7. April 2021

Literatur-Gespräche: zum Abschluß Horst Lange

Götz Kubitschek / 15 Kommentare

Erik Lehnert und ich haben die zweite Viererstaffel unserer Literaturgespräche abgeschlossen, die live aus Schnellroda gesendet werden.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Es ging um Horst Lange. Die eingefleischten Leser unserer Verlagsproduktion kennen ihn als den Autor der Erzählung Die Leuchtkugeln.

Sie erschien zusammen mit der Skizze Auf den Hügeln vor Moskau in der Literaturreihe nordost bei Antaios und bildete mit Jean Raspails Sieben Reiter den Auftakt dieses verlegerischen Nebenpfads.

Das vollständige Video des Abends kann hier angesehen werden.

Die Leuchtkugeln jedenfalls: Sie sind hier in unserer eigens illustrierten Ausgabe erhältlich. Sie galten dem Dramatiker Zuckmayer als die wohl beste Erzählung aus dem Zweiten Weltkrieg. Horst Lange schrieb diesen Text, während er mit einer schweren Augenverletzung im Lazarett lag. Er hatte als Pionier den überraschenden und hastigen Rückzug vor Moskau mit abgesichert und war bei einer Sprengung verwundet worden.

Lehnert und ich werden Langes Leben anhand biographischer Skizzen, Tagebücher und einer vollständigen Übersicht über sein Werk vorstellen. Lange war Schlesier, wurde 1904 geboren und starb 1971 in Bayern, wohin er kurz vor Kriegsende 1945 abkommandiert worden war.

Er war Teil einer anspruchsvollen Künstlergruppe, die sich um den Verleger V.O. Stomps und die Zeitschrift Die Kolonne sammelte und eines der vielen Sprachrohre der durch Kriegsniederlage und Systemversagen haltlosen und "ordnungsfanatischen" Generation. Eine hervorragende Beschreibung dieser Gemengelage bietet der Sammelband Das gespaltene Bewußtsein des Germanisten Hans Dieter Schäfer (hier erhältlich), aus dem in der Neuausgabe bei Wallstein ausgerechnet und leider der Aufsatz über Horst Langes Tagebücher gestrichen wurde. Dennoch ist der Band unbedingt empfehlenswert: Wer das Durch- und Nebeneinander literarischen Schreibens im Dritten Reich und kurz davor und weit danach begreifen will, kommt an Schäfers Thesen und Detailstudien nicht vorbei.

Lange jedenfalls arbeitete ab 1930 programmatisch und künstlerisch zugleich. Zu seinen Freunden gehörten Günter Eich und Elisabeth Langgässer, Peter Huchel und Wilhelm Lehmann. Verheiratet war er mit Oda Schaefer, einer Lyrikerin und Erzählerin, deren Werk in unserem Gespräch einen Nebenzweig bilden wird. Schaefers Erinnerungen sind in bibliophiler Ausgabe zu haben (Band eins bis Februar 1945, Band zwei ab der Flucht aus Berlin)

Viel ist von Lange nicht mehr lieferbar: Von seinem Hauptwerk, dem Roman Schwarze Weide, gibt es in der "Vergessenen Bibliothek" eine Ausgabe (hier zu haben), zu der ich vor rund fünfzehn Jahren ein Nachwort beisteuern konnte. Dieses Nachwort basiert auf einem Autorenporträt, das in Sezession 7 zum hundertsten Geburtstag Langes erschienen war (hier kann man es lesen).

Langes Tagebücher aus dem II. Weltkrieg habe ich oben schon erwähnt, sie sind ein authentisches und mutiges Dokument, das im zweiten Teil die Zerstörung Berlins und das Grauen des Bombenkriegs auf intensive Weise dokumentiert. Diese Tagebücher sind hier als Nachdruck erhältlich. Lange war ein hellwacher Beobachter und ein an der intellektuellen Auseinandersetzung seiner Zeit beteiligter Autor. Er wollte etwas, hatte etwas vor, urteilte scharf und bestimmt.

Zweite Garde? Das hätte nach dem Erscheinen der Schwarzen Weide (1937) und der Ulanenpatrouille (1940) niemand über ihn gesagt. Sein Roman war ebenso ein literarisches Ereignis wie Der Vater von Jochen Klepper, und jemanden wie ihn aus der Vergessenheit zu holen, ist für Lehnert und mich eine großartige Aufgabe.

