Gefühlsordnungen: Wenn es sich nicht gut anfühlt

PDF der Druckfassung aus Sezession 98/ Oktober 2020

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Wenn sich etwas nicht gut anfühlt, besteht heu­te Grund zur Kla­ge. Mot­to: Man wird sich ja noch wohl­füh­len wol­len dür­fen! An die­ser Hal­tung ist man­cher­lei neu.

Ers­tens der fokus­sier­te Blick auf die ganz per­sön­li­che Gefühls­la­ge. Ihn gab es die längs­te Zeit der Mensch­heits­ge­schich­te nicht. Las­sen wir dabei die eli­tä­re Gestimmt­heit der »Emp­find­sam­keit« (frü­hes 18. Jahr­hun­dert) und der gesam­ten spä­te­ren Roman­tik bei­sei­te. Nichts dar­an war ernst­haft im Volks­tum ver­wur­zelt. Ja, es gab – sogar über­bor­den­de – kol­lek­ti­ve, poli­tisch befeu­er­te Gefühls­la­gen. Der lei­den­schaft­li­che Natio­na­lis­mus oder die Arbei­ter­kämp­fe wären pro­mi­nen­te Bei­spie­le. Dabei ging es aber nie um das ganz indi­vi­du­el­le Behagen.

Heu­te ist das »per­sön­li­che Gefühl« hin­ge­gen Grund­schul­lehr­stoff: Ange­lei­tet wird der Blick ins eige­ne, bis­her meist kind­lich-phan­tas­tisch ver­dun­kel­te Inne­re. Es geht um die Ent­de­ckung des sub­jek­ti­ven Emp­fin­dens und das Wis­sen um die Gel­tung des­sel­ben. Auf­ga­be (meist in »Sach­kun­de«, oft in ein »Pro­jekt« aus­ge­la­gert): »Du sollst der Tan­te lieb die Hand geben. Du magst die Tan­te über­haupt nicht. Wie geht es Dir damit? Was tust Du? Was könn­test Du tun?« Der Appell an die »eige­nen Gefüh­le« und folg­lich die Ablei­tung eines Ver­hal­tens­maß­stabs dar­aus wird zei­tig laut. Und es ist ein Appell, eine scharf­ge­stell­te Alarm­glo­cke, ein über­wa­ches, nahe­zu all­er­gi­sches Immunsystem.

Zwei­tens: Das spe­zi­ell moder­ne Making of von Gefüh­len. Es wird heu­te para­dig­ma­tisch anders insze­niert als zuvor. Gefüh­le wer­den und wur­den gemacht. Wir ken­nen viel- und zugleich ein­fäl­ti­ge Gefühls­nor­men. Es gibt gewis­ser­ma­ßen (kul­tu­rell unter­schied­li­che) Gefühls­pflich­ten. Wir wis­sen meist von Kin­des­bei­nen an, was uns eigent­lich auf­re­gen, freu­en oder ärgern oder zum Trau­ern brin­gen soll­te. Es wird uns ein­ge­trich­tert und unter die Haut gescho­ben. Der Pro­zeß heißt: Sozia­li­sa­ti­on. Gefüh­le waren sel­ten archa­isch deter­mi­niert. Wie wir füh­len, ist gro­ßen­teils sozi­al erlernt und kul­tu­rell tra­diert. Die­se Fest­stel­lung und die­se Pra­xis sind also nicht neu.

Neu sind aller­dings die Steue­rungs­in­stanz (näm­lich, geschicht­lich gese­hen, brand­neu: eine inner­welt­li­che Instanz, nicht mehr Gott und sei­ne Gebo­te), und zwei­tens die Mul­ti­me­di­a­li­tät der Gefühls­er­zeu­gung. Den­ken wir bloß an die emo­tio­na­le Potenz von Film­mu­sik, an die Wirk­sam­keit von Wer­bung (feel the tas­te, feel the beat, feel the mes­sa­ge etc.), an Emo­ti­ons­kas­ka­den, die sich über sozia­le Netz­wer­ke ver­brei­ten – etwa an Gefühls­mit­rei­ßer wie anno 2014 die »Ice Bucket Chal­len­ge«. Erin­nern wir uns noch? Wer sich einen Kübel Eis­was­ser über den Kopf stülp­te und drei Mit­ma­cher ani­mier­te, das­sel­be zu tun, kam mit einer (frei­wil­li­gen) Spen­de von zehn Dol­lar an eine Stif­tung zur Erfor­schung der Ner­ven­krank­heit »Amyo­tro­phe Late­ral­skle­ro­se« davon. Wer sich nicht trau­te, soll­te 100 Dol­lar spen­den. Aus lau­ter Rüh­rungs­en­thu­si­as­mus kamen bin­nen weni­ger Wochen Dut­zen­de Mil­lio­nen ­zusam­men. Geschickt ein­ge­fä­delt ist es ein­fach, Trä­nen­drü­sen oder Porte­mon­naies zu öffnen.

