikation antreibt nicht aus der Vernunft entsteht, kann keine Kunst ersonnen werden, die wie ein Werkzeug seinen Hersteller lenkt und ihm dabei trotzdem noch sicher dient. 

Gotlandfahrer

13. Januar 2021 20:20

2 von 4

Das scheint ja u.a. das Problem der „künstlichen Intelligenz“ zu sein, von der selbst ihre Programmierer irgendwann nicht mehr wissen, ob sie wirklich intelligente Ergebnisse erzeugt, gerade auch zu moralischen Dilemmata (autonomes Fahren: Den Fußgänger oder den Radfahrer umnieten?).  Wir bräuchten also einen moralischen Autopiloten, der uns „vernünftig“ durch die realen Gräben führt, ohne dass wir ihre Beschaffenheit jemals verstanden hätten.  Dieses Kunststück wird jedenfalls mir nie gelingen, was heißen soll: Da gibt es denke ich nix zu erreichen, auszutarieren oder nicht abbrechen zu lassen. Allein schon sich dies vorzunehmen ist von der gleichen Machbarkeitsillusion geleitet, wie all das, was uns diese Zeit eingebrockt hat.

Lassen Sie es mich daher pathetisch ausdrücken, dies ist ohnehin ein aus meiner Sicht verstärkt anzutreffender Zug bei Menschen, die zunehmendes Unwohlsein in den Zuständen empfinden:  Wir sind in unser aller großen gemeinsamen Hand, und damit in der Hand Gottes, oder, für den Pragmatiker: Im Gestell.

Was nicht heißt, dass man nichts tun kann, aber jedenfalls wohl nicht in dem Sinne: Problem, Analyse, Aktion, Lösung.  Vielmehr wird „es“ kommen, als Summe unserer Handlungen und die entstehen nicht aus vernünftigem Aushandeln, aus Kunststücken, sondern aus den Instinkten, die in den realen Gräben walten.

Gotlandfahrer

13. Januar 2021 20:20

3 von 4

Schwarmverhalten unter Stress, Ausbrüche, ausgelöst von Einzelnen, die aber in irgendeiner Gemengelage ihre Wirkung dann – exponentiell, sogar exponentieller als jeder Virus – übertragen.

Es werden die Instinkte sein, die uns die moralische Grundsatzfrage beantworten lassen werden, die sich der Mensch als solcher derzeit selber, nach einer gähnenden Zeit der vegetativen Unterbeanspruchung, stellt: Wieviel Leid durch Unfreiheit und Bedrohung im jetzt ertrage ich angesichts der Wahrscheinlichkeit und der Höhe des Schadens, der mir bei einem scheiternden Befreiungsversuch droht? 

Konkret: Ab welcher Mortalitätsrate einer Virusmutation bin ich bereit, meinem Kind eine fragwürdige Impfung zu verpassen und mich einem lückenlosen Social Credit System in einer gelenkten Demokratiesimulation als Nutzvieh zu unterwerfen? 

Eine aufgrund der von Frau Sommerfeld anschaulich dargelegten Vernetztheit der Auswirkungen und sich widersprüchlich zueinander verhaltenden sozialen Verträge und Eide viel zu komplexe und unscharfe Entscheidungssituation, als dass diese jemals durch Vernunft lösbar wäre. Allein schon die Dimension „Verantwortung für mein Kind“ vs. „Verantwortung für die Gemeinschaft“ ist im Grunde unlösbar.  Ist nicht die womöglich schwerstschädigende Impfung meines Kindes vergleichbar mit dem Entsenden des noch minderjährigen Sohnes in den Krieg für‘s Vaterland?

Gotlandfahrer

13. Januar 2021 20:21

4 von 4

Abraham zum Beispiel war bereit, seinen Sohn Isaac auf Gottesbefehl hin zur Erbringung eines Treuebeweises zu opfern. Sich selbst hätte er aufgrund seiner Gottestreue vermutlich sogar ohne mit der Wimper zu zucken geopfert. Selbst die Toten Hosen sangen einmal "Ich zeig Dir wie groß meine Liebe ist und bringe mich für Dich um". 

Aber auch mit der Opferung hätte Abraham gleichzeitig eine andere ihm von Gott auferlegte Pflicht verletzt: Die des Schutzbefehls für seinen Sohn, über den er ohnehin nicht wie über Eigentum zur Begleichung einer höchstpersönlichen Schuld verfügen dürfte, wollte er ein gottgefälliger Vater sein.  Wie bekannt, hat Gott ihn rechtzeitig aus diesem Dilemma erlöst, aber die Frage bleibt: Erfordert nicht in beiden Fällen die Pflicht für‘s Große die Verletzung der Pflicht für‘s Eigene?

Wann desertiert man?  Wann steckt dies an?  Kommt diese Chance jemals, in den realen Gräben?

