6. September 2021

Kritik der Woche (1): „Die Natur der Dinge“

Ellen Kositza / 36 Kommentare

Meine "Kritik der Woche" gilt Frank Lissons neuem Buch Die Natur der Dinge. Über das Wesentliche, das bei Manuscriptum erschienen ist .

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Frank Lisson, promoviert, war über lange Jahre Antaios-Autor. Gleichsam ein Mann der ersten Stunde! Sein kaplaken Widerstand: Lage-Traum-Tat ist leider vergriffen und wird hoffentlich neu aufgelegt. Sein (sehr fundiertes) Buch Die Verachtung des Eigenen ist in 2. Auflage ebenso lieferbar wie die Bände 2 und 3 seiner „Homines“- Trilogie, nämlich der Homo Viator und der Homo Creator. Band 1 hingegen, Homo absolutus. Nach den Kulturen erebte zwei Auflagen und ist vergriffen.

Wir kennen uns also lange, aber trotzdem hat Lisson den Verlag gewechselt. Gegenüber seinen Manuskripten hatten wir nämlich zuletzt deutlich Widerspruch geäußert. Lisson sah sich verkannt, mißverstanden, sah uns politisch verengt und kanalisiert, vermißte Breite. Das machte den Umgang wenig ersprießlich. Lisson streift, als Solitär, das Genialische, wir hingegen haben nicht immer die Kraft für jde Extravaganz. Das bekennen wir aufrichtig.

In seinem neuen Buch Die Natur der Dinge. Über das Wesentliche geht Frank Lisson der Frage nach… nun ja, was eigentlich los ist. Er ist ein fraglos tiefer Denker, äußerst belesen hinzu. Bis in die Antike hinein - und das ist nicht ironisch gemeint.

Was weiß der Mensch über den Menschen? Was weiß Natur über sich selbst?

Das sollen so die Grundfragen des neuen Buches sein. In neun Kapiteln (etwa: „Natürliches“, „Welt-Räume“, „Ding unter Dingen“, „Seiendes“, „Dezendenzen“) schürft Lisson so ziemlich allem nach, was je gedacht wurde. Dies geschieht vornehmlich im nachahmenden Stil Schopenhauers und Nietzsches. Es gibt hier viele Kursivierungen, eine Menge nachdenklicher -- Gedankenstriche und insgesamt sowohl viel Geraune („…“) als auch echt markige Aussagen. Hier will jemand als markanter, provokanter Nach-Denker wahrgenommen werden!

Für mich erscheint ver-rückt, wie hier insgesamt völlig profane, gar boomerske Einsichten (über Gender-Mainstreaming, Windradmonster oder den Konsumterror, der uns unter zwanzig verschiedenen Kartoffelchipssorten, schrecklich, entscheiden läßt) mit ausgefuchsten Theorien Hand in Hand gehen. Ausgefuchst sind vor allem seine Einlassungen über menschliche Fortpflanzung.

Sie werden aufgeführt unter dem einleitenden (und in seinem epigonalen Nietzscheduktus beispielhaften) Eingangsausruf:

„Wer also hätte sich je soweit zusammengenommen, um mit aller Entschlossenheit der Frage nachzugehen, was Natur eigentlich ist!“

Wer? Nun, ein echter „Kultur- und Geistesmensch“ namens Frank Lisson versucht es wenigstens. Nämlich so:

„Leibliche Elternschaft ist das unheimlichste und deshalb schrecklichste Los, das zumindest einem echten Geistesmenschen zufallen kann; und nicht selten entscheidet dieses Los über die Qualität seines Werkes.“

Lisson hält es in der Tat für eine Art "Rache" ("Weitergabe des Leids"), wo Menschen ein Abbild ihrer selbst zeugen. Man möge nur die "animalischen Handlungen" und "Peinlichkeiten" eines Kleinkindes anschauen! Nur Hormone, diese "großen Manipulierer", sorgten dafür, die "Reihe des Übels", des Natalistischen, fortzusetzen.

