Leben mit Büchern

PDF der Druckfassung aus Sezession 94/Februar 2020

Vier­zehn Grund­sät­ze, Pro­ble­me und Auf­for­de­run­gen, zusam­men­ge­tra­gen von Bene­dikt Kai­ser (BK), Ellen Kositza (EK), Götz Kubit­schek (GK), Erik Leh­nert (EL) und Caro­li­ne Som­mer­feld (CS)

Der Bücher­schrank als Teil der Persönlichkeit

Heu­te inter­view­te mich eine Jour­na­lis­tin vom Spie­gel. Ihr Blick streif­te das Wohn­zim­mer­re­gal und blieb auf Arthur Koest­lers Son­nen­fins­ter­nis hän­gen. Ob wir denn unse­re Bücher sor­tiert hät­ten nach lin­ken und rech­ten Büchern, frag­te sie mich. Ich erwähn­te die jahr­zehn­te­lan­ge lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Arbeit mei­nes Man­nes über Autoren der Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on, so erklär­ten sich Regal­me­ter Schmitt, Benn, Jün­ger, Geh­len samt Sekun­där­li­te­ra­tur. War­um aber lehn­te der Koest­ler als Erst­aus­ga­be so gut sicht­bar mit­ten­drin, Titel­bild nach vorn? Was woll­te der Bücher­reg­al­be­sit­zer uns damit sagen?
Ich muß­te geste­hen: ich wuß­te es nicht. Mei­nen Mann konn­te ich spä­ter ein­fach fra­gen, den Inter­view-faux­pas aber nicht wie­der­gut­ma­chen. Der Bücher­schrank ver­rät eben nur dem Ein­ge­weih­ten etwas über die Per­son, dem er gehört.
Ich erfuhr: Koest­ler war der ers­te gro­ße Rene­gat, er wand­te sich auf­grund der Mos­kau­er Schau­pro­zes­se vom Kom­mu­nis­mus ab und schrieb dar­über 1940 die­sen schma­len inter­na­tio­na­len Best­sel­ler. Nach eige­nem Bekun­den ein wich­ti­ges Buch für mei­nen Mann, für den schlüs­se­zie­hen­den Bücher­reg­al­be­trach­ter: gewis­ser­ma­ßen ein Emblem.

Erkennt man eigent­lich einen Rech­ten an sei­ner Bücher­samm­lung? Es gibt in der Tat, wenn schon kei­nen fixen Kanon im Sin­ne des ins Regal gestell­ten bereits absol­vier­ten Teils einer Lese­lis­te, so doch typi­sche, wie­der­erkenn­ba­re, Gemein­sam­keit erzeu­gen­de Titel. Bücher­samm­lun­gen sind indes erst dann indi­vi­du­el­ler Aus­druck der Per­sön­lich­keit, wenn sie über einen Kanon hin­aus­wei­sen. Rega­le und Schrän­ke fül­len sich orga­nisch, wie ein wach­sen­des Lebe­we­sen. Da gibt es wuchern­de, im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes über­bor­den­de Bücher­ber­ge; ich ken­ne sogar Bücher-Mes­sies, die aus­weis­lich eini­ger ein­schlä­gig voll­ge­stopf­ter Rega­le, Kis­ten­be­schrif­tun­gen und grin­send zuta­ge geför­der­ter Gift­schrank­ex­em­pla­re poli­tisch min­des­tens reak­tio­när, in der Lebens­füh­rung aber Men­schen von äußerst gerin­ger Selbst­be­herr­schung sind.

Das Gegen­teil des chao­ti­schen book hoar­ders ist der akri­bi­sche Kon­ser­va­ti­ve, der Samm­ler gebun­de­ner Zeit­schrif­ten­jahr­gän­ge, unter­schied­li­cher Auf­la­gen des­sel­ben mehr­bän­di­gen katho­li­schen Lexi­kons, der biblio­phi­le Rari­tä­ten­freund und ‑restau­ra­teur. Die­ser muß nicht reich sein – Empor­kömm­lin­ge und Ein­druck­schin­der haben sel­ten höchst­per­sön­li­che Bücher­re­ga­le –, man­cher hat einen treu­sor­gen­den Büche­ren­gel, der ihm immer wie­der Zufalls­fun­de, Nach­läs­se und ver­ges­se­ne Autoren zuspielt. Der Ken­ner genießt und verstaut.

Das Bücher­re­gal als leben­di­ger Orga­nis­mus füllt sich, schei­det gele­gent­lich über­flüs­sig Gewor­de­nes, Jugend­sün­den oder nicht mehr unter­zu­brin­gen­de Mas­se aus, ord­net sich neu, ihm wach­sen Regal­sys­tem­tei­le, Obst­kis­ten oder anti­ke Bücher­bor­de als neue Kör­per­tei­le – das gan­ze Gebil­de wird mehr und mehr zum Aus­druck einer Per­son, so wie ihr Gesicht im Lauf der Jah­re immer mehr vom Innern einer Per­son aus­drückt. Bücher­schrän­ke bil­den ihre Leser (das ist der Weg nach innen) und bil­den ihre Leser ab (das ist der Weg nach außen). Daher gilt: an ihren Büchern sollt ihr sie erken­nen! (CS)

Lesen als Szenepflicht

Desi­de­ri­us Eras­mus soll sich, wenn er Geld in die Hand bekam, zunächst Bücher gekauft haben, und erst dann Klei­dung und Essen – wenn noch etwas übrig war. Die­se (womög­lich zuge­spitzt geschil­der­te) Sucht nach Lek­tü­re ist in unse­rem poli­ti­schen Milieu nicht weit ver­brei­tet. Dabei wäre es auch unter jun­gen Rech­ten rat­sam, das flei­ßi­ge Lesen zur »Sze­ne­pflicht« zu erhe­ben und zur Schau zu tra­gen. Es soll­te selbst­ver­ständ­lich sein, die­ses oder jenes Buch zu besit­zen und gele­sen und ver­stan­den zu haben. Klar wäre dann: Wer sol­che Lek­tü­ren nicht voll­zo­gen hat, ist, cum gra­no salis, der Nicht-Wis­sen­de, der­je­ni­ge, der auf­ho­len muß, um sich betei­li­gen zu können.

