22. April 2021

Sammelstelle für Gedrucktes (16)

Benedikt Kaiser / 45 Kommentare

Man kann ja vor sich und seinen Lesern vollkommen ehrlich sein:

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Vor der 17. Folge des Schnellroda-Podcasts »Am Rande der Gesellschaft« kannte ich die Historikerin Hedwig Richter nur »von Twitter«. Keines ihrer Bücher war mir geläufig, ihre darin entfalteten Kernthesen waren mir weitgehend ebenso unbekannt wie der eigentliche Grund für die kleine Kontroverse um ihre Person.

Erik Lehnert war es vorbehalten, in einem für unseren Podcast durchaus untypischen (gleichwohl produktiven) Monolog einzuführen in die jüngsten Veröffentlichungen Richters: Demokratie. Eine deutsche Affäre und Aufbruch in die Moderne. Reform und Massenpolitisierung im Kaiserreich.

Die Diskussion am Schnellrodaer Bibliothekstisch zeigte deutlich auf, daß man das Blätterrauschen um die »Affäre« für einigermaßen übertrieben hält, ja daß Richter als Historikerin und Autorin auch dann »keine von uns« sei, wenn ihre meinungsstarken und durchaus angriffslustigen Gegner das in ihren Kritiken des Richter-Doppelpacks implizieren. Doch dazu gleich mehr.

Wer eine Printvorstellung Hedwig Richters bevorzugt, wurde in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (v. 18.4.2021) fündig. »Die Pop-Historikerin« wird darin von Miryam Schellbach vorgestellt, Werk und die Reaktionen darauf untersucht und Antworten auf die Frage, was Richter zum »Star ihrer Zunft« und zur »Wissenschafts-Influencerin« machte, gesucht.

Für dieses Ansinnen geht Schellbach, Lektorin und taz-Autorin, zu den Wurzeln Richters:

Die Historikerin Hedwig Richter ist in Bad Urach aufgewachsen, einem tief protestantischen Kurort auf der Schwäbischen Alb, mit einem spätmittelalterlichen Marktplatz, dem traditionellen Schäferlauf und sinkenden Einwohnerzahlen, weil es die Jungen entweder ins nahe gelegene Stuttgart oder nach Berlin zieht.

Ebenfalls von dort stamme Cem Özdemir, der Grünen-Realo, der gleich Richter das »milde Lächeln perfektioniert« habe. Derlei Storytelling kann man getrost übergehen, wenn man sich für die Professorin an der Bundeswehr-Universität in München interessiert.

Schellbach kommt danach nämlich zur eigentlichen Thematik: Richter habe ein

ungewöhnlich erfolgreiches Buch über das nicht gerade bestsellertaugliche Thema der deutschen Demokratie geschrieben,

das aber

manche Fachkollegen nicht nur für überschätzt, sondern geradezu für unwissenschaftlich halten.

Zum Vorwurf gemacht werde ihr, daß sie sich an eine »breite Öffentlichkeit« wende, nicht an ein Fachpublikum. Ihr gehe jene Nüchternheit ab, die für ernste, sachliche Bearbeitung eines Gegenstandes nach Ansicht vieler Kollegen unabdingbar sei:

Im Ton einer Pop-Historiographie referiert sie die deutsche Geschichte, als wäre sie eine Netflix-Serie mit Cliffhanger und gutem Ausgang.

Dabei neige sie zur Vereinfachung (und zur Quellenamputation, worauf Lehnert im Podcast hinwies), was die einen ihr als übertriebene Popularisierung negativ anrechnen, andere, darunter der SWR-»Lesenswert«-Moderator Denis Schick, als »Bildungserlebnis« glorifizieren.

Aber auch Verrisse gibt es, etwa vom Historiker Andreas Wirsching. Der Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte rezensierte das Demokratiebuch auf eine frappierend polemische Art und Weise. Als »veritables Ärgernis« empfand er Demokratie. Eine deutsche Affäre, was Lehnert nicht nachvollziehen konnte, wohingegen er wenig gegen Wirschings Vorwurf einzuwenden hatte, daß bei Richters Arbeiten ein »Mangel an Quellen- und Literaturkenntnis« vorliege.

Schellbach vermutet ein wenig Neid bei Wirsching auf seine medial präsente Kollegin, und auch daß Richter als »verhältnismäßig junge Frau« (Jahrgang 1973) kritisch beäugt werde, ist der FAS-Autorin einen Einschub wert. Aber erst nach gut der Hälfte des Textes trägt sie die entscheidende Kritik an Richter vor:

Richters streitbarster Punkt ist, dass sie den Nazi-Terror als Wegetappe des demokratischen Prozesses sieht. Damit, so sagt es ihr Kritiker Wirtsching, gehe aber 'jede Präzision der Unterscheidung zwischen Demokratie und Demokratiefeindschaft verloren' – und der Nationalsozialismus wird zu einer Art Zwischenstation auf dem langen Weg zur modernen Demokratie.

Über die Frage nach demokratischen Elemente im Hitler-Nationalsozialismus, über die sich früher lebende Historiker bereits kontrovers ausgetauscht hatten, springt Schellbach, politisch durchaus brisant, in die Gegenwart, um Richter – dabei offenkundig ins entschieden Parteiische übergehend, was dem Porträt nicht gut tut – vorzuwerfen, daß sie Linien in die Gegenwart zu ziehen bereit ist.

Was wir »Normalisierungspatriotismus« nennen würden, sieht Schellbach nämlich bei Richter vergegenwärtigt:

Dass die nationale Identität der Deutschen schuldfixiert an der Geschichte des Nationalsozialismus klebe, sei ein 'überkommenes und einseitiges Verhältnis zur eigenen Vergangenheit', hat Richter gerade gemeinsam mit Bernd Ulrich in einem Beitrag für die 'Zeit' geschrieben. Der Ruf nach einem positiv besetzten deutschen Nationalgefühl kommt bei Richter ähnlich unschuldig daher. Er ist es aber nicht.

Richter also doch »eine von uns«? Jedenfalls sieht das Schellbach so:

Daran könnte die neue Rechte Gefallen finden. Der Antaios-Verleger Götz Kubitschek und der Historiker Erik Lehnert, Geschäftsführer des vom Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall geführten 'Instituts für Staatspolitik', spöttelten neulich schon in ihrem Podcast zu Richters 'Demokratie'-Buch: 'Die ist eine von uns.'

Nun ist es sicherlich zu begrüßen, wenn junge Autoren von FAZ/FAS und taz »geistiges Manna« aus Schnellroda beziehen. Aber das sollte dann schon zu korrekter Rezeption führen. Im Podcast heißt es nämlich:

Wir sollten aber nicht den Fehler machen, zu sagen: Oh, das ist eine von uns.

Wenn Richters Kritiker derart unpräzise arbeiten, fällt der Vorwurf des »Mangels an Quellen- und Literaturkenntnis« umgehend auf sie zurück. Abhilfe schaffen kann bei Schellbach vielleicht (nein, ich glaube nicht wirklich daran) zweierlei: ein Probeheft der Sezession sowie ein Abonnement des »kanal schnellroda« bei YouTube. Und mir zeigt diese kleine »Affäre«, daß ich an der eigenständigen Lektüre des Richter-Doppelpacks nun doch nicht vorbei komme.

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Aber während wir über Bücher sinnieren, schafft das politmediale Establishment zunehmend Fakten auf dem angestrebten Weg zu einer grünen Machtübernahme in Deutschland.

Einerlei, welches Medium man in diesen Tagen am Bahnhofskiosk beäugt: Die einhellige Annalena-Baerbock-Euphorie kennt keine Unterscheidung in Boulevard- und Qualitätspresse. Noch nicht einmal die Neue Zürcher Zeitung kann als schweizerisches Gegengift zur bundesdeutschen Malaise herangezogen werden; denn auch dort schwärmt Anja Stehle (NZZ v. 20.4.21): »Zielstrebig und detailverliebt – Baerbock überholt Habeck«.

Nach einer kurzen Schilderung des Verhältnisses Baerbock–Habeck berichtet Stehle von einem Auftritt Baerbocks in Berlin:

Es waren Auftritte wie im Sommer 2020, als die Co-Chefin der Grünen anlässlich des 75-Jahr-Jubiläums der CDU eine Rede hielt. In den Räumen der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin stand Annalena Baerbock selbstbewusst vor dem CDU-Publikum. Mit einem Mix aus Komplimenten an die Christlichdemokraten, Selbstironie und Selbstkritik bemühte sie sich damals um das konservative Lager, wohlwissend, dass es mit einer Kandidatur oder gar einem Wahlsieg nur klappt, wenn sie auch jenseits des grünen Kosmos begeistern kann. (...) Ihr politisches Verständnis sei in der Ära Kohl herangereift. Die Grünen seien gegen die Wiedervereinigung gewesen. 'Das war ein Fehler.'