Also: Heute, Mittwoch, 19.30 auf kanal schnellroda (hier einwählen und abonnieren!).


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.


Kommentare (15)

brueckenbauer

6. April 2021 13:07

Langes Gedicht "Die Katzen" war in allerlei Anthologien zu finden, das einzige, was ich bisher gelesen habe. Bei Kurzgeschichten ist das Problem, dass es zu wenige Anthologien gab - zunächst fallen mir nur die von Reich-Ranicki, und der war auf diesem Gebiet wohl tatsächlich ein "gate-keeper". Andererseits war der konservative Gerd Gaiser immer auch in Anthologien präsent, z.B. auch bei Hermann Kesten. Wenn Lange so unbekannt blieb, dürfte es auch am Thema Weltkrieg, oder genauer gesagt Soldat, gelegen haben. Übrigens: Ist nicht auch in den USA das Thema Weltkrieg gewissermaßen vorsortiert? Was gut ankam, waren Stories von jungen Männern, die unvorbereitet in den Krieg gestürzt wurden, oder von den Schicksalen in Kriegsgefangenenlagern.

Niekisch

6. April 2021 15:18

Meinen Dank für das verdienstvolle Vorhaben von GK und EL! Ich drücke mich in den letzten Jahren um Kriegslektüre von Autoren, die selber dabei waren und entsprechend drastisch schildern. Mir reicht es, des öfteren nachts aus dem Schlaf zu schrecken, weil ich mich mal wieder im Traum vor Granateinschlägen in einen Trichter geflüchtet habe, einen brennend aus seinem Fahrzeug gekletterten Panzerfahrer dicht vor mir liegen sehe und den Brandgeruch in der Nase habe oder durch ein Minenfeld kriechen muss. Offenbar wurden die uns erzählten Erlebnisse der Väter, Großväter und Verwandten derart in uns jugendliche Nachkriegsmenschen eingebrannt und zu Traumata formiert, dass wir sie nie mehr loswerden. Also: Viel Erfolg, aber diesmal ohne mich!

H. M. Richter

6. April 2021 17:02

Als ich heute die SiN-Seite öffnete, las ich Lange, meine Augen schwenkten zum ersten Buchstaben des Vornamens, blieben hängen, ich sah ein H und las tatsächlich Hartmut Lange. Man findet bekanntlich, was man kennt, doch hier war es eine Täuschung, denn nicht er war gemeint, dessen Vater als Gendarmerie-Kommandant 1944 – als er sieben Jahre alt ist – kurz vor dem Eintreffen der Roten Armee in Naßwerder bei Posen erschossen wird, der danach zusammen mit seiner Mutter, mit der er 1945 sieben Monate in Gefangenschaft verbringen mußte, nach Berlin flüchtet, wo erst sein Bruder ermordet wird, bevor seine Mutter 1960 mit nur 55 Jahren starb, sondern jener Lange war gemeint mit dem Vornamen Horst.

Seit Jahrzehnten nun legt Hartmut Lange, viel zu wenig beachtet, meisterliche Novellen vor, Texte, die oftmals vom Bodenlosen handeln, und wenn er seinem 1984 erschienenen Band  Die Waldsteinsonate einen Satz von Ludwig Wittgenstein voranstellte – "Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen", – benannte er wohl die Quintessenz seines Schaffens.

Diesmal also Horst Lange im Literaturgespräch. Gut so. Hoffentlich folgt demnächst auch einmal der andere Lange.

anatol broder

7. April 2021 02:18

ich finde den ausdruck bombenkrieg interessant. er wirkt wie vom zweiten weltkrieg abgekoppelt.

links ist wo der daumen rechts ist

7. April 2021 05:54

Nachdem sich im Nachbarstrang wieder einmal die Kreuz- und Jedi-Ritter ins Gehege kamen und noch beim Lecken ihrer Wunden sind, geht es hier endlich wieder einmal zur Sache.
Nachtrag: der Scorsese-Film muß der größte Kitsch-Schinken, den man sich vorstellen kann, und als Blaupause für Formen "christlichen Widerstands" ohnehin kontraproduktiv sein.
Immerhin hat ein beherzter Forumskollege den Widerstand der "Roten Kapelle" entdeckt und zu würdigen gewußt; empfehle daher einmal die Auseinandersetzung mit einer Figur wie Werner Krauss.

