10. April 2021

Netzfundstücke (83) – Kohle, Affären, Hörstoff

Jonas Schick / 12 Kommentare

»Kohle ist ein schwarzes oder bräunlich-schwarzes, festes Sedimentgestein, das durch Inkohlung pflanzlicher Biomasse entsteht.«

So definiert die »freie Enzyklopädie« des Netzes, Wikipedia, den fossilen Brennstoff, der die energetische Basis der zweiten Welle der Industrialisierung im 19. Jahrhundert lieferte, bis er Mitte des 20. Jahrhunderts durch die finale Durchsetzung des flüssigen Rohstoffs Öl seine übergeordnete Bedeutung verlor.

In Kombination mit der Jahrhunderterfindung Lokomotive entfesselte sich mit der Kohle der »industrielle Prometheus«. Davon blieben die sozialen Ordnungen, die sich bereits seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert in einem rapiden Wandel befanden, logischerweise nicht unberührt.

Die gesellschaftlichen Verhältnisse restrukturierten sich tiefgreifend, das Primat der Wirtschaft setzte sich in Form der bürgerlichen Gesellschaft durch: »Die 1850er Jahre können als eigentliche Phase der bürgerlichen Revolution in Deutschland verstanden werden – jedenfalls, wenn wir den Griff der Unternehmerwirtschaft nach der ökonomischen und politischen Macht soziologisch begreifen.

Diese Revolution bediente sich weniger politischer als vielmehr ökonomischer Mittel, die neue Gesellschaft mit der Macht wirtschaftlicher, sozialer und technologischer Fakten umzugestalten«, konstatierte der Soziologe Dieter Otten in seiner techniksoziologischen Großanalyse Die Welt der Industrie.

Als die relevanteste Steinkohleregion Deutschlands bildete das Ruhrgebiet das Epizentrum dieser Revolution von Ökonomie und Gesellschaft: »Kohlenpott« und »Stahlschmiede der Nation« fingen diese sozioökonomische Relevanz sprichwörtlich ein.

»Nicht mehr in den erz- und wasserreichen Gebirgstälern konzentrierte sich die Schwerindustrie, nicht mehr im Bergischen Land, im Sauerland, im Harz, im Erzgebirge, in Oberschlesien, sondern an ganz neuen Standorten, die zum einen nach dem Vorkommen von Kohle, zum anderen nach Standortgesichtspunkten ausgewählt wurden. Das Gebiet zwischen Duisburg und Dortmund entlang der Ruhr sollte zum entscheidenden Industriezentrum Deutschlands werden«, führt Otten in Die Welt der Industrie weiter aus.

Die weitreichenden Umwälzungen sind auch geographischer Natur: Vormals blühende Regionen werden zu »abgehängten« Landstrichen, in anderen wird Industriegeschichte geschrieben. Ein Prozeß der bis heute nicht abgeschlossen ist und unter anderem im Falle des Ruhrpotts zeigt, wie aus ökonomischen Gewinnern spätere Verlierer werden.

Doch zurück in die industrielle Blütezeit des Potts: Im Mittelpunkt der »Entfesselung des Prometheus« stand in Deutschland ohne Frage die Stadt Essen. 1843 war es auf dem Gelände der Essener Zeche »Zollverein« gelungen, die 1.000 Meter starke Mergelschicht zu durchbrechen, die über den Kohlenvorräten des Ruhrgebiets lag.

Die Kohleförderung stieg in einem wechselseitigen Prozeß mit der Stahlproduktion rapide an: 1850 wurden 1,9 Millionen Tonnen Kohle gefördert, 1914, rund ein halbes Jahrhundert später, waren es 114 Millionen Tonnen Kohle im Jahr – ein Anstieg von circa 6.000 Prozent. Indes steigerte sich die Roheisenproduktion von 245.000 Tonnen im Jahr 1850 auf 14,8 Millionen Tonnen im Jahr 1910.

Diese Mengen an Kohle und Stahl werden speziell in der vergleichsweise geringfügig automatisierten Zeit des 19. Jahrhunderts nicht alleine gehoben und produziert. Dafür braucht es menschliche Arbeitskraft. Essen mit der Zeche »Zollverein« und der Firma Krupp sowie das Ruhrpott als Ganzes wurden daher zum Brennpunkt der Herausbildung der Lohnarbeit und der damit verbundenen endgültigen Durchsetzung von Kapitalinteressen, denen bereits durch den endgültigen Zerfall der Zünfte während der Zeit des Absolutismus Vorschub geleistet worden war.

