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PDF der Druckfassung aus Sezession 100/ Februar 2021

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Auch wenn ich an die­ser Stel­le ein wenig »pro domo« spre­che: Seit der Grün­dung der Sezes­si­on im Jahr 2003 ist ein Kor­pus an Tex­ten her­an­ge­wach­sen, des­sen Band­brei­te, Tief­gang und Ton­fall in der rech­ten Publi­zis­tik Deutsch­lands ein­zig­ar­tig sind. Hier­aus eine Bes­ten­lis­te zu erstel­len wäre schwie­rig und in jedem Fall eine sub­jek­ti­ve Aus­wahl, die sich gewiß auch ganz anders tref­fen lie­ße. Man könn­te eini­ge wich­ti­ge The­men­blö­cke nen­nen, die kon­ti­nu­ier­lich behau­en wur­den, und es sind bei wei­tem nicht alle.

Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus und Ein­wan­de­rung etwa waren in der Sezes­si­on schon lan­ge vor 2015 ein The­ma: Karl­heinz Weiß­mann erteil­te har­te »Bibli­sche Lek­tio­nen« (13 / 2006) und kam zu dem Schluß, »daß die Exis­tenz von Natio­nen ein Aus­nah­me­fall in der Geschich­te ist«, mul­ti­kul­tu­rel­le Sys­te­me, die »am bes­ten des­po­tisch zu beherr­schen sind«, sind hin­ge­gen die Regel; Ellen Kositza ärger­te die »libe­ra­len Islam­kri­ti­ker« mit einer lis­ti­gen und viel­schich­ti­gen Par­tei­nah­me für die »Kopf­tuch­mäd­chen« (40 / 2011), Caro­li­ne Som­mer­feld gab eine kom­ple­xe Ant­wort auf die (schein­bar) ein­fa­che Fra­ge »Wer gehört zu uns?« (88 / 2019).

Meta­po­li­ti­sche Stra­te­gien wur­den durch­dacht und debat­tiert und fie­len schließ­lich auf frucht­ba­ren Boden. So führt eine gera­de Linie von Felix Men­zels »Iko­nen schaf­fen – Vom Kampf um Auf­merk­sam­keit« (24 / 2008) zu den medi­en­wirk­sa­men Aktio­nen der Iden­ti­tä­ren Bewe­gung, deren Ma­stermind Mar­tin Sell­ner unter ande­rem in Heft 79 / 2017 kom­pe­tent aus der Pra­xis spre­chen konn­te, wenn er über »Poli­ti­sche Para­do­xien« nach­dach­te. Damit ist vor allem das Pro­blem gemeint, daß sich eine akti­vis­ti­sche Grup­pe inner­halb eines poli­ti­schen Spek­trums einer­seits stark nach außen abset­zen muß, um ihren inne­ren Zusam­men­halt zu gewähr­leis­ten, ande­rer­seits aber Offen­heit und Anschluß­fä­hig­keit bewah­ren muß, um nicht »zu einer iso­lier­ten Sek­te« zu verkommen.

Selbst­ver­ständ­lich hat die Sezes­si­on auch immer wie­der die gefürch­te­te Sys­tem­fra­ge gestellt, was zunächst nichts ande­res bedeu­tet als eine rea­lis­ti­sche Ana­ly­se, nach wel­chen Regeln das poli­ti­sche Sys­tem tat­säch­lich funk­tio­niert, unge­ach­tet sei­ner Selbst­dar­stel­lung. Was von den Macht­ha­bern heu­te als »Demo­kra­tie« bezeich­net wird, unter­liegt schon lan­ge einer Meta­mor­pho­se zu einer Art »Demo­kra­tur«, wie Thors­ten Hinz in sei­nem Bei­trag »Zwi­schen Post­de­mo­kra­tie und Neo­to­ta­li­ta­ris­mus« (74 / 2016) aus­führ­te. »Demo­kra­tie« wird zur glo­ba­lis­ti­schen Poli­tik, deren Zie­le »die Zer­stö­rung der euro­päi­schen Völ­ker und die Degra­die­rung der Natio­nal­staa­ten zu blo­ßen Ver­wal­tungs­ein­hei­ten« sind. »Wehr­haf­te Demo­kra­tie« bedeu­tet in der Fol­ge nichts ande­res als eine wach­sen­de »sozia­le Ver­nich­tungs­macht« gegen Abweich­ler und Oppositionelle.

