30. März 2021

»Alles unter dem Himmel« – eine Rezension

Benedikt Kaiser / 15 Kommentare

Martin Sellner hat sich dem Buch Alles unter dem Himmel gewidmet. Zur Einführung geben wir die Rezension aus der 101. Sezession wieder.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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Dieses Buch birgt ein Feuerwerk an Irritationen für Menschen liberaler, transatlantischer und menschenrechtsuniversalistischer Provenienz.

Alles unter dem Himmel entfaltet eine Sprengwirkung indes im selben Maße für China­skeptiker aller Couleur.

Denn die Schrift Zhao Tingyangs (* 1961) stellt keine Meinungsäußerung innerhalb eines europäischen Lesern vertrauten Weltanschauungs- und Wertespektrums dar, sondern wartet mit fundamental anderen Parametern auf.

Dem Professor für Philosophie an der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften zu Peking, einer führenden staats- und parteinahen Bildungsinstitution der Volksrepublik, geht es um nicht weniger als die Inauguration eines weltweit gültigen Denkansatzes, den er aus der klassischen chinesischen Philosophie entleiht und für eine kommende Epoche zurüstet: Tianxia, sinngemäß: »Alles unter dem Himmel«.

Eine produktive Verknüpfung von »ganz Altem und ganz Neuem« nannte der europäische Denker Guillaume Faye »Archäofuturismus«. Zhao nennt es »kombinierte Synthese«. Dem in Chinas Staats- und Parteiführung eifrig rezipierten Forscher geht es um »das politische Ideal einer Weltordnung«, in der die »Inklusion der Welt« verwirklicht werden könne. Im schrittweise zu erreichenden Tianxia-System würden bewaffnete Konflikte innerhalb der Staatenwelt durch gemeinsame Prinzipien und Interessen aufgehoben werden.

Hierfür bedürfe es etwa der strengen Selbstverpflichtung auf (konfuzianische und andere) »Tugenden«, aber auch einer Abkehr von internationaler Politik, da sie als Politik zwischen den Staaten die Konkurrenz der Individuen auf nationaler Ebene reproduziere.

Tianxia bedeute hingegen die »Welt als Entität«, die mittels Koexistenz und Partnerschaft auf Basis von Vertrauen und gegenseitiger Verschränkung die Überführung vom Konflikt in die Kooperation vollziehe. Das historisch existierende und global zu aktualisierende Vorbild hierfür sieht Zhao in der Epoche der Zhou-Dynastie im Jahrtausend vor Christus verwirklicht, deren einstiges System der Verteilung von Rechten und Pflichten unter Herrschern, Beherrschten, Kronländern etc. er schildert.

Diese Kapitel fordern dem Leser einiges ab. Zum einen, weil Zhao selbst einräumen muß, daß vieles auf retrospektiven Annahmen, kritischer: Projektionen, beruht. So währte auch die Zhou-Epoche nicht ewig; ihr dezentrales »Systemdesign« erodierte trotz aller »Rationalität«.

Zhaos Erklärung: Das Tianxia-System war seiner Zeit voraus. Wenn er dann über China in theologischer Hinsicht schreibt, weckt das problematische Erinnerungen an jene heilsgeschichtliche Rolle, die sich die USA zuschreiben – was seinen Standpunkt nicht stärkt.

Zhaos Fundamentalkritik der Neuen Weltordnung samt Forderung, wonach das »gegenwärtige internationale Dominanzsystem« fallen müsse, erzeugt beim Rezensenten derweil keinen Dissens. Gleichwohl kommt erneut Argwohn auf, wenn Zhao die »Etablierung eines Weltsystems« einfordert, das auf »universaler Koexistenzialität« basiere. Nur: Wer setzt weltweit Ordnungsprinzipien durch? Wer sagt, daß die »Welt der Inklusion aller möglichen Welten« keine neuen Widersprüche hervorruft?