Nun begeht Stehle denselben Fehler wie viele Liberalkonservative, die nicht von ihrem Mythos »CDU-ohne-Merkel-gleich-konservatives-Lager« lassen können, aber das ist an dieser Stelle nicht entscheidend. Und auch ihre vermeintliche Reue ob der antinationalen Verweigerungshaltung der Wendejahre kann übergangen werden, zumal sie gegenüber der ARD kundtat, daß für sie »die Antifa nicht per se eine linksextremistische Organisation« sei, womit weiterhin Zweifel an ihrer Treue zu Land und Leuten bestehen dürfte.

Wichtiger ist der Vermerk der NZZ, wonach die Co-Chefin der Grünen »häufigster Talkshow-Gast im deutschen Fernsehen« ist. Denn dies ist ein Baustein der grünen Erfolgsgeschichte: die Verschmelzung mit den medialen Apparaten und den Eliten, die sie dominieren. Daß die bundesdeutschen Journalisten überproportional grün favorisieren, ist seit Jahren bekannt, daß der Nachwuchs der tonangebenden GEZ-Presse zu 92 Prozent für Rot-Rot-Grün optiert, immerhin seit einem Jahr.

Bräuchte es noch einen Beweis für die Bedeutung »metapolitischer« oder »vorpolitischer« Raumnahmen – die deutschen Grünen verkörperten ihn. Bei der Bundestagswahl 2017 blieben sie bundesweit einstellig, doch aufgrund ihrer jahrzehntelang vorbereiteten, erkämpften und nunmehr bisweilen aggressiv verteidigten Hegemonie in Gesellschaft, Medien und Kultur kann man lediglich vier Jahre später parlamentspolitisch ernten, was man auf metapolitischem Terrain arbeitsteilig und nachhaltig gesät hat.

Auf die sukzessive durchgesetzte grüne Kulturrevolution folgt grüne politische Macht; das ist die Essenz der erfolgreichen Synthese aus Meta- und Realpolitik.

Ausgerechnet die Grünen setzen damit um, was Alain de Benoist, der Grandseigneur der »Nouvelle Droite« seit den 1970er Jahren einer oftmals auf diesem Felde blinden politischen Rechten ins Gewissen schrieb: Eine Hegemonie auf mehreren Ebenen ist nur dann zu erlangen, wenn eine politische oder weltanschauliche Bewegung ihre eigenen Ideen im kulturellen und im vorpolitischen (also: metapolitischen) Raum als führend zu setzen vermag, was langfristigen »Stellungskrieg« (Gramsci) mit sich bringen kann, aus dem man als Sieger hervorgehen muß.

Ist dies geschehen, verfügt man also über die kulturelle Hegemonie in einer Gesellschaft, kann wirkmächtige politische Hegemonie folgen, die sich in Wahlergebnissen materialisiert. Diese Benoist-Theorie richtet sich naturgemäß gegen Ansätze, nach denen zuallererst parlamentarische Wahlerfolge zu einer Tendenzwende führten. Benoist hielt und hält dies für einen fatalen Trugschluß – zunächst müsse die gesellschaftliche Stimmung in eine andere Bahn gelenkt werden, was der grünen Szene in Politik, Medien und Wirtschaft ganz formidabel gelingt.

Wenn Alain de Benoist in seinem Standardwerk Kulturrevolution von rechts postulierte, daß alle großen Umwälzungen der Geschichte

nichts anderes getan haben, als eine Entwicklung in die Tat umzusetzen, die sich zuvor schon unterschwellig in den Geistern vollzogen hatte,

dann wäre der mögliche grüne Triumph im September 2021 ein logischer parlamentspolitischer Kulminationspunkt jener metapolitischen Tendenzwende, die durch das grüne Lager arbeitsteilig und effektiv angestrebt wurde. Antifaschistisch, linksliberal und neobürgerlich – drei Eigenschaften, die den Charakter der Bundesrepublik 2021 ff. vergegenständlichen dürften.

Eine zuletzt vielerorts zirkulierende »akzelerationistische« Perspektive, wonach Grün-Rot-Rot die »schweigende Mehrheit« aufrütteln würde und nicht zuletzt die Union »ins Konservative« zurückholen würde, krankt an zweierlei: Erstens überschätzt man damit die Substanz und den kämpferischen Willen der konservativen Unionsreste, zweitens vergißt man, daß Baerbock, die auch in der NZZ als »Realo« angepriesen wird (was heißt das schon bei den Grünen?) ihre Vernetzungsarbeit längst geleistet hat:

Auftritte wie im Sommer 2020, als die Co-Chefin der Grünen anlässlich des 75-Jahr-Jubiläums der CDU eine Rede hielt,

geschehen nicht grundlos.

Die Union mag im September des Jahres Angela Merkel als Kanzlerin verlieren; ihren Drang zum opportunistischen Machterhalt um des Machterhalts willen ist dagegen seit Jahrzehnten parteiimmanent. Daß sie sich daher Baerbock andient und dem grünen Siegeszug der Metapolitik das i-Tüpfelchen in Form eines grünen Siegeszugs in der Parlamentspolitik folgen läßt, indem sie zur schwarz-grünen Koalitionsbildung drängt, halte ich für deutlich realistischer als Grün-Grün-Rot.

Schlecht für Deutschland ist freilich beides. Die Milliardenförderung für antifaschistische Gruppen hatte immerhin die CDU/CSU-geführte Bundesregierung veranlaßt – da können die Grünen bis dato neidisch werden – und die »spürbare Aufwertung« des Antifaschismus erfolgte lagerübergreifend »in den letzten Jahren« (Eckhard Jesse in der NZZ v. 21.4.21).

Vom »kontaminierten Terminus des Antifaschismus« (Jesse) können sie mittlerweile folglich alle nicht lassen. Ob schwarz, gelb oder grün, rot oder dunkelrot – Antifaschismus ist jenes Vehikel, das der linksextremistischen Szene Bündnisoptionen bis weit in die liberale Mitte hinein verschafft.

Jesse warnt daher:

Ein demokratisches Verständnis vermag mit dem teils instrumentalisierten, teils verengten Begriff des Antifaschismus wenig anzufangen. Wer dies anders sieht, tippt in eine Antifaschismus-Falle.

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Ohne staatliche Finanzspriten wäre so manches Antifa-Projekt längst pleite. Das ist kein Lehrsatz des Wutbürgers, sondern seit Jahren triste BRD-Realität. Wohin das führt, sah man zuletzt im beschaulichen Dresden-Loschwitz, wo die Buchhandlung Susanne Dagens von linken Tätern heimgesucht wurde.

Im Gegensatz zu zahllosen Angriffen auf die sogenannte »alte«, nationalistische Rechte der vergangenen zwei, drei Wochen – alles Nötige dazu hier – hat dieser Anschlag es zumindest über die Seitenspalte der Provinzblättchen hinaus geschafft, obschon (noch?) nicht über die Landesgrenzen Sachsens hinaus.

Im Feuilleton der Sächsischen Zeitung (v. 22.4.21) fragt Oliver Reinhard:

Ist Gewalt gegen 'Missliebige' weniger verdammenswert?

Reinhard steigt ein mit einer Schilderung der Situation:

In der Nacht zum Montag haben Unbekannte einen Anschlag auf eine Dresdner Buchhandlung verübt, das Schaufenster eingeschmissen, eine Flasche mit Buttersäure hindurchgeworfen. Die war offenbar versehen mit einem Zünder; Bücher hätten möglicherweise Feuer fangen, noch schlimmere Folgen eintreten können – die 19-jährige Tochter der Buchhändler schlief allein in der Wohnung über dem Laden.

Der Autor weiß mitzuteilen, daß üblicherweise »solche Anschläge auf Kulturinstitutionen« in Deutschland

schnell sehr breiten und lauten Protest hervor. Schließlich gelten sie als Horte des Geisteslebens, der Gedanken- und Kunstfreiheit, als Symbole für das kulturelle Miteinander in jener Vielfalt, die das Grundgesetz garantiert, schützt, fordert und fördert. Doch in diesem Fall bleibt das Echo lokal begrenzt und der Aufschrei relativ verhalten, vor allem im lebendigsten Empörungsmedium Twitter. Womöglich, weil das Dresdner Buchhaus Loschwitz nicht irgendeine Buchhandlung ist.