Thor v. Wald­stein for­der­te daher in sei­nen »Zehn The­sen zum Wider­stands­recht« (70 / 2016), die Demo­kra­tie wie­der auf ihr natür­li­ches Fun­da­ment zu stel­len, basie­rend auf der Fest­stel­lung, daß »der Sou­ve­rän des Grund­ge­set­zes das deut­sche Volk« ist. Das Demo­kra­tie­prin­zip schüt­ze »nicht irgend­ei­ne belie­bi­ge ›Demo­kra­tie‹ irgend­wel­cher ›Demo­kra­ten‹ auf BRD-Boden, son­dern die Herr­schaft des deut­schen Vol­kes über den sou­ve­rä­ni­täts­be­fä­hig­ten Natio­nal­staat auf deut­schem Staats­ge­biet.« Dar­an anknüp­fend plä­dier­te Bene­dikt Kai­ser für eine »Revo­lu­tio­nä­re Real­po­li­tik von rechts« (81 / 2017), mit dem Fern­ziel einer »Gesell­schafts­ord­nung, in der sozia­le Gerech­tig­keit und Staats­be­wußt­sein, Recht und Gesetz, Ver­ant­wort­lich­keit und Soli­da­ri­tät« und die Pflicht gegen­über »Staat und Nati­on« wie­der­her­ge­stellt werden.

Zu den grund­le­gen­den Legi­ti­ma­ti­ons­my­then der Bun­des­re­pu­blik zählt auch eine mani­pu­la­ti­ve und ein­sei­ti­ge Geschichts­po­li­tik im Zei­chen von immer­wäh­ren­der Schuld und nie enden­der Süh­ne. Auch hier übte die Sezes­si­on kon­ti­nu­ier­lich Fun­da­men­tal­kri­tik auf hohem Niveau, unter ande­ren in Bei­trä­gen von Frit­jof Mey­er, Karl­heinz Weiß­mann, Ste­fan Scheil und nicht zuletzt von kei­nem Gerin­ge­ren als Ernst Nol­te, dem wohl bedeu­tends­ten Geschichts­den­ker, den Deutsch­land nach 1945 her­vor­ge­bracht hat. In sei­ner Dan­kes­re­de »Dog­ma und Wis­sen­schaft« (49 / 2012) stell­te Nol­te »ein frei­es Den­ken, das sich an den Maxi­men einer reflek­tie­ren­den Wis­sen­schaft ori­en­tiert«, einem »dog­ma­ti­schen ›Abso­lu­tis­mus‹ des Geschichts­ver­ständ­nis­ses« ent­ge­gen und warn­te vor der Gefahr, daß sich die­ser »in Deutsch­land und mög­li­cher­wei­se sogar in Euro­pa durch­set­zen wird«.

Eine wei­te­re, immer wie­der­keh­ren­de Fra­ge­stel­lung in der Sezes­si­on benen­ne ich nach mei­nem Buch Kann nur ein Gott uns ret­ten? Es geht hier um den Ver­lust des Hei­li­gen und der Tran­szen­denz und sei­ne Aus­wir­kun­gen auf Gefü­ge, Gestalt und Schick­sal der moder­nen Welt, um die reli­giö­sen Kon­se­quen­zen der Erfah­rung einer tota­len Ohn­macht gegen­über irdi­schen Ver­hält­nis­sen und Ver­häng­nis­sen, aber auch um die Fra­ge, wel­che Pfa­de den ein­zel­nen wie­der auf die »Spur der ent­flo­he­nen Göt­ter« füh­ren könn­ten. Die­ses The­ma durch­zieht als roter Faden etli­che mei­ner eige­nen Bei­trä­ge, von »Fanal und Irr­licht« (20 / 2007) bis zur »Wall­fahrt nach Char­tres« (67 / 2015).

Und schließ­lich sei noch das Augen­merk erwähnt, das die Sezes­si­on stets auf Lite­ra­tur und Dich­tung gelegt hat. Die Spann­wei­te reicht von der Pfle­ge von »Klas­si­kern« wie Höl­der­lin und Geor­ge, Dode­rer und Bul­ga­kow, Benn und Jün­ger, Mishi­ma und Mon­ther­lant, über Ver­ges­se­ne, Außen­sei­ter, Geheim­tips oder stil­le Grö­ßen wie Horst Lan­ge und Hans Ber­gel, Jean Ras­pail und Joa­chim Fernau, Rolf Schil­ling, Ismail Kada­re und Gün­ter de Bruyn, bis hin zu bekann­te­ren Zeit­ge­nos­sen wie Botho Strauß, Mar­tin Mose­bach und Uwe Tell­kamp. In jedem Heft wer­den bel­le­tris­ti­sche Neu­erschei­nun­gen bespro­chen, dabei als Lite­ra­tur ernst genom­men und beur­teilt und nur in zwei­ter Linie nach ihrem meta­po­li­ti­schen oder gesell­schafts­seis­mo­gra­phi­schen Wert abgeklopft.