Der Westdeutsche Rundfunk hat diesem durch den schwarzen, kohlenstoffhaltigen Rohstoff des Ruhrpotts angefeuerten Umwälzungsprozeß mit einem Schlaglicht auf die Stadt Essen nun eine Dokumentation in der Reihe »Heimatflimmern« gewidmet, die mit filmischen Szenen angereichert wurde.

Die Deutung dieses disruptiven Wandels liefert man im Titel gleich mit: »Kohle, Wohlstand, Fortschritt – Essen zur Jahrhundertwende«. Trotzdem sehenswert:


Derweil man sich beim WDR über die positive Richtung dieser Revolution in eine bessere Zukunft aus Wohlstand und Glücksmaximierung, kurz »Fortschritt«, sicher ist, war ein Universalgebildeter von dieser teleologischen Eindeutigkeit der Transformation keinesfalls überzeugt.

Der Heidelberger Historiker Rolf Peter Sieferle erblickte in der Industrialisierung eine »Explosion von universalgeschichtlicher und globaler Dimension«, deren »materielles Wachstum als Ausdruck eines Transformationsprozesses interpretiert und (…) keineswegs als Signatur eines stabilen, strukturierten Zustands verstanden werden« muß. »Da dieser Grundsatz auch für Gesellschaften gilt, muß der Schluß gezogen werden, daß eine ›Industriegesellschaft‹ im Sinne einer dauerhaften sozialen, ökonomischen oder politischen Struktur überhaupt noch nicht existiert.«

Für Sieferle stecken wir immer noch im Chaos eines dauerhaften Reorganisationsprozesses fest, der alles mit sich fortreißt. Der oben kurz erwähnte Aufstieg und Niedergang des Ruhrpotts innerhalb dieses Prozesses kann durchaus als Ausdruck der dauerhaften Reorganisation gewertet werden.

Der »entfesselte Prometheus« hat eine »eigentümliche evolutionäre Selbstständigkeit gewonnen (…), die Willens- und Entscheidungsprozessen unzulänglich bleibt«. Indes lag der Ausgangspunkt dieser Entfesselung für Sieferle in den fossilen Schätzen unter der Erde verborgen. In seinem erstmals 1982 veröffentlichten umwelthistorischen Standardwerk Der unterirdische Wald - Energiekrise und Industrielle Revolution zeichnete er die in Europa flächendeckende Durchsetzung des Primärenergieträgers Steinkohle und das damit aufziehende Leben über die Verhältnisse kenntnisreich nach.

Von dieser Studie führte Sieferles Weg zum Rückblick auf die Natur und der mit dem Epochenwechsel vorgebrachten Erkenntnis, daß die liberalen Gesellschaften westlicher Provenienz mit ihrem vulgären Universalismus auf eine Zerfallsordnung des Behemoths zusteuern.

Nun ist Sieferles Standardwerk Der unterirdische Wald im Landt Verlag neu aufgelegt worden und kann natürlich direkt hier, bei Antaios, dem größten konservativen Versandbuchhandel, bestellt werden. Den ebenso lesenswerten 7. Band der Sieferle-Werksausgabe Die Krise der menschlichen Natur & Bevölkerungswachstum und Naturhaushalt erhalten Sie hier.

Wer an die Wurzel der »Auflösung aller Dinge« vorstoßen und sich nicht nur mit oberflächlichem Herumdoktern an politischen Problem zufrieden geben möchte, für den ist Sieferles Kohle-Studie ein Muß – »klärende Lektüre, die halbe Regalmeter ersetzt«.


Um die ganz anderen Lektüren, die ganze Regalmeter mit verschwendeter Druckerschwärze und Papier vollstopfen, ging es in der 17. Folge des Podcasts aus Schnellroda »Am Rande der Gesellschaft«.

Sezession-Chefredakteur Götz Kubitschek, IfS-Leiter Dr. Erik Lehnert, Sezession-Literaturredakteurin Ellen Kositza und Sezession-Redakteur Benedikt Kaiser beschäftigten sich mit Erkenntnissen und Belanglosigkeiten der Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität der Bundeswehr München, Hedwig Richter, der etwas aufgeblasenen Affäre um ihr Buch Demokratie. Eine deutsche Affäre und der Aufregung um die Empfehlung der Kositza-Rezension zu Martin Mosebachs neuem Roman Krass (hier lesen) durch den FAZ-Journalisten Patrick Bahners.