Davon abgesehen, daß mir »rechte« Anschläge auf Buchhandlungen (!) schlechterdings nicht bekannt sind, hat Reinhard natürlich Recht: Trifft es Konservative oder zumindest Nicht-Linke, dann schweigt die Kulturschickeria ebenso wie die vereinigte Politik (Hintergründe: siehe grüne Hegemonie weiter oben).

Reinhard weiß aber zu vermelden, weshalb Susanne Dagen »in der Kritik« (ein Buttersäureanschlag ist dann rabiate »Kritik«?) stehe: Sie engagiere sich als Stadträtin für die Freien Wähler und initiierte die »Charta 2017« für mehr Meinungsfreiheit. Doch es kommt dicker:

Obendrein betreibt Frau Dagen einen Videotalk mit der rechtsradikalen Aktivistin Ellen Kositza, ist gut vernetzt mit dem neurechten „Institut für Staatspolitik“ des Thüringer Verlegers und Kositza-Ehemannes Götz Kubitschek und organisiert gelegentlich Veranstaltungen mit Leuten wie Martin Sellner, Kopf der ebenfalls rechtsradikalen Identitäten Bewegung.

Anstatt einfach die Gewalt zu verurteilen und in der linken Szene auf journalistische Spurensuche nach den Tätern zu gehen, wird also ein Popanz um »Rechtsradikalismus« (und eine obskure Identitäten Bewegung) aufgebaut, bei dem im Zuge der Namedropping-Agenda auch noch Thüringen mit Sachsen-Anhalt verwechselt wird, was einem sächsischen, also ebenfalls mitteldeutschen Medium durchaus schlecht zu Gesicht steht.

Aber vielleicht verschafft sich Reinhard auch nur den nötigen Absicherungsfreiraum, dessen jeder bedarf, der den Finger in die Wunde linksliberaler Meinungsdominanz legt:

Dass aus dem Bereich der Kultur in klassischen und sozialen Medien weniger „freiwillige“ - also nicht erst nachgefragte - Verurteilungen eines Anschlags auf den Laden einer „Neuen Rechten“ zu hören sind, scheint wenig verwunderlich. Ist doch das kulturelle Leben in Deutschland samt seiner zentralen Institutionen eher liberal bis links ausgerichtet und positioniert sich großteils deutlich gegen solche Ansichten, für die auch Susanne Dagen steht. Gegenteilig sieht es oftmals aus, wenn sich Anschläge gegen liberale bis linke Kulturorte richten; auf laute Aufschreie kann man sich nahezu verlassen.

Reinhard zu Gute zu halten ist, daß er in die virtuelle Jauchegrube des Antifaschismus steigt und dessen Obszönitäten der Leserschaft übermittelt:

'Es ist lediglich das Eigentum einer völkischen Faschistin beschädigt worden, einer Frau, die auf ekelhafte Weise seit Jahren völkische Propaganda betreibt', relativierte etwa eine Kommentatorin auf Facebook. Andere rechtfertigen die Gewalttat sogar mit 'Argumenten' wie 'Wer faschistisches / rassistisches Gedankengut in sich trägt muss sich nicht wundern, wenn Angriffe passieren!' Eine ebenso klassische wie vulgäre und im Kern zutiefst antidemokratische und rechtsstaatsfeindliche Täter-Opfer-Umkehr.

Klare Worte, immerhin. Jenseits von Dresden wäre es überdies undenkbar, daß Funktionäre der Stadtpolitik ihre Solidarität mit dem Opfer der linken Gewalt aussprechen. Dazu zählt der Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) ebenso wie die Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Die Linke). Während beide lokalen Granden ihre Betroffenheit in typischem Politsprech ausdrücken, wird Heiki Ikkola, Intendant des Societaetstheaters, deutlicher:

Das ist eine große Scheisse. Das sabotiert jede argumentative Auseinandersetzung, jeden Dialog. Wer immer das war: Ihr vertieft die Gräben in der Gesellschaft und schürt das erhitzte Klima weiter an. Ich kotze.

Damit könnte man es bewenden lassen. Doch muß sich – in Dresdens literarischer Welt unvermeidlich – auch der Schriftsteller Durs Grünbein zu Wort melden, und seine Bemerkung spricht Bände. Nach einer pflichtschuldigen Verurteilung des Terrors (»Der Anschlag ist ein Gewaltakt und absolut zu verurteilen«) setzt umgehend die Relativierung ein:

Im Übrigen sind derlei Anschläge, auch auf Büros von AfD-Abgeordnete, vollkommen kontraproduktiv und deshalb ärgerlich. Ich kann nur hoffen, dass daraus kein politisches Kapital geschlagen wird und wünsche mir zügige Aufklärung des Falls.

Kann ein Grünbein nicht einfach postulieren: Solidarität mit den Opfern jedweder Gewalt, Ende? Statt dessen sind die Taten »kontraproduktiv und deshalb [!] ärgerlich«, weil Rechte daraus womöglich »politisches Kapital« schlagen.

Mit einer solchen Wendung wird Dagen ein zweites Mal als Person angegriffen: erst durch die antifaschistischen Täter, dann durch einen antifaschistischen Dichter, dessen größte Sorge nicht die anhaltende Gewalteskalation linker Kreise ist, ja noch nicht mal die Gefahr für Leib und Leben von linker Gewalt Betroffener – wir erinnern uns an die weiter oben zitierte Zeile, wonach

die 19-jährige Tochter der Buchhändler allein in der Wohnung über dem Laden schlief.

Grünbein besorgt ausweislich der Stellungnahme gegenüber der Sächsischen eine potentiell denkbare politische Folgewirkung auf »Rechte«. Wenn Grünbein »aus Einsamkeit Humanist« ist (in: Zündkerzen), dann handelt es sich hierbei wohl um zeitgenössischen Humanismus im Endstadium der Depravation.

Es geht auch anders, wie Jörg Stübing zeigt, der die Buchhandlung »Büchers Best« betreibt. In einem Offenen Brief fragt der explizite Gegner der politischen Rechten:

Zählt Gewalt gegen Buchhändler nichts, wenn diese politisch unliebsam sind? Was ist mit Euch und Ihnen? Wo gibt es hier eine Erklärung / Positionierung dazu? Was sagt das Kulturamt? Die Seiten vom Literaturnetz Dresden, der Bibliothek, Literatur erleben in Dresden etc. voll mit dem Üblichen, als ob nichts geschehen wäre, nur nicht mit dem was hier deutlich die Regeln bricht.

Stübing schließt seinen emotionalen Appell:

Bitte tretet in Erscheinung, äußert Euch. Nicht bei mir. Draußen. Freiheit hat Ihre Kosten. Das sind sie.

Ein Appell, der wirkungslos verpuffen wird. Aber immerhin: ein Appell, namentlich gezeichnet, mit deutlich vernehmbaren Zorn. Das ist in Zeiten der anhaltenden Transformation der freiheitlichen demokratischen Grundordnung in eine antifaschistische Tyrannei mehr, als es den Statthaltern und Charaktermasken der linksliberalen Hegemonie recht sein dürfte.


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.


Kommentare (45)

Jan

22. April 2021 21:28

Die Grünen konnten den vorpolitischen Raum erobern, weil ihre Inhalte nicht kriminalisiert und verfolgt wurden und außerdem beim globalistischen Kapital auf Interesse stießen. Rechte Inhalte hingegen werden kriminalisiert, verfolgt und zensiert. Für's Kapital sind rechte Thesen nicht interessant, mitunter sogar störend und geschäftsschädigend. Die Rolle der Medien als grüne Multiplikatoren, die rechte Thesen ausgrenzen und diffamieren, ist hinreichend beschrieben worden.

Wie unter solchen Umständen im vorpolitischen Raum eine Hegemonie erzielt werden soll, ist mir schleierhaft.   

Alter weiser Mann

22. April 2021 21:50

Die FAZ hat heute (22.04.) vomAnschlag berichtet und ihn ohne Hinweis auf rechte Aktivitäten klar verurteilt.

Der Gehenkte

22. April 2021 22:36

" Eine Hegemonie auf mehreren Ebenen ist nur dann zu erlangen, wenn eine politische oder weltanschauliche Bewegung ihre eigenen Ideen im kulturellen und im vorpolitischen (also: metapolitischen) Raum als führend zu setzen vermag ..."