Ob Klas­si­ker oder aktu­el­le Titel – eine selbst­be­wuß­te jun­ge Rech­te muß ihren Anhän­gern ver­mit­teln, daß es Schlüs­sel­schrif­ten gibt und daß man sie gele­sen haben soll­te, wenn man zum intel­lek­tu­el­len Teil der Sze­ne gehö­ren möch­te. Die Genera­ti­on Insta­gram etwa, die an erwor­be­nen Luxus­gü­tern ihren vir­tu­el­len Freun­des­kreis ohne­hin kon­ti­nu­ier­lich teil­ha­ben läßt, kann hier erzie­he­risch wir­ken: Reds don’t read, aber Rech­te schon, wird als Paro­le erst dann bild­haft, prak­tisch und schnei­dig, wenn es sich auch bewahr­hei­tet, wenn also der Wil­le zur geis­ti­gen Rüs­tung offen­sicht­lich ist. Der Weg dort­hin ver­läuft über das »Lesen als Sze­ne­pflicht«. (BK)

Lesen im Tagesablauf

Was die Lek­tü­re betrifft, kann der täg­li­che Weg zur Arbeit mit­un­ter wie geschenk­te Zeit wir­ken, zumin­dest dann, wenn man in einer Bahn unter­wegs ist, die nicht total über­füllt ist. Wo die meis­ten Mit­fah­rer auf ihr Smart­pho­ne star­ren und/oder sich mit­tels Kopf­hö­rer unter­hal­ten las­sen, kann man selbst zum Buch grei­fen. Wenig geeig­net sind dafür Bücher, die man mit dem Stift durch­ar­bei­ten möch­te (weil man womög­lich kei­nen Sitz­platz fin­det), dafür aber Bel­le­tris­tik oder ein aktu­el­les Sach­buch, das man liest wie eine Zeit­schrift (für den Tag). Wer von Berufs wegen viel lesen muß, kann sich glück­lich schät­zen, aber auch er muß Kon­zes­sio­nen an die Arbeits­zei­ten sei­ner Mit­men­schen machen, die den Leser natür­lich gern zwi­schen frü­hem Vor- und spä­tem Nach­mit­tag behelligen. 

Inso­fern war das Leben als Leser deut­lich leich­ter, als man neben dem Schul­be­such kei­ne wei­te­ren Ver­pflich­tun­gen hat­te. Ver­mut­lich kommt man nie wie­der so zum Lesen, wie in den letz­ten Schul­jah­ren. Wäh­rend des Stu­di­ums fängt die Pflicht­lek­tü­re an, weil es Semi­na­re zu absol­vie­ren und Qua­li­fi­ka­ti­ons­ar­bei­ten zu schrei­ben gilt, die wie­der­um die Lek­tü­re ganz bestimm­ter Bücher vor­aus­set­zen. Im All­tag rich­tet sich die Lese­zeit nach dem Buch.

Lek­tü­re, die einen fes­selt und hin­ein­zieht, wird man in jeder frei­en Minu­te frö­nen, also auch am Abend, wenn man, je nach Schwe­re des Tag­werks, Ablen­kung und Ent­span­nung sucht.
Schwie­ri­ge Lek­tü­re, die Kon­zen­tra­ti­on erfor­dert, ist in die­sen Stun­den nur sel­ten frucht­bar, zu vie­le Wör­ter fal­len den abschwei­fen­den Gedan­ken zum Opfer. Für sol­che Bücher ist die Waa­ge­rech­te nicht geeig­net, man muß am Schreib­tisch sit­zen oder am Pult ste­hen. Wann das geschieht, hängt stark von der Kon­sti­tu­ti­on des Lesers ab. So wie es Früh­auf­ste­her und Nacht­men­schen gibt, so gibt es Leser, die das Tages­licht brau­chen, wäh­rend ande­re die schüt­zen­de Dun­kel­heit der Nacht benö­ti­gen, um sich in die Lek­tü­re zu ver­sen­ken. (EL)

Aut libe­ri aut libri?

Fried­rich Nietz­sche läßt in sei­nem Spät­werk Göt­zen-Däm­me­rung. Oder wie man mit dem Ham­mer phi­lo­so­p­hirt (1889) einen Blau­strumpf sin­nie­ren, ob er wohl mehr für Bücher oder für Kin­der eine Bestim­mung füh­le. Das klingt so: »Das Lite­ra­tur-Weib, unbe­frie­digt, auf­ge­regt, öde in Herz und Ein­ge­wei­de, mit schmerz­haf­ter Neu­gier­de jeder­zeit auf den Impe­ra­tiv hin­hor­chend, der aus den Tie­fen sei­ner Orga­ni­sa­ti­on ›aut libe­ri aut libri‹ flüs­tert: das Lite­ra­tur­Weib, gebil­det genug, die Stim­me der Natur zu ver­stehn, selbst wenn sie Latein redet, und and­rer­seits eitel und Gans genug, um im gehei­men auch noch fran­zö­sisch mit sich zu spre­chen …«Oh ja, das sitzt. Nietz­sche hat es den eman­zi­pier­ten Froll­eins der Salons damit gut gegeben.
Man kann sich das orga­ni­sier­te, den­noch seuf­zen­de »Lite­ra­tur-Weib« von heu­te gut vor­stel­len, Namen müs­sen hier kei­ne fal­len. Wir ken­nen unse­re kin­der­frei­en Lite­ra­tur­tan­ten. Sie ahnen die Qua­len einer Effi Briest, sie waren Medea und haben mit Ute gelit­ten. Ihr Leib aber blieb fruchtlos!