Gewiß: Die Analysen des globalen Imperialismus der USA, dessen Quintessenz die Vermählung von »globalisierter politischer Macht, globalisiertem Kapital sowie einem globalisierten Sprachmarkt« darstelle, ist wortgewaltig; die Denunziation der menschenrechtlich-universalistisch verschleierten Kriegshistorie stringent; die Wendung, wonach es den USA gelungen sei, »drei Rollen in sich zu vereinen: mitzuspielen, die Regeln festzusetzen und die Art des Spiels zu bestimmen«, pointiert.

Doch warum der »kompatible Universalismus« des Tianxia-Designs weniger Konflikte verursachen würde als der »unilaterale Universalismus« des Westens, leuchtet in der Beweisführung nicht vollends ein.

Herausragend sind die abschließenden Betrachtungen. Zhao untersucht, wie jeder Mensch komplexen digitalen Systemen unterworfen ist. Eine »Diktatur neuen Stils« als »paradoxes Produkt von Freiheit und Demokratie« entstehe, die durch eine »Publikatrie« als Herrschaft der veröffentlichten Meinung abgesichert werde:

Die Medien werden darüber entscheiden, welche Meinung willkommen ist, das Finanzkapital darüber, was als profitable Aktion anzusehen ist, die Hochtechnologie über all das, was in Zukunft möglich sein wird.

Diese »Dreieinigkeit von Kapital, Technologie und Dienstleistung« sei die neue »globale systemische Macht«, ihre Ideologie der (US-sozialisierte) »technokratische Idealismus«.

Aber wieso soll das Tianxia-System als eine »den Staaten übergeordnete Weltordnung« die »technologische Diktatur« verhindern? Daß Zhao Tingyang einräumen muß, daß sein Ideal schlechterdings »schwer realisierbar« sei, spricht für die Fähigkeit zur Selbstkritik.

Daß diese Idee aber »das Ende der Hegemonialsysteme« bedeuten würde, kann man kaum glauben. Eher würde dies die Ablösung der US-Hegemonie durch die Installation einer chinesischen bedeuten. Daß letztere mehr geistigen Tiefgang mit sich bringen würde, beweist vorliegende Schrift; daß für Eu­ropa die Eingliederung in das Tianxia-Systemdesign wohl Subordination verhieße, ebenso.

Gelesen haben sollte man das Buch trotz der Einwände: Es gehört zu den meinungsstärksten Büchern unter dem Himmel.

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Zhao Tingyang: Alles unter dem Himmel. Vergangenheit und Zukunft der Weltordnung (= suhrkamp taschenbuch wissenschaft), Berlin: Suhrkamp 2020. 266 S., 22 € – hier bestellen.


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.


Kommentare (15)

RMH

30. März 2021 16:04

Danke! So sieht eine differenzierende Rezension aus.

tearjerker

30. März 2021 17:34

Anmerkung: Henry Kissinger beschreibt in seinem Buch China (vor 10 Jahren erschienen) den amerikanischen Blick auf die chinesische Politik und  die Position der amerikanischen Aussenpolitik, die bereits seit den 70ger Jahren die Begriffe Himmel, Mitte, Hierarchie, Welt, Tribut, Opfer in den Mittelpunkt ihrer Analysen stellt um die sich anbahnende Machtverschiebung zugunsten eines von China aus kontrollierten eurasischen Blocks zwischen Tokio und Emden verstehen und bekämpfen zu können. Ohne das Buch Zhaos gelesen zu haben, klingen seine Thesen doch sehr nach Funktionärsprosa, die sich jetzt um den Erzählrahmen für die  technologische Diktatur und wie man sie verhindert bemüht, so wie man sich in den 60gern irgendwelchen Blödsinn ausdachte um Ideen wie den Grossen Sprung zu bewerben.