Das ist nun freilich nur die halbe Wahrheit - die andere Hälfte ist die entscheidende. Hegemonie kann nur dort erlangt werden, wo die Theorie die brennenden Fragen der Zeit beinhaltet, wo sie sich an der Realität messen kann. Die Grünen sind deshalb erfolgreich, weil sie die größte Krise in der gesamten Geschichte der Menschheit bewirtschaften. Ihr Entstehen ist vollkommen konsistent und sogar (an sich) begrüßenswert.

Das Bedauerliche ist, daß der Konservatismus sich dieses Thema - das sein ureigenes, organisch in ihm verwurzeltes ist - hat stehlen lassen. Nun muß er mit den politischen Nebenwirkungen leben. Den theoretischen und organisatorischen Vorlauf einzuholen, wird schwer werden - man muß es versuchen. Optimistisch stimmt, daß der akzelerationistische und universalistische Ansatz linker Politik der Logik der Hege, Pflege und Schonung widerspricht.

Hegemonie ist nicht einfach technisch oder durch höhere Intelligenz machbar oder "zu setzen" - sie korreliert zwangsläufig mit dem Sein und dem Werden. Geht die Intelligenz am Seinszustand vorbei, hilft alles Klugsein nicht und auch nicht irgendeine mediale Verstärkung oder gar Kontrolle.

 

 

Lotta Vorbeck

22. April 2021 22:40

@Alter weiser Mann - 22. April 2021 - 09:50 PM

"Die FAZ hat heute (22.04.) vom Anschlag berichtet und ihn ohne Hinweis auf rechte Aktivitäten klar verurteilt."

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Uff! - Na dann, wohlan!

Utz

22. April 2021 22:47

> ... daß alle großen Umwälzungen der Geschichte

nichts anderes getan haben, als eine Entwicklung in die Tat umzusetzen, die sich zuvor schon unterschwellig in den Geistern vollzogen hatte...<

Es war nicht nur die unterschwellige Entwicklung. An so Beispielen wie Greta und Rezo ist doch deutlich zu sehen, daß gewisse Leute eine Menge Geld in die Hand genommen haben um eine "unterschwellige" Entwicklung zu pushen, wenn nicht überhaupt erst ins Leben zu rufen.

Laurenz

22. April 2021 22:50

@Jan

"Die Grünen konnten den vorpolitischen Raum erobern, weil ihre Inhalte nicht kriminalisiert und verfolgt wurden und außerdem beim globalistischen Kapital auf Interesse stießen."

Nein, umgekehrt. Die Grünen sind die Verkäufer krimineller Inhalte, der politische Arm der globalen Medienkampagne, der allerdings nur bei uns deutschsprachigen Deppen so funktioniert. Woanders machen die Pseudo-Grünen keinen Meter.

Allerdings gebe ich Ihnen zu Bedenken, dieselbe Kampagne versagte bei Clinton.

Der Joseph

23. April 2021 06:49

Auch Spiegel Online hatte zeitnah und sachlich berichtet. Allerdings nicht ohne am Schluß Frau Dagen in einen „Dunstkreis“ mit Schnellroda zu stellen.

In den Kommentarspalten wurde ich positiv überrascht. Die Mehrheit der Kommentare ( so schien mir) hat den Anschlag eindeutig abgelehnt.

Laurenz

23. April 2021 08:46

Die JF leidet wohl unter dem Relotius-Problem. Ihr rennen wohl die Leser weg, ohne daß man dafür von Bill Gates entlohnt wird. Man besinnt sich wohl auf alte Tugenden .....

https://jungefreiheit.de/kultur/2021/uni-ub-freiburg-buecher-lichtmesz/

 

Imagine

23. April 2021 09:10

1/2

@Jan   22. April 2021 21:28
„Die Grünen konnten den vorpolitischen Raum erobern, weil ihre Inhalte nicht kriminalisiert und verfolgt wurden und außerdem beim globalistischen Kapital auf Interesse stießen.“

Nicht nur Interesse. Die grüne Ideologie ist ein Produkt des Großkapitals. Siehe „Club of Rome“, siege Geschichte der grünen Partei.

Aber diese wiederholt vorgebrachten Hinweise werden hier in der Diskussion ignoriert.

@Der Gehenkte   22. April 2021 22:36

„Das ist nun freilich nur die halbe Wahrheit - die andere Hälfte ist die entscheidende. Hegemonie kann nur dort erlangt werden, wo die Theorie die brennenden Fragen der Zeit beinhaltet, wo sie sich an der Realität messen kann. Die Grünen sind deshalb erfolgreich, weil sie die größte Krise in der gesamten Geschichte der Menschheit bewirtschaften.“

Das ist zutreffend, allerdings auch nur die halbe Wahrheit. Die Grünen sind so erfolgreich, weil sie dieses Thema kapital- und systemkonform einbringen.

Die „Realos“ haben die kapitalismuskritischen Ökosozialisten dazu gebracht, die Partei zu verlassen.

Die grüne Partei wird seit Jahrzehnten von neoliberalen Kräften dominiert. In der Regierung Schröder-Fischer waren die Grünen die neoliberalen Antreiber.
 

Imagine

23. April 2021 09:15

2/2

Auch Baerbock ist völlig systemkonformistisch.

Es deutet sich bereits schon an, dass sie von den Medien so hoch gehypt wird, wie Obama in den USA und damals der Plagiator Guttenberg als „neuer Politikertyp“ und Hoffnungsträger.

Figuren wie B. sind geeignet, beim „Great Reset“ eine Gesundheitsdiktatur und Öko-Faschismus durchzusetzen.

Bei den Grünen gab es schon immer eine Tendenz in diese Richtung. Wolfgang Pohrt publizierte bereits im SPIEGEL v. 21.12.1980 einen Artikel mit dem Untertitel: „Das braune Grün der Alternativen“.

Es gibt in Deutschland keine kapitalismuskritische Partei, nicht einmal starke systemkritische Tendenzen wie früher in der SPD und anfangs bei den Grünen.

Linke Sozialdemokraten wie Albrecht Müller und dessen Anhänger können sich gar nichts anderes als ein kapitalistisches System vorstellen.

Selbst Wagenknecht  hat man sich schon lange von der marxistischen Systemkritik verabschiedet.

Die AfD war nie eine Systemalternative. Weder Meuthen noch Höcke stehen für Systemkritik am Kapitalismus.

Unter den patriotischen Rechten mag es einige Kapitalismuskritiker geben, aber deren Positionen – wie jene von Thor v. Waldstein - werden nicht offensiv propagiert. Er ist einer der ganz Wenigen, der erkannt hat, dass eine Volksgemeinschaft nur möglich ist in einem Sozialismus.

Die AfD ist – wie die anderen Parteien – ein Sammelsurium systemkonformistischer Opportunisten.

Utz

23. April 2021 10:12

@ Imagine

> Es gibt in Deutschland keine kapitalismuskritische Partei, nicht einmal starke systemkritische Tendenzen wie früher in der SPD und anfangs bei den Grünen.<

Das kann ja auch nicht verwundern. Wo sollen denn sonst die Parteispenden herkommen. Und mit Spenden ist nicht nur Geld gemeint, sondern auch Seminare, Förderung und karriereförderliche Vernetzung.

Laurenz

23. April 2021 10:18

@Der Joseph

Warum sollte man auch nicht in den Dunstkreis von Schnellroda gestellt werden? Hat Schnellroda jemals eine echte oder virtuelle Bücherverbrennung veranstaltet, wie das Der Relotius regelmäßig durchzieht? In Schnellroda schneidet man sich selbst vorher den Arm ab, der das Feuerzeug hält.

Um das zu begreifen, & das scheint hier vielen schwer zu fallen, muß man sich einfach in die Macher der mächtigen USA & in deren Propaganda-Sprachrohre, wie Der Relotius, hineinversetzen können.

Die USA verstehen sich selbst als "Princess of the Universe" & da ist es völlig gleichgültig, wer, wo & mit wem leben muß. Umso entwurzelter die Erdenbürger sind, umso leichter die Herrschaft. Daraus ergibt sich in der Konsequenz der Neo-Kolonialismus, der jetzt eben nur alle betrifft. Der globale Anspruch wird bloß fälschlicherweise als links oder liberal definiert, in Wirklichkeit ist er fachistoid & totalitär. Im Grunde entspricht Der Relotius dem Stürmer in der Feindpropaganda & steht weit rechts vom philosophischen Revolutionär GK. Alles nur Theater. Und es bleibt sich doch völlig gleich, um man Buttersäure auf Bücher schmeißt oder Freudenfeuer mit Büchern veranstaltet. Alle diejenigen, die den Zugang zu jeglichen Büchern verhindern wollen, stehen in einer Reihe mit Josef Goebbels & Feliks Dzierżyński.

