Literatur-Gespräche: zum Abschluß Horst Lange

Erik Lehnert und ich haben die zweite Viererstaffel unserer Literaturgespräche abgeschlossen, die live aus Schnellroda gesendet werden.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Es ging um Horst Lan­ge. Die ein­ge­fleisch­ten Leser unse­rer Ver­lags­pro­duk­ti­on ken­nen ihn als den Autor der Erzäh­lung Die Leucht­ku­geln.

Sie erschien zusam­men mit der Skiz­ze Auf den Hügeln vor Mos­kau in der Lite­ra­tur­rei­he nord­ost bei Antai­os und bil­de­te mit Jean Ras­pails Sie­ben Rei­ter den Auf­takt die­ses ver­le­ge­ri­schen Nebenpfads.

Das voll­stän­di­ge Video des Abends kann hier ange­se­hen werden.

Die Leucht­ku­geln jeden­falls: Sie sind hier in unse­rer eigens illus­trier­ten Aus­ga­be erhält­lich. Sie gal­ten dem Dra­ma­ti­ker Zuck­may­er als die wohl bes­te Erzäh­lung aus dem Zwei­ten Welt­krieg. Horst Lan­ge schrieb die­sen Text, wäh­rend er mit einer schwe­ren Augen­ver­let­zung im Laza­rett lag. Er hat­te als Pio­nier den über­ra­schen­den und has­ti­gen Rück­zug vor Mos­kau mit abge­si­chert und war bei einer Spren­gung ver­wun­det worden.

Leh­nert und ich wer­den Lan­ges Leben anhand bio­gra­phi­scher Skiz­zen, Tage­bü­cher und einer voll­stän­di­gen Über­sicht über sein Werk vor­stel­len. Lan­ge war Schle­si­er, wur­de 1904 gebo­ren und starb 1971 in Bay­ern, wohin er kurz vor Kriegs­en­de 1945 abkom­man­diert wor­den war.

Er war Teil einer anspruchs­vol­len Künst­ler­grup­pe, die sich um den Ver­le­ger V.O. Stomps und die Zeit­schrift Die Kolon­ne sam­mel­te und eines der vie­len Sprach­roh­re der durch Kriegs­nie­der­la­ge und Sys­tem­ver­sa­gen halt­lo­sen und “ord­nungs­fa­na­ti­schen” Genera­ti­on. Eine her­vor­ra­gen­de Beschrei­bung die­ser Gemenge­la­ge bie­tet der Sam­mel­band Das gespal­te­ne Bewußt­sein des Ger­ma­nis­ten Hans Die­ter Schä­fer (hier erhält­lich), aus dem in der Neu­aus­ga­be bei Wall­stein aus­ge­rech­net und lei­der der Auf­satz über Horst Lan­ges Tage­bü­cher gestri­chen wur­de. Den­noch ist der Band unbe­dingt emp­feh­lens­wert: Wer das Durch- und Neben­ein­an­der lite­ra­ri­schen Schrei­bens im Drit­ten Reich und kurz davor und weit danach begrei­fen will, kommt an Schä­fers The­sen und Detail­stu­di­en nicht vorbei.

Lan­ge jeden­falls arbei­te­te ab 1930 pro­gram­ma­tisch und künst­le­risch zugleich. Zu sei­nen Freun­den gehör­ten Gün­ter Eich und Eli­sa­beth Lang­gäs­ser, Peter Huchel und Wil­helm Leh­mann. Ver­hei­ra­tet war er mit Oda Schae­fer, einer Lyri­ke­rin und Erzäh­le­rin, deren Werk in unse­rem Gespräch einen Neben­zweig bil­den wird. Schae­fers Erin­ne­run­gen sind in biblio­phi­ler Aus­ga­be zu haben (Band eins bis Febru­ar 1945, Band zwei ab der Flucht aus Ber­lin)

Viel ist von Lan­ge nicht mehr lie­fer­bar: Von sei­nem Haupt­werk, dem Roman Schwar­ze Wei­de, gibt es in der “Ver­ges­se­nen Biblio­thek” eine Aus­ga­be, zu der ich vor rund fünf­zehn Jah­ren ein Nach­wort bei­steu­ern konn­te. Die­ses Nach­wort basiert auf einem Autoren­por­trät, das in Sezes­si­on 7 zum hun­derts­ten Geburts­tag Lan­ges erschie­nen war (hier kann man es lesen).