„…[!] Denn wie verstörend-schaurig müsste doch jedem freien Individuum und weltdurchdringenden Geiste zumute sein, plötzlich ein selber gezeugtes Menschenwesen vor sich zu sehen und von diesem mit 'Mama' oder 'Papa' gerufen zu werden! Was für eine grotesk-bizarre Begebenheit, deren ungeheuerliche Dimension sich offenbar kaum jemand bewusst zu machen wagt, während der Philosoph bei jeder Geburt denken mag: noch ein Geschöpf, das man eines Tages wird beerdigen müssen; schon wieder also hat man einen weiteren kommenden Tod in die Welt gesetzt…“

Lisson, definitiv mit „feineren Nerven“ ausgestattet, beklagt, „was bereits von Demokrit bis Schopenhauser immer wieder beklagt worden war“, nämlich, das ein "quengelndes oder krakeelendes Kind jeden klaren Gedanken verhindert.“ Noch schlimmer: „Die Schneidetonhöhe von Kinderstimmen“ verursache „manchem geradezu physische Schmerzen – und daraufhin Verärgerung über diese Schmerzen.“ Zumal heutzutage „erstmals in der Gattungsgeschichte körperliche Züchtigungen“ verboten seien, müsse das Kind „nur plärren, um seinen Willen durchzusetzen.“

Noch ärger als die eigene Geburtlichkeit und der furchtbar fruchtbare Natalismus der Menschheit setzen Lisson „Katholizismen wie der christliche oder muslimische zu“. Religion, diese „wahnhafte, primitive und unfreie“ Erfindung, ist unserem Freidenker seit je ein Greuel. Politische Maßnahmen wie Gender-Studies, Inklusion etc. sind für ihn – er wirft das mal so ein, darf man ja – bloß eine „Art instinktive Fortsetzung des Christentums mit anderen Mitteln“.

Die zwei Schandübel des (nicht reinen Geistes-) Menschen, nämlich : Borniertheit und Elternschaft (Kursivierung im Original) finden laut Lisson übrigens im katholischen Glauben zusammen, wo man in Gott nicht nur den Vater, sondern in Maria sogar die Gottes-Mutter sieht.

Man möchte Lisson gern den von ihm heißgeliebten & vielbeschworenen europäischen „enormen Reichtum, diese Fülle an Musik, Architektur, Malerei und Literatur“ gern bereinigt von jeglichem Christglauben vorhalten. Viel Spaß schonmal! Vermutlich wird es eng.

Über ein dritten „Knaller“, Lissons Misogynie, mag ich an der Stelle lieber schweigen. Auf eine Art habe ich hierbei fast Respekt vor seinem traurigen Mut. Anders als bei der Hatz gegen Elternschaft und gegen Religion (beides wahrlich sperrangelweitoffene Türen) setzt er sich hier nämlich wirklich empfindlich in die Nesseln. Weiberschelte ist definitiv out - Lisson praktiziert sie.

Zum Nachtisch nun noch zwei Beigaben aus Lissons „Miniaturen“, die das letzte Kapitel bilden und offenkundig, nur eben trist getüncht, an Nietzsches Fröhliche Wissenschaft angelehnt sind:

„Späteste Reife.- Wie alt muß man werden, um sich selber endlich nicht mehr peinlich zu sein?“

„Bitterste Erfahrung. -  Kein Mensch da, für den es sich zu leben lohnt – Und man selber ist eben auch kein solcher Mensch.“

Schreibt ein 51-jähriger. Amen.

-- -- --

Frank Lisson: Die Natur der Dinge - hier einsehen und bestellen.

Frank Lisson: Die Verachtung des Eigenen - hier unbedingt einsehen und bestellen.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


Kommentare (36)

tearjerker

6. September 2021 10:06

„Wie alt muß man werden, um sich selber endlich nicht mehr peinlich zu sein?“ 52. Es gibt noch Hoffnung.

RMH

6. September 2021 10:33

Lisson zählte für mich zu den Lichtgestirnen der 3 großen L der Sezession, Lichtmesz, Lehnert, Lisson ... das waren die 3 Autoren, deren Artikel ich, nach den Rezensionen, immer als erstes beim Eintreffen einer neuen Ausgabe der Sezession gelesen habe.

Nach Homo Absolutus verlor sich das Interesse und zwar nicht wegen der Qualität des Buches, sondern einfach, weil ein in einem normalen Brotjob arbeitender Mensch auch nur begrenzte Lesekapazitäten hat. Lisson hat das Problem wie eigentlich alle heutigen, denkenden Autoren. Was will man noch zu Papier bringen, was nicht bereits so oder so ähnlich oder dem Grunde nach nicht bereits zu Papier gebracht wurde?

Des Menschen Hardware-Kapazität ist seit einigen zehntausend Jahren mehr oder weniger die gleiche. Alles schon gesagt, gedacht und für den Autor und auch Künstler, alles schon geschrieben - und EDV- Anleitungen liest keiner. Und so sitzt ein Autor/Künstler schon beim Beginn einer Arbeit in der Falle des Epigonalen. Er wünscht sich evtl. die Zeit der "Genies" Ende des 18.Jhdts zurück, wo wahrlich oft auch nur einfach drauf los "geschwurbelt" wurde. Und bei dem erdrückenden Lesestoff, den man sich wiederum als Leser vorgenommen hat, fällt dann so ein Autor eben neben den "Originalen" vergangener Zeiten hinten runter. Entschuldigung - ich kaufe das Buch nicht (die hier veröffentlichten Zitate daraus sind auch wahrlich keine Werbung dafür).