Mein ers­ter Rück­blick auf das noch jun­ge Pro­jekt Sezes­si­on erschien vor fünf­zehn Jah­ren in der Jun­gen Frei­heit (20 / 06) unter dem Pseudo­nym Micha­el Kreuz­berg. Ich eröff­ne­te ihn mit einem Zitat von Hans Zeh­rer, dem Chef­re­dak­teur der Monats­schrift Die Tat wäh­rend ihrer kon­ser­va­tiv-revo­lu­tio­nä­ren Pha­se (1929 – 1933), in deren Umfeld sich ein intel­lek­tu­ell ein­fluß­rei­cher »Kreis« gebil­det hat­te, der nach der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Macht­über­nah­me ins Abseits gedrängt wur­de: »Die Intel­li­genz gerät heu­te in Gegen­satz zu den Vor­stel­lun­gen und ­Erwar­tun­gen des ­Kol­lek­tivs«, schrieb Zeh­rer unmit­tel­bar nach dem Zwei­ten Welt­krieg. »Sie muß ver­zich­ten auf die Rie­sen­auf­la­gen der ›best­sel­ler‹, auf die Staats‑, Wirtschafts‑, und Gewerk­schafts­pöst­chen und auf den klei­nen Tages-›job‹ in der Pres­se und Rund­funk, Film und Theater.«

Immer­hin gelang es Zeh­rer, Unter­schlupf in der ame­ri­ka­ni­schen Lizenz­pres­se zu fin­den, als Chef­re­dak­teur der Welt unter der Ägi­de Axel Sprin­gers. Auch wenn es ein wenig aus sei­nem zeit­li­chen Kon­text geris­sen war, ließ sich das Zitat, das ich in den Staats­brie­fen von Zeh­rers Zög­ling Hans-Diet­rich San­der gefun­den hat­te, mühe­los mit der Lage der kon­ser­va­ti­ven Intel­li­genz im Jahr 2006 ver­bin­den. Kreuz­berg notier­te, daß weder Götz Kubit­schek noch Karl­heinz Weiß­mann als dama­li­ge Haupt­ver­ant­wort­li­che der Sezes­si­on Illu­sio­nen zu hegen schie­nen, »die Publi­zis­tik kön­ne in die Spei­chen der Zeit­läu­fe grei­fen oder es zu mehr brin­gen als zu einer um fünf nach zwölf reha­bi­li­tier­ten Kas­san­dra«, wobei die Aus­sicht auf Reha­bi­li­ta­ti­on wohl schon zu opti­mis­tisch gedacht war. Den­noch bestehe kein Grund zur Untä­tig­keit: »Weder Nie­kischs Wider­stand noch Zeh­rers Tat konn­ten die deut­schen Ver­häng­nis­se abwen­den. Ihre Schrif­ten erreich­ten jedoch etwas Sel­te­nes: strah­lungs­mäch­ti­ge Krei­se zu zie­hen, ein geis­ti­ges Milieu zu prä­gen, ein Saat­gut aus­zu­wer­fen, eine unver­wech­sel­ba­re Ges­te zu hin­ter­las­sen.« Das war der Min­dest­an­spruch der Sezes­si­on und ist es bis heu­te geblieben.

Die Ziel­set­zun­gen der Her­aus­ge­ber gin­gen natür­lich weit über die blo­ße Ges­te oder die unver­bind­li­che Pfle­ge lite­ra­ri­scher und welt­an­schau­li­cher Tra­di­tio­nen hin­aus, was Ehren­sa­che jedes ernst­haf­ten Intel­lek­tu­el­len sein soll­te. Das men­ta­le Reser­vat des »akti­ven Pes­si­mis­mus« steht nicht unbe­dingt im Wider­spruch zu dem Ehr­geiz, rea­le gesell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen ansto­ßen zu wol­len, son­dern federt ihn nur ab. In den Wor­ten Kubit­scheks: Eine »Ände­rung der Ver­hält­nis­se« war anvi­siert, durch »radi­ka­le Kri­tik, Klä­rung der Lage, Zuspit­zung der Begrif­fe«. »Pro­vo­ka­ti­on«, »Unver­söhn­lich­keit« und »Ernst­fall« waren die Schlüs­sel­wör­ter der Selbstverortung.