Lan­ges Tage­bü­cher aus dem II. Welt­krieg habe ich oben schon erwähnt, sie sind ein authen­ti­sches und muti­ges Doku­ment, das im zwei­ten Teil die Zer­stö­rung Ber­lins und das Grau­en des Bom­ben­kriegs auf inten­si­ve Wei­se doku­men­tiert. Die­se Tage­bü­cher sind hier als Nach­druck erhält­lich. Lan­ge war ein hell­wa­cher Beob­ach­ter und ein an der intel­lek­tu­el­len Aus­ein­an­der­set­zung sei­ner Zeit betei­lig­ter Autor. Er woll­te etwas, hat­te etwas vor, urteil­te scharf und bestimmt.

Zwei­te Gar­de? Das hät­te nach dem Erschei­nen der Schwar­zen Wei­de (1937) und der Ula­nen­pa­trouil­le (1940) nie­mand über ihn gesagt. Sein Roman war eben­so ein lite­ra­ri­sches Ereig­nis wie Der Vater von Jochen Klep­per, und jeman­den wie ihn aus der Ver­ges­sen­heit zu holen, ist für Leh­nert und mich eine groß­ar­ti­ge Aufgabe.

Also: Heu­te, Mitt­woch, 19.30 auf kanal schnell­ro­da (hier ein­wäh­len und abon­nie­ren!).

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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Kommentare (15)

brueckenbauer

6. April 2021 13:07

Langes Gedicht "Die Katzen" war in allerlei Anthologien zu finden, das einzige, was ich bisher gelesen habe. Bei Kurzgeschichten ist das Problem, dass es zu wenige Anthologien gab - zunächst fallen mir nur die von Reich-Ranicki, und der war auf diesem Gebiet wohl tatsächlich ein "gate-keeper". Andererseits war der konservative Gerd Gaiser immer auch in Anthologien präsent, z.B. auch bei Hermann Kesten. Wenn Lange so unbekannt blieb, dürfte es auch am Thema Weltkrieg, oder genauer gesagt Soldat, gelegen haben. Übrigens: Ist nicht auch in den USA das Thema Weltkrieg gewissermaßen vorsortiert? Was gut ankam, waren Stories von jungen Männern, die unvorbereitet in den Krieg gestürzt wurden, oder von den Schicksalen in Kriegsgefangenenlagern.

Niekisch

6. April 2021 15:18

Meinen Dank für das verdienstvolle Vorhaben von GK und EL! Ich drücke mich in den letzten Jahren um Kriegslektüre von Autoren, die selber dabei waren und entsprechend drastisch schildern. Mir reicht es, des öfteren nachts aus dem Schlaf zu schrecken, weil ich mich mal wieder im Traum vor Granateinschlägen in einen Trichter geflüchtet habe, einen brennend aus seinem Fahrzeug gekletterten Panzerfahrer dicht vor mir liegen sehe und den Brandgeruch in der Nase habe oder durch ein Minenfeld kriechen muss. Offenbar wurden die uns erzählten Erlebnisse der Väter, Großväter und Verwandten derart in uns jugendliche Nachkriegsmenschen eingebrannt und zu Traumata formiert, dass wir sie nie mehr loswerden. Also: Viel Erfolg, aber diesmal ohne mich!

H. M. Richter

6. April 2021 17:02

Als ich heute die SiN-Seite öffnete, las ich Lange, meine Augen schwenkten zum ersten Buchstaben des Vornamens, blieben hängen, ich sah ein H und las tatsächlich Hartmut Lange. Man findet bekanntlich, was man kennt, doch hier war es eine Täuschung, denn nicht er war gemeint, dessen Vater als Gendarmerie-Kommandant 1944 – als er sieben Jahre alt ist – kurz vor dem Eintreffen der Roten Armee in Naßwerder bei Posen erschossen wird, der danach zusammen mit seiner Mutter, mit der er 1945 sieben Monate in Gefangenschaft verbringen mußte, nach Berlin flüchtet, wo erst sein Bruder ermordet wird, bevor seine Mutter 1960 mit nur 55 Jahren starb, sondern jener Lange war gemeint mit dem Vornamen Horst.

Seit Jahrzehnten nun legt Hartmut Lange, viel zu wenig beachtet, meisterliche Novellen vor, Texte, die oftmals vom Bodenlosen handeln, und wenn er seinem 1984 erschienenen Band  Die Waldsteinsonate einen Satz von Ludwig Wittgenstein voranstellte – "Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen", – benannte er wohl die Quintessenz seines Schaffens.