RMH

23. April 2021 10:27

Der vorpolitische Raum ist das eine und dieser war bereits vor der Gründung der Grünen gut bestellt ("Projekt der 68er"). Das andere und untrennbare davon ist, dass den Grünen die Tore zu echten Politik sehr früh weit geöffnet wurden und zwar zunächst von der SPD. Noch / schon Willy Brandt erkannte die Optionen für Mehrheiten jenseits der Union, Lafontaine zog damit in einen Wahlkampf und schon 1985 war es in Hessen soweit. Die AfD ist im Jahr 8 seit Gründung  meilenweit davon entfernt. Die Grünen wurden über ihre Realos zu dem, was sie sind, mit freundlicher Unterstützung der anderen Parteien und den Medien.

Aber auch für die Grünen gilt irgendwann: everybody's Darling, is soon everybody's ....

RMH

23. April 2021 10:41

@Imagine,

Die Grünen wurden am Anfang gerade von der Wirtschaft durchaus bekämpft und als Arbeitsplatzvernichter dargestellt. Erst als es gelang, den Leuten zu verkaufen, dass bspw. Umwelttechnik ein gutes Geschäft sein kann, kam der Durchbruch.

KlausD.

23. April 2021 11:21

@Der Gehenkte  22. April 2021 22:36

"Das Bedauerliche ist, daß der Konservatismus sich dieses Thema (hier: Naturschutz, Umwelt) - das sein ureigenes, organisch in ihm verwurzeltes ist - hat stehlen lassen."

Naja, immerhin widmet sich die Zeitschrift "Die Kehre - Zeitschrift für Naturschutz" diesen Themen.

https://die-kehre.de/

https://taz.de/Rechtes-Oeko-Magazin-Die-Kehre/!5690299/

Wohl müßte in der Breite mehr gemacht werden. Genau dieser Gedanke kam mir vor 2 Jahren auf der Radtour zur "Kulturellen Landpartie" im Wendland, eine Art Volksfest mit grünem Hintergrund.

https://www.kulturelle-landpartie.de/

Beim Anblick der selbstzufriedenen "grünen Tanten", die ja nach außen hin vor allem die Themen Natur und Umwelt beackern, bin ich schon etwas neidisch geworden. Könnte das in der Art nicht auch eine Aufgabengebiet für die IB sein?

Imagine

23. April 2021 11:45

@RMH   23. April 2021 10:41
„Die Grünen wurden am Anfang gerade von der Wirtschaft durchaus bekämpft und als Arbeitsplatzvernichter dargestellt. Erst als es gelang, den Leuten zu verkaufen, dass bspw. Umwelttechnik ein gutes Geschäft sein kann, kam der Durchbruch.“

Da muss man unterscheiden. Von den Superreichen und den Global Players wurden die Grünen von Anfang an gefördert und unterstützt (s. Club of Rome etc.), von den KMUs zunächst bekämpft, bis sie erkannten, dass die Grünen neue Märkte eröffnen, wo man insbesondere mit staatlichen Subventionen gute Profite machen kann.

Der Witz ist eben, dass es bei der Globalisierung Gewinner und Verlierer gibt.

Die Global Players wie Internetunternehmen (Gates, Apple, Google, Facebook, Amazon etc.), Big Pharma oder Goldman Sachs gehören zu den Gewinnern, viele KMUs zu den Verlierern.

Durch die Lockdown-Politik kommt es jetzt zum großen Sterben von KMUs, wovon die genannten Global Players die großen Gewinner sind.

Jetzt wollen die KMUs, die ansonsten mehrheitlich Gegner des Sozialstaats sind, Sozialhilfe vom Staat für ihre Unternehmen .

Der Gehenkte

23. April 2021 12:16

@imagine

"Das ist zutreffend, allerdings auch nur die halbe Wahrheit. Die Grünen sind so erfolgreich, weil sie dieses Thema kapital- und systemkonform einbringen."

Das ist richtig, allerdings auch nur zur Hälfte. Wenn man sich die frühen Texte der Ökobewegung vor Augen führt (Gruhl: Ein Planet wird geplündert 1975, Amery (Katholik): Die ökologische Chance 1976; Bahro: Die Alternative 1977 und Logik der Rettung; Harich: Kommunismus ohne Wachstum 1975;  Drewermann: Der tödliche Fortschritt 1990; Sieferle: Fortschrittsfeinde 1984 ... um nur einige der bekanntesten zu nennen), dann wird man sehen, daß dort die Kapitallogik vehement angegriffen wurde.

Die Systemkonformität fand in einem komplexen historischen Prozeß statt, in dem sich zuerst "das Kapital" der Ökologie annäherte und dann erst die Grünen sich dem schon angepaßteren "Kapital" usw. - wir haben es mit einem Synergieeffekt zu tun, der über zahllose beidseitige Häutungen zum jetzigen Zustand führte. Die Entscheidungen waren jeweils Mikroentscheidungen, also meist pragmatisch, ganz taktisch, situativ, persönlich, machtorientiert getroffen, die sich erst in der historischen Perspektive zu einer Richtung bündeln. Es gibt da - wie beim Great Reset - keinen großen Plan, sondern nur Entwicklungen. Wie Deleuze sagte: Im Sein gibt es Unterschiede, aber nichts Negatives.

Alter weiser Mann

23. April 2021 12:53

@RMH, Imagine

Sie haben die hegemoniale Strategie nicht verstanden. Es gilt, geistig in den Mainstream einzudringen, ihn an seinen Widersprüchen zu fassen und im Sinne der eigenen Ideen zu verändern. Die Macht kommt dann von allein. Damit waren die Grünen erfolgreich. Der Mainstream glaubt an ihre Ideen. Das die Ideen dann noch zu den Interessen der alten Hegemonie passen, macht den Sieg vollkommen.

Sie fallen immer wieder zurück zu den bösen Mächten, die das ganze angerichtet haben. Bei grün und Corona. Sie erliegen der gnostischen Versuchung. Wenn das ihre Überzeugung ist, dann bleibt ihnen nur der Volksaufstamd, das ist aber keine hegemoniale Strategie.

Schnellroda leistet einen wichtigen Beitrag zur hegemonialen Strategie. Sie decken nicht alles ab, aber sie haben das erforderliche geistige Niveau. Und sie sind irgendwie die einzigen, die es auf Rechts bisher erreichen. Deshalb bin ich hier.

Den Corona-Nonsense auf diesen Seiten verzeihe ich. Auch Carl Schmitt hat esoterischen Murks verzapft. Das schmälert sein Werk nicht und so ist es auch mit Schnellroda.

anatol broder

23. April 2021 12:59

@ der gehenkte 22:36

«die grünen sind deshalb erfolg­reich, weil sie die grösste krise in der ge­samten ge­schichte der mensch­heit be­wirt­schaften.»

ich traue mich gar nicht zu fragen, welche das sein soll.

interessant finde ich übrigens, dass hier die frei­heit­lichen vor­stösse der grünen wie etwa der datenschutz oder die hanf­frei­gabe nie er­wähnt ge­schweige denn über­nommen werden. solche blind­heit für tief­hängende früchte ver­rät erfolg­lose belagerer.

Gustav

23. April 2021 13:44

@ Der Gehenkte

Mach Sie doch nicht alles immer noch undurchsichtiger durch ihr pseudo-intellektuelles Geschwurbel. Die Zusammenhänge liegen doch für jedermann ganz offen. Das wußten viel weniger Verschwurbelte schon vor einhundert Jahren:

Dies begriff Lenin sehr wohl: Dass einem Ideen allein nicht weiterhelfen, dass man keine Revolution machen kann, ohne Macht zu haben, dass in unserer Zeit die Hauptquelle der Macht das Geld ist und dass alle anderen Formen der Macht - Organisation, Waffen sowie Menschen, welche diese Waffen zum Töten benutzen können - vom Gelde abhängen.