In Friesland hieß es: Lever dood as Slav. Sicher ist nur: Man kann nicht nicht schuldig werden. Mein achtjähriger Junge sagte letztens zu mir: Papa, ich freue mich so auf mein Leben.  Mir kamen fast die Tränen als ich mir meine spontane rotzige Antwort verkniff „Freue Dich nicht zu früh“.  Da war mir klar, meine Instinktbilanz ordnet sich jeden Tag neu an. Wir werden alle sehen, wieviel Friesisches in uns ist.

In jedem Falle gilt: There is no easy way out…

https://www.youtube.com/watch?v=MwPb7g_BlXQ

Gustav Grambauer

13. Januar 2021 20:48

Frau Sommerfeld

"Taktgefühl wäre auch ein möglicher Begriff dafür, geht aber etwas zu weit in Richtung Höflichkeit."

Taktgefühl ist viel, viel mehr - so viel mehr, daß es z. B. Ausgangspunkt für jegliche Definition von "sozial" sein sollte, siehe den Klappentext zu diesem Titel, meiner gerade gemachten Entdeckung:

http://www.v-f-a.ch/Einzelansicht.971.0.html?&tx_ttnews%5Btt_news%5D=54&cHash=f9936dc0e8c7e2faf4d94a2c20441d0d

- G. G.

Gustav Grambauer

13. Januar 2021 21:06

Nachtrag:

Titel ist auch bei Antaios gelistet:

https://antaios.de/detail/index/sArticle/113726

- G. G.

Lotta Vorbeck

13. Januar 2021 22:10

@Franz Bettinger - 13. Januar 2021 - 11:45 AM

Ich habe noch nicht herausgefunden, was den einen zum Dissidenten macht und den anderen zum Allesfresser und Alles-Mitmacher. Bildung und Intelligenz sind es mMn nicht. Was ist es? Feigheit, Opportunismus, Angst? 

---

Tja, woran könnte es liegen?

Ja, Bildung und Intelligenz sind es offensichtlich nicht.

Zumindest teilweise dürfte es auf einen in die DNS eingeschriebenen Programmiercode zurückzuführen sein.

 

Imagine

13. Januar 2021 22:37

1/2

Es gibt Gräben, die sind psychologischer bzw. ideologischer Natur. Da kann ein Psychologe wie Schultz von Thun möglicherweise hilfreich sein, um diese Gräben zu überwinden, weil sie nicht in elementaren Widerspruch zueinander stehen.

Anders sieht es bei einem Beziehungsgeschehen wie zwischen Vergewaltiger und Vergewaltigte oder zwischen Räuber und Beraubten aus. Das sind antagonistische Beziehungen, die nicht kompromissfähig sind.

Wie sieht es mit der Beziehung zwischen den Kapitalisten und den Lohnarbeitern, als Ausbeutern und Ausgebeuteten, aus? Das ist eine antagonistische Klassenbeziehung und eine klare Win-Lose-Konstellation. Der Verlust der einen Seite ist der Gewinn der anderen – und umgekehrt.

Als die Klasse der Arbeitenden sich organisierte, immer stärker wurde und eine sozialistische Revolution drohte, kam mit der kaiserlichen Botschaft - verlesen am 17.11.1881 von Bismarck – ein Kompromissangebot von der herrschenden Klasse. Das war der Beginn des Sozialstaats.

Imagine

13. Januar 2021 22:37

2/2

Die Zeit der Klassenkompromisse ist allerdings schon lange vorbei.

Die soziale Spaltung vertieft sich ständig.

Mit Umverteilung lässt sich der systemische Klassenantagonismus nicht überwinden. Es gibt auch keine Umverteilungsangebote von Seiten der herrschenden Klasse.

Im Gegenteil, das politische System befindet sich schon längst im Stadium einer Postdemokratie und wird immer mehr zur manifesten Diktatur.

Mit Kommunikationspsychologie lässt sich die soziale Spaltung nicht überwinden. Sondern die Gräben werden immer tiefer.

Geradezu symbolisch dafür ist das Vorhaben, einen Graben um den Reichstag ziehen zu lassen. Der Gesellschaftsprozess steuert auf schlimme Zeiten zu und das Establishment bereitet sich schon auf Aufstände und bürgerkriegsähnliche Zustände vor. Angefangen mit der Totalüberwachung und Medienzensur bis hin zum Graben um den Reichstag und der Übungsstadt Schnöggersburg.

Alter Lehrling

13. Januar 2021 22:59

Der Artikel ist eine sehr gute Darstellung einer grundlegenden Problematik.

Ausführlich dargelegt wird diese von Vilfredo Pareto. Er nennt das Phänomen ›Residuen‹ und die Verschleierung derselben ›Derivationen‹.