Kann man als kin­der­lo­se Frau all die Dra­men mit­er­lei­den, die in der Lite­ra­tur­ge­schich­te um Müt­tern han­deln? Logisch. Genau­so­gut, wie man mit dem Selbst­mör­der oder dem Räu­ber füh­len kann, ohne selbst das eine wie das ande­re zu sein. Nietz­sches öde quas­seln­des Lite­ra­tur­weib jedoch hät­te Angst, über dem Kin­der­kram den Anschluß an den »Dis­kurs« zu ver­lie­ren. In heu­ti­gen Zei­ten wird statt »Kin­der oder Bücher?« wohl eher »Kin­der oder Kar­rie­re?« geflüs­tert, und die wirk­lich moder­ne Gans liest statt Büchern kin­der­wa­gen­schie­bend ihr Smartphone.

Dabei: Et Libe­ri et libri, sowohl Kin­der als auch Bücher, na klar! Gera­de mei­ne sie­ben Still­jah­re erin­ne­re ich als Zei­ten mit extre­mem Bücher­kon­sum. Nichts läßt sich bes­ser ver­ein­ba­ren als Bücher und Kin­der. In mei­nen Augen (frei­lich die Augen einer nie lohn­ab­hän­gi­gen Mut­ter) sind Kin­der und Bücher sogar die Alli­anz schlecht­hin. (Gut, Hand­ar­bei­ten paßt auch. Lei­der bin ich unge­schickt.) Kol­la­te­ral­nut­zen: Nach­wuchs, der die Eltern viel lesen sieht, wird meist selbst zum eif­ri­gen Leser. (EK)

Schnel­le­sen und Durchblättern

»Sie liest mit den schar­ri­gen Pfo­ten eines Spür­hun­des, als sei irgend­wo im Buch eine lecke­re Idee ver­bud­delt, an die sie ihr Leben hän­gen könn­te.« (Botho Strauß, Der Fort­füh­rer, 2018)
Mit schar­ri­gen Pfo­ten zu lesen kann ein Las­ter sein und eine Tugend. Ein Las­ter ist es, wenn man inkri­mi­nie­rend liest: auf der Suche nach schlim­men, dum­men oder des­avou­ie­ren­den Stel­len, die, hat man sie frei­ge­bud­delt, einem dazu die­nen, die­sen Autor nicht ohne Genuß nie­der­ma­chen zu kön­nen. Inkri­mi­nie­ren heißt, ihn zum Schreib­ver­bre­cher zu machen, weil er das fal­sche Voka­bu­lar ver­wen­det oder sich im Text sel­ber ver­rät, auch wenn die Ober­flä­che noch so sau­ber glänzt. All­zu­meist ist dies das Las­ter der poli­tisch Kor­rek­ten, doch auch unter rech­ten Lesern und Rezen­sen­ten kann es ange­trof­fen wer­den: Ha, hier ver­rät einer sei­ne lin­ken Denk­mus­ter und über­nimmt die Spra­che des Gegners!

Die Tugend des schar­ri­gen Lesens, des Schnel­le­sens und Durch­blät­terns, ist von ande­rer Art. Kur­so­risch durch­flit­zend oder dia­go­nal zu lesen will gelernt sein: nicht jede Zei­le, manch­mal sogar nicht ein­mal jede Sei­te zu lesen. Denn man kann sich ja unmög­lich die fei­nen his­to­ri­schen Ver­äs­te­lun­gen von Ernst Nol­tes Die faschis­ti­schen Bewe­gun­gen oder Speng­lers Unter­gang des Abend­lan­des alle mer­ken – es geht dar­um, den Witz, den Stil, die Kampf­li­nie des betref­fen­den Buches zu erken­nen. Denn Schnel­le­sen ist dazu da, grob und für wei­te­re Ver­wen­dun­gen zu wis­sen, wor­um es geht, wie der Autor schreibt, sich gele­gent­lich sogar nur ein Haupt­zi­tat aus dem gan­zen Buch her­aus­zu­schrei­ben und sich die­ses zu mer­ken: die lecke­re Idee, an die man sein Leben hän­gen kann. Ech­tes Exzer­pie­ren schaut anders aus, aber es geht ja nicht um ein Refe­rat oder eine Pro­se­mi­nar­ar­beit in Ger­ma­nis­tik, son­dern um Buch­ver­kos­tung, Pröb­chen­neh­men, Reinschmecken.

Im übri­gen sind Exzerpt-Tage­bü­cher vol­ler Lecker­bis­sen her­vor­ra­gend geeig­net, um in sei­nen eige­nen Noti­zen die Punk­te im eige­nen Leben wie­der­zu­fin­den, an denen einen eine Lek­tü­re exis­ten­zi­ell berührt hat, oder ein­fach: sich im Wust all der vie­len »lecke­ren Ideen«, die man gefun­den hat, über­haupt noch ori­en­tie­ren zu kön­nen: von wem war das, wie lau­te­te die Stel­le gleich noch­mal? Durch­blät­tern ist außer­dem ein per­fek­ter Jar­gon-Detek­tor: man läßt sich nicht tief genug ein auf den Text, um gefan­gen­ge­nom­men zu wer­den von ihm, son­dern scharrt an der Ober­flä­che, und dabei flie­gen einem die Wort­klum­pen und immer­glei­chen Klin­gel­wör­ter um die Ohren. Wenn es dar­un­ter glänzt: ein­tau­chen, wei­ter­le­sen! Wenn nicht: weg­le­gen. (CS)