 

zeitschnur

6. September 2021 10:36

Irgendwie musste ich an den Foristen Laurenz denken. Spätestens bei der Christentumsschelte.

Der Gehenkte

6. September 2021 10:53

Die Besprechung bringt fast exakt auf einen Nenner, was mir bei den Lisson-Lektüren stets durch den Sinn ging und sie mir letztlich vergällt hat. Ich habe nach "Weltverlorenheit" aufgehört, genauer gesagt: während. Das Buch flog an die Wand - ich konnte diesen larmoyanten und selbstverliebten Ton nicht mehr ertragen und sah auch nicht, wem er helfen soll. Letztlich ist das - so empfand ich es - reine nihilistische Selbstbespiegelung. Aus jeder Zeile spricht eine persönliche Verletztheit durch vermeintliches Nichterkennen des eigenen Genies durch andere. Insofern kann man ihn mit Schopenhauer und Nietzsche vergleichen - aber er ist eben kein Nietzsche. Interessant in diesem Zshg. sein ganz und gar konventionelles Nietzsche-Buch bei dtv.

Tatsächlich kommt Lisson von Weininger, Philip Mainländer und Julius Bahnsen her - aber das verraten wir niemandem! Die biographische Wurzel seiner tiefen seelischen Verletzung kann man wohl in dem wenig bekannten Buch "Kein Tag, den nicht die Nacht gebar" nachlesen.

Trotz allem: Lisson war immer für zündende Gedanken und zackige Aphorismen gut, vor allem in den Antaios-Büchern.

Adler und Drache

6. September 2021 10:55

Jetzt stehn wir wieder schön da, wir Nicht-Genialischen: naturbesudelt, vom Christentum angekränkelt, mit einem Pack Rotzblagen am Rockzipfel, denen die Nase läuft und die dauernd "Papa!" oder "Mama!" schreien, zu keinem klaren Gedanken fähig, arm im Geist (nicht mal für ein hehres "arm im Geiste" reichts noch ...) ...

Wer wärmt mich, wer liebt mich noch?
Gebt heiße Hände!
gebt Herzens-Kohlenbecken!

Gracchus

6. September 2021 10:56

Hiesse es nicht besser "Verriss der Woche"? 

@zeitschnur: Ich auch - wollte schon scherzen, ob Frank Lisson hier unter dem Namen "Laurenz" mitkommentiert. 

URN

6. September 2021 11:06

Aus dem Schein, der für den Kauf des besprochenen Buches fällig würde, lieber ein Papierschifflein falten. Dann mit dem Enkel oder Kind zum Dorfbach, das Schiffchen auf das Wasser und hinterhergeschaut. D a s ist sinnvoll und macht obendrein Spaß! 

Der Gehenkte

6. September 2021 11:36

Da das hier zu einem Lisson-Bashing auszuarten scheint, will ich auch meine Aussage noch einmal relativieren.

Die Homo-Reihe enthält ganz wesentliche und mitunter auch komplett geglückte Aussagen und Passagen. Über diesen Büchern kann man lange brüten und sinnen, auch wenn sie Nietzsche-Imitate sind. Lisson ist durchaus zu ganz grundsätzlichem Denken in der Lage. Es fehlt ihm lediglich die Instinktsicherheit, das Gelungene vom Mißlungenen zu trennen, weil er - vermutlich - sich selbst für genial hält und daher glaubt, alles, was in seinem Kopf entsteht, ist wert in die Welt getragen zu werden.

Zudem sind seine epistemologischen Prämissen oft sehr fraglich - diese aber setzt er meist unhinterfragt mit selbstbewußter Geste und kann nicht sehen, daß das darauf gebaute Gebäude einstürzen muß, wenn das Fundament wackelt.

Nichtsdestotrotz ist er zu genialen Gedanken fähig. Der Leser muß sich nur fragen, ob er Zeit und Kraft hat, die Siebearbeit zu leisten. Wer das tut, findet Nuggets - vermutlich auch im besprochenen Buch.

Nemo Obligatur

6. September 2021 11:38

Hier gibt es wohl einige verhinderte Lissons, die ihren Weltekel gerne gedruckt sähen. Insofern ist die Besprechung des Buches hier durchaus am Platze.