Damit haben wir es ständig zu tun. In einer zugespitzten Situation wie der jetzigen, in einer Krise gar, auf die wir hinsteuern, werden ›Residuen‹ als solche erkennbar: zuerst beim anderen, dann womöglich auch bei sich selbst. Wir sind nur sehr bedingt ›rational‹.
 

ede

14. Januar 2021 01:08

Die @Bettinger Frage beschäftigt mich auch. Vielleicht ist das die männliche Form des "Gefühlsohres" (ja nun, schlimmer Begriff).

Zitat CS:

"Die soziale Übung hat es mit Körpern zu tun, mit Gefühlen und Verstrickung – affektives Theater. Sie findet zumeist in Gesprächen statt, aber Argumente sind nur der Rollentext. Fällt der Vorhang des „autonomen Subjekts“, der „rationalen Argumente“ und der „freien Meinung“, betritt man den Raum, in dem die realen Gräben verlaufen."

Volltreffer.

Ich gebe aber zu, aus freien Stücken würde ich da nie drauf kommen. Vielleicht will ichs auch nicht.

Andreas Walter

14. Januar 2021 01:40

Schulz (nicht "Schultz") von Thun hatten wir an der Uni. Im Fach Kommunikation.

Wichtig bei bewusster, “handgefertigter“ Kommunikation, im Alltag jedoch kaum über längere Strecken aufrecht zu erhalten. Es gibt darum nur wenige Menschen, die wie gedruckt auch reden können. Darum gewöhnen sich auch die meisten Politiker oft eine relativ inhaltlose, nichtsaussagende oder eben vieldeutige Ausdrucksweise an. Phrasensprache.

Hervorragend karikiert übrigens im Film Willkommen Mr. Chance aus dem Jahr 1979. Eine eher ernste, nachdenkliche Komödie über Politik und Politiker mit Peter Sellers. Kein Klamauk.

Wobei mir auch hier im Forum jetzt sofort auffiel, anhand gleich mehrerer, ähnlicher Reaktionen, dass viele, ich vermute die meisten Männer, anders kommunizieren als (die meisten) Frauen. Sowohl inhaltlich wie auch vom Stiel. Natürlich habe ich auch dazu eine Theorie, warum das so ist, doch die ist auch hier, unter Konservativen, leider nicht besonders populär.

Kommentar Sommerfeld: Wenn Sie mir meinen "Schulz" korrigieren (danke, schon geändert), darf ich auch Ihren "Stil".

Andreas Walter

14. Januar 2021 02:06

Dass nämlich die Hälfte der Menschheit gar nicht führen will, sondern sehr gerne sogar geführt werden möchte. Dass die eine Hälfte im Durchschnitt körperlich kleiner und schwächer ist als die Andere, was aber etwas mit beiden macht. Ebenso wie auch das viel weniger Testosteron der Einen, um nur ein paar Beispiele für Unterschiede zu nennen. Sich aus ähnlichen Gründen aber die kleinen Jungs auf dem Schulhof auch anders benehmen als die Großen, selbst wenn sie aus der gleichen Klasse stammen. All das beeinflusst nämlich auch die Rangordnung und damit das Territorialverhalten. Es geht aber nicht nur um Kompetenz, sondern auch um Eigenarten und Charakter. Vor allem auch im Wettbewerb mit anderen Systemen und Nationen. Frauen aber lässt man die Wahl, wie sie sein wollen, Männer jedoch sollen sich ändern. Untertäniger, kollegialer, rücksichtsvoller, gefügiger  werden. Was natürlich auch dem Staat sehr gut gefällt.

anatol broder

14. Januar 2021 03:05

@ sommerfeld

danke für die erweiterte erklärung. der letzte satz hilft mir: es ist das taktgefühl. jaspers existenielle kommunikation verstehe ich damit auch. musiker haben einen weg gefunden, diese erfahrung zu vertonen: jazz. die faustformel der höflichkeit reden ist silber, schweigen ist gold, findet dort ihren ausdruck etwa als nicht so wichtig die töne, wie die pausen dazwischen.

@ geb hesse

danke auch. gruss von sartre.

Gotlandfahrer

14. Januar 2021 09:57

@ Heinrich Loewe:

„Mir wird bei der sezession zu oft der Liberalismus verächtlich gemacht. (…)  Das eigentliche Problem ist, daß die freiheitliche Gesellschaft nicht verteidigt wurde.“

Womit sie nicht mehr freiheitlich sein kann. Deswegen ist, wie Sommerfeld darlegt, die Rede vom Liberalismus eine Schönwetterparole. Man spricht zwar gern von „wehrhafter Demokratie“, meinte damit früher jedoch lediglich „macht es bitte nicht zu offensichtlich, denn wir haben keine Lust auf Stress“ und heute „jetzt gehört der Laden uns“.