WienPragDresden

31. März 2021 00:23

Zhaos Insinuation, dass ausgerechnet China eine technokratische Diktatur verhindern würde oder verhindern wollte, würde ich mit einem definitiv nicht-chinesischen Begriff beschreiben wollen: Chuzpe. Sieht so aus, dass die Lügen des westlichen Universalismus (die übrigens von vielen Europäern und US-Amerikanern aufrichtig geglaubt und mit viel Idealismus verfochten wurden und werden) künftig durch die Lügen eines östlichen Universalismus harmonisch ergänzt werden. Wenn ich etwas von zwangloser Ko-operation höre, erinnert mich das fatal an die "sozialistischen Bruderstaaten" einerseits und den "zwanglosen Zwang des besseren Arguments" (der bei Habermas et.al. realiter immer im akademischen Terrorisieren Andersdenkender bestanden hat) andererseits. Offenbar schickt China sich an, seinen eigenen Exzeptionalismus zu konstruieren und die Philosophie polstert den Rohbau fleißig aus. Na, denn! 

Franz Bettinger

31. März 2021 06:43

"Rechte und Pflichten von Herrschern und Beherrschten …“ Das ist, sorry: Candy coated Crap! Es stellen sich nämlich sofort folgende Fragen: Wer darf herrschen? Und wer muss gehorchen? (1) Leitet sich das Recht zu Herrschen von der Geburt ab (bei Königskindern)? (2) Oder aufgrund erbrachter Leistung? (3) Oder aufgrund von Talenten, seien sie erworben oder ererbt?

Ersteres (den Stammbaum) können wir nicht akzeptieren. Das Zweite und Dritte schon. Wenn die Besten (die Bewährtesten und Talentiertesten) also herrschen sollen, wie ermittelt man sie dann?  Natürlich anhand des Kapitals, das die Menschen mitbringen oder aufgebaut haben (ich benutze den Ausdruck mit Absicht), d. h. anhand ihres erworbenen oder ererbten Besitzes an Talenten (über die man freilich streiten kann).

Gehört Geld dazu? Ich meine ja. Geld ist meist der Ausdruck von beruflichem Erfolg, der sich nur einstellt, wenn man der Gemeinschaft etwas Bewährtes in Form von Rat und Tat zur Verfügung stellt. So ein System braucht nicht neu erfunden zu werden; es existiert schon und nennt sich Kapitalismus. Man muss ihm nur die Flausen austreiben und seine Auswüchse (wie den Aktienmarkt) bekämpfen. 

Franz Bettinger

31. März 2021 07:12

„Das gegenwärtige internationale - wieso die Einschränkung auf international? Wieso nicht das nationale und auch inter-personelle? - Dominanz-System muss fallen“. Nein, muss es nicht. Dominanz ist natürlich, sie gründet i.d.R. auf Leistung. Das Gegenteil (wenn der Schwache und Nichtsnutzige das Sagen hätte) wäre sehr kontraproduktiv, wenn nicht fatal. Es muss jedoch sichergestellt sein, dass die Dominanz (Stärke, Kompetenz) auch wirklich zu recht besteht und nicht durch Bluffs vorgespielt wird (wie zur Zeit infolge von gekauften Wissenschaftlern). Das aber geht nur durch ständige Beweis-Forderungen, d. h. durch Konkurrenz auf einem möglichst transparenten freien Markt. Was ich beklage, ist nicht das System K als solches, sondern seine Auswüchse. Was die Globalisten (hinter ihren wohlklingenden Neologismen und pseudohumanem Nebel) in Wahrheit beabsichtigen, ist das Kind (unseres der Demokratie) mit dem Bade auszuleeren!

RMH

31. März 2021 09:46

Was hier aus China vorgetragen wird, ist nicht der Vorschlag einer universalen Weltharmonie sondern der Austausch von einem Imperialismus durch einen anderen. Der Tausch von westlicher, pervertierter Wertetyrannei durch  östlichen Imperialismus im Stile von "ragt ein Nagel heraus, dann Schlag ihn ein" (gut, dass ist jetzt ein Prinzip aus Japan, aber auch Japan hat Konfuzius verinnerlicht).