Diesmal also Horst Lange im Literaturgespräch. Gut so. Hoffentlich folgt demnächst auch einmal der andere Lange.

anatol broder

7. April 2021 02:18

ich finde den ausdruck bombenkrieg interessant. er wirkt wie vom zweiten weltkrieg abgekoppelt.

links ist wo der daumen rechts ist

7. April 2021 05:54

Nachdem sich im Nachbarstrang wieder einmal die Kreuz- und Jedi-Ritter ins Gehege kamen und noch beim Lecken ihrer Wunden sind, geht es hier endlich wieder einmal zur Sache.
Nachtrag: der Scorsese-Film muß der größte Kitsch-Schinken, den man sich vorstellen kann, und als Blaupause für Formen "christlichen Widerstands" ohnehin kontraproduktiv sein.
Immerhin hat ein beherzter Forumskollege den Widerstand der "Roten Kapelle" entdeckt und zu würdigen gewußt; empfehle daher einmal die Auseinandersetzung mit einer Figur wie Werner Krauss.

Zurück zum Thema:
Sowenig es eine Generalamnestie für die Exzesse der Wehrmacht geben kann, sowenig lasse ich mir mein geheiligtes Balkenkreuz besudeln. Deshalb mein Vorschlag an Schnellroda, einmal eine Datenbank aus allen verfügbaren Kriegserzählungen aus deutscher Sicht anzulegen, wobei ja ein Großteil weit verstreut in Privatdrucken erschienen ist (wovon ich als Privatarchivar mit einem Gesamtbestand von > 250 000 Bänden ein Lied singen kann).
Vielleicht wird ja daraus eher was als aus dem verwordagelten Kriegs-Diskurs zu Kopetzkys "Propaganda".

Jedenfalls freue ich mich schon uneingeschränkt auf die Sendung über Horst Lange und erwähne als Ergänzung zu den Querfronten (oder -verläufen) bis 1945 ein Büchlein über Martin Raschke: Wilhelm Haefs/Walter Schmitz (Hg.), M.R. (1905-1943). Leben und Werk. Thelem 2002.
 

Laurenz

7. April 2021 08:45

Werde mir das wieder anschauen. Es gibt einem Einblick in das Reich der Schreiberlinge. Das ist für Leute, die, wie ich, nicht wirklich zu den Konsumenten gehören, eine Bildungs-Unterstützung, also genau das richtige, auch wenn die Sendung vielleicht auch mehr als Werbeträger gedacht ist. So schlägt sie mehrere Aspekte in einem Streich.

@Niekisch

Kann Sie verstehen, habe die Kriegstraumata meines Vaters & die meiner Großväter unfreiwillig geerbt. Von daher kann ich Soldaten-Leid nur schwer ertragen. Trotzdem werde ich mir die Sendung ansehen.

Kann Ihnen nur empfehlen, machen Sie eine Körper-Therapie, wird leider von der Kasse nicht bezahlt wird, die hilft aber. Man lernt, auf eigenes Kommando den Abstand zu den Greuel einzunehmen und im Bedarfsfall auch zu behalten.

Nemo Obligatur

7. April 2021 08:50

@ daumen rechts

"Deshalb mein Vorschlag an Schnellroda, einmal eine Datenbank aus allen verfügbaren Kriegserzählungen aus deutscher Sicht anzulegen,..."

Hat nicht Walter Kempowski im Rahmen seines Echolots etwas ganz Ähnliches unternommen, nur nicht mit Privatdrucken sondern Tagebüchern, Briefen etc.? Das müsste doch in Nartum alles archiviert sein.

Laurenz

7. April 2021 08:54

@links ist wo der daumen rechts ist

Es ist kein Fehler über die eigene Geschichte sehr genau Bescheid zu wissen. Aber die globale Fokussierung auf Deutsche Geschichte im Zusammenhang mit den Weltkriegen, reißt die Ereignisse immer aus dem zeitgeistigen Zusammenhang und teleportiert sie in die Gegenwart, wo man ihnen mit Verständnislosigkeit begegnet. Aber wir sind gar nicht die Protagonisten unserer eigenen Geschichte.

Von daher besteht ein globaler Mangel an Geschichte überhaupt. Wen man also die Weltgeschichte tatsächlich von oben betrachtet, wird die Entfesselung eines Weltkriegs durch einen kleinen Industriestaat, wie Deutschland oder Japan, zur logischen Pharce und stellt damit das aktuelle Geschichtsbild, welches immer noch dem Größenwahn huldigt, in Frage. Und ohne Fragen keine Debatte.