Franz Bettinger

14. Januar 2021 12:01

Bei der Antwort auf die Frage, was den einen zum Dissidenten macht, den anderen zum Allesfresser und Alles-Mitmacher, mag @Imagine am Nächsten dran sein: Aus dem Mainstream (der total neben der Wahrheit ticken kann) ausbrechen kann nur, wer eine von Autoritäten, Medien und der Masse unabhängige Intelligenz (Erkenntnis-Fähigkeit) entwickelt hat und dann charakterlich stark genug ist, das Erkannte auszuhalten gegen den inneren Schweinehund, der einen zum Mitmachen und Vorteilnehmen antreibt.  

Was den Umgang mit den Nachplapperern unserer Elitioten angeht, so ist es ratsam, das Matrix-Phänomen zu beachten. Oberflächliche Typen sind an der Oberfläche zu widerlegen, nur dort! Andere Ebenen haben die nicht. Abschreckende Tabu-Worte (wie Deep State) gilt es zu vermeiden. Auf die Situation kommt es an. Bei Aggressiven und ausgewiesenen Hornochsen wirkt @Laurenz' Methode bestens, den Gegner argumentativ (ebenfalls) aggressiv anzugehen, ihn in die Ecke zu manövrieren und ihn dort vor Publikum (immer nur vor Publikum!) dumm aussehen lassen. Den Gewinn hat das Publikum. Nur darum geht es.

Imagine

14. Januar 2021 13:52

1/2

Die Gräben zwischen dem Establishment und der normalen arbeitenden Bevölkerung vertiefen sich zunehmend.

Benedikt Kaiser schrieb:
„Denn profitieren werden [vom Corona-Regime], wie fast in jeder Krise, die Reichen und Superreichen (selbst Hans-Georg Maaßen monierte dies zuletzt), während das Rückgrat Deutschlands, der ehrwürdige Mittelstand, weiter erodiert und die Last in Form von erwartbaren Steuerbelastungen (offen oder verdeckt) zu zahlen hat.
Hier bedarf es einer unmißverständlichen Positionierung, die dem Wahlvolk verdeutlicht, daß mit einer patriotischen Kraft weder weitere Umverteilung von unten und der Mitte nach oben
noch von Innen nach Außen geduldet würde.“

Es gibt Rechtspatriotismus und Linkspatriotismus. Eine Gemeinsamkeit von beiden besteht darin, dass in ihren jeweiligen „Lagern“ eine kleine Minderheit darstellen und ohne relevanten gesellschaftlichen Einfluss sind. Wobei Sahra Wagenknecht durchaus medienpräsent ist und ihr YT-Kanal wiederholt über eine halbe Million Aufrufe hatte.

Imagine

14. Januar 2021 13:53

2/2

Trotz gleicher Zielsetzung, nämlich Verhinderung einer weiteren Umverteilung „von unten und der Mitte nach oben“ gibt weder Kommunikation, geschweige denn Kooperation zwischen den linken und rechten „sozialen Patrioten“. Offensichtlich gibt es tiefe Gräben. Will man sie aus Solidarität gegenüber der arbeitenden Bevölkerung überwinden? Was müsste geschehen, damit sie überwunden werden? Können diese überhaupt überwunden werden? Oder gibt es eine unüberwindbare Inkompatibilität, in den jeweiligen Identitäten begründet ist? Wenn ja, was sind konkret die Punkte?

Was verhindert in Deutschland eine Kommunikation und Kooperation im Gegensatz zu anderen Ländern?

links ist wo der daumen rechts ist

14. Januar 2021 13:54

Unmut 1

 

Sprechen wir zuerst von den realen Gräben im politischen Leben.
Gelte es hier nicht - ganz im Sinne von Kubitscheks "Verzahnung" - die Verwirrung zu vergrößern, Zuordnungen zu erschweren, irrlichternden Protest dauerhaft zu installieren?
Auf daß es erst gar nicht wieder zu den alten Bilderbuch-Zuordnungen wie rechts = blinder Affekt, links = überlegene Vernunft kommen könne. Die haben sich nämlich in ihr "aufklärerisches" Gegenteil verkehrt: rechts = Unmut (Kritik), links = Starrsinn (Kommunikationsverweigerung). 
Natürlich beziehen die Scheinrationalisierungen unserer geglätteten Argumente im Streitgespräch ihre Stärke aus diesem dionysischen Untergrund; aber gelte es nicht auch diesen zu entgiften? 
Semiotische Reformulierungen mußten gleichfalls scheitern.
Julia Kristeva hatte diese zugleich sprach-begründende und -zerstörende Kraft "semiotische Chora" genannt; als sie damit auch die - fehlgeleitete - revolutionäre Wut eines Celine erklären wollte, wurde ihr in der angesehenen, von Karl Heinz Bohrer herausgegebenen Suhrkamp-Reihe "aesthetica" zur Übersetzung vorgesehenes Buch zurückgezogen.
 