Franz Bettinger

6. September 2021 11:41

Ha, sehr amüsant, Kositza’s Buchbesprechung. Gut gewählte Zitate. Wäre der Mensch ohne Gott wirklich einsam und leidend? Ich bin es nicht. Was liest man bei Matthias Matussek in 'Aussenseiter' über Georg Büchner (S.47): "Er war zu gescheit, um religiös zu sein, aber zu sehnsüchtig, um es nicht zu sein“. Irgendwo auf diesem krummen Weg torkele ich auch voran. Voran?

Carsten Lucke

6. September 2021 12:06

Fortpflanzungs-, Religions- und Weiberschelte ?                                                                        Und das alles zwischen zwei Buchdeckeln ?

Her damit !

Laurenz

6. September 2021 12:16

@EK

Finde Ihre Buchbesprechung sehr gelungen, den hellen & dunklen Seiten gerecht werdend. Im Prinzip schreibt Frank Lisson (in den zitierten Passagen) mir aus dem Herzen, auch Seine Sprache, mit dem speziellen Humor, der ihr eigen ist, triggert mich an, keine Frage. Ich hatte mir beim Lesen Ihrer Zeilen, tatsächlich die Frage gestellt, ob ich wieder Bücher, also dieses Buch lesen soll? Noch bin ich zu keinem Entschluß gekommen, untypisch für mich. 

Bei der Eltern-Nummer frage ich mich, ob Frank Lisson Kinder hat. Bert Hellinger, der, soweit ich weiß, auch keine Kinder hatte, konnte trotzdem das bewegende Vater-Sohn-Gedicht "Der Goldene Ball" schreiben. Ich selbst hätte gerne Kinder gehabt, aber will man nicht immer das haben, was man nicht hat?

Es ist zu respektieren, daß Sie die Misogynie ausgeklammert haben. Ich kann diese wohl verstehen, auch wenn sie mutmaßlich nicht zu billigen ist. Betrachtet man die Frau historisch, versagt die heutige Frau, seit sie das Wahlrecht inne hat. Ich selbst mußte erst über 50 Jahre alt werden, um die Gelassenheit Ihres Mannes gegenüber Frauen zu gewinnen.

Laurenz

6. September 2021 12:29

@Zeitschnur & Gracchus

Nein, ich bin nicht Frank Lisson, er ist auch nicht mein kleiner Bruder. Der Fatalismus geht mir auch ab, und bei der Frage nach EKs Geistesmenschen, wäre ich im Zweifel, ob ich das sei, wenn ich denn die Frage stellen würde. Mein Bestreben geht auch immer weg von der reinen Idee hin zu "Machbaren". Und im Gegensatz zu vielen intellektuellen Giganten hier, denke ich, & das wissen Sie, über mein eigenes Lebensfenster hinaus. Keine Kinder zu haben, ist da auch eher hilfreich.

Ich muß hier auch EK widersprechen. 

"heißgeliebten & vielbeschworenen europäischen „enormen Reichtum, diese Fülle an Musik, Architektur, Malerei und Literatur“ gern bereinigt von jeglichem Christglauben vorhalten. Viel Spaß schonmal! Vermutlich wird es eng."

Wir besitzen diesen Reichtum trotz des "Christglaubens". Ohne ihn, wären wir womöglich noch viel reicher. Da viele Menschen so gerne irgendetwas glauben wollen, muß man ihnen natürlich etwas bieten. Bei George Lucas geht es hier um die "weak-minded" & bei Frank Herbert um Legendenbildung. Was antwortet denn bitte Frank Lisson auf die Frage, was Er denn den Glaubensgierigen anbieten wollte?

RMH

6. September 2021 12:45

"Hiesse es nicht besser "Verriss der Woche"?" (Gracchus) 

Könnte man denken.

"Der Leser muß sich nur fragen, ob er Zeit und Kraft hat, die Siebearbeit zu leisten. Wer das tut, findet Nuggets - vermutlich auch im besprochenen Buch." (Der Gehenkte).

Evtl. ist das komplette Buch nicht dass, wo Lisson sein Spielfeld hat. Seine Artikel in der Sezession waren in aller Regel gut. Nur einmal komplett wahllos diesen hier als Beispiel herausgegriffen (und dazu genügte eine Schnellsuche):

Nachdenken, verstehen, gehen (sezession.de)

 
Kositza: Ja, sage ich ja, daß er auch viele (sehr) gute Sachen geschrieben hat. Nächste Woche wird es übrigens eine positive Kritik.