Imagine

7. April 2021 11:25

1/2

@Laurenz   7. April 2021 08:54
„Wenn man also die Weltgeschichte tatsächlich von oben betrachtet, wird die Entfesselung eines Weltkriegs durch einen kleinen Industriestaat, wie Deutschland oder Japan, zur logischen Pharce und stellt damit das aktuelle Geschichtsbild, welches immer noch dem Größenwahn huldigt, in Frage.“

Der deutsche Größenwahn in Kombination mit politischer Beschränktheit.

„Von oben betrachtet“, konnte Deutschland nie mit militärischen Mittel führende Weltmacht werden, mit geistigen Mitteln wäre dies möglich gewesen.

Aber der Adel als herrschende Klasse dachte in den primitiven Kategorien physischer Gewalt, also des Militärs und des Kriegs. Seine Ökonomie war immer primitive Raub- und Ausbeutungsökonomie gewesen.

Nur das Bürgertum dachte in den Kategorien, von Produktion und Handel, von Wissenschaft und Technik. Aber das Bürgertum war in Deutschland nie herrschende Klasse.
 

Imagine

7. April 2021 11:26

2/2

Der Artikel in der NZZ v. 4.4.21 «Die Apotheke der Welt»: Wie Deutschland vor 120 Jahren dieses Prädikat erwarb – und es dann wieder verlor zeigt genau dieses Dilemma Deutschlands.

„Dass Deutsch zur damaligen Zeit in den naturwissenschaftlichen Fächern, in der Medizin und zum Teil auch in den Geisteswissenschaften die Wissenschaftssprache der Welt war, dürfte indirekt ebenfalls zum Erfolg der Branche beigetragen haben, sagt Leven. Zudem sei zu dieser Zeit die Berliner Charité ein Forschungsinstitut von Weltrang gewesen.
Der erste Bruch der Erfolgsgeschichte ist mit dem Ersten Weltkrieg gekommen. Die deutschen Unternehmen verloren zwischen 1914 und 1918 die sehr wichtigen Exportmärkte, und ausländische Tochtergesellschaften wurden teilweise enteignet. So kam es beispielsweise zur Trennung der deutschen Merck von ihrer einstigen amerikanischen Tochtergesellschaft. Ab Kriegsbeginn hatte ferner Deutsch als Wissenschaftssprache keine Chance mehr, da sich auch die Wissenschafter entlang der Kriegsparteien verfeindeten und deutsche Forscher direkt nach dem Krieg für Jahre ausgegrenzt worden sind.“

Deutschland hat durch die parasitäre Adelsherrschaft und deren geistige Zurückgebliebenheit, welche wie im Mittelalter die Welt militärisch durch Kriege erobern wollte, alles verloren.

Niekisch

7. April 2021 15:02

@ Laurenz: Sie bestätigen mich doch: Entfesselung, d.h. vorsätzliches Herbeiführen trotz Kenntnis totaler materieller Unterlegenheit? Warum eigentlich waren Hitler und Göring geradezu erstarrt, als Britannien am 3.9.39 dem Deutschen Reich den Krieg erklärte? 

Sie schiessen wie fast immer schnell wie ein MG, aber die Streuung ist zu groß...

Maiordomus

8. April 2021 09:09

Ich stelle fest, dass der genannte Autor Horst Lange einer der wichtigen Aussenseiter der deutschen Geistesgeschichte ist, dem offenbar, auch im Gegensatz etwa zu christlich  Orientierten wie A. Goes, W. Bergengruen, E. Schaper u. R. Schneider die entsprechende seilschaftliche Vernetzung fehlte, weswegen es umso verdienstvoller ist, auf ihn aufmerksam zu machen.

Koek Boeri

8. April 2021 12:42

Sie galten dem Dramatiker Zuckmayer als die wohl beste Erzählung aus dem Zweiten Weltkrieg.

****

Schon interessant, habe noch nicht gelesen, aber es sieht so aus, zumindest nach den Bewertungen bei Amazon, dass das Buch wirklich lesenswert ist.

Für mich war (und bleibt) "Die Stunde der toten Augen" von Harry Thürk die beste, oder eine der besten, Kriegserzählungen aus dem 2. WK. Obwohl da ja kommunistische Zensur leider gewissermassen das Buch verdorben hat.

Niekisch

8. April 2021 15:34

Viele reihen Erich Kern(mayer) in die flache Literatur ein, für mich ist der Endkriegsroman "Die Uhr blieb stehen", Welsermühl 1953, immer noch eines der eindrücklichsten und ehrlichsten Werke zum Zweiten Weltkrieg. 

Götz Kubitschek

8. April 2021 15:43

badeschluß bis september. kubitschek

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