links ist wo der daumen rechts ist

14. Januar 2021 13:58

Unmut 2

Die Gefahr besteht nun darin, daß diese "soziale Übung" als metapolitisches Projekt jenseits von - durch "halbe Prophetie" - überzogenen politischen Letztbegründungen zwar nach einer angewandten Verhaltenslehre der Kälte aussieht (Taktik, Klugheit, Diplomatie - kurz: Haltung), letztendlich aber bloß eine Ethik der Vornehmheit zum Vorschein kommen läßt. Mimikry an das Spiel einer falschen Souveränität?
Die Fallstricke eines ewigen Rollenspiels ("nur wer eine Rolle spielt, spielt eine Rolle") werden zum Drahtseilakt. 
Da falle ich lieber aus der Rolle.
Ist denn nicht die Rückkehr zum Ressentiment ehrlicher: verletzter Stolz, Brüskierung, Kränkung, Ende des Gesprächs?
 

Kommentar Sommerfeld: In meines Mannes Autobiographie findet sich im Kapitel über das Nachleben der Verhaltenslehren eine Art "Zwei-Sphären-Lehre": "Wir alle spielen Theater" (Goffman) u n d wir alle sind existenziell verankert. Unser Unmut hat eine doppelte Lesart ...

heinrichbrueck

14. Januar 2021 14:20

@ Franz Bettinger

„Die bewusste und intelligente Manipulation der organisierten Gewohnheiten und Meinungen der Massen ist ein wichtiges Element der demokratischen Gesellschaft. Diejenigen, die diesen unsichtbaren Mechanismus der Gesellschaft manipulieren, bilden eine unsichtbare Regierung, die die wahre herrschende Macht unseres Landes ist.

Wir werden regiert, unser Geist wird geformt, unser Geschmack geformt, unsere Ideen vorgeschlagen, größtenteils von Männern, von denen wir noch nie gehört haben. Dies ist ein logisches Ergebnis der Art und Weise, wie unsere demokratische Gesellschaft organisiert ist. Sehr viele Menschen müssen auf diese Weise zusammenarbeiten, um als reibungslos funktionierende Gesellschaft zusammenleben zu können. “ Edward Bernays (1928)

anatol broder

14. Januar 2021 14:46

@ bettinger 12:01 

danke für die einschätzung. ich teile imagines meinung nicht. meine eigene antwort:

während der pessimist noch zweifelt, läuft der optimist schon mit. pessimistisch oder optimistisch wird man geboren. bemerkenswert ist, dass erwachsene die jeweils andere polung wenigstens für kurze zeit vortäuschen können. für die christliche taufe benötigt man daher die wiedergeburt, sonst ist der übergossene optimismus nicht glaubwürdig.

Andreas Walter

14. Januar 2021 16:42

@Sommerfeld

Gerne und Danke. Bin immer bereit, dazuzulernen.

Stil schreibe ich oft falsch, weil es doch genauso ausgesprochen wird wie der Stiel, mit gezogenem ie. Also der vom Besen. Vielleicht ist das ja auch eine brauchbare Eselsbrücke:

Nur ein Stiel ist langgezogen, nämlich der vom Besen.

Nath

14. Januar 2021 17:39

@Imagine "Offensichtlich gibt es tiefe Gräben. Will man sie aus Solidarität gegenüber der arbeitenden Bevölkerung überwinden? Was müsste geschehen, damit sie überwunden werden? Können diese überhaupt überwunden werden? Oder gibt es eine unüberwindbare Inkompatibilität, in den jeweiligen Identitäten begründet ist? Wenn ja, was sind konkret die Punkte?"

Diese Fragen, vor allem die vorletzte, erscheinen mir überaus wichtig und sind es wert - gleichsam im Sinne cartesianischer Meditationen - über sie nachzudenken. Eins jedoch ist von vorneherein klar: ein reiner Machbarkeits-Ansatz im Sinne des anglo-amerikanischen Pragmatismus würde nicht weit führen, beispielsweise nach dem Motto, "Gründen wir doch einfach eine Partei und schauen dann mal weiter." Günstigstenfalls würde ein solches "rechtssozialistisches" Mischgebilde als sektiererisches Kuriosum des Parteienspektrums akzeptiert, höchstwahrscheinlich aber von den etablierten Linken und Rechten unbarmherzig an die Wand gedrückt werden.

Nein, eine solche Bewegung müsste sowohl tief im Emotiven verwurzelt sein und gleichermaßen vor der ausgreifendsten Reflexion bestehen können. Sonst bräuchte man es gar nicht erst versuchen.