Außerdem diskutierte man über die Existenz von »Social-Bots« und zum wiederholten Male über die Corona-Maßnahmen und den Rückhalt für dieselbigen bei den Deutschen:

Hörstoff für das Wochenende!



Kommentare (12)

RMH

10. April 2021 15:48

Worüber ich - angesichts der sonst hier so üblichen Alternativ-Sichten (es gibt keine Viren etc.) - etwas verwundert bin ist der Umstand, dass das nahende Ende der Kohlenstoff basierten Rohstoffe hier regelmäßig ganz im Sinne der Mainstreams (Club of Rome etc.) durch gewunken wird.

cnahr

10. April 2021 17:59

"Nahendes" Ende der fossilen Rohstoffe ist natürlich sehr spekulativ, aber im Gegensatz zu manch anderen Unfug ist die räumliche Beschränktheit der Erde ein Faktum, ebenso wie die zunehmende Schwierigkeit, an tiefer liegende Quellen heranzukommen, nachdem die naheliegenden erschöpft sind. Für Generationen dürfte das noch kein Thema sein, für mehrere Jahrhunderte in der Zukunft schon.

Laurenz

10. April 2021 18:42

Polen produziert nach wie vor 9/10 seines nicht mobilen Energie-Bedarfs aus Kohle. Wann werden die Pseudo-Grünen fordern, in Polen wieder einzumarschieren?

@JS

Diese von Ihnen beschriebene industrielle (R)Evolution hängt grundsätzlich vom gegenwärtigen politischen Willen ab. Das war auch mit der Verwaltungshauptstadt Bonn nicht anders. Adenauer, in dieser Frage Feudalist, wohnte quasi dort.

Man kann das auch wie Dietmar Wischmeyer sehen in "Köln Das Kackdorf"  https://youtu.be/HHVyEvRgn2s oder hier https://youtu.be/7mJxHS0l5Do

oder man baut einfach ein ganzes Werk mit der dazugehörenden Stadt ins Moor, siehe Wolfsburg.

Laurenz

10. April 2021 19:16

Exkurs

Meuthen kann auch in der AfD verlieren.... siehe Der Relotius

https://www.spiegel.de/politik/deutschland/afd-parteitag-fordert-austritt-deutschlands-aus-der-eu-a-0116e375-b486-48b9-b0ca-bfc2e49160d6

Helau!

anatol broder

10. April 2021 19:58

wie alltäglich eine kohlegetribene reise durch europa schon vor 150 jahren war, lesen wir unter anderem im idioten von dostojewski. der roman beginnt so:

«es war gegen ende des november, bei tauwetter, als sich um neun uhr morgens ein zug der petersburg-warschauer bahn mit vollem dampf petersburg näherte. das wetter war so feucht und neblig, dass das tageslicht kaum zur geltung kam; auf zehn schritte konnte man rechts und links von der bahn aus den fenstern der waggons nur mit mühe etwas erkennen. unter den passagieren waren einige, die aus dem ausland zurückkehrten; am meisten gefüllt waren aber die abteile dritter klasse, und zwar fast ausschliesslich mit kleinen geschäftsleuten, die nicht aus sehr weiter entfernung kamen. alle waren, wie das so zu sein pflegt, müde; allen waren während der nacht die augenlider schwer geworden, alle fröstelten, alle gesichter waren gelblich, von derselben farbe wie der nebel.»

Laurenz

10. April 2021 20:29

@Anatol Broder

Das ist wie im Zentrum Bangkoks. Nur, daß man dort nicht friert, sondern schwitzt und am Abend ist das Hemd-Revers schwarz.

Man sollte halt grüner Bundestags-Abgeordneter werden. Dann darf man alles. Die Fraktion der Grünen im Bundestag nimmt dessen Fahrdienst am meisten pro Kopf in Anspruch.

Gustav Grambauer

10. April 2021 20:39

Verschwende keine Sekunde an das Nachvollziehen der Pseudo-Dichotomie "böser, verlogener Klimaschutz" versus "gute, ehrliche Heimatnaturpflege" sofern das Menschenbild dahinter so sinsiter ist, wie es mit der Feindschaft gegenüber Prometheus heute wieder mal zum Ausdruck kommt.

Somit sehe ich hier im Wesentlichen Brüder mit Schwester Klimagretel in Malthus bzw. im Abfeiern des "Kultes der Oligarchie" vereint.