Durch­ar­bei­ten

Ich selbst habe ein unsen­ti­men­ta­les Ver­hält­nis zu Büchern. Mei­ne Biblio­phi­lie ist frei davon, dem Gegen­stand als Mate­rie zu hul­di­gen. Schweins­le­der­aus­ga­ben und Gold­schnit­te las­sen mich kalt. Man hat mei­nen aneig­nen­den Umgang mit Büchern frü­her als rüde getadelt.
Ich bin bis heu­te eine betei­lig­te Lese­rin – Bel­le­tris­tik aus­ge­nom­men, da wird nichts notiert. In der Jugend schrieb ich mei­ne oft ellen­lan­gen Anmer­kun­gen mit Kuli an den Rand.
Gele­gent­lich zie­hen mich die Kin­der auf, wenn ihnen heu­te sol­che Wer­ke mit mir als Co-Autorin in die Hand fal­len. Wenn ich sol­che Bücher, an denen ich mich als Stu­den­tin abge­ar­bei­tet hat­te, dann in die Hand neh­me, stau­ne ich oft dar­über, wel­che Gedan­ken ich mir gemacht habe!

Längst aber schrei­be ich nicht mehr in Bücher. Als ich vor zwan­zig Jah­ren hör­te, daß Karl­heinz Weiß­mann einen wohl­ge­ord­ne­ten, nach The­men sor­tier­ten Zet­tel­kas­ten für sei­ne Lese­früch­te unter­hal­te, ahm­te ich das nach. Es erschien mir loh­nend und prak­tisch: geni­al, wenn man bei Arbei­ten an einem Text sys­te­ma­tisch auf älte­re Exzerp­te zurück­grei­fen kann!
Das Unter­fan­gen schei­ter­te nach zwei, drei Jah­ren an man­geln­der Dis­zi­plin. Exzerp­te hal­te ich hin­ge­gen noch immer für uner­läß­lich. Pro Buch sind es ein bis zwei DIN-A4-Blät­ter, die ich beschrif­te. Sei­ten­zahl, Zitat oder Zusam­men­fas­sung. Mei­ne Ein­wän­de zu den The­sen eines Autors samm­le ich geson­dert und tren­ne sie mit dicken Stri­chen von blo­ßen Her­aus­schrei­bun­gen. Ins aus­ge­le­se­ne Buch wer­den neben dem Exzerpt gele­gent­lich auch Rezen­sio­nen hin­ein­ge­fal­tet. Manch­mal habe ich übri­gens Illus­tra­tio­nen aus­ge­schnit­ten, gerahmt und auf­ge­hängt. Eini­ge Bild­bän­de sind daher arg gefled­dert. Mein Argu­ment: »Sonst müß­te ich das Buch doch dau­ernd raus­ho­len, um mir das Bild anzu­schau­en.« Kubit­schek hält es für bar­ba­risch, daß ich Bücher zer­schnei­de. Das Bild aber, das ich ihm auf den Schreib­tisch stell­te, mag er. (EK)

Wie­der­hol­te Lektüre

Von Kin­dern kennt man das: Man erzählt ihnen Mär­chen, Anek­do­ten, Rei­me, und die­sel­ben Geschicht­chen wer­den nun über Wochen Tag für Tag ver­langt. Das Zuhö­ren, die Span­nung, die Erleich­te­rung sind ritua­li­siert, und zum Ritu­al gehört, daß der Wort­laut der­sel­be bleibt, daß sich das Gefühl, das sich ein­stel­len soll, erwart­bar ein­stel­le, kurz­um: daß nicht vari­iert, nicht abge­wi­chen wird. Etwas ist also gewiß: gewiß immer so! Erst spä­ter, wenn die Kin­der grö­ßer sind, wird der Per­spek­tiv­wech­sel inter­es­sant, kann man das Pferd mal so, mal anders­her­um auf­zäu­men, beginnt das Immer­glei­che zu lang­wei­len, grei­fen sie aus.

Es ist so: Ellen Kositza liest fast nichts ein zwei­tes, drit­tes, nie irgend­et­was ein zehn­tes Mal, es sei denn, sie muß sich ver­ge­wis­sern, ob sie sich an eine Pas­sa­ge rich­tig erin­nert, auf die sie sich bezie­hen will. Wie Bene­dikt Kai­ser gehört sie zu den Viel­le­sern, die Unmen­gen an Büchern und Arti­keln durch­ge­hen und ver­ar­bei­ten kön­nen. Das bedeu­tet nicht zugleich, daß die bei­den Bücher nicht genie­ßen könn­ten – hier wie dort steht die Bel­le­tris­tik hoch im Kurs.
Aber eines tun sie nicht: den Genuß wie­der­ho­len, Bücher oder auch nur Stel­len auf­su­chen wie einen Kräu­ter­gar­ten oder einen Medi­zin­schrank. Oder wie ein Gebet.

Ich selbst lese man­che Bücher oder Pas­sa­gen aus Büchern wie Heil­sud, wie For­meln, lit­ur­gisch, auf Wir­kung. Sie wir­ken wie Musik­stü­cke oder wie der Besuch eines Got­tes­diens­tes, in dem noch lit­ur­gi­sche Treue herrscht. Ein Bei­spiel: In Jochen Klep­pers Der Vater kehrt der Sol­da­ten­kö­nig nach einer erschüt­tern­den Fahrt durch die Pro­vinz Ost­preu­ßen zurück an den Hof – und schiebt mit sei­nen Hän­den die gera­de in Mode gekom­me­nen Tabaks­do­sen zusammen.
Man kön­ne damit gan­ze Dör­fer ret­ten, sagt er in die Gesell­schaft hin­ein. Dort oben in der fer­nen Pro­vinz sei näm­lich gera­de der Hun­ger in Mode gekommen.
Ich muß das alle paar Mona­te ein­mal lesen. Eben­so Stel­len von Ernst Jün­ger, von Erhart Käs­t­ner, von Gott­fried Benn, Hans Ber­gel, Chris­toph Rans­mayr, Franz Wer­fel, Wolf v. Nie­bel­schütz, Horst Lan­ge, Knut Hamsun.