Drit­tens: Neben der Gefühls­er­we­ckung (durch Appell und Sug­ges­ti­on von Kin­des­bei­nen an) und der Gefühls­be­wirt­schaf­tung (vor allem durch Mas­sen­me­di­en) ver­fü­gen wir nun über ganz phan­tas­ti­sche Gefühls­sta­bi­li­sa­to­ren. Das sind beto­nier­te Anker für den Gefühls­strom des All­tags. Spä­tes­tens seit den 1980er Jah­ren (Stich­wort: »Män­ner­grup­pen«) spre­chen wir vom Emo­tio­nal Turn. Wer je mit dem Mode­the­ma »Gewalt­freie Kom­mu­ni­ka­ti­on« (GfK) kon­fron­tiert war, weiß, wovon die Rede ist. Kana­li­sier­te Gefüh­le (oft sogar anti-instink­tiv) sind längst ein wesent­li­cher poli­ti­scher Fak­tor. Es gibt fel­sen­fes­te Gefühls­nor­men. Wer abweicht, ist verdächtig.

Die­se drei The­sen zur moder­nen Gefühls­ideo­lo­gie sind in ihrem Zusam­men­klin­gen para­dig­ma­tisch für unse­re Gegen­wart. Ent­schei­dend ist die über­ge­ord­ne­te Stel­lung des Indi­vi­du­ums. Gefühls­po­li­tik wur­de hin­ge­gen seit lan­gem betrie­ben. Bereits Gust­ave Le Bon hat­te in sei­ner Psy­cho­lo­gie der Mas­sen (1895) das »Wei­bi­sche«, Hys­te­ri­sier­ba­re an kol­lek­ti­ven Auf­stän­den mar­kiert. Auch Hit­ler stell­te in Mein Kampf (1925) fest, daß die Mas­se der Deut­schen in ihrer über­wie­gen­den Mehr­heit so femi­nin ver­an­lagt und ein­ge­stellt« sei, »daß weni­ger nüch­ter­ne Über­le­gung als viel­mehr gefühls­mä­ßi­ge Emp­fin­dung sein Den­ken und Han­deln bestimmt.«

Die Sozio­lo­gen Max Weber und Nor­bert Eli­as gin­gen hin­ge­gen vor etwa hun­dert Jah­ren mit guten Grün­den noch davon aus, daß die Men­schen im Zuge der Moder­ni­sie­rung ihre bis dato unge­ord­net hau­sie­ren­den Gefüh­le kon­trol­lie­ren und ihr Han­deln der Ratio­na­li­tät unter­wer­fen müß­ten und wür­den – ein preu­ßi­sches (und womög­lich frag­wür­di­ges) Relikt, das nicht lan­ge vor­hielt. Oder?

Gehor­chen wir heu­te (und frag­los gehor­chen wir!) der Ratio oder dem Gefühl? Das ist eine kom­ple­xe Fra­ge: Zählt heu­te wirk­lich das neu­mo­di­sche, ego­man wir­ken­de, tat­säch­lich aber kol­lek­tiv mani­pu­lier­te »Bauch­ge­fühl«? Gemäß zahl­rei­chen Gefühls­ex­per­ten gilt doch heu­te, im »Neo­li­be­ra­lis­mus«, allein das Zähl­ba­re, die mög­lichst exak­te Zumes­sung, die umfas­sen­de Polung auf das erfolg­rei­che Funktionieren.