Imagine

14. Januar 2021 18:08

1/2

@links ist wo der daumen rechts ist   14. Januar 2021 13:54
Auf daß es erst gar nicht wieder zu den alten Bilderbuch-Zuordnungen wie rechts = blinder Affekt, links = überlegene Vernunft kommen könne. Die haben sich nämlich in ihr "aufklärerisches" Gegenteil verkehrt: rechts = Unmut (Kritik), links = Starrsinn (Kommunikationsverweigerung).“

„Links“ und „rechts“ sind Zuordnungen aus längst vergangener Zeit. Wer sich dennoch so bezeichnet, hat den gesellschaftlichen Wandel nicht begriffen.

Der Marxismus-Leninismus und die Arbeiterbewegung sind tot.

Die Marxsche Revolutionstheorie ist obsolet geworden, weil geschichtlich widerlegt. Die industrielle Arbeiterklasse war nie eine potentiell revolutionäre Klasse. Sie besaß im Gegensatz zur revolutionären bürgerlichen Klasse nie das fortschrittlichste Bewusstsein in der Gesellschaft.

Die Marxsche Klassentheorie gehört ins Museum.

Die revolutionäre Intelligenz hat sich von der Industriearbeiterklasse verabschiedet. André Gorz hat dies in seinem Buch „Abschied vom Proletariat“ thematisiert. Robert Kurz hat ausgeführt, dass der proletarische Klassenkampf nie geeignet war, den Kapitalismus zu überwinden.

China hat sich vom Marxismus-Leninismus und vom Maoismus verabschiedet und geht einen neuen Weg der gesellschaftlichen Transformation.

Imagine

14. Januar 2021 18:09

2/2

Natürlich gibt es noch immer gesellschaftliche Gruppen, die am Marxismus-Leninismus oder Maoismus festhalten, wie z.B. die DKP; MLPD oder trotzkistische Gruppen. Aber die sind gesellschaftspolitisch so irrelevant wie Country & Western Clubs.

Es gibt immer Milieus, die bestimmte Traditionen hochhalten und pflegen, obwohl gesellschaftliche Verlauf darüber schon längst weggegangen ist. So verhält es sich auch mit „Rechten“ und „Linken“.

Augustinus

14. Januar 2021 19:00

Ha ha, ... witzig. Frau Sommerfeld korrigiert einen Kommentator der Stil mit ie schreibt. Ist Rechtschreibung bei der "neuen Rechten" ein Hauptkriterium für Qualität? Auch wenn der Artikel orthographisch einwandfrei und blumig verfasst wurde, so geht seine inhaltliche Substanz gegen Null.

links ist wo der daumen rechts ist

14. Januar 2021 19:25

@ Kommentar Sommerfeld

Das mag für die Feldherrnhügel in der gegenseitigen Feind-Beobachtung durch das Scherenfernrohr gelten. Wir im Schützengraben sind ausschließlich "existentiell verankert".
An Utopien wie diese glaube ich aber nicht:

https://www.youtube.com/watch?v=-cSrqRdlFeo&t=11s

Und die Kriegskrüppel in Leonhard Franks "Der Mensch ist gut" hatten auch schon in den "Verhaltenslehren" kein Recht auf Authentizität.

 

Lotta Vorbeck

14. Januar 2021 20:17

@Augustinus - 14. Januar 2021 - 07:00 PM

"Ha ha, ... witzig. Frau Sommerfeld korrigiert einen Kommentator der Stil mit ie schreibt. Ist Rechtschreibung bei der "neuen Rechten" ein Hauptkriterium für Qualität? ..."

---

Das Beherrschen der Deutschen Rechtschreibung, ergo der Deutschen Sprache in Wort und Schrift ist durchaus eines der Kriterien an denen sich Qualität messen läßt.

Die Sprache bestimmt das Denken. Wer freihändig, soll heißen ohne im Hintergrund mitlaufende, elektronische Hilfsprogramme keinen geraden Satz zu Papier bringt, der ... aber lassen wir das, denn Sie werter @Augustinus wissen schon ... 

RMH

14. Januar 2021 22:03

@Freunde des gepflegten Sti(e)ls:

„Was ein Stil ist, ist bekannt: ein gerader, stabähnlicher Griff, zum Beispiel an der Bratpfanne. Dann schreibt er sich mit „ie“. Ursprünglich aber schrieb er sich ohne e, denn er kommt aus der gleichen Wurzel, dem lateinischen stilus, und unter stilus verstanden die Römer den Stengel, den spitzen Pfahl, den Stiel, den Griffel und das Schreibgerät. „Cicero hat einen guten Stil“, pflegte man im übertragen Sinne zu sagen. Es ist reiner Zufall, daß die Römer nicht klobigere Griffel hatten und sie vielleicht statt stilus „truncus“ nannten, was etwa Knüppel bedeutet; dann würden wir heute sagen: „Der Jugendknüppel erreichte um das Jahr 1900 seinen Höhepunkt“."