In der wie­der­hol­ten Lek­tü­re steckt Ver­ge­wis­se­rung, also: Gewiß­heit. Davon war oben bei den Kin­dern schon die Rede. Daher zwei Behaup­tun­gen: Die Wie­der­holt-Leser sind kind­li­cher als die ande­ren, und sie kön­nen mit Lyrik, der Wie­der­ho­lung als Gebil­de, etwas anfan­gen. Sie woh­nen in den Büchern und Gebil­den, sie strei­fen weni­ger umher. (GK)

Über­flüs­si­ge Lektüre

Wenn Rolf Peter Sie­fer­le zu einer »unter­schei­den­den« Lek­tü­re im Sin­ne einer inhalt­lich dif­fe­ren­zie­ren­den, unvor­ein­ge­nom­me­nen und geis­tig fle­xi­blen Lek­tü­re rät, muß die­se ideel­le Ebe­ne um eine prak­ti­sche ergänzt wer­den. Denn es gibt auch die Ten­denz, sich in der Sturz­flut des Gedruck­ten zu ver­lie­ren, ja auf Sys­te­ma­tik und Erkennt­nis­bau­stei­ne man­gels »effek­ti­vem Zeit­ma­nage­ment« zu ver­zich­ten. Das heißt her­un­ter­ge­bro­chen auf eige­ne Lek­tü­re­we­ge: Inter­es­siert man sich für ein The­ma, für einen Autor, für eine Denk­fa­mi­lie, dann bie­tet es sich an, einen Lek­tü­re­plan zu erstel­len, der den Blick für das Wesent­li­che schärft und nicht auf einer pedan­ti­schen Voll­stän­dig­keit um der Voll­stän­dig­keit wil­len basiert. 

Das Ziel eines sol­chen Plans kann es bei­spiels­wei­se sein, die Quint­essenz eines Den­kers anhand von zwei, drei Schlüs­sel­wer­ken und anhand ein, zwei kon­zi­ser Ein­füh­run­gen her­aus­zu­schä­len. Von die­sen Lek­tü­ren aus­ge­hend, kann dann – sofern wei­ter ange­bracht und zweck­mä­ßig – sys­te­ma­tisch zu wei­te­ren dar­in ange­zeig­ten Titeln über­ge­gan­gen wer­den. Die­ses auf Fach- und Sach­bü­cher zuge­schnit­te­ne plan­ori­en­tier­te Lesen gilt frei­lich weni­ger für die Sphä­re der Bel­le­tris­tik, doch ist die Zeit­fra­ge bei jeder Form der Lek­tü­re und für jeden, der über kei­nen Pri­va­tier-Sta­tus ver­fügt, eine essentielle. 

Daher emp­fiehlt sich ein geschärf­ter Blick für das Wesent­li­che, der über die Jah­re hin­weg nur durch eige­ne Empi­ri­en antrai­niert und modi­fi­ziert wer­den kann: ein Blick, der über­flüs­si­ge Lek­tü­re als sol­che erkennt und umgeht, damit Lese­stun­den frucht­bar blei­ben und nicht buch­hal­te­risch wer­den. (BK)

Über­flüs­si­ge Bücher

Wer sich eine Biblio­thek auf­baut, wird in den meis­ten Fäl­len irgend­wann vor einem Platz­pro­blem ste­hen. Jedes gele­se­ne und noch zu lesen­de Buch zu behal­ten, wird dann unmög­lich, wenn stän­dig Neu­erwer­bun­gen hin­zu­kom­men, die auch einen Platz erhal­ten sol­len. Als pie­tät­vol­ler Bücher-Lieb­ha­ber wird man zunächst begin­nen, neue Rega­le auf­zu­stel­len, um der Bücher­sta­pel, die sich über­all auf­tür­men, Herr zu wer­den. Aber auch dann kommt irgend­wann der Moment, in dem man sich von Büchern tren­nen muß. 

Zuge­ge­ben, für einen mani­schen Samm­ler kommt das nicht in Fra­ge, aber für alle, die trotz Sam­mel­lei­den­schaft ein prag­ma­ti­sches Ver­hält­nis zum Buch behal­ten haben. Wie geht man vor? Ein radi­ka­ler Schritt kann sein, alles zu ent­fer­nen, was man nie wie­der in die Hand neh­men wird (was aber unwei­ger­lich dazu führt, daß man bald eines der Bücher ver­mißt). Das sind Tages­li­te­ra­tur und Sach­bü­cher mit Ver­falls­da­tum, wohin­ge­gen die Klas­si­ker blei­ben (soll­ten).
Inter­es­sen­ge­bie­te, die einen in der Ver­gan­gen­heit bewegt haben, kann man abge­ben, manch­mal auch Bücher, die im Fall des Ver­mis­sens leicht wie­der­zu­be­schaf­fen sind. Dar­un­ter fal­len sol­che, die man in Zei­ten der Lese­wut, vor allem in jun­gen Jah­ren, ange­häuft hat. Wie auch immer man die Sich­tung durch­führt: Am Ende stellt sich die Fra­ge, was man mit den aus­ge­son­der­ten Bestän­den macht. Man kann jeman­dem damit eine Freun­de machen (oder ihn­be­las­ten!), man kann sie (was recht müh­sam ist und sich nur bei halb­wegs wert­vol­len oder aktu­el­len Büchern lohnt) ver­kau­fen – für den trau­ri­gen Rest, für den es par­tout kei­ne Anschluß­ver­wen­dung gibt, bleibt dann nur die Papier­ton­ne, was ange­sichts des Mas­sen­aus­sto­ßes an Einweg_Taschenbüchern und Schund nicht so unmo­ra­lisch ist, wie es viel­leicht klin­gen mag. (EL)