Was nun, Bauch oder Zahl? Tat­säch­lich dürf­ten wir es in der heu­ti­gen Zurich­tung mit einer per­fi­den Kopf-Bauch-Mischung zu tun haben. Nolens volens sehen wir uns mit klamm­heim­li­chen, doch rigi­den Gefühls­an­ord­nun­gen kon­fron­tiert. Wir müs­sen gar nicht mehr selbst füh­len: Ein numi­no­ses »Es« »fühlt sich« heut­zu­ta­ge an. Das klingt so all­ge­mein­gül­tig wie unge­fähr. So soll es auch sein. Unse­re Gefühls­spä­ne sind dres­siert genug, sich artig aus­zu­rich­ten. Ein nahe­zu dik­ta­to­ri­scher Affekt: Fühlt mal! Fühlt mal rich­tig rein! Fühlt mal tie­fer! Kana­li­sier­te Gefüh­le sind längst ein wesent­li­cher poli­ti­scher Fak­tor. Emo­ti­ons­be­wußt­sein ist heu­te ein Quer­schnittsphä­no­men. Wir sind gera­de­zu süch­tig nach gro­ßen, über­wäl­ti­gen­den Gefüh­len; und zwar nach kol­lek­ti­ven Aus­brü­chen eben­so wie nach indi­vi­du­el­len. Die Zeit­al­ter der Dis­zi­plin und Selbst­be­herr­schung sind längst vor­bei. »Let it flow!«, laß es raus – nur führ­te gera­de die­se Devi­se eben nicht zu geis­ti­ger Gesund­heit. Gän­gi­ge (das heißt: seit weni­gen Jahr­zehn­ten enorm ver­stärkt auf­tre­ten­de) Phä­no­me­ne wie Depres­sio­nen, Angst­stö­run­gen, Manien oder post­trau­ma­ti­sche Belastungs­störungen sind erns­te Krank­hei­ten. Und sie sind Mode­er­schei­nun­gen. Was heu­te mas­sen­haft unter die­sen medi­zi­ni­schen Klas­si­fi­ka­ti­ons­kri­te­ri­en abge­legt wird, zeigt an, daß es um den Gefühls­haus­halt unse­rer Gesell­schaft schlecht bestellt ist.

Wer gewieft genug ist (wo es aus wel­chen Grün­den auch immer dar­um geht, den Opfer­sta­tus hoch­zu­schrau­ben), weiß unbe­wußt, wel­che Gefühls­la­gen heu­te als beson­ders betät­schelns­wert gel­ten. Das per­sön­li­che Psy­cho­dra­ma (also: zu einer Opfer­grup­pe zu gehö­ren, trau­ma­ti­siert oder aus je aktu­ell ermit­tel­ten Fies­heits­grün­den zukurz­ge­kom­men zu sein) ist mitt­ler­wei­le ein Sta­tus­an­zei­ger und direkt geld­wert. Das Rationalitäts‑, das Nach­voll­zieh­bar­keits­ge­bot hat sich ver­flüs­sigt. Ratio­nal ist, was Du als ratio­nal emp­fin­dest, nach­voll­zieh­bar ist es, weil Du es spürst, und Punkt. Gefühls­mo­den las­sen sich kom­po­nie­ren, len­ken, instru­men­ta­li­sie­ren. Als Deut­sche ken­nen wir das geschicht­lich bedingt bekann­ter­ma­ßen beson­ders gut. Unser­eins hat das elo­quen­te Swit­chen zwi­schen Gefühls­zu­stän­den perfektioniert.

In den Leit­me­di­en nun geht seit lan­gem die Rede und Kla­ge vom »post­fak­ti­schen Zeit­al­ter«. Es heißt dort, daß »gefühl­te Wahr­hei­ten« die Ober­hand gewon­nen hät­ten. Wut­bür­ger und – intel­lek­tu­el­ler betrach­tet – Typen auf der Suche nach einer ver­lo­ren­ge­gan­ge­nen »Thy­mos­span­nung« (Peter Slo­ter­di­jk /  Marc Jon­gen) trie­ben heu­te ihr Unwe­sen und damit die Poli­tik vor sich her. Die­sen Leu­ten gin­ge es schimpf­li­cher­wei­se dar­um, »mit Gefüh­len Poli­tik« zu machen, wo doch »Fak­ten« zählten.