Meine Damen und Herren,

das kann nun wahrlich nicht die Antwort auf den Reset und die sich zunächst soft zeigende, aber sich mit großen Schritten etablierende Tyrannei sein. 

Imagine

31. März 2021 11:32

@Franz Bettinger   31. März 2021 06:43
„Geld ist meist der Ausdruck von beruflichem Erfolg, der sich nur einstellt, wenn man der Gemeinschaft etwas Bewährtes in Form von Rat und Tat zur Verfügung stellt. So ein System braucht nicht neu erfunden zu werden; es existiert schon und nennt sich Kapitalismus. Man muss ihm nur die Flausen austreiben und seine Auswüchse (wie den Aktienmarkt) bekämpfen.“

Dann ist ja alles in Ordnung. Elon Musk, Jeff Bezos, Bill Gates, Mark Zuckerberg et al. beherrschen zu Recht unsere Welt und bringen im Interesse des Gemeinwohls und des menschlichen Fortschritt die Leistungsfähigsten und Tüchtigsten in staatliche Führungspositionen, so wie Barack Obama, Joe Biden, Angela Merkel, Ursula von der Leyen, Jean-Claude Juncker, Nicolas Sarkozy, Emmanuel Macron, Mario Draghi, Silvio Berlusconi etc. Und jemand wie Annegret Kramp-Karrenbauer wird aufgrund ihrer militärpolitischen Kompetenz Verteidigungsministerin.

So wie Sie, Herr Bettinger, sich die Welt zusammenphantasieren, so ist sie nicht. Der Kapitalismus ist nicht das ideale Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, dem man nur ein paar Flausen und Auswüchse austreiben muss.
 

Imagine

31. März 2021 11:37

2

Das Leben in Deutschland in der Nachkriegszeit war nicht schlecht, für wirtschaftlich erfolgreiche kleinbürgerliche Schichten vielleicht das beste im historischen Vergleich. Man lebte auf der Sonnenseite des Empire. Ein Arzt wie Sie brauchte keine Angst vor Arbeitslosigkeit oder Altersarmut haben. Die liberale Gesellschaft gewährte viele Konsum- und Freizeitmöglichkeiten.

Im obersten Viertel der BRD-Gesellschaft lebt es sich nach wie vor ökonomisch noch ganz gut, auch wenn die meisten nicht den Lebensstandard ihrer Eltern hinsichtlich Reallohn, Einkommens- und Arbeitsplatzsicherheit, Hauseigentum etc. erreichen (werden). Aber es lebt sich besser. als z.B. in Süd- oder Osteuropa, wo auch akademisch Qualifizierte – einschließlich der Ärztinnen – zu Migration und Nomadendasein gezwungen werden.

Mit der individuellen Freiheit sieht es auch nicht mehr so rosig aus. Political correctness, Masken-Maulkörbe, Freiheits- und Konsumeinschränkungen, Impfzwänge etc. verändern den Alltag. Vor allem auch die Konformitätszwänge im Arbeitsleben. Nicht zu vergessen die totale Überwachung, welche Edward Snowden publik machte, und die immer mehr technisch perfektioniert wird.

Zudem steht das Wirtschaftssystem permanent am Rande eines Kollapses. Mit Wohlstand, Rechts- und Sozialstaat geht es ständig abwärts. Demokratie existiert nur noch als Simulation.
 

limes

31. März 2021 12:20

Alles unter dem Himmel ist dem Widerspruch ausgesetzt. Wenn immer Menschen einem Verführer folgen, der den großen Widerspruch aufzulösen vorgibt, bezahlen sie mit ihrer Freiheit, mit ihren Habseligkeiten und oft auch mit ihrem Leben.

Gott lässt sich nicht austricksen.