Alexander Solschenizyn , Lenin in Zürich

 

 

anatol broder

23. April 2021 14:07

@ benedikt kaiser

«arbeitsteilig und nachhaltig gesät.»

so einfach ist das nicht. die arbeits­teilung führt nur bei einem be­stimmten grad zu einer erhöhten wirk­sam­keit. ist der zenit über­schritten, macht sich die reibung geltend. so­bald die grünen jeden wichtigen posten mit einer karikatur von harry und meghan be­setzt haben, rechne ich mit be­scheidenen wahl­ergeb­nissen.

auch gauland und weidel wirken auf mich so kitschig wie porzellan­täub­chen. seit wann reicht ein frak­tions­vor­sitzender nicht?

Laurenz

23. April 2021 14:25

@Alter weiser Mann @RMH, Imagine

Sie fallen viel zu sehr auf die nun in Deutschland angewandte Clinton-Kampagne herein.

In meinem Wahllokal bin ich Wahlhelfer, die Pseudo-Grünen sind dort schon länger die stärkste Kraft. Deren Wähler, die ich bereits über mehrere Jahre wahltechnisch betreue, gehören in der Regel zu einer Bevölkerungsschicht, die von den Pseudo-Grünen gefüttert & gepämpert wird, aber tatsächlich nichts produziert. Das läßt sich auch durch Gelddrucken nicht beliebig ausdehnen. Schon gar nicht werden damit Nicht-Wähler-Reservoirs angezapft.

Also warten Sie doch einfach mal die BTW ab, wenn sie überhaupt stattfindet. So, wie es aussieht, fällt diese Wahl flach, und die Staatsratsvorsitzende bleibt für die nächsten Jahre weiterhin mit einem Not-Kabinett im Amt. Das kennen wir doch schon.

Es bliebe zweifelhaft, ob es eine rot-rot-grüne Mehrheit geben würde, genausowenig, wie eine "bürgerliche" Mehrheit im Meuthen'schen Sinne, und auch schwarz-grün wird keine Mehrheit erhalten.

Gustav

23. April 2021 14:27

@ Imagine

"....dass eine Volksgemeinschaft nur möglich ist in einem Sozialismus."

Wenn überhaupt, dann in einem Preußischen Sozialismus nach Oswald Spengler.

„Und damit ist die Aufgabe gestellt: es gilt, den deutschen Sozialismus von Marx zu befreien. Den deutschen, denn es gibt keinen andern. Auch das gehört zu den Einsichten, die nicht länger verborgen bleiben. Wir Deutsche sind Sozialisten, auch wenn niemals davon geredet worden wäre. Die andern können es gar nicht sein.“ (Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919, S. 4).

Der Sozialismus, das noch immer unverstandene Preußentum ,ist ein Stück Wirklichkeit höchsten Ranges, Marx ist – Literatur.

 

Waldgaenger aus Schwaben

23. April 2021 14:47

Zum Thema Grüne und Kapital:

Zu Beginn meines Berufslebens, Mitte der 1980iger Jahre, machte ichbeim einem süddeutschen Elektrokonzern einen Kurs für hoffungsvolle Nachwuchsmanager (die Hoffung blieb unerfüllt).    Eines ist mir in Erinnerunge geblieben:

Frage: Was ist das oberste Ziel unseres Unternehmens.

Meine Antwort, wie ich noch an der Uni gelernt hatte: "langfristige Gewinnmaximierung"

Gegenrede des Dozenten:Langfristig ist richtig,  Gewinnmaximierung ist falsch.

Unser oberstes Ziel das langfristige Überleben.

Hier ist IMHO in der Nussschale der Wandel der Freien Marktwirtschaft zum Staats-Kapitalimus beschrieben. Überleben kann ein Unternehmen auch  mit Staatsgeldern,  ja sogar als verstaatlicher Betrieb. Das wesentliche Element der Freien Marktwirtschaft die kreative Zerstörung unproduktiver Betriebe ist einem grundlegenden Mentalitätswandel zum Opfer gefallen. Das Leitbild ist nicht mehr der  Freie, staatsferne Unternehmer, sondern der abgesicherte Beamte.

Ich denke auch die Gründe liegen viel tiefer als eine gute metapolitische Arbeit er 1968iger, die nur ein opportunistischer Infekt an einem geschwächten Körper waren.

Utz

23. April 2021 16:21

Beim Thema Grüne und Kapital ist meines Erachtens das Thema Demokratie ganz wichtig. Auch wenn die Grünen die Kapitallogik angreifen, (wissen sie überhaupt, was sie da tun?), sind sie die idealen Verbündeten für das Kapital. Welche andere Partei hat so viele Ideale und hält diese so hoch, daß sie sagt: um diese durchzusetzen, ist alles erlaubt (wo gehobelt wird, fallen Späne). Nur mit den Grünen wäre ein chinesisches Social-Credit-System in Deutschland durchzusetzen, schließlich muß man die Umwelt- und sonstigen Sünder überwachen. For the better good ist es wichtig, auch mal kleinliche Bedenken wegen Demokratie und so, zurückzudrängen. Demgegenüber halte ich die Gewinnaussichten auf dem Ökosektor für eher vernachlässigbar. Es geht um mehr.

Imagine

23. April 2021 16:38

Gibt es irgendetwas Neues bei den Thesen von Hedwig Richter, auch nur eine einzige neue Erkenntnis?

Nein, nichts.

Dennoch befassen sich die Feuilleton-Schwätzer damit, weil es ein willkommener Anlass ist, dazu publizieren, sich darstellen und Zeilenhonorar bekommen zu können.

Tatsächlich ist es alter Quark, zudem noch schlecht angerichtet, was Richter serviert.

Dass der Faschismus eine Variante bürgerlicher Herrschaft war und ist, wissen wir schon von Reinhard Kühnl seit einem halben Jahrhundert (cf.Formen bürgerlicher Herrschaft. Liberalismus - Faschismus“ 1971).

Funktioniert die Marktökonomie nicht mehr richtig im Sinne der Kapitalverwertung, dann gehen die Wirtschaftsbürger zwecks Aufrechterhaltung des kapitalistischen Systems zur diktatorischen und terroristischen Herrschaftsform über, vor allem dann, wenn ein Systemwechsel droht.

Mit den klaren Worten des Thatcher-Freundes Pinochet:
„Die Demokratie muss gelegentlich in Blut gebadet werden, damit die Demokratie fortbestehen kann.“

Laurenz

23. April 2021 17:36

@Anatol Broder @BK

!Auch Gauland & Weidel wirken auf mich so kitschig wie Porzellan­täub­chen. Seit wann reicht ein Frak­tions­vor­sitzender nicht (aus)?(!)"

Waren Sie schon mal auf einem AfD-Parteitag? Oder haben Sich einen im Lichtspielgerät das ganze Wochenende reingezogen?

Mutmaßlich nicht.

Sollten Sie mal tun, dann wüßten Sie nämlich, daß die Doppelbesetzungen den verschiedenen Strömungen der Partei geschuldet sind, um soweit möglich, ein Gleichgewicht herzustellen. Alle die Co-Sprecher, die versuchten, hiervon wegzukommen und Allein-Herrscher zu werden, wurden von Delegierten oder Mitgliedern abgesetzt.

Und ein doppelter Fraktionsvorsitz bringt mehr Geld, welches die Partei dringend braucht. Hier geht es um jeden Cent. Machen Sie jedes Jahr eine Mio.-Spende & man wird dann vielleicht davon absehen können.

Der Gehenkte

23. April 2021 20:12

@ Gustav

"Mach Sie doch nicht alles immer noch undurchsichtiger durch ihr pseudo-intellektuelles Geschwurbel. Die Zusammenhänge liegen doch für jedermann ganz offen."

Gut, daß wir jetzt alle Bescheid wissen.

Ihre Anmerkung ist nur aus kommunikationstheoretischer Sicht ein bißchen interessant. Auf den Versuch einer Differenzierung - sie mag gelungen sein oder nicht - folgt der Hammer der totalen Entdifferenzierung. Schluß! Aus! Vorbei! Das Geld isses! Basta!

Wenn es nicht so typisch für Teile des Kommentariats wäre, könnte man es einfach weglächeln. Es ist ja um so lustiger, als wir uns hier auf einer Seite befinden, die seit vielen Jahren versucht, die Realitätsverschiebungen zu entknoten - durch Differenzierung ... was die gelegentliche Setzung des Eigenen nicht ausschließt.