Das wäre nun die Fra­ge: Lei­den wir »Rech­ten« an einem Zuviel an Gefühl (im Slang sozia­ler Netz­wer­ke: das wei­ner­li­che »mimi­mi« oder, ande­rer­seits, das Super­pa­thos) oder, im Gegen­teil, an zu wenig? Das heißt: Ist unse­re Horn­haut ein­fach zu wenig trai­niert? Sind wir zu emp­find­lich? Oder: Sind wir (Rech­ten) unse­ren Instink­ten ent­frem­det? Braucht es rech­tes »Acht­sam­keits­trai­ning«? Ich nei­ge zu letz­te­rem. Die Rech­te hat ein Plus im Den­ken und ein Minus im Füh­len. Das eine wur­de an‑, das ande­re abtrainiert.

Wir leben jeden­falls in einer the­ra­peu­tisch beglei­te­ten Gesell­schaft. Es gibt eine Norm des Sich­gut­füh­lens, die zum psy­cho­hy­gie­ni­schen Stan­dard gewor­den ist. »Schlech­te Gefüh­le« wer­den nicht nur pri­vat behan­delt (etwa im Rah­men einer Psy­cho­the­ra­pie), son­dern auch gesell­schaft­lich, also öffent­lich ver­han­delt und instru­men­ta­li­siert. Die The­ra­pie der Wahl ist alle­mal links­las­tig – so sind die Zei­ten. Es gibt kaum rech­te See­len­pfle­ge. Wäre der­glei­chen über­haupt denk­bar? In Zei­ten, wo selbst mil­de »Kon­ver­si­ons­the­ra­pien« (Ver­su­che, bei Homo­se­xu­el­len per Rede­kur hete­ro­se­xu­el­le Poten­tia­le zu ent­wi­ckeln) vor den Kadi kom­men und hin­ge­gen sogar medi­ka­men­ti­sier­te Geschlechts­wech­sel gesamtgesellschaft­lich beför­dert wer­den: gewiß nein.

Der »spi­ri­tu­el­le Bei­stand«, der sich etwa wäh­rend der jüngs­ten »Anti-Coro­na-Demons­tra­tio­nen« per Man­tra-Medi­ta­ti­on und der­glei­chen zeig­te, erweist, daß es ein immenses the­ra­peu­ti­sches, see­len­wie­gen­des Bedürf­nis gibt. Der the­ra­peu­ti­sche Nut­zen kommt aller­dings nur – das ist wich­tig – jenen zugu­te, die sich zu arti­ku­lie­ren wis­sen oder die über ent­spre­chen­de Mit­tels­leu­te / Laut­spre­cher ver­fü­gen. Was wis­sen wir als Nut­zer der Leit­me­di­en bei­spiels­wei­se über die Gefühls­la­ge von Schei­dungs­kin­dern? Über den emo­tio­na­len Haus­halt von Frau­en, die nach einer Abtrei­bung lei­den? Über die see­li­sche Gesund­heit von Kin­dern, die fer­tig­ge­macht wer­den, weil sich ihre Eltern in der AfD enga­gie­ren? Rein gar nichts. Hin­ge­gen wis­sen wir eigent­lich alles über die psy­chi­sche Gestimmt­heit von Migran­ten der drit­ten Genera­ti­on oder über Men­schen, die sich auf­grund ihres Trans­gen­der­tums dis­kri­mi­niert sehen. Es gibt eine Hier­ar­chie der Gefüh­le. Der Rech­te hat hier defi­ni­tiv den Schwar­zen Peter gezo­gen. Sich fremd im eige­nen Land zu füh­len zählt nicht zu den abre­chen­ba­ren Ängs­ten. Das fällt raus.

Der vor­herr­schen­de Affekt in unse­rer Gesell­schaft scheint heu­te zu sein, sich belei­digt bzw. gekränkt zu füh­len – und, mög­lichst öffent­lich, auf Satis­fak­ti­on zu schie­len. In alten Zei­ten gab es etwa fol­gen­de Mög­lich­kei­ten, sein Gegen­über zu belei­di­gen: Ver­bal (als »Arm­leuch­ter«, »Voll­idi­ot« uvm.), mit­tels diver­ser Ges­ten oder durch üble Nach­re­de. Zahl­rei­che sol­cher Schmä­hun­gen fin­den sich in den »sozia­len Netz­wer­ken«, Anony­mi­tät und Vir­tua­li­tät för­dern die Ent­hem­mung. Das Straf­ge­setz­buch ahn­det sie. Meis­tens jeden­falls. »Faschist« wird man sach­be­grün­dungs­los stets sagen dürfen.

