21. März 2021

Sonntagsheld (176) – Der SPIEGEL an seine Kinder

Till-Lucas Wessels / 10 Kommentare

Der SPIEGEL räumt auf

Till-Lucas Wessels

Till-Lucas Wessels studiert und ist identitärer Aktivist sowie »Minenhund für zukünftig Zumutbares«.

Es ist kein gutes Zeichen, wenn sich die Schlagzeilen des SPIEGELS nicht mehr von einer Bildüberschrift auf web.de unterscheiden lassen. Vor wenigen Tagen begegnete mir wieder einmal so ein Fall.

„Berühmter Dichter als Hassprediger: Die dunklen Seiten des Heinrich von Kleist“, der Autor:  Johannes Saltzwedel. Man kennt ihn hier vielleicht noch. Mir zuckte es jedenfalls direkt im Finger.  „Sonntagsheld: Heinrich von Kleist, Artikel Spiegel“ steht seitdem in meinem Merkheftchen. 

Heinrich von Kleist ist - wie Mishima - wieder so ein Kandidat von dem ein Bild an meiner Wand hängt. Es ist eine Abbildung von einem Gemälde von Max Slevogt, die ich vor zehn Jahren während der Abiturzeit aus meinem Arbeitsheft ausgeschnitten und eingerahmt habe.

Mir hat das Bild damals gut gefallen, besser als die anderen zeitgenössischen Kleist-Portraits, auf denen der Dichter wahlweise wie ein dicklicher Bubi, oder gleich wie eine Lesbe aussieht. Wahrscheinlich war es das melancholische Lächeln. Ein Gesichtsausdruck, der wohl nicht nur dem Autor Kleist, sondern auch den Lesern seiner Werke vertraut sein mag. Schaut so ein Hassprediger? Wenn es nach dem SPIEGEL geht, wohl schon. Egal.

Die Masche ist natürlich ein alter Hut: Auch vor zehn Jahren - da war, der zweihundertjährigen Todestagsjährung wegen, nämlich Kleistjahr - wusste meine damalige Deutschlehrerin mich und andere vor Kleistens rüpelhaftem Chauvinistenvokabular zu warnen.

Damals hieß man ihn wohl noch keinen Hassprediger. Aber selbstverständlich hatte jeder im Deutsch-LK mal mit dem Markierstift über den „Katechismus für die Deutschen“ drüberkritzeln dürfen - eine politische Zumutung, welche den Schülern heutzutage sicherlich erspart bleibt. 

Obgleich ich damals mit Feuer und Flamme nicht nur für die literarische Romantik, sondern auch für den Nationalismus der Befreiungskriege brannte - es entstand sogar ein Gedicht „Lasset heut‘ die Luren klingen“ im triefigsten Ernst-Moritz-Arndt-Stil - haben mich Kleistens politische Schriften recht kalt gelassen. Auf die wirklich dicke rote Pille stieß ich kurioserweise in Ibsens „Volksfeind“, den wir ein paar Monate später lasen. 

Da ging es dann auch nicht mehr um die Frage nach dem vereinten Deutschland, sondern um die nach Mehrheitsgesellschaft und Demokratie, aber davon erzähle ich vielleicht ein anderes Mal.

Sie merken schon: Ich habe eigentlich gar keine Lust über den SPIEGEL-Artikel zu schreiben. Verlinkt habe ich ihn auch nicht, denn es steht wirklich nichts neues drin. Es ist eigentlich bloß eine gute Seite aufgewärmte Zitat-Pampe, hauptsächlich geht es um die Franzosen, „dämmt den Rhein mit ihren Leichen“ usw.

Meine Empfehlung zum Sonntag also: Lesen Sie lieber was von Kleist. Das lohnt sich wirklich. Es muss ja nicht die „Hermannsschlacht“ sein, aber warum nicht mal das „Erdbeben von Chili“, „Michael Kohlhaas“, oder vielleicht sogar den oldschoolig anmutenden „Zweikampf“ zur Hand nehmen und ein bisschen staunen über die unverschämte Sprachgewahlt des gescheiterten Offiziersfamiliensprösslings?