Zitiert aus:  Joachim Fernau, Wie es Euch gefällt – eine lächelnde Stilkunde, 1969.

anatol broder

14. Januar 2021 22:04

@ augustinus 19:00

walter und sommerfeld haben sich gegenseitig geholfen. ich sehe keinen grund für häme. dass die deutsche rechtschreibung bei eigennamen (schulz–schultz) und lehnwörtern (stil–stiel) ausnahmen zulässt, ist so lustig wie lästig.

@ lotta vorbeck 20:17

fünf auf einen streich:

Das Beherrschen der Deutschen* Rechtschreibung, ergo*** der Deutschen* Sprache in Wort und Schrift** ist durchaus eines der Kriterien** an denen sich Qualität messen läßt.

* wird kleingeschrieben 

** komma fehlt 

*** falsches wort. ergo (deshalb) leitet begründungen ein. hier ist es eine klarstellung. richtig wäre: das ist oder das heißt.

Achterndiek

14. Januar 2021 23:33

@ Andreas Walter 14. Januar 2021 01:40

"Wichtig bei bewusster, “handgefertigter“ Kommunikation, im Alltag jedoch kaum über längere Strecken aufrecht zu erhalten."

Mit der Bitte um Entschuldigung, aber bei so einer Deppen Lücke kann sich Lehrer Lämpel leider nicht zurückhalten. Richtig muß es "aufrechtzuerhalten" heißen.

https://www.duden.de/rechtschreibung/aufrechterhalten

 

 

Andreas Walter

15. Januar 2021 03:26

Die Neue Rechte ist keine Terrororganisation:

https://www.journalistenwatch.com/2021/01/14/terrorverfahren-martin-sellner/

Hatte ich auch nie den Eindruck. Eher nachdenkliche Leute, auf die jedoch niemand hören will. Weil sie tiefer blicken, und darum plumpe Erlösungsvorschläge und -illusionen schneller als andere als solche entlarven, durchschauen und kritisieren. Nicht aus Boshaftigkeit, sondern weil die Dinge komplizierter sind, als es weniger kluge und/oder gebildete Menschen wahrhaben wollen. Ein bisschen darum auch wie das Schicksal der Kassandra. Die, nur ganz nebenbei bemerkt, fast so schön oder so schön wie Aphrodite gewesen sein soll.

 

 

links ist wo der daumen rechts ist

15. Januar 2021 05:20

Nachträge zu HLs Autobiographie 1 - fest/flüssig

@ Kommentar CS

Obwohl ich die umfangreiche Entstehungsgeschichte noch vor Augen habe, mußte ich die vermeintliche Stelle erst suchen. Den Verweis auf Goffman sehe ich anders.
Aus meinem Lieblingskapitel "Der Riss der Evidenz" S. 350:
Idealisiert das Gemeinschaftsdenken, um das sich das rechte Denken dreht, nicht gerade den Schlafzustand kommunikativer Nähe [Hervorhebung @ links...]? Will es nicht den "Ruck", den Kälteschock abstrahierenden Denkens, den jeder als Rechtssubjekt eines Staates auf sich nehmen muß, um jeden Preis vermeiden?
Das war die Frage zum früheren SiN-Aufsatz "Abstraktion und Einfühlung"; vorliegenden Artikel sehe ich als ersten Versuch einer fortschreibenden Antwort.
Aufschlußreicher wäre aber die Frage, wie bei HL aus dem ursprünglichen Gegensatzpaar fest-flüssig (seine Arbeiten mit Hans-Thies Lehmann Ende der 70er), der Gegensatz kalt-warm werden konnte, um bei dem Endpunkt wach-schläfrig die ganze Frage umzudrehen. 
Das erste Gegensatzpaar unterläuft eine einseitige Verabsolutierung nach dem Schema merkmalhaltiger - merkmalloser Term und bekam erst durch eine bewußte Geste der Distanzierung von einem als falsch verstandenen "Betroffenheitskult" die Schlagseite, die HL - wiedergängerhaft - dann auf der Gegenseite erkennt. Und in seiner Plessner-Relektüre korrigiert. Interessante Dynamik.
 

links ist wo der daumen rechts ist

15. Januar 2021 05:34

Nachträge zu HLs Autobiographie 2 - Unmut/Distanz

Und ich bleibe dabei: 
Es gibt eine legitime Ausdrucksform des Unmuts, die natürlich das Rollenspiel virtuos beherrscht und entsprechende Symbole dafür findet (beim "Sturm auf das Kapitol": der martialische "Wikinger", die Füsse auf dem Schreibtisch der Sprecherin des Repräsentantenhauses, ihr geklautes Rednerpult), aber die einzige "existentielle Verankerung" dafür in Kauf nimmt: den Knast.
Früher waren das linke Gesten eines Aufruhrs, heute sind es überwiegend rechte.
Das einigende Band sind die Distanzierungsformeln vor einem als zu aufdringlich empfundenen Anspruch auf Authentizität, früher linker (Betroffenheits-)Kitsch, heute rechter "Mob"; eben Nietzsches Ressentiment, von dem die Vornehmen abrücken.