Andrenio

6. September 2021 13:07

Ich kenne den Autor nicht persönlich. Mir liegt nur eine Reisebericht einer längeren Autofahrt mit ihm vor. Quintessenz: „Selten so einen unangenehmen, selbstverliebten und arroganten Menschen aus der Nähe erlebt!“

So verstauben alle seine Bücher aus seiner Zeit nach Antaios vor sich hin. Alle Versuche der Selbstüberwindung sind gescheitert, nicht einmal zum Anknabbern per Diagonallesen hat es gereicht.

Florian Sander

6. September 2021 14:05

Es mündet eben nicht immer in großen Werken, wenn die eigene Unglücklichkeit zwischen und in den Zeilen allzu deutlich und wie ein beständiger roter Faden zum Vorschein kommt. Immer dann ist die Frage zu stellen, ob und inwieweit es sich noch um einen Beitrag zu einem politischen und / oder philosophischen Diskurs oder um den Versuch handelt, einen eigenen Seelenzustand zu artikulieren. Das gilt allerdings für sehr viele Autoren aus dem konservativen Spektrum, da in diesem der Kulturpessimismus nicht nur grassiert, sondern (spätestens) seit Spengler geradezu monströs vor sich her getragen wird (den Ausdruck "suhlen" verkneife ich mir). Mir kann keiner erzählen, dass da nicht auch individualpsychologische Faktoren mit hineinspielen.

Dass ein Europa ohne Christentum kulturell weniger reich gewesen wäre, halte ich für eine gewagte These, die man fundiert bestreiten kann. Ich empfehle hier als Gegenperspektive - aus unserem Spektrum - das Buch "Europas eigene Religion" von Sigrid Hunke, die als Religionswissenschaftlerin in mehreren Werken gekonnt darstellt, wie viel in Europa trotz und nicht wegen des Christentums vollbracht wurde (oder war das antike, heidnische Europa etwa arm an kulturellen Leistungen?). Das allerdings kann nun auch nicht bedeuten, Religion vulgär-atheistisch und nihilistisch gänzlich zu verdammen. Das wäre eine typisch liberale oder marxistische Antwort. Stattdessen gilt es laut Hunke, an eine heidnische Religiosität anzuschließen, die mit Kultur und Wissenschaft harmoniert und ihr nicht entgegensteht.

Gotlandfahrer

6. September 2021 15:08

Es scheint vielen geistig begabten Menschen, die an der Verdammnis zur Tatenlosigkeit angesichts der in allem eingerichteten Sattelzeit ihrer Volksgemeinschaft leiden, gemein, dass sie, ob ihrer auf Standgas oder Drehen über Schützenlöchern als eingeengt empfundenen Wahl, nicht über Auskehrungen ihrer inneren Zustände hinaus finden, statt geistig das Weite zu suchen.  Für Menschen, die eigentlich etwas auf dem Kasten haben, aber an der einfachsten Weisheit des Lebens scheitern, nämlich dem Erkennen göttlicher Schönheit und Gnade in verrotzten Nasen und im Krakeelen von Kindern, habe ich nur Mitleid übrig.  Wer es regelmäßig nicht schafft, über Augenkontakt mit seinen Kindern das gemeinsame Band zu berühren, das jedes Plärren in aufmerksame Öffnung verwandelt, hat zuvor nicht einmal zu sich selbst gefunden. Jaja, auch ich schaffe es nicht immer. Aber immer öfter.

Laurenz

6. September 2021 15:23

@Andrenio

„Selten so einen unangenehmen, selbstverliebten und arroganten Menschen aus der Nähe erlebt!“

Sie sind nicht in der rechten Szene zuhause?

Charlemagne

6. September 2021 18:24

"Was weiß der Mensch über den Menschen? Was weiß Natur über sich selbst?"

Ist die Voraussetzung für Wissen nicht ein denkendes Subjekt? Was soll ein Baum über einen anderen Baum wissen? Oder ein Stein über einen anderen?
 
Ich bin kein Freund von Sätzen, die jeglicher Logik entbehren. 

H. M. Richter

6. September 2021 20:12

Auch in dieser Frage etwas altmodisch seiend oder aus anderen Zeiten kommend, bin ich der Meinung, daß die verlegerische Solidarität zu einem Haus-Autor nicht mit dessen Ausscheiden aus dem Verlag endet.

Ob diese Regel auch im konkreten Falle einzuhalten war, wage ich jedoch nicht zu beurteilen.

Ordo

6. September 2021 20:17

Lese gerade nebenbei "Mythos Mensch", sein letztes Werk. Auf Seite 102 ff. gibt es ein paar Überlegungen zum Eigenen und zum Ego non. Liest sich etwas wie eine Abrechnung oder zumindest ein Seitenhieb gegen Antaios. So hab ich das zumindest interpretiert.