Die wenigen, die diesen Texten gänzlich unvertraut sind, seien jedoch gewarnt: Zwischen zerspringenden Kinderschädeln und abfaulenden Schwurhänden sind seine frankenfeindlichen Schmähzeilen sicher eines nicht: die dunkelste Seite des Heinrich von Kleist.


Till-Lucas Wessels

Till-Lucas Wessels studiert und ist identitärer Aktivist sowie »Minenhund für zukünftig Zumutbares«.


Kommentare (10)

Fredy

22. März 2021 00:20

Wer Michael Kohlhaas nicht gelesen hat, hat wahrscheinlich nie gelesen, und darum nie verstanden.

AlexSedlmayr

22. März 2021 04:46

Der Spigel-Artikel hat mich auch geärgert. Ich war sprachlos, dass der Autor sich wegen Kleistens Rabulistik in die Pantalonen macht.

Den ganzen Text durchzieht vor allem eines: historische und sonstige Unverständnis. Deutschland wurde die längste Zeit durch die Begehrlichkeiten seiner Anrainer-Staaten, insbesondere Frankreich, herumgestoßen wurde als es noch nicht geeint war und deshalb unter den Jungnationalen nach der Napoleonischen Schmach ein Feuer gerechter Wut und Ablehnung brannte, schreibt über Patrioten, denen die Unabhängigkeit und unbefleckte Ehre ihres Landes noch etwas bedeuteten.

Man wünsche sich wirklich manchmal ein Erdbeben wie in Chili, das das unterste nach oben kehrt.

Maiordomus

22. März 2021 05:46

Kleists quere Modernität demonstrieren Texten wie "Die Anekdote aus dem letzten preussischen Kriege", die zwar in Sachen Brutalität nichts zu wünschen übrig lässt. Ferner die brillant verfilmte Novelle "Die Marquise von O"  mit dem Befund, dass auch das "innerste Gefühl" über den Menschen täuschen kann, vgl., Komödie vom "Zerbrochenen Krug", ein Motiv, über das der unterschätzte Erzählmeister Heinrich Zschokke, dessen 250 Geburtstag ansteht, im Wettbewerb mit Kleist ebenfalls Profil gewonnen hat.

Zur Zeit der dt. Besatzung  wurde in Paris "Prinz Friedrich von Homburg" aufgeführt mit "Im Staub mit allen Feinden Brandenburgs!" (Schluss-Satz), Der literatur- und geschichtstheoretisch schlagende Text: "Die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden", unvergleichliche Widerlegung der Franz. Revolution als eines angeblichen Sieges der Vernunft. Hegels und anderer "ruchloser Optimismus", die Geschichte betreffend, wird "avant la lettre" ad absurdum geführt. Und erst der angebliche Rassismus in der "Verlobung von Sto Domingo"; eindrücklichste Widerlegung der nicht nur beim SPIEGEL herrschenden. Illusionen, den Menschen betreffend!

 

RMH

22. März 2021 07:05

Die Erinnerung an Kleist kommt zur rechten Zeit.

Wenn sich das literarische Duo aus Schnellroda bei seinen Porträts einmal aus dem Muff der Zeit der ersten Hälfte des 20. Jhdts lösen will (wäre an der Zeit) und auf die Säulen des Parthenons der deutschen Akropolis blicken mag, dann wäre Kleist eine der Säulen, die man mit großen Gewinn näher betrachten und vorstellen kann.

Nemo Obligatur

22. März 2021 08:01

Eine Leseempfehlung für einen ganz kurzen Kleist-Text ist die "Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege".

Es gab und gibt vielleicht noch auf einer sehr bekannten Videoplattform den Mitschnitt einer, nun ja: "Lesung" wäre fast zu schwach gesagt, von Matthias Habich. Hörenswert.

Glast

22. März 2021 09:00

@Fredy

Michael Kohlhaas - einer der tiefsten Blicke in die deutsche Seele und so auch in die Meine. Ich glaube, ich hab das Büchlein seit meinem vierzehnten Lebensjahr 20 Mal gelesen.

"Herr, heut noch..."