Die heu­te modi­schen Krän­kungs­grün­de sind hin­ge­gen oft nicht klar, wenigs­tens nicht durchs Straf­ge­setz­buch erfaßt. Es braucht einen gewis­sen Erklä­rungs­auf­wand, um Men­schen (außer­halb der ver­let­zungs­af­fi­nen Bla­se) das jewei­li­ge Krän­kungs­ge­fühl zu erläu­tern. Die gän­gi­gen üblen Gefühls­zu­stän­de soll­ten mög­lichst kom­plex, auch kom­pli­ziert sein und am bes­ten eine »Geschich­te« ( meist: die lan­gen Unter­drü­ckungs­jahr­hun­der­te zu Las­ten der Frau­en, Far­bi­gen, Gehan­di­cap­ten, Kin­der, Schwan­ge­ren, Gebä­ren­den, Kran­ken, Alten, Dro­gen­nut­zer, Anders­lie­ben­den etc.) auf­wei­sen, damit sie ernst­ge­nom­men wer­den kön­nen und als schwer­wie­gend erscheinen.

Die heu­te übli­chen Krän­ker gehen – nach Ansicht der Gekränk­ten – sub­til vor. Sie belei­di­gen nicht zwangs­läu­fig ver­bal: Sie gucken unfreund­lich. Sie gucken weg. Sie gucken hin. Sie schau­en durch einen durch. Sie lachen. Sie atmen durch. Sie tun nur freund­lich. Sie zie­hen die Augen­brau­en hoch. Krän­kung ist, was sich »für mich so anfühlt.«

Schlimms­ten­falls klei­den die Krän­ker ihre Krän­kungs­ab­sicht in gemei­ne Fra­gen. »Woher stammst Du eigent­lich?«, gegen­über einer far­bi­gen Per­son geäu­ßert, dürf­te der Ren­ner sein. Emp­find­sa­me Leu­te (wer nicht hyper­sen­si­tiv ist, zählt ohne­hin zu den Bar­ba­ren) sehen dar­in kei­ne freund­lich-inter­es­sier­te Fra­ge, son­dern (hun­dert­fach belegt in den Leit­me­di­en, eine Art run­ning gag seit etwa 15 Jah­ren) fol­gen­de Unter­stel­lung: »Du bist ja offen­kun­dig fremd hier in Deutsch­land. Du gehörst nicht hier­her. Was machst Du hier eigent­lich? Wohin könn­ten wir Dich deportieren?«

Unter sämt­li­chen »Mikro­ag­gres­sio­nen« (der Begriff tauch­te 1970 erst­mals im sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Dis­kurs in den USA auf und lie­ße sich gut mit einem »fie­sen, klei­nen, sub­ku­ta­nen Stich« über­set­zen) die es zu bekla­gen gibt, sind jene am wei­tes­ten ver­brei­tet, die man im anglo­pho­nen Sprach­raum als »racial« ein­ord­net. Die Über­set­zung ins Deut­sche ist schwie­rig: »Ras­sisch« ver­bie­tet sich (als ob es Ras­sen gäbe!), auch ­»eth­nisch« ist zwei­fel­haft, da hier ein mitt­ler­wei­le omi­nös gel­ten­der Volks­be­griff zur Spra­che käme. Mer­ke: Wo immer wir uns bewe­gen: dün­nes Eis, schwie­ri­ges Terrain!