Wenn Sie mal aus ihrem Solschenyzin auftauchen - übrigens einer seiner schwächsten Romane - dann lesen Sie mal Engels' Bauernkrieg: „Die mannigfaltig durcheinanderkreuzenden Bestrebungen der Ritter wie der Bürger, der Bauern wie der Plebejer, der souveränitätssüchtigen Fürsten wie der niederen Geistlichkeit, der mystifizierenden verborgenen Sekten wie der gelehrten und satirisch-burlesken Schriftstelleropposition erhielten in ihnen einen zunächst gemeinsamen, allgemeinen Ausdruck, um den sie sich mit überraschender Schnelligkeit gruppierten.“ So wird dort Luther hergeleitet.

anatol broder

23. April 2021 21:23

@ laurenz 17:36

ich sehe mir keine parteitage an.

geht es nun bei der doppelspitze der afd um «gleichgewicht» oder um geld? das letztere argument ist verständlich. warum zwei menschen eine fraktion besser vertreten sollen als nur einer, ist mir allerdings ein rätsel. ernsthafte frage: wäre den mitgliedern der afd ein dreifacher fraktionsvorsitz wegen mehr «gleichgewicht» noch lieber?

Pferdefuss

23. April 2021 21:44

Nach und nach wird man den Verdacht nicht los, dass die Künstler von den 'Behörden' willentlich oder wissentlich gegen Corona nur deshalb zugelassen wurden und werden, um sie, da angeblich von rechts vereinnahmt, medienwirksam das Gegenteil behaupten zu lassen. 

War es nicht Platon ('Der Staat'), der die Künstler wegen ihrer Wankelmütigkeit aus einer souveränen Staatsbildung und -führung ausgegliedert hat? 

 

Laurenz

24. April 2021 08:14

@Pferdefuss

Ich weiß nicht. Politiker sind meist schlechte Schauspieler, weil sie Schauspielerei nicht gelernt haben. Selbst Hitler meinte, üben zu müssen. Wenn Sie Sich Reden von Ronald Reagan anhören/anschauen, war seine erlernte Kunst den meisten Mitbewerbern überlegen. Er wußte eben, wie man einen Präsidenten spielt.

Im real existierenden Sozialismus war es noch schlimmer, da wurde auserwählt, insofern gab es keine Mitbewerber, mit denen man sich messen mußte. Viele Delegierte der Kommunistischen Parteien starben deswegen wohl vor Langeweile oder den übermäßig klatschenden Herzinfarkt.

Maiordomus

24. April 2021 08:25

@Schnellroda. Ich bin dort abonniert, weil man hier eine geistesgeschichtliche und geistespolitische Debatte führt, von Saint-Exupéry bis Klepper und Fallada, bedeutende, anderswo nicht gepflegte wissenschaftlche Autoren wie den tragisch resignierte, jedoch zu den besten deutschen Intellektuellen zählenden Sieferle weiter rezipiert und weil ich die Herausgeber als grundanständig mit Kriminalitätsquotient Null als voll integer erlebt habe mit nun mal Themen, wie sie bei den verschiedenen Richtungen des deutschen Konservativismus (nicht gerade jede die Richtung ist) zum Kanon beziehungsweise zum geistigen Interessengebiet gehören. Wer solche Stimmen nicht tolerieren kann, sei es an Buchmessen,  öffentlichen Veranstaltungen, Zitationen in Medien usw. steht den miesesten kuturellen Ausdrucksformen des Nationalsozialismus, Faschismuis und Kommunismus mit Sicherheit näher als einem auch nur annähernd freien und neugierigen Geistesleben. Zu berücksichtigen ist freilich, dass in Deutschland viele gegenüber einzelnen politischen Personen, etwa dem nun mal nicht ganz zufällig umstrittenen Höcke, auch psychisch bedingte Wahrnehmungsprobleme haben. Diesen würde ich aber gerne in der Bewährung als Lehrer sehen.

Gustav

24. April 2021 09:04

@ Der Gehenkte

Die Welt ist bei weitem nicht so kompliziert, wie sie die Herrschenden gerne darstellen. Die wahren Mächtigen und „Weltenlenker“, die vorgeben, wo es langgeht, sitzen heute oberhalb und unerreichbar von einzelnen Staaten, Institutionen und deren Jurisdiktion in einem monopol-und finanzkapitalistischen Olymp. Dieses Walhalla ist bevölkert von den Spitzenbankern der vernetzten Großbanken dieser Welt, von den Vorständen und Aufsichtsratsvorsitzenden multinationaler Monopolgesellschaften, von Medientycoonen, Ölscheichs und Oligarchen jeder Couleur bis hin zu Drogenpaten. Die Göttermütter und -väter in diesem Olymp sind die über allem thronenden, privaten Besitzerclans und Dynastien dieses Finanzhimmels, für die ihr unübersehbarer privater Kapitalbesitz vor allem eines bedeutet: Macht. Einzelmacht als Hauptgott und olympische Kollektivmacht über Menschen, Länder und Staaten.

Mit ihrem Hinweis, es wäre einer der schwächsten Romane Solschenyzins, bekommen sie diese Fakten nicht aus der Welt.

Gustav

24. April 2021 09:41

@ Imagine

"Dass der Faschismus eine Variante bürgerlicher Herrschaft war und ist, wissen wir schon von Reinhard Kühnl seit einem halben Jahrhundert..."

»Faschismus ist Antimarxismus, der den Gegner durch die Ausbildung einer radikal entgegengesetzten und doch benachbarten Ideologie und die Anwendung von nahezu identischen und doch charakteristisch umgeprägten Methoden zu vernichten trachtet, stets aber im undurchbrechbaren Rahmen nationaler Selbstbehauptung und Autonomie«. (Ernst Nolte)

Ihre Variante ist wieder einmal nur marxistischer Blödsinn.

Was als sozialistisches Lager firmierte, ähnelt historisch-strukturell den ersten, frühesten Klassen- und Ausbeutungsstaaten, den Gottkönigtümern an Euphrat und Tigris und am Nil.

Der Personenkult um die angeblich unfehlbaren Führungsfiguren des „sozialistischen Lagers“ war nichts anderes als eine moderne Variante des früheren Gottkönigtums.

Es handelte sich um eine Pseudoreligion von der Partei und der Unfehlbarkeit gottgleicher „Klassiker des Marxismus-Leninismus“.

Neudeutsch auch bekannt als die "Alternativlosen".

RMH

24. April 2021 10:05

@Pferdefuss,

"den Verdacht nicht los, dass die Künstler von den 'Behörden' willentlich oder wissentlich --"

Na und?

Die zum Teil seltsamsten, schrägsten und manchmal auch verachtenswertesten Systeme und Potentaten haben streckenweise große Kunst beauftragt, die bis heute überdauert.

Ich bin jetzt weit davon entfernt, diese Filme als große Kunst zu bezeichnen, aber sie sind Kunst und etliche davon sind sogar richtig gut gelungen (manche weniger, kein Wunder, bei der Menge). Alleine die Hysterie, die ausgelöst wurde, ist einer der wesentlichen Zustandsanzeiger der letzten Zeit - noch dazu in dieser Breite. Das jetzt ausgerechnet die Bild in ihren Kommentaren nicht mit in den Chor "Hängt die Spitzbuben, die sich über den Tod von Omas und Opas lustig machen" einreiht, sprich Bände. Laschet äußert sich zum ersten mal halbwegs geschickt.

Jeder weiß, dass vermutlich alle diese Künstler nie rechts waren, allenfalls krypto-rechts oder mit falschem Bewusstsein ausgestattet. Dass von solchen Leuten jetzt das revocare, der Kotau eingefordert wird, ist entlarvend und evtl. macht es beim einen oder anderen der Darsteller, tief drinnen, klick, oha, von wegen Kunstfreiheit ... Liefers fühlte sich jedenfalls schon mal an die DDR erinnert.

Ich jedenfalls sage, Respekt für diese Aktion.

Niekisch

24. April 2021 12:47

"Eine Hegemonie auf mehreren Ebenen ist nur dann zu erlangen, wenn eine politische oder weltanschauliche Bewegung ihre eigenen Ideen im kulturellen und im vorpolitischen (also: metapolitischen) Raum als führend zu setzen vermag, was langfristigen »Stellungskrieg« (Gramsci) mit sich bringen kann, aus dem man als Sieger hervorgehen muß."