Zurück zum Thema:
Sowenig es eine Generalamnestie für die Exzesse der Wehrmacht geben kann, sowenig lasse ich mir mein geheiligtes Balkenkreuz besudeln. Deshalb mein Vorschlag an Schnellroda, einmal eine Datenbank aus allen verfügbaren Kriegserzählungen aus deutscher Sicht anzulegen, wobei ja ein Großteil weit verstreut in Privatdrucken erschienen ist (wovon ich als Privatarchivar mit einem Gesamtbestand von > 250 000 Bänden ein Lied singen kann).
Vielleicht wird ja daraus eher was als aus dem verwordagelten Kriegs-Diskurs zu Kopetzkys "Propaganda".

Jedenfalls freue ich mich schon uneingeschränkt auf die Sendung über Horst Lange und erwähne als Ergänzung zu den Querfronten (oder -verläufen) bis 1945 ein Büchlein über Martin Raschke: Wilhelm Haefs/Walter Schmitz (Hg.), M.R. (1905-1943). Leben und Werk. Thelem 2002.
 

Laurenz

7. April 2021 08:45

Werde mir das wieder anschauen. Es gibt einem Einblick in das Reich der Schreiberlinge. Das ist für Leute, die, wie ich, nicht wirklich zu den Konsumenten gehören, eine Bildungs-Unterstützung, also genau das richtige, auch wenn die Sendung vielleicht auch mehr als Werbeträger gedacht ist. So schlägt sie mehrere Aspekte in einem Streich.

@Niekisch

Kann Sie verstehen, habe die Kriegstraumata meines Vaters & die meiner Großväter unfreiwillig geerbt. Von daher kann ich Soldaten-Leid nur schwer ertragen. Trotzdem werde ich mir die Sendung ansehen.

Kann Ihnen nur empfehlen, machen Sie eine Körper-Therapie, wird leider von der Kasse nicht bezahlt wird, die hilft aber. Man lernt, auf eigenes Kommando den Abstand zu den Greuel einzunehmen und im Bedarfsfall auch zu behalten.

Nemo Obligatur

7. April 2021 08:50

@ daumen rechts

"Deshalb mein Vorschlag an Schnellroda, einmal eine Datenbank aus allen verfügbaren Kriegserzählungen aus deutscher Sicht anzulegen,..."

Hat nicht Walter Kempowski im Rahmen seines Echolots etwas ganz Ähnliches unternommen, nur nicht mit Privatdrucken sondern Tagebüchern, Briefen etc.? Das müsste doch in Nartum alles archiviert sein.

Laurenz

7. April 2021 08:54

@links ist wo der daumen rechts ist

Es ist kein Fehler über die eigene Geschichte sehr genau Bescheid zu wissen. Aber die globale Fokussierung auf Deutsche Geschichte im Zusammenhang mit den Weltkriegen, reißt die Ereignisse immer aus dem zeitgeistigen Zusammenhang und teleportiert sie in die Gegenwart, wo man ihnen mit Verständnislosigkeit begegnet. Aber wir sind gar nicht die Protagonisten unserer eigenen Geschichte.

Von daher besteht ein globaler Mangel an Geschichte überhaupt. Wen man also die Weltgeschichte tatsächlich von oben betrachtet, wird die Entfesselung eines Weltkriegs durch einen kleinen Industriestaat, wie Deutschland oder Japan, zur logischen Pharce und stellt damit das aktuelle Geschichtsbild, welches immer noch dem Größenwahn huldigt, in Frage. Und ohne Fragen keine Debatte.

Imagine

7. April 2021 11:25

1/2

@Laurenz   7. April 2021 08:54
„Wenn man also die Weltgeschichte tatsächlich von oben betrachtet, wird die Entfesselung eines Weltkriegs durch einen kleinen Industriestaat, wie Deutschland oder Japan, zur logischen Pharce und stellt damit das aktuelle Geschichtsbild, welches immer noch dem Größenwahn huldigt, in Frage.“

Der deutsche Größenwahn in Kombination mit politischer Beschränktheit.