»Auf ihrer Netz­sei­te beto­nen die Her­aus­ge­ber, daß man mehr als ein wei­te­res Mau­er­blüm­chen im Blät­ter­wald der Schwa­fel­zo­ne sein möch­te«, bemerk­te Kreuz­berg und zitier­te ein State­ment auf dem Ur-Blog der Zeit­schrift: »Sezes­si­on ist eine poli­ti­sche Zeit­schrift, in der real­po­li­tisch, nicht gesin­nungs­po­li­tisch gedacht wird. Sie unter­stützt den Vor­satz ihrer Leser, Ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Kon­tro­ver­se ist erwünscht, jedoch nicht als intel­lek­tu­el­les Spiel«.

Real­po­li­tisch zu den­ken heißt aber auch, sich im kla­ren zu sein, daß man einer poli­ti­schen, media­len, insti­tu­tio­nel­len und finan­zi­el­len Über­macht gegen­über­steht. Wodurch ver­schafft man sich im Wett­streit der Ideen, wenn es denn der­glei­chen abseits des öffent­li­chen Kulis­sen­schie­bens über­haupt noch gibt, Auf­merk­sam­keit, Respekt und Ein­fluß, wenn einem all die­se Rücken­de­ckun­gen und Feld­vor­tei­le nicht zur Ver­fü­gung ste­hen? Durch die Lie­be zur Wahr­heit, durch kla­re Ana­ly­sen, sti­lis­ti­sche Bril­lanz, gelun­ge­ne Pro­vo­ka­ti­on und über­ra­schen­de Per­spek­ti­ven? Oder eher for­mal, durch einen zupa­cken­den Ton­fall oder eine anspre­chen­de Optik? Wie kon­zi­piert man sei­ne eige­ne Mann­schaft, als »Tra­di­ti­ons­kom­pa­nie« (Weiß­mann) oder als »Wahr­neh­mungs­eli­te« (Kubit­schek) oder beschei­de­ner als »Zei­ger­pflan­ze« (wie­der­um Kubit­schek)? War eher die Pfle­ge eines »neu­en Rea­lis­mus« (Weiß­mann) das Ziel – als Pro­gramm für ein bür­ger­li­ches Publi­kum, das sich eine ratio­na­le­re natio­na­le Poli­tik wünscht anstel­le der uto­pi­schen und neu­ro­ti­schen Welt­ent­wür­fe der Bun­des­re­pu­blik? Oder doch eher, so Kubit­schek, die »expres­si­ve Los­lö­sung«, die »Tem­pe­ra­tur­er­hö­hung«, die Wert­schät­zung des »roman­ti­schen Dün­gers«? Das Auf­su­chen der Quel­len »Glau­be, Dich­tung, Ander­land«, um »das Mobi­li­sie­ren­de, Magne­ti­sche, Elek­tri­sie­ren­de gegen den Rea­lis­mus (sei er alt, sei er neu, sei er ver­nünf­tig) zu stel­len«? Die­ser Dis­put über die »Spur­brei­te des schma­len Grats« und die Mög­lich­keit oder Unmög­lich­keit, bei­de Men­ta­li­tä­ten zu ver­ei­nen, wur­de zwi­schen Erik Leh­nert und Kubit­schek in Heft 53 / 2013 und erneut zwi­schen Weiß­mann und Kubit­schek in Heft 59 / 2014 geführt; letz­te­re soll­ten bald dar­auf getrenn­te Wege gehen.

Als unab­hän­gi­ge Zeit­schrift muß­te sich die Sezes­si­on auch der alten Fra­ge stel­len, wel­che Macht das Den­ken und der »Geist« über­haupt haben, und zwar allein auf sich selbst gestellt, ohne die gro­ßen Laut­spre­cher und Mul­ti­pli­ka­to­ren der Stif­tun­gen, der Mas­sen­me­di­en und sons­ti­ger Pro­pa­gan­da­ma­schi­nen. Erik Leh­nert warf sie etwa im The­men­heft »Macht« (48 / 2012) auf: »Eine Erör­te­rung über die Macht des Geis­tes ist kein aka­de­mi­sches Glas­per­len­spiel, son­dern eine not­wen­di­ge Selbst­ver­ge­wis­se­rung für jeden, der am Kampf des Geis­tes um den Gang der Welt teil­hat«, schrieb er. »Je mäch­ti­ger der per­so­na­le Geist eines ein­zel­nen aus­ge­prägt ist, um so eher hat er die Chan­ce, im Kampf mit dem objek­ti­ven Geist, dem Zeit­geist, nicht unterzugehen.«