Franz Bettinger

31. März 2021 12:23

@Imagine: Sie haben exemplarisch mit Merkel und Co. ein paar der von mir beklagten Auswüchse benannt. Sie können den Genannten noch ein paar zig-tausend andere Personen hinzufügen; damit bestätigen Sie nur meine Grundannahme. Oder wollen Sie bestreiten, dass die Mehrzahl der Menschen ihr Geld mit ordentlicher Arbeit verdient?

Sie schreiben weiter: "Ein Arzt muss keine Angst vor Arbeitslosigkeit haben.“  Meinetwegen. Aber Sie wissen wahrscheinlich, dass die Berufsgruppe mit der niedrigsten Lebenserwartung und unabhängig davon höchsten Selbstmord -Rate der Arztberuf ist.  Will sagen:  Es gibt außer Geld also noch andere Gefahren, die mit dem Überarbeitet-Sein, mieser work-life-balance und dem Sinn des Lebens zu tun haben. Sie kaprizieren sich zu viel auf’s Geld. 

RMH

31. März 2021 13:01

"Sie kaprizieren sich zu viel auf’s Geld."

Das ist das Wesen der Materialisten und Linken und in diesem Punkt treffen sie sich perfekt mit den Kapitalisten.

Erst kommt das Fressen, dann die Moral.

Pfarrer Milch (R.I.P.) sprach in einer seiner Reden: Humanisierung - in Wahrheit Bestialisierung.

@F. Bettinger,

Ärzte wissen aus eigener Erfahrung auch, wann man am besten die Reißleine zieht. Ein mit sehr gut bekannter Urologe hat nach seiner Krebs-Diagnose noch rechtzeitig vor der Phase, wo man es nicht mehr so ohne weiteres in der eigenen Hand haben kann, Adieu gesagt. Andere Berufsgruppen merken es nicht und werden bis zum Schluss eben "totgepflegt". Das könnte einer der Bausteine von vielen sein, warum Ärzte erhöhte Raten haben.

Laurenz

31. März 2021 13:07

 

@Imagine

"Das Leben in Deutschland in der Nachkriegszeit war nicht schlecht, für wirtschaftlich erfolgreiche kleinbürgerliche Schichten vielleicht das beste im historischen Vergleich."

Das haben Sie exakt erfaßt & formuliert. Man könnte noch die 6 Vorkriegsjahre dazu addieren. Und das passierte nur, weil ein politisches Wohlstandsgefälle an dieser brisanten Grenze zum Warschauer Pakt etabliert werden mußte.

Und es ist exakt dieser Maßstab, der für die chinesische Führung zählt.

@alle

Auch in diesem Debattenstrang muß ich Ihnen vorhalten, daß die Ihre Beurteilung & Weltsicht arg verwunderlich sind. BK hat es doch geschrieben,

"Denn die Schrift Zhao Tingyangs (* 1961) stellt keine Meinungsäußerung innerhalb eines europäischen Lesern vertrauten Weltanschauungs- und Wertespektrums dar, sondern wartet mit fundamental anderen Parametern auf".

Dieses Konstrukt, auf das Sich BK bezieht, unterscheidet sich kaum von dem, in welchem wir an die 1.500 Jahre lebten, nur mit Gott, anstatt dem Großen Führer. Die Kirchen überlebten, weil sie die Aufklärung mitmachten. Während der Adel bis 1918 von den Freimaurern abgelöst wurde. Wieso sind Sie alle gegenüber einem chinesischen Philosophen so "aufgeklärt" & gegenüber dem Genossen Paulus nicht?

Imagine

31. März 2021 13:55

@Franz Bettinger    31. März 2021 12:23
„Oder wollen Sie bestreiten, dass die Mehrzahl der Menschen ihr Geld mit ordentlicher Arbeit verdient?“

Ja, dies bestreite ich und kann dafür gute und empirisch gestützte Gründe anführen.