Die Homines habe ich ebenfalls gelesen und, nun ja, das war damals schon nochmal ein Erlebnis, das mir neue Perspektiven eröffnet hat. Für jemand, der nie Nietzsche oder Schopenhauer im Original gelesen hat, ist das doch nochmal ein ganz neuer Sound. Muss man mögen. Auch den Weltekel, der doch in jedem Rechten schlummert und auch mal raus muss. Ich könnte damit allerdings kein ganzes Buch füllen. Bei Lisson mache ich mir manchmal Sorgen, dass er eines Tages endet wie Sieferle.

Mauerbluemchen

6. September 2021 20:19

Das Schlimmste aber ist, daß Herr Lisson weder ein verkanntes noch im falschen Jahrhundert geborenes Genie ist, sondern gar keines.

Seinerzeit haben wir das wild beworbene Erstlingswerk bei Antaios gekauft, gelesen (na ja, nach spätestens der Hälfte abgebrochen) und uns erstaunt angeguckt ("Das kann doch nicht deren Ernst sein, einen solchen Schwurbler zu verlegen") und seitdem immer weitergeblättert, wenn uns irgendwo und irgendwann in der Sezession, Tumult o.ä. ein Artikel jenes Autoren begegnete.

Genie sieht nun einmal anders aus; genial ist es, gewöhnliche, ja alltägliche Dinge so darzustellen, so zu betrachten, daß sie nicht bloß in neuem Licht erscheinen, sondern einem ein besseres, tieferes Verständnis eröffnen. Nichts von alledem findet sich in den Banalitäten  Lissons.

Ohne persönlich werden zu wollen, erinnert er an die durchaus begabten Einserabiturienten in der späten DDR, die aus Idealismus dann eben nicht auf Ingenieur, Arzt oder sonstwas konstruktives lernten, sondern ein geisteswissenschaftliches Fach studierten, das sich nach der Wende als Sackgasse auf dem Schrottplatz erwies.

Während unseres Studiums im Berlin der 90er haben wir manch eines dieser Standgüter des Umbruchs kennengelernt; meist Kinder "aus gutem sozialistischen Haus", die sich nur selbst im Wege standen - das aber wortgewaltig. Es ist schon verwunderlich, daß sich Leute finden, die diese hochpathetischen wie unoriginellen Elaborate drucken.

 

Kriemhild

6. September 2021 21:27

So mancher Forist demaskiert sich intellektuell in seiner Gewissheit, er sei par ordre du mufti(ienne) ermächtigt, endlich einmal einem originellen Denker einen Hieb von der geistigen Seitenlinie zu versetzen ... 

Gracchus

6. September 2021 22:13

Mich interessiert: Sind die Zitate ernst gemeint? Ich frage, weil @Laurenz den speziellen Humor würdigt. Wäre der vorhanden, wäre also das Lachen der Thrakerin,  das eher Ellen Kositza mit ihrer Rezension beizusteuern scheint, im Werk selbst mitreflektiert, würd's mich eher dazu verleiten, das Buch zu lesen. 

Franz Bettinger

6. September 2021 23:25

@Charlemagne fragt "Was soll ein Baum über einen anderen Baum wissen?" - Vielleicht mehr als ein Mensch über einen Baum weiß?! An der ehrwürdigen UCL zu Löwen lehrte uns der einst Nobelpreis-verdächtige (und als böser Studenetensieber) bekannte Prof. Moens in Botanik, wie Pflanzen untereinander kommunizieren. Ich dachte, das sei bekannt.

Mauerbluemchen

6. September 2021 23:54

@Kriemhild

Haben Sie zufällig ein paar dieser originellen Denkereien zur Hand? Man lernt ja auch im hohen Alter gern dazu.

@allgemein

Beim Lesen der kinderfeindlichen Zitate (Jutta Ditfurth würde ebenso - sagen wir - glutvoll wie schlicht urteilen) fielen mir die Überlegungen eines anderen Zynikers unserer Gegenwart zu Kindern ein. Michael Klonovsky wirft in seinem Textchen  "Kinder" einen ganz unsentimentalen, nüchternen, aber umfassenden Blick auf das Phänomen. Man kann Kinder in durchaus geistreicher, gekonnter Weise nicht ausstehen.