Wenn Leh­nert nun bemerk­te, daß es sich bei der »Macht des Geis­tes um das Zen­trum der Macht über­haupt han­delt, von der alle ande­ren Macht-For­men, ob mili­tä­ri­sche oder poli­ti­sche, abge­lei­tet sind«, dann ver­wies er auf einen »Geist«, den man weder machen noch aus­den­ken kann, der »weht, wo er will«, und der gera­de auch durch sei­ne »irra­tio­na­len Momen­te« wirkt: »Geist ist gera­de nicht nur ratio­nal, blo­ßer Ver­stand. Die bes­se­ren Argu­men­te allein genü­gen nicht. Der Kampf des Geis­tes wird über Ideen geführt und ent­schie­den. Ideen zeich­nen sich weni­ger dadurch aus, daß sie gut begrün­det sind, son­dern daß sie als Wahr­heit akzep­tiert wer­den, für die genü­gend ›Ver­rück­te‹ (Kal­ten­brun­ner) bereit sind, viel­leicht nicht ihr Leben, aber wenigs­tens ihren guten Ruf zu opfern. Vor allem also dadurch erhal­ten Ideen Macht.« Es ging Leh­nert dabei nicht nur um die geis­ti­ge Ermäch­ti­gung des ein­zel­nen, son­dern vor allem einer poli­ti­schen Idee, die zunächst nur geis­ti­ge Waf­fen zu ihrer Ver­fü­gung hat: »Für jede Oppo­si­ti­on ist unver­zicht­bar, einen objek­ti­ven Gegen­geist aus­zu­bil­den«, schrieb er. »Das birgt zwar die Gefahr der Ent­frem­dung und Iso­lie­rung, ver­hin­dert aber Zynis­mus. Der Erfolg mißt sich an der Stär­ke die­ses Gegenbildes.«

In Heft 52 / 2013 näher­te sich Götz Kubit­schek der Fra­ge nach der Stär­kung die­ses Gegen­bil­des auf einer ande­ren Marsch­rou­te. Wie Kreuz­berg / Licht­mesz berief auch er sich zunächst auf Hans Zeh­rer und den Tat-Kreis, beton­te aber, wie sehr sich die Lage des Kon­ser­va­tis­mus seit 1945 ver­än­dert hat­te: Es gehe nicht mehr um Total- und Gegen­ent­wür­fe, son­dern um »die Besin­nung auf die Güter der abend­län­di­schen ­Tra­di­ti­on« und die »Sta­bi­li­sie­rung der Sub­stanz, nicht mehr um eine Revol­te, son­dern um Kurs­kor­rek­tu­ren und – immer­hin – um ein muti­ges Aus­spre­chen des­sen, ›wie es wirk­lich ist‹.«

Die­se »Mini­mal­zie­le« füh­ren aller­dings in ein Dilem­ma, das etwa Hans Frey­er auf den Punkt gebracht hat­te: »Inner­halb der nivel­lier­ten Mas­sen­ge­sell­schaft kom­me Iden­ti­täts­stif­tun­gen der Rang einer ›hal­ten­den Macht‹ zu. Und so sta­bi­li­siert jeder, dem sei­ne Sub­stanz, sei­ne Iden­ti­tät, sein Gefü­ge von irgend­wo außer­halb des Sys­tems her zuwächst, heu­te jenes Sys­tem, das für die Zer­set­zung erst ver­ant­wort­lich ist.« Kann das schon alles gewe­sen sein? »Kei­nes­falls«, ant­wor­te­te Kubit­schek. »Denn das Poli­ti­sche ist zu Ende. Alles Gro­ße däm­mert vor sich hin, und selbst die Erin­ne­rung dar­an schläft ein. Das Radi­ka­le ist der Sta­chel, der wach­hält. Das Expe­ri­ment ist das Gebot der Stun­de, der nutz­lo­se Dienst eine schö­ne Ges­te. Die Fähig­keit, immer wie­der vor­aus­set­zungs­los über Tun und Lage nach­zu­den­ken, die Uhr neu zu stel­len und aus dem Nichts zurück­zu­keh­ren, ist die Grund­la­ge des Widerstands.«