Zum einen:
Es gibt viele Menschen, die mit ordentlicher Arbeit Geld verdienen, z.B. in der Kranken- und Altenpflege, als Putz-, Reinigungs- Müllarbeiter, in der Versorgung der Menschen, so als VerkäuferInnen, in der Gastronomie oder Touristik. Aber diese Menschen verdienen mit ordentlicher Arbeit kein ordentliches Geld. Gerade bei diesen elementaren Dienstleistungsjobs gibt es viele Working Poor.

Die Mehrzahl Dienstleistungsjobs - insbesondere der akademischen - sind objektiv parasitär, in den Medien, in der Werbung und PR, in den ideologischen Tätigkeiten, in der Unterhaltung und „Tittytainment“ etc. Die sind objektiv gesellschaftlich überflüssig, weil sie für die Gesellschaft keine wirklichen Nutzen erbringen und nur dem Herrschaftserhalt dienen – das sind Bullshit-Jobs.

„Sie schreiben weiter: "Ein Arzt muss keine Angst vor Arbeitslosigkeit haben.“  Meinetwegen. Aber Sie wissen wahrscheinlich, dass die Berufsgruppe mit der niedrigsten Lebenserwartung und unabhängig davon höchsten Selbstmord -Rate der Arztberuf ist.“
Sicher weiß ich dies. Die Suizid- und Suchtrate ist dreimal so hoch wie bei der Normalbevölkerung und die Lebenserwartung geringer.

Imagine

31. März 2021 13:56

2/2

Unter den heutigen Bedingungen würde ich auch nicht mehr Medizin studieren und den Arztberuf ergreifen. Ich bin kein Masochist mit Helfersyndrom.

@Bettinger:
„Will sagen: Es gibt außer Geld also noch andere Gefahren, die mit dem Überarbeitet-Sein, mieser work-life-balance und dem Sinn des Lebens zu tun haben. Sie kaprizieren sich zu viel auf’s Geld.“

Nein, im Gegenteil.

Aber ich habe als Kind erlebt, was Armut bedeutet, nämlich Unfreiheit und Exklusion von vielen Lebensbereichen.

Reichtum interessiert mich nicht. Ich brauche keine Villa, keine Yacht oder gar ein Flugzeug. Ich brauche kein Erwerbseinkommen von mehreren hunderttausend Mark. Das hatte ich zeitweilig als niedergelassener Arzt mit sehr großer Praxis. Habe das ein paar Jahre gemacht, um eine finanzielle Absicherung aufzubauen, die ich von zu Hause aus nicht hatte. Danach arbeitete ich als ärztlicher Psychotherapeut mit einem Einkommen in Höhe eines Lehrers. Später bin ich dann an die Hochschule gewechselt. Und als Professor meine Freiheit in Forschung und Lehre genutzt, um die Studenten über die gesellschaftliche Wirklichkeit aufzuklären, so wie das zumindest ein Teil unserer Lehrer damals getan hat.

Flaneur

31. März 2021 19:22

@RMH

Jein. China stellt Infrastrukturprojekte zur Verfügung und bestimmt dafür die Bedingungen. Immerhin bleibt dem Empfängerland die Infrastruktur zur Nutzung. Der Westen gibt Geld und Kredite. Beides landet zu einem ganz erheblichen Teil in den Taschen lokaler politischer Eliten, die es wiederum auf Konten in den Geberländer sichern. Damit wiiederum machen sie sich abhängig, da die Sanktionspoliifk des Westens die dort gesicherten Vermögenswerte unter Vorbehalt stellen. In der Infrastruktur landet kaum etwas.  Die alte Dependemztheorie hat diese Schema wunderbar beschrieben und weiter ausgefeilt. Imperialistisch sind letztlich beide Formen der sogenannten Entwicklungshilfe. Das chinesische Modell scheint mir den Empfängerländern aber mehr zu bringen. Insofern: Ja, ein Imperialismus wird gegen den anderen ausgetauscht, aber der chinesische ist in Bezug auf eine gewünschte perspektivische Entwicklung der Empfängerländer besser.

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