Eo

7. September 2021 00:00

 

Hab von Frank Lisson
ja noch nichts gelesen, aber ihn einmal vor vielen Jahren 'live' (dh. eher unlebendig) in der Gothia bei der Präsentation eines Buchs von ihm (welches es war, hab ich wieder vergessen (sic  !); könnte 'Die Verachtung des Eigenen' gewesen sein) erlebt, wie er da saß und doch ziemlich verdruckst und nach Worten ringend viel zu leise sprach und dachte dann so für mich, weil mir auch die Argumentation und die Überlegungen zu papiernern erschien und so wenig anschaulich rüberkamen, also immer nur Begriffe und Definitionen wie mathematische Gleichungen im Kopf hin- und hergeschoben, daß ich nicht sonderlich angetan war von dessen total eingetrübter Denkwelt; tja, wo ist da der Funke, wo ist da ein Licht die ständig lauernde Frage und somit für mich zum Schluß kam  -- gewogen und für zu leicht befunden, wenn ich dies als, äh, Freestyle-Philosoph mal freimütig bekennen darf.

 

anatol broder

7. September 2021 02:02

@ charlemagne 18:24

(1) was weiss natur über sich selbst?

(2) was weiss ein baum über einen anderen?

(3) was weiss ein stein über einen anderen?

(4) was weiss ein baum über sich selbst?

(5) was weiss ein stein über sich selbst?

(6) was weiss gott über sich selbst?

 

Maiordomus

7. September 2021 05:45

@Bettinger, Der Satz von Matussek ist, falls das nicht schon ein anderer formuliert hat, nicht nur betr. Büchner und die Religion eine Trouvaille. Halte M. sonst für einen Schwätzer, besonders auch, was er neulich in der Weltwoche über Heine absonderte, als ob dessen "Faust" Goethe gegenüber einen Stich gehabt hätte. Lisson hingegen war für mich als fast einziger Antaios-Autor, bestellte mal drei Bücher von ihm, eine Enttäuschung, eher Altpapierproduzent als Autor für Platz in einem Bücherzimmer. Weder als Stilist noch als Denker schien er mir mehr zu sein als einer, der intellektuell dies oder jenes versucht. Mehr als diesen oder jenen immerhin noch gelungenen Satz kriegt er nicht hin. Kein Vergleich zu Sieferle, der Massstäbe zu setzen wusste und auf die Stufe wirklicher Erkenntnisse kam. Oder selbst auch Armin Mohler, der zwar nie mein Fall war, aber in Formulierungskunst und Diktion ganz allgemein den Status "unverkennbar" und einen "wirklich zum Nachdenken anhaltend" erreichte, zu schweigen davon, dass er als Forscher über die Konservative Revolution seinerzeit wirklich Neuland betrat.  

Laurenz

7. September 2021 07:46

 

@Anatol Broder & Franz Bettinger

Meine Antwort an @Charlepetit & Co. ging nicht durch, weil wohl zu unverschämt & bösartig. 

Ich wollte zu Ihrer Beider Beiträge noch Sokrates ergänzen: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“.

Und wenn schon Sokrates nichts weiß, was sollen wir dann wissen? Sind wir da nicht mit Bäumen & Steinen in guter Gesellschaft?

Es hat wohl den Anschein, daß "Bewußtheit" wichtiger als alles andere ist. Das hätte zumindest mein Freund Carlos Castaneda behauptet.

Laurenz

7. September 2021 07:57

@Maiordomus @Franz Bettinger

Ich kann zwar Matussek lesen, aber ihm nur schlecht zuhören. Die meisten Publikationen von Matussek, auch früher im Relotius, interessieren mich nicht. Ob ein Autor was taugt oder nicht, hat nicht nur was mit dem Autoren zu tun. Der Standpunkt des Lesers, seine Erwartungshaltung entscheidet mit darüber, ob das Buch was für den Leser taugt oder nicht. Ich war mal mit meinem besten Kumpel in Rio. Zuvor las ich "Geliebte zwischen Strand & Dschungel". Hat man in 3 bis 4 Stunden gelesen, eine Reise - & Wohnerzählung. Das war für einen Rio-Reisenden extrem hilfreich. Ich fand exakt alles so vor, wie von Matussek beschrieben. Und Dank Matussek bekam ich, im Gegensatz zu ihm selbst, weder ein Messer an die Gurgel, noch eine Knarre vor die Birne gehalten & konnte die nachts üblichen Feuergefechte in den Favelas bei einem Glas Rotwein auf der Hoteldachterrasse genießen.

Waldgaenger aus Schwaben

7. September 2021 08:02

@Der Gehenkte

Ein Ende wie Seiferle oder Weininger ist niemanden zu wünschen. Punkt.