Das bedeu­te­te aus­drück­lich kein Ent­we­der-Oder, son­dern ein Sowohl-Als-Auch, gera­de für eine Zeit­schrift, die den Akzent schon in ihrer visu­el­len Gestal­tung auf Nüch­tern­heit und Klar­heit leg­te. Ohne die von Kubit­schek skiz­zier­te exis­ten­ti­el­le Fähig­keit, ohne den Traum, das Exzen­tri­sche, das Über­schweng­li­che und das Unver­nünf­ti­ge, schöp­fe­risch kana­li­siert durch Lebens­tüch­tig­keit, Prag­ma­tis­mus und Selbst­dis­zi­plin hät­te es indes auch nie eine Sezes­si­on und ein »Schnell­ro­da« gege­ben – aber auch kei­ne Iden­ti­tä­re Bewe­gung und kei­nen Mar­tin Sell­ner, der das Prin­zip der »Pro­vo­ka­ti­on« zu Erfol­gen führ­te, die es im rech­ten Lager bis dato nicht gege­ben hat­te. Er hat dafür aber auch einen hohen Preis bezahlt, denn die Pro­vo­zier­ten zeig­ten, daß sie nicht mit sich spa­ßen las­sen und ihnen kein Mit­tel der Ver­fe­mung zu schmut­zig ist.

Sell­ners Talent zur Tat blüh­te in einem Zeit­raum auf, in dem »das Poli­ti­sche«, das Kubit­schek 2013 für tot erklärt hat­te, wie­der auf­zu­wa­chen schien und die rech­ten Milieus revi­ta­li­sier­te. Ein­hun­dert Hef­te Sezes­si­on aus acht­zehn Jah­ren doku­men­tie­ren auch, wie im ewi­gen poli­ti­schen War­te­saal BRD immer wie­der die glei­chen Dra­men abge­spult, die glei­chen Ritua­le zele­briert, die glei­chen Affek­te bedient und die glei­chen Waf­fen ein­ge­setzt wur­den, um die Deu­tungs­macht des Estab­lish­ments zu bewah­ren. Die »Mei­nungs­kor­ri­do­re« erleb­ten immer wie­der Pha­sen, in denen sie sich end­lich, end­lich zu öff­nen schie­nen, 2010 etwa durch den Erfolg von Thi­lo Sar­ra­zins Deutsch­land schafft sich ab, 2015 durch den Schock der »Flücht­lings­kri­se« und den dar­auf fol­gen­den inter­na­tio­na­len Boom des natio­na­len Popu­lis­mus. In Deutsch­land for­der­ten PEGIDA, die AfD und die Iden­ti­tä­re Bewe­gung das Estab­lish­ment her­aus und wur­den von der Sezes­si­on und ihrem Umfeld kri­tisch-unter­stüt­zend beglei­tet. »Schnell­ro­da« wur­de zur lan­des­weit berüch­tig­ten, oft sug­ges­tiv auf­ge­bla­se­nen Chif­fre für fins­te­re Ein­flüs­te­run­gen und Strip­pen­zie­he­rei­en, illus­triert mit Homes­to­ries aus dem Ziegenstall.

Ins­be­son­de­re in den Jah­ren 2016 und 2017 sah es mit­un­ter tat­säch­lich so aus, als wür­den die Kar­ten neu gemischt und die Ver­hält­nis­se zu tan­zen begin­nen, als bil­de­ten sich neue und uner­war­te­te intel­lek­tu­el­le und poli­ti­sche Alli­an­zen, als wür­den die Bann­flü­che der poli­ti­schen Kor­rekt­heit an Wir­kung ver­lie­ren. Man­che koket­tier­ten damit, »mit Rech­ten reden« zu wol­len, und knif­fen unter dem Bei­fall des Feuil­le­tons fei­ge den Schwanz ein, als sich die­se tat­säch­lich zum Duell bereit zeig­ten. Seit­her sind etli­che Flut­wel­len der Repres­si­on und der Zer­set­zung auf den Fuß gefolgt, mit allen zur Ver­fü­gung ste­hen­den fei­nen und gro­ben Mit­teln. Sie fol­gen der Logik des Macht­er­halts eines Sys­tems, das der stig­ma­ti­sie­ren­den Gesin­nungs­kon­trol­le, des Gas­lich­terns, und einer mit Aber­mil­lio­nen von Staats­gel­dern geför­der­ten Bewußt­seins- und Pro­pa­gan­da­in­dus­trie bedarf, um sei­ne Legi­ti­mi­tät zu bewahren.