Bin nicht mit allen Feinheiten der Argumentation einverstanden, aber die eigentliche (!) Dichotomie, - Mensch vs. Tier -, ist hier sehr gut erkannt:

https://www.solidaritaet.com/neuesol/2007/16/larouche.htm

Das Menschenbild (oder eben Tierbild) ist immer der Kern der Selbstoffenbarung einer Ideologie.

Und diejenigen Antiprometheiker, die sich zugleich zum Christentum bekennen, sollten einmal mit dem Nachdenken über ihr Dilemma beginnen. Für mich ist es hier (!) eigentlich unvorstellbar, daß der Zusammenhang nicht von Anbeginn im Fokus der Aufmerksamkeit steht: Prometheus ist der Herold des Christus. Die - sogar noch tiefere - Dichotomie Erlöser vs. Finsternis der deterministischen Sklaverei, bei Christus später lediglich kenntlich gemacht an der hebräischen Antike, ist in Prometheus in Griechenland antizipiert.

Bin wieder mal tief entsetzt, auch wenn mir der hier sich wieder mal offenbarende Abgrund ja eigentlich lange bekannt ist.

- G. G.

Freiheit!

Cugel

10. April 2021 22:04

@RMH
"Worüber ich - angesichts der sonst hier so üblichen Alternativ-Sichten (es gibt keine Viren etc.) - etwas verwundert bin ist der Umstand, dass das nahende Ende der Kohlenstoff basierten Rohstoffe hier regelmäßig ganz im Sinne der Mainstreams (Club of Rome etc.) durch gewunken wird."

Ich finde es belustigend, daß Esoteriker und Esoterikerinnen kein Problem haben, sich im Alltag technischer Mittel zu bedienen, die Produkte ebenjener Erkenntnisse sind, die schlankerhand als satanisch verworfen werden, und sich dabei auch noch genial vorkommen. Eklektizismus und Manichäismus machen Komplexität einfach. Ziemlich postmodern.
Weniger amüsant ist die Traktion, die der Club-of-Rome-Zinnober und seine Ableger gefunden haben. Es verhält sich wohl wie mit dem Glauben an den Marxismus. Irgendwann muß es schließlich mal klappen.
Mir verstärkt sich der Eindruck, die Anarchistische Pogo-Partei habe ihr Wahlprogramm verwirklicht.

Lotta Vorbeck

10. April 2021 23:03

@Gustav Grambauer - 10. April 2021 - 08:39 PM

DANKE, lieber Gustav Grambauer!

"Mehr Licht ..."

Laurenz

11. April 2021 02:05

@BK

Ihre Freundin Wagenknecht (Zitat EK) hat es wieder geschafft.

https://www.heise.de/tp/features/NRW-Linke-waehlt-Wagenknecht-auf-ersten-Listenplatz-6010785.html

Das gibt Ärger ..... 

 

Franz Bettinger

11. April 2021 09:58

Sag den Ameisen, im Wald gingen die Nadeln aus, denn der Wald ist beschränkt. Ha! Wenn es im Kosmos eine Sache im Überfluss gibt, dann ist es Energie, so auch auf dem Planeten Erde. Wir sitzen auf einem glühenden Feuerball aus Eisen und anderen Schwermetallen. Ein nur 50 km dicker Granitschild trennt uns davon. Die Ressourcen sind (für Ameisen wir wir) unendlich. Stetig bohren wir tiefer, finden neue Lagerstätten, neue Energieformen (Holz -> Kohle -> Gas -> Öl -> Uran -> Wasserstoff -> Recycling … ). Kein Atom wird zerstört. (Von E=mc2, was nur für Sonnen relevant ist, einmal abgesehen.) Alles wird immer nur umgewandelt. Natürlich ist das Dogma von der Energie-Knappheit eine Großlüge, wie viele andere, die uns Angst machen sollen. Mit Angst beherrscht man uns seit Jahrhunderten. Mon Dieu!

anatol broder

11. April 2021 14:58

@ franz bettinger 9:58 

es geht nicht um natürlich vorhandene, sondern um wirtschaftlich nutzbare energie. die kernkraft ist in diesem zusammenhang nicht nur für sonnen relevant. der astroseismologe und exoplanetologe donald kurtz sieht es auch so.

wie der mensch den planeten erde kampflos an die ameise verliert, schildert clifford simak in seinem meisterwerk als es noch menschen gab (en: city).

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