„Von oben betrachtet“, konnte Deutschland nie mit militärischen Mittel führende Weltmacht werden, mit geistigen Mitteln wäre dies möglich gewesen.

Aber der Adel als herrschende Klasse dachte in den primitiven Kategorien physischer Gewalt, also des Militärs und des Kriegs. Seine Ökonomie war immer primitive Raub- und Ausbeutungsökonomie gewesen.

Nur das Bürgertum dachte in den Kategorien, von Produktion und Handel, von Wissenschaft und Technik. Aber das Bürgertum war in Deutschland nie herrschende Klasse.
 

Imagine

7. April 2021 11:26

2/2

Der Artikel in der NZZ v. 4.4.21 «Die Apotheke der Welt»: Wie Deutschland vor 120 Jahren dieses Prädikat erwarb – und es dann wieder verlor zeigt genau dieses Dilemma Deutschlands.

„Dass Deutsch zur damaligen Zeit in den naturwissenschaftlichen Fächern, in der Medizin und zum Teil auch in den Geisteswissenschaften die Wissenschaftssprache der Welt war, dürfte indirekt ebenfalls zum Erfolg der Branche beigetragen haben, sagt Leven. Zudem sei zu dieser Zeit die Berliner Charité ein Forschungsinstitut von Weltrang gewesen.
Der erste Bruch der Erfolgsgeschichte ist mit dem Ersten Weltkrieg gekommen. Die deutschen Unternehmen verloren zwischen 1914 und 1918 die sehr wichtigen Exportmärkte, und ausländische Tochtergesellschaften wurden teilweise enteignet. So kam es beispielsweise zur Trennung der deutschen Merck von ihrer einstigen amerikanischen Tochtergesellschaft. Ab Kriegsbeginn hatte ferner Deutsch als Wissenschaftssprache keine Chance mehr, da sich auch die Wissenschafter entlang der Kriegsparteien verfeindeten und deutsche Forscher direkt nach dem Krieg für Jahre ausgegrenzt worden sind.“

Deutschland hat durch die parasitäre Adelsherrschaft und deren geistige Zurückgebliebenheit, welche wie im Mittelalter die Welt militärisch durch Kriege erobern wollte, alles verloren.

Niekisch

7. April 2021 15:02

@ Laurenz: Sie bestätigen mich doch: Entfesselung, d.h. vorsätzliches Herbeiführen trotz Kenntnis totaler materieller Unterlegenheit? Warum eigentlich waren Hitler und Göring geradezu erstarrt, als Britannien am 3.9.39 dem Deutschen Reich den Krieg erklärte? 

Sie schiessen wie fast immer schnell wie ein MG, aber die Streuung ist zu groß...

Maiordomus

8. April 2021 09:09

Ich stelle fest, dass der genannte Autor Horst Lange einer der wichtigen Aussenseiter der deutschen Geistesgeschichte ist, dem offenbar, auch im Gegensatz etwa zu christlich  Orientierten wie A. Goes, W. Bergengruen, E. Schaper u. R. Schneider die entsprechende seilschaftliche Vernetzung fehlte, weswegen es umso verdienstvoller ist, auf ihn aufmerksam zu machen.

Koek Boeri

8. April 2021 12:42

Sie galten dem Dramatiker Zuckmayer als die wohl beste Erzählung aus dem Zweiten Weltkrieg.

****

Schon interessant, habe noch nicht gelesen, aber es sieht so aus, zumindest nach den Bewertungen bei Amazon, dass das Buch wirklich lesenswert ist.

Für mich war (und bleibt) "Die Stunde der toten Augen" von Harry Thürk die beste, oder eine der besten, Kriegserzählungen aus dem 2. WK. Obwohl da ja kommunistische Zensur leider gewissermassen das Buch verdorben hat.

Niekisch

8. April 2021 15:34

Viele reihen Erich Kern(mayer) in die flache Literatur ein, für mich ist der Endkriegsroman "Die Uhr blieb stehen", Welsermühl 1953, immer noch eines der eindrücklichsten und ehrlichsten Werke zum Zweiten Weltkrieg. 

Götz Kubitschek

8. April 2021 15:43

badeschluß bis september. kubitschek

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