Anti­qua­ri­at

In Zei­ten, in denen nicht nur Kin­der­bü­cher (die »Neger« in Micha­el Endes Jim Knopf oder Astrid Lind­grens Pip­pi in Taka-Tuka-Land sind inzwi­schen Legen­de) umge­schrie­ben, geglät­tet her­aus­ge­ge­ben oder mit his­to­risch-kri­ti­schem Appa­rat ver­se­hen dem Leser zur betreu­ten Lek­tü­re über­hän­digt wer­den, tut es mit­un­ter Not, die Ori­gi­na­le in die Fin­ger zu krie­gen. Schnell ist das Online-Anti­qua­ri­at gefun­den, doch oft­mals über­steigt das Por­to den Kauf­preis oder schlägt doch ärger­lich zu Buche.

Außer­dem ist der Anti­qua­ri­ats­be­such Ehren­sa­che: frü­her, also vor der Zeit von ZVAB und Ebay, war es Pflicht, in jeder Stadt Anti­qua­ria­te auf­zu­su­chen und nach dem zu stö­bern, was man schon seit lan­gem such­te. Wenn man noch unkun­dig ist (ich fiel ein­mal als Schü­le­rin in Eisen­ach in ein win­zi­ges Anti­qua­ri­at ein und kauf­te alles, was ich bezah­len konn­te – als DDR-Aus­ga­ben: das meis­te – und was mir aus dem Deutsch­un­ter­richt vage bekannt war, von Hei­ne bis Huys­mans), ver­fah­re man genau so: hin­ge­hen, stö­bern, sta­peln, raus­tra­gen. Not­falls (Tele­phon­jo­ker!) jeman­den anru­fen, der sich mit alten Büchern bes­tens auskennt. 

Es könn­te über­dies von Nut­zen sein, sei­ne eige­ne Autoren- und Titel­lis­te im Porte­mon­naie klein gefal­tet mit sich zu tra­gen. Viel­leicht gerät man ja wegen Schnee­re­gen, War­te­zeit oder als Pas­sant (paßt doch vor­treff­lich zum Anti­qua­ri­ats­be­such: »Pas­sant« zu sein …) unver­se­hens in eine Schatz­kam­mer am Wegesrand.

Anti­qua­ri­sche Zufalls- und End­lich­fun­de, egal ob mone­tär oder ideell wert­voll, beglü­cken uns Kon­ser­va­ti­ve tief. Denn es ist ja nicht allein der erhal­te­ne Text, son­dern die (Erst-)Ausgabe,die alt­mo­di­sche Optik, der auf­wen­di­ge Satz, nicht zuletzt auch der Wohl­ge­ruch. Stin­ki­ge Bücher sind auf­grund von bil­li­gem säu­re­hal­ti­gem Papier oder Schim­mel bereits im Ver­fall begrif­fen: Nur neh­men, wenn sel­ten oder ganz drin­gend auf der Stel­le benö­tigt! Zu guter Letzt: die Rücken anti­qua­ri­scher Bücher sind nie­mals häß­lich bunt. Außer im »moder­nen Anti­qua­ri­at«, wor­auf der Zugriff aber auch mit­un­ter lohnt, denn die Ver­ram­schungs­müh­len mah­len mit zuneh­men­der Geschwin­dig­keit, und Kon­ser­va­ti­ve erfreu­en sich beson­ders an Laden­hü­tern, die der Buch­händ­ler nicht kennt. Auf Erhard Käs­t­ners Stun­den­trom­mel kleb­te kürz­lich: »3€«. Wie schön ist doch eine eige­ne Biblio­thek, umfas­se sie auch nur ein Regal, deren Anblick man jeden Tag genie­ßen kann. (CS)

Alt­be­stän­de übernehmen

Frem­de Biblio­the­ken kön­nen sowohl Fluch als auch Segen sein. Das Umschau­en in einer ande­ren pri­va­ten Biblio­thek mit ähn­li­chen Inter­es­sen­schwer­punk­ten wird oft belohnt, weil man Din­ge ent­deckt, von deren Exis­tenz man noch nicht ein­mal etwas ahn­te, oder weil man Gele­gen­heit bekommt, ein wert­vol­les Buch, von dem man schon ein­mal gehört hat, in die Hand zu neh­men und dar­in zu blät­tern. Die Lage ändert sich in dem Moment, wenn man eine frem­de Biblio­thek oder zumin­dest Tei­le davon geschenkt bekommt. Dann muß man sich dazu anders als nur genie­ßend ver­hal­ten. Die Grün­de, die einen in die­se Lage brin­gen, sind unter­schied­lich: der Tod des Besit­zers, ein Umzug macht eine Ver­klei­ne­rung nötig, manch einer möch­te auch ein­fach jeman­dem eine Freu­de machen. Alles ist schon vorgekommen. 