Stefanie

15. Januar 2021 08:51

A:“Ich lasse mich natürlich impfen.“

B:“Dann gehörst du also im Gegensatz zu mir in Zukunft zu den Privilegierten.“

 

Wenn man auf Beziehungsebene bleiben wollte, wäre die bessere Variante wäre:

B:"Dann hoffe ich (und bete ich) für dich, daß du dir Impfung verträgst und sie dir hilft."

Denn die Sorge, um die Gesundheit des anderen, wird man einem ja kaum vorwerfen können. Vielleicht bricht diese Sorge sogar die Abwehr gegen die Argumente etwas auf.

 

Gustav Grambauer

15. Januar 2021 09:49

Stefanie

Wie ich finde, der beste Kommentar, so kurz er auch ist. Habe gestern nacht noch ein Stündchen an Gedanken zum "sozialen Üben" gesessen, aber alles wieder gelöscht. Hatte etwa geltend machen wollen, daß wir es ja weniger mit "Meinungen" zu tun haben, sondern daß diese ja nur Ausdrucksformen kollektiver Psychosen sind, die man auch als "geistige Seuchen" bezeichnen könnte; daß ich mir im Gespräch mit manchen Leuten vorkomme wie gegenüber den "Kaisern von China" oder den "Napoleons" aus der geschlossenen Psychiatrie. Auch wenn diese Tatsache ja wegen ihres Kommentars nicht aus der Welt ist - gut, daß ich meinen nicht abgeschickt habe, er war gemessen an Ihrem nur Mindfuck.

- G. G.

MartinHimstedt

15. Januar 2021 11:43

Ich möchte in diesem Zusammenhang ein Video von Gunnar Kaiser empfehlen: "Es ist ein Kult". 

Vgl. ferner "über das Gespräch mit Andersdenkenden". Wer dann was zum Schmunzeln braucht: "Was hat Corona nur aus mir gemacht?". 

 

Zusammenfassend, und unabhängig von Herrn Kaiser, würde ich sagen, daß wir es tatsächlich mit einer Art Kult zu tun haben (die Vergleiche zur Religion wurden mittlerweile ja vielerorts gezogen). Man kann da "von außen" nichts machen. Es bringt nichts, sich mit Leuten über das Thema zu unterhalten, welche nicht annähernd den gleichen Wissensstand haben, wie man selbst – wenn sie nicht zumindest offen sind. Mit Jüngern eines Kultes sowieso nicht. 

Ich war diese Woche gleich mehrfach erstaunt, wie das Stimmungsbild teilweise ist: Man will einfach nur noch möglichst schnell diese Impfung, am besten sofort. Die totale Überwachung mit Einlasskontrolle via App immer und überall wird auch in Deutschland freudig erwartet werden. Die Menschen sind da regelrecht heiß drauf. 

Nordlicht

15. Januar 2021 11:46

Vorab: Ich lese gerne neben den Beiträgen die Kommentare, weil ich - als Absolvent eines Mathem.-Naturwiss. Gymnasiums und Ingenieur - die geisteswissenschaftlich grundierten Darlegungen als ein sehr spätes Studium Generale nutze.

Das Thema Kommunikation über die Gräben hinweg bewegt mich; dem Ampel-Prinzip vergleichbar gibt es Kontaktpersonen, die ich mit meinen Ansichten und Material füttere. Einem entfernteren Freund/Kollegen (- Linken-Wagenknecht-Fan) schickte ich einen Sommerfeld-Textabschnitt und er replizierte diesen Teil mit zwei fett-kursiven Worten darin:

"Rationale Argumentation ist in der Corona- noch unmöglicher geworden als in der Flüchtlings-Krise. Das aber – so meine These – ist nicht etwa ein Grund, mehr Vernunft und „Aufklärung“ in die Debatten bringen zu wollen, sondern ein Grund anzunehmen, daß sie zumindest im Kern außerhalb der Zugänglichkeit gegenüber Argumenten angesiedelt sind."

Darauf die Antwort: 

"Grammatik dient der Klärung der Gedanken. Wer ist angesiedelt? Wenn sie die -Krise sein soll, dann am Ende ein ist."

Das würde ich noch als Kommunikation "in gelb" ansehen.

Kommentar Sommerfeld: "Sie" sind "Vernunft und Aufklärung". Gelb markieren und weiterleiten, wenn belieben.

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