All die gras­sie­ren­den Mikro­ag­gres­sio­nen las­sen sich gemäß einer bis heu­te viel­zi­tier­ten Stu­die (»Racial micro­ag­gres­si­ons in ever­y­day life: Impli­ca­ti­ons for cli­ni­cal prac­ti­ce« hrsg. von Derald Wing Sue u. a., in: Ame­ri­can Psy­cho­lo­gist, Vol 62 (4), 2007) in drei­er­lei Ver­ge­hen auf­tei­len: ers­tens den micro­as­s­ault, den Mikro­an­griff; zwei­tens den micro­in­sult, die Mikro­be­lei­di­gung, drit­tens die micro­in­va­li­da­ti­on, die Mikro­her­ab­set­zung. Das Dezi­mal­prä­fix »micro« ist mathe­ma­tisch wirk­lich win­zig klein. Es ran­giert noch unter­halb von »cen­ti« und »milli«und kenn­zeich­net: ein Mil­li­ons­tel. Falls wir im Bil­de blei­ben wol­len: Ein Schlag ins Gesicht wäre »tera«. Ein Anrem­peln »giga«, ein Aus­ruf »hek­to«. Eine Milli­aggression wäre die ruhi­ge, aber bestimm­te Ansa­ge: »Laß es ein­fach.« Mikro­ag­gres­sio­nen hin­ge­gen gesche­hen absichts­los. Und schlim­mer noch, sie unter­lau­fen gera­de die­je­ni­gen, die sich eigent­lich Mühe geben! Am bekann­tes­ten dürf­te die­se Defi­ni­ti­on sein: Wer (als wei­ße Per­son) behaup­tet, kein / e Ras­sist / in zu sein, ist es wohl erst recht, denn dann kann er / sie sich nicht aus­rei­chend reflek­tiert haben – und leug­net dies zudem. Die­se Behaup­tung ist mitt­ler­wei­le hun­dert­fach per­p­etu­iert worden.

Eini­ge Aus­sa­gen und Ansin­nen, die bei Derald Wing Sue et al bei­spiel­haft zu fin­den sind und die als mikro­ag­gres­si­ve Ras­sis­men zu wer­ten sind, wenn sie gegen­über nicht­wei­ßen Leu­ten aus­ge­spro­chen wer­den, lau­ten: »Du bist total wort­ge­wandt!« (Heißt näm­lich angeb­lich eigent­lich: nor­ma­ler­wei­se sind Far­bi­ge weni­ger intel­li­gent als Wei­ße.) Oder: »Ich den­ke, daß die am bes­ten qua­li­fi­zier­te Per­son den Job bekom­men soll­te.« (Heißt eigent­lich: Spre­cher kapiert nicht, daß Far­big­sein auto­ma­tisch ein anzu­rech­nen­des Minus ist.) Oder: »In unse­rer Gesell­schaft kann jeder erfolg­reich sein, der bereit ist, hart zu arbei­ten.« (Eigent­lich: Men­schen mit Far­be sind nur zu faul.) Oder, beson­ders fies: »War­um regst Du Dich so auf? Beru­hig Dich mal!« (Gemeint: Glei­che Dich sofort der herr­schen­den Kul­tur an!) Mikro­ag­gres­siv sei es dem­nach auch, eine asia­ti­sche Per­son um Hil­fe bei einer mathe­ma­ti­schen oder natur­wis­sen­schaft­li­chen Auf­ga­be zu bit­ten. Gemei­ner Sub­text: Die­se Asia­ten kön­nen »doch eh nur sowas.«

Wer nun denkt, er wäre fein raus, weil er behaup­tet, kei­ne Ras­sen zu ken­nen außer der ubi­qui­tä­ren »human race«, hat sich geschnit­ten: Er leug­net ja blind­lings wie frech die ganz indi­vi­du­el­le ras­si­sche Bedingt­heit. Wir, die wir das soge­nann­te N‑Wort vor Jah­ren aus unse­rem Sprach­ge­brauch getilgt haben, wer­den heu­te zu extre­mer Vor­sicht ermahnt. Jede Bemer­kung gegen­über PoC, den Peop­le of Colour (»Echt: tol­les Abi!« oder, extrem unfair: »Warst Du eigent­lich je in Afri­ka?«) könn­te »re-trau­ma­ti­sie­ren«. Psy­cho­lo­gen und Psych­ia­ter haben zwar einen deut­lich enge­ren Defi­ni­ti­ons­rah­men von »Trau­ma«. Aber – will man beck­mes­sern, wo es um Gefüh­le geht?

Was bedeu­tet das heu­te für uns? Herz oder Kopf? Was »fühlt sich rich­tig an«? Ist es zu pathe­tisch, den Wahl­spruch der eiser­nen Patrio­tin Sophie Scholl zu bemü­hen, die (mehr­fach) Jac­ques Mari­tain zitier­te: Il faut avoir l’esprit dur et le cœur tendre: Man muss einen har­ten Geist und ein wei­ches Herz haben. Ja!

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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