Am schöns­ten ist es aller­dings, wenn man sich aus einer umfang­rei­chen Biblio­thek eines ech­ten Samm­lers, der einem auf dem gemein­sa­men Gebiet weit vor­aus war, aus­su­chen darf, was man möch­te. Das Pro­blem ist dann eher, aus der Fül­le in kur­zer Zeit her­aus­zu­fi­schen, was einen so inter­es­siert, daß man es besit­zen möch­te. In ande­ren Fäl­len steht man vor einem Hau­fen Bücher­kis­ten, von dem man das behält, was einem nütz­lich und auf­he­bens­wert erscheint. Oft­mals nimmt oder behält man aber mehr als man braucht und wird sich von eini­gen Erobe­run­gen wie­der tren­nen (und ver­su­chen, die­se Alt­be­stän­de an einen ande­ren weiterzugeben).
Ein Grund­pro­blem bleibt die orga­ni­sche Inte­gra­ti­on frem­der Alt­be­stän­de, die lan­ge Fremd­kör­per der eige­nen Biblio­thek blei­ben kön­nen, weil man sie nicht selbst gesam­melt hat. Frem­de Biblio­the­ken kön­nen einen auch in ver­schie­de­ner Hin­sicht, durch Umfang oder Qua­li­tät, über­for­dern, so daß die­se Inte­gra­ti­on nie gelingt. Alt­be­stän­de, die wie feh­len­de Puz­zle­tei­le in die eige­ne Samm­lung pas­sen, sind ein sel­te­ner Glücks­fall. (EL)

Vor­le­sen

In unse­rem Haus­halt ist die Vor­le­se­rei essen­ti­ell. Jeden Abend lesen Mutter/Vater den Kin­dern vor (seit 22 Jah­ren), und bei Auto­rei­sen liest ein Mit­fah­rer dem Fah­rer vor. Ich ver­mu­te, wir (die Gro­ßen wie die Klei­nen) wären völ­lig ande­re Leu­te, wenn wir unse­rem Nach­wuchs nicht die­se sum­ma sum­ma­rum wohl tau­send Stun­den vor­ge­le­sen hät­ten. Caro­li­ne Som­mer­feld hat es in unse­rem Buch Vor­le­sen (Antai­os, 2019) beschrie­ben: In den Vor­le­se­vor­gang »schiebt sich das gut­ge­wähl­te Buch, das die Betei­lig­ten aber nicht von­ein­an­der ent­fernt, son­dern ein­an­der näher­bringt, eben ver­mit­telt (lat. Medi­um heißt Mitt­le­res, Vermittelndes). 

Kin­der, die zwi­schen vir­tu­el­ler Bild­schirm­welt und ech­ter Lebens­welt swit­chen, habe beim Vor­le­sen die Chan­ce, von bei­dem das Wesent­li­che zu erfah­ren. Bücher­sind zwei­fel­los genau­so künst­li­che Lebens­wel­ten wie Bild­schirmm­edi­en, eben abs­trak­te Spei­cher­or­te für Wis­sen und Bil­der. Lesen ist nicht Leben. Doch es spei­chert Leben, bewahrt Erfah­run­gen auf. Wenn nun Erwach­se­ne die­ses archi­vier­te Leben auf­schlüs­seln, indem sie dem Kind vor­le­sen, ste­cken sie eige­ne Mühe und Kraft hin­ein, eige­nen Atem und eige­ne Stim­me. Das ist real, leib­lich und spür­bar, mit Glück hän­gen einem die Kin­der an den Lippen.«

Die gro­ße bri­ti­sche Schrift­stel­le­rin Joan Aiken (1924–2004) schrieb ein­mal apo­dik­tisch: Wer nicht bereit sei, sei­nem Spröß­ling min­des­tens eine Stun­de am Tag vor­zu­le­sen, habe es nicht ver­dient, über­haupt einen zu haben. Ist so! Schwer zu bewerk­stel­li­gen in Zei­ten, wo die Kin­der vor allem qua­li­ty time genie­ßen sol­len? Wo der Mut­ter auf­grund von Mehr­fach­be­las­tung nur wenig Zeit »für’s Ein­ge­mach­te« bleibt? Dann bit­te: Setzt ande­re Prio­ri­tä­ten! (EK)

Lese­kreis

Die inhalt­li­che Not­wen­dig­keit eines Lese­krei­ses ergibt sich aus jenem zeit­lo­sen Dik­tum Domi­ni­que Ven­ners (aus: Für eine posi­ti­ve Kri­tik), wonach zu vie­le Akti­ve »ihre gemein­sa­men Vor­läu­fer und Vor­den­ker« nicht kenn­ten, wes­halb sich – bereits defi­nier­te – Begrif­fe ver­wirr­ten und ver­meid­ba­re Unklar­hei­ten ent­stün­den. Die­se Man­gel­si­tua­ti­on zu über­win­den, ist Mah­nung und
Auf­trag zugleich; Abhil­fe schaf­fen soll die gemein­sa­me Lek­tü­re eben­je­ner Vor­läu­fer und Vor­den­ker. Man muß in Erin­ne­rung rufen, wel­che Wege durch die, die vor uns wirk­ten, ein­ge­schla­gen, erkämpft, erklärt, ver­wor­fen wor­den sind. Auf­bau­end auf die­sem Fun­da­ment – dem zu erar­bei­ten­den ideen­po­li­ti­schen Gedächt­nis – soll­te dann auf der Höhe der Zeit wei­ter­ge­dacht werden.

Die prak­ti­sche Not­wen­dig­keit eines Lese­krei­ses tritt hin­zu, und mög­li­cher­wei­se kennt man ver­gleich­ba­re Kon­stel­la­tio­nen aus dem Pri­vat­le­ben: Das Vor­ha­ben, regel­mä­ßig Sport zu trei­ben, funk­tio­niert bes­ser, wenn man eine gegen­sei­ti­ge »Ter­min­kon­trol­le« einer­seits und wech­sel­sei­ti­ge Freu­de ande­rer­seits ver­spürt, als wenn man sei­ne Ter­min­fin­dung und Zeit selbst frei gestal­ten (und damit: ver­tun) kann. Das gemein­sa­me Lesen ver­schafft Freu­de und Ver­ant­wor­tung zugleich: Man will nicht hin­ter­her­hin­ken, man will mit Weg­ge­fähr­ten Erkennt­nis­se tei­len oder Streit­fra­gen klären.