Maiordomus

22. März 2021 10:01

@Obligatur: Ja, T e x t e  wie "Die Anekdote aus dem letzten Preussischen Kriege", eine der Lieblingsgeschichten von Kafka, erzähltechnisch das Meisterwerk schlechthin mit alptraumhafter Verzögerung in einem Moment, da einer eigentlich um Leben und Tod aus dem Dorf abhauen sollte, sich aber an Unverdrossenheit jenseits von Todesfurcht nicht übertreffen lässt: die "reissende Zeit" eines ultradramatischen Stils. Und eine in Aggression mündende Massenpanik wurde nie eindrücklicher zu Papier gebracht wie im "Erdbeben von Chili", hier wie bei der "Verlobung von Santo Domingo" der Einfürallemal-Abschied vom Gutmenschen. Tendenziell gestaltet Kleist je einen langen, oft dramatisch verlangsamten, dann wieder beschleunigten Satz mit all seinen "dergestalt-dass"-Zusammenhängen. Wenn der Satz zu Ende ist, können die Leichen weggetragen werden. Eine stärker apokalyptische Geschichte wie das "Erdbeben" wurde in deutscher Sprache wohl nie geschrieben, wobei aber doch für einen Augenblick der Traum von der heiligen Familie aufleuchtet mit Vater, Mutter, Kind, die als schon von der Gesellschaft zur Vernichtung Preisgegebene für einen Augenblick beim Ruhen an einem Baumstamm ein kleines Stündchen Familienglück geniessen. Zu allem hin die fürchterlichste Geschichte die Religion als das gute Gewissen bei der göttlichen Rache demonstrierend.

Ein gebuertiger Hesse

22. März 2021 11:56

Wir brauchen neue Sonntagshelden. Daß sich gerade heuer (gibt es einen schöneren Ösi-Begriff?), da uns so viele Grundrechte wie noch nie geraubt werden, kaum einer für diese herrliche Position anzubieten scheint, sagt etwas über das Elend out there und within.

Pferdefuss

22. März 2021 12:53

@ Till Lucas Wessels

So sehr ich mich darüber freue, dass Sie Heinrich Kleist als Helden, wenngleich lediglich als 'Sonntagshelden' vorstellen, frage ich mich, ob er erst dann unsere Aufmerksamkeit verdient, wenn sich der 'Spiegel' seiner bemächtigt und ihn entmachtet.

Gleichwohl, das war ein ersprießlicher Sonntagsspaziergang in die unvergängliche Vergangenheit großer Meister (Helden), die unentwegt von 'Spiegel'-Fechtern aller Art kleingeredet werden. Holen wir sie uns nicht nur auf 'Waldgängen', sondern beim 'Lustwandeln' im Barock, im Biedermeier, in der Romantik zurück!

Doch! Dass Sie sich vom 'triefigsten Ernst-Moritz-Arndt-Stil' nicht nur von Ihren, sondern Arndts Gedichten 'distanzieren', sagt mir weniger zu. Gehören zu seiner Literatur nicht so viele gedeihliche Züge/Stilmittel wie Pathos, Innigkeit, Begeisterung, Zorn,  Sentimentalität, Erhabenheit, die uns glattterdings/platterdings abhanden gekommen sind?

Pferdefuss

22. März 2021 13:14

@ Till-Lucas Wessels

Das hat mich erfreut, dass Sie Heinrich Kleist zum Helden, wenngleich nur zum  'Sonntagshelden' und über den Umweg des 'Spiegels' erkoren haben. Das könnte die Richtung sein, die 'Sonntagsspaziergänge' haben könnten: im Reich des Barocks des Biedermeier, der Romantik jene Helden aufzuspüren, die uns permanent durch 'Spiegelfechterei' geklaut werden. 

Ernst Moritz Arndt könnte ein weiterer Kandidat sein. Dass Sie allerdings auch seine Gedichte  mit Ihren Elaboraten 'im triefigsten Ernst-Moritz-Arndt-Stil' entsorgen, sagt mir weniger zu. Arndts Gedichte zeugen von Mut, Begeisterung, Pathos, Innigkeit, Reimkunst, das hat Deutschlands Nationalgesinnung befördert. Womit sonst.  

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