Und nicht zuletzt ver­fügt es über einen inof­fi­zi­el­len ter­ro­ris­ti­schen Arm in Form eines staat­lich hoch­ge­züch­te­ten und gespon­ser­ten Links­ex­tre­mis­mus, der die Rol­le des auch phy­sisch gewalt­tä­ti­gen Ket­ten­hun­des über­nimmt. Seit­her hat in der Rech­ten eine gro­ße Des­il­lu­sio­nie­rung ein­ge­setzt: Die »mobi­li­sie­ren­de Vor­stel­lung«, man kön­ne »ohne Rück­sicht auf wirt­schaft­li­che, tech­ni­sche und sozia­le Bedingt­hei­ten doch so etwas wie ›rei­ne Poli­tik‹ trei­ben«, schrieb Kubit­schek im Edi­to­ri­al von Heft 99 / 2020, »hat sich als Illu­si­on erwie­sen, der Weg zur Ernüch­te­rung führ­te von PEGIDA über den Auf­stieg der Alter­na­ti­ve zuletzt mit Sie­ben­mei­len­stie­feln dort­hin, wo zig­tau­send Bür­ger hilf­los gegen eine zyni­sche Staats­macht anrennen.«

Die Sezes­si­on hat­te stets zu vie­le Bro­cken bit­te­rer und kal­ter, also: fak­ti­scher Wahr­heit auf ihrer Sei­te, und dar­über hin­aus zu vie­le Autoren, die imstan­de sind, sie in kla­re Wor­te und mit­rei­ßen­de Pole­mik zu fas­sen, um von den Macht­ha­bern lang­fris­tig gedul­det wer­den zu kön­nen. 2020 beschloß der Staat, das Insti­tut für Staats­po­li­tik zwan­zig Jah­re nach sei­ner Grün­dung per »Ver­fas­sungs­schutz« zu »beob­ach­ten« und als »Super­sprea­der von Haß und Gewalt« (Tho­mas Hal­den­wang) zu diffamieren.

Die­se Spra­che zir­ku­liert nicht erst seit der »Coro­na­vi­rus­kri­se«, die welt­weit zu bis­lang unvor­stell­ba­ren tota­li­tä­ren Ver­schär­fun­gen geführt hat. Seit Jahr­zehn­ten wird die poli­ti­sche Rech­te von den ideo­lo­gi­schen Insti­tu­tio­nen des Staa­tes und sei­nen media­len Gehil­fen wie ein Virus behan­delt: Bereits der blo­ßen phy­si­schen Anwe­sen­heit eines »Rechts«-Infizierten im öffent­li­chen Raum wird eine hohe Anste­ckungs- und Kon­ta­mi­nie­rungs­ge­fahr zuge­schrie­ben, wes­halb Per­so­nen, Gedan­ken, Mei­nun­gen, Welt­an­schau­un­gen, Hal­tun­gen, Wor­te, Bücher, Zeit­schrif­ten in Qua­ran­tä­nen iso­liert wer­den müs­sen, und dies immer stren­ger und gründ­li­cher, in der Hoff­nung, die Inzi­denz­wer­te der Infek­ti­ons­fäl­le nach unten oder gar auf Null zu drücken.

Um die­se Gefahr zu bekämp­fen, setzt man auf Abstands­re­geln, Kon­takt­ver­bo­te und dok­tri­nä­re Imp­fun­gen; auch »Mas­ken« müs­sen getra­gen wer­den, zum Eigen­schutz und zum Schutz der Gesell­schaft, die nie wie­der einer men­ta­len Epi­de­mie zum Opfer fal­len darf wie anno 1933. Ver­tre­ter des Staa­tes ver­tei­di­gen heu­te expres­sis ver­bis ihre »Wahr­heits­sys­te­me« (Micha­el Kret­schmer), die gegen Infra­ge­stel­lun­gen, Kor­rek­tu­ren und Wider­le­gun­gen immu­ni­siert wer­den müs­sen. Das bedeu­tet die Kon­trol­le der Infor­ma­tio­nen, der »Framings« und der Nar­ra­ti­ve, das bedeu­tet die auto­ri­tä­re Anwei­sung, wel­che Nach­rich­ten »Fake« sind und wel­che »Fak­ten­che­cker« das letz­te Wort haben, nach den Vor­ga­ben eines nack­ten Freund-Feind-Rasters.

Daß die Her­ren der Dis­kur­se ana­log zum Coro­na­vi­rus unse­re »Gefähr­lich­keit« maß­los über­trei­ben, mag uns zuwei­len schmei­cheln und dazu ver­füh­ren, unse­re eige­ne Bedeu­tung zu über­schät­zen. Klar­ge­wor­den ist jeden­falls eines: Sie wol­len uns schlicht und ein­fach ver­nich­ten. Es ist ihnen egal, ob unse­re Ana­ly­sen zutref­fen, ob wir gut schrei­ben kön­nen oder über­ra­schen­de Per­spek­ti­ven eröff­nen. Der Staat, dem sie die­nen, will sich und sei­ne fix ein­ge­schla­ge­ne Marsch­richtung weder refor­mie­ren noch kri­ti­sie­ren las­sen. Ernst­haf­te Kri­tik und Sezes­si­on kann er nicht mehr dul­den, denn sie erscheint ihm längst nicht nur als »Ver­fas­sungs­feind­lich­keit«, son­dern als Angriff auf die Men­schen­rech­te, die Men­schen­wür­de, die Mensch­lich­keit und die Mensch­heit über­haupt, zusam­men­ge­faßt unter dem Schlag­wort »Haß«, das den nöti­gen Dampf für die Hexen­jagd­ma­schi­ne abge­ben soll.