Der Weg zu die­ser Aus­dif­fe­ren­zie­rung von Posi­tio­nen durch Lek­tü­re­er­fah­run­gen kann unter­schied­lich gestal­tet sein: Man liest gemein­sam in einem fest­ge­setz­ten Zeit­rah­men einen Titel – und dann wird in der Grup­pe debat­tiert, weil jeder sub­jek­ti­ve Lese­er­fah­run­gen machen wird und sich ergän­zen­de und kor­ri­gie­ren­de Zugän­ge anbie­ten. Oder jeder liest indi­vi­du­ell aus­ge­wähl­te Wer­ke und bilan­ziert für die ande­ren Teil­neh­mer ihre Essenz, muß also refe­rie­ren und auf (kri­ti­sche, neu­gie­ri­ge) Nach­fra­gen reagieren.

Eine wei­te­re Opti­on zur Ver­fei­ne­rung eines sol­chen Krei­ses wäre ein Punk­te­sys­tem: Man ent­wi­ckelt einen Modus, in dem Lek­tü­re­fleiß und Erkennt­nis­in­ter­es­se trotz all­täg­li­cher Ver­pflich­tun­gen belohnt, Müßig­gang und Ver­geß­lich­keit hin­ge­gen – auf spie­le­ri­sche Art – gerügt werden.
Ein Lese­kreis kann ver­schie­den­ar­tig aus­ge­stal­tet wer­den, je nach betei­lig­ten Cha­rak­ter­ty­pen und Alters­ko­hor­ten. Kon­struk­ti­ves Lesen muß for­dernd und beglü­ckend zugleich sein – ein Lese­kreis, der auf Freund­schaf­ten auf­baut oder sol­che ent­ste­hen läßt, ist hier­für der adäqua­te, gemein­schafts­för­dern­de Rah­men. (BK)

Bel­le­tris­tik lesen

Im pla­to­ni­schen Drei­klang vom »Wah­ren, Schö­nen, Guten« kommt in unse­rem poli­ti­schen Lager regel­mä­ßig das Schö­ne zu kurz. Wie trau­rig! Es mag unse­ren viel­be­klag­ten »Zei­ten« geschul­det sein, daß auf der rech­ten Sei­te so wenig Zeit und Muße ist für Thea­ter, Oper, schö­ne Kunst! Ech­te Lite­ra­tur! Ohne For­schungs­in­ter­es­se, ohne »siehs­te mal!«, ohne »Best prac­ti­ce« und ohne die »zehn Wege, um XY zu errei­chen«! Wer mag sich heu­te schon lesend verspielen?

Im heu­ti­gen poli­ti­schen Betrieb man­gelt es mit gro­ßer Sicher­heit an Leu­ten, die »bele­sen« sind im her­kömm­li­chen Sin­ne. Das ist kein Luxus­pro­blem. Es war auch nicht »schon immer« so.
Nicht immer wur­de Poli­tik von schnö­den Appa­rat­schicks betrieben.
Wozu aber über­haupt sich an Bel­le­tris­tik wagen? Oh, es ist ein Reich­tum, nicht nur an Bil­dung: Die Phan­ta­sie wird geweckt, die Beob­ach­tungs­ga­be geschärft. Nicht von unge­fähr pfle­gen wir in die­ser Zeit­schrift eine Bel­le­tris­tik­spal­te, hält Antai­os einen »Bücher­schrank« mit lesens­wer­ter schö­ner Lite­ra­tur vor, stel­le ich mit Susan­ne Dagen auf unse­rem You­Tube-Kanal »Auf­ge­blät­tert, zuge­schla­gen. Mit Rech­ten lesen« regel­mä­ßig neue Roma­ne vor. Gegen jeden Kul­tur­pes­si­mis­mus gespro­chen: Die zeit­ge­nös­si­sche Roman­welt wird von ech­ten Künst­lern bespielt. Neh­men wir nur Mar­tin Mose­bach, Bri­git­te Kro­nau­er, Sher­ko Fatah, Jonas Lüscher, Eva Men­as­se, Nor­bert Gst­rein, Tere­zia Mora, Mari­on Posch­mann, Stef­fen Kopetz­ky, Micha­el Köhl­mei­er, Uwe Tell­kamp, Chris­toph Rans­mayr, Moni­ka Maron, Eugen Ruge … und kein Ende!

Wie schrieb Goe­the? »Es gibt drei­er­lei Arten Leser; eine, die ohne Urtei­le genießt, eine drit­te, die ohne zu genie­ßen urteilt, die mitt­le­re, die genie­ßend urteilt und urtei­lend genießt; die­se repro­du­ziert eigent­lich ein Kunst­werk aufs neue. Die Mit­glie­der die­ser Klas­se sind nicht zahl­reich.« Brau­chen wir nun gera­de die­sen Leser, die­sen Kunst­werk­re­pro­du­zie­rer? Ich glau­be: ja. Wie sag­te Ange­la Mer­kel, die Phy­si­ke­rin ohne bel­le­tris­ti­schen Weit­blick im April 2019: »Es war ein gro­ßer Erfolg, daß der Glo­bal Com­pact für Flücht­lin­ge im ver­gan­ge­nen Jahr mit über­wäl­ti­gen­der Mehr­heit ange­nom­men wur­de.« – »Er sag­te immer Aga­mem­non statt ange­nom­men, so sehr hat­te er den Homer gele­sen«, kon­ter­te ein ande­rer Phy­si­ker, näm­lich der gro­ße Georg Chris­toph Lich­ten­berg, schon 250 Jah­re vor Mer­kel über den Typus des bele­se­nen Poli­ti­kers. Das wäre doch mal was. (EK)

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