Ein zentraler Begriff hierfür ist der Begriff Volk, zu dem Thor von Waldstein 20 Thesen vorgelegt hat. Etwas off-topic gebe ich den Hinweis auf mein Bemühen, darauf im einzelnen einzugehen:  Mein Volk, was bist Du?…II. | Metapolitika (wordpress.com)

Gracchus

24. April 2021 19:28

In meiner grünen Jugend hab ich Grüne nie bei Waldgängen angetroffen. Immer nur in einer Kneipe, deren Einrichtung war immerhin aus Holz. Wenn die Grünen von Umwelt sprachen, klang es immer wie etwas Abstraktes, nicht aus eigener Erfahrung und Anschauung Gewonnenes. Das war in den 90ern. In den Nullerjahren dämmerte mir auf einmal, was hier bereits einige gesagt haben: Die Grünen hatten ihre Ideen längst dem Markt angepasst. Daher rührt ihr Erfolg. Jetzt kamen noch zwei medienaffine Vorsitzende hinzu, und in den Redaktionen hängen Leute rum, die mit den Grünen grossgeworden sind. 

Gracchus

24. April 2021 19:32

Durs Grünbein hat früher, ganz zu Anfang seiner Karriere ganz gute Gedichte geschrieben. Mit deutlichen Benn-Anklängen. Jetzt denkt er jeden Tag an Auschwitz, wie er Maxim Biller verriet, damit der's in einem ZEIT-Artikel verbrät. 

Imagine

25. April 2021 09:20

1/2

Im rechten Milieu ist viel von der Eroberung des vorpolitischen Raums die Rede.

Aus meiner Sicht geht es darum. ein aufgeklärtes Bewusstsein der realen gesellschaftlichen Zusammenhänge zu entwickeln. Auf dessen Basis wird dann ein rationales und zielgerichtetes Handeln möglich.

Es geht darum, das falsche und vernebelte Bewusstsein zu überwinden, welches zu einem irrationalen und ineffektiven politischen Verhalten führt. Damit wird das herrschende System perpetuiert.

Im Grunde ist der Begriff „vorpolitischer Raum“ falsch, denn es handelt sich um ideologische und psychologische Herrschaft, also um einen Kernbereich der Politik.

Thor v. Waldstein vertritt die Position, dass die politische Rechte nur eine Zukunft hat, wenn sie an den nicht-marxistischen deutschen Sozialismus vor 1933 anknüpft.
Jedoch sei die deutsche Rechte von einer sozialen, gar sozialistischen Orientierung jedoch weit entfernt. Vgl. Interview mit Thor v. Waldstein: »Sozialismus und Nation«

Die Realität ist jedoch, dass das rechte Milieu bis auf ganz wenige Ausnahmen in Feindschaft zu einer sozialistischen Neu-Orientierung steht. Das falsche Bewusstsein hat sich seit Jahren nicht verändert hat, sondern sogar verhärtet, was sich auch in hier bei den Kommentaren auf SiN manifestiert.

Imagine

25. April 2021 09:20

2/2

So kann daher keine nationale und soziale Sammlungsbewegung entstehen, welche als Volksbewegung logischerweise auch das das linke Milieu, das heute die Mehrheit im deutschen Volk darstellt, integrieren müsste.

Die nationalen Rechten machen jedoch genau das Gegenteil, sie vertiefen die Spaltungen und Feindschaften im deutschen Volk und viele tendieren zu einem Jüngerschen-Mitläufertum aka „innere Emigration“.

In der Migrationsfrage haben die nationalen Rechten total versagt, denn die AfD ist hierzu keine wirkliche Opposition. Bezüglich China unterscheidet sich die Position der neuen Rechten – mit Ausnahme vereinzelter Personen - nicht vom Mainstream.

Überhaupt ist der Begriff „neue Rechte“ irreführend, denn deren Positionen unterscheiden sich nicht von herrschafts- und marktkonformen Rechten, wie sie für den rechten Flügel von CDU/CSU kennzeichnend waren und auch in der AfD die ganz überwiegende Mehrheit bilden.

In kritischer Retrospektive lässt sich festhalten, dass das neu-rechte Milieu, wie es sich um die „Junge Freiheit“ bildete, systemkonformistisch und anti-sozialistisch war und nach wie vor ist.

Andreas Walter

25. April 2021 10:41

Wer behauptet, Deutschland sei eine Demokratie, der kann nur ein unwissender Narr sein oder ist ein bewusster, opportunistischer Lügner. Doch woher sollen ausgerechnet auch die Deutschen wissen, was eine Demokratie ist, haben sie doch seit mindestens 87 Jahren keine mehr gehabt. Doch auch seit der Reichsgründung war, wenn überhaupt, nur die Weimarer Republik eine Demokratie, allerdings dann eine in Gründung, mit all den entsprechenden Konflikten (militante Straßenkämpfe politisch rivalisierender Gruppen).

Das angesprochene Buch taugt daher höchstens als Briefbeschwerer oder zum offen halten von Türen bei Durchzug. Oder eben um die Stupidität beziehungsweise Falschheit auch seiner ebensolchen Kritiker zu erkennen. Ob im Zoo geborene Löwen die Freiheit vermissen, auch diese Information suche ich mir daher lieber selbst im Netz.

Imagine

25. April 2021 12:35

1/2

Zum deutschen Volkscharakter – so die These - gehört bzw. gehörte die Affinität zum Sozialismus, zugleich aber auch die Ablehnung einer Revolution auf dem Wege von Klassenkampf und Bürgerkrieg.

Insofern wird die Revolutionstheorie und –strategie des Marxismus und seiner konkreten Umsetzung in Form von Leninismus, Stalinismus und Maoismus abgelehnt.

Die Deutschen wollen einen friedlichen Weg des Überganges zum Sozialismus, sie wollen die Volksgemeinschaft erhalten und keinen Bürgerkrieg.

In diesem Sinne muss auch das Transformationskonzept von Rosa Luxemburg verstanden werden, als Dialektik von Reform und Strukturrevolution.

Die Affinität der Deutschen zum Sozialismus und dessen Realisierung auf friedlich-demokratischem Wege kennzeichnet die Geschichte der Deutschen vor dem Zweiten Weltkrieg, angefangen mit Friedrich Naumann über die Politik der SPD bis hin zum Strasser-Flügel in der NSDAP und Teilen der „Konservativen Revolution“.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Besetzung und Teilung Deutschlands war die Idee eines deutschen Sozialismus zwar nicht völlig tot, sie existierte beispielsweise noch bei Oswald von Nell-Breuning:

Die SPD hat sich allerdings offiziell und definitiv mit dem Godesberger Programm von 1959 vom Zoel des Sozialismus verabschiedet. Und in den 70er Jahren hat sie die in der SPD noch verbliebenen Sozialisten ausgeschlossen oder rausgeekelt.

 

Imagine

25. April 2021 12:39

2/2

Insbesondere durch Rudi Dutschke – so die These - kam es zu einer Renaissance des „Deutschen Sozialismus“. Dessen Kampfgefährte Bernd Rabehl sieht in Dutschke einen Vertreter eines deutschen Wegs zum Sozialismus.

Dem würde ich als Zeitzeuge zustimmen. Dutschke war ein klarer Gegner von Leninismus, Stalinismus und Maoismus. Insofern war Dutschke Anti-Kommunist, was den realen Kommunismus im Ostblock betraf.

Aus meiner Erfahrung kann ich bestätigen, dass die meisten „68-er“ im Gegensatz zu den späteren K-Gruppen so dachten. Dies K-Gruppen waren keine freiheitlichen Sozialisten, sondern Links-Faschisten.

Die Jusos wollten mehrheitlich einen friedlich-demokratischen Weg zum Sozialisms über „systemsprengende Reformen“. Jochen Steffen hat Konzept einer Strukturrevolution in seinem Buch dargelegt.

Auch Robert Kurz war später ums Jahr 2000 zu einem entschiedenen Gegner des Klassenkampfkonzeptes geworden. (cf: „Wir haben ihn so geliebt, den Klassenkampf“). Ein Beibehalten des marxistischen Klassenkampfs hielt er für völlig antiquiert und kontraproduktiv, eine gesellschaftliche Transformation sah er nur auf dem Wege einer klassenübergreifenden anti-kapitalisten Bewegung als realistisch an.

Die sich als „nationale Rechte“ bezeichnenden Teile des rechten Milieus haben sich vom deutschen Volkscharakter völlig entfernt, sie sind „undeutsch“ geworden, denn sie vertreten liberalistische und anti-sozialistische Positionen.

anatol broder

25. April 2021 15:01

@ pferdefuss, rmh

es gibt nach platon weder grosse noch kleine kunst. ein kunstwerk ist nur, was ewig überdauert. seine entstehung ist somit unbedeutend. deswegen ist es zwecklos, künstler in politisches tages­geschäft einzubinden.

Laurenz

25. April 2021 19:00

@Anatol Broder @Pferdefuß

Sind Philosophen nicht auch Künstler?

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