Die hinter der Aussage stehende Problematik hat Nietzsche erfasst:

Ein zahnloser Mund hat nicht mehr  das Recht jede Wahrheit zu sagen.

Ein  zorniger, junger Mann, der im Namen einer vermeintlichen Freiheit gegen vorgefundene Konventionen wütet, hat etwas Erhabenes, selbst wenn er Unsinn redet. Ein murmelnder Greis, der das gleiche tut,  ist lächerlich, selbst wenn er aus dem Bildungsschatz eines langen Lese-Lebens schöpft und deshalb geschickter zu Wüten weiß.

Was tun mit in die Jahren gekommenen Revoluzzlern? Bei Nietzsche haben vermutlich Bakterien im Hirn seinen Nachruhm vor weiteren Büchern aus seiner Feder bewahrt. Sein letztes Werk "Ecce homo" empfand ich beim Querlesen als lächerlich und mitleiderregend. Ein kinderloser, alleinstehender Mann von 44, der über seine Mutter und Schwester lästert:

" ... , so finde ich immer meine Mutter und Schwester, — mit solcher canaille mich verwandt zu glauben wäre eine Lästerung auf meine Göttlichkeit. Die Behandlung, die ich von Seiten meiner Mutter und Schwester erfahre, bis auf diesen Augenblick, flösst mir ein unsägliches Grauen ein: hier arbeitet eine vollkommene Höllenmaschine, ... "

Dem hätte man rechtzeitig, zehn oder besser zwanzig Jahre früher, einen guten Therapeuten gewünscht.

Hartwig aus LG8

7. September 2021 08:56

Zum Religiösen:

""Du wirst Gott nicht erkennen, obwohl er Dir direkt in seine Augen schaut.""

Und zum Wissen:

""Wir wissen nicht, wie viel wir verstehen, weil wir nicht wissen, wie viel ist ..."

 

beides von Michael Richter

Gustav Grambauer

7. September 2021 09:14

Kömanichmaalle als SiN-FDJ-Aktiv vor sein Haus ziehen und "Frank Raus" skandieren, er soll rauskommen und Selbstkritik üben! Bonapartistische Tendenzen und bürgerlich-dekadente Verhaltensweisen "an den Tag legen", sowasgehtgarnich im Kollektiv! Jawoll, die Suizidempfehlung ist die richtige Maßnahme für solche, die die Arbeitsnormen im Sektor Literatur nicht erfüllen und damit den Weltfrieden sabotieren und gefährden! 
 
Oder, es wäre kein Unterschied, soll ich mit einer Allegorie z. B. à la "in Verschiß geraten" im Korpsjargon darauf aufmerksam machen wie im SiN-Forum gerade, - teilweise wieder mal hinter der Heuchlerfassade des antikgediegenen, enzyklopädischen Bildungsideals, sauberst geschult an der aristotelischen Tugendlehre - der Mob durchbricht?

- G. G.

Carsten Lucke

7. September 2021 11:23

@ Gustav Grambauer

Wenn Sie jetzt nicht diese Zeilen geschrieben hätten, wäre die SiN noch an diesem Vormittag für mich erledigt gewesen.

Unfaßbar, was für einen Dreck hier einige von sich geben.

Da weiß ein @ Mauerblümchen genau, was ein Genie ist und beklagt die "Banalität Lissons", @ Ordo hat Nietzsche nie "im Original" gelesen (wurde wohl nicht ins Weimarer Archiv vorgelassen ), wogegen der @ Waldgaenger aus Schwaben ihn gleich mal querliest, um anschließend im Nachhinein einen Therapeuten zu empfehlen, usw, usw ...

Frank Lisson wird mehrfach der Freitod nahegelegt - das toppt ja noch das Niederträchtigste der Antifa !

Und angesichts solch geistig-moralischer Höchstleistungen wundert sich noch wer über Lissons Weltekel, "Weltverlorenheit" ?! (Ein für mich sehr wichtiges Werk, ebenso wie "Die Verachtung des Eigenen")

Aber und unbedingt : Dank an G.G. !

Kositza: Das wär mir entgangen, daß FL hier mehrfach der Freitod nahegelegt wurde. So einen Kommentar würde ich nicht freistellen.
PS: Erfahre grade, daß der entsprechende Kommentar wg. seiner Mißverständlichkeit getilgt wurde.

Götz Kubitschek

7. September 2021 12:48

So, raus aus dem Wasser, bevor hier noch etwas aus dem Ruder läuft. Wie an anderer Stelle vermerkt: Denken und Schreiben kann brutal sein, provozierend alle mal, oder - wie es die Witwe Mohlers nach dessen Tod sagte: "Langweilig war es nie!"

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