Immer­hin erfah­ren wir eine gewis­se Selbst­ver­ge­wis­se­rung durch die Tat­sa­che, daß die­ser Kampf so gut wie nie­mals auf der sach­li­chen oder argu­men­ta­ti­ven Ebe­ne geführt wird. Es wer­den nahe­zu aus­schließ­lich grob prä­pa­rier­te Stroh­män­ner atta­ckiert. Die­sen Job erle­di­gen nicht nur links­ex­tre­me »Rechts­ex­tre­mis­mus­ex­per­ten«, son­dern auch hono­ri­ge Pro­fes­so­ren in Staats­diens­ten, die zuver­läs­sig die bestell­ten Bret­ter ablie­fern. Um unser Den­ken anzu­grei­fen, muß man es ent­stel­len, Argu­men­te unter­schla­gen, Ambi­va­len­zen til­gen, Wor­te ver­dre­hen und umdeu­ten. Das Ziel sind Fil­te­rung und Blo­ckie­rung: Unse­re Reich­wei­te soll beschränkt, unse­re Außen­dar­stel­lung kon­trol­liert wer­den. Auch das ist nicht neu. Es hat uns zumin­dest dahin­ge­hend dis­zi­pli­niert, eine äußers­te Sorg­falt des Den­kens, Schrei­bens und For­mu­lie­rens zu kultivieren.

Das haben unse­re Geg­ner nicht mehr nötig: Sie kön­nen nach Belie­ben Behaup­tun­gen auf­stel­len, Unwahr­hei­ten ver­brei­ten, sich hin­ter fau­len Wort­hül­sen ver­schan­zen, nie­mand wird sie zur Rechen­schaft zie­hen, solan­ge sie ihren Job erfül­len und das gewünsch­te Grund­rau­schen in Gang hal­ten und vor Miß­tö­nen schüt­zen. Fair­neß, Aner­ken­nung, Red­lich­keit, Dif­fe­ren­zie­rung, geis­ti­ge Frei­heit, sogar Gal­gen­hu­mor und Selbst­iro­nie – das sind Din­ge, die sie sich längst nicht mehr leis­ten kön­nen und wol­len. Die­ser Luxus bleibt sozu­sa­gen uns vor­be­hal­ten. Dabei brau­chen wir nicht im gerings­ten von unse­ren Grund­po­si­tio­nen abzu­rü­cken. Um die Strahl­kraft der Idee zu bewah­ren, schrieb Erik Leh­nert in sei­nem Auf­satz über die »Macht des Geis­tes«, dür­fe sie »nicht den Ein­druck erwe­cken, ver­han­del­bar zu sein«, sie müs­se aber ande­rer­seits »mit einem gewis­sen Spiel­raum ver­tre­ten wer­den, um nicht als ›fixe Idee‹ in den Bereich des Patho­lo­gi­schen abge­scho­ben zu werden.«

In letz­te­ren wer­den wir ohne­hin ein­sor­tiert wie sowje­ti­sche Dis­si­den­ten, egal, was wir schrei­ben, sagen oder tun. Die Mah­nung, nicht zu erstar­ren und Spiel­räu­me offen­zu­hal­ten, bleibt jedoch bestehen. Das Holz unse­rer Bogen muß zugleich fest und elas­tisch sein. Unser per­so­na­ler Geist hat indes heu­te wenig Aus­sich­ten, zu unse­rer Lebens­zeit »objek­ti­ver Geist zu wer­den oder dar­an Anteil zu haben« (Leh­nert). Damit bleibt uns nur mehr das »nutz­lo­se Die­nen« übrig. Macht­an­sprü­che kön­nen wir nicht glaub­haft stel­len, wenn sie kein mäch­ti­ges Ohr fin­den. Alles, was wir tun kön­nen, ist uns dar­in üben, den vor­herr­schen­den Macht­an­spruch kraft unse­res per­so­na­len Geis­tes abzu­weh­ren, und ande­re dazu ermu­ti­gen, es uns gleichzutun.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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